„Ich fühle, was ich muss, weil ich fühle, was ich kann“ – Romantikerinnen

Leben und Schreiben der Caroline Schlegel-Schelling, Bettina von Arnim, Sophie Mereau- Brentano, Karoline von Günderode


Facharbeit (Schule), 2010

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Stellung der Frau in der Epoche der Romantik

B) Leben und Schreiben der vier Romantikerinnen
I. Caroline Schlegel- Schelling, geb. Michaelis
1) Biographie
2) Analyse des Briefes an Friedrich L. W. Meyer vom 29. Oktober 1791
II. Bettina von Arnim, geb. Brentano
1) Biographie
2) Analyse eines Briefes aus „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“
vom 25. Mai
III. Sophie Mereau- Brentano, geb. Schubart
1) Biographie
2) Analyse des Gedichtes „Unter Tranen geh ich nun allein“, 1803
IV. Karoline von Gunderode
1) Biographie
2) Analyse des Gedichtes „Die eine Klage“, 1804

C) Vergleich in Leben und Schreiben, Auswirkungen auf die heutige Zeit

D) Anhang

I. Analysierte Werke

II. Quellenverzeichnis / Erlauterungen

III. Literaturverzeichnis

Stellung der Frau in der Epoche der Romantik

Zeitgeschichtlich betrachtet werden im 18. Jahrhundert in ganz Deutschland langgultige Werte- und Normensysteme durch Ideen der franzosischen Revolution umgewalzt, Menschen- und Burgerrechte verkundet, die Privilegien des Adels abgeschafft und Kriege ausgetragen, unter denen die Bevolkerung leidet. Das Ansehen der Gesellschaft steht uber allem anderen Erstre- benswertem und wird durch entscheidende Faktoren wie dem Beruf und die erfahrene Bildung, dem Benehmen, dem Personenkreis, mit dem man verkehrt, den Ansichten, die man vertritt und zuletzt durch die passende Heiratspartie gewonnen. Dies trifft jedoch nur fur den mannlichen Teil der Bevolkerung zu. Frauen gelten als Objekte, die durch die Vollziehung einer Heirat vom Besitz des Vaters in den Besitz des Ehemanns ubergehen, denen keine Bildung zu Teil wird und die von der Gesellschaft als minderwertige Wesen betrachtet und nicht als volle Menschen an- erkannt werden.

In diese Zeit werden Caroline Schlegel-Schelling, Bettina von Arnim, Sophie Mereau-Brentano und Karoline von Gunderode hineingeboren. So unterschiedlich sie auch sind, cholerisch, me- lancholisch, sanguinisch oder phlegmatisch, haben sie doch eine Gemeinsamkeit: Die Leiden- schaft zu Schreiben. Sie vertreten die neue geistige Stromung in der Literatur, die partiell durch den Umbruch in Deutschland entstand und einen Gegensatz zum Zeitalter der Klassik, in wel- cher der Einklang von Vernunft und Gottlichem im Vordergrund steht - die Epoche der Roman- tik, eine Epoche voller Wunschdenken, Traume und Gefuhle.

Im Folgenden werden die Lebensumstande der vier Romantikerinnen im teilweise zerrutteten und von gesellschaftlichen Umwalzungen gepragten Deutschland biographisch beleuchtet und auf jeweils eines ihrer Werke, welche ihre Personlichkeit bzw. ihren charakteristischen Schreib- stil zum Ausdruck bringen, naher eingegangen, bevor ein abschliebender Vergleich gezogen wird.

Leben und Schreiben der vier Romantikerinnen

I. Caroline Schlegel-Schelling, geb. Michaelis

1.) Biographie

Dorothea Caroline Albertina Michaelis wird am 2. September 1763 in eine der angesehensten Familien Gottingens hineingeboren. Carolines Vater, ein Professor fur Orientalistik, ermoglicht ihr, sich in den Fremdsprachen Franzosisch, Italienisch und Englisch zu profilieren, lasst sie Komodien von Goldoni ins Deutsche ubertragen und legt so unbewusst den Grundstein fur ihre spateren Ubersetzungswerke. Die belesene Gottingerin eckt bereits in jungen Jahren an die all- gemeingultigen Vorstellungen uber die Frauenwelt an. Caroline ist zwar bereit, sich anzupassen, befurchtet aber, als „unweiblich“1 bezeichnet zu werden, da sie fur eine zeitgenossische Dame zu couragiert ist und unbeschonigt ihre Meinung aubert, wie an der spateren Analyse von einem ihrer Briefe deutlich werden wird.

Als Zwanzigjahrige ehelicht sie den Arzt Franz Bohmer, obwohl sie nicht das „Geprage auflo- dernder Empfindungen“2 fur ihn verspurt und zieht mit ihm nach Clausthal. Im Laufe der vier- jahrigen Ehe bis zu Bohmers Tod schenkt sie ihm drei Kinder, von denen nur die erstgeborene Auguste das Kleinkindalter uberlebt. SchlieBlich kehrt die verwitwete Caroline, „nichts mehr von einer rosenfarbenen Zukunft“3 erwartend, in ihr Elternhaus nach Gottingen zuruck und lernt dort den Studenten August Wilhelm Schlegel kennen, der fur Caroline schwarmt, jedoch mehr- mals von dieser zuruckgewiesen wird, denn sie empfindet Zuneigung fur einen Anderen, den Mentor der englischen Konigssohne, Georg Tatter. Da dieser Carolines Gefuhle aus Furcht, er konnte seine hart erarbeitete Position in der Gesellschaft verlieren, nicht erwidert, zieht sie nach Marburg zu ihrem unverheirateten Bruder Fritz, der dort als Professor tatig ist, halt aber den Schriftverkehr mit Tatter aufrecht, dem sie in den folgenden sechs Jahren uber zweihundert Briefe schreiben sollte. Wiederum halt Wilhelm Schlegel um Carolines Hand an und wird er- neut zuruckgewiesen. Einem befreundeten Bibliothekar schreibt sie: „Schlegel und ich! Ich lache, indem ich schreibe! Nein, das ist sicher - aus uns wird nichts.“4

Nach dem Tod ihres Vaters und des darauffolgenden Verkaufs ihres Elternhauses zieht Caroline 1791 mit ihrer Tochter Auguste nach Mainz. Dort logieren ihre Freundin Therese und deren Ehemann Georg Forster, der als Naturforscher und Reiseschriftsteller tatig ist. Dieser verhilft ihr zu diversen Ubersetzungsauftragen, auf die sie neben Stickarbeiten, die sie verkauft, ange- wiesen ist, um sich und ihre Tochter zu ernahren. Obwohl die Franzosische Revolution, der die Verkundung der Menschen- und Burgerrechte, die Abschaffung des Adels und der Einzug der Kirchenguter vorausgegangen war, ihren Hohepunkt zu erreichen scheint, will Caroline trotz „tagliche[r] Aussicht einer Belagerung“5 in Mainz bleiben und diesen „hochst interreBanten politischen Zeitpunkt“6 nicht versaumen. Einige Monate bevor die politische Situation im De- zember 1771 in Mainz zu eskalieren droht, trifft sich Caroline ein letztes Mal mit Georg Tatter und erkennt, dass ihre Liebe nicht erwidert wird. Mit der Entschiedenheit, „einem Freund trube Stunden zu erleichtern“7, nimmt sich Caroline Georg Forster an, der von seiner Frau Therese verlassen wurde, fuhrt dessen Haushalt und bemuht sich, ihn aufzumuntern. Im Februar 1773 besuchen beide einen Fastnachtsball, auf dem Caroline mit dem achtzehnjahrigen Jean-Baptiste Crance-Dubois, dem Neffen des franzosischen Oberkommandanten, eine Nacht verbringt, die nicht ohne Folgen bleiben sollte. Unterdessen wird Mainz von franzosischen Truppen annektiert und Forster zum Prasidenten des Mainzer Jakobinerklubs8 ernannt. Als die Stadt im Marz 1773 von den Alliierten zuruckerobert und zur Republik ausgerufen wird, setzen die Deutschen ein Kopfgeld auf ihn aus, worauf Forster die Stadt verlasst. Caroline tut es ihm gleich und reist eine Woche spater Richtung Gotha ab, doch dauert es nicht lange, bis die Kutsche von preuBischen Reitem aufgehalten wird. Man verhaftet Caroline und ihre Tochter Auguste, da ihr Nachname Bohmer mit dem gesuchten Georg Bohmer, ihrem Schwager, in Verbindung gebracht wird, der Sekretar eines franzosischen Kommandanten war. Man verspricht ihr Hafterlass, falls sie Georg Bohmer dazu bringt, sich den Alliierten zu stellen, aber Caroline geht nicht auf das Angebot ein. SchlieBlich wird sie auf der Festung Konigstein im Taunus inhaftiert. Dort leidet sie nicht nur unter den schlechten Lebensbedingungen, sondern auch unter der Erkenntnis, schwanger zu sein. Caroline fasst den Entschluss, sich zu vergiften, da sie den damit verbundenen gesell- schaftlichen Verfall, die Blamage und den darauf folgenden Entzug ihrer Tochter nicht ertragen konnte. In dieser Situation erweist sich Wilhelm Schlegel als ihr Retter. Er setzt sich fur ihre Freilassung ein, die letztendlich durch die Anstrengungen ihres Bruders Phillip durchgesetzt wird und bringt Caroline, die im funften Monat schwanger ist, unter dem Namen Julie Krantz zu seinem Bruder Friedrich Schlegel nach Leipzig. Dieser verliebt sich in Caroline, unterdruckt aber seine Gefuhle fur sie ein Leben lang. Spater schreibt er in einem Brief an Wilhelm Schle­gel: „Sie ist eine edle Frau [...]. Die Uberlegenheit ihres Verstandes uber den meinigen habe ich sehr fruh gefuhltA9

Im November 1793 wird Crances unehelicher Sohn Wilhelm Julius geboren, von dessen Exis- tenz niemand aus Carolines Familie oder ihrem Bekanntenkreis erfahren wird, da Julius bei ihrer Abreise nach Gotha bei einer Pflegefamilie untergebracht wird. Ein Jahr spater zieht Caro­line mit Auguste nach Braunschweig und erhalt dort die Nachricht uber den Tod ihres Sohnes. Nach langen Uberlegungen heiratet Caroline im Alter von 32 Jahren Wilhelm Schlegel, obwohl sie ihn nicht liebt, denn sie will wieder ein von der Gesellschaft anerkanntes Leben fuhren. Caroline ubersetzt Shakespeares Theaterstucke und wandelt ihr Haus in Jena zu einem Mittel- punkt literarischen Lebens. Novalis, die Gebruder Tieck und Tischbein, Sophie von La Roche und Clemens Brentano sind gem gesehene Gaste. Doch die Geruchtekuche um Caroline brodelt. Sie wird wegen ihrer undurchsichtigen Vergangenheit, ihrem unzeitgemaBen Lebenswandel und vor allem angesichts ihrer forschen Art von der Gesellschaft als „Dame Luzifer“10 und „Schlan- ge“11 bezeichnet.

Im Oktober 1789 lernt Caroline Schlegel den dreiundzwanzigjahrigen Friedrich Schelling, einen hochbegabten Professor der Philosophie kennen. In einem Brief beschreibt sie ihn als „ein[en] Mensch[en], um Mauern zu durchbrechen“12, „eine rechte Urnatur, als Mineralie betrachtet, achter Granit.“13 Zu den ublichen Gasten kommt nun auch Schelling zum taglichen Mittagessen und schnell wird offensichtlich, dass zwischen beiden mehr als eine Gastgeber-Gast-Beziehung herrscht. Nachdem Schelling durch Carolines Ehemann verboten wird, das Haus zu betreten, leidet sie wochenlang an einer schweren Krankheit und fahrt, sobald es ihr gesundheitliches Befinden erlaubt, mit ihrer Tochter Auguste und Friedrich Schelling nach Bad Bocklet. Dort wird Auguste krank und stirbt im Alter von funfzehn Jahren an der damals weit verbreiteten Infektionskrankheit „Ruhr“. Caroline plagen Schuldgefuhle. Sie bricht den Kontakt zu Schelling ab und kehrt wieder zu ihrem Ehemann nach Braunschweig zuruck.

Am 17. Mai 1803 wird die Ehe von Wilhelm und Caroline vom Herzog vom Weimar als eine der ersten aufgelost. Einen Monat spater heiratet Caroline Schlegel den elf Jahre jungeren Fried­rich Schelling und beide ziehen nach Wurzburg. Von der dort ansassigen gehobenen Gesell­schaft wird sie gemieden und ihr Lebenswandel angeprangert, sodass das Ehepaar 1806 nach Munchen zieht. Drei Jahre spater stirbt Caroline am 03.September 1809 an derselben Krankheit, an der neun Jahre zuvor auch ihre Tochter starb.

2.) Analyse des Briefes an Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer vom 29. Oktober 1791

In einem Brief vom 29. Oktober 1791, der an den Bibliothekar Friedrich Ludwig Wilhelm Mey­er adressiert ist, geht hervor, welch starke Personlichkeit Caroline Schlegel-Schelling besitzt. Wie bereits in der Biographie erwahnt, kehrt sie nach dem Tod ihres Ehemannes von ihrem damaligen Wohnort Clausthal nach Gottingen zuruck und beginnt eine Liebesbeziehung mit Georg Ernst Tatter, der dort die beiden Sohne des britischen Konigs unterrichtet. Dieses Ver- haltnis dauert sechs Jahre an, wird jedoch im Geheimen gehalten. Darum versuchen ihre Be- kannten, sie nach dem Ableben ihres Vaters, Johann David Michaelis, mit dem Geistlichen Jo- sias Friedrich Christian Loffler zu verheiraten. Doch Caroline hat ihre eigene Vorstellung von ihrer Zukunft und verteidigt diese in ihrem Brief.

Bereits zu Beginn ihrer Ruckantwort erklart sie Meyer, dass er zwar unter guter Absicht gehan- delt habe, indem er versuchte, sie auf die richtige Bahn zuruckzulenken, doch sie folge ihren eigenen Fahigkeiten. Mit der Metapher „und wolltet mich auch wieder ins Gleis bringen“ (vgl. Z. 1) spricht Caroline die versuchten Arrangements einer Ehe zwischen ihr und Josias Loffler an. Zwar weiB sie, dass Meyer es nur gut mit ihr meint, doch lehnt sie sich dennoch dagegen auf. Sollte es ihr auch vorbestimmt sein (Z. 2), trotzt sie diesem Schicksal und will ihren eige­nen Weg gehen (Z. 2). AnschlieBend vertraut Caroline dem Bibliothekar an, dass sie die Errun- genschaft, die er fur sie ersehnte, selbst gemacht hat. Diese „Eroberung“ (Z. 3) steht sinnbildlich fur ihren Geliebten Georg Tatter. Vorsichtig fugt sie in den Zeilen vier und funf hinzu, dass sie nichts zu den Anfangen beitrug. Damit meint Caroline, nicht fur den Beginn der Beziehung zu Tatter verantwortlich gewesen, sondern zuerst von ihm umworben worden zu sein. Weiter schreibt sie an Meyer uber die Entstehung eines Romans, der bis hin zur Liebe des Geistlichen zu ihr sehr stimmig war (Z. 6- 9). Mit diesen bildlichen Ausdrucken veranschaulicht sie, wie sich die Gesellschaft ihr gegenuber verhalt. Ein „Roman“ (Z. 6) uber sie und ihre Beziehung zu dem Geistlichen Loffler wird erdichtet und zahlreiche Geruchte, wie ihre Ahnlichkeit zu einer „seligen Frau“ (V. 8) werden verbreitet. In den Zeilen neun bis zwolf schildert Caroline ver- schiedene Aussagen anderer Zeitgenossen uber sie. Von diesen wird behauptet, dass sie mit „ihrer unscheinbare[n] Hulle“ (Z. 11) Loffler verfuhrt habe, der im Brief mit „du weiBt schon seinen Namen“ bezeichnet wird, sich in sie zu verlieben. In Zeile zwolf beschreibt Caroline die Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen. Ihr Ausdruck „Ich stand an“ (Z. 12) erklart ihre Situa­tion am besten. Sie steht mit dem Rucken zur Wand und muss sich „so oder so“ (Z. 12) ent- scheiden. Entweder sie heiratet den Geistlichen Josias Loffler oder versucht, sich alleine mit ihrer Tochter Auguste eine Existenz aufzubauen. Caroline zerbricht sich tagelang den Kopf daruber und stellt sich die Frage, welches Leben sie zukunftig fuhren will und kommt dabei in einen Konflikt mit sich selbst (vgl. Z. 12 - 16). Einerseits sieht sie das „gemachlich[e]“ Leben in „weltlichem Ansehn“ (Z. 14), das ihr auf Grund der Heirat mit Loffler bevorstehen wurde, doch ware sie somit an ihn gebunden. Andererseits steht das Leben in Freiheit zur Wahl, in dem sie aber weder finanziell noch vor dem gesellschaftlichen Verfall abgesichert und ganz auf sich alleine gestellt ist. Der Verstand bzw. die „Natur“ (Z. 15) wahlte den sicheren Hafen der Ehe, „die reine innerste Flamme der Seele“ (Z. 16), das Gefuhl und Herz, entschieden sich fur die Unabhangigkeit. Der beruhmte Ausdruck „ich fuhle was ich muss - weil ich fuhle was ich kann - schelte mich niemand unvernunftig“ (Z. 16 f.), beschreibt nicht nur die Lebenseinstellung der Caroline Schlegel-Schelling, sondern die einer ganzen Generation junger Schriftstellerinnen im achtzehnten Jahrhundert. Im Brief an Meyer verdeutlicht Caroline hiermit ihre Entscheidung, Loffler nicht zu heiraten, denn ihr ist klar, was sie zu tun hat, da sie weib, zu was sie fahig ist. In den folgenden vier Zeilen rechtfertigt sie ihren Entschluss, den sie trotz des Risikos, das dieser birgt, getroffen hat. Caroline kennt „den ganzen Wert einer Lage“ (Z. 18) und die Einordnung dieser in verschiedene Stufen, doch der Rang des Lebens in Freiheit steht uber dem einer Ehe, in der man sich zwar versorgt weib, aber nicht sein eigener Herr ist. Darin kann auch Loffler sie nicht irrefuhren. Weiter schreibt sie in Zeile zwanzig, dass jedem freisteht, zu tun, was er will, wenn er die Folgen seiner Entscheidung am Ende nicht beklagt. Diese Aussage lasst Carolines Mut und Entschlossenheit erkennen, mit der sie die Heirat mit Loffler ablehnt. Sie hat keine Angst vor den Konsequenzen ihres Entschlusses und ist sich auch im Klaren daruber, scheitern zu konnen. Im Folgenden (Z. 20 - 24) schreibt Caroline, dass ihr Verhalten nicht forderlich fur den Staat, sondern fur das Reich Gottes ist. Denn hatte sie Loffler geheiratet und „ein halb Dut- zend Kinder mehr erzogen“ (Z. 22), hatte dies der Regierung im Gegensatz zum Erhalt ihrer „Gluckseligkeit“ (Z. 24) genutzt. Diese Freude bewahrt sich Caroline nur, indem sie die Heirat mit Loffler ablehnt. Hier kommt zum Ausdruck, welch selbstbewusster Charakter sich in der Romantikerin verbirgt, da sie ihr Gluck uber ihr Ansehen in der Gesellschaft stellt, das zu dama- ligen Zeiten uberaus wichtig war. Ab Zeile funfundzwanzig mutmaBt Caroline, dass nur dieje- nigen bereit sind, sich aufzuopfern, die eine Leere in sich auffullen mussen. Solch „Lucken“ (Z. 26) besitzt Caroline jedoch nicht. Sie ist eine emanzipierte Frau, die weib, was sie will. Sie glaubt weder an Opfer, noch an Ausnahmen (Z. 26f.). Daher wird sie auch in Zeiten der Not glucklich sein konnen und sich nicht wie ein Opfer fuhlen, das sich in seinen Vorstellungen geirrt hat. Caroline meint damit, dass sie trotz ihrer Entscheidung, die Heirat mit Loffler nicht einzugehen, auch in der Not Freude empfinden wird, da diese immer noch besser als ein Leben im Freiheitsentzug des Ehebundes ist. Sie hat keine Angst, dass ihre „Erwartungen“ nicht in Erfullung gehen.

Sprachlich gesehen weist der Brief einige besondere Merkmale auf. Die Stilebene der gehobe- nen Sprache, die auf der von Caroline Schlegel-Schelling verwendeten Hochsprache aufbaut, ist an Ausdrucken wie „Verfugungen des Himmels“ (Z. 2), ihrem vorbestimmten Schicksal, „Le- bensgewirr“ (Z. 11), dem Durcheinander in ihrem Leben und „reinste innerste Flamme der See- le“ (Z. 15), ihren Gefuhlen, zu erkennen. Auch treten bis auf den kurzen Satz „Wer sicher ist, die Folge nie zu bejammern, darf tun, was ihm gedunkt.“(Z. 18f.) nur zeilenlange, hypotaktische Satzgefuge auf. Diese Feststellung Carolines ist daher die Grundaussage des Briefes, da sie besonders vom anderen Text abgegrenzt und somit hervorgehoben wird. Ebenso auffallig sind die zahlreichen Parenthesen (Z. 1-4, 9-12, 14-18), die durch Gedankenstriche eingeleitet wer- den. Sie betonen die Aussage innerhalb dieser und lassen den Brief lebendiger wirken.

Der Leser erhalt so den Eindruck, an Carolines Uberlegungen und Emotionen wahrend des Schreibens teilzuhaben. Dazu finden sich im Text mehrere Ausrufesatze (Z. 2, 3, 12). Die Ex- clamatio in Zeile zwei verdeutlicht zum Beispiel Carolines Durchsetzungsvermogen und Nach- drucklichkeit, mit der sie ihrem „Geschick“ (Z. 2) nachgehen will. In Zeile drei wird der Ausruf zu einer Aufforderung an Meyer, „davon [zu] schweigen“. Zudem bietet das Schreiben etliche bildliche Ausdrucke (Z.1, 2, 5, 15, 23), die den Text lebhafter gestalten und zudem Botschaften verschlusseln, die fur einen anderen Leser als Meyer keinen Sinn ergeben, wie „Eroberung“ (Z. 3). Damit meint Caroline das Finden eines Liebhabers bzw. einer heiratsfahigen Partie fur sie oder „Lebensgewirr“ (Z. 11), welches das gegenwartige Durcheinander ihrer Gefuhle und die Vielfalt an Entscheidungsmoglichkeiten, die sie zu dem Zeitpunkt des Schreibens hatte, wieder- gibt. Das rhetorische Mittel der Alliteration rhythmisiert die Nachricht an den Bibliothekar ebenfalls, „mit mir“ (Z. 1), „denn ...da...dass“ (Z. 7). Mit der Litotes in Zeile siebenundzwan- zig verdeutlicht Caroline nochmals ihre Gewissheit, auch in Notlagen das Vermogen zu haben, glucklich zu sein.

Dieser Brief veranschaulicht Carolines Streben nach Gluck, das fur sie nur in der Unabhangig- keit zu finden ist. Jedoch liefert er auch einen Beweis fur die pragnanten Aussagen und die Schroffheit, die ihr zur damaligen Zeit nachgesagt wird. Caroline ist in dem Augenblick, in dem sie diesen Brief verfasst, keineswegs mit einer eingeschuchterten Burgersfrau zu vergleichen, denn ihr bisheriges Leben hatte sie langst zu einer selbststandigen Geschaftsfrau gemacht, die sich trotz der vielen Schicksalsschlage ihren Stolz und ihre Wurde bewahrt hatte.

II. Bettina von Arnim, geb. Brentano

1.) Biographie

Diesen weiten Weg der Selbstbestimmung hatte Catharina Elisabetha Ludovica Magdalena Brentano erst noch vor sich, als sie am 04. April 1785 als Tochter der von Goethe verehrten Maximiliane La Roche und des italienischen Handelsmannes Pietro Brentano in Frankfurt am Main geboren wurde. Bettina bzw. Bettine, wie sie fortan genannt wird, ist das siebte Kind ihrer Mutter und bereits das dreizehnte ihres Vaters, der in zweiter Ehe mit Maximiliane verheiratet ist. Als diese im Alter von neununddreibig Jahren stirbt, hinterlasst sie zwolf Kinder. Bettina ist zu diesem Zeitpunkt erst acht Jahre alt. Ihr Vater, der nur gebrochen Deutsch spricht, schiebt sie kurz darauf in das Ursulinenkloster nach Fitzlar ab, in dem sie die nachsten vier Jahre ihres Lebens verbringt. Bettina erschafft sich eine Traumwelt, „uberschuttet“ die Realitat „mit Blu- men“14, da sie die Sehnsucht nach ihrem zu Hause und dem Vater, der ihr noch als einzige Be- zugsperson geblieben ist, ansonsten nicht ertragen wurde. Einzelheiten aus Bettinas Aufenthalt im Kloster sind nicht bekannt, Rebellionen gegen die Einrichtung soll es aber nicht gegeben haben. Im Mai 1797 marschieren franzosische Revolutionstruppen in Fitzlar ein. Aus Sicher- heitsgrunden bringt man Bettina zu ihrem Halbbruder Franz nach Frankfurt, der bald darauf die Nachricht uber den Tod des mittlerweile zwanzigfachen Vaters Pietro Brentano erhalten wird. Bettinas Halbbruder Franz erhalt das Sorgerecht, schiebt sie aber ein Jahr spater auf Drangen

seiner Ehefrau zu Bettinas GroBmutter, Sophie La Roche, ab. Diese hatte sich bereits einen Na- men als Schriftstellerin von Briefromanen gemacht und wird, wie einst auch deren verstorbene Tochter, von Goethe vergottert. Ihre Erziehungsmethoden sind konservativ und zielen darauf ab, aus Bettina eine folg- und sittsame Ehefrau zu machen, die ihre Stellung als Hausfrau und Vor- zeigedame ohne Widerspruch hinnimmt. Bettina setzt ihren Kopf durch und halt sich nicht an die von ihrer GroBmutter vorgeschriebenen Benimmregeln. Als man Bettine vor dem Haus ei- nes Juden putzen sieht, wird ihr das bevorstehende Aus in der Gesellschaft prophezeit, doch sie zeigt weiterhin ihre Affinitat gegenuber den sozial schwacheren und gemiedenen Gesellschafts- schichten. Einen von der GroBmutter und Tante angeordneten Handarbeitsunterricht nimmt sie bedingungslos auf, da sie ihrer Lehrerin, einer Judin, helfen will, Geld zu verdienen.

Als Sechzehnjahrige lernt Bettina ihren alteren Bruder Clemens Brentano kennen und ist ihm ab diesem Zeitpunkt regelrecht verfallen. Um ihre Liebe zu bewahren, bringt sie der Mondgottin Selene eine Opfergabe in Form eines bestickten Munzbeutels dar und schreibt Clemens regel- maBig Briefe, wodurch ihre exaltierte Personlichkeit deutlich wird.

Im Laufe des Jahres begegnet Bettine der jungen adligen Karoline von Gunderode, die in einem Stift wohnt und auf deren Leben und Schreiben im spateren Verlauf der Arbeit eingegangen wird. Zwischen beiden entsteht eine innige Freundschaft, die von Bettine gepflegt und gehegt wird. Sie besucht Karoline oft im Stift, liest ihr vor, schreibt ihr und projiziert die unerfullte Liebe, die sie fur ihren Bruder Clemens empfindet, auf Karoline. Als diese die Freundschaft mit Bettina kurz vor ihrem Selbstmord beendet, fluchtet sie sich zu Goethes Mutter und erkurt diese unvermittelt zu ihrer neuen besten Freundin. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren besucht Bet- tine den sechsunddreiBig Jahre alteren Goethe in Weimar und findet in ihm ihr schriftstelleri- sches Idol, das sie von nun an ihr Leben lang vergottern wird, sei es durch zahllose Briefe oder kleine Geschenke. Sie projiziert auf ihn die Gefuhle, die sie fur ihren verstorbenen Vater Pietro empfunden hatte, die jedoch nie erwidert wurden und macht Goethe auf diese Art und Weise zum Vaterersatz.

Am 11. Marz 1811 heiratet Bettina Brentano heimlich den Freund ihres Bruders Clemens, Achim von Arnim, einen Dichter und Landwirt, den sie vor neun Jahren bei ihm kennengelernt hat. Zwischenzeitlich fuhrten die beiden regen Briefwechsel, der weder Freunden noch Lieben- den zugeordnet werden kann. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor, drei Tochter und vier Sohne. Dies hindert sie nicht daran, weiterhin Briefe an ihren angebeteten Goethe zu verfassen. Im Jahre 1831 stirbt Achim von Arnim und Bettina beginnt zu schreiben. Ihr erstes Buch „Goe- thes Briefwechsel mit einem Kinde“ erscheint vier Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes. Da­rauf folgen zahlreiche Veroffentlichungen, unter anderem das sozialkritische Werk: „Dies Buch gehort dem Konig“, das sie bewusst so betitelt, um es vor einer Zensur zu schutzen. Bettine ist das Vorbild einer modernen Frau. Sie bezieht politisch Stellung, engagiert sich fur sozial Be- nachteiligte, organisiert HilfsmaBnahmen in Armenvierteln und setzt sich wahrend der Deut- schen Revolution von 1848 fur den Kampf um Freiheit ein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
„Ich fühle, was ich muss, weil ich fühle, was ich kann“ – Romantikerinnen
Untertitel
Leben und Schreiben der Caroline Schlegel-Schelling, Bettina von Arnim, Sophie Mereau- Brentano, Karoline von Günderode
Veranstaltung
Deutsch-Leistungskurs
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V195978
ISBN (eBook)
9783656219651
ISBN (Buch)
9783656220619
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Caroline Schlegel-Schelling, Bettina von Arnim, Sophie Mereau- Brentano, Karoline von Günderode, Romantik, Epoche, Ich fühle was ich muss weil ich fühle was ich kann, Biografie, Lebenslauf, Goethe, Briefe, Gedichte, Lyrik, Prosa
Arbeit zitieren
Karoline Kern (Autor), 2010, „Ich fühle, was ich muss, weil ich fühle, was ich kann“ – Romantikerinnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195978

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