Der Hackerbegriff in den Medien

Ein Diskurs


Seminararbeit, 2012

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hackerdefinition

3. Begriffsverwendung in dem Medien

4. Technik

5. Macht

6. Ideologie

7. Normen

8. Kommunikation

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Hackerbegriff ist heute jedem geläufig. Manch einer assoziiert ihn möglicherweise anders als andere, je nachdem, welche Erfahrungen und welchen Wissensstand man hat. Gefördert wird diese Assoziation durch ein Bild, dass in den Medien über Hacker dargestellt wird. Dabei ist diese Sichtweise oftmals verzerrt und teilweise auch falsch. Nicht alle Personen, die gezeigt werden sind Hacker und nicht alle Taten das Werk von Hackern. Aus diesem Grund fühlt sich die Hackerelite oft missverstanden und teilweise sogar unverhältnismäßig kriminalisiert. Jeder, der aus dem Computer etwas mehr rausholt als ein Normalanwender, wird gerne als Hacker bezeichnet. Dabei macht den Hacker viel mehr aus, als nur fachliche Kompetenz. In einem Diskurs möchte ich diese differenzierten Sichtweisen nun näher betrachten.

2. Hackerdefinition

Ich beginne damit, zu zeigen, was ein Hacker ist. Es gibt mehrere offizielle und nichtoffizielle Definitionen des Hackerbegriffes. Eine mögliche Veranschaulichung beschreibt den Hacker als jemanden, der „etwas gut programmieren konnte oder die Maschine in irgendeiner Weise beherrschte“.[1] Das trifft sowohl für die Phreaker mit ihrer Blue Box zu, die das Telefonnetz der AT&T in den 1980er Jahren aushebelten, wie auch für die Mitglieder des Homebrew Computer Club, die in einer Garage im Silicon Valley die Möglichkeiten der ersten privaten Computer, wie den Altair 8800, ausreizten und die Computerentwicklung ein gutes Stück vorantrieben, aber auch für die Cracker von Sicherheitssystemen, die sich Zugang auf nicht vorgesehenem Weg suchen. Vor allem kennzeichnet es alle diejenigen, die ein Gerät manipulieren, um es anders als gewollt zu verwenden. Tatsächlich reicht es aber nicht aus, das Hacken auf Tüfteleien und Lösen von komplexen Aufgaben am Computer zu beschränken. Diese Eigenschaften kennzeichnen die meisten Programmierer, zumal die Tätigkeiten der Hacker ja nicht einmal auf Informations- und Telekommunikationstechnik beschränkt sind. “Spaß, Begeisterung, Obsession, Kreativität, Ärmelaufkrempeln sind Attribute, die zum Programmieren hinzutreten müssen”.[2] Steven Levy brachte mit seinem Buch „Hackers: Heroes of the Computer Revolution“ etwas Licht in das damalige[3] Dunkel des Hackertums und war für viele spätere Entwickler, Kolumnisten, aber auch Hacker eine häufig genutzte Quelle, wenn es um Begrifflichkeiten ging. In seiner 25 jährigen Jubiläumsausgabe schreibt er selbst:

The term „hacker“ has always been bedeviled by discussion. When I was writing this book, the term was still fairly obscure. In fact, some month before publication, my editor told me that people in Doubleday´s sales force requested a title change-“Who knows what a hacker is?” they asked. Fortunatley, we stuck with the original, and by the mid-eighties the term had become rooted in the vernacular.[4]

Levy veröffentlichte sein Buch 1985. Damals war die Frage „Wer weiß, was ein Hacker ist“ gerechtfertigt. Paul Graham, der Autor der Programmiersprache Lisp sagte einmal, dass Hacker ein System gut genug verstehen, um dafür verantwortlich zu sein, und seine eigenen Regeln zu erstellen[5]. Das entspricht dem Ansinnen der Hacker, dass sie die Maschine beherrschen, ein Grundsatz, welcher sich bereits in den Anfängen am MIT in den 50er Jahren festigte. Im Jargon File[6], dem sogenannten “Hackers Dictionary” findet sich für den Hack die Beschreibung einer Anwendung von Genialität, aber auch kreativer Schabernack. Im RFC 1392 (bzw. 1982), einer Dokumentation über teilweise offizielle Internetstandards ist zu lesen:

A person who delights in having an intimate understanding of the internal workings of a system, computers and computer networks in particular.[7]

Hacker haben also nicht nur Ahnung und Verständnis von Systemen, sondern gehen auch mit Hingabe, bis zur Obsession, in ihrer Aufgabe auf. Das Jargon File fügt noch Schnelligkeit und Kreativität als Eigenschaft hinzu, sowie „circumventing limitations“, das Überwinden von Grenzen, bzw. Umgehen von Begrenzungen. Man könnte sagen, dass dieses Stückchen, über das Normale hinausgehen, den Hacker vom Programmierer unterscheidet (beschränkt man es zunächst auf die Computerebene). Und tatsächlich ist der Abstand dazwischen nicht sehr groß. Viele gute Programmierer werden möglicherweise irgendwann zu Hackern. Und viele Hacker sind heute erfolgreiche Programmierer, weil sie es verstanden haben, Technik so einzusetzen, wie sie gebraucht wird. Da das Jargon File von Computerliebhabern unter Leitung von Eric S. Raymond, Vertreter der Open Source Kultur, geschrieben wurde, waren diese natürlich daran interessiert, das eigene Bild gerade zu rücken und sich vor allem von Subjekten zu distanzieren, die nicht ihrer „Hackerethik“[8] entsprachen. Diese beinhaltet neben grenzenlosem Zugang zu Computern und freien Informationen auch das Misstrauen von Autoritäten, Achten von Fähigkeiten und Nutzung von Computern zur Schaffung von Schönheit und Kunst. Nach Meinung der Hacker gehörten Datenmissbrauch, Manipulation für persönliche Bereicherung oder Sabotage nicht zu ihren Werten. Das machen sie bei jeder Gelegenheit deutlich und formten daher den Begriff Cracker, nach dem Wort crack (knacken, aufbrechen, einbrechen). Auf diesen Unterschied legen sie bei der Verwendung des Hackerbegriffes in der Öffentlichkeit großen Wert.

Ein Hacker ist also jemand, „der Freude daran hat, Beschränkungen zu umgehen”[9]. Ein wichtiger Aspekt der für den Hackerbegriff steht, ist aber auch der Austausch mit Gleichgesinnten, also der soziale Aspekt. „Hacker bilden eine Elite, für die man sich qualifizieren und innerhalb derer man sich beweisen muss. Einsame, nur für sich werkelnde Hacker sind ebenso rar wie Schriftsteller, die nicht publizieren“[10]. Sie verschaffen sich untereinander Anerkennung und Respekt. Unter anderem wurde mit dieser Definition Bill Gates das Recht abgesprochen, ein Hacker zu sein, obwohl er ja sonst alle Kriterien erfüllt:

Was Gates von Anfang an abging, ist die soziale Komponente des Hackerdaseins. Gates hat sich nie bemüht, mit Hackern in Kontakt zu kommen, um die Stilfragen des Programmierens und des Hackerlebens haben sich weder er noch die Produkte seiner Firma je geschert.[11]

Also muss der Hacker 4 Grundeigenschaften besitzen. Er weiß was er tut, verfügt also fachliche Kompetenz, und unterscheidet sich somit vom Skriptkiddie. Er arbeitet mit Leidenschaft und Hingabe und grenzt sich damit vom normalen Programmierer oder Sicherheitsexperten ab, für den Hacken nur ein Job ist. Ein soziales Umfeld gehört zum Hackerdasein auch dazu. Er sitzt nicht in seinem stillen Kämmerlein und hackt vor sich hin, auch wenn das möglicherweise das Bild in der Gesellschaft ist. Hacker tauschen sich gemäß der freien Softwarekultur aus, schildern Erfahrungen, bilden Communities und arbeiten häufig in Gruppen. Der letzte und wichtigste Punkt sind die ethischen Grundsätze. Was ein Hacker tut, das macht er mit Verantwortung. Und dazu gehört neben den Eigenschaften, die Steven Levy vor fast 30 Jahren formuliert hat, auch, dass ein Hacker keinen destruktiven Umgang mit seinem Medium betreibt. Zusammenfassend ist ein Hacker jemand, der mit Leidenschaft, unter ethischen Grundsätzen und mit soziologischem Gedanken manipuliert, ganz gleich ob Objekt oder Subjekt (Social Engineers).

3. Begriffsverwendung

Nachdem ich jetzt aufgezeigt habe, was ein Hacker ist, und wo er sich abgrenzt, folgen nun einige Beispiele, wo der Hackerbegriff meiner Meinung nach missbraucht wird. In der Galileo Sendung „Hacker Kid“ vom 06.10.2011[12] wurde ein angeblicher Hacker gezeigt, der ein Bahnticket mit falschem Namen und falscher Kreditkartennummer online bestellte. Dazu hat er aber lediglich eine Spyware genutzt, also nicht einmal selbst etwas erschaffen. So ein Programm kann sich auch der Nachbar von nebenan besorgen. Dazu gehört nicht viel Fachwissen. Aber genau das macht einen Hacker aus. Kreativität! Die Sprecherin bestätigt es noch einmal, „Man muss nicht einmal ein Computergenie sein […] Anleitungen gibt es fix und fertig im Internet.“ Und auch der angebliche Hacker gibt zu, dass ihn das Programm selbst nichts gekostet hat, „da es in dem Forum, in dem ich unterwegs bin, kostenfrei angeboten wird“. Bei näherem Betrachten sieht man, dass es sich bei der „bösen Spionagesoftware“ nur um ein harmloses Tool handelt, mit dem man den Mauszeiger invertieren kann oder die Tastaturbelegung ändert, vorausgesetzt man hat das Programm vorher erfolgreich bei seinem Opfer installiert. Dennoch wird dieser Mann mit der Anonymous Maske als Hacker bezeichnet, was im gleichen Moment den heroischen Ansatz der eigentliche Hacker, der Entdecker der 50er Jahr negativ konnotiert, und die Hacker als solche in eine kriminelle Ecke drängt. Zugegeben, dieses Programm bietet Angriffsmöglichkeiten und kann Schaden anrichten. Fakt ist aber auch, dass hier kein Hacker dargestellt wird, und dieser Begriff missbraucht wird. Aufgrund ethischer Grundsätze muss man sich nicht vor „Hackern“ fürchten, sondern vor Kriminellen, die Hackertechniken verwenden, um anderen zu schaden bzw. sich zu bereichern. Natürlich sind nicht alle Hacker Heilige. Aber den Begriff zu verallgemeinern, verzerrt die Wahrheit.

Die Frage ist, warum wird der Hacker offensichtlich in der Öffentlichkeit falsch dargestellt, bzw. warum wird der Hackerbegriff ungenau verwendet? Solche Beispiele, in denen über Hacker berichtet wird, die aber nach den hier gewonnenen Erkenntnissen keine sind, finden sich immer wieder in Berichten. So heißt es in der „PC-Welt“ in einem Bericht über Raubkopierer „So arbeiten Hacker“.[13] Auch Mitglieder der Piratenpartei bezeichneten sich öffentlich als Hacker und empfahlen deswegen Journalisten, ihre Laptops zu sichern.[14] Damit setzten sie öffentlich die Hackerkultur mit illegalen Handlungen gleich. Auf der Webseite von Greenpeace wurde berichtet, wie Computerkriminelle sich Abholzrechte angeeignet haben, und obwohl die Täter mit Hackerethik nichts zu tun haben, heißt es anprangernd „Computer-Hacker helfen bei der Regenwaldzerstörung“.

Ich möchte hierzu einen Diskurs führen und dabei näher auf die Akteure eingehen. Jeder, der etwas mehr Ahnung von Computern hat, wird gleich Hacker genannt. Und das passiert nicht selten in abwertendem Zusammenhang. Selbst Steven Levy sieht den Hacker als Außenseiter mit antisozialen Identitätsmerkmalen.[15] Im Internet User´s Glossary werden Cracker als grundsätzlich bösartig bezeichnet.[16] Es lässt sich nicht leugnen, dass es Computerkriminelle gibt, die cracken. Aber nur weil jemand crackt, ist er nicht automatisch kriminell. Ich möchte sogar behaupten, dass viele Hacker cracken, um eine „Maschine zu beherrschen“. Spielecracker tun das aus sportlichem Antrieb, innerhalb der Release Szene. Dass die gecrackten Spiele dann raubkopiert werden, hat nichts mit den Crackern zu tun, die das sogar zu verhindern versuchen, indem sie ein strenges Reglement führen, und nur unter Auflagen Neulinge in ihre Gruppen aufnehmen.[17] In öffentlichen Medien werden häufig nur Black Hats beschrieben, und selbst bei der Differenzierung zwischen White, Grey und Black Hats bezeichnet man den White Hat als „richtigen Hacker“.[18]

[...]


[1] Heine, Die Hacker, in Eckert et al. (Hrsg), Auf digitalen Pfaden, Westdeutscher Verlag, 1991, Opladen, S. 153.

[2] Boris Gröndahl, Hacker, Rotbuch Verlag, Hamburg, 2000, S.9

[3] Anfang der 80er Jahren war man sich des Hackerbegriffes noch nicht so bewusst wie heute. Levy formte u.a. Begriffe wie Hackerethik

[4] Steven Levy, Hackers, 25th anniversary edition, O’Reilly Media Inc., Sebastopol, CA, 2010, S.456

[5] Steven Levy, Hackers, 25th anniversary edition, O’Reilly Media Inc., Sebastopol, CA, 2010, S.474

[6] Eric S. Raymond (Ed.), The Jargon File Version 4.4.8, http:// http://catb.org/jargon, (Stand: 23.05.2012).

[7] Malkin, Internet Users' Glossary, RFC 1983, Network Working Group, 1996, S. 22.

[8] Die Hackerethik wurde von Steven Levy in seinem Buch „Hackers Heroes oft he Computer Revolution“ erstmals offiziell definiert und war später Maßstab in der Szene, nicht zuletzt um sich von Leuten zu distanzieren, die nicht ihren Werten entsprachen.

[9] Robert Bickford, in Gröndahl, Hacker, Rotbuch Verlag, Hamburg, 2000, S.15

[10] Ebd. S.16

[11] Ebd. S.63

[12] http://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/clip/224094-hacker-kid-1.2924158/ (Stand: 20.05.2012)

[13] http://www.pcwelt.de/ratgeber/DVD-und-Blu-Ray-kopieren-So-arbeiten-Hacker-294566.html (Stand:14.06.2012).

[14] http://www.spiegel.de/netzwelt/web/parteitag-in-neumuenster-piratenpartei-warnt-vor-w-lan-hackern-a-830003.html (Stand: 14.06.2012).

[15] Steven Levy, Hackers, 25th anniversary edition, O’Reilly Media Inc., Sebastopol, CA, 2010, S.457

[16] Malkin, Internet Users' Glossary, RFC 1983, Network Working Group, 1996, S. 12.

[17] Krömer u. Sen, No Copy, Tropen Verlag, 2006

[18] http://www.informatik.uni-oldenburg.de/~iug10/sli/indexd46b.html?q=node/16 (Stand: 12.06.2012)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Hackerbegriff in den Medien
Untertitel
Ein Diskurs
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Informatik)
Veranstaltung
Informatik & Gesellschaft
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V196754
ISBN (eBook)
9783656228301
ISBN (Buch)
9783656228684
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hacker, Hackerethik, Cracker, Diskurs, Skriptkiddie, Levy, Crasher, Raubkopie, Hackerbegriff, Medien, Meinungsbildung
Arbeit zitieren
Randy Witte (Autor:in), 2012, Der Hackerbegriff in den Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196754

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