In der Arbeit wird untersucht, ob und wenn ja, in welchem Umfang, der nach Irrungen und Wirrungen klar marxistisch orientierte Sozialdemokrat Eduard Bernstein während seines langen Aufenthaltes in London unter dem Einfluss der englischen Fabian Society seine Einstellung zum Marxismus geändert hat und er damit – aus marxistischer Sicht – den Revisionismus in die deutsche Sozialdemokratie gebracht und den sogenannten Revisionismusstreit in Gang gesetzt hat.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Ausgangslage
2.1 Eduard Bernstein
2.2 Die Fabian Society
2.3 Die deutsche Sozialdemokratie um die Wende zum 20. Jahrhundert
3 Das Marxismus-Verständnis Eduard Bernsteins vor dem Exil
4 Bernstein und die sozialreformerischen Vorstellungen der Fabier
4.1 Die Fabian Society und der Sozialismus
4.2 Bernstein in London: Kontakte und Begegnungen
4.3 Veränderungen im Bernsteinschen Marxismus-Verständnis
4.3.1 Klassenkampf
4.3.2 Zerfall des Mittelstandes
4.3.3 Dialektischer Materialismus
4.3.4 Zusammenbruchs- oder Katastrophentheorie
5 ‚Probleme des Sozialismus’ und der Revisionismusstreit
6 Bernstein, die Fabier und die Folgen
6.1 Demokratie als Prinzip
6.2 Transformation/Zusammenbruchs- oder Katastrophentheorie
6.3 Arbeitswertlehre/Werttheorie
6.4 Munizipalsozialismus
7 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit der deutsche Sozialdemokrat Eduard Bernstein während seines Londoner Exils durch die englische Fabian Society in seinem Verständnis des Marxismus beeinflusst wurde und ob dies zur Initiierung des sogenannten Revisionismusstreits in der deutschen Sozialdemokratie führte.
- Analyse der Marxismus-Sicht Bernsteins vor seinem Londoner Aufenthalt
- Untersuchung der sozialreformerischen Ideologie und Methoden der Fabian Society
- Bewertung der Kontakte und Begegnungen Bernsteins mit den Fabiern in London
- Vergleich der Kernbegriffe (Klassenkampf, Werttheorie, Dialektik) im Marxismus und im Fabianismus
- Darstellung der praktischen Auswirkungen von Bernsteins veränderten Theorievorstellungen auf die SPD
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Fabian Society und der Sozialismus
Ab etwa 1888 entwickelten die Fabier, nachdem sie sich mit Marx und anderen sozialistischen Theorien auseinandergesetzt hatten, relativ klare Vorstellungen eines eigenen Sozialismus-Verständnisses für England. In der oben bereits erwähnten sehr erfolgreichen Publikation „Fabian Essays in Socialism“, die zuerst 1889 erschien, schrieb Sidney Webb im Kapitel „Die Basis des Sozialismus“ unter dem Rubrum ‚Geschichte. Die Entwicklung des demokratischen Ideals‘:
„All students of society who are abreast of their time, Socialists as well as Individualists, realize that important organic changes can only be (1) democratic, and thus acceptable to a majority of the people, and prepared for in the minds of all; (2) gradual, and thus causing no dislocation, however rapid may be the rate of progress; (3) not regarded as immoral by the mass of the people, and thus not subjectively demoralizing to them; and (4) in this country at any rate, constitutional and peaceful.“
Dieses Selbstverständnis der Fabier markiert einen deutlichen Unterschied zu einer marxistisch angelegten – Revolution und Klassenkampf einbeziehenden – Programmatik, die im England der Webbs und Shaws nach deren Ansicht keinen Erfolg haben konnte. Alle zum Sozialismus führenden Veränderungen sollten demokratisch, also mehrheitskonform sein, schrittweise erfolgen, in einem allgemeinen Sinne moralisch sein, in jedem Fall verfassungsgemäß ablaufen und friedlich und gewaltlos durchgeführt werden. Das war keine revolutionäre, sondern eine reformorientierte, evolutionäre Sicht auf Veränderung. Der Marxismus war erst in den 1880er und 90er Jahren in England „einer breiteren intellektuellen Öffentlichkeit bekannt“ geworden und wurde auch unter den Fabians diskutiert, allerdings eher um an ihm „die eigenen Positionen abzuklären.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Anregung und Zielsetzung der Arbeit, den Einfluss der Fabian Society auf Eduard Bernsteins Marxismusverständnis zu untersuchen.
2 Die Ausgangslage: Es werden die biografischen Hintergründe von Eduard Bernstein, die Gründung und Ziele der Fabian Society sowie die Situation der SPD um die Jahrhundertwende skizziert.
3 Das Marxismus-Verständnis Eduard Bernsteins vor dem Exil: Dieses Kapitel beschreibt Bernsteins erste politische Prägung und seine anfänglich orthodoxe marxistische Überzeugung vor seinem Londoner Aufenthalt.
4 Bernstein und die sozialreformerischen Vorstellungen der Fabier: Hier werden die Kontakte Bernsteins zu den Fabiern analysiert und die Modifikationen seines Marxismusverständnisses an zentralen Kernbegriffen wie Klassenkampf und Dialektik geprüft.
5 ‚Probleme des Sozialismus’ und der Revisionismusstreit: Dieses Kapitel behandelt die publizistischen Artikel Bernsteins und die dadurch ausgelöste heftige innerparteiliche Debatte innerhalb der SPD.
6 Bernstein, die Fabier und die Folgen: Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Bernstein und den Fabiern in Schlüsselthemen wie Demokratie, Werttheorie und Munizipalsozialismus werden vergleichend gegenübergestellt.
7 Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass Bernstein durch sein Londoner Exil maßgeblich fabisch geprägt wurde, was zu einer tragischen Spannung zwischen seinem optimistischen Reformglauben und der damaligen Realität führte.
Schlüsselwörter
Eduard Bernstein, Fabian Society, Marxismus, Revisionismus, Sozialdemokratie, SPD, Klassenkampf, Werttheorie, Dialektischer Materialismus, Munizipalsozialismus, Sozialreform, Reformismus, Londoner Exil, Geschichte der Arbeiterbewegung, Demokratischer Sozialismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Einfluss der englischen Fabian Society auf die politische Entwicklung und das Marxismusverständnis von Eduard Bernstein während seines Exils in London.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des Bernsteinschen Revisionismus, der Vergleich zwischen marxistischer Lehre und fabischem Reformismus sowie die Auswirkungen dieser theoretischen Verschiebungen auf die deutsche SPD.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage ist, ob und in welchem Umfang Bernstein durch die Fabian Society seine Einstellung zum Marxismus änderte und damit den Revisionismus in die deutsche Sozialdemokratie einbrachte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine ideengeschichtliche Analyse, indem er biografische Quellen, Briefwechsel und publizistische Werke Bernsteins mit den Schriften der Fabier und zeitgenössischen Parteiprotokollen vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit Bernsteins Ausgangslage, dem Einfluss der Fabier auf sein Denken, der Veränderung spezifischer marxistischer Kernbegriffe und dem daraus resultierenden innerparteilichen Revisionismusstreit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören Eduard Bernstein, Fabian Society, Revisionismus, Sozialdemokratie, Klassenkampf, Dialektischer Materialismus und Munizipalsozialismus.
Wie bewertet der Autor Bernsteins Verhältnis zur Fabian Society im Vergleich zum orthodoxen Marxismus?
Der Autor arbeitet heraus, dass Bernstein zwar Marxist blieb, aber durch die Kontakte zu den Fabiern eine „Berichtigung von Annahmen“ vornahm, die ihn von einer revolutionären zu einer reformorientierten, evolutionären Sichtweise führte.
Welche Rolle spielte der Revisionismusstreit für das spätere Selbstverständnis der SPD?
Der Streit legte die strukturelle Spannung zwischen revolutionärer Theorie und reformistischer Praxis offen, die laut Autor erst 1959 mit dem Godesberger Programm zugunsten eines reformsozialistischen Ansatzes gelöst wurde.
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- Klaus Leesch (Author), 2012, Eduard Bernstein und die Fabian Society, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196707