Mobbing im Unternehmen - Eine Unterrichtseinheit in der Fachoberschule unter Einsatz von Gruppenarbeit


Examensarbeit, 2001
54 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entscheidungsvoraussetzungen
2.1 Angaben zur Lerngruppe
2.2 Stellung der Stunden im Unterricht

3 Sachanalyse: Mobbing in Unternehmen
3.1 Das Phänomen Mobbing
3.2 Mobbingstrategien und Mobbingverlauf
3.3 Mobbing in Deutschland – die Täter/-innen und die Opfer
3.4 Faktoren, die Mobbing begünstigen
3.5 Folgen von Mobbing
3.6 Maßnahmen der Unternehmen gegen Mobbing

4 Begründete Stoffauswahl

5 Die Sozialform Gruppenarbeit und die Präsentation
5.1 Pädagogische Zielsetzungen
5.2 Arten der Gruppenarbeit und Aufteilung in Arbeitsgruppen
5.3 Die Gruppenarbeitsmaterialien
5.4 Die Präsentation

6 Unterrichtsziele

7 Verlaufsplanungen
7.1 Verlaufsplanung der ersten Doppelstunde
7.2 Verlaufsplanung der zweiten und dritten Doppelstunde

8 Durchführung und Reflexion der Stunden
8.1 Durchführung der Gruppenarbeit
8.2 Durchführung und Reflexion der Präsentation
8.3 Abschließende Reflexion der Unterrichtseinheit

9 Schlussbemerkung

10 Literaturverzeichnis

11 Anhang

1 Einleitung

Beim Eingeben des Begriffs ‚Mobbing’ in die Suchmaschine ‚Google’ werden ca. 47.000 Ergebnisse erzielt.[1] Das Wort ‚Mobbing’[2] wurde 1996 - nur 4 Jahre nach seinem ersten Auftauchen im deutschen Sprachgebrauch - in den Duden aufgenommen.[3] Die Beratungsliteratur, in der es vorwiegend um die Frage geht, wie sich Opfer gegen Mobbingaktivitäten zur Wehr setzen können, wächst ins Unüberschaubare.

Aber wodurch lässt sich das große Interesse der Öffentlichkeit am Thema Mobbing begründen?

Mobbing führt zu fatalen Folgen sowohl für die Opfer als auch für die Unternehmen, auf die, bedingt durch einen erhöhten Krankenstand, eine starke Fluktuation, Produktivitätsverluste, Prozesskosten usw., immense wirtschaftliche Nachteile zukommen. Die erste Repräsentativstudie über Mobbing in Deutschland deckt auf, dass im Jahr 2000 ungefähr 2,199 Millionen Arbeitnehmer/-innen[4] gemobbt wurden.[5] Der betriebswirtschaftliche, aber auch der persönliche Schaden, den Mobbing mit sich bringt, lassen eine Behandlung des Themas im Unterricht des Faches BWL als wichtig, mehr noch: als notwendig erscheinen.

Dem großen öffentlichen Interesse steht jedoch gegenüber, dass das Thema noch keinen Eingang in die Lehrbücher gefunden hat.[6] Diese Arbeit dokumentiert die Planung, Durchführung und Reflexion einer Unterrichtseinheit zum Thema Mobbing in Unternehmen in der einjährigen Fachoberschule, wobei die eingesetzten Unterrichtsmaterialien von mir selbst erstellt wurden. Ziel ist es nicht nur, die Schüler/-innen selbständig unterschiedliche Aspekte dazu erarbeiten und präsentieren zu lassen, sondern sie darüber hinaus für das Thema Mobbing zu sensibilisieren und ihnen deutlich zu machen, wie wichtig es sowohl für Unternehmensleitungen als auch für Mitarbeiter/-innen ist, gegen Mobbing vorzugehen. Als geeignete Sozialform wurde die Gruppenarbeit ausgewählt, die von Schülern und Schülerinnen verlangt, dass sie miteinander sprechen, kooperativ im Team arbeiten und gemeinsam nach Lösungen suchen. Dabei werden Sozialkompetenzen gefördert, die einen offenen Umgang mit Konflikten begünstigen und somit unter Umständen auch helfen, Mobbingprozessen aktiv entgegenzuwirken.

Da eine erfolgreiche Gruppenarbeit durch eine intensive und genaue Planung bestimmt wird, nimmt dieser Bereich den größten Anteil der Arbeit ein.

2 Entscheidungsvoraussetzungen

2.1 Angaben zur Lerngruppe

Die Klasse 3290 besucht die einjährige Fachoberschule seit Beginn des Winterhalbjahres 2002/2003. Die 12 Schüler und 10 Schülerinnen sind zwischen 19 und 25 Jahren alt und verfügen alle über einen Realschulabschluss und über eine Berufsausbildung. 15 Schüler/

-innen haben eine Ausbildung zum Kaufmann/zur Kauffrau im Einzelhandel abgeschlossen. 5 Schüler/-innen wurden zu Kaufleuten im Groß- und Außenhandel ausgebildet. Da-

rüber hinaus gehören eine Kauffrau für Bürokommunikation und ein Datenverarbeitungs-Assistent der Klasse an. Zu Beginn waren noch 30 Schüler/-innen in der Klasse.

Ich hospitiere in der 3290 seit Beginn des Schuljahres im Fach BWL und habe einige Stunden innerhalb der Lernabschnitte „Marketing“ sowie „Leistungserstellung im Betrieb“ unterrichtet.

Die Schüler/-innen wirken insgesamt motiviert und die mündliche Beteiligung ist grundsätzlich als sehr positiv zu beurteilen, auch wenn sich einige Schüler/-innen kaum aktiv in das Unterrichtsgeschehen einbringen. Gruppenarbeit wurde schon einige Male erfolgreich durchgeführt, sie gehört jedoch nicht zum Alltag; die Schüler/-innen haben ferner bereits kleinere Vorträge vor der Klasse gehalten.

Ich bewerte mein Verhältnis zu der Klasse als gut, die Stimmung der Schüler/-innen untereinander und mir gegenüber ist sehr freundlich, kooperativ und aufgeschlossen. In letzter Zeit herrschte zuweilen eine unruhige und fast als albern zu bezeichnende Stimmung innerhalb einiger Kleingruppen, so dass es nicht immer ganz einfach war, eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herzustellen. Diese Erfahrung haben auch die anderen Lehrkräfte gemacht. Erklären lässt sich das beschriebene Verhalten unter Umständen durch den starken Leistungsdruck, dem die Schüler/-innen besonders in den vergangenen Wochen ausgesetzt waren, da die letzten Klassenarbeiten vor der Vergabe der Halbjahreszeugnisse geschrieben wurden.

Die Klasse gilt als relativ leistungsstark; 4 Schüler/-innen haben jedoch im Halbjahreszeugnis die Note 4, 2 eine 5 im Fach BWL bekommen.

2.2 Stellung der Stunden im Unterricht

Der vorläufige Rahmenlehrplan für das Fach Betriebswirtschaftslehre in der einjährigen Fachoberschule des Landes Berlin sieht 120 Stunden für das Fach BWL vor, wovon 40 Stunden unverplant sind,[7] die jedoch nur teilweise für Klassenarbeiten, Wiederholungen und für das Nachholen von Inhalten nach Stundenausfall benötigt werden. Die im Rahmenlehrplan aufgeführten stofflichen Schwerpunkte der einzelnen Lernabschnitte und Lerneinheiten sind sehr allgemein und weit formuliert, so dass für die unterrichtenden Lehrer/-in-nen ein großer Spielraum für eigene inhaltliche Entscheidungen bleibt. Diese Freiräume werden auch genutzt, indem bestimmte Themen vertieft und Bereiche hinzugefügt werden.

Im Rahmenlehrplan sind die beiden Lernabschnitte „Leistungserstellung im Betrieb“ (LA 3) und „Organisation und Personalwesen“ (LA 5)[8] aufgeführt. Zum LA 3 gehören die „Besonderheiten moderner Leistungserstellung“ und die „Verfahren zur Leistungserstellung nach der Anordnung von Menschen und Maschinen“. Dies wurde zuletzt unterrichtet. Thematisiert wurde dabei unter anderem der Einfluss unterschiedlicher Arbeitsbedingungen (im weiteren Sinn) auf die menschliche Psyche und Physis. Das Thema Mobbing in Unternehmen (mit 6 vorgesehenen Unterrichtsstunden) fügt sich gut in diesen Kontext, zumal sich Mobbing als eine extreme Form der Reaktion auf Arbeits- und Lebensbedingungen verstehen lässt. Es hat starke Folgen für die Gesundheit und die psychische Befindlichkeit der Betroffenen und somit wiederum negative Auswirkungen auf die betriebliche Leistungserstellung.

Eingeführt wird das Thema in der ersten Doppelstunde anhand einer Falldarstellung, in der eine Frau zum Opfer von Mobbingattacken wird. Außerdem wird eine Definition vorgegeben. Im zweiten Unterrichtsblock wird die Gruppenarbeit und in der dritten Doppelstunde die Präsentation der Ergebnisse durchgeführt.

Die Unterrichtseinheit „Mobbing in Unternehmen“ stellt den Übergang zum LA 5 („Personal und Organisation“) dar. Zu Beginn wird Personalführung thematisiert und damit eine Antwort auf die Frage gesucht, wie „erfolgreiches Führungsverhalten“ beschrieben werden kann. Mangelndes Führungsverhalten – darüber ist sich die Forschung einig – begünstigt das Entstehen von Mobbing (vgl. 3.4).

3 Sachanalyse: Mobbing in Unternehmen

3.1 Das Phänomen Mobbing

Der Begriff ‚Mobbing’ geht auf das englische ‚to mob’ (‚jemanden bedrängen, anpöbeln, attackieren, angreifen’) zurück, dessen Ursprung wiederum in der lateinischen Bezeichnung ‚mobile vulgus’ liegt, was in etwa ‚aufgewiegelte Volksmenge, Pöbel’ bedeutet.[9] Der Biologe Konrad Lorenz hat ‚Mobbing’ für Angriffe einer Gruppe von Tieren auf einen Eindringling gebraucht. Der schwedische Arzt Peter-Paul Heinemann übertrug ‚Mobbing’ Ende der 60er Jahre schließlich auf aggressives Gruppenverhalten von Kindern; seine heutige Bedeutung erlangte der Begriff in den 80er Jahren durch den Psychotherapeuten und Mobbingforscher Heinz Leymann:[10]

„Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen.“[11]

Die Definition wird aus verschiedenen Gründen z.B. von Esser und Wolmerath sowie Neuberger kritisiert:[12] Zunächst sind nach dieser Begriffsklärung einmalige bzw. sich nur kurzfristig wiederholende Angriffe nicht als Mobbing zu bezeichnen, ferner wird eine Einschränkung auf ein Mobbingopfer vorgenommen. Außerdem wird die Bezeichnung „kommunikative Handlungen“ bemängelt, da sie erstens uneindeutig ist (was bedeutet ‚negativ’?) und zweitens Mobbing über nicht kommunikative Handlungen ausschließt. Zapf nennt als Beispiele für nicht kommunikative Handlungen Gewaltanwendung und Mobbinghandlungen, die sich auf die Arbeitsaufgaben beziehen, z.B. das Erteilen offensichtlich überflüssiger Arbeitsaufgaben.[13]

Die allgemeine Kritik an Leymanns Definitionen hat einige Autoren dazu geführt, eigene Begriffsklärungen zu entwickeln, so z.B. Neuberger, der eine sehr weitfassende Definition des Begriffs anbietet:

„Jemand spielt einem übel mit und man spielt wohl oder übel mit.“[14]

Neubergers Definition lässt derart viel Spielraum zu, dass faktisch jede „üble Handlung“ zum Mobbing erklärt werden kann, unabhängig davon, ob sie beabsichtigt ist oder nicht. Mit dem Passus „und man spielt wohl oder übel mit“ kennzeichnet er Mobbing als zweiseitige Täter-Opfer-Relation, die ein dynamisches Hin und Her von Attacke und Gegenattacke beinhaltet. Damit schließt er aus, dass Mobbingopfer passiv bleiben können.[15]

In Zuschlags Definition werden Leymanns „negative kommunikative Handlungen“ durch „schikanöses Handeln“ ersetzt, außerdem trägt sie der Tatsache Rechnung, dass es sowohl mehrere beteiligte Mobbende als auch mehrere Mobbingopfer geben kann:

„Der Begriff ‚Mobbing’ beschreibt schikanöses Handeln

einer oder mehrerer Personen,

das gegen eine Einzelperson oder Personengruppe gerichtet ist.

Die schikanösen Handlungen werden meistens über einen längeren

Zeitraum hin wiederholt.

Sie implizieren grundsätzlich die Täter-Absicht,

das (die) Opfer bzw. sein (ihr) Ansehen zu schädigen

und gegebenenfalls aus seiner (ihrer) Position zu vertreiben. [...]“[16]

Im englischen Sprachgebrauch hat sich zeitgleich zum Begriff ‚Mobbing’ ‚Bullying’ durchgesetzt, was soviel wie ‚tyrannisieren, einschüchtern, schikanieren’ bedeutet. Für die systematische Schikane von Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wird auch ‚Bossing’ verwendet.[17]

3.2 Mobbingstrategien und Mobbingverlauf

Um nachvollziehbare statistische Untersuchungen zu Mobbing durchführen zu können, war es notwendig, das Phänomen Mobbing zu operationalisieren, d.h., in überprüfbare, beobachtbare Handlungen aufzugliedern. Leymann hat eine Liste mit 45 Mobbinghandlungen erstellt und diese in 5 verschiedenen Gruppen (= Mobbingstrategien) gefasst, wobei als Bezugspunkt die Auswirkungen auf das Opfer dienten. Auf diese Mobbingstrategien greifen viele andere Publikationen zum Thema Mobbing zurück.[18]

- Die 5 Mobbing-Strategien nach Leymann:

Angriffe auf

1. die Möglichkeit, sich mitzuteilen, z.B. Kontaktverweigerung durch Gesten oder wiederholtes Unterbrechen von Wortbeiträgen bei Besprechungen,
2. die sozialen Beziehungen, z.B. durch Versetzung in einen Raum weitab von Kollegen/Kolleginnen oder die Behandlung der Betroffenen „wie Luft“,
3. das soziale Ansehen, z.B. das Verbreiten von Gerüchten oder die falsche oder kränkende Beurteilung des Arbeitseinsatzes,
4. die Qualität der Berufs- oder Lebenssituation, z.B. das Auftragen sinnloser, „kränkender“ oder entwürdigender Arbeitsaufgaben,
5. die Gesundheit, z.B. durch den Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten oder die Androhung körperlicher Gewalt.

Eine eindeutige Abgrenzung der einzelnen Strategien bereitet große Schwierigkeiten. Ist z.B. ein Angriff auf die Möglichkeit sich mitzuteilen nicht immer auch ein Angriff auf die sozialen Beziehungen und impliziert ein Angriff auf die Gesundheit nicht gleichzeitig eine Einschränkung der Qualität der Lebenssituation?[19] Mehrere Autoren und Autorinnen haben eigene Mobbing-Strategien formuliert, die jedoch ebenfalls keine eindeutige Differenzierung der einzelnen Kriterien ermöglichen.[20]

Der Mobbing-Report, die erste repräsentative Studie über Mobbing in Deutschland,[21] hat nachgewiesen, dass die am häufigsten auftretende Mobbinghandlung das Verbreiten von Gerüchten und Unwahrheiten ist.[22] Ein besonderes Merkmal dieser Handlungen ist, dass sich die Verursacher/-innen nur schwer identifizieren lassen und dem Mobbing kaum Einhalt geboten werden kann. Das falsche Bewerten von Arbeitsleistungen, Sticheleien und Hänseleien sowie die Verweigerung wichtiger Informationen sind weitere sehr häufig durchgeführte Schikanen, denen Mobbingopfer ausgesetzt werden.[23]

Mobbingprozesse verlaufen sehr unterschiedlich, je nachdem, welche Mobbinghandlungen wie häufig auftreten, welche persönliche Konfliktfähigkeit die Opfer aufweisen, ob diese den nötigen sozialen und beruflichen Rückhalt von anderen erhalten und ob von der Organisation Hilfestellung zur Lösung der Konflikte angeboten werden.[24] Sicher ist nur, dass Mobbing in fast allen Fällen aus einem Konflikt entsteht und dass Mobbing dann, wenn es nicht gestoppt werden kann, sehr häufig zu negativen Folgen für die berufliche, die soziale, die psychische und gesundheitliche Situation des Mobbingopfers führt. Esser und Wolmerath stellen fest, dass sich die Lage verschlimmert, wenn Personen, die den Konflikt im Unternehmen eventuell lösen könnten, entweder versagen oder sich sogar auf die Seite der Mobbenden schlagen.[25]

3.3 Mobbing in Deutschland – die Täter/-innen und die Opfer

Abb. 1 aus Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 23[26]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Abbildung zeigt, dass 2,7% der zwischen November 2000 und Januar 2001 telefonisch befragten erwerbstätigen Personen zu diesem Zeitpunkt von Mobbing betroffen waren. 5,5% der Befragten wurden im Laufe des Jahres 2000 gemobbt; 11,3% wurden überhaupt schon einmal gemobbt und wurden es evtentuell noch zum Zeitpunkt der Befragung. Ausgehend von der Gesamtzahl von 39,988 Mio. Erwerbstätigen im Jahr 2000 (Stand Dezember 2000, Statistisches Bundesamt) entspricht dies (bei 5,5%) einer absoluten Zahl von 2,199 Mio. im Jahr 2000 gemobbten Arbeitnehmer/-innen.

Darüber hinaus wurden in der Studie Erkenntnisse über Dauer, Häufigkeiten und Art der Mobbinghandlungen, über Geschlecht, Alter und Status der Mobbenden und Gemobbten sowie über die Ursachen und die Folgen von Mobbing gewonnen.[27] Einige Ergebnisse werden im Folgenden dargestellt.

Wer wird gemobbt?

- Geschlecht: Ein Ergebnis der Studie ist, dass mehr Frauen als Männer von Mobbing betroffen sind: Unter 100 aktuellen Fällen befinden sich 58 Frauen und 42 Männer. Als Gründe für den höheren Frauenanteil werden neben geschlechtshierarchischen Einflüssen auch Aspekte wie die Zugehörigkeit zu - verglichen mit Männern - niedriger angesiedelten betrieblichen Positionen und weniger abgesicherte Arbeitsverhältnisse vermutet.[28] Einige Autoren vermuten, dass die Opferrolle als Sozialisationsprodukt ein typisches weibliches Phänomen sei: Frauen setzten sich weniger zur Wehr, da sie über ein geringeres Selbstwertgefühl verfügten.[29] Zapf wendet ein, dass in den Branchen, die stärker von Mobbing betroffen sind, mehr Frauen als Männer arbeiten.[30] Außerdem sei aus der Stressforschung bekannt, dass Frauen eher bereit seien als Männer, gesundheitliche oder soziale Probleme zuzugeben und Hilfsangebote wahrzunehmen.[31]

- Alter der Mobbingbetroffenen[32]

Abb. 2 aus Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 28

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Anhaltspunkt für die Beantwortung der Frage, warum besonders junge Mitarbeiter/-in-nen am stärksten von Mobbing betroffen sind, könnte ihre noch nicht gesicherte berufliche Stellung sein.

- Berufsgruppen:

Das größte Mobbingrisiko tragen die Sozialen Berufe (6,93% der Mobbingfälle) mit Berufen wie Sozialarbeiter/-in, Erzieher/-in usw. Gefolgt werden sie vom Verkaufspersonal (5,64% Mobbingfälle) und von Angestellten aus Banken, Bausparkassen und Versicherungen (3,97% Mobbingfälle).[33] Ein erhöhtes Mobbingrisiko wurde außerdem bei den Technikern/Technikerinnen und in den Gesundheitsdienstberufen, z.B. im Bereich der Krankenpflege, festgestellt.

Unterdurchschnittliche Mobbingrisiken wurden z.B. bei Reinigungs- und Entsorgungs-berufen und bei landwirtschaftlichen Berufen ermittelt.

Zu der Frage, warum bestimmte Berufsgruppen oft, andere weniger häufig betroffen sind, müssen noch weitere Untersuchungen angestellt werden. Mögliche Einflussfaktoren sind z.B. Arbeitsbedingungen, hierarchische Strukturen, Konkurrenzkampf, Arbeitsethos und die wirtschaftliche Situation.[34] Zu dem Bereich Banken und Versicherungen ist anzumerken, dass dort durch starke Rationalisierungen und die schlechte konjunkturelle Lage der letzten Jahre sehr viele Stellen wegfielen. Dadurch erhöht sich der Konkurrenzdruck der Mitarbeiter/-innen. Auffällig ist m. E. (meines Erachtens) weiterhin, dass die stark betroffenen Berufsgruppen alle den so genannten „personenbezogenen Dienstleistungsberufen“ zuzurechnen sind, in denen neben der körperlichen und der geistigen auch eine starke emotionale Beanspruchung erfolgt.[35]

Die Frage, ob es typische Mobbingopfer gibt, wird häufig erörtert.[36] Jeder kann davon betroffen sein, auch wenn es bestimmte Personengruppen im stärkeren Maß sind als andere, so z.B. junge Menschen, die gerade im Unternehmen aufgestiegen sind oder andere berufliche Erfolge erlebt haben. Die Wahrscheinlichkeit für neue Mitarbeiter/-innen gemobbt zu werden ist größer als für die, die schon mehrere Jahre lang im Unternehmen tätig sind. Außerdem sind tendenziell Personen stärker gefährdet, die sich von der Mehrheit unterscheiden: Dies können Frauen sein, die alleine unter Männern arbeiten oder umgekehrt, aber auch Migranten und Migrantinnen, Homosexuelle usw.[37] Diese personen-bezogenen Aspekte müssen jedoch in Zusammenhang mit anderen Motiven und begünsti-genden Faktoren gesehen werden, denn selten ist ein einziger Beweggrund für das Entstehen von Mobbing verantwortlich zu machen.[38]

Wer mobbt?

- Geschlecht: In 59,3% wurde hauptsächlich von einem Mann gemobbt, in 40,7% hauptsächlich von einer Frau.[39]

Die Untersuchung ergab außerdem, dass Männer in 18,3% von Frauen und zu 81,7% von Männern gemobbt wurden. Frauen hingegen wurden in 51,7% von Frauen, zu 42,9% von Männern gemobbt.[40] Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Männer vor allem durch Männer gefährdet sind, Frauen durch Männer und Frauen.

- Beschäftigungsstatus: In 38,2% wurde Mobbing ausschließlich von Vorgesetzten betrie-ben, in 12,8% mobbte der Vorgesetzte gemeinsam mit (ihm hierarchisch nachgeordneten) Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Eine Beteiligung von Vorgesetzten ist demnach in 51%, also in mehr als der Hälfte der Fälle, aufgetreten.

In 40,4% waren nur Kollegen und Kolleginnen der gleichen hierarchischen Ebene beteiligt; ausschließlich hierarchisch untergeordnete Personen mobbten äußerst selten, in nur 2,3% der Fälle.[41]

Nimmt man das Ergebnis hinzu, dass mehr Männer als Frauen mobben, stellt sich die Frage, ob es sich um ein geschlechts- oder um ein hierarchiespezifisches Problem handelt.

3.4 Faktoren, die Mobbing begünstigen

Grundsätzlich sind negative Emotionen wie Neid, Missgunst oder Hass, Intoleranz, Unzufriedenheit und Rücksichtslosigkeit Quellen, aus denen Mobbing entstehen kann und die sich durch das Mobbing noch erhöhen.[42] Als entscheidend für das Aufkommen von Mobbing werden neben gruppendynamischen Prozessen vor allem betriebliche Faktoren angesehen. In der Mobbing-Studie wurden dem entsprechend die Mobbingopfer nach der betrieblichen Situation gefragt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einige der genannten Situationen lassen sich auf unzureichende Führungsqualitäten und auf mangelnde soziale Kompetenzen von Vorgesetzten zurückführen. Die Entwicklung der Arbeitswelt, Stellenabbau, Outsourcing, Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland usw. sind Faktoren, die Arbeitsplatzunsicherheit entstehen lassen und damit Konkurrenz-denken und letztlich auch Mobbing begünstigen.[44] Jedoch nicht immer lässt sich nachvoll-ziehen, welche Motive zum Mobbing geführt haben.

3.5 Folgen von Mobbing

Der Grund dafür, warum das Thema öffentlich so stark beachtet wird, liegt in den gravierenden Folgen, die Mobbing nach sich zieht, und zwar nicht nur für die Mobbingopfer, sondern auch für die Unternehmen und letztlich für die Volkswirtschaft.[45] [46]

Der Mobbing-Report zeigt, dass insgesamt 43,9% von 491 befragten Mobbingopfern krank wurden; bei 20,1% betrug die Krankheitsdauer mehr als 6 Wochen.[47]

[...]


[1] Vgl. www.google.de (Suchbegriff ‚Mobbing’, 28.03.03).

[2] Das Wort ‚Mobbing’ erscheint dann in einfachen Anführungszeichen, wenn es um den Begriff geht. Wenn das Phänomen oder das Thema Mobbing gemeint ist, erscheint das Wort unmarkiert.

[3] Vgl. Neuberger 1999, S. 2.

[4] Um das Prinzip der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache zu gewährleisten, verwende ich diese Kurzform, die von der Dudenredaktion (Hrsg.), Bd. 9, 2001, S. 396f. anerkannt wird.

[5] Vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 23f.

[6] Als Ausnahmen sind der Winklers Verlag zu nennen, der eine Anleitung zu einem Rollenspiel „Mobbing im Betrieb“ veröffentlicht hat (Völler 1998) und eine Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung (Gugel 2002). Letztere eignet sich jedoch eher zum Einsatz im Sozialkundeunterricht.

[7] Vorläufiger Rahmenplan für das Fach Betriebswirtschaftslehre in der Fachoberschule 1998, S. 6ff.

[8] „Marketing“ als LA (Lernabschnitt) 4 wurde vorgezogen, damit LA 3 und LA 5 hintereinander unterrichtet werden können. Dies wird von einigen BWL-Lehrern seit Jahren praktiziert.

[9] Vgl. Brinkmann 1995, S. 11; Esser/Wolmerath 2001, S. 20; Leymann 1995a, S. 14f; Neuberger 1999, S. 3; Zuschlag 1994, S. 3.

[10] Vgl.Brinkmann 1995, S.11ff; Esser/Wolmerath 2001, S. 20f; Leymann 1995, S. 14; Wolmerath 2001, S. 24f.

[11] Vgl. Leymann 1994, S. 21. Leymann hat seine Mobbing-Definition immer wieder leicht verändert und präzisiert. In einer anderen Definition hat er die Häufigkeit der Mobbinghandlungen mit einmal wöchentlich und einen Mobbingzeitraum von mindestens sechs Monaten bestimmt (vgl. Leymann 1993, S. 272).

[12] Zur Kritik an Leymanns Definition(en) vgl. Esser/Wolmerath (2001), S. 20ff; Neuberger 1999, S. 15ff; Zapf 1999, S. 3; Zuschlag 1994, S. 4ff.

[13] Vgl. Zapf 1999, S. 3. Gegen Zapfs Argumentation könnte m. E. wiederum eingewendet werden, dass es - im Sinne Watzlawicks (2000, S. 51) - nicht möglich ist, nicht zu kommunizieren.

[14] Neuberger 1999, S. 18f.

[15] Neuberger 1999, S. 19.

[16] Zuschlag 1994, S. 6. (Die Formatierung entspricht der Vorlage.) Diese Definition wird im Unterricht in leicht modifizierter Form eingesetzt. Zuschlag ergänzt, dass Handlungen auch ohne Schikane-Absicht von sensiblen Personen als Mobbing missverstanden werden können. Erwähnt werden soll noch, dass Esser/Wolmerath 2001, S. 22, in ihre Definition die Folgen des Mobbings (Beeinträchtigung der psychischen Befindlichkeit und der Gesundheit) für die Mobbingopfer aufnehmen.

[17] Vgl. Brinkmann 1995, S. 12. ‚Bullying’ wurde von ‚bully’ abgeleitet und bedeutet ‚brutaler Mensch, Tyrann’.

[18] Vgl. Leymann 1994, S. 22ff; vgl. auch BfA (Bundesversicherungsanstalt für Angestellte) 2001, S. 8f; Gugel 2002, S. D [sic]; www.igmetall.de 1997, S. 4ff.

[19] Zur Kritik an den Mobbingstrategien Leymanns vgl. Neuberger 1999, S. 25ff.

[20] Vgl. z.B. Brinkmann 1995, S. 34ff, auf dessen Einteilung im Unterricht (Anhang: AB Gruppe A), zurückgegriffen wird; Esser/Wolmerath 2001, S. 26ff; Zuschlag 1994, S. 47ff.

[21] Vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002. Vorher existierten nur kleinere, nicht bundesweit repräsentative Studien. Um Zahlen zu schätzen, wurden häufig die Studien aus Schweden herangezogen und auf Deutschland hochgerechnet. Zu Untersuchungen in Deutschland, in Österreich und der Schweiz vgl. auch Niedl 1995, S. 60f.

[22] Ebd., S. 39. Die Autorinnen verweisen darauf, dass alle bisherigen Stichproben das gleiche Ergebnis hervorgebracht haben. Zu bedenken ist dabei jedoch, dass sie in ihrem Fragebogen nur 10 Mobbinghandlungen ausformuliert haben. Zu den „20 beliebtesten Mobbinghandlungen“ vgl. www.igmetall.de, S. 16ff.

[23] Ebd. Die Autorinnen weisen außerdem nach, dass Frauen im stärkeren Maß von Attacken im sozialen Bereich betroffen sind (Ausgrenzung und Isolierung, Beleidigungen usw.), Männer hingegen mehr im fachlichen Kontext gemobbt werden (ungerechte Kritik an der Arbeit, Arbeitsentzug, Zurückhalten von aufgabenbezogenen Informationen usw.).

[24] Vgl. Esser/Wolmerath 2001, S. 38f. Vgl. auch die Abbildung im AB Gruppe A.

[25] Vgl. Esser/Wolmerath 2001, S. 38f.

[26] Diese Ergebnisse resultieren aus einer telefonischen Befragung von 4.396 zufällig ausgewählten Personen.

[27] Vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 16f. Neben der telefonischen Erhebung, bei der 4.396 Personen befragt wurden, wurde eine schriftliche Befragung bei Mobbingbetroffenen durchgeführt, wobei 1.319 Fragebögen ausgewertet werden konnten.

[28] Ebd., S. 25ff.

[29] Vgl. Zapf 1999, S. 7. Zapf referiert dies nur, ohne selbst der Meinung zu sein. Philipsenburg 2001, S. 96 vermutet (gewagt), starke Frauen lösten bei schwachen Männern Ängste aus, was die Mobbingwahrscheinlichkeit gegenüber leistungsstarken Frauen erhöhe.

[30] Ebd.

[31] Zapf 1999, S. 7f. Vgl. auch Zapf/Groß 2000, S. 23.

[32] Zugrunde liegt eine telefonische Befragung bei Mobbing-Betroffenen (n=495).

[33] Vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 29f. Zur besseren Einschätzung der Größe des Risikos wurde ein Risiko-Quotient eingeführt, der den Anteil der Mobbingfälle in einer Berufsgruppe in Relation zu dem Anteil der Beschäftigten in der Berufsgruppe stellt. Der Quotient gibt den Multiplikator im Verhältnis zum durchschnittlichen Mobbingrisiko (= 1) an. Bei den Sozialen Berufen liegt der Risikofaktor bei 2,8 (bei 6,93% der Mobbingfälle), beim Verkaufspersonal bei 2,0 (5,64%) und bei den Angestellten aus Banken, Versicherungen und Bausparkassen auch bei 2,0 (3,97%).

[34] Vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 32.

[35] Zu den personenbezogenen Dienstleistungsberufen vgl. Krell 2001.

[36] Vgl. Brinkmann 1995, S. 92; Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 120f; Philipsenburg 2001, S. 22ff.

[37] Vgl. z.B. Brinkmann 1995, S. 91ff; Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 120ff; Zapf 2000, S. 144f; Zuschlag 1994, S. 29ff. Leymann 1994, S. 131ff, hingegen sagt, personenbezogene Merkmale spielten überhaupt keine Rolle. Er macht ausschließlich strukturelle Faktoren wie die Organisation, die Gestaltung der Arbeitsaufgabe, die Leitung und die soziale Dynamik der Arbeitsgruppe verantwortlich.

[38] Vgl. z.B. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 110.

[39] Ebd., S. 69.

[40] Ebd.

[41] Vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002S. 65.

[42] Vgl. Esser/Wolmerath 2001, S. 46f; Hess 2002, S. 72.

[43] Nach Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S.124. Die Autorinnen führen noch weitere Faktoren auf. Vgl. auch Walter 1993, S. 61ff. Vgl. auch AB Gruppe B.

[44] Vgl. Esser/Wolmerath 2001, S. 46ff. Die Autoren machen außerdem zunehmende Ich-Bezogenheit verantwortlich und sprechen vom gesellschaftlichen Trend der Ellenbogengesellschaft.

[45] Die Folgen für die Mobbenden und für die beobachtenden Dritten werden hier nicht aufgeführt. Vgl. hierzu z.B. Spamer 2000, S. 84ff; Wolmerath 2000, S. 69ff.

[46] Zu den folgenden Ausführungen vgl. Esser/Wolmerath 2001, 52ff; Holzbecher/Meschkutat 2002, S. 26f; Leymann 1994, S. 124ff; Neuberger 1999, S. 94ff; Zuschlag 1994, S. 98ff.

[47] Vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002, S. 78ff. Dabei ist auffällig, dass der Anteil der Frauen, die krank werden, wesentlich höher ist als der der Männer.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Mobbing im Unternehmen - Eine Unterrichtseinheit in der Fachoberschule unter Einsatz von Gruppenarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
54
Katalognummer
V19643
ISBN (eBook)
9783638237161
Dateigröße
2392 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit für das 2. Staatsexamen
Schlagworte
Mobbing, Unternehmen, Eine, Unterrichtseinheit, Fachoberschule, Einsatz, Gruppenarbeit, Thema Mobbing
Arbeit zitieren
Cornelia Maass (Autor), 2001, Mobbing im Unternehmen - Eine Unterrichtseinheit in der Fachoberschule unter Einsatz von Gruppenarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19643

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