Der Heimbeirat in Einrichtungen der Behindertenhilfe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rahmenbedingungen
2.1 Die gesetzliche Grundlage bis 2002
2.2 Das Heim als alles bestimmender Ort
2.3 Das Normalisierungsprinzip und Aufbruch der Heime

3. Die Mitwirkung in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe
3.1 Der Heimbeirat
3.2 Aufgaben; Rechte und Pflichten des Heimbeirates
3.3 Unterstützung des Heimbeirates

4. Fazit

Literatur

Internetliteratur

1. Einleitung

„Wir wollen mehr als nur dabei sein!“ ist ein Postulat der Bundesvereinigung Lebenshilfe aus dem Jahr 2003, mit welchem sie den Anspruch geistig behinderter Menschen auf mehr Teilhabe an der Gesellschaft zum Ausdruck bringen. (Vgl. Schlummer/Schütte S.16) Im Rahmen dieser Arbeit wird überprüft, wie dieses „Mehr“ im Bereich von stationären Wohneinrichtungen aussehen kann.

Diese Wohnform gilt als überholt. Seit Jahren wird eine Abkehr von den veralteten Heimkomplexen gefordert und über eine Auflösung aller Heime diskutiert. Die Zahl der Menschen mit geistiger Behinderung, die alleine privat oder im ambulant betreuten Wohnen leben, ist in Deutschland aber bisher noch sehr gering. Laut Theunissen waren 2005 ca. 78%, derer, die nicht mehr bei ihren Eltern oder Sorgeberechtigten lebten, in Großeinrichtungen mit 40 oder mehr Plätzen untergebracht (Vgl. Theunissen S.219) und dies obwohl es nicht dem Wunsch der BewohnerInnen entspricht. Lediglich 13% gaben bei einer Untersuchung von Rauscher (Heim-)Wohngruppen als Wunschwohnort an. Die Mehrheit bevorzugt es, ein eigenes Leben in der Gemeinde mit LebenspartnerIn/Familie zu führen. (Vgl. Rauscher S. 145ff.)

Trotzdem leben höchstens 10% im ambulant betreuten Wohnen. Deutschland liegt somit im Vergleich zu anderen westlichen Industrienationen weit zurück. (Vgl. Theunissen S. 219) Der wesentliche Grund hierfür liegt an dem fehlenden finanziellen Anreiz zum Umstieg vom stationären zum ambulant betreuten Wohnen. Während in stationären Wohnformen zumindest Vollverpflegung ein kleines Taschengeld und ein Bonus aus der Werkstattarbeit garantiert sind, leben Menschen im ambulant betreuten Wohnen am Existenzminimum.

Solange sich an der gesetzlichen Lage zur Finanzierung nichts ändert, werden stationäre Wohneinrichtungen weiterhin die pragmatischste Wohnform für die Mehrheit der Menschen mit Behinderungen sein und die Mitwirkung innerhalb dieser wird einen wichtigen Aspekt in Bezug auf selbstbestimmtes Leben und soziale Partizipation darstellen.

Wie die BewohnerInnen heute selber auf ihre stationäre Wohneinrichtung einwirken können und wieweit von außen helfend dazu beigetragen werden kann, stehen im Augenmerk dieser Arbeit. Dabei werden die heutige Lage den „Zuständen“ der Wohneinrichtungen aus den 1970er Jahren gegenüber gestellt und die Chancen und Schwierigkeiten der Veränderungen skizziert. Hierzu wird im Besonderen die Arbeit des Heimbeirats, als demokratisches Element der Selbstbestimmung innerhalb des Heimbetriebs, näher betrachtet, da dessen Gesetzeslage von 1970 bis heute exemplarisch für die Fortschritte der Behindertenhilfe gesehen werden kann.

2. Rahmenbedingungen

2.1 Die gesetzliche Grundlage bis 2003

„Die Mitwirkung in Heimen ist keine Erfindung dieses Jahrhunderts.“ (Schlummer/Schütte S.106)

Bereits 1974 wurde im HeimG die Mitwirkung der BewohnerInnen am Heimalltag gesetzlich festgeschrieben. Nennenswerte Folgen für die Praxis ergaben sich daraus allerdings nicht. Dies lag einerseits an dem fehlenden Vertrauen der Gesellschaft und der Heimarbeiter in Menschen mit geistiger Behinderung, als auch an den Schwächen des Gesetzes.

Zwar besagte § 5 Mitwirkung des Heimbewohner:

„(1) Die Bewohner der in diesem Gesetz genannten Heimen wirken durch einen Heimbeirat in Angelegenheiten des Heimbetriebs wie Unterbringung, Aufenthaltsbedingungen, Heimordnung, Verpflegung und Freizeitgestaltung mit. Die Mitwirkung ist auf die Verwaltung sowie die Geschäfts- und Wirtschaftsführung des Heims zu erstrecken, wenn Leistungen im Sinne des §14 Abs. 2 Nr. 3 erbracht worden sind.“ (HeimG 1997 S. 3)

Es fehlen jedoch essentielle Aussagen über die Wahl und Befugnisse des Heimbeirats. Außerdem wird nicht festgehalten, ob dem Heimbeirat eine Schulung oder fach- und sachkundige Vertrauenspersonen zur Unterstützung eingeräumt werden. Der Rechtsanwalt Jürgen Mußmann stellt fest: „Mitwirkung ist keine Mitbestimmung. Der Heimleiter kann sich über das Votum des Heimbeirates oder des Heimfürsprechers hinwegsetzen und eine abweichende Entscheidung treffen.“ (Mußmann S. 2)

Allgemein ist das HeimG von 1974 kritisch zu betrachten. Aus heutiger Sicht entsteht der Eindruck diese Fassung, welche lediglich 1997 minimal überarbeitet wurde und somit bis zum 1.01.2002 bestand hatte, diene einer gesetzlichen Grundlage für die Arbeit der Heime nicht aber der Verbesserung des Lebens und der Rechte der BewohnerInnen.

So werden unter §2 Zwecke des Gesetzes lediglich die Wahrung der „Selbstständigkeit und Selbstverantwortung der Bewohner“ (HeimG von 1997 S. 1) gefordert. Von einer Förderung derer wird allerdings nicht gesprochen. Die Mitwirkung der BewohnerInnen wird ebenfalls nicht als Ziel des HeimG benannt. Diese und andere wichtigen Änderungen sollten erst 2001 im 3. Gesetz zur Änderung des HeimG vorgenommen werden. (Vgl. Landesseniorenrat BW S. 29)

Der zweite Grund, weshalb das Gesetz keine einschneidenden Veränderungen bewirken konnte, lag im geringen Stellenwert, der geistig behinderte Menschen eingeräumt wurde. Selbstbestimmtes Leben oder zumindest Partizipation wurde ihnen nicht zugetraut. Volker Jakobi formulierte dazu 1982:

„Die im HeimG vorgesehene Mitwirkung der Betreuten kann nur bei einer Weiterführung der Grundgedanken des Gesetzes gewährleistet werden. Man muß davon ausgehen, dass die behinderten Heimbewohner in einem viel größeren Maße als im Bereich der Altenhilfe zu der im Gesetz vorgesehenen Mitwirkung nicht in der Lage sind.“ (Jakobi S.98)

Selbst die Lebenshilfe entwarf 1981 ein Rahmenprogramm, indem sie die Mitwirkung des Heimbeirats durch Eltern bzw. Sorgeberechtigte begrüßten; von einer Mitwirkung seitens der HeimbewohnerInnen selbst wurde aber noch nicht gesprochen. Vielmehr wurde aus Sicht der Heimleiter argumentiert, welche das „Einpfuschen“ der BewohnerInnen fürchteten. (Vgl. Schlummer/Schütte S.107)

2.2 Das Heim als alles bestimmender Ort

Aus der fehlenden Mitsprache ergab sich für die HeimbewohnerInnen folglich ein Leben, das weitestgehend von ihrer Einrichtung reglementiert war. Die Aufstehzeiten, die Essensauswahl, die Essenszeit, oder die Beschäftigungsmöglichkeiten waren zumeist vorbestimmt und Partizipation oder individuelle Bedürfnisse wurden kaum berücksichtigt. Magdalene Beermann schreibt über ein westfälisches Heim, indem sie in den 80er Jahren arbeitete:

„Die meisten Bewohner hatten diese Heimroutine bereits verinnerlicht. Ohne Uhr und Kalender wußten sie, wann es nachmittags Kaffee gab, dienstags und freitags standen sie nach dem Frühstück im Bademantel im Flur und warteten darauf, geduscht zu werden, Mittwoch nachmittags erwarteten sie den Verkaufswagen, an dem sie sich Plätzchen und Obst kaufen konnten, sie stellten sich zu den festgelegten Zeiten bei der Tabakausgabe und der Taschengeldverteilung an und ließen sich bereitwillig einmal im Monat zum Frisör fahren.“ (Beermann S.13)

Auch wenn die HeimMindBauV bereits 1978 unter § 14 Wohnplätze festlegte

„(1) Wohnplätze für eine Person müssen mindestens einen Wohnschlafraum mit einer Wohnfläche von 12 qm, Wohnplätze für zwei Personen einen solchen mit einer Wohnfläche von 18 qm umfassen. Wohnplätze für mehr als zwei Personen sind nur ausnahmsweise mit Zustimmung der zuständigen Behörde, Wohnplätze für mehr als vier Personen sind nicht zulässig. Für die dritte oder vierte Person muß die zusätzliche Wohnfläche wenigstens je 6 qm betragen,“ (HeimMindBauV 1978 S. 191)

sah die Realität häufig anders aus. Die Heime waren maßlos überfüllt. Konzipiert für 30 bzw. 35 Bewohner wohnten stattdessen 70 bis 80 Menschen in den Heimen. Folglich gab es für die Bewohner nicht die Möglichkeit auf ein Einzelzimmer und die damit verbundene Privatsphäre, sondern das unpersönliche Leben in Zwei- Drei- oder Vierbettzimmern, ohne die Option auf individuelle Einrichtung. (Vgl. Beermann S.19ff.) In einer Untersuchung des Diplompädagogen Theodor Thesing verfügten 1989 lediglich 60,6% der befragten HeimbewohnerInnen über ein Einzelzimmer. Bei einer zweiten Untersuchung im Jahr 1997 erhöhte sich diese Zahl immerhin auf 84,3% der Befragten. (Vgl. Thesing S.157)

Die Konzeption der Heime lag bis in die 1980er Jahren zumeist auf der Verwahrung und Pflege der BewohnerInnen und weniger auf der Erfüllung der privaten Bedürfnissen, der Integration in das soziale Umfeld, der Gestaltung von Freizeitmöglichkeiten oder der Erziehung zu „relativ“ selbstbestimmten Leben, ehe „die Frage nach einem humanen Wohnen, nach menschlich sinnvollen Wohnformen“ (Thesing S.13) auch für Menschen mit geistiger Behinderung Bedeutung gewann.

2.3 Das Normalisierungsprinzip und der Aufbruch der Heime

Die Fortentwicklung der Gesellschaft führte auch zu einer Veränderung der Einstellung gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung. Sie werden „zunehmend als gleichberechtigte Partner angesehen“(Spiegel S.76) und somit wurde es ihnen auch zuerkannt die gleichen Lebensbedingungen ermöglicht zu bekommen, wie sie ihnen Menschen ohne Behinderungen schon immer vorleben.

Dieser Gedanke der Normalisierung, welcher als Normalisierungsprinzip bekannt ist, geht auf den dänischen Juristen und Verwaltungsbeamten N.E. Bank-Mikkelsen zurück und wurde 1959 in das dänische „Gesetz über die Fürsorge für geistig Behinderte“ aufgenommen. Ausformuliert wurde der Gedanke 1969 durch Bengt Nirje der acht Kriterien der Normalisierung forderte: (Vgl. Thesing S.47ff.)

1. Normaler Tagesrhythmus
2. Trennung von Arbeit-Freizeit-Wohnen
3. Normaler Jahresrhythmus
4. Normaler Lebenslauf
5. Respektierung von Bedürfnissen
6. Angemessene Kontakte zwischen den Geschlechtern
7. Normaler wirtschaftlicher Standard
8. Standards von Einrichtungen

Eine gute Möglichkeit daraus Konsequenzen zu ziehen, wählte das Sozialministerium Stockholm. Deren Mitarbeiter Karl Grunewald formulierte dazu Grundsätze, die in Deutschland teilweise bis heute nicht vollends umgesetzt wurden.

Die Heime müssen aus kleinen Gruppen bestehen, sodass nie mehr als zehn Menschen zusammen leben und essen und innerhalb der Einrichtung darf nur ein Minimum an gemeinsam nutzbaren Ausstattungen vorzufinden sein. Das Heim soll inmitten einer Wohngemeinde liegen, die groß genug ist, um die HeimbewohnerInnen integrieren zu können. Außerdem soll der Zugang beidseitig zu sozialen Kontakten möglich sein. Den BewohnerInnen steht zudem an Wochenenden und gerade im Urlaub eine alternative Wohnmöglichkeit zur Verfügung und die Wohnstätte muss jederzeit zur Zusammenarbeit mit den HeimbewohnerInnen bzw. deren Angehörigen bereit sein. (Vgl. Thesing S. 49ff.)

Auffallend ist, dass die Mitwirkung im Heim hier als ein zentrales Kriterium aufgeführt wird. Eher negativ zu betrachten, ist dagegen der fehlende Bezug auf die Individualisierung des Bewohnerlebens gerade in Betracht auf z.B. Zimmergestaltung.

In Deutschland benötigte es mehr Zeit, ehe das Normalisierungsprinzip allmählich Umsetzung fand. Erst in den 1980ern begannen einige große Sozialwerke unter dem Titel Auflösung von Heimen ihre Heime in Rehabilitationseinrichtungen umzuwandeln. Sie engagierten neues veränderungswilliges Personal, das in Kooperation mit erfahrenen Medizinern aus den psychiatrischen Staatskliniken, weitreichende Reformen durchführten, um das Leben der BewohnerInnen angenehmer und vor allem individueller zu gestalten und sie in die Gemeinde zu integrieren.

Eine dieser notwendigen Erneuerungen war beispielsweise die Einführung der Bezugspflege. Dadurch, dass die MitarbeiterInnen nur noch für einige wenige BewohnerInnen zuständig waren, ermöglichten sich erstmals flächenmäßig vertrauensvolle Beziehungen zwischen BewohnerInnen und MitarbeiterInnen. Die MitarbeiterInnen konnten nun individuelle Bedürfnisse, Fähigkeiten und Verhaltensweisen besser erkennen und verstehen und daraus Entwicklungschancen ableiten, während die BewohnerInnen wiederum endlich eine Vertrauensperson fanden, denen sie ihre Wünsche und Verbesserungsvorschläge mitteilen konnten und mit denen sie an deren Bewältigung arbeiten konnten. (Vgl. Beermann S. 18-24)

Die anfangs in 2.3 erwähnte Anerkennung von Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigte Partner erhielt in Deutschland aber erst in diesem Jahrtausend ernsthaften Auftrieb. Die Einsetzung des Neunten Buches des Sozialgesetzbuches – Rehabilitation und Teilhabe (SGB IX) am 1. Juli 2001 wurde bundesweit als „Paradigmenwechsel“, „die größte Reform seit den 1970er Jahren“ oder als „auf internationaler Ebene beispielgebend“ gefeiert. Tatsächlich wird damit das Ziel verfolgt Menschen mit Behinderung, gegebenenfalls durch besondere Sozialleistungen, zu einer selbstbestimmten Lebensführung, zu gleichberechtigter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und zur Förderung ihrer sozialen Kompetenzen zu verhelfen. (Vgl. Schlummer/Schütte S. 17) Die Leitbegriffe des SGB IX Selbstbestimmung und Teilhabe sind folglich auch Bestandteile der in den Jahren 2001 und 2002 überarbeiteten Heimgesetzes (HeimG) und der dazugehörigen Heimmitwirkungsverordnung (HeimmwV).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Heimbeirat in Einrichtungen der Behindertenhilfe
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V196595
ISBN (eBook)
9783656225737
ISBN (Buch)
9783656227632
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heimbeirat, einrichtungen, behindertenhilfe
Arbeit zitieren
Florian Becher (Autor), 2011, Der Heimbeirat in Einrichtungen der Behindertenhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196595

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