Neutestamentliche Hoheitstitel: Eine kritische Analyse des Einflusses der jüdischen Tradition


Examensarbeit, 2011

57 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

0. Die Idee und die Konzeption

1. Die Entwicklung der neutestamentlichen Hoheitstitel

2. Der Einfluss der jüdischen Tradition auf die Hoheitstitel in den synoptischenEvangelien
2.1. Die Hoheitstitel im Markusevangelium
2.1.1. Hellenistisch beeinflusste Hoheitstitel
2.1.2. Jüdisch beeinflusste Hoheitstitel
2.1.3. Bewertung des Einflusses der jüdischen Tradition auf die Hoheitstitel
2.2. Die Hoheitstitel im Matthäusevangelium
2.2.1. Hellenistisch beeinflusste Hoheitstitel
2.2.2. Jüdisch beeinflusste Hoheitstitel
2.2.3. Bewertung des Einflusses der jüdischen Tradition auf die Hoheitstitel
2.3. Die Hoheitstitel im Lukasevangelium
2.3.1. Hellenistisch beeinflusste Hoheitstitel
2.3.2. Jüdisch beeinflusste Hoheitstitel
2.3.3. Bewertung des Einflusses der jüdischen Tradition auf die Hoheitstitel

3. Resümee

Literaturverzeichnis

Erklärung

0. Die Idee und die Konzeption

„Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18 - 20)

Mit diesen Worten nimmt Jesus von Nazaret am Ende des Matthäusevangeliums Abschied von seinen Jüngern. Nach all dem, was diese mit ihm erlebt und von ihm erwartet haben, wie u. a. der Emmauserzählung aus dem Lukasevangelium entnommen werden kann, ist davon auszugehen, dass der Tod Jesu sie in einen regelrechten Schockzustand versetzt haben muss.

Bereits seitdem ich mich, kurz vor meinem Abitur im Jahre 2007 im Rahmen des Leistungs- kurses Katholische Religionslehre, zum ersten Mal intensiv mit dem Tod Jesu, der Trauer seiner Jünger und den anfänglichen Problemen der jungen Kirche auseinandersetzte, übt das Thema auf mich eine große Faszination aus. Dass Jesu Jünger mit den Hoheitstiteln gewis- sermaßen Trauerarbeit leisteten, indem sie ausdrückten, was für ein besonderer Mensch Jesus von Nazaret war, erachte ich bereits seit einiger Zeit als sehr interessanten Gedanken. Insbe- sondere die Frage nach der Herkunft der einzelnen Titel reizt mich sehr. Die Idee, sie zum Gegenstand meiner Zulassungsarbeit zu machen, entstand bereits in der Frühphase meines Studiums der katholischen Theologie, als ein Dozent im Rahmen einer Einführungsvorlesung im Bereich Biblische Theologie über das Neue Testament anmerkte, dass er eine Zulassungs- arbeit über den Ursprung der neutestamentlichen Hoheitstitel zu vergeben hätte. Um den für eine wissenschaftliche Arbeit dieser Art vorgesehenen Rahmen einzuhalten, wurde eine Ein- grenzung des Themas vorgenommen und der Untersuchungsbereich auf die Evangelien nach Markus, Lukas und Matthäus beschränkt.

Aufgrund meines Hauptfaches Deutsch wurde bei dieser Arbeit ein literaturwissenschaftlicher Ansatz verfolgt. Die Evangelien wurden im Vorfeld nach den einzelnen Hoheitstiteln untersucht und die Häufigkeit des Vorkommens der Titel in einer Statistik erfasst. Aus dieser Statistik gehen die in diese Arbeit integrierten Diagramme hervor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Obiges Säulendiagramm (vgl. Abb. 1) bildet die Basis der vorliegenden Zulassungsarbeit, in der die Hoheitstitel auf ihre Herkunft hin untersucht werden, um daraus schlussfolgern zu können, welcher Ursprung überwiegt. Eine Problematik stellt hierbei dar, dass einzelne Hoheitstitel in unterschiedlichen vorchristlichen Traditionen bekannt sind, der Ursprung also nicht eindeutig bestimmt werden kann, wie es z. B. bei dem Hoheitstitel Herr der Fall ist. Darüber hinaus ist bei diesem Titel schwierig zu unterscheiden, ob es sich um eine Ehrerbietung oder eine höfliche Anrede handelt.

Im Folgenden werde ich zunächst die Entwicklung der neutestamentlichen Hoheitstitel nachzeichnen. Anschließend wird eine Untersuchung der Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas vorgenommen werden. Hierbei werden jeweils in einem ersten Abschnitt die Hoheitstitel thematisiert werden, die mit großer Wahrscheinlichkeit hellenistischen Ursprungs sind, während der zweite Unterpunkt den jüdisch beeinflussten Titeln vorbehalten sein wird. In einem dritten Schritt soll jeweils die Beurteilung des jüdischen Einflusses auf die Hoheitstitel des jeweiligen Evangeliums erfolgen. Im Schlussteil dieser Zulassungsarbeit wird schließlich ein Resümee gezogen und in diesem die Intensität des Einflusses der jüdischen Tradition auf die Hoheitstitel in den synoptischen Evangelien eingeschätzt werden.

1. Die Entwicklung der neutestamentlichen Hoheitstitel

„Während sie auf dem Weg hinauf nach Jerusalem waren, ging Jesus voraus. Die Leute wunderten sich über ihn, die Jünger aber hatten Angst. Da versammelte er die Zwölf wieder um sich und kündigte ihnen an, was ihm bevorstand. Er sagte: ‚Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird der Menschensohn den Ho- henpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden ü- bergeben; sie werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferste- hen.’“ (Mk 10,32 - 34)

Durch diese und andere Reden bereitet Jesus seine Jünger auf sein Leiden vor. Den Schock des Todes Jesu überwindet die junge Gemeinde im Osterglauben, wie Edwin Larson fest- stellt.1 Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Christologie. Doch nicht nur den Tod Jesu an sich gilt es für die Jünger zu verkraften. Die Tatsache, dass er den Kreuzestod stirbt und dass, ge- mäß dem alttestamentlichen Buch Deuteronomium, ein Gekreuzigter von Gott verflucht war, wiegt weitaus schwerer.2 Larry Hurtado stellt fest, dass dies der Anstoß für die Entstehung der Hoheitstitel war, eine Interpretation, der ich mich anschließe.3 Die Verfasser der Evangelien versuchten auf diese Weise die Besonderheit Jesu und seine Beziehung zu Gott auszudrü- cken.4 Diese These unterstützt Ferdinand Hahn, der den Begriff der Christologie wie folgt definiert:

„Christologie steht als Explikation des Auftrags Jesu und der Bedeutung seiner Person in unlösbarer Relation zum Glauben an den einen Gott und die anbrechende Herrschaft Gottes.“5

Auch Larry Hurtado vertritt die Ansicht, dass die Überzeugung von der besonderen Beziehung zwischen dem gekreuzigten Jesus und Gott die Basis für die Christologie darstellt.6 Die frühen Christen waren überzeugt, dass Jesus, wie er es sie gelehrt hat, nach seinem Tod zur Rechten seines Vaters sitzen wird. Dort regiert er ihres Erachtens in Einklang mit Gott, gemeinsam mit ihm auf dessen Thron sitzend, über den ganzen Kosmos.7 Larry Hurtado führt in diesem Zusammenhang aus, dass zumindest einige der Jünger überzeugt waren, dass Gott Jesus vom Tod befreit hatte und das leere Grab so zu erklären sei.8 Aus diesem Glauben heraus entsteht die neutestamentliche Christologie.

Die Frage, ob eine Kontinuität im Übergang von Jesus von Nazaret zur Christologie der alten Kirche besteht, ist Gegenstand einer kontrovers geführten fachwissenschaftlichen Diskussion. Die traditionelle Sichtweise bejaht diese Frage, sieht sich jedoch vielfältiger Kritik gegenüber, wie z. B. der Leben-Jesu-Forschung und der Religionsgeschichtlichen Schule, die beide einen sekundären Charakter der Christologie sehen.9 Ich vertrete hierbei die These, dass die Christo- logie der alten Kirche zwar mit dem historischen Jesus in enger Verbindung steht, es sich je- doch um eine sekundäre Bildung handelt, weshalb ich mich der Sichtweise der Religionsge- schichtlichen Schule anschließe. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Hoheitstitel erst einige Zeit nach dem Osterereignis nach und nach auf Jesus von Nazaret angewandt worden sind. Hahn deutet in seiner Definition des Christologiebegriffs den Spannungsbogen zwischen historischem Jesus und verkündigtem Christus an, der das Fundament des christlichen Glau- bens bildet. Martin Luther King ignoriert diesen gänzlich, wenn er Jesus als großen Mensch- heitslehrer bezeichnet. Ausdruck dieses Spannungsbogens sind die Hoheitstitel des Neuen Testaments10.

Es ist davon auszugehen, dass das soziale Umfeld der Autoren der Evangelien nach Markus, Lukas und Matthäus deren Glauben und damit auch ihre Christologie in vielerlei Hinsicht geprägt hat.11 Unter Fachwissenschaftlern hat sich seit einiger Zeit eine Differenzierung der Evangelien in synoptisch und nicht-synoptisch eingebürgert. Diese Einteilung bezieht sich auf die Quellenlage. Das Markusevangelium basiert v. a. auf bis dahin mündlich überlieferter Jesustradition. Die Evangelien nach Matthäus und Lukas greifen beide auf bereits schriflich fixierte Zeugnisse zurück, nämlich das Markusevangelium und die Spruchquelle Q. Der E- vangelist Johannes hingegen nutzt eigene Quellen. Der Begriff Synopse, von dem sich wie- derum die Bezeichnung synoptisch ableitet, steht für eine Zusammenschau, weshalb die E- vangelien nach Markus, Matthäus und Lukas, die gleiche Quellen nutzen, als synoptisch be- zeichnet werden.12 Das Johannesevangelium, das für diese Zulassungsarbeit jedoch nach reif- licher Überlegung ausgeklammert wurde, ist das nicht-synoptische Evangelium, benutzt also andere Quellen als die Evangelien nach Markus, Lukas und Matthäus.13 Die folgende Zulas- sungsarbeit wird untersuchen, inwiefern Einfluss die jüdische Tradition die neutestamentli- chen Hoheitstitel in den synoptischen Evangelien beeinflusst hat.

2. Der Einfluss der jüdischen Tradition auf die Hoheitstitel der synopti- schen Evangelien

2.1. Die Hoheitstitel im Markusevangelium

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2

2.1.1. Hellenistisch beeinflusste Hoheitstitel

Zunächst soll das Hauptaugenmerk auf das Markusevangelium und damit das vermutlich älteste Evangelium gerichtet werden. Hierbei werden zunächst die hellenistisch beeinflussten Hoheitstitel im Mittelpunkt stehen.

Bereits in den ersten Sätzen bezeichnet Markus Jesus mit dem Hoheitstitel Christus (vgl. Mk 1,1). Hierbei könnte es sich jedoch um eine Apposition, also keinen Titel, sondern einen Namenszusatz, handeln. Gegen diese These spricht jedoch die Verwendung des Hoheitstitels an der zweiten überlieferten Stelle im Markusevangelium, wo es heißt:

„Wer euch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mk 9,41)

Durch diese Belegstelle wird deutlich, dass es sich beim Christustitel mit hoher Wahrschein- lichkeit nicht um eine Apposition handeln kann. Christus wird als Anführer dargestellt. Wür- de Christus als Apposition fungieren, so würde es meines Erachtens nicht alleine stehen, ähn- lich es bei einem Nachnamen oder oftmals bei Titeln von Kaiser und Königen, wie z. B. bei Alexander dem Großen, der Fall ist. Aus der Tatsache, dass der Christustitel bereits im Früh- judentum belegt ist, folgert Schreiber, dass dieser Titel jüdischen Ursprungs ist.14 Martin Kar- rer hingegen argumentiert, dass der Titel aus dem griechischen Sprachraum stammt. Er be- gründet dies damit, dass die ältesten überlieferten Inschriften, die den Titel Jesus Christus belegen, diesen nicht auf eine hebräische, sondern auf eine altgriechische Wurzel zurückfüh- ren.15 Die bereits in der alten Kirche gebräuchliche Inversion ist hingegen im hellenistischen Raum nicht üblich, was Karrer wiederum zu dem Schluss kommen lässt, dass der Christustitel jüdischen Ursprungs sein könnte.16 Hiergegen spricht jedoch, dass das Wort Christos, von dem sich der Hoheitstitel ableitet, griechischen Ursprungs ist.17 Nach meinem Dafürhalten ist der Ursprung des Christustitels nicht eindeutig geklärt ist. Da jedoch das Argument Karrers, der Christustitel stamme aus dem hellenistischen Raum, da das Wort Christos, von dem sich der Titel ableitet, griechischen Ursprungs ist, auf mich sehr überzeugend wirkt, schließe ich mich dieser These an.

Der Christustitel scheint jedoch für Markus von eher geringer Bedeutung zu sein, da er ihn nur zweimal erwähnt (vgl. Mk 1,1; 9,41). An sechs Stellen im Evangelium findet sich der jüdische Paralleltitel Messias (vgl. Abb. 2).18 Ferdinand Hahn bemerkt diesbezüglich, dass diese Begriffe „für jede Art einer Rettergestalt“19 verwendet wurden. Zum ersten Mal tritt der Titel direkt am Beginn des Evangeliums auf: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk 1,1) Wenn man davon ausgeht, dass es sich um einen Titel und nicht um eine Apposition handelt, liegt der Schluss nahe, dass der Evangelist Markus den histori- schen Jesus bewusst am Anfang als Christus bezeichnet, um seine besondere Sendung zu be- tonen. Die zweite Belegstelle findet sich im neunten Kapitel des Evangeliums. Auffallend ist hierbei, dass Jesus den Titel selbst verwendet:

„Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mk 9,41)

Auch wenn fraglich ist, ob dieser Vers authentisch ist und ob Jesus mit Christus sich selbst bezeichnet hat, wird in diesen Zeilen dennoch deutlich, dass sich eine Gemeinschaft um den historischen Jesus gründet, aus der die junge Kirche hervorgeht.

Ebenfalls hellenistischen Ursprungs ist der Titel Sohn Gottes, wie im nun folgenden Abschnitt zu beweisen sein wird. Trotz des geringen Vorkommens (vgl. Abb. 2) ist es allgemeiner Kon- sens unter Fachwissenschaftlern, dass der Titel für den Evangelisten Markus von immenser Bedeutung ist, da die Überzeugung, dass Jesus von Nazaret eine ganz besondere Beziehung zu Gott hat, den Kern der Christologie des Evangelisten bildet.20

„Jesus, the New Testament writers are saying, belongs inherently to who God is.”21

Richard Bauckham beschreibt hier nicht nur die besondere Beziehung Jesu zu Gott, sondern bezeichnet ihn explizit als dessen Sohn. Dies drückt auch der Hoheitstitel Gottessohn bzw. Sohn Gottes aus. Hierbei kann nahezu ausgeschlossen werden, dass die junge Kirche Jesus als göttliches Wesen ansah.22 Lange Zeit ging man davon aus, dass Jesus von den Synoptikern als präexistent dargestellt wird. Simon J. Gathercole gelang es diese These in seinem Werk „The Preexistent Son: Recovering the Christologies of Matthew, Mark, and Luke“ zu widerlegen. Hierbei analysierte er die Teile der Evangelien, die Jesu Auftrag ausdrückten, und fand auf diese Weise folgende Argumente gegen Jesu Präexistenz:

1. Die sog. „Ich bin gekommen, um“-Sprüche handeln von der Ankunft aus einem bestimmten Grund, es handelt sich also um einen unfreiwilligen Akt.
2. Ein unfreiwilliger Akt benötigt ein Vor- und ein Nachher.
3. Wenn die Person seine gesamte Tätigkeit auf der Erde als Ziel seines Erschei- nens ansieht, muss sein Ursprung zwangsweise außerhalb der Erde liegen.23

Die Frage nach dem Ursprung des Gottessohntitels ist vielfach diskutiert worden. Adela Y- arbro Collins nimmt in ihrem Aufsatz „Mark and His Readers: The Son of God among Greeks and Romans“ Bezug auf eine These von Wilhelm Bousset, der argumentiert, dass der Titel Sohn Gottes griechischen Ursprungs sein muss, da in der jüdischen Literatur der vor- christlichen Zeit ein solcher Titel nicht belegt ist.24 Martin Hengel sieht Mitte der 1970er Jah- re den Gottessohntitel als jüdischen Ursprungs, da er in der hellenistischen Literatur kaum belegt ist.25 Dies ist jedoch nicht weiter verwunderlich, da griechische Götter in der Regel nicht mit dem Titel, sondern mit ihrem Namen angesprochen werden.26 Von immenser Be- deutung ist hierbei auch, dass nicht eindeutig geklärt ist, ob der Gottessohntitel mit dem Ter- minus „der Sohn Gottes“ korrekt übersetzt ist.27 Zusammenfassend kann an dieser Stelle fest- gestellt werden, dass die ersten Christen in einer hellenistisch geprägten Welt lebten, in der z.

B. Könige als Söhne eines Gottes angesehen wurden.28 So komme ich zu dem Ergebnis, dass der Titel mit hoher Wahrscheinlichkeit hellenistisch beeinflusst ist.

Wie wichtig der Gottessohntitel dem Evangelisten ist, wird bereits im ersten Vers des Evan- geliums deutlich, in dem Jesus von Nazaret als Sohn Gottes bezeichnet wird (vgl. Mk 1,1). Bei der Taufe Jesu tritt der Titel zum zweiten Mal auf (vgl. Mk 1,11). Ähnlich wie beim fünf- ten Beleg im neunten Kapitel des Evangeliums (vgl. Mk 9,7) erscheint hier eine unsichtbare Stimme aus dem Himmel bzw. einer Wolke und bezeichnet Jesus als Sohn Gottes. Ein wenig merkwürdig erscheint die dritte Stelle, in der Jesus von Kranken, die sich Heilung von ihm erhoffen, als Sohn Gottes angesprochen wird (vgl. Mk 3,11). Gleiches gilt auch für den vier- ten Beleg (vgl. Mk 5,7 b). Der sechste Beleg findet sich im Verlauf der Vernehmung Jesu vor dem Hohen Rat (vgl. Mk 14,61 b), während der letzte Nachweis des Titels erst nach dem Tod Jesu, in Form einer Reaktion des römischen Hauptmanns auftritt (vgl. Mk 15,39). Bemer- kenswert ist, dass der Titel nie durch die Jünger Jesu, sondern nur durch seinen Vater selbst, diejenigen, die sich Hilfe von ihm erhoffen, und seine Gegner, also den Hohen Rat und den römischen Hauptmann verwendet wird. Zu einer exemplarischen Interpretation soll nun die letzte Belegstelle herangezogen werden:

„Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: ‚Eloï, Eloï, lema sabachtani?’, das heißt übersetzt: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’ Einige von denen, die da- beistanden und es hörten, sagten: ‚Hört, er ruft nach Elija!’ Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: ‚Lasst uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt.’ Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: ‚Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.’“ (Mk 15,33 - 39)

Der römische Hauptmann war, als Mitglied der römischen Besatzungsmacht, ein Nichtjude, ein Heide. Dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass er Jesus nicht zugewandt war, sondern zu seinen Gegnern zählte. Dennoch kannte er wohl die Predigten und die Lehre Jesu, da dieser zum einen im ganzen Gebiet bekannt war und es zum anderen zu den Aufga- ben des Hauptmanns zählte, Jesus anzuklagen bzw. nach Anklagegründen, die beispielsweise in der Lehre Jesu lagen, zu suchen. So war ihm möglicherweise auch die Rede Jesu von der Zerstörung des Tempels (vgl. Mk 13,3) geläufig. Als er sieht, wie der Vorhang des Tempels entzwei reißt, deutet er dies als Ankündigung der kommenden Zerstörung. Die Rede Jesu wird somit real, was der Hauptmann wiederum als Beweis für die Gottessohnschaft Jesu ansieht.

Auch der Titel Herr, dessen Ursprung Gegenstand eines späteren Abschnitts dieser Arbeit sein soll, entstammt einer hellenistischen Tradition. Bezüglich dieses Hoheitstitels ist auffal- lend, dass er im Markusevangelium nur an vier Stellen auftritt, während ihn die Evangelisten Matthäus und Lukas deutlich häufiger erwähnen (vgl. Abb. 1). Der augenfälligste Beleg da- für, dass er für Markus dennoch von Bedeutung ist ist, dass dieser ihn in den Schlussversen des Evangeliums einsetzt (vgl. Mk 16,19 f.). Dem Stellenkommentar kann jedoch entnommen werden, dass die Schilderungen über die Erscheinungen des Auferstandenen (vgl. Mk 16,9 - 20) erst im 2. Jahrhundert hinzugefügt wurden, also nicht auf den Evangelisten Markus zu- rückgehen.

„Jesus brach auf und zog von dort in das Gebiet von Tyrus. Er ging in ein Haus, wollte aber, dass nie- mand davon erfuhr; doch es konnte nicht verborgen bleiben. Eine Frau, deren Tochter von einem unrei- nen Geist besessen war, hörte von ihm; sie kam sogleich herbei und fiel ihm zu Füßen. Die Frau, von Geburt Syrophönizierin, war eine Heidin. Sie bat ihn, aus ihrer Tochter den Dämon auszutreiben. Da sagte er zu ihr: ‚Lasst zuerst die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, das Brot den Kindern weg- zunehmen und den Hunden vorzuwerfen.’ Sie erwiderte ihm: ‚Ja, du hast recht, Herr! Aber auch für die Hunde unter dem Tisch fällt etwas von dem Brot ab, das die Kinder essen.’ Er antwortete ihr: ‚Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen.’ Und als sie nach Hause kam, fand sie das Kind auf dem Bett liegen und sah, dass der Dämon es verlassen hatte.“ (Mk 9,24 - 30)

Wie in der oben zitierten Stelle ist die Verwendung des Herrentitels im Markusevangelium den Menschen vorbehalten, die sich Hilfe von Jesus erwarten. Fraglich ist bei der zu interpre- tierenden Stelle, ob Herr eine höfliche Anrede oder eine Ehrerbietung, und damit einen chris- tologischen Hoheitstitel darstellt. Nach meinem Dafürhalten wird Herr hier als Titel verwen- det, da die Syophönizierin Jesus bittet, ihre Tochter zu heilen und ihn somit als einen Men- schen mit der Vollmacht, andere Menschen zu heilen, also als eine Art Arzt ansieht. Auffal- lend ist, dass die Frau Heidin ist. Möglicherweise wollte der Evangelist dadurch ausdrücken, dass Jesus zwischen den Menschen keine Unterschiede macht, sondern denen hilft, die sich ihm zuwenden.

Ähnlich wie beim Titel Meister ist der Grund dafür, dass nicht immer klar ist, ob es sich bei Herr um einen Titel oder eine höfliche Anrede handelt, auf den ersten Blick darin zu suchen, dass Jesus sich nicht als Herrn sieht. Hierbei muss man jedoch in den Blick nehmen, dass er ihn an einer der vier Belegstellen selbst verwendet, wobei hier relativ deutlich wird, dass sich der Titel Herr nicht auf ihn bezieht (vgl. Mk 11,3).

2.1.2. Jüdisch beeinflusste Hoheitstitel

Nachdem ich nun die hellenistisch beeinflussten Hoheitstitel dargestellt habe, sollen im folgenden Abschnitt die Hoheitstitel im Mittelpunkt stehen, die mit großer Wahrscheinlichkeit jüdischen Ursprungs sind.

Hierbei ist auffallend, dass der Titel König von Israel selten auftritt (vgl. Abb. 2). Da Israel jüdisch geprägt ist, kann davon ausgegangen werden, dass der Titel jüdischen Ursprungs ist. Als König von Israel bezeichnet der Evangelist Jesus nur in der Kreuzigungsszene:

„Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen: ‚Ach, du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Hilf dir doch selbst und steig herab vom Kreuz!’ Auch die Hohenpriester und die Schriftgelehrten verhöhnten ihn und sagten zueinander: ‚Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Der Messias, der König von Israel! Er soll doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben.’ Auch die beiden Männer, die mit ihm zusammen gekreuzigt wurden, beschimpften ihn.“ (vgl. Mk 15,29 - 32)

Betrachtet man sich diese Stelle genauer, so fällt ins Auge, dass es sich um einen sehr mar- kanten Kontext handelt. Jesus Christus wird verspottet! Er wird beschimpft und nahezu zy- nisch aufgefordert, vom Kreuz hinabzusteigen und sich selbst zu helfen, wenn er doch der Messias, der König von Israel sei (vgl. Mk 15,31 f.). Die Tatsache, dass dieser Hoheitstitel nur in der Verspottungsszene verwendet wird, kann zum einen als Kritik an den Schriftgelehr- ten, zum anderen jedoch auch als Indiz für die Zugewandtheit des Evangelisten zu den helle- nistischen Gemeinden gewertet werden. Hierbei schließe ich mich der zweiten Interpretation an, da sich das Markusevangelium an eine heidenchristliche und damit griechisch sprechende Gemeinde richtet. Dies erklärt meines Erachtens sowohl die geringe Verwendung des Titels König von Israel als auch die bewusste Platzierung in der Verspottungsszene.

Der ebenfalls eindeutig jüdische Hoheitstitel Rabbi tritt nur zweimal im Evangelium in Erscheinung (vgl. Abb. 2). Dies kann als Hinweis auf das Selbstverständnis Jesu gedeutet werden. Er sah sich nicht als großartigen Lehrer, zu dem die Jünger aufschauen sollten, sondern eher als Arzt, der zu den Kranken gesandt wurde, um sie zu heilen. Auffallend ist, dass Jesus nur von einem der Jünger, Petrus, mit Rabbi angesprochen wird (vgl. Mk 9,5; 11,21). Der Grund hierfür ist wohl darin zu sehen, dass Markus Petrus aus der Jüngergemeinschaft heraushebt, da er in ihr eine besondere Vorbildstellung einnimmt.

„Petrus sagte zu Jesus: ‚Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.’“ (Mk 9,5)

Petrus spricht Jesus nur zweimal mit Rabbi an. Meines Erachtens dient dies der Hervorhebung besonderer Stellen im Evangelium, nämlich dem gemeinsamen Gebet von Petrus, Jakobus, Johannes und Jesus auf dem Berg (vgl. Mk 9,5), das mit der Aussage, dass Jesus der Sohn Gottes ist, endet (vgl. Mk 9,7 b), und der von Jesus prophezeiten Verdörrung des Feigenbaums (vgl. Mk 11,21).

Darüber hinaus fällt eine Häufung des Hoheitstitels Meister, der sich insgesamt dreizehnmal findet, wie der obigen Statistik (vgl. Abb. 2) zu entnehmen ist, ins Auge. Die Tatsache, dass in einem Fall das jüdische Wort „Rabbuni“ für Meister verwendet wird (vgl. Mk 12,14), lässt mich zum Schluss kommen, dass der Titel jüdischen Ursprungs ist. Der Evangelist Markus stellt Jesus Christus, der den Meistertitel nicht für sich beansprucht und nur an einer Stelle ohne Bezug auf sich selbst verwendet (vgl. Mk 14,14), als einzigartigen Lehrer dar.29 Bereits zu Beginn des Evangeliums wird dies deutlich.30 Die zahlreiche Verwendung des Titels Meis- ter zeigt auf, wie die Jünger den historischen Jesus wahrnahmen. Als einen großartigen Leh- rer, Prediger und Heiler mit einzigartiger Vollmacht.31 Bewusst baut der Evangelist diesen Hoheitstitel besonders häufig ein, um zu verdeutlichen, wie viel Respekt die Jünger Jesus ent- gegenbrachten. In der Situation, in der das Markusevangelium entsteht, ist dies notwendig, um die Gemeinde an die entscheidenden Punkte der Überzeugungen über Jesus Christus zu erinnern und ihr in Erinnerung zu rufen, was für ein großartiger Mensch Jesus von Nazaret war.32

Exemplarisch möchte ich an dieser Stelle drei der vierzehn Verse, in denen der Titel auftritt, interpretieren. Zum ersten Mal findet sich der Titel im vierten Kapitel des Evangeliums:

„Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ (Mk 4,38 b)

Die Anrede Meister ist nahezu ausschließlich den Jüngern Jesu vorbehalten, wie sich an weiteren Belegstellen zeigt (vgl. u. a. Mk 5,35; 9,38). Möglicherweise handelt es sich bei dieser Verwendung des Hoheitstitels um eine ehrerbietende Anrede, wie sie gegenüber einer Respektsperson, wie z. B. einem Lehrer oder Priester, üblich ist.

Außerdem sprechen Personen, die sich Hilfe von Jesus erhoffen (vgl. u. a. Mk 9,17) sowie die Phärisäer, die ihn auf die Probe stellen wollen (vgl. Mk 12,14), Jesus mit Meister an. In der ersten Belegstelle im Rahmen der Erzählung über den Sturm auf dem See (vgl. Mk 4,35 – 41) interpretiere ich nicht nur die Anrede als ein Zeichen der Ehrerbietung, sondern auch Jesu Handeln als Beweis für seine Vollmacht. Die zweite zu interpretierende Stelle ist im vierzehnten Kapitel des Evangeliums angesiedelt (vgl. Mk 14,14 b). Jesus verwendet den Titel an dieser Stelle selbst, wie es sonst nur beim Menschensohntitel der Fall ist. Er fordert die Jünger auf, den Mann im Auftrag ihres Meisters zu fragen, wo der Raum für das Paschamahl sei. Jesus rechnet zu diesem Zeitpunkt wohl bereits mit seinem baldigen Tod, den er den Jüngern auch schon angekündigt hat. Das Paschamahl soll eine Art Abschiedsmahl im Kreise seiner Jünger werden. Den Auftrag an die Jünger interpretiere ich zum einen als eine Art „Flucht nach vorn“, Jesus verhüllt und schützt sein Geheimnis, indem er es preisgibt. Zum anderen kann er nach meinem Dafürhalten als Legitimation gegenüber dem Hauseigentümer gedeutet werden.

[...]


1 Vgl. Larson, 632.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. Hurtado, 13.

4 Vgl. Hahn (2005), 194.

5 Ebd.

6 Vgl. Hurtado, 93.

7 Vgl. Bauckham, 28.

8 Vgl. Hurtado, 117.

9 Vgl. Larson, 623 f.

10 Die neuere Forschung spricht nicht von Altem und Neuen, sondern von 1. und 2. Testament. Da dies jedoch in der in dieser Zulassungsarbeit verwendeten Forschungsliteratur noch nicht der Fall ist, soll auch in der Arbeit die alte Bezeichnung verwendet werden.

11 Vgl. Hurtado, 10.

12 Vgl. Hoppe, 1196.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Schreiber, 431.

15 Vgl. Karrer, 52.

16 Vgl. ebd., 48.

17 Vgl. ebd., 52.

18 Vgl. Vermès, 115.

19 Hahn (2005), 208.

20 Vgl. de Jonge, 42.

21 Bauckham, 45.

22 Vgl. Hahn (2005), 208.

23 Vgl. Gathercole, 86 f.

24 Vgl. Collins (2002), 97.

25 Vgl. ebd., 86.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd., 93.

28 Vgl. de Jonge, 159.

29 Vgl. de Jonge, 144.

30 Vgl. ebd., 50 f.

31 Vgl. ebd., 54.

32 Vgl. ebd., 55.

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Details

Titel
Neutestamentliche Hoheitstitel: Eine kritische Analyse des Einflusses der jüdischen Tradition
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Autor
Jahr
2011
Seiten
57
Katalognummer
V196541
ISBN (Buch)
9783656225539
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, tradition, hoheitstitel, evangelien
Arbeit zitieren
Bernadette Zeißner (Autor:in), 2011, Neutestamentliche Hoheitstitel: Eine kritische Analyse des Einflusses der jüdischen Tradition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196541

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