"Denn dieses Theater erhält seine Bedeutung für uns nicht nur durch seine Exotik, sondern durch seine Wahrheit, nicht durch seine Ästhetik, sondern durch seine Ordnung. Und diese Wahrheit als solche kann nur eine Funktion sein, die Beziehung, die unseren modernen Blick mit einer sehr alten Gesellschaft verbindet: Dieses Theater betrifft uns durch seine Distanz. Das Problem liegt also nicht darin, es zu imitieren oder zu verfremden, sondern darin es begreiflich zu machen."
1. Einführung
Diese 1965 von Roland Barthes veröffentlichten Sätze stehen am Ende seines Aufsatzes "Über das griechische Theater". Und wie schon auf den Seiten zuvor, auf welchen er über die Institution, die Architektur, die Entstehungsgeschichte, die Texte und ihre Struktur, über sein Zeichensystem, eigentlich über alles, was man mit dem griechischen Theater in Verbindung bringen kann, gesprochen hat, wird auch hier klar: Das griechische Theater war weit mehr als wir uns, aus unserem modernen Theaterverständnis heraus, vorstellen können. Es war Volksversammlung und Volksfest, es war Reflexion über die Entwicklung des Staates, es war mystisch, es wirkte transzendental und es war vor allem allen Bürgern ausgesprochen wichtig, ein integraler Bestandteil des Lebens in der Polis, zumindest in der klassischen Zeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Der Chor
2.1 Die Funktion des Chors im antiken Drama
2.2 Die Rezeptionsgeschichte des Chors seit der Antike
2.3 Peter Steins Chorkonzeption in der „Orestie“
3. Der Raum
3.1 Der Raum des antiken Theaters
3.2 Die Institution
3.3 Der Raum im Theater
3.4 Peter Steins Raumkonzept in der”Orestie”
4. Fazit
Exkurs
Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Antikenrezeption am Beispiel von Peter Steins Inszenierung der „Orestie“ an der Schaubühne Berlin, wobei der Fokus auf den ästhetischen und dramaturgischen Funktionen von Raum und Chor liegt.
- Analyse der Funktion und historischen Entwicklung des Chors im antiken Drama.
- Untersuchung der spezifischen Chorkonzeption durch Regisseur Peter Stein.
- Betrachtung der antiken Theaterarchitektur und deren moderne Interpretation.
- Erörterung des heterotopischen Raumkonzepts nach Foucault im Kontext der Schaubühnen-Inszenierung.
- Evaluation des Inszenierungsansatzes als „Versuch der Antikenrezeption“ anstelle einer bloßen Reproduktion.
Auszug aus dem Buch
2.3 Peter Steins Chorkonzeption in der „Orestie“
Detlev Baur verknüpft Steins „Orestie“ inhaltlich mit dem „Antikenprojekt 1“ der Schaubühne, indem er sie als „Fortsetzung der Suche nach dem Ursprung von Gruppenbildung auf der Theaterbühne“ bezeichnet und sich dabei explizit auf seine Untersuchung der Rolle des Chores stützt. Auch wenn dieser Aspekt, wie wir sehen werden, nicht der einzige für die Inszenierung relevante ist, so doch einer der wichtigsten und im „Agamemnon“ wohl der auffälligste.
Für Peter Steins Inszenierungen ist, wie Georges Banu in seinem Aufsatz „Peter Stein und der sichere Grund der Texte“ belegt, die wichtigste Voraussetzung eine intensive Auseinandersetzung mit der Textgrundlage. Bei der „Orestie“ ging er sogar soweit, eine eigene Übersetzung des altgriechischen Originaltextes von Aischylos anzufertigen, die schon andeutet, was das Hauptanliegen der Inszenierung sein wird. „Zwei Drittel des Textes ist Chor-Text, und sehr bald entschied ich, den Chor für jedermann unmittelbar verständlich zu machen“, schreibt er in der Vorbemerkung zur im Beck-Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe seiner Übersetzung. Diesen Anspruch an die Übersetzung sollte auch an die Inszenierung stellen, die damit für den Chor die Aufgabe bereit hielt, den Text zum Zuschauer zu transportieren, ohne von seiner Bedeutung abzulenken. „Das auffälligste Merkmal der Übersetzung aber sind die zahlreichen Doppel- und Dreifachfassungen eines Wortes, einer Wendung, eines Gedankens, eine Technik, die Stein selber damit begründet, dass er versuchte, so genau wie möglich den Wortsinn des überlieferten Textes zu umschreiben.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Vorstellung des Themas und Hinführung zur Fragestellung der Antikenrezeption im modernen Theater.
2. Der Chor: Untersuchung der dramaturgischen Funktion des Chors und dessen Darstellung in der Theatergeschichte.
2.1 Die Funktion des Chors im antiken Drama: Analyse der Rolle des Chors als Vermittler und strukturelles Element innerhalb der antiken Tragödie.
2.2 Die Rezeptionsgeschichte des Chors seit der Antike: Überblick über die wechselhafte Tradition der Chorverwendung von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.
2.3 Peter Steins Chorkonzeption in der „Orestie“: Konkrete Betrachtung der chorischen Gestaltung in Peter Steins wegweisender Inszenierung.
3. Der Raum: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Konzept des Theaterraums.
3.1 Der Raum des antiken Theaters: Abriss zur Rekonstruktion und Bedeutung der klassischen griechischen Theaterarchitektur.
3.2 Die Institution: Erörterung der institutionellen Einbettung des Theaters in den gesellschaftlichen Kontext der Polis.
3.3 Der Raum im Theater: Diskussion über raumtheoretische Ansätze, insbesondere im Hinblick auf das Konzept der Heterotopie.
3.4 Peter Steins Raumkonzept in der”Orestie”: Analyse der Umsetzung und Wirkung der Raumgestaltung in Steins Schaubühnen-Orestie.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Inszenierung als Versuch einer zeitgemäßen, vermittelnden Antikenrezeption.
Schlüsselwörter
Antikenrezeption, Schaubühne, Orestie, Peter Stein, Theaterchor, antikes Drama, Raumkonzept, Inszenierung, Heterotopie, Aischylos, Theatergeschichte, griechische Tragödie, Dramaturgie, Aufführungspraxis, Struktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Peter Stein in seiner bedeutenden Inszenierung der „Orestie“ an der Schaubühne Berlin das antike Drama für ein modernes Publikum neu interpretierte, wobei die Mittel des Chors und die Gestaltung des Theaterraums im Vordergrund stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die ästhetischen Herausforderungen der Antikenrezeption, die dramaturgische Funktion des antiken Chors sowie raumtheoretische Überlegungen zum Theater als Institution und Ort.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Stein durch eine bewusste Auseinandersetzung mit Text und Raum den Versuch unternimmt, antike Theaterformen dem heutigen Zuschauer begreiflich zu machen, ohne in eine rein museale Reproduktion zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Verfasser nutzt eine Kombination aus theaterwissenschaftlicher Analyse, Literaturrecherche zur Aufführungsgeschichte und der Anwendung von raumtheoretischen Konzepten, wie etwa dem der Heterotopie von Michel Foucault.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der chorischen Gestaltung und des Raumkonzepts bei Peter Stein, eingebettet in einen fundierten historischen und theoretischen Rahmen.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Antikenrezeption, Schaubühne, Chor, Inszenierung, Heterotopie, Raumkonzept und Aischylos.
Wie unterscheidet sich Steins Arbeit mit dem Chor von traditionellen Ansätzen?
Stein verzichtet weitgehend auf die reine Reproduktion antiker Konventionen und setzt stattdessen auf eine polyphone Sprechweise und eine Gruppenbildung, die den Chor als dramatisches Mittel der Bedeutungstransmission nutzt.
Welche Bedeutung kommt dem Raum in der Inszenierung nach Foucaults Modell zu?
Der Raum wird als heterotopisch verstanden, da er verschiedene Zeitebenen – die Antike und die Gegenwart – miteinander verknüpft und dem Zuschauer eine neue Perspektive auf das Theaterereignis ermöglicht.
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- Martin Zepter (Author), 2003, Die Antikenrezeption der Schaubühne am Beispiel der Orestie unter Berücksichtigung von Raum und Chor, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19619