Die Skandale und Prozesse und Arthur Schnitzlers "Reigen"


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

II. Einleitung

III. Entstehungsgeschichte des „Reigen, der Weg auf die Bühne, die Skandale und Prozesse
1. Entstehung und Veröffentlichung des „Reigen“
2. Der „Reigen“ in Berlin
2.1. Der Weg auf die Bübne
2.2. Der erste „ Reigen “ -Prozess
2.3. Der zweite „ Reigen “ -Prozess
3. Der „Reigen“ in Wien
3.1. Der Weg auf die Bübne
3.2. Proteste gegen den „ Reigen “ , Skandalauffübrung
und polizeiliches Auffübrungsverbot
3.3. Endgültiges Auffübrungsverbot durch Schnitzler

IV. Mögliche Hintergründe der Proteste, Skandale und Prozesse
1. Moral und Gesellschaft
1.1. Kollision des „ Reigen “ mit der damaligen Moralvorstellung
1.2.Doppelmoral der Gesellschaft
2. Politische Hintergründe
2.1. Kontrolle und Bek ä mpfung sog. Schundliteratur
2.2. Antisemitismus und politischer Machtkampf

V. Schluss

VI. Literaturverzeichnis

II. Einleitung

Eines der bekanntesten und zweifellos wohl auch umstrittensten Werke Arthur Schnitzlers ist der, als Theaterstück konzipierte, „Reigen“. In dieser Reihe von zehn Dialogen stellt Schnitzler „(…) die Gespräche von Paaren vor und nach dem intimen Beisammensein“ 1 dar, was zur damaligen Zeit ungewöhnlich, und fast skandalös war. Selbst der Autor schrieb in einem Brief von 1897 an Olga Waissnix:

„Geschrieben hab ich den ganzen Winter über nichts als eine Scenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch auch nicht viel heißt, aber, nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Theil unserer Cultur eigentümlich beleuchten würde.“ 2

Offensichtlich war sich Schnitzler bereits zu diesem Zeitpunkt darüber im Klaren, dass er den „Reigen“ nicht problemlos würde veröffentlichen können. Vielmehr musste er damit rechnen, dass ihm von Großteilen der Gesellschaft eher Empörung und Ableh- nung über Thematik und Umsetzung entgegengebracht werden würden, als Lob. Doch hätte man selbst als Pessimist nicht damit rechnen können, welche Ausmaße die Protes- te, nach Veröffentlichung und besonders Bühnenadaption des Stückes nehmen würden. Im Folgenden soll nun kurz auf die Entstehungsgeschichte des „Reigen“ und die Ent- wicklung der Skandale und Prozesse um das Stück eingegangen werden. Hierzu sollen vor allem die Reaktionen und Vorkommnisse in Berlin und Wien als Beispiele dafür dienen.

Danach soll versucht werden, mögliche Gründe für diese Entwicklung zu finden. Es soll insbesondere diskutiert werden, ob die Skandale und Prozesse politisch motiviert waren, oder ob die, teils heftigen, Reaktionen auf den „Reigen“ ihren Grund eher im Text selbst begründet werden, und der Inhalt somit den moralischen Vorstellungen der dama- ligen Zeit widersprach.

Besonderes Augenmerk soll dabei zum einen auf die vielen antisemitischen Aussagen in Bezug auf Schnitzler und den Reigen gelegt werden, und es soll auch die Frage erörtert werden, ob der Reigen als Politikum missbraucht wurde.

Auf der anderen Seite soll das Moralbewusstsein der damaligen Gesellschaft betrachtet, und untersucht werden, ob die Auffassungen von Moral und Sitte durch den pikanten Inhalt des „Reigen“ verletzt wurden.

Am Ende soll in einem kurzen Abschnitt versucht werden, eine Antwort auf die behan- delten Fragen zu finden.

III. Entstehungsgeschichte des „Reigen“, der Weg auf die Bühne, die Skandale und Prozesse

1. Entstehung und Veröffentlichung des „Reigen“

Schnitzler hatte den „Reigen“ bereits Ende des 19. Jahrhunderts fertiggestellt. Doch stellte sich die Veröffentlichung des Stückes aufgrund des pikanten Inhalts zunächst als nicht allzu einfach dar. Der Stammverlag Schnitzlers, der S. Fischer Verlag in Berlin, weigerte sich zunächst, den „Liebesreigen“, wie der ursprüngliche Titel lautete, zu ver- öffentlichen, da „(…) der Verleger angesichts der im Deutschen Reich bestehenden staatlichen Zensur eine gerichtliche Verfolgung und Verurteilung wegen der Veröffent- lichung von «Unzüchtigkeit» befürchten musste“ 3. So veröffentlichte Schnitzler den „Liebesreigen“ 1900 zunächst in einer geringen Auflage von 200 Stück als selbstfinan- zierten Privatdruck, unter dem nun geänderten Titel „Reigen“. Drei Jahre später wurde er erstmals einem breiten Publikum zugänglich, als das Buch „(…) in dem in jeder Hin- sicht fragwürdigen Wiener Verlag (…)“ 4 erschien. Aufgrund des regen Interesses an dem Buch und der daraus folgenden großen Nachfrage mussten nach und nach immer wieder neue Auflagen gedruckt werden. Allerdings wurde der „Reigen“ in den folgen- den Jahren „(…) in Deutschland wiederholt beschlagnahmt und seine Vertreiber juris- tisch verfolgt(…)“ 5, was dem Erfolg des Buches allerdings keinen Abbruch tat. Im Ge- genteil, denn das Buch erreichte noch „(…) zu Lebzeiten Schnitzlers eine Auflage von mehr als hunderttausend Stück (…)“ 6.

Allerdings weigerte sich Schnitzler zunächst, einer Bühnenadaption des Stückes zuzu- stimmen. In den folgenden Jahren, bis Ende des Ersten Weltkrieges 1918 „(…) häuften sich die Anträge aller Art, darunter finanziell glänzende (…)“ 7, schließlich doch noch Schnitzlers Erlaubnis für eine Theateraufführung zu bekommen. Doch er lehnte diese Angebote weiterhin ab. Zu dieser Zeit bemühte sich auch der von Schnitzler sehr ge- schätzte „(…) Max Reinhardt [um] das Aufführungsrecht für die Kammerspiele (…)“ 8 in Berlin. Zeitgleich versuchte auch Alfred Bernau, der Direktor des Wiener Volkstheaters, eine Erlaubnis von Schnitzler zu erhalten.

2. Der „Reigen“ in Berlin

2.1. Der Weg auf die Bühne

Zunächst lehnte Schnitzler auch hier ab, doch letztendlich war „(…) die Verlockung (…) groß, dieser anerkannten Bühne die Uraufführung zu überantworten“ 9, und er ei- nigte sich mit Reinhard. „Die erste Aufführung und somit die offizielle Uraufführung (…) wurde für den 23. Dezember 1920 angekündigt“ 10. Jedoch kam es am Abend vor der Premiere „(…) zu einer einstweiligen Verfügung, wodurch die 'Reigen'-Aufführung - unter Androhung von Haftstrafen für den Übertretungsfall - verboten wurde“ 11. Die Direktion des Schauspielhauses in Berlin entschied sich jedoch trotzdem dafür, das Stück wie geplant aufzuführen und die Premiere fand ohne Zwischenfälle statt. Selbst die Presse stellte sich zunächst überwiegend auf die Seite des Schauspielhauses, denn „[i]m allgemeinen sahen sie Rezensenten, obwohl sie das Stück wie auch die Aufführung sehr unterschiedlich beurteilten, keinen Grund für ein Verbot, die befürchteten Rufe nach der Zensur blieben aus“ 12.

2.2. Der erste„Reigen“-Prozess

Doch da die Direktion sich über das gerichtliche Verbot hinweggesetzt hatte, kam es am 03. Januar 1921 zu einer Verhandlung vor dem Berliner Landgericht. Dabei beschloss das Gericht, „(…) zunächst einmal die Aufführung selbst einer Prüfung zu unterziehen (…)“ 13, woraufhin die einstweilige Verfügung am 06.01.1921 aufgehoben wurde. Da die Aufführung des „Reigen“ vom Gericht als „(…) eine sittliche Tat“ 14 bewertet wur- de, schien es, als wären die Diskussionen um das Stück endlich beendet. Doch die vor- läufig beigelegten juristischen Streitereien wurden schon kurz darauf wieder entflammt.

2.3. Der zweite„Reigen“-Prozess

Nur kurze Zeit nach dem Freispruch agierten der Journalist Erich Schlaikjer und Regie- rungsrat Karl Brunner als „(…) die treibende Kraft bei der Skandalisierung der Auffüh- rung (…)“ 15. Es wurden mehrfach Artikel publiziert, die als Hetze gegen das Stück in- terpretiert werden mussten. Außerdem gelang es Brunner, mit einer „(…) Protesterklä- rung, die offensichtlich in Tausenden von Exemplaren verbreitet wurde“ 16, eine erneute Anklage vor Gericht zu erwirken. Auffällig war jedoch, das diese Protesterklärung von vielen Leuten unterschrieben wurde, die den „Reigen“ weder gelesen, noch auf der The- aterbühne gesehen hatten.

Ungeachtet dessen wurde diesmal Anklage gegen die Direktion, das Schauspielerensemble und die Regisseure des Kleinen Schauspielhauses erhoben. „Die Schauspieler sollten durch die Aufführung eine »unzüchtige Handlung« begangen haben und von der Direktion dazu angestiftet worden sein“ 17.

Auch wurde unter der Bevölkerung immer mehr Mobilisierung gegen den „Reigen“ und die Aufführung spürbar. So kam es am 22. Februar 1921 zu Krawallen während einer Vorstellung, wobei Stinkbomben auf die Bühne geworfen wurden, und teils antisemitische Parolen geäußert wurden. „Die Zuschauer wurden tätlich angegriffen und mußten von der Polizei geschützt werden“ 18.

Infolge dessen wurde zunächst eine „(…) gerichtliche Voruntersuchung gegen Direkti- on und Schauspieler (…)“ eingeleitet. Schließlich fand, nach erneuter Anklage im Sep- tember, vom 05. bis 12. November 1921, der zweite „Reigen“-Prozess statt. Im Mittel- punkt des Prozesses standen zwei Fragen: zum einen, ob „(…) der 'Reigen' sittlich oder unsittlich“ 19 wirke, und zum anderen, ob „(…) der 'Reigen' über die Auffassung von Liebe, Ehe und Sexualität (…)“ 20 ein tatsächlich vorhandenes Gesellschaftsbild abliefe- re, oder dieses falsch darstelle.

Um nun endlich zu beweisen, das es sich beim „Reigen“ um unsittlichen Schund hande- le, bot die Anklage eine beeindruckend hohe Anzahl an Zeugen auf, die sich alle empört über die Inszenierung des „Reigen“ zeigten. Die meisten Zeugen der Staatsanwaltschaft konnten allerdings nicht über die mangelnde Qualität ihrer Aussagen hinwegtäuschen.

„Vor Gericht stellte sich bald heraus, daß die empörten Zeugen, die am Stück und an der Auf- führung anstoß nahmen, sich offenbar abgesprochen hatten - es handelte sich um eine gelenkte Aktion. Diese Zeugen mißverstanden den Text, soweit sie ihn überhaupt kannten, glaubten obs- zöne Vorgänge auf der Bühne beobachtet zu haben, sie übertrugen oft ihre eigenen Phantasien auf das Geschehen jenseits der Rampe oder erschöpften sich in wiederkehrenden Phrasen“ 21.

Im Laufe der Verhandlung stellte sich weiterhin heraus, dass vielen Zeugen, die den „Reigen“ eigentlich gar nicht kannten, „(…) die von den antisemitischen Zeitungen betriebene Stimmungsmache (…)“ 22 Grund genug war, die vorangegangene Protesterklärung Brunners zu unterschreiben.

Letztendlich wurden die Angeklagten aber in allen Anklagepunkten freigesprochen. Kein Punkt der Anklage konnte glaubhaft dargestellt und begründet werden und das Gericht konnte nach eingehender Prüfung nicht bestätigen, dass der „Reigen“ unsittliche sei, bzw. ein falsches Bild der Gesellschaft liefere.

3. Der Reigen in Wien

3.1. Der Weg auf die Bühne

Wie bereits erwähnt, fanden, zeitgleich zu Schnitzlers Verhandlungen mit Max Rein- hardt in Berlin, auch Gespräche mit Alfred Bernau über eine Aufführungsgenehmigung in Wien statt. Zwar gab Schnitzler nach einigem Überlegen auch dem Deutschen Volks- theater seine Zustimmung, allerdings musste erst geklärt werden, ob der Reigen über- haupt aufgeführt werden durfte. Denn nach damals geltendem Recht, hatte sich ein The- ater „(…) bei jedem Stück um eine Aufführungsbewilligung (…)“ 23 zu bemühen, die üblicherweise von den zuständigen Polizeidirektionen erteilt wurden. Die Polizei muss- te demnach prüfen, ob das Stück ohne Auflagen freigegeben werden konnte, oder ob nicht vertretbare Szenen gestrichen werden mussten. Dies zeigt, dass der Staat trotz of- fiziell nicht vorhandener Zensur die Kontrolle weiter für sich beanspruchte. Wurde ein Verbot ausgesprochen, bzw. die polizeilichen Änderungsvorschläge nicht berücksich- tigt, „(…) mußte das Stück zur weiteren Entscheidung und abschlägigen Erledigung der Landesregierung vorgelegt werden“ 24.

[...]


1 Sprengel, Peter (Hrsg.): Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870-1900. C.H.Beck, München, 1998.

2 Schnitzler, Arthur: Briefe 1875 - 1912. S. Fischer, Frankfurt a. Main, 1981, S. 314.

3 Scheffel, Michael: Nachwort. In: Schnitzler, Arthur: Reigen. Zehn Dialoge. Reclam, Stuttgart, 2002, S. 136.

4 Koebner, Thomas (Hrsg.): Erläuterungen und Dokumente. Arthur Schnitzler. Reigen, Reclam, Stuttgart, 1997, S. 17.

5 Scheffel, Michael: Nachwort. In: Schnitzler, Arthur: Reigen. Zehn Dialoge. Reclam, Stuttgart, 2002, S. 136

6 Ebd.

7 Koebner, Thomas (Hrsg.): Erläuterungen und Dokumente. Arthur Schnitzler. Reigen, Reclam, Stuttgart, 1997, S. 17.

8 Ebd.

9 Pfoser, Alfred / Pfoser-Schewig, Kristina / Renner, Gerhard. Schnitzlers Reigen. Band 2. Fischer, Frankfurt a. Main, 1993, S. 25.

10 Pöhlmann, Friederike: Schnitzlers „Reigen“ als Politikum, 1985, S. 41.

11 Ebd., S. 42.

12 Pfoser, Alfred / Pfoser-Schewig, Kristina / Renner, Gerhard. Schnitzlers Reigen. Band 2. Fischer, Frankfurt a. Main, 1993, S. 37.

13 Ebd., S. 44.

14 Pöhlmann, Friederike: Schnitzlers „Reigen“ als Politikum, 1985, S. 47.

15 Pfoser, Alfred / Pfoser-Schewig, Kristina / Renner, Gerhard. Schnitzlers Reigen. Band 2. Fischer, Frankfurt a. Main, 1993, S. 48.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Fiedl, Konstanze: Arthur Schnitzler. Reclam, Stuttgart, 2005, S. 60.

19 Pöhlmann, Friederike: Schnitzlers „Reigen“ als Politikum, 1985, S. 47.

20 Ebd.

21 Koebner, Thomas (Hrsg.): Erläuterungen und Dokumente. Arthur Schnitzler. Reigen, Reclam, Stuttgart, 1997, S. 52. (Briefe 1913-1931, S. 281)

22 Pfoser, Alfred / Pfoser-Schewig, Kristina / Renner, Gerhard. Schnitzlers Reigen. Band 2. Fischer, Frankfurt a. Main, 1993, S. 61.

23 Pfoser, Alfred / Pfoser-Schewig, Kristina / Renner, Gerhard. Schnitzlers Reigen. Band 2. Fischer, Frankfurt a. Main, 1993, S. 98.

24 Ebd., S. 99.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Skandale und Prozesse und Arthur Schnitzlers "Reigen"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar Arthur Schnitzler
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V196292
ISBN (eBook)
9783656222880
ISBN (Buch)
9783656224037
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
skandale, prozesse, arthur, schnitzlers, reigen
Arbeit zitieren
Michael Brandl (Autor), 2007, Die Skandale und Prozesse und Arthur Schnitzlers "Reigen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196292

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