Siegfried und Hagen

Die Ermordung Siegfrieds als Höhepunkt des Konflikts zweier unterschiedlicher Heldentypen im Nibelungenlied


Seminararbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

I.) Inhaltsverzeichnis

II.) Einleitung

III.) Die Charaktere
1. Siegfried von Xanten
1.1. Vorstellung Siegfrieds
1.2. Siegfried am Hof und im Kampf
2. Hagen von Tronje
2.1. Vorstellung Hagens
2.2. Hagen am Hof und im Kampf
3. Zusammenfassung

IV.) Konflikt und Siegfrieds Ermordung als Höhepunkt
1. Rivalität und Mordrat
2. Der Mordplan und Betrug an Kriemhild
3. Die Jagd und Siegfrieds Tod

V.) Fazit

VI.) Literaturverzeichnis

II.) Einleitung

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit1 (1/1), so beginnt die erste Strophe der heute vermutlich bekanntesten deutschen Heldenerzählung des Mittelalters, nämlich des Nibe- lungenlieds. Es wird uns also von alten Geschichten berichtet, in denen wundersame und wunderbare Dinge geschehen. In beinahe 2400 Strophen werden Themen wie Krieg, Mord, Liebe, List oder Verrat in einem diffizilen Personenkonstrukt auf narrativ äußerst spannende und vielschichtige Weise verarbeitet und miteinander kombiniert, so dass unweigerlich bei jedem Rezipienten Interesse geweckt wird und das Nibelungen- lied nach wie vor, trotz 800-jähriger Geschichte, eine Erzählung ist, die weithin bekannt ist und bleibt. Ob nun im Original einer der drei Handschriften, oder aber in zahlreichen darauf aufbauenden Erzählungen, Verfilmungen, Hörspielen oder auch Richard Wag- ners Oper, dem Ring der Nibelungen; die Thematik bleibt weitestgehend dieselbe.

Ein wesentliches Merkmal ist meiner Ansicht nach, dass dabei jedesmal besonders zwei Personen nachhaltig im Gedächtnis bleiben: Siegfried von Xanten und Hagen von Tron- je. Siegfried ist die eigentliche Hauptperson, um die sich die Ereignisse im ersten Teil drehen und auch nach seiner Ermordung bleibt er, in der Erinnerung, weiterhin als Teil der Handlung erhalten.

Hagen ist, gemeinsam mit Kriemhild, der wichtigste Protagonist des gesamten Nibelun- genlieds und wird, für viele Leser sicher überraschend, als „(…) der größte Held aller Zeiten (…)“ 2 bezeichnet. Besonders nach dem Streit der Königinnen, bei Siegfrieds Ermordung und den folgenden Ereignissen tritt er immer mehr in Erscheinung und nimmt an Bedeutung zu, zumal er zum Hauptgrund und Hauptziel für Krimhilds Rache- pläne wird.

Im Folgenden möchte ich nun versuchen, beide Charaktere kurz etwas näher zu skizzie- ren um den Einstieg in das Thema dieser Arbeit zu erleichtern. Dabei sollen auch Ge- meinsamkeiten und Unterschiede von Siegfried und Hagen herausgearbeitet werden, um so auf den zentralen Punkt, nämlich die Rivalität und den Konflikt zwischen beiden Heldentypen, einzugehen, der schließlich in der Planung und Durchführung des Mordes an Siegfried durch Hagen gipfelt. Dabei möchte ich bewusst fast ausschließlich Bezug zum ersten Teil der Erzählung nehmen (Aventiuren 1-19), alleine schon, weil Siegfried nur in diesem Erzählabschnitt lebendig und unmittelbar an den Ereignissen beteiligt ist. Die charakterliche Weiterentwicklung bzw. das deutliche Hervortreten einer Vielzahl von positiven Charaktereigenschaften Hagens und seiner tragisch anmutenden Rolle im zweiten Teil soll nur kurz angesprochen, aber nicht näher thematisiert oder vertieft wer- den, da es für den Inhalt dieser Arbeit nicht notwendig ist und den Umfang in hohem Maße sprengen würde.

III.) Die Charaktere

1. Siegfried von Xanten

1.1. Siegfrieds Vorstellung

Die komplette zweite Aventiure beschäftigt sich mit der genauen Vorstellung des Hel- den Siegfried. Hier berichtet der Erzähler, wie der snelle degen gout (22/1), also der im äußersten Maße tapfere und (vor)treffliche Held, zum Mann heranwächst und zum Rit- ter geschlagen wird. Bereits hier wird Siegfried als jemand Besonderes beschrieben, der es schon in jungen Jahren geschafft hat, in besonderem Maße Ehre und Ruhm zu errei- chen und einen, über die Grenzen des Königreiches seines Vaters reichenden, Ruf zu erlangen.

„Die Darstellung des jungen Fürsten gerät zu einem Muster des neuen adligen Men- schenbildes.“ 3 Selbstverständlich ist Siegfried durch seine adlige Abstammung bereits besonders geprägt, schließlich wird er eines Tages König werden. Doch vor allem seine Stärke, Schönheit und Bildung zeichnen ihn aus und machen ihn somit zu einer Art Ide- altypus eines Herrschers. Dies wird deutlich, als sich die r î chen herren (42/2) unisono dafür aussprechen, Siegfried eines Tages als ihren Herrscher haben zu wollen.

1.2. Siegfried am Hof und im Kampf

Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass sich sein Weg mit dem der schönsten und begehrenswertesten Frau weit und breit kreuzen muss. Als Siegfried von Kriemhild er- fährt, will er sie unbedingt als seine Frau gewinnen, obwohl er nicht viel von ihr weiß und sie noch nie gesehen hat. Er hat lediglich von ihrer außerordentlichen Schönheit, ihrem Stolz, niemanden heiraten zu wollen und den vielen erfolglosen Werbern vor ihm gehört. 4 Als erster und einziger Mann doch erfolgreich um ihre Hand anzuhalten dürfte sicherlich einen motivierenden Effekt auf ihn haben. Siegfried, der offensichtlich nichts davon hält aufzugeben, ist bereit, diese Herausforderung anzunehmen, schließlich ist er für seinen Ehrgeiz bekannt. Dass ihm dieser Ehrgeiz und sein oft unbekümmertes Verhalten das Leben kosten werden, ahnt er nicht.

Er beginnt, sich mit der Minnekunst zu beschäftigen und ez was ir aller werben wider in ein wint (47/2). Niemand ist in der Lage, ernsthaft in Konkurrenz zu ihm zu treten. Er ist, wie in so vielen anderen Dingen, der Beste und so verrät der Autor auch nicht zu viel, als er bereits auf die Hochzeit Siegfrieds mit Kriemhild vorgreift. Als auch sein Vater Siegmund vom Vorhaben seines Sohnes erfährt, warnt dieser ihn jedoch vor König Gunthers Gefolge. Genauer warnt er ihn vor Hagene der degen: der kann mit ü berm ü ete der h ô chverte pflegen (53/1,2). Es überrascht doch sehr, dass hier nicht der König als Gefahr für Siegfried empfunden wird; „es ist der Vasall, vor dem Siegmund warnt, und seine Äußerung soll sich als programmatisch erweisen.“ 5 Am Wormser Hof angekommen fällt auf, dass Siegfried hier noch relativ unbekannt ist. Nur eine Person kennt die Geschichten über ihn, dafür aber beinahe jede Einzelne akri- bisch genau: Hagen. Er kann dem König und seinen Vertrauten von Siegfrieds Kampf mit dem Drachen und dem Zwerg Alberich, dem Nibelungenhort, der Tarnkappe oder seinem mystischen Schwert Balmung erzählen. Dadurch wirkt Siegfried bei den Bur- gunden wie ein Fremdkörper, der durch seine Abenteuer und übernatürliche Stärke nicht in das strukturierte, höfische System zu passen scheint. Gleichzeitig ist es auch ein Indiz dafür, dass mit ihm etwas Neues am Hof Gestalt annimmt.

Hier wird das erste Mal der ihn oft kennzeichnende ü bermout durch sein zunächst kom- promissloses Auftreten gegenüber Gunther offenbart, denn „(…) Siegfried antwortet auf den höfischen Gruß überraschenderweise nicht mit seiner Werbung um Kriemhild, son- dern mit der heroischen Herausforderung Gunthers zum Zweikampf.“ 6 Das begründet sich sicherlich auch auf sein enormes Selbstbewusstsein und seine übermenschliche Stärke, derer er sich stets bewusst ist. Er erweckt so durchaus den Eindruck, arrogant zu sein und scheint manchmal, trotz seiner höfischen Erziehung und Prinzipien, nicht zu wissen, bis zu welcher Grenze er gehen kann. Siegfried scheint es auf den ersten Blick nicht allzu sehr zu kümmern, was andere von ihm denken, solange er seine Ziele - in diesem Fall die Liebe Kriemhilds - erreichen und verwirklichen kann. Wer soll sich ihm auch in den Weg stellen? Doch er ist auch dazu bereit, Kompromisse einzugehen, bzw. den Weg zu seinen Zielen zu überdenken und neu zu gestalten. So stellt er das heroische und martialische Verhalten ein, besinnt sich auf höfische Traditionen und macht sich klar, dass er Kriemhild nicht für sich gewinnen kann, wenn er ihren Bruder erschlägt. 7 Taktisch klüger ist es freilich, die Freundschaftseinladung anzunehmen und als Gast am Königshof zu residieren.

Als Gefahr durch die Kriegserklärung der Dänen und Sachsen droht, wird er „(…) sogar zu kriegerischen Hilfeleistungen für das burgundische Königshaus veranlaßt“. 8 Beinahe im Alleingang schlägt er das feindliche Heer zurück und bewahrt so das Königreich seines neuen Freundes Gunther. Erneut ein Beleg für seine übernatürliche Stärke, auch weil er vom Autor mehrfach als der mutigste und beste Krieger hervorgehoben wird. Doch auch Siegfrieds Bereitschaft, für seine neuen Freunde einzutreten und Hilfe zu leisten wird hier erstmals verdeutlicht. Der Begriff der triuwe, den ich mit einer Mi- schung aus Freundschaft, Verbundenheit und Treue übersetzen würde, tritt hier nach und nach in den Vordergrund. Niemand kann und darf von Siegfried erwarten, dass er für einen fremden Herrscher in den Krieg ziehen würde. Doch seine Liebe zu Kriemhild, seine Prinzipien, die ihn dazu drängen Freunden beizustehen und die Aus- sicht auf Ruhm im Kampf lassen den Königssohn, ohne Zweifel an seinem Handeln, erfolgreich in den Kampf ziehen. Liebe, triuwe und ü bermout als drei Kernmerkmale bei Siegfried lassen sich hier hervorheben.

Das beim Siegesfest stattfindende erste Treffen zwischen ihm und Kriemhild bestätigt ihn darin, richtig gehandelt zu haben, zumal sie großes Interesse an ihm zeigt und Gun- ther, sowie seine Brüder, einen vertrauten Umgang der beiden gestatten. Siegfried geht schließlich sogar soweit, sich nach außen hin als Vasall von Gunther zu präsentieren, als er mit ihm und Hagen nach Isenstein fährt, um Brünhild als Gemahlin für Gunther zu gewinnen. Sollte die Brautwerbung mit seiner Hilfe erfolgreich verlau- fen, so verspricht ihm Gunther seine Schwester Kriemhild als Ehefrau. Wieder handelt Siegfried aus einer Mischung von Eigennutz und Freundschaft und wieder zeigt er seine herausragenden Fähigkeiten, indem er die unbesiegbar scheinende Brünhild an Gun- thers Stelle mit Hilfe der Tarnkappe besiegt und somit nach Worms lotst. Dort demons- triert er ein weiteres Mal seine Überlegenheit, als er Brünhild im königlichen Schlaf- zimmer für Gunther überwältigt, sie gefügig macht und ihr Gürtel und Ring entwendet, um sie Kriemhild zu schenken. Einmal mehr ein Zeichen für seinen Übermut, der schließlich den Streit der beiden Königinnen eskalieren lässt und Hagen dazu bringt, Siegfried zu töten. Dieser Übermut ist sicherlich als größte Schwäche Siegfrieds zu in- terpretieren, da er in diesen Situationen nie über mögliche Folgen seines Handelns nachdenkt.

2. Hagen von Tronje

2.1. Hagens Vorstellung

Im Gegensatz zur schillernden und Aufmerksamkeit erregenden Person Siegfrieds bleibt Hagen zunächst nur schemenhaft skizziert. Er wird nicht genauer vorgestellt, lediglich wird er als wichtigster Vasall des Königs erwähnt. Allerdings zeigt bereits die Warnung von Siegmund, dass Hagen mehr sein muss, als lediglich ein Berater Gunthers. Dadurch verstärkt sich die geheimnisvolle Aura um Hagen und der Erzähler erzielt so einen düsteren ersten Eindruck vom Tronjer, der die meisten Leser wohl dazu veranlasst, ihn als unsympathisch, Siegfried hingegen als sympathisch zu empfinden.

2.2. Hagen am Hof und im Kampf

Als Siegfried den Hof in Worms das erste Mal betritt, zeigen sich bereits zwei wichtige Charakterzüge Hagens. Auf der einen Seite ist er der Einzige, der genauestens über Siegfried Bescheid weiß. Seinen Erzählungen wird zudem ohne Zweifel Glaube ge- schenkt, was verdeutlicht, wie sehr seine Kenntnisse respektiert werden und wie sehr man sich auf ihn verlässt.

„Auffällig ist, dass er seine ausdrückliche Einwilligung in Gunthers Auftrag gibt, bevor er ihn erfüllt (…).“ 9 Ein Zeichen dafür, welche besondere Stellung Hagen zuteil ist. Er scheint, über die Position des Vasallen hinaus, eine gleichwertige Instanz zum König zu sein.

Wissen ist Macht und Hagens Kenntnis und Wissen um manche Dinge steht dem der anderen Mitglieder der Herrscher und Vasallen deutlich voran. Er ist derjenige, der in so gut wie alle wichtigen Entscheidungsprozesse eingebunden ist, ja sogar derjenige, der viele diese Entscheidungen überhaupt erst vorantreibt. Er wirkt häufig überlegen und macht sich diesen Umstand laufend zu nutze.

[...]


1 Im Folgenden werden sämtliche Zitate und Begriffe aus dem Mittelhochdeutschen kursiv wiedergegeben. Zitate werden durch Angabe von Strophe und Vers in Klammern markiert, wobei ich mich immer auf die Ausgabe des Nibelungenlieds nach Helmut Bracker beziehe.

2 Reichert, Hermann (Hrsg.): Das Nibelungenlied. Text und Einführung. Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin, 2005, S, 496.

3 Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2006, S. 147.

4 Vgl. Reichert, Hermann (Hrsg.): Das Nibelungenlied, S. 391.

5 Botschan, Marcus: Der eigenmächtige Vasall: Typisierung und Individualisierung der Figur Hagen v. Tronje im „Nibelungenlied“. Magisterarbeit, Erlangen, 2005, S. 9.

6 Müller, Jan-Dirk: Das Nibelungenlied. Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2., überarbeitete und ergänzte Auflage, 2005, S. 78.

7 Vgl. Reichert, Hermann (Hrsg.): Das Nibelungenlied, S. 411.

8 Spiewok, Wolfgang: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters. Reinecke-Verlag, Greifswald, 1994, S. 156.

9 Botschan, Marcus: Der eigenmächtige Vasall, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Siegfried und Hagen
Untertitel
Die Ermordung Siegfrieds als Höhepunkt des Konflikts zweier unterschiedlicher Heldentypen im Nibelungenlied
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Department Germanistik und Komparatistik)
Veranstaltung
Proseminar Nibelungenlied
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V196295
ISBN (eBook)
9783656222866
ISBN (Buch)
9783656224686
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
siegfried, hagen, ermordung, siegfrieds, höhepunkt, konflikts, heldentypen, nibelungenlied
Arbeit zitieren
Michael Brandl (Autor), 2009, Siegfried und Hagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196295

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Siegfried und Hagen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden