Konzeptionelle Überlegungen zur europäischen Kulturhauptstadtinitiative

Zum Stand der Diskussion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
36 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Vorbemerkungen

Seit über 25 Jahren verleiht die Europäische Union kulturell bedeutsamen Städten den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Die ursprüngliche Intention war es, die ins Stocken geratene europäische Integration um einen kulturellen Schwerpunkt zu ergänzen und voranzutreiben. Dabei sollten die kulturelle Vielfalt Europas und die Gemeinsamkeiten europäischer Kulturen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Im Laufe der Jahre hat das Konzept der Kulturhauptstadt einen mehrfachen Wandel erfahren und bis heute an Bedeutung gewonnen. (vgl. Wingert-Beckmann 2009: 63)

Insbesondere die Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften widmen sich zunehmend dem Thema Kulturhauptstadt, was sich in einer Vielzahl an theoretischen und empirischen Publikationen niederschlägt. Auch die Titelträger selbst geben häufig Studien in Auftrag, die jedoch tendenziell die „überbordenden Würdigungen und Superlative“ ihrer PR-Abteilungen wiederholen, anstatt diese kritisch zu überprüfen (Mittag 2012: 59). Jürgen Mittag, der eine umfangreiche Untersuchung zur Kulturhauptstadtidee durchgeführt hat, konstatiert: „Vor allem an Überblickstudien, die das Kulturhauptstadtprojekt nicht nur mit Blick auf eine einzelne Stadt oder sogar lediglich ein einzelnes kulturelles Event analysieren, mangelt es“ (ebda.).

Diesem Desiderat will die vorliegende Arbeit entgegenwirken und eine qualitative Bestandsaufnahme zentraler Themenfelder im Diskurs zur europäischen Kulturhauptstadtinitiative vornehmen. Dabei verfolgt die Autorin einen integralen Ansatz und versucht einzelne Argumente aus den einschlägigen Publikationen zum Kulturhauptstadtkonzept zu destillieren und zu themenspezifischen Begründungen zu verdichten.

Den Bezugspunkt der Arbeit bildet die aktuelle Forschungsliteratur zu den europäischen Kulturhauptstädten, in der sich die zentralen Fragestellungen der bisherigen Kulturhauptstadtforschung finden. Auf Primärquellen wie die von den Kulturhauptstädten selbst produzierten Materialien (z.B. Veranstaltungsprogramme) oder die Rechtsakte der Europäischen Union wird die Autorin nicht näher eingehen. Die Überprüfung der dargestellten Trends an konkreten Beispielen ist eine Aufgabe, die eine empirische Kulturhauptstadtforschung leisten müsste, bei der die vorliegende Arbeit jedoch an ihre Grenzen stößt.

Ziel des vorliegenden Beitrags ist es zunächst, die im aktuellen Diskurs dominierenden Themenfelder zu extrahieren und aufzuzeigen, welche Fragen die Kulturhauptstadtforschung bis dato beschäftigt hat. Auf Basis der erstellten systematischen Übersicht soll im zweiten Schritt gefragt werden, welche Kulturbegriffe den einzelnen Ansätzen zu Grunde liegen. In den Blick genommen werden sollen ihre Schwächen und Stärken als auch die Frage, an welchem Kulturverständnis sich zukünftige Kulturhauptstädte orientieren können.

Das Ergebnis des ersten, deskriptiven Schritts ist eine Kategorisierung von vier verschiedenen Themenfeldern, denen in der aktuellen Forschungsliteratur besondere Beachtung geschenkt wird: (1.) Europäische Integration und Identität, (2.) Stadt- und Regionalentwicklung, (3.) Nachhaltigkeit sowie (4.) Interkulturalität und Menschenrechte.

Zunächst soll skizziert werden, wie sich das Ausgangsmotiv, die Förderung des europäischen Integrationsprozesses und die Stärkung der europäischen Identität, seit dem Anfangsjahr der Initiative 1985 gewandelt und erweitert hat. In Anschlag gebracht wird hier ein politisch aufgeladener, instrumenteller Kulturbegriff, der durchaus voraussetzungsvoll ist. Dies gilt insbesondere für die erwarteten Effekte der Kultur auf die europäische Integration und Identität.

Im zweiten Kapitel wird erläutert, dass nicht alle Kulturhauptstädte den Europagedanken in gleichem Maße verfolgen und der Titel auch einer Art Städtelifting dient (Mittag 2008b:16). In diesem Kontext ist ein Ökonomisierungstrend zu beobachten, der mit einem nutzenorientierten Verständnis von Kultur einhergeht. Obwohl die Orientierung an wirtschaftlichen Maßstäben in vielen Beiträgen kritisiert wird, zeigt sich, dass Kultur nicht ohne ökonomische Mittel zu verwirklichen ist.

Dies wird auch im dritten Kapitel bei der Frage nach den bleibenden Effekten des Kulturhauptstadtjahres deutlich, die an Bedeutung gewonnen hat, seit die Städte sich mit großem finanziellen und geistigen Einsatz in die Initiative einbringen. Auch diesem Diskurs liegt ein politisch-ökonomischer Kulturbegriff zu Grunde, dessen Schwäche insbesondere Akteure aus dem Kulturbereich darin sehen, die der Kunst inhärenten Eigenschaften wie Zweckfreiheit, Spontaneität und Risiko zu vernachlässigen.

Im vierten Kapitel werden einige Fragen zur Interkulturalität und Menschenrechtskultur aufgeworfen, die sich in der aktuellen Debatte herauskristallisieren und den Kontext der europäischen Kulturhauptstädte verändert haben. Hier kommt ein weiter Kulturbegriff zum Ausdruck, der Kultur nicht auf seine materielle Seite und seinen ökonomischen Nutzen beschränkt, sondern auf gesellschaftspolitische Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen in einer globalisieren Welt abstellt.

Im zweiten, analytischen Teil der Arbeit soll noch einmal genauer gefragt werden: Welche Kulturverständnisse spiegeln sich in den verschiedenen Ansätzen wieder und welche Voraussetzungen implizieren sie? Welche Eigeninteressen werden von den verschiedenen Akteuren im Kulturhauptstadtjahr verfolgt? Welche Zielsetzungen lassen sich identifizieren, die anderen Bereichen als der Kultur zuzuordnen sind?

Darauf aufbauend sollen die Kulturverständnisse, die sich in den verschiedenen Phasen (Europäische Integration und Identität, Stadt-und Regionalentwicklung, usw.) finden, tabellarisch aufgeführt werden. Das Schema fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und kann als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen zum Kulturhauptstadtkonzept dienen.

Die Arbeit endet mit Überlegungen zum zukünftigen Theorie-Praxis-Diskurs und zur Begründung einer interdisziplinären Kulturhauptstadtforschung: Welche Anknüpfungspunkte finden sich in der bisherigen Forschung, welche Lücken gilt es noch zu schließen?

1 DESKRIPTIVER TEIL

Thematische Schwerpunkte der europäischen Kulturhauptstadtinitiative

1.1 Europäische Integration und Identität

Die Kulturpolitik der Europäischen Union war von Beginn an durch ihren instrumentellen Charakter bestimmt. Der Programmierung der Kulturhauptstadtinitiative lag das Ziel zugrunde, die europäische Identität und die Zustimmung zur europäischen Einigung zu stärken. (vgl. Mittag 2008b: 6; vgl. Quenzel 2008: 146; vgl. Rüsen 2008: 215)

Will man verstehen, vor welchem zeithistorischen Hintergrund das Konzept der Kulturhauptstadt Europas entstanden ist, lohnt sich ein kurzer Blick in die europäische Integrationsgeschichte. Schnell fällt auf, dass die Europäische Union und ihre rechtlichen Vorläufer im Bereich der Kultur lange Zeit nur über wenige Kompetenzen verfügten. Erst als die primär wirtschaftlich ausgerichtete europäische Integration in den 1980er Jahren in einen Stillstand geriet, begann Kultur auf europäischer Ebene an Bedeutung zu gewinnen. (vgl. Mittag 2012: 61; vgl. Schwencke 2005)

Langsam begriffen die europäischen Institutionen, dass sich die anhaltende Stagnation nur überwinden ließ, wenn die Zustimmung der europäischen Bürger zum Einigungsprojekt gesteigert würde. Ein wirklicher Fortschritt des europäischen Integrationsprozesses schien ohne die Kraft der Kultur nicht erreichbar zu sein: „Europa bleibt auf der Strecke, wenn seinen Institutionen und Strategien der Einigung nicht neue Impulse zuwachsen, und die können nur aus der Kultur, also aus den Mächten stammen, die in den Prozessen der Identitätsbildung wirken“ (Rüsen 2008: 220). Vor diesem Hintergrund sind die ersten kulturpolitischen Steuerungsversuche der Europäischen Union zu verstehen: als eine zweckgebundene Intervention, die auf Legitimation und Systemstärkung zielte. (vgl. Mittag 2008c: 64; vgl. Muschg 2005: 32; vgl. Nieland 2008: 167)

Im Zusammenhang mit dem Konzept eines „Europas der Bürger“ gewann die europäische Kulturpolitik in den 1980er Jahren entscheidenden Aufwind. Mit Hilfe symbolischer und kultureller Vorhaben sollte die Europäische Union gestärkt und der Integrationsgedanke neu belebt werden. Bemüht wurde das gemeinsame kulturelle Erbe ebenso wie die kulturelle Vielfalt, die es zu wahren galt. (vgl. Schwencke & Rydzy 2005)

Als die griechische Kulturministerin Melina Mercouri im Jahr 1983 vor dem Rat der Europäischen Gemeinschaft für das Projekt einer europäischen Kulturstadt warb, fand dies große Resonanz bei den für Kultur zuständigen Ministern. Die Idee sah vor, jährlich eine Kulturstadt Europas (seit 1999 Kulturhauptstadt Europas) zu benennen, um jener europäischen Kultur Ausdruck zu verleihen, „die sich in ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer zeitgenössischen Entwicklung sowohl durch Gemeinsamkeiten als auch durch einen aus der Vielfalt hervorgegangenen Reichtum auszeichnet“ (Quenzel 2008: 145).

Mit dem Konzept der Kulturhauptstadt Europas hatte man erkannt, dass Identität nicht in den Institutionen der Europäischen Union geschaffen wird und nicht durch zentrale Regelungen bürokratischen Charakters entsteht: „Im Gegenteil: Sie ist dort lebendig, wo sich europäischer Geist zuerst und langfristig ausgebildet hat: nämlich in den Städten, in unserer urbanen Lebensform oder – um es emphatisch zu sagen – in der Kultivierung von Menschen zu Bürgern“ (Rüsen 2008: 220).

Rasch entwickelte sich das zunächst außerhalb der Gemeinschaftsverträge angesiedelte Programm zu einem publikumswirksamen Großevent. Historiografische Studien zeigen, wie die Kulturhauptstadtinitiative sukzessive eine Eigendynamik entfaltete, die immer mehr von den ursprünglichen Motiven der Europäischen Gemeinschaft abwich. (vgl. Mittag 2008b: 13; vgl. auch Kapitel 2 der vorliegenden Arbeit)

In der jüngsten Vergangenheit lässt sich beobachten, wie die Ausgestaltung des Programms sich wieder stärker an seiner anfänglichen Zielsetzung orientiert. Jürgen Mittag (2008a) vermutet, dass die Vergemeinschaftung der Initiative und die Reformen der letzten Jahre dazu beigetragen haben, dass sich der Europagedanke derzeit wieder mit neuem Leben füllt.

Im Jahr 2006 wurde als Kriterium künftiger Kulturhauptstädte explizit „die europäische Dimension“ ergänzt, mit der „die gemeinsamen Aspekte europäischer Kulturen in den Vordergrund gerückt werden sollten“ (ebda.: 78). Ein Jahr später wurde beschlossen, Osteuropa in die Planungen der Kulturhauptstadtinitiative einzubeziehen und den integrativen Charakter des Konzepts künftig stärker zu betonen. Seither stellt pro Jahr jeweils einer der alten 15 EU-Staaten und einer der zwölf jungen Mitgliedstaaten die Kulturhauptstadt Europas. (ebda.)

Skeptisch gegenüber dem Potenzial der Kulturhauptstadtinitiative, die europäische Identität zu stärken, fallen die Einschätzungen Wilhelm Amanns aus (vgl. Ernst & Heimböckel 2012: 12). Der Autor bezweifelt, dass die Kulturhauptstadtjahre eine verbindende oder solidarische Wirkung entfalten. Er sieht in ihnen vielmehr ein Ausdruck des Wettbewerbs der Nationen und Städte „ganz im Sinne des im 18. Jahrhunderts installierten 'Wettbewerbs der Nationen'“ (Amann 2012: 118). Amann stützt sich bei seinen Ausführungen auf die Ergebnisse des Palmer-Reports, nach dem die Kulturhauptstadtinitiative zwar die regionale Selbstkonstitution stärkt, gleichzeitig jedoch den Europagedanken schwächt (Palmer 2004:18).

Dass die Förderung kultureller Integration und Identität letztlich von einer wirkungsvollen „Ökonomisierungslogik“ verdrängt wird, darauf weisen Thomas Ernst und Dieter Heimböckel (2012) in ihrem jüngst erschienenen Sammelband „Verortungen der Interkulturalität“ hin. Der Erfolg des Kulturhauptstadtjahres werde regelmäßig in „Übernachtungszahlen“, der „Akzeptanz des Unternehmensstandortes“ oder anderen ökonomischen Parametern gemessen und sei somit primär ein Hilfsmittel der Wirtschaft und nicht der Kultur, kritisieren die Autoren (ebda.).

1.2 Stadt- und Regionalentwicklung

Das folgende Kapitel schließt an diese Beobachtung an und beleuchtet die wirtschaftlichen Hoffnungen und Absichten, die von städtischer Seite mit dem Kulturhauptstadtjahr verbunden werden. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit der Titel der Kulturhauptstadt Europas als Marketinginstrument zur Förderung der Stadtentwicklung und des Kulturtourismus fungiert.

Wendet man erneut den Blick zurück in die Vergangenheit, stellt man fest, dass die Initiative von Anfang an zu Zwecken der Stadtentwicklung genutzt wurde. Geboren war die Idee der Kulturhauptstadt Europas zu einer Zeit des Strukturwandels, die sowohl die europäische Integration ins Stocken gebracht hatte als auch die Großstädte vor neue Herausforderungen stellte: Im Zuge der Deindustrialisierung war die wirtschaftliche Basis vieler Regionen weggebrochen, eine neue Armut machte sich breit. Die Krise zwang die Städte zu aufwendigen Umbaumaßnahmen und zu einer unternehmerischen Stadtpolitik. Bald wurde Kultur als vielversprechender Standortfaktor entdeckt, der die Ansiedlung wirtschaftsstarker Unternehmen befördern sollte. Mit Hilfe innovativer Imagekampagnen versuchten die Städte, sich als einzigartige Marke zu verkaufen und Touristen, Industrie sowie Investoren anzulocken. Es begann eine Phase der „Projektifizierung“, in der kulturelle Großveranstaltungen und Festivals eingesetzt wurden, um die Städte zu erneuern und ihnen ein attraktives Profil zu verschaffen (Güntner 2012: 43).

In diese Umbruchstimmung reihten sich auch die ersten Bewerbungen zur Kulturstadt Europas ein. Die Städte nutzten die Initiative, um lokale Koalitionen zu gründen, Investitionen vor der Bevölkerung zu legitimieren und ihre Erneuerungsmaßnahmen nach außen zu präsentiert. (vgl. ebda.: 39ff)

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Konzeptionelle Überlegungen zur europäischen Kulturhauptstadtinitiative
Untertitel
Zum Stand der Diskussion
Hochschule
Universität Konstanz  (Kulturelle Grundlagen Europas)
Veranstaltung
Kulturelle Aspekte der europäischen Integration
Note
1,00
Autor
Jahr
2012
Seiten
36
Katalognummer
V196430
ISBN (eBook)
9783656225119
ISBN (Buch)
9783656226970
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beleuchtet aktuelle Trends der europäischen Kulturhauptstadtinitiative, u.a. Europäische Integration, Stadt-und Regionalentwicklung, Nachhaltigkeit, Menschenrechtskultur und Interkulturalität. Die Arbeit wurde mit einer 1,0 benotet und ist in Vorbereitung auf eine Masterarbeit entstanden.
Schlagworte
konzeptionelle, überlegungen, kulturhauptstadtinitiative, stand, diskussion
Arbeit zitieren
Anne-Marie Geisthardt (Autor), 2012, Konzeptionelle Überlegungen zur europäischen Kulturhauptstadtinitiative, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196430

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