Das Bild der Kindheit in Goethes Roman ´Wilhelm Meisters Lehrjahre´


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

21 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wilhelm Meisters Kindheit und Erwachsenwerden
1.1 Die Kindheitsgeschichte Wilhelm Meisters
1.2 Wilhelm Meisters Familie
1.3 Die Aufgaben des Erziehers

2. Familienpraxis anderer sozialer Milieus
2.1 Körperliche Züchtigung

3. Mignon

4. Felix

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Goethes Gestaltung von Kindheit zu untersuchen ist grade deshalb produktiv, weil bei ihm, wie in kaum einem anderen Werk, die verschiedenen Vorstellungen und Bilder der Epoche aufgenommen und entsprechend der eigenen Konzeption gewandelt werden. Zudem verfolgt Goethe ohne Zweifel die öffentliche Diskussion um Kindheit, als Beleg kann man die Bekanntschaften mit bedeutenden Pädagogen des Jahrhunderts heranziehen.

Kindheit ist sowohl in „Wilhelm Meisters theatralischer Sendung“ als auch in den Lehrjahren“ eine bedeutende Größe. In beiden Romanen gelangt die Kindheit der Hauptfigur in unterschiedlicher Erzählperspektive und Akzentuierung ins Bild. Die Bedeutung des „Wilhelm Meister“ zeigt sich gerade in der Aufnahme unterschiedlicher Ausschnitte des kindlichen Alltags, von Kindheitssichten, Bildungsvorstellungen und Erziehungskonzepten und in dem Versuch, aus der Kenntnis all dieser eine eigene Position zu entwickeln. Wilhelm Meisters Kindheit und Erwachsenwerden soll daher in Kapitel 1 in Augenschein genommen werden.

Die dominierende Erziehungsidee der „Lehrjahre“ soll auch vor dem Hintergrund eines breiten Spektrums unterschiedlicher Kindheitsbilder und Vorstellungen über Bildung und Erziehung aus anderen sozialen Milieus entfaltet werden. Auf die Familienpraxis der anderen sozialen Milieus wird daher in Kapitel 2 näher eingegangen werden.

Das Schicksal des Helden ist eng mit zwei Kindern verwebt, deren antithetische Anlage das Kindheitsbild im wesentlichen mitbestimmt: Mignon und Felix. Aus diesem Grund wird in Kapitel 3 die besondere Kindheit Mignons herausgearbeitet. Mignons Geschichte wird begleitet von „schwarzer“ Pädagogik, von brutalen Erziehungsmaßnahmen bis zu den subtilen Methoden aufklärerischer Pädagogik. Im Kapitel 4 wird versucht die Kindheit Felix zu analysieren und seine Bedeutung für den Helden des Romans heraus zu arbeiten.

1. Wilhelm Meisters Kindheit und Erwachsenwerden

1.1 Die Kindheitsgeschichte Wilhelm Meisters

Ein bemerkenswerter Unterschied der „Lehrjahre“ gegenüber der früheren Fassung des Romans besteht in der Kürzung und Umstrukturierung der Kindheitsgeschichte Wilhelms. Die Romanhandlung der Lehrjahre umschließt nicht die frühsten Phasen der Geschichte ihres Helden, sondern setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Wilhelm seine Kindheit schon hinter sich gelassen hat. Seine Kindheitsschilderungen werden als rückblickende Darstellungen in das Gespräch Wilhelms mit Mariane in den Kapiteln 3 bis 8 des ersten Buchs der Lehrjahre eingefügt.[1]

Diese Veränderung registrierten bereits Goethes Zeitgenossen mit Aufmerksamkeit: Johann Gottfried von Herder äußert sich in einem Brief (Weimar, 1796) an die Gräfin Baudissin: „Man lernte den jungen Menschen von Kindheit auf kennen, interessierte sich für ihn allmählich und nahm an ihm teil, auch da er sich verirrte. Jetzt hat der Dichter ihm eine andere Form gegeben; wir sehen ihn gleich da, wo wir ihn nicht mehr sehen mögen, können uns seine Verirrungen nur durch den Verstand erklären, interessiert aber hat er uns doch nicht so sehr, daß wir irgend mit ihm sympathisieren könnten.“[2]

Hugo von Hofmannsthal betrachtete ebenfalls die Behandlung der Kindheit des Helden als eine Schwäche des späteren Romans: „Wilhelms Kinderzeit, das Puppenspiel, hier [in der Sendung] lebts vor uns, dort [in den Lehrjahren] steckt es eingequetscht in der Exposition, wo wir seiner nicht recht froh werden.“[3]

Das Kindheitsgeschehen in der Erzählung der erwachsenen Hauptfigur, erscheint als Erlebnis in Wilhelms subjektiver Sicht der Dinge und in der Distanz der Erinnerung. In einer verliebten Stimmung und im vertraulichen Zusammensein mit Mariane erzählt Wilhelm vom Puppenspiel seiner Kinderzeit. „Es bedarf nur eine Kleinigkeit um zwei Liebende zu unterhalten“[4] kommentiert der Erzähler zu Beginn dieses Abschnittes, die Bedeutung der alten Marionetten und die damit verknüpften Kindheitserlebnisse bewußt herunterspielend. Die Puppen sind für die zwei Liebenden lediglich Anlaß zu Gelächter und Tändelei. Durch das Erzählen der Kindheitserinnerungen, gibt der Romanheld nicht nur einem Bedürfnis nach Selbstfindung und Selbstdeutung nach, sondern sucht in der Form des Bekenntnisses vor der Geliebten auch eine Sprache der Intimität.[5]

Wilhelms Erzählungen erscheinen langatmig. Die Müdigkeit, die Mariane, während des monolgisch dargebotenen Vortrags befällt, wird immer wieder betont. Das Bekenntnis zur Selbsterkundung, das sich in Wilhelms Rückblick auf seine Kindheit offenbart, bleibt der Schauspielerin fremd, sie schläft bei solchen Erzählungen ein. Wilhelm, der Sohn wohlhabender Kaufleute, kann eine Kindheit und ein Mutterbild haben, weil die Familie, seine ersten Jahre als eine Kindheit ermöglicht und definiert hat. Dieser Effekt beruht auf einem neuen Sozialisationsspiel, das die Kernfamilie zum Vorreiter macht und den Mutter-Kind-Bezug beredet. Dies ist abhängig vom Stand der Familiarisierung. Kernfamilien sind zuerst die intellektuellen Bürger und erst später der Adel und die unteren Schichten. Hierin besteht der Unterschied zwischen Wilhelm und Mariane. Mariane kann keine Kindheitserfahrungen berichten.[6] Die Aufforderung, durch Marianes Kindheitsrede der Liebe eine Zeit hinzuzugewinnen bleibt unerfüllt: „‘Sage mir: unter welchen Umständen bist du erzogen? Welche sind die ersten lebhaften Eindrücke, deren du dich erinnerst?‘ Diese Fragen würden Marianen in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn ihr die Alte nicht sogleich zu Hülfe gekommen wäre.“[7]

Für die Hauptfigur ist dies auch der Versuch seine Kindheit hinter sich zu lassen, eine bewußte Distanz zu diesem Lebensabschnitt aufzubauen. Wilhelm schaut von einem Gipfel seines Daseins zurück auf die Kindheit, die er -wie er meint- glücklich hinter sich gelassen hat. „‘Es ist eine schöne Empfindung, liebe Mariane‘, versetzte Wilhelm, ‚wenn wir uns alter Zeiten und alter, unschädlicher Irrtümer erinnern, besonders wenn es in einem Augenblick geschieht, da wir eine Höhe glücklich erreicht haben, von welcher wir uns umsehen und den zurückgelegten Weg überschauen können.‘“[8] Kindheit ist –anders als im Werther– nur Durchgangsstadium im Reifungsprozeß.[9] Das Erwachsenwerden erscheint an dieser Stelle als beschwerlicher Aufstieg, als mühsamer, alle Hindernisse überwindender Gang vom unentwickelten zum entwickelten Sein.[10]

Die Anstrengung, das eigene Leben aus der Kindheit zu verstehen, findet in der Form des Bildungsromans, seine klassische Gestalt. Erinnerte Kindheit wird eine notwendige Voraussetzung von Identität und gelingenden Lebens. Die Erinnerung an die eigene Kindheit wird eines der zentralen Themen der Literatur seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Im anfangenden Leben werden die Bedingung des künftigen gesucht, dabei liegt der Schwerpunkt eher auf der Prägung durch Herkunft und Umstände. Das in der Kindheit schon Voraussetzungen für das gesamte spätere Leben gelegt sind, läßt Kindheit zum lebensgeschichtlich bedeutsamen Terrain forschender Neugier werden.[11]

1.2 Wilhelm Meisters Familie

Die Familie der „Theatralischen Sendung“ umfaßt die Eltern, den ältesten Sohn Wilhelm, eine namhafte Schwester, drei weitere Geschwister ohne Namen, das Gesinde und die elementar wichtige Großmutter. Die in den „Lehrjahren“ beschriebene Familiensituation, in der Wilhelms Kindheit verläuft, besteht aus lediglich zwei Generationen. Vergleicht man die „Lehrjahre“ mit der „Sendung“ erkennt man grundlegende Veränderungen in der Struktur der bürgerlichen Familie, die sich im 18. Jahrhundert vollziehen und in beiden „Wilhelm-Meister“-Romanen erkennbar werden: Aus einer Haushaltsform, die vergleichbar der alten Oikos auch Bedienstete umfaßt, wird eine „kleine Familie“[12], eine Kernfamilie, die zwischen Eltern und Kindern keine Mittelspersonen duldet. Das Produkt der bürgerlichen Kleinfamilie ist das produktive Individuum.[13]

Zank und Familienstreit, der in der „Theatralischen Sendung“ noch vorherrscht, löst sich auf. Es bleibt eine für die Zeit typische Familie zurück: ein strenger Vater, der, ohne es auszusprechen, auf seinen Sohn stolz ist und eine gewährende Mutter, die mit den theatralischen Vorlieben ihres Sohnes heimlich im Bunde steht.[14] Aus dem Unhold Mutter, die bedingt durch ihre egoistischen Leidenschaft geradezu dämonische Gefahr für die Familie heraufbeschwört, wird eine liebevolle, sorgende Frau. Sie ist es die Wilhelm das Puppenspiel schenkt, sie ist seine Vertraute, die eine Schutz- und Vermittlungsfunktion gegenüber dem Vater erfüllt. Wilhelm beschreibt im zweiten Kapitel des ersten Buches, zwölf Jahre nach der Gabe seiner Mutter, das ihr diese lediglich eheliche Vorwürfe einbrachte.[15] „‘Mach‘ es [Theaterbesuche] nur mäßig‘ sagte die Mutter; ‚der Vater will auch abends unterhalten sein; und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende trag‘ ich, wenn er verdrießlich wird, die Schuld. Wie oft mußte ich mir das verwünschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor zwölf Jahren zum heiligen Christ gab und das euch zuerst Geschmack am Schauspiel beibrachte!‘ ‚Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich Ihre Liebe und Vorsorge nicht gereuen!‘“[16] Alle „Schuld“ an den Theaterbesuchen des Adoleszenten gibt der Vater der mütterlichen Sozialisation des Kindes. Mutter und Sohn stehen somit in enger emotionaler Bindung gegen den harten und nüchternen Vater, dessen prinzipielle Machtposition zwar nie angetastet wird, der jedoch als wirklicher Gesprächs- und Gefühlspartner nicht ernstgenommen wird. Im Grunde verkörpern beide Elternteile, die letztlich zusammengehören, die Intention bürgerlicher Zuwendung zum Kind: Die Mutter unterstützt die freie Entfaltung auch der Emotionalität, der Vater orientiert sich auf Brauchbarkeit und Nutzen.[17]

[...]


[1] vgl. Simonis, A.: Kindheit in Romanen um 1800. S. 114.

[2] Otto, R./Wenzlaff, P.-G.: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen. S. 95.

[3] zit. n.: Simonis, A.: Kindheit in Romanen um 1800. S. 114.

[4] Goethe, J. W.: Wilhelm Meisters Lehrjahre. S. 12.

[5] vgl. Simonis, A.: Kinheit in Romanen um 1800. S. 114.

[6] vgl. Kittler, F. A.: Über die Sozialisation Wilhelm Meisters. S. 36.

[7] Goethe, J. W.: Wilhelm Meisters Lehrjahre. S. 22.

[8] Goethe, J. W.: Wilhelm Meisters Lehrjahre. S. 13.

[9] vgl. Roßbach, N.: Jedes Kind ein Christkind, jedes Kind ein Mörder. S. 22.

[10] vgl. Pöth, A.: Goethes Bilder von Kindheit. S. 121.

[11] vgl. Richter, D.: Das fremde Kind. S. 28.

[12] Goethe, J. W.: Wilhelm Meisters Lehrjahre. S. 15.

[13] vgl. Kittler, F. A.: Über die Sozialisation Wilhelm Meisters. S. 20.

[14] vgl. Blessin, S.: Goethes Romane. S. 92.

[15] vgl. Kittler, F. A.: Über die Sozialisation Wilhelm Meisters. S. 23 ff.

[16] Goethe, J. W.: Wilhelm Meisters Lehrjahre. S. 8.

[17] vgl. Pöthe, A.: Goethes Bilder von Kindheit. S. 117.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Bild der Kindheit in Goethes Roman ´Wilhelm Meisters Lehrjahre´
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Literatur/Literaturdidaktik)
Veranstaltung
Hauptseminar Kindheitsbilder in Literatur und Medien
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V1960
ISBN (eBook)
9783638112109
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Kindheit
Arbeit zitieren
Korina Solbach (Autor), 2001, Das Bild der Kindheit in Goethes Roman ´Wilhelm Meisters Lehrjahre´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1960

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