Eduard Bernstein und die Fabian Society

Der Einfluss englischer sozialreformerischer Vorstellungen auf das Bernsteinsche Marxismusverständnis und sein Konzept von Sozialdemokratie


Hausarbeit, 2012
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Ausgangslage
2.1 Eduard Bernstein
2.2 Die Fabian Society
2.3 Die deutsche Sozialdemokratie um die Wende zum 20. Jahrhundert

3 Das Marxismus-Verständnis Eduard Bernsteins vor dem Exil

4 Bernstein und die sozialreformerischen Vorstellungen der Fabier
4.1 Die Fabian Society und der Sozialismus
4.2 Bernstein in London: Kontakte und Begegnungen
4.3 Veränderungen im Bernsteinschen Marxismus-Verständnis
4.3.1 Klassenkampf
4.3.2 Zerfall des Mittelstandes
4.3.3 Dialektischer Materialismus
4.3.4 Zusammenbruchs- oder Katastrophentheorie

5 ‚ Probleme des Sozialismus ’ und der Revisionismusstreit

6 Bernstein, die Fabier und die Folgen
6.1 Demokratie als Prinzip
6.2 Transformation/Zusammenbruchs- oder Katastrophentheorie
6.3 Arbeitswertlehre/Werttheorie
6.4 Munizipalsozialismus

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturverzeichnis

Eduard Bernstein ca. 1895

„Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offe- nem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“

Kurt Tucholsky 1921

1 Einleitung

Die Anregung zu dieser Hausarbeit ergab sich aus der Beschäftigung mit dem Kurs „ Vom Geheimbund zur Massenpartei “1 als Teil des Moduls 5 G „ Politische Gestaltung: Revolution, Staat und Verfassung “ im Rahmen des Masterstudien- ganges „ Europäische Moderne: Geschichte und Literatur “ an der Fernuniversität Hagen.

Die Sozialdemokratie war im jungen Deutschen Kaiserreich eine zunehmend wichtige politische Kraft. Der Marxismus hatte sich kurz vor der Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert weitgehend unbestritten zu ihrer theoretischen Grund- lage entwickelt.

In der Arbeit soll untersucht werden, ob und wenn ja, in welchem Umfang, der nach Irrungen und Wirrungen klar marxistisch orientierte Sozialdemokrat Eduard Bernstein während seines langen Aufenthaltes in London unter dem Einfluss der englischen Fabian Society seine Einstellung zum Marxismus geändert hat und er damit - aus marxistischer Sicht - den Revisionismus in die deutsche Sozialdemo- kratie gebracht und den sogenannten Revisionismusstreit in Gang gesetzt hat.

Zur Verständnisgrundlage sollen zunächst die Person Eduard Bernstein, die Fa- bian Society und die Lage der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands/SPD um die Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert knapp vorgestellt werden. Im Hauptteil der Arbeit werden, nach einer Darstellung der Marxismus-Sicht Eduard Bernsteins vor dem Londoner Exil, die Sozialismus-Vorstellungen der Fabian Society erläutert, Bernsteins Londoner Aufenthalt auf Kontakte und Begegnungen geprüft und schließlich die Veränderungen des Bernsteinschen Marxismus-Ver- ständnisses während seiner Londoner Zeit beispielhaft an Kernbegriffen des Mar- xismus aufgezeigt. Es schließen sich die Darstellung der publizistischen und prak- tischen Bemühungen Bernsteins (Artikelreihe „ Probleme des Sozialismus “ usw.) um Veränderungen im Theorie-Verständnis und vor allem der praktischen Folgen daraus (Revisionismusstreit) an. Am Ende der Arbeit wird der fabische Einfluß auf Bernstein an Sachthemen aufgezeigt. Eine Betrachtung allgemeiner Art zu Bernstein und sein Wirken beschließt die Arbeit.

Die Quellenlage zu den hier behandelten Fragen ist zufriedenstellend. Der Revisionismusstreit ist zeitgenössisch umfänglich öffentlich abgehandelt worden. Nach vereinzelten Publikationen in den USA und in Schweden fand in der Bundesrepublik in den 1970er Jahren im Zuge der Diskussion um einen ‚Demokratischen Sozialismus‘ eine Art ‚Bernstein-Renaissance‘ statt. Dieser verdanken wir eine große Zahl von Veröffentlichungen.2 Ähnliches gilt auch für die Fragen zur Fabian Society und natürlich für die Literatur zur SPD.

Drei Institutionen sind im Rahmen dieser Arbeit besonders zu nennen: Das Inter- nationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis/IISG in Amsterdam. Hier werden u. a. Nachlässe wichtiger Sozialdemokraten (im vorliegenden Fall vor allem von Bernstein und Kautsky) aufbewahrt, aufgearbeitet und zu einem Teil auch über das Internet zugänglich gemacht.3 Die einschlägige Institution für sozialdemokra- tische Kontexte ist die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung/FES in Bonn. Ihre Mitarbeiter haben alle wichtigen Zeitschriften, in denen die hier diskutierten Themen behandelt werden, elektronisch verfügbar gemacht und die einschlägige monografische Literatur findet sich hier ebenfalls praktisch umfassend.4 Für Fra- gen zur Fabian Society stehen die Bibliothek und das Archiv der London School of Economics and Political Science/LSE mit den wichtigsten Veröffentlichungen zur Organisation und den handelnden Personen online zur Verfügung. Die LSE wurde 1895 von den Fabiern Beatrice und Sydney Webb gegründet.5 2 Die Ausgangslage

2.1 Eduard Bernstein

Eduard Bernstein wurde am 06. Januar 1850 in Berlin geboren.6 Er war das siebente von fünfzehn Kindern. Die kleinbürgerliche Familie, der Vater war Lokomotivführer, gehörte einer jüdischen Reformgemeinde an. Bernstein konnte bis zum 16. Lebensjahr das Gymnasium besuchen, musste dann aber aus finanziellen Gründen eine Lehrstelle in einer Bank antreten. Bis 1878 arbeitete er als BankAngestellter, zuletzt bei der Privatbank Rothschild.

Sein politisches Interesse erwachte früh. 1872 trat er zunächst der Internationalen Arbeiterassoziation/IAA und später im selben Jahr der Sozialdemokratischen Ar- beiterpartei/SDAP bei. Im Jahre 1875 gehört er der Programm-Kommission des Vereinigungsparteitages der dann Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands/ SAPD in Gotha an und wurde schnell in den Vorstand der Partei gewählt.

Im Jahre 1878, es war das Jahr der Sozialistengesetze, bot ihm Karl Höchberg, ein Publizist und reicher Mäzen der Partei, an, mit ihm als sein Privatsekretär in die Schweiz zu gehen. Bernstein arbeitete dort auch als Redakteur der in Zürich her- ausgegebenen Zeitschrift „ Der Sozialdemokrat “, die während der Zeit der Sozia- listengesetze von 1878 bis 1890 das Sprachrohr der Partei war, die in Deutschland keine direkten Wirkungsmöglichkeiten hatte. Im August 1886 heiratete er die Witwe Regina Schattner, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte.

1888 wurden Bernstein und der Arbeitsstab der Zeitschrift auf Druck von Bis- marck aus der Schweiz ausgewiesen. Gegen den Redakteur der Zeitschrift „ Der Sozialdemokrat “, die im Reich verboten war, wurde ein Haftbefehl erlassen, der erst 1901 aufgehoben wurde. Im Mai 1888 siedelte Bernstein nach London um, wo er in unmittelbarem Kontakt mit Engels stand, mit dem er freundschaftlich verbunden war. Zwei Jahre kam „ Der Sozialdemokrat “ nun aus London, bis er 1890 nach Fall der Sozialistengesetze eingestellt werden konnte. Bernstein ar- beitete danach u. a. als Londoner Korrespondent für das nun wieder erscheinende SAPD-Zentralorgan „ Vorwärts “ und die Zeitschrift „ Die neue Zeit “, die von seinem Freund Karl Kautsky herausgegeben wurde.

1901 konnte Bernstein endlich nach Deutschland zurückkehren. Dort war er wei- ter als Publizist tätig. Neben der freien Mitarbeit beim „ Vorwärts “ schrieb er für die „ Sozialistischen Monatshefte “ und gab bis 1905 die Zeitschrift „ Dokumente des Sozialismus “ heraus. Ab 1902 gehörte er mit Unterbrechungen bis 1928 dem Reichstag an. Von 1910 bis 1918 war er außerdem Stadtverordneter in Berlin.

Im Krieg verweigerte Bernstein, nach anfänglicher Zustimmung, als Abgeordne- ter 1915 die Kriegskredite und betonte stets die deutsche Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In der ganzen Zeit bis zu seinem Tode war er aktives Parteimitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands/SPD, zwi- schenzeitlich gehörte er zeitgleich der Mehrheits-SPD/MSPD und der Unabhän- gigen-SPD/USPD an, für deren Wiedervereinigung er sich einsetzte.

Eduard Bernstein starb am 18. Dezember 1932 in Berlin.

2.2 Die Fabian Society

Am 04. Januar 1884 gründeten eine Reihe bürgerlicher Frauen und Männer, die bis dahin in einem Debattierklub namens Fellowship of the New Life Fragen der Moral besprochen hatten, in London die Fabian Society.7 Der Name der Organisation verdankte sich dem römischen Konsul Quintus Fabius Maximus. Zur Namensfrage formulierten die Fabier dazu im „ Fabian Tract “ No. 1 unter dem Titel „ Why are the many poor “8 folgende Erklärung:

"For the right moment you must wait, as FABIUS did most patiently when war- ring against HANNIBAL, though many censured his delays; but when the time comes you must strike hard, as FABIUS did, or your waiting will be in vain, and fruitless."9

Die Gründer der Gesellschaft verstanden sich als Sozialisten, die ausdrücklich keine Marxisten sein wollten und die ihre Ziele schrittweise, legal und nicht revolutionär verfolgten:

“ Based their doctrine at least as much on non-Marxist economics as on the continental socialist tradition, they worked for a new order ‘ without breach of conti nuity or abrupt change of the entire social tissue ’ . “10

Peter Gay spricht von der „ Methode des schrittweisen Fortschritts “, die die Fa- bier auszeichne.11 Sie wollten die vorhandenen Institutionen und das in England bereits lange existierende Parlament für ihre Ziele nutzen, also auch in ihnen mit- arbeiten.12 Ein wichtiger Unterschied zu marxistisch orientierten Kräften, die es auch in England gab.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich die Sozialisten bereits in den 1860er Jah- ren in einer marxistisch ausgerichteten Partei zusammengeschlossen hatten, kam es in England erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu sozialistischen Parteigrün- dungen. In Großbritannien hatte sich im 19. Jahrhundert vor allem das Gewerk- schafts- und das Genossenschaftswesen herausbilden können. Deren politische Anliegen wurden lange Zeit vorrangig durch die Liberal Party vertreten.13

Friedrich Engels erklärte 1885 die von ihm und Marx unerwartet nicht revolutio- näre Haltung der Engländer durch die Tatsache, dass die Arbeiterklasse „ bis zu einem gewissen Grad “ an den wirtschaftlichen Gewinnen der Unternehmer hatte partizipieren können, aber er sah diese Entwicklung nicht als dauerhaft an.14

Denn natürlich gab es im Mutterland der Industriellen Revolution umfangreichen Diskussions- und Handlungsbedarf in allen sozialen Fragen. Zu diesen Themen entwickelten die Fabier eine rege schriftstellerische Tätigkeit, um für die von ihnen erhoffte stufenweise Entwicklung zu einem gemäßigten humanistischen Sozialismus hin zu werben. Allerdings waren sie keine Bewegung der Arbeiterklasse. Sie richteten sich stärker an die Mittelklasse, aus der die meisten von ihnen auch stammten.15 Bo Gustafsson zitiert zustimmend Friedrich Engels, der die Mitglieder der Gesellschaft „ als eine Sammlung ‚ smarter Advokaten, Literaten und sentimentaler Frauenzimmer ‘“ charakterisiert hatte .16

Wichtige Mitglieder der Fabian Society waren George Bernard Shaw, Sidney Webb, Sidney Olivier, Graham Wallas, Edward Reynolds Pease, Frank Podmore und andere bekannte Intellektuelle. Mit allen sollte Eduard Bernstein in den 1890er Jahren Kontakt haben. In dieser Zeit hatten die Fabier ca. 200 Mitglieder.

Ihre Wirkung entfalteten sie vorrangig durch vielfältige publizistische Unterneh- mungen und durch Vortragsveranstaltungen.17 Zunächst erschienen ab 1884 „ Fa- bian Tracts “. Allein bis zum Jahre 1900 wurden fast 100 Traktate in Broschü- renform veröffentlicht, in denen praktisch alle sozialen und politisch relevanten Themen dieser Zeit diskutiert wurden.18 Große Breitenwirkung hatten die 1889 von G. B. Shaw herausgegebenen „ Fabian Essays in Socialism “. Ab 1891 kamen dann „ Fabian News “ heraus , die als „ Fabian Review “ bis heute erscheinen.19

Die Fabian Society war schließlich auch an der Schaffung der englischen Arbeiterpartei beteiligt. Ihre Repräsentanten waren Mitglieder des 1900 gegründeten Labour Representation Committee. Ab 1906 nannte dieses Komitee sich dann Labour Party und diese ist bis auf den heutigen Tag aktiv. Die Fabian Society existiert mit Ablegern vor allem im angelsächsischen Raum ebenfalls bis heute. Neben den noch immer bekannten Autoren Sidney Webb, seiner Frau Beatrice und G. B. Shaw haben u. a. Clement Attlee, Harold Wilson, Dennis Healy, Tony Benn, Tony Blair und schließlich Gordon Brown Tracts-Texte veröffentlicht.20 Die mentale Bindung an die Labour Party ist evident.

2.3 Die deutsche Sozialdemokratie um die Wende zum 20. Jahrhundert Aus der Vereinigung des seit 1863 existierenden Allgemeinen Deutschen Arbei- tervereins/ADAV, den Ferdinand Lassalle ins Leben gerufen hatte und der Sozial- demokratischen Arbeiterpartei Deutschland/SDAP, die 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründet worden war, wurde 1875 in Gotha auf einem Einigungsparteitag die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands/SAPD. Karl Marx kritisierte das von Wilhelm Liebknecht erarbeitete Programm des Parteita- ges als zu wenig klassenkämpferisch und sparte nicht mit weiterer Kritik.21

Die konservative und nationalliberale Mehrheit im Reichstag erließ 1878 gegen die Stimmen des Zentrums, der Fortschrittspartei und natürlich der Sozialdemo- kraten die Sozialistengesetze, mit denen praktisch alle im weitesten Sinne sozial- demokratischen Aktivitäten einschließlich gewerkschaftlicher Arbeit unterbunden werden konnten. Die staatliche Repression entfremdete nicht nur die Sozialdemo- kraten und ihre Anhänger vom Staat und den herrschenden Kräften, sondern schuf auch die Basis für eine Radikalisierung und eine große Offenheit für marxistisch-/ kommunistische Sehweisen.22

„ Aus diesem radikalisierten Bewu ß tsein der von der bürgerlichen Gesellschaft Geächteten und von der Obrigkeit Verfolgten erwuchs das Bedürfnis nach einem Fundament, das ihrer Erbitterung entsprach, den Stab über das ganze System brach und eine rosigere Zukunft verhie ß […] . Diesen […] Halt fanden sie in den Lehren von Marx und Engels, für deren Verbreitung und Popularisierung vor al lem Eduard Bernstein und Karl Kautsky wirkten. “23

1890 konnte Bismarck diesen Druck nicht mehr aufrechterhalten und fand keine Mehrheit für eine Verlängerung der repressiven Politik. Im März 1890 entließ der junge Kaiser Wilhelm II. den Kanzler.

Die Sozialdemokratie hatte in der Zeit der Unterdrückung deutliche Stimmenzu- wächse bei Wahlen, zu denen die persönlich zu wählenden Abgeordneten weiter zugelassen werden mussten, erringen können und das trotz der Versuche Bis- marcks, durch eine moderne Sozialgesetzgebung mit Kranken-, Unfall-, Invalidi- täts- und Rentenversicherung die Arbeiter stärker in das bestehende System ein- zubinden und damit den Sozialdemokraten, den Gewerkschaften und den Arbei- tervereinen zu schaden.

Die Grundlagen der nun Sozialdemokratischen Partei Deutschlands/SPD wurden auf dem ersten Parteitag nach den Sozialistengesetzen 1891 in Erfurt neu festge- legt. Die marxsche Kritik am Gothaer Programm war ernst genommen worden. Im theoretisch-grundsätzlichen Teil des Programms, den Karl Kautsky vorgelegt hatte, findet sich teilweise wörtlich die marxsche Rhetorik des „ Kapitals “ wieder . Der politisch-praktische Teil, den Eduard Bernstein verantwortete, enthielt Forde- rungen nach einem freien und fairen Wahlrecht, Meinungs- und Religionsfreiheit, Koalitionsfreiheit, einer freien Justiz, einer umfassenden Sozialgesetzgebung und weiteren Demokratisierungsansätzen. Das Programm wurde vom Parteitag prak- tisch ohne Diskussion einstimmig angenommen. Was in dem Programm allerdings fehlte, war eine konkrete Vorgehensweise, wie denn diese Ziele, die zum Sozialismus führen sollten, konkret umzusetzen seien.24

Im Gothaer wie auch im Erfurter Programm waren der Konflikt zwischen einer stärker pragmatischen, eher sozial-demokratisch ausgerichteten und einer radika- leren, marxistisch-kommunistisch orientierten Richtung angelegt. Im Revisionis- musstreit konkretisierten sich diese Differenzen, wie zu zeigen sein wird, sehr deutlich. Joseph Rovan betrachtet die Unfähigkeit der SPD, „ zwischen ‚ Refor- mismus ‘ und ‚ Revolution ‘ zu wählen, […] als die Quelle gro ß en Unheils und gro- ß er Ohnmacht. “25

3 Das Marxismus-Verständnis Eduard Bernsteins vor dem Exil

Eduard Bernstein stammte, wie oben erwähnt, aus einem reformjüdischen Eltern- haus. Sein Onkel Aron war Leitartikler der liberalen „ Berliner Volkszeitung “. Seine eigene Haltung als junger Mann kann man nach Lektüre seiner Biographie „ Sozialdemokratische Lehrjahre “26 bis etwa 1872 als unspezifisch links und inte- ressiert an aktuellen politischen Fragen beschreiben. Er hatte mit Freunden einen Debattierklub namens Utopia gegründet, der sich nach dem sozialutopischen Ro- man von Thomas Morus benannt hatte.27 Ein Buch, in dem das „ Prinzip des Pri- vateigentums als eigentliches Hemmnis für die gerechte Güterverteilung “ im Staate gesehen wird.28

Bernstein selbst schreibt von „ ersten politischen Schulungen “, die er im Februar 1872 erfahren habe.29 Hier lernte er ‚Lassalleaner‘ und ‚Eisenacher‘ kennen, also Anhänger des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins/ADAV und der Sozialde- mokratischen Arbeiterpartei Deutschland/SDAP. Die Lassalleaner kann man als tendenziell stärker politisch-pragmatisch beschreiben, die einer Mitarbeit im Par- lament positiv gegenüberstanden und sich eine kleindeutsche Lösung im Natio- nenwerdungs-Prozess vorstellen konnten. Zwei Lassallsche Kernanliegen sind es besonders, die im Gothaer-Einigungsprogramm der neuen SAPD standen: das ‚eherne Lohngesetz‘30 und die ‚Errichtung von sozialistischen Produktivgenos- senschaften mit Staatshilfe 31 in der Industrie und der Landwirtschaft.

Die immer stärker marxistisch gesonnenen Sozialdemokraten Bebels und Lieb- knechts lehnten dagegen eine aktive Mitarbeit im Parlament mehrheitlich ab und tendierten eher zu einer großdeutschen Lösung. Die Nähe zu Karl Marx und Friedrich Engels ergab sich vor allem aus der Bekanntschaft von August Bebel und Wilhelm Liebknecht zu den beiden ‚Londonern‘ und der inhaltlichen Nähe zur Internationalen Arbeiterassoziation.32

[...]


1 Brandt, Peter; Daum, Werner: Vom Geheimbund zur Massenpartei. Entwicklung und Organisa- tion der politisch-weltanschaulichen Richtungen Europas 1770 - 1930. Hagen 2011 (Kurs 04109)

2 s.a. Bernstein und der demokratische Sozialismus. Hrsg.: Heimann, Horst; Meyer, Thomas. Berlin, Bonn 1978, S. 8ff.

3 s. URL: http://www.iisg.nl/iisg/history-de.php (02.02.2012)

4 s. URL: http://library.fes.de/library/index_gr.html (02.02.2012)

5 s. URL: http://www2.lse.ac.uk/aboutLSE/aboutHome.aspx (02.02.2012)

6 Die biografischen Angaben zu Eduard Bernstein sind vorrangig folgenden Quellen entnommen (vgl. Lit.-Verz.): Carsten, Francis L.: Eduard Bernstein 1850 - 1932. München 1993; Kutz, Martin: Bernstein, Eduard. In: Wegbereiter der Demokratie. Stuttgart, Weimar 2006; Fletcher, Roger: The Life and Work of Eduard Bernstein. In: Bernstein to Brandt. London 1987, S. 45 - 53; Bernstein, Eduard: Aus den Jahren meines Exils. Berlin 1918; Bernstein, Eduard: Sozialdemokratische Lehrjahre. Berlin 1928; Bernstein, Eduard: Sozialdemokratische Lehrjahre (1928) und Entwicklungsgang eines Sozialisten (1930). Berlin 1991

7 Manderson, Kate: Fabian Socialism and the Struggle for Independent Labour Representation: 1884 - 1900. Montreal 1998, S. 10

8 Phillips, W. L.: Why are the many poor? Hrsg.: The Fabian Society. London 1894, Titel (Fabian Tract No. 1)

9 Laut George Lichtheim (A Short History of Socialism, 1983) soll der Autor dieses Zitates das Fabier-Gründungsmitglied Frank Podmore gewesen sein. URL: http://www.worldsocialism.org/ spgb/education/z-marxism/f (30.01.2012)

10 Coser, Lewis A.; Ryan, Alan: Socialism. In: The new Encyclopaedia Britannica. Vol. 27, Chicago (u.a.) 2003, S. 396

11 Gay, Peter: Das Dilemma des demokratischen Sozialismus. Nürnberg 1954, S. 120

12 Milburn, Josephine Fishel: The Fabian Society and the British Labour Party. In: The Western political Quarterly Vol. 11/1958, No. 2, S. 320

13 Niedhart, Gottfried: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. 3. Aufl. München 2004,

S. 133f.

14 Engels, Friedrich: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Berlin: 1974, S. 59f.

15 Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Stuttgart 1968, S. 562f.

16 Gustafsson, Bo: Marxismus und Revisionismus. Frankfurt a. M. 1972, S. 146

17 So zitiert Helmut Hirsch in „ Der ‚ Fabier ‘ Eduard Bernstein “. Berlin, Bonn 1977 auf S. 31 Hesketh Pearson, der in „ Bernard Shaw: Das Leben, der Mensch “. Tübingen 1965 auf der S. 213 von 700 Vorträgen führender Fabier spricht

18 Im Archiv der London School of Economics and Politics/LSE finden sich alle verfügbaren Tracts online zugänglich. URL: http://www2.lse.ac.uk/library/archive/online_resources/ fabianar- chive/ home.aspx (02.03.2012)

19 Cole, Margaret: The Fabian Society. In: The political quarterly. Vol. 15. 1944, S. 246f.

20 Fabian Society Online Archive. URL : http://www2.lse.ac.uk/library/archive/online_resources/ fabianarchive/home.aspx (02.03.2012)

21 Miller, Susanne; Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Bonn 6. Aufl. 1988, S. 49

22 Als Marxismus soll hier sehr vereinfacht die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels in der Sicht der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. mit folgenden Kernpunkten verstanden werden: Dialekti- scher Materialismus, Entfremdung, Klassen und Klassenkampf, revolutionärer Prozess, ein- deutiger Geschichtsverlauf, latenter Anti-Parlamentarismus, Verelendungstheorie, Zerfall des Mittelstandes usw.

23 Miller/Potthoff 1988, S. 46ff. und S. 49

24 Miller/Potthoff 1988, S. 52ff.

25 Rovan, Joseph: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Frankfurt a.M. 1980, S. 64

26 siehe Bernstein 1928

27 Carsten 1993, S. 9ff

28 Briesemeister, Dietrich: Utopia. In: Kindlers Neues Literatur Lexikon. Studienausgabe. Bd. 11 Ma - Mo, München 1996, S. 962

29 Bernstein 1928, S. 5f

30 Ehernes Lohngesetz: Lassalle ging davon aus, dass der Arbeitslohn langfristig das Existenz- minimum nicht über- und nicht unterschreiten könne. Das hatte Bedeutung für die Sozial- demokratie in Bezug auf die Frage ‚Klassenkampf als Arbeitskampf‘ oder ‚Erringung der Macht im Staat durch freie Wahlen‘. Vgl. Ehernes Lohngesetz. In: Gablers Wirtschaftslexikon. URL: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/55414/ ehernes-lohngesetz-v3.html (09.02. 2012)

31 Euchner, Walter: Ideengeschichte des Sozialismus in Deutschland. Teil I. In: Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland. Hrsg.: Helga Grebing, 2. Aufl., Wiesbaden 2005; S. 144

32 Jäger, Hans-Peter: Eduard Bernsteins Panorama. Frankfurt a.M., Bern 1982, S. 24

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Eduard Bernstein und die Fabian Society
Untertitel
Der Einfluss englischer sozialreformerischer Vorstellungen auf das Bernsteinsche Marxismusverständnis und sein Konzept von Sozialdemokratie
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Europäische Moderne: Geschichte und Literatur
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
29
Katalognummer
V196707
ISBN (eBook)
9783656229094
ISBN (Buch)
9783656229636
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eduard Bernstein, The Fabian Society;, Revisionismus, SPD
Arbeit zitieren
Klaus Leesch (Autor), 2012, Eduard Bernstein und die Fabian Society, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196707

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