Die Ermordung der KZ-Insassen im ‚Dritten Reich′ entzieht sich jeder, auf unmittelbare Verwertungsinteressen ausgerichteten, ökonomischen Logik. Sie scheint den wirtschaftlichen Erfordernissen vielmehr weitgehend zuwiderzulaufen: Inmitten eines für Deutschland ohnehin nur sehr schwer gewinnbaren Krieges und eines Mangels an Kriegsmaterial und Arbeitskräften, wird ausgerechnet die Vernichtung von sechs Millionen potentiellen Arbeitern zum zentralen Handlungsfeld der Nationalsozialisten. Vor allem in den letzten Kriegsjahren, die nach Stalingrad im Winter 1942/43 von Goebbels zur Zeit des ‚totalen Krieges′ propagiert wurde, scheint dieser Widerspruch allgegenwärtig. War die ideologische Vorgabe der Vernichtung, an der spätestens seit der ‚Wannsee - Konferenz′ am 20.1.1942 kein Zweifel mehr bestand, überhaupt mit der ökonomischen Zielsetzung vereinbar, die eigentlich allein aus Wirtschaftlichkeitserwägungen auf die Erhaltung der Arbeitskraft des Einzelnen setzen müsste? Ulrich Herbert hat sich in seinem 1991 erschienen Aufsatz ‚Arbeit und Vernichtung′1 diesem strukturell angelegten Konflikt angenommenen und untersucht, inwieweit bzw. ob sich ein Widerspruch zwischen dem ‚Primat der Weltanschauung′ und dem ‚Primat der Ökonomie′ ermitteln lässt.
Inhaltsverzeichnis
1.) Die Entwicklung des Faktors Zwangsarbeit in den KZ
1.1) Arbeit als ,Erziehung’
1.2) Wirtschaftsfaktor Häftlingsarbeit ab 1936
1.3) Kriegswirtschaftliche Sachzwänge und der Arbeitseinsatz ab 1941
1.4) Der Häftlingsverleih durch die SS
2.) Arbeit und Tod im KZ Mittelbau-Dora
2.1) Entstehung des ,Mittelwerks’
2.2) Bau- und Produktionshäftlinge
3.) Wirtschaftliche Effizienz und Ideologie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen ideologischer Vernichtungspolitik und ökonomischen Verwertungsinteressen im nationalsozialistischen Konzentrationslagersystem, wobei das KZ Mittelbau-Dora als zentrales Fallbeispiel dient.
- Entwicklung des Zwangsarbeitseinsatzes in den Konzentrationslagern
- Transformation der Häftlingsarbeit vom Disziplinierungsmittel zum Wirtschaftsfaktor
- Rolle der SS und der deutschen Rüstungsindustrie im Arbeitseinsatz
- Unterscheidung zwischen Bau- und Produktionshäftlingen sowie deren Überlebenschancen
- Analyse der ökonomischen Effizienz im Kontext nationalsozialistischer Ideologie
Auszug aus dem Buch
1.1) Arbeit als ,Erziehung’
Von Beginn an war der Faktor Arbeit ein wesentlicher Teil des Konzentrationslager-Systems. Er hatte in den Anfangsjahren der nationalsozialistischen Herrschaft keinen anderen Zweck als den der Strafe, ,Erziehung’ oder ,Rache’.
Bereits kurz nach der Gründung des ersten KZ in Dachau, Ende März 1933, wurden die dort Inhaftierten zu verschiedenen Arbeiten herangezogen, die mehr Mittel als Zweck des Aufenthalts waren. Die im Lager zu verrichtenden Tätigkeiten folgten keineswegs ökonomischen Vorgaben im Sinne einer auf Gewinn ausgelegten Beschäftigung, vielmehr „bildete die Arbeit eine der Hauptformen von Unterdrückung, Demütigung und Misshandlung. Ein beträchtlicher Teil der Häftlingsarbeit war sinnlos, und das sollten die Inhaftierten auch deutlich spüren.“ So mussten Häftlinge Gruben im Eiltempo graben, nur um sie anschließend zuzuschütten und danach wieder auszuheben, oder aber „Häftlinge hatten Steine zu einer Mauer aufzuschlichten, die exakt aufzubauen war. Dann mussten sie die Steine auf die andere Seite tragen und dort wiederum aufschlichten. Das hatte im Laufschritt zu erfolgen.“ Dabei stellten diese Tätigkeiten sowohl eine körperliche, als auch, aufgrund ihrer offenkundigen Sinnlosigkeit, eine enorme seelische Belastung für die Häftlinge dar.
Genau das sollte in den Augen der SS der eigentliche ,Zweck’ dieser Arbeit sein: Unterdrückung, Demütigung und Misshandlung, wobei der Tod des Delinquenten, zwar noch nicht ausdrücklich erwünscht, aber doch billigend in Kauf genommen wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Die Entwicklung des Faktors Zwangsarbeit in den KZ: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Wandel der Zwangsarbeit von einem reinen Disziplinierungs- und Bestrafungsinstrument hin zu einem strukturellen Bestandteil der NS-Kriegswirtschaft nach.
2.) Arbeit und Tod im KZ Mittelbau-Dora: Hier wird der Aufbau des Rüstungskomplexes unter Tage sowie die spezifische Unterscheidung und Lebenssituation von Bau- und Produktionshäftlingen im KZ Mittelbau-Dora analysiert.
3.) Wirtschaftliche Effizienz und Ideologie: Das abschließende Kapitel bewertet das theoretische Spannungsfeld zwischen der NS-Weltanschauung und den ökonomischen Realitäten sowie deren Auswirkungen auf die Überlebenschancen der Inhaftierten.
Schlüsselwörter
Konzentrationslager, Zwangsarbeit, NS-Wirtschaft, Mittelbau-Dora, Häftlingsarbeit, Kriegswirtschaft, SS, Arbeitseinsatz, Vernichtung durch Arbeit, Bauhäftlinge, Produktionshäftlinge, Ideologie, Rüstungsproduktion, Wirtschaftsfaktor, Nationalsozialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den komplexen Prozess, wie das Konzentrationslagersystem im ,Dritten Reich’ von einem bloßen Instrument zur Terrorisierung politischer Gegner zu einem integralen Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft umfunktioniert wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Zwangsarbeit als Disziplinierungsinstrument, die Rolle des Rüstungskomplexes Mittelbau-Dora und das Spannungsfeld zwischen ökonomischer Zweckmäßigkeit und ideologischem Vernichtungswillen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den ideologischen und ökonomischen Widerspruch zwischen dem „Primat der Ökonomie“ und der „Weltanschauung“ der Nationalsozialisten im Kontext des Häftlingseinsatzes aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine strukturgeschichtliche Analyse, die sich primär auf die Auswertung existierender Fachliteratur und Dissertationen stützt, um die Entwicklung der KZ-Ökonomie zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Arbeitseinsatzes in den frühen KZ-Jahren, die wirtschaftliche Expansion durch den Vierjahresplan, die Einbindung der Industrie sowie die detaillierte Fallstudie zum KZ Mittelbau-Dora.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zwangsarbeit, Konzentrationslager, Wirtschaftsfaktor, Rüstungsindustrie, Mittelbau-Dora, Ideologie, Vernichtung.
Warum war der Arbeitseinsatz im KZ Mittelbau-Dora so verheerend für die Häftlinge?
Die Arbeit verdeutlicht, dass besonders die unterirdische Produktion und der enorme Termindruck in der Raketenfertigung bei gleichzeitig unzureichender Versorgung zu extrem hohen Sterblichkeitsraten führten, wobei der Arbeitseinsatz den Tod der Häftlinge billigend in Kauf nahm.
Wie unterschieden sich Bau- und Produktionshäftlinge in Bezug auf ihre Überlebenschancen?
Produktionshäftlinge hatten aufgrund ihrer technischen Ausbildung an Maschinen tendenziell eine (wenn auch sehr geringe) höhere Überlebenschance als die Bauhäftlinge, deren Arbeit als körperlich zermürbend und weitgehend unqualifiziert galt.
- Citation du texte
- Nico Sutter (Auteur), 2003, Weltanschauung, Ökonomie, Vernichtung. Zwangsarbeit von Häftlingen im KZ Mittelbau-Dora, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19614