Verteilungsgerechtigkeit - Ein Vergleich der Theorien von Robert Nozick und John Rawls


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Begriffstheoretische Einführung
Gerechtigkeit
Verteilungsgerechtigkeit

1. John Rawls und die Theorie der Gerechtigkeit
1.1 Gerechtigkeitstheoretischer Kontraktualismus
1.2 Naturzustand und Schleier des Nichtwissens
1.3 Gleichheit und Ungleichheit – Zwei Gerechtigkeitsprinzipien
1.4 Nachträgliche Korrektur der Vermögensverteilung

2. Robert Nozick und die Anspruchstheorie
2.1 Theorieprämissen und Legitimationsgrundlage des Staates
2.1.1 Überwindung des Naturzustandes
2.1.2 Von der Schutzgemeinschaft zum Minimalstaat
2.2 Ein historisches Anrecht auf Eigentum – Nozicks Antwort auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit
2.3 Umverteilung im Nachtwächterstaat

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Begriffstheoretische Einführung

Gerechtigkeit

Die Geschichte der Gerechtigkeit ist alt. Vielleicht genau so alt, wie die der Menschheit selbst. Als Bewertungsmaßstab für eine gesellschaftliche und damit politische Ordnung trat der Begriff erstmals nennenswert in der griechischen Mythologie in Erscheinung.[1] Der übermächtige Zeus war es, der dort einst den olympischen Naturzustand, den von Fehden und Freveln geprägten Alltag seiner Ahnen, überwinden konnte und mittels machtvoll durchgesetzter Gerechtigkeit erstmals Frieden im Olymp schuf. Mit der Reflexion solcher mythologischen Vorstellungen durch antike Philosophen und dem partiellen Einfluss der griechischen Mythologien auf die gesellschaftlichen und politischen Ordnungsvorstellungen ihrer Zeit entstand zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit auch ein philosophischer Diskurs, der Gerechtigkeit als Maßstab, als Ideal und Leitprinzip einer Ordnung begriff, indem er Kriterien aufzuzählen versuchte mit denen gerechte von ungerechten politischen Ordnungen unterschieden werden konnten.[2] Die Reflexion des Politischen (‚episteme politike´’), d.h. des Ideals guten und gerechten politischen Handelns war geboren und setze seinen Siegeszug durch das Mittelalter über die Neuzeit bis tief in die Moderne hinein fort, wo die Frage der Gerechtigkeit zum universalen Wertmaßstab westlicher Staatsphilosophien wurde. „Die Gerechtigkeit ist einer der angesehensten Begriffe unserer geistigen Welt. Ob Gläubiger oder Ungläubiger, Konservativer oder Revolutionär, jeder beruft sich auf die Gerechtigkeit und niemand wagt, sie zu verleugnen. (...) Man ruft sie an, um die bestehende Ordnung zu schützen und um revolutionäre Umstürze zu rechtfertigen. So verstanden ist die Gerechtigkeit ein universaler Wert“[3], erklärt der Philosoph und Universitätsprofessor Chaim Perelman in seiner philosophischen Abhandlung über den Geltungsbereich der Gerechtigkeit.

Die Gerechtigkeit gehört also, damals wie heute, zu jenen zentralen Begriffen der politischen Sprache, die hauptsächlich dazu dienen menschliche Handlungen, soziale Beziehungen und gesellschaftliche Ordnungen zu bewerten, sie also entweder zu legitimieren oder zu kritisieren. In der Fachsprache der Ethik unterscheidet man dabei zwischen Gerechtigkeit, als eine die Rechte und Pflichten der Individuen gegenseitig kompensierende Gerechtigkeit (‚iustitia commutativa’), eine ihre Rechte und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft verpflichtende oder gesetzliche Gerechtigkeit (‚iustitia distributiva’) und eine alle einzelnen der Gemeinschaft verpflichtende oder gesetzliche Gerechtigkeit (‚iustitia legalis’).[4]

Verteilungsgerechtigkeit

Die Frage danach, ob eine politische Ordnung gerecht oder ungerecht ist mündet allerdings unmittelbar in einer weiteren Frage, nämlich ob und in welchem Maße insbesondere die Verteilung der materiellen Güter innerhalb einer Gemeinschaft überhaupt gerecht geregelt werden kann. Das Grundproblem dieser Thematik lässt sich wie folgt darstellen: „Alle entwickelten Demokratien der Gegenwart basieren ökonomisch auf einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Sie beruht auf sozialer Ungleichheit und sie reproduziert diese Ungleichheit ständig neu. Ungleichheit ist die Stabilitätsbedingung des Kapitalismus. Gleichheit dagegen gehört zu den klassischen, positiven Werten der bürgerlichen Demokratie: liberté, egalité, fraternité.“[5] Das Zitat stammt von Prof. Bodo Zeuner und spielt auf das klassische Dilemma von Verteilungsfragen an: Gleichheit als Grundlage bürgerlicher Gesellschaftsvorstellungen und Ungleichheit als Triebkraft ökonomischen Wachstums stehen in einem antagonistischen Verhältnis zu einander. In eben diesem Spannungsgeflecht bewegen sich auch Verteilungsfragen. Sie müssen überdies weiteren Kriterien, wie den Forderungen nach Nachhaltigkeit, bspw. im Bezug auf eine generationengerechte Nutzung endlicher Ressourcen und nicht zuletzt der Frage nach einer pareto-optimalen[6], bzw. einer möglichst effizienten Ausgestaltung genügen. Gelegentlich wird nämlich vergessen, dass Ungleichheit sehr wohl auch ein Katalysator, wenn nicht gar die wichtigste Bedingung für individuelle, als auch wirtschaftliche und damit gesamtgesellschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten ist.

Vor diesem Hintergrund scheint es daher kaum verwunderlich, dass sich Denker, wie der Harvard Professor John Rawls und sein Kollege Robert Nozick eben jenen Fragen gestellt haben und Gerechtigkeitstheorien aufstellten, die nach jeweils eigenem Verständnis universale Gültigkeit besitzen sollten. Das Ideal einer absolut gerechten Ordnung und Verteilung ist wohl unmöglich zu erfüllen, nichts desto trotz bleibt es interessant, wie und warum die beiden Theorien zu jeweils vollkommen unterschiedlichen und gegensätzlichen Standpunkten kommen und welche Antworten sie auf die Frage nach der Beschaffenheit der Gerechtigkeit, der Legitimität von Umverteilung und damit den Grundfragen jedes politischen Gemeinwesens zu geben versuchen.

1. John Rawls und die Theorie der Gerechtigkeit

1.1 Gerechtigkeitstheoretischer Kontraktualismus

„Die Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, so wie die Wahrheit bei Gedankensystemen.“[7] Dieses beliebte Zitat veranschaulicht worauf es Rawls im Kern ankommt. Die Frage der Gerechtigkeit ist die Frage nach der gerechten Beschaffenheit der institutionellen Grundstruktur einer Gesellschaft. Er unterscheidet sich mit diesem Ansatz fundamental von allen bisherigen Ansätzen der politischen Philosophie, weil schlussendlich nicht mehr begründet wird, wie eine politische Ordnung gestaltet sein muss, die beispielsweise das gute und geglückte Leben oder etwa die Freiheit und Sicherheit ihrer Bürger gewährleisten kann. Stattdessen bemüht sich der Harvard-Philosophieprofessor um die Ableitung universal gültiger Gerechtigkeitsgrundsätze - sozusagen als den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Gesellschaftsordnung. Diese Prinzipien beziehen sich jedoch nicht auf individuelles Handeln, sondern auf ein System etablierter Rechte und Pflichten, das die Verteilung gesellschaftlicher Grundgüter regelt (immaterieller, als auch materieller), also jenen Dingen, von denen anzunehmen ist, dass sie jeder vernünftige Mensch haben möchte, bspw. Rechte, Freiheiten, Chancen, Einkommen, Vermögen und Selbstachtung.[8]

Warum wählt Rawls diesen neuen Weg? In seiner ‚Theorie der Gerechtigkeit’ gibt er darauf folgende Antwort: „Zwischen Menschen mit verschiedenen Zielen schafft eine gemeinsame Gerechtigkeitsvorstellung den Bürgerfrieden. (...) Man kann sich eine gemeinsame Gerechtigkeitsvorstellung als das Grundgesetz einer wohlgeordneten menschlichen Gesellschaft vorstellen.“[9] Rawls Gesellschaftsbild ist demnach von Spannung geprägt. Gelegentlich harmonierende Interessensphären stehen regelmäßigen Konflikten, resultierend aus divergierenden Eigeninteressen, gegenüber. Eine ausgewogene Balance kann nur eine allseits akzeptierte Gerechtigkeitsvorstellung gewährleisten. Das Respektieren solcher Prinzipien erscheint dem Menschen Kraft seiner Rationalität vernünftig, da nur ein unanfechtbares, universal gültiges Regelwerk eine friedliche Kooperation und wechselseitige Vorteile und damit die persönliche Entfaltung des Einzelnen ermöglichen kann.[10]

1.2 Naturzustand und Schleier des Nichtwissens

Um die Frage zu beantworten, auf welche Prinzipien sich die Menschen im Naturzustand denn einigen würden, bedient sich Rawls einer klassisch - kontraktualistischen Argumentationsweise. Eine Art Naturzustand, ein Ausgangszustand für die Festsetzung der Gerechtigkeitsvorstellungen – ähnlich Lockes Konzept eines labilen Gleichgewichtszustandes - wird formuliert: die sogen. ‚original position’. Dieser Ausgangszustand ist ein theoretisches Konstrukt in dem: „diejenigen Grundsätze [festgelegt werden], die freie und vernünftige Menschen in ihrem eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation der Gleichheit zur Bestimmung der Grundverhältnisse ihrer Verbindung annehmen würden.“[11] Weil Rawls um die Defizite der menschliche Natur, das Interesse am größtmöglichen individuellen Vorteil gesellschaftlicher Kooperation und den aus der Interaktion hervorgehenden Gütern weiß, eben jene, die den Naturzustand auch zu einer Konfliktsituation werden lassen, bedient er sich einer genialen Argumentationshilfe: dem Schleier des Nichtwissens (‚veil of ignorance’). Dieser Schleier kann als eine Art strategisches Informationsdefizit verstanden werden. Die Entscheidungsträger des Urzustandes verfügen bei der Verständigung auf gemeinsame Gerechtigkeitsgrundsätze allesamt über allgemeine sozialwissenschaftliche und psychologische Kenntnisse, wissen jedoch nicht, wer sie wirklich sind. Sie kennen weder ihr Geschlecht, noch das Alter, ihren sozialen Status oder eine mögliche Klassenzugehörigkeit – kurz: „Die Personen im Urzustand müssen (...) in Unkenntnis ihrer konkreten inhaltlichen Interessen (...) ihre Interessen vertreten.“[12] Rawls begründet diese taktische Überlegung wie folgt: „Dies gewährleistet, daß dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird.“[13] Weiter heißt es: „Keiner kennt seine Stellung in der Gesellschaft und seine natürlichen Gaben, daher kann niemand Grundsätze auf seinen Vorteil zuschneiden.“[14] Den Urzustand könne man demnach einen angemessenen Ausgangszustand nennen. Damit seien die in ihm getroffenen Grundvereinbarungen fair. Das rechtfertige die Bezeichnung ‚Gerechtigkeit als Fairneß’.[15]

[...]


[1] Vgl. die griechische Bezeichnung für Gerechtigkeit „dikaiosýne “ bzw. die Göttin Dike deren Pendant aus der römischen Götterwelt als Justitia bekannt ist (üblicherweise dargestellt mit Augenbinde, Waage und Schwert).

[2] Vgl. Wolfgang Kersting: Gerechtigkeit und Sozialstaatsbegründung. In: Neumaier, Sedmak, Zichy (Hrsg.): Gerechtigkeit. Auf der Suche nach einem Gleichgewicht. Frankfurt a.M., 2005. S, 58 f.

[3] Chaim Perelman: Über die Gerechtigkeit. Beck’sche Schwarze Reihe. Band 45. München, 1967, S. 86.

[4] Vgl. Dtv Lexikon: Konversationslexikon in 20 Bänden. Band 7. München 1967, S. 201.

[5] Bodo Zeuner: Verteilungsgerechtigkeit gehört zur Demokratie. Referat auf der Delegiertenkonferenz von ver.di Bezirk Südbaden am 15.03.2004, S.5. In: http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/allg/zeuner.pdf - Zugriff: 17.08.2010.

[6] Die Pareto Effizienz gilt als ein Kriterium zur Bestimmung einer optimalen Allokation – oder einer optimalen Ausstattung an Gütern, Rechten und Pflichten. Eine Allokation gilt dann als Optimal, wenn es keine alternative Situation gibt, die jeden zumindest gleich gut gestellt lässt und mindestens eine Person besserstellt. Definition nach: H. Varian: Grundzüge der Mikroökonomie. München/Wien2, 1991, S. 14.

[7] John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a.M., 1979, S. 19.

[8] Vgl. Julian Nida-Rümelin: John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit. In: Manfred Brocker (Hrsg.): Geschichte des politischen Denkens. Frankfurt a.M., 2007, S. 653.

[9] John Rawls, S. 21.

[10] Vgl. Julian Nida-Rümelin, S. 653.

[11] John Rawls, S. 28.

[12] Julian Nida-Rümelin, S. 656.

[13] John Rawls, S. 29.

[14] Ebd. (Rawls), S. 163.

[15] Ebd. (Rawls), S. 29.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Verteilungsgerechtigkeit - Ein Vergleich der Theorien von Robert Nozick und John Rawls
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V196348
ISBN (eBook)
9783656223474
ISBN (Buch)
9783656224754
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Politik, Verteilungsgerechtigkeit, Gerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, Minimalstaat, Liberalismus, libertarismus, John Rawls, Robert Nozick
Arbeit zitieren
Thomas Beck (Autor), 2010, Verteilungsgerechtigkeit - Ein Vergleich der Theorien von Robert Nozick und John Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196348

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