Das Glücksspiel erzählen. Von E.T.A. Hoffmanns "Spielerglück" zu Dostojewskis "Der Spieler"


Bachelorarbeit, 2011

42 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Zwei Lebensgeschichten, ein Motiv
2.1. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann
2.2. Fjodor Michailowitsch Dostojewski
2.3. Hoffmann, Dostojewski und die Spielsucht

3. E.T.A. Hoffmann: Spieler-Glück
3.1. Die Handlung
3.2. Erzählabsicht und Wirkung
3.3. Sprache und Erzählstruktur

4. Fjodor Dostojewski: Der Spieler
4.1. Die Handlung
4.2. Erzähl- und Spielerstruktur

5. „Spieler-Glück“ und „Der Spieler“ im Vergleich
5.1. Das Spiel und seine Spieler
5.2. „Glückliche“ Spielleidenschaft und Abhängigkeit
5.3. Zwei „Arten“ von Spielern
5.4. Das „Spiel der Fantasie“
5.5. Der Geschlechter-Code

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 1820 wird die Erzählung „Spieler-Glück“ im dritten Band von Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns Erzählungs- und Aufsatzsammlung „Die Serapionsbrüder“ veröffentlicht.

46 Jahre später diktiert der völlig verschuldete russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski seiner Stenographin Anna Snitkina in 26 Tagen den Roman „Der Spieler“, der am 1. November 1866 fertig gestellt ist.

Verschiedenen Biographien und Arbeiten über Dostojewski1, kann man entnehmen, dass der Schriftsteller Hoffmanns Werke kannte und diese für manch eigene Passagen zum Vorbild nahm. Eine künstlerische Verbindung zwischen den Beiden ist nicht von der Hand zu weisen. Allein die nahezu identische Themenwahl von Hoffmanns Erzählung und Dostojewskis Roman, die bereits aus den Titeln „Spieler-Glück“ und „Der Spieler“ hervorgeht, scheint diese Vermutung nahe zu legen.

Die Thematik war zu ihrer Zeit populär, die Darstellung der Leidenschaft zum Spiel nimmt in der Weltliteratur eine beachtliche Stellung ein2. Betrachtet man die Entwicklung der Spielcasinos, die Ende des 19. Jahrhunderts in Europa (vor allem in Deutschland und in Frankreich) auf ihrem Höhepunkt war3, ist das kaum verwunderlich. Trotzdem fanden beide Arbeiten zu ihrer Zeit kaum Anklang.

Angesichts der Skandale und Sensationen, die sich um Dostojewskis Spielsucht und den Roman „Der Spieler“ rankten, wurde „Der Spieler“ in der Forschung wenig beachtet und häufig zum aus der Geldnot geborenen minderwertigen literarischen Nebenprodukt abgestempelt. Auch Hoffmanns Erzählung „Spieler-Glück“ wurde in der Vergangenheit kaum wahrgenommen, unterschätzt und als „schwache Gelegenheitserzählung“4 abgetan. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert. Durch nähere Auseinandersetzungen mit den Arbeiten Dostojewskis und Hoffmanns ist die Bemühung groß, die Werke der beiden Schriftsteller nun in ein rechtes Licht zu rücken, was auch ich in meiner Bachelorarbeit versuchen werde. Dabei werde ich beleuchten, wie Dostojewski und E.T.A. Hoffmann mit dem Thema „Glückspiel“ und allem, was diese Leidenschaft mit sich bringt, umgehen.

Ebenso werde ich hierbei Parallelen und Unterschiede zwischen dem russischen und dem deutschen Autor herausarbeiten.

Bei Hoffmann liegt der Analyse des Textes die Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlages zugrunde, bei Dostojewski habe ich zwei verschiedene Übersetzungen verwendet und mich dabei für die jeweils Passendere entschieden. Dabei war für mich entscheidend welche Übersetzung meine Argumentation und die Stimmung der einzelnen Passagen deutlicher darstellt.

2. Zwei Lebensgeschichten, ein Motiv

2.1. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann

Am 24. Januar 1776 wird Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann in Königsberg geboren. Später ändert er seinen dritten Vornamen aus Bewunderung für Wolfgang Amadeus Mozart in Amadeus. Er ist das jüngste von drei Kindern. Sowohl die Familie mütterlicher- als auch väterlicherseits besteht vorwiegend aus Juristen. Seine Eltern lassen sich bereits zwei Jahre nach seiner Geburt scheiden. So hat Hoffmann nie die Möglichkeit, seinen Vater wirklich kennen zu lernen. Auch zu seinem älteren Bruder (der zweite stirbt schon im Kindesalter) kann er keine Beziehung aufbauen. Dieser bleibt nämlich beim Vater, während E.T.A: Hoffmann mit seiner Mutter zurück in ihr Elternhaus zieht.

Mit 16 Jahren beginnt er aus familiärer Tradition ein Jurastudium an der Universität Königsberg, seine Leidenschaften sind aber längst die Musik, das Komponieren, das Zeichnen und das Schreiben. Hoffmann macht Station in Warschau, Bamberg, Dresden, Leipzig. Seine künstlerischen Tätigkeiten, wie seine Arbeit als Kapellmeister oder am Theater in Bamberg, sind alles andere als erfolgreich. Hoffmann lässt sich nach einigen Aufenthalten in der preußischen Hauptstadt 1814 letztendlich ganz in Berlin nieder. Krankheit und politische Verfolgung haben hier sein Lebensende verdüstert, doch die Berliner Jahre sind auch die künstlerisch ertragsreichsten für Hoffmann. In der Berliner Zeit entstehen unter anderem die meisten Erzählungen, Novellen und Märchen des Schriftstellers, die in den Bänden der Serapionsbrüder zusammengetragen sind, wie im Jahr 1819 seine Erzählung „Spieler-Glück“.

Als er 27 Jahre alt ist, erscheint zum ersten Mal etwas Gedrucktes von ihm. Es dauert allerdings noch sechs weitere Jahre, bis es ihm 1809 gelingt, mit „Ritter Gluck“ auf sein literarisches Können aufmerksam zu machen. Das für damalige Verhältnisse späte Bekenntnis zur Schriftstellerei ist seiner ursprünglichen Bevorzugung der Musik zuzuschreiben.

Hoffmann fühlt sich eher zum Komponisten berufen. Sein größter musikalischer Erfolg ist die Oper Undine, die 1816 uraufgeführt wird, doch seine weiteren musikalischen Wunschträume erfüllen sich nicht. Stattdessen wird er in Berlin, entgegen seinen Erwartungen, als Autor begehrt, seine Schriften werden viel gelesen und häufig zitiert. Hoffmann wird als Schriftstellerpersönlichkeit zu einer Art Berühmtheit. Man trifft ihn nicht selten in Kaffeehäusern und Weinstuben, in denen er Treffen mit seinen poetischen Freunden veranstaltet. Schon bald nach seiner Übersiedelung in die Hauptstadt bildet sich um Hoffmann, Julius Eduard Hitzig, Jurist und Verleger, Carls Wilhelm Salice-Contessa, ein Geschichtenerzähler, und den Arzt Johann Ferdinand Koreff, der sich schriftstellerisch betätigte, ein Kreis, der sich regelmäßig in Salons trifft. Sie werden sehr bald als „Seraphinen Abende“ bezeichnet. Diese dienen als ein autobiographisches Vorbild für die Erzählungen in den Serapions-Brüdern.

Ein Urteil über Hoffmanns Werk, welches bis ins 20. Jahrhundert hinein als verbindlich galt, fällte kein Geringerer als Goethe:

"... denn welcher treue, für Nationalbildung besorgte Theilnehmer hat nicht mit Trauer gesehen, daß die krankhaften Werke des leidenden Mannes lange Jahre in Deutschland wirksam gewesen und solche Verirrungen als bedeutend-fördernde Neuigkeiten gesunden Gemüthern eingeimpft worden."5

Bis auf die Skepsis Goethes und der Klassizisten bekam Hoffmann vorwiegend positive und teilweise enthusiastische Kritiken.

Hoffmanns Beziehungen zu Frauen verlaufen problematisch. Seine erste große Liebe zu Dora Hatt, der er 1794 in Königsberg Musikstunden gibt, entwickelt sich unglücklich. Sie ist neun Jahre älter als er, verheiratet und hat bereits fünf Kinder.

Nach dem zweiten Staatsexamen am 20. Juni 1798 und seiner Aufnahme in den Staatsdienst verlobt er sich mit seiner Cousine Minna Dörffer in Glogau. Nach vier Jahren jedoch löst er die Verlobung wieder auf und heiratet am 26. Juli 1802 Maria Thekla Michalina ("Mischa") Rorer-Trzynska, die Tochter eines polnischen Stadtschreibers.

Eine in den darauf folgenden Jahren weitere heftige Leidenschaft zu Julia Mark endet für ihn, wie seine erste große Liebe, abermals in leidvoller Liebesenttäuschung. Die 15- Jährige (ebenfalls eine seiner Musikschülerinnen) wird 1812 zügig verheiratet, als Julias Eltern die offensichtliche, unangebrachte Zuneigung des deutlich älteren Hoffmanns zu ihrer Tochter zu unterbinden versuchen. Zuflucht vor seinen Qualen findet Hoffmann häufig, indem er sich in Gesellschaft begibt und im Alkohol. „Keines von Hoffmanns bildlichen Kürzeln taucht häufiger auf, als das Weinglas“6.

Trotz seines wenig attraktiven Äußeren wird er zum Liebling insbesondere der weiblichen Leserinnen und pflegt zahlreiche Affären. Dessen ungeachtet steht ihm seine Ehefrau Maria bis zu seinem Tod selbstlos und ganz selbstverständlich zur Seite und nimmt ihm zeitlebens die Sorgen um die alltäglichen Fragen ab. Viel ist von der Ehe zwischen den beiden nicht überliefert, aber in keinem vorhandenen Dokument spricht Hoffmann abschätzig über sie oder verschwendet einen Gedanken daran, sich von ihr zu trennen.

Hoffmanns letzten Jahre sind von politischer Verfolgung überschattet, da er in der Erzählung Meister Floh angeblich den Ministerialdirektor im Polizeiministerium veralbert und sich in Form von Karikaturen über öffentliche Personen lustig macht. Außerdem wird ihm vorgeworfen, vertrauliche Inhalte einer Prozessakte durch diese Erzählung publik gemacht zu haben. Gegen ihn wird ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Zu dieser Zeit fängt bei Hoffmann aufgrund seiner Erkrankung eine fortschreitende Lähmung an. Von da an ist er ans Zimmer und an den Lehnstuhl gefesselt. Seine Verteidigungsschriften kann er nur noch diktieren, da seine Hände bereits den Dienst versagen. In der Folgezeit diktiert Hoffmann noch einige Erzählungen, aber seine Kräfte schwinden bereits. Am Vormittag des 25. Juni 1822 tritt aufgrund einer Atemlähmung der Tod ein.

2.2. Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Am 11.11.1821 wird F. M. Dostojewski als zweites von sieben Kindern in Moskau geboren. Er wächst in bescheidenen Verhältnissen auf und kommt früh in ein Internat, wo er Französisch und Deutsch lernt. Schon in jungen Jahren entdeckt er seine Leidenschaft für die Literatur, er liest viel und erprobt sein literarisches Talent beim Schreiben von Dramen. Seine Vorbilder sind unter anderen Alexander Puschkin, Friedrich Schiller, Balzac und Charles Dickens. Ab 1834 versucht er sich an Übersetzungen aus dem Französischen und eigenen Prosatexten. Nachdem sein Briefroman „Arme Leute“ 1844 bei seinem Publikum gut angenommen worden ist, entschließt er sich, das Schreiben zu seinem Hauptberuf zu machen und lebt fortan als freier Schriftsteller in St. Petersburg.

Er lernt einflussreiche linke Redakteure und Literaten kennen, die ihn anerkennen und fördern. Durch die politischen Unruhen des Jahres 1848 wird die zaristische Geheimpolizei auf eine Gruppe um den jungen Beamten Petraschewskij aufmerksam. Im Verborgenen lesen sie verbotene Texte, diskutieren über die Ideen des Frühsozialisten Proudhon und die Abschaffung der Leibeigenschaft , schimpfen den Zaren ein „Ungeheuer“ und „wildes Tier“7 und debattieren über die Zukunft Russlands. In dieser Gruppe Gleichgesinnter befindet sich auch Dostojewski. Im April 1849 wird der Schriftsteller auf Order des Kaisers wegen Ungehorsams gegen den Zaren verhaftet und zum Tode verurteilt. Dem Strick entkommt er in letzter Sekunde durch eine Begnadigung durch den Zaren, der die Todesstrafe in einen knapp zehnjährigen Strafdienst in Sibirien umwandelt.

In den zehn Jahren ehelicht Dostojewski Maria Dmitrijewna und gründet mit ihr eine Familie, die er kaum ernähren kann. Sein Leben ist von chronischen Geldsorgen überschattet. Er versucht, der Geldnot durch fleißiges Publizieren zu entgehen, doch seine Epilepsie und sein karger Sold lassen ihn kaum das Lebensnotwendige verdienen.

In den 1920er Jahren veröffentlichte Dostojewskis Tochter Aimée eine Biographie ihres Vaters, in der sie die kühle Beziehung zu seiner Frau schildert und Dostojewskis Beweggründe für seine Reisen darlegt8. Im Juli 1862 reist Dostojewski ohne seine Familie zum ersten Mal nach Westeuropa. Der bürgerliche europäische Lebensstil und die Dominanz des Ökonomischen gefallen ihm nicht, dennoch reist er in den folgenden Jahren immer wieder nach Europa. Unter anderem, um eine junge Frau namens Apollinarija Suslova zu treffen, in der Kurzform Polina. Sie wird zu Dostojewskis einziger leidenschaftlicher Liebe.9 Es ist eine besessene Liebe, eine sexuelle Abhängigkeit bis zur Hörigkeit. Sie willigt im Frühjahr 1863 ein, mit Dostojewski nach Deutschland, in die Schweiz und nach Italien zu reisen. Im Oktober trennen sich ihre Wege und der Schriftsteller kehrt zurück nach Russland. Im Jahr darauf sterben seine Frau und sein Bruder Michael, mit dem er die Zeitschrift „Vremja“ herausgegeben hatte. Er übernimmt die gesamten Schulden seines Bruders und die Verantwortung für dessen mittellose Familie und stürzt sich damit noch tiefer in Geldsorgen.

Zu Polina hält er den Kontakt aufrecht, versucht mehrmals, um ihre Hand anzuhalten, doch diese wendet sich letztendlich von ihm ab. Nach einer weiteren Reise nach Europa spüren beide bei ihrem Abschied in Turin, dass es das Ende ihrer Beziehung ist. Sie bleiben zwar in Kontakt, aber man kann den Briefen Dostojewskis deutlich entnehmen, dass die Leidenschaft verflogen ist.

Im Frühjahr 1865 schreibt er an seine Schwester:

„Ich liebe sie immer noch, liebe sie sehr, doch ich möchte sie schon nicht mehr lieben. Sie ist einer solchen Liebe nicht wert. Sie tut mir leid, denn ich sehe voraus, dass sie ewig unglücklich sein wird. Nirgends wird sie einen Freund und ihr Glück finden.“10

1865 verpflichtet sich Dostojewski, seinem Verleger F.T. Stellowski gegen einen Vorschuss von 3000 Rubeln bis zum 1. November 1866 einen Roman von mindestens 192 Seiten zu liefern. Im Falle der Nichteinhaltung des Vertrags würde Dostojewski für neun Jahre sämtliche Rechte an seinen Werken verlieren. Er unterschreibt also sein eigenes selbstinszeniertes Todesurteil. Zu der Zeit arbeitet der Schriftsteller noch an seinem Roman „Schuld und Sühne“, der aber bereits an einen anderen Verleger verpfändet war.

Am 1. Oktober 1866 ist noch keine einzige Zeile des geforderten Romans geschrieben. In dieser scheinbar ausweglosen Situation wendet er sich an die 25 Jahre jüngere Stenographin Anna Grigoriewna Snitkina. Ihr diktiert er in 26 Tagen den Roman „Der Spieler“, der vereinbarte Termin kann eingehalten werden. Kurz danach hält Dostojewski um Annas Hand an. Im Februar 1867 heiraten die beiden. Mit ihr unternimmt er weitere Reisen durch Europa, vor allem an Kur- und Badeorte mit Spielstätten. Anna lernt Dostojewskis Spielsucht kennen und, da sie die Leidenschaft als Krankheit erkennt, damit umzugehen. Dostojewski stirbt im Februar 1881 an den Folgen eines Lungenleidens. Anna bleibt bis zu seinem Tod die Frau an seiner Seite.

2.3. Hoffmann, Dostojewski und die Spielsucht

In einigen Biographien wird von E.T.A. Hoffmann als einem Trinker gesprochen, der sich gerne in Alkohol flüchtet und sich häufig dem Rausch hingibt11, aber selten wird eine Spielsucht des Schriftstellers genauer erwähnt. Rüdiger Safranski spricht in seiner Biographie über Hoffmann von einer „sehr verborgenen Spur der Spielleidenschaft“12. Er erwähnt eine Reise Hoffmanns über Böhmen nach Dresden mit seinem Freund F.G. Jagwitz, der ihn in Warmbrunn im Sommer 1798 zum ersten Mal an einen Spieltisch führt und ihn zum Spielen verführt. Von dieser Reise schrieb Hoffmann in einem Brief: „Es wäre alles gut, wenn nicht alles sich bei mir zur Leidenschaft umwandelte.“13

Außerdem ist in vielen Biographien14 von Hoffmanns zahlreichen Freundschaften zu berüchtigten Spielern die Rede. Diese begegneten dem Schriftsteller im Umkreis des Weinlokals Lutter und Wegener, in dem er nicht selten bei einem Gläschen Wein anzutreffen war. In Safranskis Hoffmann-Biographie ist die Rede von einem weiteren Aufenthalt in dem Örtchen Warmbrunn, wo er zur Kur verweilte. Bad Warmbrunn ist noch heute bekannt als der älteste und einer der beliebtesten Kurorte Polens. Schon zu Hoffmanns Zeiten war der Ort dank seiner guten Luft und seiner Spielbank berühmt.

Auch die ständige Geldnot des Schriftstellers bestätigen Safranski in seinem Verdacht, Hoffmann wäre des Öfteren an den Spieltisch getreten. Zu guter Letzt ist für ihn der deutlichste Anhaltspunkt einer starken Zuneigung Hoffmanns zum Glücksspiel, die Erzählung „Spieler-Glück“, „in der sich ein außerordentliches Einfühlungsvermögen in die Psychologie der Spielleidenschaft kundgibt“15.

Allerdings deutet Einfühlungsvermögen eines Autors in seine Protagonisten keinesfalls auf eine Parallele zur eigenen Biographie hin, sondern in den meisten Fällen auf eine lebhafte Fantasie, eine intensive Vorstellungskraft oder eine feine Beobachtungsgabe.

Doch auch in dem Gespräch der Serapionsbrüder im Anschluss an die Erzählung gibt es einige Hinweise auf Hoffmanns eigene Glücksspiel Erlebnisse, die er in „Spieler-Glück“ einfließen lässt. Der Serapionsbruder Theodor16 erzählt die Geschichte der Spielerschicksale und erklärt zu Beginn: „Übrigens liegt meiner Erzählung eine wirkliche Begebenheit zum Grunde (…)“17. Hinterher erklärt er: „ mir [half] bei der Erzählung ein merkwürdiges Ereignis aus meinem eigenen Leben“ (SG 888). Hoffmann hielt sich tatsächlich „eine Zeitlang in G.“ (SG 888) auf, nämlich von 1796-1798 in Glogau. Von hier aus begann er die oben genannte „Reise nach einem Badeort“ (SG 889), nämlich Warmbrunn, wo er seinem Freund Hitzig nach „Glück“ im „Spiel“18 gehabt haben soll. Fest steht, dass Hoffmann, auch wenn bei ihm nie eine ernsthafte pathologische Spielsucht diagnostiziert werden könnte, mit dem Thema der Leidenschaft des Glücksspiels in Berührung gekommen ist. Seine Erzählung ist demnach zugleich ein historischer Beleg dafür, dass die durch das Casino-Glücksspiel verursachten psychischen und sozialen Probleme, insbesondere die Glücksspielsucht und deren destruktive Symptomatik, bereits vor über 200 Jahren bekannt waren.

Nachdem Anfang des 19. Jahrhunderts die Spielhäuser in Frankreich nach einem Beschluss der Kammer “Juste milieu“ geschlossen worden waren, begann nämlich die Zeit des öffentlichen, institutionalisierten Glücksspiels in den deutschen Badeorten19. Sie gerieten in einen zweifelhaften Ruf und galten als Ansammlung wahrer Spielhöllen. Auch der Schriftsteller Dostojewski kam so auf seinen Reisen mit mehreren Spielstätten in Berührung.

Im Gegensatz zu Hoffmann ist Dostojewskis leidenschaftliche Spielsucht in zahlreichen Quellen und Biographien20 eindeutig belegt. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. In seinen Reisejahren, nach der langen sibirischen Verbannung, macht Dostojewski zum ersten Mal die Bekanntschaft mit einem Roulettetisch. In seiner Zeit in Europa, die er zum größten Teil in Deutschland verbringt, begleitet ihn überwiegend die junge Russin Paulina. Die beiden sind im Sommer 1863 in Paris verabredet, um dort gemeinsame Tage zu verbringen. Doch die Abreise des Schriftstellers verzögert sich, weil er in Russland aus politischen Gründen festgehalten wird. Paulina bleibt allein in Paris und als Dostojewski sich endlich auf den Weg macht, wird ihm seine Zwischenstation in Deutschland zum Verhängnis. In Wiesbaden gibt er sich dem Roulettespiel hin und gewinnt. Typischerweise entwickelt sich eine Glücksspielsucht durch einen faszinierenden Anfangserfolg, den auch Dostojewski für sich verbuchen konnte. Einige Tage später verliert er seinen Gewinn am Spieltisch in Baden-Baden allerdings wieder. Doch ist er der Spielleidenschaft bereits verfallen. Anfangs glaubt Dostojewski wie viele Spieler, mit einem System und Berechnung das Glück bezwingen zu können. Wenn er verliert, ist das nicht die „Logik“ des Roulettespiels, sondern ein Fehler in seiner Berechnung.21

Als Dostojewski endlich nach Paris kommt, verlässt Paulina ihn, da sie sich in einen anderen verliebt hat, der sie kurze Zeit später aber sitzen lässt. In größten finanziellen Schwierigkeiten verkauft der Schriftsteller mittellos und tief verschuldet das Recht an einem noch zu schreibenden Roman und es gelingt ihm, Paulina trotz ihrer mittlerweile erkalteten Liebe zu überreden, ihre gemeinsame Reise fortzusetzen. Die beiden fahren wie „Bruder und Schwester”22 zusammen nach Italien, aber Paulina spielt nur noch mit Dostojewskis Leidenschaften und martert ihn mit ihrer Unnahbarkeit. Von da an treibt es ihn immer wieder in die Spielsäle. Es ist nicht nur das Bedürfnis nach Geld, sondern vor allem das Spiel selbst, die Spannung, das unbewusste Herbeisehnen von Verlust, Strafe und Qual, das ihn immer wieder zu halsbrecherischen Einsätzen bewegt.23

Auf ihren Stationen in Genf, Turin, Rom, Neapel und Genua müssen Paulina und Dostojewski teilweise vor den Hoteliers flüchten, da sie kein Geld mehr haben. Überall spielt er und verliert, sodass er sogar seine Uhr und Paulina ihren Ring versetzen muss.

Aus eben diesen Erlebnissen und Spielerfahrungen in Europa destilliert Dostojewski im Oktober 1866 seinen Roman „Der Spieler“.

Sowohl E.T.A. Hoffmann als auch Fjodor M. Dostojewski verarbeiten also eigene Erfahrungen in ihren Werken und somit gelingt es beiden, das Motiv des Glücksspiels besonders anschaulich zu beschreiben und dessen Tücken eindrucksvoll darzulegen.

3. E.T.A. Hoffmann: Spieler-Glück

3.1. Die Handlung

Zu den bis heute nachwirkenden Erfindungen der europäischen Romantik gehört die Spielergeschichte. Zwar wird das Motiv des Spielers schon früher viel behandelt, doch eher in Dramen und Traktaten, die vor den Gefahren der Spielleidenschaft warnen.24 Zum Zentrum erzählender Fiktion wird der Spieler erst in der Romantik und vor allem in der französischen und russischen Literatur. Hoffmanns Erzählung kann man in seiner Gattung als Gründungsurkunde der Thematik sehen.25 Um genauer auf den Text eingehen zu können, liegt es nahe, ihn kurz zusammenzufassen.

Der Serapionsbruder Theodor erzählt von einer „wirkliche[n] Begebenheit“ (SG 856), die sich in Pyrmont, einem Badeort, zugetragen hat. „Wer weiß es nicht, daß, zumal zur Badezeit an Badeörtern […] der anziehende Zauber des Spiels unwiderstehlich wird.“ (SG 856).26

[...]


1 Vgl. u.a.: Rudolf Neuhäuser: Nachwort in: Fjodor Dostojewski: Der Spieler. Aus den Aufzeichnungen eines jungen Mannes. Aus dem Russischen von Arthur Luther. München 22. Auflage 2010. S.166.

2 Vgl.: Gottlieb Fritz: Der Spieler im deutschen Drama des achtzehnten Jahrhunderts. Berlin 1896, S. 6-38.

3 Vgl.: Peter Schnyder: Alea Zählen und Erzählen im Zeichen des Glücksspiels 1650-1850. Göttingen 2009, u.a.: S. 390 ff.

4 Zitiert nach Harich Walter: E.T.A. Hoffmann in: Rainer Pabst: Schicksal bei E.T.A. Hoffmann. Köln 1988, S. 165.

5 Friedrich Schnapp: E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten. München 1974. S. 747.

6 Vgl.: Hartmut Steine>5

7 Vgl.: Geir Kjetsaa: Dostojewski. Sträfling-Spieler-Dichterfürst. Oslo 1985, S.96.

8 Vgl.: Aimée Dostojeskij: Dostojeskij. Geschildert von seiner Tochter A. Dostojewski. München 1920.

9 Vgl.: Geir Kjetsaa: Dostojewski. S.196.

10 Ebd.: Geir Kjetsaa: Dostojewski. Sträfling-Spieler-Dichterfürst. Oslo 1985, S.210.

11 Vgl. u.a.: Hartmut Steine>12 Vgl.: Rüdiger Safranski: E. T. A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten. München 1984, S. 112. 7

13 Zitiert nach Wulf Segebrecht in: E.T.A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder. Winkler-Verlag München 1976, S. 1094.

14 Vgl. u.a.: Hartmut Steine>A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten. München 1984, S. 112.

15 Vgl.: Safranski: E.T.A. Hoffmann. S. 113.

16 über die tatsächlichen Vorbilder für den Freundeskreis, der die Rahmengespräche der „Serapionsbrüder“ bestreitet, schreibt Hoffmanns enger Freund Hitzig: „Die Grundpfeiler dieses Vereins bildeten nächst Hoffmann Contessa, Koreff, ein ausgezeichneter Arzt und Hitzig.“ Julius Eduard Hitzig: Aus Hoffmann's Leben und Nachlass. Zweiter Theil Berlin 1823, S. 131.
Deshalb werden die Serapionsbrüder häufig ihren realen Vorbildern zugeordnet: Theodor: E.T.A. Hoffmann; Ottmar: Julius Eduard Hitzig; Sylvester: Karl Wilhelm Salice-Contessa; Vinzenz: David Ferdinand Koreff.

17 E.T.A. Hoffmann: Spieler-Glück, erschienen in E.T.A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder. Herausgegeben von Wulf Segebrecht unter Mitarbeit von Ursula Segebrecht. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch. Frankfurt am Main 2008, S. 856. Aus dieser Ausgabe wird im Folgenden mit der Sigle SG zitiert.

18 Julius Eduard Hitzig: Aus Hoffmann's Leben und Nachlass. Erster Theil Berlin 1823, S. 136.

19 Vgl.: Manfred Zollinger: Geschichte des Glücksspiels. Vom 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. Wien, Köln, Weimar 1997. S. 213.

20 Am deutlichsten wird das im Briefwechsel mit seiner Frau Anna: Fjodor Dostojewski: Die Briefe an Annaübersetzt von Brigitta Schröder, Königstein 1986.

21 Vgl. Geir Kjetsaa: Dostojewski. Sträfling-Spieler-Dichterfürst. Oslo 1985, S.201 f.

22 Ebd.: S.204

23 Vgl. ebd.: S.205

24 Vgl. u.a.: Gottlieb Fritz: Der Spieler im deutschen Drama des achtzehnten Jahrhunderts. Berlin 1896, S. 6-38.

25 Vgl.: Wolfram Nitsch: Rechner und Seher. Balzacs Spieler im Horizont der Romantik, in: Erich Kleinschmidt: Die Lesbarkeit der Romantik. Material, Medium, Diskurs. Berlin 2009, S. 55-79, hier: S. 55.

26 Hier zeigt sich deutlich der aktuelle Bezug der Verbreitung von Spielstätten und des Spielwesens, welches zu Hoffmanns Zeit durch den Zuspruch weiter Bevölkerungskreise gekennzeichnet ist. Vgl. u.a.: Manfred Zollinger: Geschichte des Glücksspiels. Vom 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. Wien, Köln, Weimar 1997, S. 213.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Das Glücksspiel erzählen. Von E.T.A. Hoffmanns "Spielerglück" zu Dostojewskis "Der Spieler"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
42
Katalognummer
V196544
ISBN (eBook)
9783656225324
ISBN (Buch)
9783656227755
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
glücksspiel, hoffmanns, spielerglück, dostojewskis, spieler
Arbeit zitieren
Nadja Krakowski (Autor), 2011, Das Glücksspiel erzählen. Von E.T.A. Hoffmanns "Spielerglück" zu Dostojewskis "Der Spieler", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196544

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