Der Schulklassenkampf der ÖVP: Die hartnäckige Opposition zur Gesamtschule


Bachelorarbeit, 2012
83 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

ABSTRACTS

VORWORT

1. EINLEITUNG
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2. DIE PARTEI
2.1 ÖVP - ÖSTERREICHISCHE VOLKSPARTEI
2.1.1 Entwicklung und ideologische Ausrichtung der öVP
2.1.2 Organisationaler Aufbau und Verflechtungen der öVP
2.1.3 Grundpositionen zur Bildung in Parteiprogramm & Publikationen
2.2 Cleavage Strukturen zwischen den Parteien und innerhalb der ÖVP
2.2.1 Annahmen der Cleavage Theorienach Lipset/Rokkan
2.2.2 Anwendung der Cleavage Theorie auf die Parteienstruktur Österreichs und den innerparteilichen AufbauderÖVP

3. DIE BILDUNG
3.1 Die Sekundarstufe I im österreichischen Schulsystem
3.1.1 Entwicklung der Sekundarstufe i in Österreich
3.1.2 Derzeitiges differenziertes Sekundarstufe i Modell
3.1.3 Option Gesamtschule: Definition und Abgrenzung
3.2 Bildung und Ungleichheit
3.2.1 Zusammenhang soziale Herkunft & Bildungsweg
3.2.2 Boudon's Ansatz primärer und sekundärer Herkunftseffekte
3.3 Volksbegehren Bildungsinitiative

4. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG
4.1 DIE VERWENDETE METHODE
4.1.1 Darstellung und Begründung der Methode
4.1.2 Die Auswahl des Materials/der Organisationen
4.1.3 Die Durchführung der Untersuchung
4.2 Quantitative Analyse der Presseaussendungen
4.3 Qualitative Analyse der Presseaussendungen
4.4 Zusammenführung der empirischen Ergebnisse & Beantwortung der Forschungsfragen

5. CONCLUSIO

Quellenverzeichnis (Sekundärliteratur)

Anhang
Liste aller Aussendungen (Primärquellen)
Tabelle: Zusammensetzung der Aussendungen nach Monaten
Tabelle: Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse nach Organisationen/Kategorien
Auswertungsbeispiel

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Modell des derzeitigen österreichischen Schulsystems (Bundesschülerinnenvertretung 2008)

Abbildung 2: Verteilung der Schülerinnen der 5. Schulstufe 1980-2011 nach Schultypen; Österreich (Statistik Austria 2012, 27)

Abbildung 3: Übergang nach der Volksschule, nach Schicht - Schichtindex aus Schulbildung und Beruf; Österreich (Schlögl/Lachmayr 2004, 81)

Abbildung 4: Schulbesuch der Sekundarstufe i der 12- und 13-Jährigen nach Bildung der Eltern, laut Volkszählung 2001; Österreich (Kast 2006, 245)

Abbildung 5: Übertrittsquoten von der Sekundarstufe i in die Sekundarstufe ii, 2010/11 (Statistik Austria 2012, 51)

Abbildung 6: intergenerationeller Vergleich: Höchste abgeschlossene Bildung nach Bildung der Eltern (Statistik Austria 2012, 91)

Abbildung 7: Anzahl der Aussendungen nach Aussender (eigene Grafik)

Abbildung 8: Anzahl der Aussendungen pro Monat (eigene Grafik)

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstracts

Abstract deutsch

Eine Schulreform der Sekundarstufe I hin zu einer gemeinsamen Schule für 10- bis 14-Jährige wurde in Österreich politisch immer wieder diskutiert und 2011 auch in einem Bildungsvolksbegehren gefordert - als eines der wenigen europäischen Länder hält Österreich aber am differenzierten Schulsystem fest. Wie sinnvoll es ist, Kinder in diesem frühen Alter nach Talenten und Interessen zu trennen, ist umstritten: Die Aufteilung in unterschiedliche Schultypen führt dabei nicht zuletzt zu einer sozialen Selektion. Die Durchsetzung der Gesamtschule scheitert dabei auf politischer Ebene allem voran am Widerstand der Österreichischen Volkspartei: Das konservative Lager hält an der Aufteilung in ein Gymnasium, das Begabte fördern soll, und eine Regelschule für alle anderen fest. Dabei ist die ÖVP eine von verzweigten Strukturen geprägte Partei, die in ihren Teil- und Vorfeldorganisationen unterschiedliche Interessen vereint. Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von Presseaussendungen zur Zeit der Aktualität des Volksbegehrens, welche Standpunkte der Partei zur Gesamtschule festzustellen sind. Es zeigt sich dabei, wie die Opposition zur Gesamtschule fast ungebrochen, aber in Teilen doch widersprüchlich, über den innerparteilichen Aufbau hinweg verfestigt ist, und unterstützt durch Schlagworte und Slogans nach außen getragen wird.

Abstract english

A reformation of the lower secondary school system towards a comprehensive school for all 10 to 14 year olds has often been discussed but never been implemented in Austria. Recently, in 2011, it was even requested as part of a petition for a referendum. However, a system that differentiates in more and less gifted children is retained, although it is highly controversial and causes social selection. The main opposition against a comprehensive school comes from the ÖVP - the conservative party in Austria. The ÖVP is a complicated structured party with many specialized organizations that represent different interests. This thesis examines the press releases of these organizations on the topic during the time of the referendum. It shows how consolidated this opposition is throughout the party, where it is so, and where it is not, and what contradictions and inconsistencies emerge from it. It also focuses on buzzwords and slogans used in the argumentation.

Vorwort

Die Arbeit an diesem Thema ist motiviert durch die persönliche Meinung, dass das differenzierte Schulsystem in Österreich in seiner derzeitigen Ausformung suboptimal und sozial selektiv ist. Dort wo diese Ansicht allerdings im Inhalt der Arbeit vertreten ist, wurde versucht, dies rein aufgrund von nachvollziehbaren Fakten und in der wissenschaftlichen Literatur vorfindbaren Ansätzen der Fall sein zu lassen.

Was in Bezug auf soziale Selektion durch den Bildungsweg jedoch im Vorhinein klargestellt werden soll, ist, dass ein höherer Bildungsabschluss - bzw. eine Sekundarstufe I Schulform, die mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einem solchen führt - keineswegs per se als höherwertig gilt. Begrifflichkeiten legen dies allerdings häufig nah. Soweit diese auch in der vorliegenden Arbeit einen entsprechenden Anschein erwecken, soll dem hiermit widersprochen werden. Um es mit Dahrendorfs Worten (1961, 6) zu sagen: „Soziale Ungleichheit beginnt dort, wo aus sozialer Ungleichartigkeit oder Heterogenität über einen Bewertungsprozess soziale Ungleichwertigkeit entsteht".

Eine kritische Auseinandersetzung mit einer der beiden (früheren) österreichischen Großparteien, der ÖVP, ist außerdem Teil der Fragestellung. Dabei sind Vergleiche und Einbeziehungen der anderen Parteien, vor allem der SPÖ, nötig. Um die angestrebte Neutralität diesbezüglich zu unterstreichen, soll betont werden, dass meinerseits keinerlei persönliche Affinität oder spezielle Abneigung zur SPÖ besteht; ebenso zur ÖVP.

1. Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

Im November 2011 war in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse" die Schlagzeile „Klassenkampf light in der Volkspartei" (Pink 2011) zu lesen. Hintergrund dafür war ein Konflikt zwischen Wirtschafts- und Arbeitnehmerflügel - ein treffender Titel für die Zerrissenheit in der Österreichischen Volkspartei, wenn es darum geht, über den ausgedehnten Aufbau der ÖVP- Organisationen hinweg einen einheitlichen Standpunkt zu politischen Inhalten zu finden. Ein solch politisch heiß diskutierter Inhalt während der beiden vergangenen Jahre war das „Bildungsvolksbegehren". Während einige der Punkte, die es beinhaltete, auf eine qualitativ höherwertige Bildung sowohl in Österreichs Schul- als auch Universitätssystem abzielten, und damit auf relativ breitem Konsens in der öffentlichen Meinung aufbauen konnten, war es speziell eine Forderung, die hohe Wellen schlug und kontrovers diskutiert wurde: Jene nach einer Gesamtschule für 10- bis 14-Jährige. Die Debatte um eine Reform des Sekundarstufe I Schulsystems fand dabei auch stark über die Medien statt - und wurde hitzig und ideologisch begründet diskutiert. Die Bandbreite der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten reicht von einer Beibehaltung des bestehenden Systems über die Modernisierung nur der Hauptschulen unter dem Namen „Neue Mittelschule" bis hin zur Einführung einer gemeinsamen Schule aller 10- bis 14-Jährigen. Dabei bildet sich eine Kluft zwischen Befürwortern, die in letzterer soziale Fairness sehen, und Gegnern, die dadurch Qualitätseinbußen befürchten. Auf beiden Seiten werden schichtspezifische Interessen vertreten - die Diskussion mutet wie eine Light-Version des Klassenkampfes, nicht nur in der Volkspartei, an.

Innerhalb der österreichischen rot-schwarzen Koalition ist die Schulreform ein wiederkehrendes Thema, das derzeit mit dem Schulversuch Neue Mittelschule bearbeitet wird. Dabei gilt die SPÖ als Befürworter eines Gesamtschulsystems, das nicht ab einem Alter von 10 Jahren differenziert; die ÖVP bremst hingegen die Entwicklungen hin zu einer Gesamtschule. Österreich ist eines der wenigen Länder im europäischen Raum, die für das Alter von 10 bis 14 Jahren ein differenziertes Schulsystem besitzen. Davon ausgehend stellt sich die Frage, wie bzw. mit welchen Argumenten die Österreichische Volkspartei gegen seine Abschaffung argumentiert. Da es sich dabei um einen komplexen, durch viele Vorfeldorganisationen und der Partei nahestehende Organisationen unterstützten „Parteiapparat" handelt, ist auch die Meinung zur Gestaltung der Sekundarstufe I im Feld der ÖVP nicht unbedingt klar und zentral vorgegeben. Wie klar das Nein zur Gesamtschule tatsächlich ist, ist die Frage, die geklärt werden soll. Welche Positionen werden vertreten, womit wird argumentiert? Diese Positionen und Argumente sollen anhand von Presseaussendungen zum Thema Sekundarstufe I erfasst werden. Meinungen, die vonseiten einer Partei bei verschiedenen Anlässen, Diskussionen und Veranstaltungen geäußert werden, finden sich mit ziemlicher Sicherheit begleitend auch in einer Presseaussendung wieder, eine Sammlung von Aussendungen sollte also ein umfassendes Bild der Standpunkte wiedergeben. Da sich die Diskussion vor allem seit der Bekanntmachung des ehemaligen SPÖ-Politikers Hannes Androsch 2010, für 2011 ein Bildungsvolksbegehren initiieren zu wollen, wieder intensiviert hat, wird der Zeitpunkt dieser Bekanntmachung den Beginn des Untersuchungszeitraums darstellen und dieser nach der Abhaltung des „Volksbegehren Bildungsinitiative" enden.

Grundlegende Bildungsentscheidungen, so auch das Schulwesen auf der Ebene der Sekundarstufe I betreffend, werden in Österreich auf Bundesebene getroffen. Die ÖVP ist nicht nur derzeit auf Bundesebene Regierungspartner (gemeinsam mit der Sozialdemokratischen Partei Österreichs), sie wird dies aufgrund der Gestalt der österreichischen Parteienlandschaft mit nicht allzu geringer Wahrscheinlichkeit auch in näherer Zukunft bleiben. Dies macht ihre Einstellung zur Schulstruktur - oder auch die Bandbreite der Standpunkte innerhalb ihrer Organisationen - so maßgeblich für deren Entwicklung. Hat die ÖVP innerhalb ihrer Teilorganisationen, und darüber hinaus in ihren Vorfeldorganisationen und ihr nahestehenden Verbänden und Vereinen, einen starken Rückhalt für ihre Bemühungen für den Erhalt des differenzierten Schulsystems, wird sie tendenziell auch zukünftig dieser Auffassung bleiben. Eine stärker gesplittete Meinung dazu über die Partei hinweg könnte einen weniger verfestigten Standpunkt und damit mehr Spielraum für Veränderungen im Schulsystem bedeuten.

Die Rechtfertigung für die kontrovers diskutierte Gesamtschule liegt vor allem in der erwähnten sozialen Chancengerechtigkeit, die sie herzustellen im Stande sein soll. Der Forschungsstand zum Zusammenhang von Bildung und sozialer Herkunft ist mittlerweile sehr umfangreich: Bereits in den 70'ern und 80'ern wurden Untersuchungen dazu angestellt; auch eine Unmenge jüngerer Publikationen ist vorhanden. Das Fazit lautet trotz der vielen Zeit die dazwischen liegt damals wie heute, dass die Herkunft, also der sozioökonomische Status der Eltern, die Bildungslaufbahn der Kinder beeinflusst. Bisherige Reformen konnten diese Ungleichheit nur leicht abschwächen. Und der erste und ein sehr wesentlicher Knackpunkt dabei ist der Übergang von der 4. in die 5. Schulstufe, also von der Volksschule in die Sekundarstufe-I.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Politikwissenschaftlich stellt sich nun die Frage, wie sich die Meinung zum konkreten Thema über die Partei hinweg deckt und mit welchen Argumenten der Standpunkt der aussendenden Organisation jeweils vertreten wird. Die Aktualität des Themas kann dabei die wissenschaftlich distanzierte Sichtweise beeinträchtigen - Sozialwissenschaft sollte sich dennoch auch mit „lebendiger Materie" befassen. Dem entsprechend werden die Standpunkte während der anhaltenden Diskussion zum „Volksbegehrens Bildungsinitiative" betrachtet. Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit lautet dazu konkret:

Welche Standpunkte sind in Bezug auf das derzeitige Modell der Sekundarstufe I und insbesondere die Option Gesamtschule im organisationalen Umfeld der Österreichischen Volkspartei festzustellen?

Folgende Forschungsfragen lassen sich daraus ableiten:

1. Welche Organisationen vertreten ähnliche Positionen, welche stehen sich inhaltlich gegenüber?
2. Welche Argumente werden von den jeweiligen Organisationen verwendet, um ihren Standpunkt zu begründen?
3. Welche Organisationen bringen sich wie stark in die Debatte ein?
4. Wie fügen sich die verschiedenen Standpunkte in das Gesamtbild der Volkspartei?

Die ersten beiden Forschungsfragen sollen im Zuge der qualitativen Inhaltsanalyse der Presseaussendungen beantwortet werden. Die dritte Forschungsfrage wird mit der quantitativen Auswertung der Presseausendungen beantwortet, ergänzt durch Erkenntnisse aus der qualitativen Auswertung. Die Beantwortung der vierten Frage erfordert eine Synthese aus den Ergebnissen der ersten drei Forschungsfragen und den Inhalten, die im Theorieteil in Kapitel 2 zur österreichischen Volkspartei und der Cleavage Theorie behandelt werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Nach der Einführung gibt Kapitel 2 - „Die Partei" - einen Einblick in die Struktur der ÖVP, um die Voraussetzung für die Untersuchung der verschiedenen Organisationen herzustellen und den Hintergrund der Partei zu klären. Anschließend soll die Einbeziehung der „Cleavage Theorie" Ansätze für den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Interessen und Parteienkonstitutionen bieten, wie sie im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersucht werden. In Kapitel 3 - „Die Bildung" - wird eingangs auf die derzeitige Ausgestaltung der Sekundarstufe I im österreichischen Schulsystem mit besonderem Fokus auf das Begriffskonstrukt „Gesamtschule" eingegangen. Ein weiterer Punkt widmet sich den Zusammenhängen zwischen Bildung und sozialer Ungleichheit. Diesem Kapitel kommt ein wesentlicher Stellenwert in dieser Arbeit zu, da es die Relevanz der Fragestellung verdeutlicht: Das Schulsystem ist nicht nur eine weitere „Policy", deren Reformbedarf diskutiert wird - es hat weitreichende gesellschaftliche Ursachen und Auswirkungen. Statistische Daten und soziologische Ansätze - konkret Boudon's Ansatz zu Herkunftseffekten - zeigen die Problematiken dabei auf. Das Bildungsvolksbegehren 2011 ist der Anlass für diese Untersuchung und wird ebenfalls kurz skizziert. Damit schafft dieses Kapitel die Erklärungsbasis für die in den Presseaussendungen behandelten Inhalte. Mit Kapitel 4 - „Empirische Untersuchung" - folgt der Kern der Arbeit: Die Untersuchung der Presseaussendungen. Diese setzt sich aus einem quantitativen und einem qualitativen Teil zusammen, wobei der Schwerpunkt auf der qualitativen Inhaltsanalyse liegt. Kapitel 5 - „Conclusio" - soll schließlich die Ergebnisse abschließend fassen und einen Ausblick zulassen.

2. Die Partei

Da die Meinungsvielfalt zur Einführung einer Gesamtschule in dieser Arbeit am Spektrum der Meinungen von ÖVP und ÖVP-nahen Organisationen durchgeführt wird, sind auch Hintergründe über den „Komplex" Österreichische Volkspartei nötig. Dafür werden die Entwicklung der Partei und ihr komplexer Organisationscharakter beleuchtet. Danach wird mit der Cleavage Theorie ein politikwissenschaftlicher Ansatz eingebracht, der sich in Bezug auf die ÖVP auf zwei Weisen anwenden lässt: Einerseits auf die Anforderung an die Partei, für einen Standpunkt einzutreten, der dem Interesse jenes Teils der Bevölkerung entspricht, die sie per Wahl vertreten soll; andererseits auf die Kluft zwischen den Interessensgruppen der ÖVP.

2.1 ÖVP - Österreichische Volkspartei

2.1.1 Entwicklung und ideologische Ausrichtung der ÖVP

„Von Anfang an war das Konzept und Selbstverständnis der ÖVP das einer bürgerlichen Sammlungspartei, die nicht nur verschiedene Berufsgruppen, sondern auch verschiedene ideologische Strömungen (Konservatismus, Liberalismus, Katholische Soziallehre) in sich vereint." So bringt Müller (2006, 341) die weite Fächerung der ÖVP auf den Punkt. 1945 als Nachfolgepartei des christlich-sozialen Lagers der ersten Republik gegründet, schaffte sie es, durch den Zusammenhalt der verschiedenen Strömungen und durch ihren „(...) ausgeprägten Pragmatismus, der das Nebeneinander und die selektive Anwendung gegensätzlicher Positionen zuließ (sic)", breite Bevölkerungsschichten anzusprechen. Bis 1970 und wieder ab 1987 war sie in der Bundesregierung (Müller 2006, 341-342). Die ÖVP hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts von einer Klassen- und Weltanschauungspartei zur Massenintegrationspartei, zur weniger ideologisch determinierten „catch all party" entwickelt (Welan 1985, 15; Pelinka/Rosenberger 2007, 156). Während die Gräben zwischen christlich-sozialem Lager - also dem Vorgänger der ÖVP - und sozialdemokratischem Lager in den 1930'ern zu Bürgerkriegen führten, war die zweite Republik zu einem großen Teil von Koalitionen der beiden Parteien geprägt. Diese konsensdemokratische Ausrichtung der Politik war vor allem eine Reaktion auf die vorausgegangenen Konflikte: Die Klientel blieb ihren politischen Lagern in Österreich lange Zeit treu und ist dies in Spuren noch - auch durch die in Österreich stark ausgeprägten und parteipolitisch verflechteten korporatistischen Strukturen (Pelinka/Rosenberger 2007, 156-157; 185).

Eine nicht sehr aktuelle, aber immer noch stimmige Einschätzung von Welan (1985, 18) beschreibt das Selbstbild der ÖVP als christlich-demokratisch und liberal-konservativ, und charakterisiert sie demgegenüber „trotz ihrer Auffächerung zwischen halblinks und weit rechts" als pragmatisch­gemäßigte Partei. Mittlerweile existieren mit SPÖ, ÖVP und FPÖ auf Bundesebene drei vom Stimmanteil her ähnlich große Parteien, die Grünen und BZÖ eher etwas dahinter: Selbst im Fall der schwächeren Position der ÖVP bei einer Wahl steigt ihre realpolitische Macht durch ihre mittlere Position zwischen den anderen, deren Größe eine Regierungsbeteiligung wahrscheinlich macht, und ihre damit einhergehende Koalitionsfähigkeit (so geschehen bei der Wahl 1999) (Pelinka/Rosenberger 2007, 162; Marcelo 2006, 314).

2.1.2 Organisational Aufbau und Verflechtungen der ÖVP

„Parteien und Verbände sind kein notwendiges Übel, sondern Voraussetzungen und Folgen einer funktionierenden pluralistischen, demokratischen Politik", meinte Welan 1985 (11), und nimmt man ihn beim Wort, steht Österreich und besonders auch die ÖVP, bestens da. Dabei sind Parteien und Verbände oft organisatorisch verflochten, besonders große Parteien wie die ÖVP. Zur Unterscheidung von Parteien und Verbänden soll hier kurz auf Definitionen zurückgegriffen werden: Parteien vertreten Teilinteressen, die gegeneinander mobilisiert werden - sie besitzen Integrations-, Rekrutierungs- und Legitimationsfunktion (Pelinka 2005, 72). Verbände haben demgegenüber keine Rekrutierungs- und Legitimationsfunktion und sind weniger mit den politischen Strukturen verflochten, allerdings verbinden sie die Gesellschaft mit ihnen. Sie üben Druck aus, und mobilisieren für oder gegen Themen - oder besitzen Finanzkraft (Pelinka 2005, 81-82).

Die Parteistruktur der ÖVP ist kompliziert, verfügt über ein dichtes Netz von Organisationen und bildet viele verschiedenen Interessen ab, dadurch kommt es bereits innerhalb der Partei zu einem Gegeneinander, und damit zu Reibungsverlusten (Müller 2006, 348; Müller/Plasser/Ulram 1995, 183). Es wird versucht, vieles im Vorfeld zu klären (Hartmann 1995, 317). In der Organisationsstruktur, die die ÖVP noch heute prägt, kommt die ständische Tradition und Struktur zum Ausdruck, die die Entwicklung der Partei begleitet und durch den Streit um diese bündische Struktur prägte (Halle 1987, 121; Ableitinger 1995, 160). Die ÖVP wurde bereits als „Clearingstelle für den Ausgleich wirtschaftlicher, sozialer, politischer und föderalistischer Interessen" (Gottweis 1983, 56, zitiert nach Halle 1987, 121) bezeichnet. Die innerparteilichen Kräfteverhältnisse, also die Stärke der einzelnen Teilorganisationen, bestimmen das Ergebnis aus diesem Prozess (Halle 1987, 121). Jahrelange Kompromissarbeit drängt aber die Interessen der Bünde mittlerweile hinter dem Gesamtbild der Partei etwas zurück (Bruckmüller 1995, 311).

Die Rolle wesentlicher Teilorganisationen, Fraktionen und Vorfeldorganisationen der ÖVP wird nun im Überblick vorgestellt: Der ÖAAB ist die (tendenziell schwache) ÖVP-Fraktion in der Arbeiterkammer - der Pflichtvertretung der Angestellten und Arbeiter. Der (tendenziell starke) Wirtschaftsbund (WB) vertritt als Teilorganisation die ÖVP in der Wirtschaftskammer - der Pflichtvertretung auf Arbeitgeberseite. Die Fraktion Christlicher Gewerkschafter (FCG) tritt als ÖVP Fraktion in der Gewerkschaft auf - sie hat in der Gesamtorganisation der Gewerkschaft wenig Gewicht, ist aber in der Teilgewerkschaft GÖD (Gewerkschaft Öffentlicher Dienst) traditionell sehr stark. Die Industriellenvereinigung steht in ihrer Gesamtheit der ÖVP durch finanzielle Unterstützungen nahe (Fink 2006, 453). Die Gewerkschaft vertritt wie die Arbeiterkammer Arbeitnehmerinteressen, allerdings auf freiwilliger Basis - eine ähnliche Analogie bildet die Industriellenvereinigung zur Wirtschaftskammer (Pelinka/Rosenberger 2007, 197). Der Bauernbund (ÖBB) als Teilorganisation der ÖVP dominiert in der Interessensvertretung der Landwirte: Der Landwirtschaftskammer (Pelinka/Rosenberger 2007, 198). In dieser Aufzählung stellen also ÖAAB, ÖWB und ÖBB Teilorganisationen der ÖVP dar: Diesen drei Teilorganisationen kommt traditionell - auch weil sie 1945 als Bünde die Gründungsbasis der ÖVP bildeten - viel Gewicht zu. Im Bereich der freien Verbände wurden die FCG als Fraktion, die GÖD als Teilgewerkschaft und die IV aufgezählt und ihnen Gewicht im Vorfeld der ÖVP zugesprochen.

Ihre vergleichsweise hohe Mitgliederzahl rekrutiert die ÖVP vor allem über ihre sechs Teilorganisationen: Die drei länger bestehenden - ÖAAB, WB, und ÖBB - wurden bereits erklärt, dazu kommen die Frauenbewegung, die Junge Volkspartei und der Seniorenbund. Prägend für die Partei ist neben diesen Teilorganisationen die föderalistische Struktur der ÖVP, also die neun Landesorganisationen, daneben Bezirks- und kommunale Ebene (Welan 1985, 18; Hartmann 1995, 323). Die föderale Struktur der Volkspartei zieht sich auch durch die Teilorganisationen (Welan 1985, 18): So wird später im empirischen Teil beispielsweise auch der Wiener ÖAAB einbezogen.

Durch ihre traditionellen Verflechtungen mit der katholischen Kirche besitzt die ÖVP auch Naheverhältnisse zu katholisch geprägten Verbänden: Hier spielen die farbentragende Studentenverbindung CV (bzw. ÖCV, Cartellverband) und auf Schülervertretungsebene der Mittelschülerkartellverband (MKV) eine Rolle. Personellen Rekrutierungen der ÖVP kommen nicht selten aus diesen Reihen (Pelinka/Rosenberger 2007, 215). Ein weiterer mit der Partei organisatorisch verbundener Verband ist der Akademikerbund, es handelt sich dabei um das „Vorfeld" der Partei (Müller 2006, 342), weiters die Studentenvertretung AG-Aktionsgemeinschaft, die Katastrophenhilfe der Österreichischen Frauen, das Österreichische Kinderrettungswerk, der Kameradschaftsbund, der Österreichische Mieter-, Siedler- und Wohnungseigentümerbund, der ÖAMTC. Dabei handelt es sich um Organisationen sekundärer politischer Sozialisation, die personell oder weltanschaulich mit der ÖVP verbunden sind (Hartmann 1995, 326-328).

Das Bundesparteiorganisationsstatut kennt den Bundesparteitag als theoretisch oberstes willensbildendes Organ (das Parteiprogramm obliegt ihm), der Bundesparteivorstand als höchstes Gremium, früher die Bundesparteileitung (als Autor von Presseaussendungen ist später „Bundesparteileitung" angegeben). Eine weitere Institution ist der parlamentarische Klub - auf Bundesebene (Ableitinger 1995, 141).

Die ehemaligen Bünde in der ÖVP haben lange Zeit mit der Partei selbst um die Dominanz in der Partei konkurriert (Ableitinger 2005, 137-141). Kriechbaumer verwendete dafür den Begriff „Polykratie" (1985, 71; zitiert nach Ableitinger 1995, 140). Andererseits wird argumentiert, die Interessenorganisationen stünden der „Sammlungsstrategie als der (sic) Strategie der ÖVP nicht nur nicht im Wege", sondern brächten durch ihre weniger stark ideologische Profilierung Vorteile (Ableitinger 1995, 151).

2.1.3 Grundpositionen zur Bildung in Parteiprogramm & Publikationen

Das Unterrichts- bzw. Bildungsministerium war von 1994 bis 2006 in der Hand von ÖVP-Ministern - entsprechend engagiert und den Status quo festigend zeigte man sich 2005 mit der Publikation „Politik für die Westentasche: Bildung" (Politische Akademie der ÖVP 2005). Zu den Grundlagen der ÖVP-Bildungspolitik werden darin zwei zentrale Eckpfeiler der VP-Bildungsverständnisse herausgestrichen - erstens betrachte die ÖVP Bildung als Lebensaufgabe; der zweite wesentliche Punkt lautet dabei aber gleich „Das Schulsystem muss nach Begabungen und Bildungszielen differenzieren" (Politische Akademie der ÖVP 2005, 15). Differenzierung in der Bildung ist demnach eindeutig ein sehr wesentliches Prinzip für die Volkspartei.

Das aktuellste Parteiprogramm der ÖVP, das sogenannte Grundsatzprogramm, wurde bereits 1995 beschlossen. Dennoch: Die Grundlinien, die ein Parteiprogramm vorgibt, sind längerfristig ausgelegt und sollen deshalb hier miteinbezogen werden. Im Grundsatzprogramm finden sich elf Eckpunkte des VP-Bildungsverständnisse. Die für die Fragestellung nach einer Gesamtschule relevanten Punkte sind dabei folgende (Grundsatzprogramm der ÖVP 1995, 22):

„Die Verschiedenheit der Menschen, die sich in unterschiedlicher Begabung, Leistungsfähigkeit und Muttersprache ausdrückt, erfordert die Anpassung des Bildungsangebotes an diese Verschiedenheit."

„Auch für den Bildungsprozeß (sic) gilt das Leistungsprinzip - allerdings in individueller und sozialer Hinsicht. Es muß (sic) jedoch in allen Bildungseinrichtungen mit einer partnerschaftlichen Beziehungsstruktur verknüpft werden."

„Größtmögliche Chancengerechtigkeit wird durch leistungsbezogenen offenen Zugang zu den Bildungseinrichtungen gewährleistet. Bildungschancen werden durch den Einsatz der Telekommunikation erhöht werden können. "

Die Verschiedenheit der Menschen wird betont (die Muttersprache explizit als solche erwähnt), außerdem das Leistungsprinzip. Man will Chancengleichheit durch eben diese Leistungsbezogenheit gewähren. In einem nächsten Punkt geht das Grundsatzprogramm konkret auf die Funktion der Schule innerhalb der Bildung ein. Wesentliche Auszüge (Grundsatzprogramm der ÖVP 1995, 23):

„Die Schule erfüllt durch professionelle Bildung in der Gemeinschaft eine eigenständige Aufgabe, die von den Eltern partnerschaftlich mitgetragen werden muß (sic)."

„Die international verbrieften Eltern- und Kinderrechte erfordern eine möglichst freie Schulwahl für alle Kinder."

„Die Weiterentwicklung der Schulorganisation wird durch die Erfahrungen aus standortbezogener Schulentwicklung - Schule als lernende Organisation - und durch Versuchsschulen mit unabhängiger Evaluation vorbereitet."

Die ÖVP legt hier Wert auf die Rolle der Eltern in der Erziehung, aber auch deren Entscheidungsfreiheit bei der Schulwahl - und jene der Kinder. Weiter wird aber hervorgestrichen, dass Schule auch einer Weiterentwicklung und somit Veränderung bedürfen kann.

Ganz klar Stellung genommen zur Möglichkeit einer Gesamtschule wird hingegen in „Politik für die Westentasche: Bildung". Auf die Frage, warum die ÖVP am mehrteiligen, differenzierten Schulsystem festhält, wird dort geantwortet, dass dieses eine Förderung nach Neigungen, Interessen und Begabungen der Schüler biete, eine Differenzierung in Hauptschule und Gymnasium Vielfalt bedeute und den individuellen Interessen gerecht werde. Die Durchlässigkeit im System sei wichtig und würde erfolgreich praktiziert, die Verschiedenheit der Menschen fordere aber eine entsprechende Anpassung des Bildungsangebotes statt eines „Einheitsbreis". Jedes Kind solle die Ausbildung bekommen, die seine Anlagen, Talente, Interessen und Neigungen am besten fördere: So würde zur Vorbereitung auf das Berufsleben beigetragen und unterschiedliche Begabungen praxisnah entwickelt. Die flächendeckende Zusammenlegung von Hauptschule und AHS-Unterstufe sowie die verpflichtende Gesamtschule für alle 6- bis 14-Jährigen wird abgelehnt, ebenso die verpflichtende Ganztagsschule. Hauptschulen mit ihren Leistungsgruppen und Unterstufen der Gymnasien hätten sich bewährt. Die Durchlässigkeit des differenzierten Schulsystems sei die Antwort der ÖVP auf die Gesamtschule (Politische Akademie der ÖVP 2005, 35-36). Den Begriff „Gesamtschule" definiert die ÖVP dabei als gleiche Schulform und gleiche Ausbildung für alle von 10 bis 14, gleichzeitig aber als Lehrplan mit gemeinsamen Kerncurriculum und einigen Wahlfächern - betont danach dennoch, dass auf Talente, Stärke, Schwächen und Begabtenförderung dabei nicht eingegangen werden könne (Politische Akademie der ÖVP 2005, 62). Die Positionen der Anderen erwähnt die VP-Publikation auch: Sowohl SPÖ als auch Grüne forderten eine Gesamtschule, die die gleiche Schulform und die gleiche Ausbildung für 10- bis 14-Jährige bedeute. Die Position des damaligen Koalitionspartner FPÖ bzw. BZÖ wird ausgespart (Politische Akademie der ÖVP 2005, 43-46).

Soweit also der offizielle Standpunkt der Volkspartei zum Thema, wohlgemerkt 1995 und 2005, der ein ganz eindeutiges „Nein" zur Gesamtschule zeigt. Inwieweit sich diese Stellung heute verändert hat oder auch nicht, und wie einheitlich der Standpunkt über die Gruppierungen in der ÖVP hinweg dazu ist, will diese Arbeit später beantworten.

2.2 Cleavage Strukturen zwischen den Parteien und innerhalb der ÖVP

2.2.1 Annahmen der Cleavage Theorie nach Lipset/Rokkan

Die Cleavage Theorie besagt, dass sich Parteien entlang von langfristigen Konfliktlinien innerhalb der Bevölkerung entwickeln, bzw. dass sie die Gruppen repräsentieren, die durch jene Cleavages getrennt sind. Die Cleavage Theorie besitzt sowohl Erklärungspotenzial für die Entstehung von Parteien, als auch sozialen Bewegungen und Verbänden. Ihre Hauptaussage ist, dass gesellschaftliche Konfliktlinien, also Cleavages, von einer latenten in eine manifeste Phase treten, und die Konflikte, die entlang dieser Linien stattfinden, dafür verantwortlich sind, dass soziale Bewegungen und in weiterer Folge Parteien entstehen (Pelinka 2005, 75-76). Um die sich gegenüberstehenden Interessen zu aktivieren muss sich die Gesellschaft dieser Gegensätze bewusst werden (Pelinka 2005, 83).

Lipset und Rokkan veröffentlichten 1967 ihre umfassende Untersuchung „Party Systems and Voter Alignments" und fokussierten dabei auf die Rolle von Cleavage Strukturen bzw. Konfliktlinien innerhalb der Bevölkerung beim Wahlverhalten. Welche dieser Cleavages sich dabei innerhalb von Parteien vereinen ließen, und welche sich in Parteifronten äußerten, ist eine der wesentlichen Fragen. Parteien stellen demnach „Pakete" von Programmen, Bekenntnissen, Aussichten und zum Teil Weltanschauungen dar, also der Basis der Cleavage Strukturen (Lipset/Rokkan 1967, 1-3). Die Betonung liegt auf der Übersetzung oder eben auch Nicht-Übersetzung solche Konfliktlinien in das Parteisystem. Gegenüber stehen sich territoriale als auch funktionale Cleavages, konkretisiert auf Kapital gegen Arbeit, Kirche gegen Staat, Stadt gegen Land, und Zentrum gegen Peripherie (Lipset/Rokkan 1967, 5-6, 10-14, 47). Lipset und Rokkan begründen selbst, warum ihre 1967 aufgestellte Theorie ihre Gültigkeit auch heute noch nicht verloren hat „(T)he party systems of the 1960's reflect, with few but significant exceptions, the cleavage structures of the 1920's" (1967, 50). Auch wenn neue Technologien und Entwicklungen die Welt schnelllebiger werden lassen, lösen sich grundlegende Gegensätze in der Bevölkerung nicht ganz auf; sie wandeln sich nur.

Dalton beschäftigte sich 1996 kritisch mit den von Lipset und Rokkan aufgestellten Annahmen zu Cleavages und Parteien (Dalton 1996, 320-341) und weist darin auf die Erosion der Cleavages hin: Neue Cleavages lösen die alten ab. Soziale Cleavages seien weniger verhärtet als Lipset meint, Bildungsungleichheit nimmt in ihrer Bedeutung zu bzw. ist der neue soziale Cleavage. Auch Dalton stellt klar, dass die Konfliktlinien nicht tatsächlich verschwinden, die stabilen Strukturen aber, in denen diese organisiert sind, würden schwächer (1996, 322-331). Umweltfragen, Frauenrechte und Lebensstil- und Lebensstandardfragen werden ihr Potenzial für neue parteienformierende politische Cleavages weiter ausschöpfen (Dalton 1996, 332). Abgesehen davon gebe es auch soziale Gruppen, die kaum in die traditionellen Cleavage Gruppen integriert seien. Generell attestiert er eine höhere Volatilität im Wahlverhalten und die abschwächende Fähigkeit von sozialen Cleavages, das Wahlverhalten zu erklären. Aktuelle Themen und Fragen sowie Politikerpersönlichkeiten besäßen mittlerweile mehr Einfluss (Dalton 1996, 332-334, 337-338).

2.2.2 Anwendung der Cleavage Theorie auf die Parteienstruktur Österreichs und den innerparteilichen Aufbau der ÖVP

Bis in die 1960'er Jahre war eine Lagerkultur mit starken Wählerbindungen in Österreich typisch, Strukturmerkmale wie soziokulturelle Orientierungen waren für diese Bindungen ausschlaggebend. Diese sind gestützt auf ein die „Gesellschaft strukturierendes Konfliktmuster" (Müller/Plasser/Ulram 1995, 163). Pelinka und Rosenberger identifizieren für die österreichische Parteienlandschaft folgende Cleavages, also Konfliktlinien, die in der Geschichte parteiformierend wirkten bzw. „organisationsfähig" waren: Die Klasse bzw. die wohlfahrtsstaatliche Konfliktlinie vor allem für die SPÖ, Religion und Region für die ÖVP, und die Nation für die FPÖ; aber auch aktuellere Konfliktlinien wie Ökologie, Geschlecht und Bürgerrechte für die Grünen und nationale Identität bzw. Migration und EU-Skepsis für die FPÖ (Pelinka/Rosenberger 2007, 152). Wenn die Konfliktlinie der Klasse bzw. die Identifikation mit der Arbeiterklasse für die SPÖ begründend war, bilden im Umkehrschluss die anderen Parteien und vor allem auch die ÖVP in gewissem Rahmen den Gegenpol zu dieser Identität; ebenso ist dies für die konfessionelle Identifikation der ÖVP in Bezug auf die anderen Parteien der Fall. Müller et al. verorten die ÖVP traditionell im von Unternehmern und Landwirten, katholisch­kirchennahen und von österreichischer Identität geprägten Milieu (Müller/Plasser/Ulram 1995, 164), als Konsequenz daraus weniger im wohlfahrtsstaatlichen Milieu. Das bäuerliche Milieu und die leistungsorientierte Mittelschicht sind in der ÖVP-Wählerschaft überrepräsentiert (Müller/Plasser/Ulram 1995, 188; Bruckmüller 1995, 315).

Die Konfliktlinien haben sich mittlerweile auch in Österreich abgeschwächt - weniger die Klassenzugehörigkeit, sondern mehr die Frage der Ausgestaltung sozialer Sicherheit sind mittlerweile das Fundament der SPÖ; die für die Volkspartei typischen Faktoren Religion und Agrarwirtschaft haben an Bedeutung verloren (Pelinka/Rosenberger 2007, 152-153) - trotzdem bilden die alten Konfliktlinien in ihrer reduzierten Form weiterhin die Basis dafür, was Wähler in den jeweiligen Parteien repräsentiert sehen und wofür die Parteien somit stehen. Sozioökonomischer und soziokultureller Wandel verändert aber zum Teil auch die Basis der Lager und ersetzt die alten Themen durch postmaterialistische Werte und neue Konflikte (Pelinka/Rosenberger 2007,186).

„Der Kampf der Gesamtpartei mit den kräftig ins Kraut schießenden (sic) Sonderinteressen der Bünde ist ebenso alt wie die Partei selbst" - so formuliert Bruckmüller (1995, 308, 314) die Situation der innerparteilichen Konflikte in der ÖVP. Oftmals verlaufen die Gräben zunächst innerhalb der ÖVP. So repräsentiert die Gesamtpartei traditionell zwar eine christliche, agrarische, unternehmerische oder auch konservativ-bürgerliche Schicht; die ÖVP-nahen sekundären Organisationen hingegen leisten innerparteiliche Integrationsarbeit und repräsentieren weitere Cleavages (Hartmann 1995, 326); und diese werden auch in dieser Arbeit relevant. Die ÖVP ist aber vor allem geprägt von der starken Stellung der Teilorganisationen und innerparteilichen Konflikten. Die Bünde vertreten zum Teil gegensätzliche Interessen, besonders deutlich wird der Gegensatz bei Wirtschaftsbund und ÖAAB (Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite), der Wirtschaftsbund hat dabei in der Regel die stärkere Position. Zwar erheben Volksparteien generell den Anspruch, die breite Bevölkerung zu vertreten und müssen mit diesen Gegensätzen arbeiten: Ein hoher Autonomitätsgrad der Teilorganisationen, wie er in der ÖVP der Fall ist, erhöht aber das Konfliktpotenzial (Müller 2006, 350). Die gut organisierten Interessen der drei traditionellen Bünde werden dabei überbetont, daher auch das agrarisch und gewerblich geprägte Bild der Partei - der ÖAAB ist zwar auch organisiert, hat aber innerhalb der Arbeiterkammer eine schwächere Basis (Müller 2006, 351).

Geht man nach den bei Lipset und Rokkan festgestellten grundsätzlichen Cleavages, vereint die ÖVP einerseits territorial Gegensätze (Stadt- und Land-Wählergruppen), und funktionale durch die Gruppen Landwirte und Gewerbetreibende bzw. Unternehmer. „Wer ein so hohes Maß (sic) an innerer Ausgleichsarbeit zu bewältigen hat und in die Sozialpartnerschaft voll einbezogen ist, wird selbst in der Oppositionsrolle nur schwer grundlegend oppositionelle Standpunkte vortragen können" (Bruckmüller 1995, 281). Ob dieser grundlegend oppositionelle Standpunkt beim Thema Gesamtschule eingehalten wird - wie im Kapitel 2.1.4 bei den Grundpositionen angedeutet - oder ob diese innere Gespaltenheit auch in diesem Fall deutlich wird, soll die spätere Untersuchung von Presseaussendungen zum Thema zeigen.

3. Die Bildung

Im Kapitel „Bildung" werden jene Aspekte betrachtet, die für die Einschätzung des österreichischen Bildungsmodells für die Fragestellung bedeutsam sind: Die Sekundarstufe I und der für die Diskussion relevante Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Bildungsweg. Und etwas aus dem Rahmen fallend aber unentbehrlich, da es diese Diskussion während der vergangenen beiden Jahre genährt hat: Das „Bildungsvolksbegehren".

3.1 Die Sekundarstufe I im österreichischen Schulsystem

3.1.1 Entwicklung der Sekundarstufe I in Österreich

Bereits in der Nachkriegszeit waren sich die beiden Großparteien SPÖ und ÖVP nicht einig, wie die „Mittelschule" organisiert sein sollte, also in Form eines differenzierten oder eines integrierten Schulsystems. 1962 wurde schließlich ein umfassendes Schulreformpaket durchgesetzt, das eine systematische Regelung der meisten Schultypen enthielt und die Beibehaltung des gegliederten Schulaufbaus festschrieb (Bodenhöfer 2006, 654-655; Willmann 1991, 207). Schon seit den 1960'er Jahren kam es zu einer Bildungsexpansion, die den Zustrom zu AHS-Unterstufen ansteigen ließ: In der Stadt sind dabei die AHS-Quoten ungleich höher, auf dem Land war und ist die Hauptschule weiterhin die Schule der Mehrheit. Die Etablierung des Gymnasiums als heimliche Gesamtschule in Ballungsräumen, die städtische Hauptschulen zu „Restschulen" absinken ließ, wurde zum Problem (Bodenhöfer 2006, 655; Eder 2009, 47).

In den 1970'ern gab es Ansätze für Schulsystemreformen in Richtung Gesamtschule: Um die Chancengleichheit zu verbessern wurden Schulversuche für eine „Gemeinsame Schule der 10- bis 14­Jährigen" durchgeführt. Die dazu publizierten Evaluationsstudien wiesen positive Effekte der integrativen Gesamtschul-Variante nach, die Bildungspolitik ließ sich davon aber nicht leiten. Im Endeffekt mündeten die damaligen Gesamtschulversuche in einer „kleinen Reform" der Hauptschule: Das erprobte Modell der Leistungsdifferenzierung mit Leistungsgruppen in den Hauptfächern wurde 1984 nur für die Hauptschule eingeführt (Lemke 1992). Die Gymnasien blieben unangetastet. Nach diesem Kompromiss gab es vereinzelt weitere Modellversuche (Specht 2009, 171; Eder 2009, 33). Die PISA-Ergebnisse 2004 stießen abermals die Diskussion um einen Schulreformbedarf an: Trotz vergleichsweise hoher Bildungsausgaben lagen die Ergebnisse für Österreich auf mittlerem Niveau bzw. hatten sich verschlechtert. Das gute Abschneiden Finnlands und die Tatsache, dass dort ein Gesamtschulsystem etabliert ist, machten das Streitthema wieder aktuell (Bodenhöfer 2006, 655). Ein Schritt der Angleichung passiert derzeit in der Lehrerausbildung: Lehrer sollen in Zukunft über Schultypen hinweg eine einheitliche Ausbildung erhalten - das ist bisher nicht der Fall, und könnte die Konkurrenz zwischen Schulformen etwas abschwächen (Pädagogische Hochschule Wien; Bodenhöfer 2006, 656).

Zuständig für bildungspolitische Fragen ist in Österreich überwiegend die Bundesebene. 2005 wurde die Abschaffung der für Schulgesetze nötigen 2/3 Mehrheit im Parlament zwischen ÖVP und SPÖ diskutiert, schlussendlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Unter anderem die Differenzierung der Sekundarschulen blieb weiterhin verfassungsrechtlich geschützt und somit bei einer Abänderung auf 2/3 Zustimmung angewiesen. Der Punkt der Differenzierung war dabei ein Anliegen der ÖVP (Bodenhöfer 2006, 652). Konkret heißt es in Art. 14 Abs. 6a der Verfassung (Bundes­Verfassungsgesetz 2012) dazu:

„Die Gesetzgebung hat ein differenziertes Schulsystem vorzusehen, das zumindest nach Bildungsinhalten in allgemeinbildende und berufsbildende Schulen und nach Bildungshöhe in Primar­und Sekundarschulbereiche gegliedert ist, wobei bei den Sekundarschulen eine weitere angemessene Differenzierung vorzusehen ist."

Abgesehen von möglichen Spielräumen in der Interpretation von „Differenzierung" (etwa schulinterne Differenzierung) und „Sekundarschulen" (mögliche Bezeichnung der Pflichtschuljahre gesamt als Primarschule, erst Sekundarstufe-II als Sekundarschule) ist die Einführung einer flächendeckenden Gesamtschule somit an eine 2/3 Mehrheit im Parlament gebunden.

3.1.2 Derzeitiges differenziertes Sekundarstufe I Modell

Das Gesamtschulmodell ist ein diskutiertes Modell, das allerdings derzeit faktisch in Österreich nicht existiert. Eine Übersicht über das derzeitige Schulmodell in Österreich bietet die folgende Grafik. Auf Ebene der Sekundarstufe-I gliedert es sich in Hauptschule, Allgemeinbildende Höhere Schule und seit 2008 in Form von Schulversuchen auch die Neue Mittelschule. Daneben, existiert in Teilen noch die sogenannte „Sonderschule", die praktisch nicht mehr relevante Volksschul-Oberstufe, und private Schulen - diese spielen in Österreich aber nur eine marginale Rolle (Bodenhöfer 2006, 653). Die Schulpflicht dauert bis zur 9. Schulstufe; die Sekundarstufe I endet mit der 8. Schulstufe. Abhängig von Schulerfolg und teilweise Schulform ist der weitere Verbleib im Bildungssystem möglich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ergänzend soll ein kurzer Überblick über die grundsätzliche Ausrichtung der Schularten der Sekundarstufe I: HS, AHS und NMS, gegeben werden:

Hauptschule: Die Hauptschule kann von der 5. bis zur 8. Schulstufe besucht werden, nur HS oder HS- Klassen mit Schwerpunkten, z.B. musischem, sportlichem, erfordern eventuell Aufnahmeprüfungen oder sind notenabhängig. Der Unterricht in Deutsch, Mathematik und einer dritten lebenden Fremdsprache (Englisch) erfolgt in drei unterschiedlichen, somit möglichst homogenen Leistungsgruppen, die Auf- und Abstufung zwischen den Gruppen ist theoretisch flexibel. Die übrigen Fächer werden in den heterogenen Stammklassen unterrichtet; auf die Verbindung von Theorie und Praxis wird Wert gelegt. Sie soll den Schülern Allgemeinbildung und vor allem in der 7. und 8. Stufe Berufsvorbereitung bieten, auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen können und bei entsprechend gutem Lernerfolg für den Übertritt in eine mittlere oder höhere Schule befähigen. (Euroguidance Österreich 2012; BMUKK 2012; Eder 2009, 35). Der Unterricht in der Hauptschule ist tendenziell vermittlungsorientierter und individualisierender als in AHS (Eder 2009, 37).

Allgemeinbildende höhere Schule - Unterstufe: Die AHS dauert in ihrer Langform von der 5. bis zur 12. Schulstufe, sie gliedert sich mit jeweils vier Schulstufen in Unter- und Oberstufe. Sie soll umfassende und vertiefende Allgemeinbildung vermitteln und die Voraussetzungen für ein Universitätsstudium schaffen. Nach der Unterstufe ist ein Wechsel in eine BHS oder BMS möglich. Die Aufnahme in die erste Klasse der AHS setzt gute oder sehr gute Leistungen in Deutsch, Lesen und Mathematik in der Volksschule oder eine Empfehlung der Schulkonferenz der VS voraus. Werden diese Voraussetzungen nicht erfüllt, kann auch eine Aufnahmeprüfung abgelegt werden; sportliche oder musische Sonderformen setzen zusätzliche Eignungsprüfungen voraus. Bei zu hohem Andrang kann die AHS strenger selektieren. In den ersten beiden Klassen werden dieselben Fächer wie in der Hauptschule unterrichtet, ab der 3. Klasse erfolgt eine Aufgliederung nach Schwerpunkten: Gymnasium, Realgymnasium oder Wirtschaftskundliches Realgymnasium. In den 3. Und 4. Klassen der Gymnasien werden ebenfalls Übungen zur Berufsorientierung gemacht. Voraussetzung für den Wechsel von einer Hauptschule in eine AHS ist, dass die besten Leistungsgruppen besucht, und die sonstige Fächer mindestens mit befriedigend beurteilt wurden (Euroguidance Österreich 2012; BMUKK 2012). An AHS wird im Unterricht tendenziell strukturierter und stärker fächerorientiert gearbeitet (Eder 2009, 37).

Modellversuch Neue Mittelschule: Das Modell Neue Mittelschule dauert von der 5. bis 8. Schulstufe (in Niederösterreich derzeit noch mit Sonderformen von der 5. bis 6. Schulstufe; in Wien auch als eigenes Modell unter dem Namen „Kooporative Mittelschule"). Alle Schüler sind nach der Volksschule berechtigt, in sie einzutreten. Die NMS will die frühe Selektion vermeiden und auf Aufstocken der Betreuung durch mehr Lehrer, neue Lernkulturen, sowie Individualisierung, Eingehen auf persönliche Begabungen und starke innere Differenzierung setzen. Zusätzliche Angebote und genügend Zeit und Unterstützung sollen dies garantieren. Der Unterricht erfolgt nach dem Lehrplan der AHS-Unterstufe mit den Bildungszielen der HS und wird von HS-Lehrern gemeinsam mit Lehrern von höher bildenden Schulen gestaltet. Durch diese Verbindung der beiden Schulformen soll die starke Differenzierung im österreichischen Schulsystem abgeschwächt werden. Die NMS verfügt über Leistungsgruppen und wählbare Schwerpunkte; sie ist aber keine Gesamtschule. Je nach erreichtem Bildungsziel kann danach eine weiterführende Schule besucht werden. Derzeitiges politisches Ziel ist, innerhalb der nächsten Jahre alle Hauptschulen schrittweise auf die Neue Mittelschule umzustellen und diese zur neuen Regelschule zu machen (Euroguidance Österreich 2012; BMUKK 2012; Eder 2009, 35; 53).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Verteilung auf diese Schulformen zeigt während der vergangenen 30 Jahre folgendes Bild: Im vergangenen Schuljahr 2010/11 besuchten 43% der Schüler eine Hauptschule, 33% eine Allgemeinbildende Höhere Schule. Der Anteil der neu eingeführten Neuen Mittelschule ist mit 21% bereits sehr hoch, löst dabei aber eher nur die Hauptschule ab. Seit 1980 ist der Anteil an Gymnasiasten gestiegen, jener der Hauptschüler deutlich gesunken. Die mit der Struktur der Neuen Mittelschule verbundenen nötigen Ressourcen (mehr Lehrzeit, mehr Lehrpersonal) erfordern ein höheres Budget für die NMS als dies für die HS der Fall war (Eder 2009, 53): Das führt wiederum zu Kritik an einer Benachteiligung von Gymnasien.

Das differenzierte System ist von der Logik geprägt, dass die AHS „eine Schule für die höher Begabten mit Aspirationen auf ein Studium an der Universität", die HS „eine Einrichtung für den verbleibenden größeren Teil eines Altersjahrganges, der sich stärker durch Fähigkeiten und Interessen in praktisch­technisch-handwerklichen Bereichen charakterisieren lässt", sein soll (Eder 2009, 34). Befürworter des gegliederten Schulsystems erwarten sich als Ergebnis der Selektion homogenere Lerngruppen und damit besser angepasste Förderung. Eder (2009, 48) sieht die Zuweisung zu einer Schulform oder einer Leistungsgruppe als generelles Problem, da dabei teils willkürliche Gruppen gebildet würden, die nur bedingt mit tatsächlichen Kompetenzen zu tun haben. Die OECD kommt bei ihren Studien zur Wirksamkeit von differenzierten Schulsystemen zudem zum Schluss, dass diese zur Senkung der durchschnittlichen Schülerleistung und zur breiteren Streuung von Leistungen führt, und dass die negativen Auswirkungen auf Chancengleichheit und Leistung umso größer sind, je früher die Aufteilung erfolgt (Eder 2009, 33). Infolgedessen empfiehlt die OECD in ihren Analysen Österreich regelmäßig eine spätere Differenzierung (derStandard.at 2012).

3.1.3 Option Gesamtschule: Definition und Abgrenzung

Der Begriff „Gesamtschule" wird in dieser Arbeit ständig verwendet: Als Überbegriff dafür, wie eine Alternative zum derzeitigen differenzierten Schulsystem aussehen könnte. Ein Definitionsversuch und ein Überblick über mögliche Formen sowie Vor- und Nachteile sind deswegen nötig.

Eine Gesamtschule existiert dann, „wenn alle Kinder eines Altersjahrgangs in einer gemeinsamen Schule ohne Differenzierung in Schultypen unterrichtet werden" und ihre innere Differenzierung nicht zu einer Ungleichwertigkeit des Abschlusses führt (Rudas 2008, 93). Die meisten europäischen Länder haben in der ein oder anderen Form ein Gesamtschulsystem. Einige grundlegende Unterscheidungen können getroffen werden: Schulorganisatorisch kann es sich um eine gemeinsame Schule aller 10- bis 14-Jährigen oder auch 7- bis 14-Jährigen handeln; diese ist mit oder ohne innere Differenzierung möglich, mit oder ohne Begabungsgruppen. Nach diesen Kriterien lassen sich folgende Typen unterscheiden (Rudas 2008, 93-94):

- Die additive Gesamtschule: Eine organisatorische Zusammenfassung, die unterschiedlichen Ausbildungen mit unterschiedlichen Lehrplänen bleiben aber bestehen.
- Die integrierte Gesamtschule: Alle Schüler einer Altersklasse besuchen denselben Schultyp, Differenzierungen können nach verschiedenen Arten vorgenommen werden: a) Eine Differenzierung nach Leistung, aber mit einheitlichem Lehrplan, b) Weiters eine fachspezifische Differenzierung, mit Fachleistungskursen nach Begabungsunterschieden, die mit verschieden hohen Abschlussqualifikationen in einzelnen Fächern enden, c) Schließlich die unterrichtsbezogene Differenzierung, in der innerhalb eines Fachs Leistungsniveaus von den Schülern unterschiedlich schnell durchlaufen werden.

Die Diskussion um eine Gesamtschule bezieht sich demnach vornehmlich auf die integrierte Gesamtschule, da das additive Modell kaum die Probleme des differenzierten Schulsystems angreifen würde, Welche Probleme, aber auch welche Vorteile dieses differenzierte System hat, soll nun am Umkehrschluss, anhand der Vor- und Nachteile der Gesamtschule, gezeigt werden, Während also in Kapitel 2,1,3 zu den Grundpositionen die Gesamtschul-kritische Seite gezeigt wird, und in Kapitel 3,2 zu Bildung und sozialer Ungleichheit die negative Seite des derzeitigen Schulsystems überwiegt, soll hiermit ein ausgeglichener Überblick über die Argumente gewährt sein:

Für die Gesamtschule spricht, dass damit die Schullaufbahnentscheidung bzw, die frühe Auslese verschoben werden, und während der Schulpflicht gleichwertige Bildungsabschlüsse erreicht werden, Soziale Koedukation, Integration und gegenseitiges Verständnis, und trotzdem individuelles Lernen wird ermöglicht, wenn unterschiedliche soziale Schichten zusammenarbeiten, und die Teamfähigkeit wird ausgebaut, Die Benachteiligung von Kindern in ländlichen Regionen, die wegen weiten Schulwegen sehr viel seltener eine AHS besuchen, wird abgebaut, Außerdem wird der interne Organisationsaufwand dadurch ausgeglichen, dass unterschiedliche Schultypen wegfallen, Die gemeinsame Lehrerausbildung wird die Wertigkeit von HS-Lehrern und die pädagogischen Fähigkeiten von AHS-Lehrern erhöhen; und das Bildungsniveau der Gesamtgesellschaft steigt, Das Problem der „Restschulen" fällt weg und die Chancengleichheit wird erhöht (Rudas 2008, 94-95; Eder 2009, 50).

Gegen die Gesamtschule spricht, dass bewährte Schultypen und die Wahlmöglichkeit beibehalten werden sollen, und eine Durchmischung eine Nivellierung nach unten bedeuten kann, wenn die Schwächeren die Stärkeren bremsen oder nach unten ziehen, Weniger Differenzierung bedeutet weniger unterschiedliche Behandlung unterschiedlicher Begabungen, und ein möglicher geringerer Leistungsdruck führt zu weniger Leistung, Außerdem kann „Gleichmacherei" dazu führen, dass es keine herausstechenden Eliten mehr gibt, die besondere Leistungen erbringen, Ein erhöhter Zulauf zu Privatschulen wird durch die Vereinheitlichung erwartet und führt damit zu einem tatsächlich und direkt von finanziellen Mitteln abhängigen Zweiklassensystem.

[...]

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Der Schulklassenkampf der ÖVP: Die hartnäckige Opposition zur Gesamtschule
Hochschule
Universität Wien  (Insitut für Politikwissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
83
Katalognummer
V196318
ISBN (eBook)
9783656223344
ISBN (Buch)
9783656224143
Dateigröße
1706 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesamtschule, Gymnasium, Hauptschule, Bildungsvolksbegehren, ÖVP, Österreichische Politik, Schulsystem, soziale Selektion, Bildungsungleichheit
Arbeit zitieren
Regina Kriechhammer (Autor), 2012, Der Schulklassenkampf der ÖVP: Die hartnäckige Opposition zur Gesamtschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196318

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