Der spanische Bürgerkrieg gehört zu den Angelpunkten der spanischen Geschichte. Er hat nicht nur unauslöschliche Spuren in der Struktur und Gesellschaft des Landes hinterlassen, sondern inspiriert auch die Fachwelt schon seit mehreren Jahrzehnten. Kaum ein anderer Abschnitt der spanischen Geschichte ist von Historikern mit ähnlicher Intensität erforscht worden. Auch der literarischen Welt bieten die Geschehnisse von 1936 bis 1939 ein unerschöpfliches Arsenal von Geschichten für neue Erzählungen. Trotz dieser Flut an Literatur hat sich ein fruchtbarer Prozess der Vergangenheitsbewältigung in Spanien bis heute nicht entwickeln können. Gründe dafür sind sowohl die einseitige Erinnerungspolitik unter Franco, wie auch die Verdrängungspolitik während der Transición. Es ist daher leicht nachzuvollziehen, dass, gerade auf Seite der republikanischen Opfer, das Bedürfnis dem eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen gleichbleibend hoch ist. Heute fehlt es der Politik meist schlicht am nötigen Willen sich neben den Heldentaten des Krieges auch eingehend mit den unangenehmen Seiten der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Erst in den letzten Jahren lassen sich, mit Gesetzentwürfen wie dem Ley de la Memoria, erste zögerliche Schritte hin zu einer umfassenden Aufarbeitung des Geschehenen erkennen. Bleibt ein langfristiges Umdenken in Politik und Bevölkerung jedoch aus, so wird die Erinnerung an den Bürgerkrieg sukzessive mit der Zeitzeugengeneration aussterben und damit für immer verloren gehen. Da das gemeinsame Erinnern nicht zuletzt seit Pierre Nora und seiner Theorie der Lieux de Mémoires einen essenziellen Bestandteil der kollektiven Identität darstellt, würde sich dieser Verlust gravierend auf die gemeinsame Zukunft aller Spanier auswirken. Genau an diesem Punkt setzt Manuel Rivas mit seinem Roman El lápiz del carpintero an. Er stellt in ihm die verschiedenen Möglichkeiten dar, die persönlichen Erinnerungen der Zeitzeugen an folgende Generationen weiterzugeben. Gleichzeitig sucht er jedoch auch einen neuen Zugang zur Bürgerkriegsthematik an sich. Mit dem ehemaligen Gefängniswärter und franquistischen Mitläufer Herbal schafft er ganz bewusst Raum für die persönlichen Erinnerungen der einfachen Leute, um so die vorherrschende historische Meinung zu komplettieren. Die vorliegende Arbeit untersucht, welches Bild Rivas dabei vom Bürgerkrieg zeichnet und welchen Beitrag der Roman dadurch zum Prozess der Vergangenheits-bewältigung in Spanien leisten kann.
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG
II INHALTLICHER ABRISS
III DIE DARSTELLUNG DES BÜRGERKRIEGES
III.I HERBAL UND DANIEL DA BARCA – SIEGER UND BESIEGTER? TÄTER UND OPFER?
III.II DAS GEFÄNGNIS ALS MENSCHENFEINDLICHER ORT
III.III DIE ROLLE DER KIRCHE
IV EL LÁPIZ DEL CARPINTERO IM SPIEGEL DES SPANISCHEN VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNGSPROZESSES
V FAZIT
VI BIBLIOGRAFIE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Manuel Rivas in seinem Roman "El lápiz del carpintero" den spanischen Bürgerkrieg darstellt und welchen Beitrag dieses Werk zur Vergangenheitsbewältigung in Spanien leisten kann, indem es persönliche Erinnerungen anstelle einer rein offiziellen Geschichtsschreibung in den Fokus rückt.
- Erinnerungsarbeit und Weitergabe von Zeitzeugnissen
- Die Rolle des franquistischen Mitläufers als zentrale Erinnerungsinstanz
- Menschlichkeit versus Systemzwang im Gefängnisalltag
- Die Instrumentalisierung der katholischen Kirche während des Konflikts
- Der Roman als Ort der multiperspektivischen Erinnerung
Auszug aus dem Buch
III.I Herbal und Daniel da Barca – Sieger und Besiegter? Täter und Opfer?
Augenscheinlich handelt es sich bei El lápiz del carpintero zunächst um die Geschichte des pro-republikanischen Arztes Daniel da Barca. In seinem Erinnerungsbericht zeichnet Herbal ein äußerst detailgetreues Bild von dessen Charakter und Schicksal. Über Herbal selbst erfährt der Leser explizit jedoch nur wenig. Erst in der Abgrenzung zum Helden da Barca gewinnt auch der franquistische Mitläufer an Profil.
Mit dem angesehenen Arzt und Lokalpolitiker Daniel da Barca versucht Rivas auch den, in der Literatur bisher vernachlässigten, Lichtgestalten der republikanischen Seite einen Gedächtnisraum zu schaffen. Er steht für das positive Bild des linken Intellektuellen der spanischen Republik. Mit seiner Redegewandtheit und seinem Charisma versteht er es wie kaum ein anderer, die Menschen für seine politisch-gesellschaftlichen Vorstellungen zu begeistern:
„[...] tenía aquella prédica especial, con el don de la mecha prendida, que ponía en pie a los tullidos y hasta los mancos levantaban el puño. Decía que había que luchar contra el mal de aire (Rivas 2007: 44f.).”
Er bleibt dabei jedoch nicht nur ein Mann der großen Worte, sondern lebt auch, was er predigt. Auch in Ausnahmesituationen steht er mutig zu seinen Prinzipien und kümmert sich mit selbstvergessener Hilfsbereitschaft um die Schwachen und Kranken. So setzt er sich beispielsweise während seines eigenen Prozesses für die Freilassung des geistig zurückgebliebenen Gefangenen Dombodán ein (Rivas 2007: 65-67).
Zusammenfassung der Kapitel
I EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung des spanischen Bürgerkriegs als zentrales, jedoch literarisch und historisch umstrittenes Thema und führt in die Absicht des Romans ein, durch persönliche Erzählungen zum Prozess der Vergangenheitsbewältigung beizutragen.
II INHALTLICHER ABRISS: Dieses Kapitel gibt eine Zusammenfassung der Rahmenhandlungen des Romans, insbesondere des Generationendialogs zwischen dem ehemaligen Gefängniswärter Herbal und dem Journalisten sowie dessen Konfrontation mit der Figur des Arztes Daniel da Barca.
III DIE DARSTELLUNG DES BÜRGERKRIEGES: Das Kapitel analysiert die Darstellung des Konflikts durch Rivas, der persönliche Einzelschicksale über die offizielle Geschichtsschreibung stellt.
III.I HERBAL UND DANIEL DA BARCA – SIEGER UND BESIEGTER? TÄTER UND OPFER?: Die Untersuchung konzentriert sich auf die komplexe Beziehung zwischen dem republikanischen Arzt Da Barca und dem franquistischen Mitläufer Herbal sowie deren jeweilige Rollen als Opfer und Täter.
III.II DAS GEFÄNGNIS ALS MENSCHENFEINDLICHER ORT: Es wird die Rolle des Gefängnisses als Mikrokosmos der Gesellschaft analysiert, in dem trotz Unterdrückung Solidarität und geistiger Widerstand entstehen.
III.III DIE ROLLE DER KIRCHE: Das Kapitel kritisiert die Instrumentalisierung des katholischen Glaubens durch das Franco-Regime und die aktive Mittäterschaft von Klerikern, setzt dem jedoch menschliche Gegenbeispiele entgegen.
IV EL LÁPIZ DEL CARPINTERO IM SPIEGEL DES SPANISCHEN VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNGSPROZESSES: Es wird die Einordnung des Romans in den gesellschaftlichen Kontext der spanischen Erinnerungskultur und der Notwendigkeit eines multiperspektivischen Gedächtnisses vorgenommen.
V FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass Rivas durch den Roman einen essenziellen Erinnerungsort geschaffen hat, der das Schwarz-Weiß-Denken überwindet und Raum für eine differenzierte Aufarbeitung der Vergangenheit bietet.
VI BIBLIOGRAFIE: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der Internetquellen.
Schlüsselwörter
Spanischer Bürgerkrieg, Manuel Rivas, El lápiz del carpintero, Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungskultur, Kollektives Gedächtnis, Franquismus, Republikaner, Zeitzeugen, Generationendialog, Identität, Literatur, Täter-Opfer-Schema, Erinnerungsort, Solidarität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Manuel Rivas' Roman "El lápiz del carpintero" als Beitrag zur literarischen Auseinandersetzung mit dem spanischen Bürgerkrieg und dessen Folgen für die spanische Erinnerungskultur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Erinnerungsarbeit von Zeitzeugen, die Problematik der offiziellen Geschichtspolitik, das Verhältnis von Täter und Opfer sowie die Rolle von Institutionen wie der katholischen Kirche im Konflikt.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, welches Bild Rivas vom Bürgerkrieg zeichnet und wie der Roman dazu beitragen kann, die Traumata der Vergangenheit durch eine multiperspektivische Aufarbeitung zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext der historischen Erinnerungskultur und soziologischer Theorien des Gedächtnisses (z.B. nach Pierre Nora) betrachtet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Charakterzeichnung der Hauptfiguren, die Symbolik des Gefängnisses als Ort der Unterdrückung und das ambivalente Agieren der katholischen Kirche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungsort, Franquismus, Generationendialog, Täter-Opfer-Dichotomie und kollektives Gedächtnis.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Herbal von klassischen Täter-Bildern?
Herbal wird nicht als eindimensionaler Täter dargestellt, sondern durch seine Schuldgefühle und seine Entwicklung zu einer psychologisch komplexen Figur, die sowohl Leid verursacht als auch menschliche Züge zeigt.
Warum spielt die Figur des Arztes Daniel da Barca eine Schlüsselrolle?
Er verkörpert das Ideal des republikanischen Intellektuellen und dient als moralischer Gegenpol, dessen Charakterstärke trotz der Gefangenschaft zur zentralen Hoffnung für andere Häftlinge wird.
Welche Bedeutung kommt dem "roten Zimmermannsstift" im Roman zu?
Der Stift fungiert als zentrales Leitmotiv und Erinnerungsobjekt, das die Kette der persönlichen Geschichten verbindet und die Bedeutung der Weitergabe von Erinnerungen über Generationen hinweg verdeutlicht.
Wie wird das Wirken der katholischen Kirche im Roman bewertet?
Der Autor zeigt kritisch auf, wie die Kirche den christlichen Glauben für politische Zwecke instrumentalisierte, kontrastiert dies jedoch mit einzelnen Figuren wie der Nonne Madre Izarne, die Nächstenliebe ohne Ansehen der politischen Seite praktiziert.
- Arbeit zitieren
- MSc Ricarda Röleke (Autor:in), 2008, Manuel Rivas "El lápiz del carpintero" im Spiegel des spanischen Bürgerkrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196291