Der Flieger-Gedenktag auf dem Flugfeld in Berlin-Johannisthal am Sonntag, den 29. Juni 1930

Heft 22 aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909 - 1914


Fachbuch, 2012

33 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Anmerkungen der Autoren

Die Versuche der Wiederbelebung des Flugplatzes ab 1927

Das Restaurant „Einsiedler“ und die Resolution von 1927

Versuche, den Flugplatz zu erhalten

Der Gedenkstein am „Alten Startplatz“ auf dem Flugfeld Johannisthal

Aufbau des Luftfahrt-Museums

Die Umsetzung des Gedenksteins vom alten Startplatz zum Luftfahrt-Museum

180 Jahr Feier in Johannisthal und das Luftfahrt-Museum der Stadt Berlin

Großflugtag in Johannisthal 1934

Der damalige Standplatz des Fliegergedenksteins gestern - heute

Personenregister

Literatur

Quellen

Zeitungen und Periodika

Bildnachweis

Anmerkungen der Autoren

Anmerkungen der Autoren

Der Johannisthaler Flugplatz - der erste zivile Motorflugplatz Deutschlands - existiert nicht mehr. Er wurde am 26. September 1909 eröffnet und hat im September 1995 mit einer historischen Flugschau endgültig ausgedient.

Heute stehen viele neue Siedlungshäuser direkt auf dem Flugfeld. Fast nichts erinnert mehr an diesen historischen Ort. Kennen die jetzt dort angesiedelten Hausund Grundstückbesitzer die Geschichten, die mit den Straßen - benannt nach Luftfahrtpionieren - verbunden sind?

Wir bemühen uns mit einer Dokumentenreihe, auch den neuen Eigentümern die Geschichte des Areals sowie die Luftfahrtgeschichte nahe zu bringen.

In einer Zeitung fanden wir den Hinweis, dass ein Fliegerdenkmal oder Flieger- Gedenkstein am alten Startplatz auf dem Flugfeld eingeweiht wurde. Hierdurch angeregt begannen wir zeitgenössische Dokumente und Bilder zu recherchieren und zusammenzutragen, die Auskunft darüber geben können.

Besonders möchten wir uns bei Helmut Prochnow, dem Verfasser zahlreicher Beiträge zur Adlershofer Ortsgeschichte, für seine uneigennützige Unterstützung dieser Arbeit bedanken.

Die Dokumentation reiht sich in die bereits vorhandenen Hefte ein, die von den Autoren über den Flugplatz Johannisthal für den Zeitraum von 1909-1914 geschrieben worden sind.

Gleichzeitig möchten wir alle Leser bitten, uns Ihre Informationen über den Fliegergedenkstein oder zu anderen Themen der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal mitzuteilen. Jeder noch so kleine Hinweis kann dazu beitragen, die noch zahlreichen Lücken zu schließen.

Berlin-Johannisthal im Juni 2012

Die Versuche der Wiederbelebung des Flugplatzes ab 1927

Die“alten Zeiten” der Flugpioniere waren mit Beginn des Ersten Weltkrieg vorbei und bis zum Jahre 1923 verlor Johannisthal auch für den Passagier- und Postflugverkehr immer mehr an Bedeutung. Von Flugbetrieb konnte nicht mehr gesprochen werden. In den Folgejahren lösten sich einige Flugzeugfabriken auf oder verlegten ihre Firmen. Einige kleine Flugzeugkonstrukteure arbeiteten aber ungestört in Johannisthal weiter. Der“alte” Flugplatz existierte nicht mehr und vergeblich versuchten ihre Anhänger ihn wieder zu beleben.

Am 27. Mai 1927 veröffentlichte der Herausgeber der“ Flugsportlichen Rundschau ” einen zündenen Aufruf, in dem er der Berliner Stadtverwaltung (seit 1920 gehörte Johannisthal zu Berlin) vorwarf, dass sie die einstige Hochburg des Motorfluges völlig vernachlässige, und forderte: Stadtväter, die ihr den Luftbahnhof Tempelhof Jahr für Jahr durch Millionen- Aufwendungen vervollkommnet, wendet auch mal eine Million für Euren Flugsportplatz- Johannisthal-Adlershof an. Und weiter hießes dort: Die in Johannisthal, Nieder- und Oberschöneweide, Adlershof beheimateten Kräfte haben den Ehrgeiz, den Ruf Johannisthals in der Luftfahrt zu erhalten und möglichst noch zu heben. Ist Tempelhof der Luftbahnhof der Reichshauptstadt, so mußJohannisthal der Flugsportplatz Berlins, Deutschlands sein. ” 1

Die Terrain-AG2 Arthur Müllers, Eigentümerin des Flugplatzgeländes3, erkannte die Lage und wollte den Grund und Boden vermarkten und eine Wohnsiedlung auf dem Flugfeld errichten. Um das zu verhindern und bestehende Interessenkonflikte zu beseitigen, kaufte die Berliner Stadtverwaltung am 20. Juni 1929 das Gelände. In der Begründung hieß es:“Der Flugplatz wurde erworben, weil die Stadt diesen Platz vor der drohenden Bebauung als Reserveflugplatz für die Zukunft freihalten wollte”4 Das war die Stunde der Anhänger des Motorflugsports! Es kam zur Gründung der“Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Flugplatzes Johannisthal”. Notdürftig wurde mit eigenen Mitteln und großem Engagement das verwahrloste Fluggelände hergerichtet. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft waren die Initiatoren für das des Erstellen eines Fliegergedenksteins sowie einem Großflugtag im August 1930. Das Ziel, die Wiederbelebung des Flugplatzes und ein neues Fliegerleben entstehen zu lassen, wurde nicht erreicht. Der Tempelhofer Flugplatz war erfolgreicher und ließ Johannisthal keine Chanche. Der Berliner Magistrat verbot der Johannisthaler Arbeitsgemeinschaft weitere Wiederbelebungs-Aktivitäten und Flugveranstaltungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Flugplatz Johannisthal im Jahre 1927.5

Das Restaurant „Einsiedler“ und die Resolution von 1927

Das Restaurant „Einsiedler“ hatte für die Flugzeugpioniere und für die Entstehung des Fliegerdenkmals eine wichtige Bedeutung. Das Restaurant von Anna Bortz, ein typisches Berliner Gartenlokal am Sterndamm, befand sich im Sterndamm auf der einstigen Promenadenseite, etwa auf der Höhe des Staudenweges. Erbaut wurde das Restaurant etwa um 1890. Anfang der 1940er Jahre brannte die Gaststätte infolge der Kriegseinwirkungen ab.

Ansichtskarte 1901 vom „Einsiedler“ Ansichtskarte 1915 vom „Einsiedler“

Über den „Einsiedler“ berichtete der durch den ersten Ost-West-Atlantikflug mit der „Junkers W 33 Bremen“ bekannt gewordene Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld (1892-1929):

„Dieses nette kleine Waldrestaurant hatte eine Sehenswürdigkeit, die ihresgleichen suchte, die sogenannte Schreckenskammer. In diesem Raum war alles an fotografischem Material zusammengetragen, wasüberhaupt von Flugzeugunfällen zu erlangen gewesen war, und unvergesslich ist mir noch die vergr öß erte Fotografie eines Bildes, das sich „TäubchensFeuertod“ nannte und ein in Brand geratenes Rumpler-Flugzeug darstellte, eine ebenso seltene wie grausige Aufnahme. Teile abgestürzter Flugzeuge, teils vom Motor, teils von dem Apparat oder Propeller herstammend, schmückten dieses Zimmer und schwachnervige Leute konnten bei dem Anblick dieses kleinen Raumes schon das Gruseln lernen und sich mit Schaudern für immer von der Fliegerei abwenden.“ 6

Im August 1927 versammelten sich dort Bürger, Flugzeugführer, Handwerker, Arbeiter, Gewerbe- und Handelstreibende von Johannisthal, Adlershof, Altglienicke Nieder- und Oberschöneweide, um ihren Protest zu erheben gegen die Neueinrichtung eines Vorflugplatzes in Britz oder Rudow und gegen die Verlegung der „Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt“ (DVL).

Der Protest wurde in einer Resolution und Denkschrift mit 855 Unterschriften aus allen Kreisen der Bevölkerung im August 1927 an das Reichsverkehrsministerium, an den Magistrat Berlin und an die Stadtverordnetenversammlung Berlin adressiert.

Zu den Unterzeichnern gehörten der Stadtverordnete Rudolf Zahn, der Flugzeugführer Gustav Raschke (1885-1949)7, der Johannisthaler Flugplatzfotograf und Bürgerdeputierte Franz Fischer, der Schriftsteller/Journalist Gustav E. Macholz (1879-1957)8 und verschiedene Vereine der Haus- und Grundstücksbesitzer.

In der Resolution9 vom 3. August 1927 an das Reichsverkehrsministerium, den Magistrat Berlin, die Stadtverordnetenversammlung Berlin usw. hieß es u.a.:

… .“ Es ist außerdem dringende Dankespflicht des Deutschen Reiches, all den Männern, die auf dem Flugplatz Johannisthal-Adlershof ihr Leben für die Fortentwicklung des deutschen Flugwesens ließen, auch an der Stelle, die die Geburtsstätte der deutschen Fliegerei war, ein Denkmal zu setzen, und sei es nur durch die Beibehaltung der Stätte, an der diese Männer aus allen Volkskreisen und deutschen Landen im Leben gewirkt haben, im Tode vereint wurden.“

Der Mitunterzeichner der Resolution, Flugplatzfotograf Franz Fischer, bannte alles auf seine Platte, was auf dem Flugplatz geschah. Dabei half ihm Herr Gröne, genannt „ Wurzelsepp “, der Platzaufseher des Direktors Major a. D. Georg von Tschudi (1862-1928). Gröne bekam von Fischer eine Provision. Fischer verkaufte nicht nur an Zuschauer, abends schickte er seine neusten Bilder an die Zeitungsredaktionen, überwiegend an die B.Z. am Mittag.

Der Direktor Georg von Tschudi kassierte damals dafür auch von Fischer, denn der Fotograf konnte sich auf dem Flugfeld ungehindert bewegen.

Auf dem Flugplatz gab es nichts umsonst!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Flugplatzfotograf Franz Fischer.10

Versuche, den Flugplatz zu erhalten

Seit 1927 gab es in den Folgejahren mehrere Treffen der „ Alten Adler “.11 Es waren die Flugpioniere, die Fluggeschichte geschrieben haben. Sie schlossen sich im Johannisthaler Flieger-Club - kurz „Johflieg“ genannt - zusammen, pflegten die Tradition und flogen unter Führung von Gustav Raschkes mit seinem noch vorhandenen alten LVG-Doppeldecker.12

Gustav Raschke engagierte sich in der Johannisthaler „Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Flugplatzes Johannisthal-Adlershof“ nach wie vor für die Luftfahrtgeschichte und vor allen Dingen für den Erhalt des Flugplatzes Johannisthal, insbesondere nachdem die Berliner Flughafen-Gesellschaft (BFG) gegründet und der Flughafen ausgebaut werden sollte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Foto zeigt ein Treffen auf dem Flugplatz Anfang 1930. Gustav Raschke steht ganz rechts, angelehnt an seinem LVG-Doppeldecker.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto mit Mitgliedern des „Johannisthaler Fliegerklubs“ und einige der „Alten Adler“ auf dem Flugfeld Johannisthal um 1930.

V. links nach rechts: 1. Albert Mühlig-Hoffmann (1886-1980), 3. Hermann Köhl (1888- 1938), 4. Alexander Graf v. Bismarck (1897-1977), 6. Gerhard Sedlmayr (1891-1952), 8. Gustav Raschke.

Das Flugzeug ist ein „LVG-Doppeldecker D 428“. Mit diesem Flugzeug flog Gustav Raschke13 für Filmaufnahmen der „Johannisthaler Filmanstalt GmbH (JOFA)“, später für die „Tobis-Tonbild-Syndikat AG“.

Es handelt sich um die Aero-Sport-S I, Werknummer 110. Sie gehörte der Firma Aero Express in Leipzig, bevor sie im Oktober 1931 in den Besitz des „Flieger Clubs Johannisthal“ kam.

Die S I waren bei der Firma Aero-Sport GmbH in Warnemünde gebaute LVG B III Schulflugzeuge. Die Firma Aero-Sport GmbH war 1923 die erste deutsche Land- und Seeflugschule und gehörte dem alten Marineflieger Walther Bachmann (1889-1966). Bachmann gründete später die „Walther-Bachmann-Flugzeugbau KG“ in Ribnitz (1934-1945).

[...]


1 „Als die Oldtimer flogen. Die Geschichte des Flugplatzes Berlin-Johannisthal“, Dr. Günter Schmitt, transpress Verlag, 1987.

2 Die „Terrain-Aktiengesellschaft am Flugplatz Johannisthal-Adlershof“ (Tagafia) wurde am 30. Oktober 1910 gegründet und verfolgte das Ziel, das Terrain weiter zu verkaufen, zu verpachten oder einer gewerblichen Nutzung zuzuführen. Das Mutterunternehmen der „Tagafia“ war die Firma „A. M. Bauten und Industriewerke“. Der Inhaber war der Gründer des Flugplatzes Johannisthal, Arthur Müller (1871-1935). Die „Terrain-AG“ wurde 1937 im Handelsregister gelöscht.

3 Heft 1 „Entstehung des Flugplatzes Berlin-Johannisthal“ aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914.

4 ebenda

5 Beide Fotos aus „Als die Oldtimer flogen. Die Geschichte des Flugplatzes Berlin-Johannisthal“, Dr. Günter Schmitt, transpress Verlag, 1987.

6 „Phönix aus der Asche. Die deutsche Luftfahrt Sammlung Berlin“, Michael Hundertmark, Holger Steinle, Silberstreif Verlag 1985.

7 Heft 12 „Papa Raschke - Aus dem Leben des Johannisthaler Holzhändlers, Konstrukteurs und Flugzeugführers Gustav Raschke“ aus der Dokumentationsreihe über den Flugplatz BerlinJohannisthal 1909-1914.

8 Gustav E. Macholz (6. April 1879 bis 24. Oktober 1957), Journalist und Luftfahrt-Fachschriftsteller (Pseudonym Gustav Westphal), wohnte in der Kaiser-Wilhelm-Str. 45 (heute Sterndamm 83).

9 Museumsarchiv Treptow

10 Museumsarchiv Treptow

11 Am 16.9.1927 haben sich in Berlin 64 ehemalige Piloten zu einem Stammtisch getroffen und gründeten die Traditionsgemeinschaft „Alte Adler“. Bedingung für die Mitgliedschaft waren der Erwerb des Flugzeugführerpatents vor dem Ersten Weltkrieg (1.8.1914).

12 Amtsblatt des Deutschen-Luftsport-Verbandes (DVL) „Luftschau“, 6. Jahrgang, Nr. 9 vom 15. Oktober 1933, Seite 295.

13 Siehe „Papa Raschke“, Heft 12 aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Der Flieger-Gedenktag auf dem Flugfeld in Berlin-Johannisthal am Sonntag, den 29. Juni 1930
Untertitel
Heft 22 aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909 - 1914
Autoren
Jahr
2012
Seiten
33
Katalognummer
V196188
ISBN (eBook)
9783656232292
ISBN (Buch)
9783656232391
Dateigröße
13888 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Am 29. Juni 1930 wurde auf dem Flugfeld am alten Startplatz ein Gedenkstein mit der Aufschrift "Unsern in Johannisthal gefallenen Flugpionieren" aufgestellt und eingeweiht. Wenig ist darüber bekannt und veröffentlicht worden. Im Heft 22 wird dieses Ereignis beschrieben.
Schlagworte
Johannisthal, Adlershof, Flugzeugführer, Flugplatz, Gedenkstein, Museum, Großflugtag
Arbeit zitieren
Alexander Kauther (Autor:in)Paul Wirtz (Autor:in), 2012, Der Flieger-Gedenktag auf dem Flugfeld in Berlin-Johannisthal am Sonntag, den 29. Juni 1930, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196188

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Flieger-Gedenktag auf dem Flugfeld in Berlin-Johannisthal am Sonntag, den 29. Juni 1930



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden