Willkür im Mantel des Rechts

Antijüdische Gesetzgebung im Nationalsozialismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
35 Seiten, Note: 3,0
Claudia Mayer (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Rahmenbedingungen vor 1933 in Deutschland

3. Situation der Juden in Deutschland vor den Nürnberger Gesetzen

4. Entwicklung der antijüdischen Gesetzgebung von 1933-1935

5. Die Nürnberger Gesetze
1. Die Gesetzgebung
2. Auswirkungen der Nürnberger Gesetze auf das jüdische Leben in Deutschland
3. Reaktionen der jüdischen Bevölkerung auf die Nürnberger Gesetze
4. Antijüdische Gesetzgebung nach 1935

6. Willkür im Mantel des Rechts

7. Bibliographie

1. Einleitung

Innenpolitisches Hauptopfer des Nationalsozialismus in Deutschland war die jüdische Bevölkerung. Waren die antijüdischen Aktionen nach der sogenannten Machtergreifung ab dem 30. Januar 1933 zunächst von Willkür bestimmt, so versuchten die nationalsozialistischen Machthaber in der folgenden Zeit, ihr Tun auf eine rechtliche Grundlage zu stellen. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die antijüdische Gesetzgebung im Deutschen Reich. Zum Dreh- und Angelpunkt dieser Gesetzgebung wurden die Nürnberger Gesetze, die die Rechtsgrundlage für zahlreiche weitere gesetzgeberische Maßnahmen lieferten. War die antijüdische Gesetzgebung aber nicht doch nur die Willkür, gehüllt in den Mantel des Rechtsstaats? Zur Beantwortung der Frage ist ein Überblick über die gesetzgeberischen Maßnahmen des NS-Regimes gegen die jüdische Bevölkerung erforderlich. Da allein bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs mehr als 250 Normen, Erlasse und Anordnungen gegen Juden verkündet wurden, werden in dieser Arbeit entsprechende Schwerpunkte gesetzt.

Zunächst werden die politischen Rahmenbedingungen vor dem In-Kraft-Treten der Nürnberger Gesetze dargestellt, um eine grobe Übersicht über die aktuelle Situation zu verschaffen. Anschließend wird die Entwicklung der antijüdischen Gesetzgebung von 1933 bis zur Verabschiedung der Nürnberger Gesetze am 15. September 1935 skizziert. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Nürnberger Gesetze gelegt. Hierbei wird zum einen die Gesetzgebung an sich wiedergegeben. Zum anderen werden die Auswirkungen der Nürnberger Gesetze auf das jüdische Leben in Deutschland in den Blick genommen. Ferner werden die Reaktionen der jüdischen Bevölkerung beschrieben. Es folgt ein weiterer Überblick über die nachfolgende antijüdische Gesetzgebung bis zur Wannseekonferenz am 20. Januar 1942. Abschließend wird versucht, die Frage nach der Willkür in der antijüdischen Gesetzgebung zu beantworten.

In der Literatur wird die antijüdische Gesetzgebung als Entrechtung der Juden beschrieben. Diese Formulierung klingt zunächst paradox. Denn die Entrechtung wurde im Wesentlichen durch Rechtsetzung erreicht. Hierdurch wurde den antijüdischen Maßnahmen eine Rechtsstaatlichkeit vermittelt, die Zweifel der deutschen Bevölkerung an ihrer Rechtmäßigkeit gar nicht erst aufkommen lassen sollten. So schreibt Saul Friedländer beispielsweise: „ Die Maßnahmen hatten immer den Anschein der Legalität, sie erscheinen im Reichsgesetzblatt, also betrachtete man sie als legal. i Die antijüdische Gesetzgebung beraubte die Juden im Ergebnis sämtlicher verfassungsmäßiger Rechte. So wurden sie rechtlos. Der deutsche Schriftsteller jüdischer Herkunft Jakob Wassermann (10. März 1873 - 1. Januar 1934) hatte in seiner Autobiografie 'Mein Weg als Deutscher und Jude' schon 1921 geschrieben: "Leider steht es so, dass der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes. ii Der Boden für die antijüdische Gesetzgebung ab 1933 war also schon seit langem bereitet. Das von Wassermann bezeichnete 'Gefühl des Volkes' ließ keinen Widerstand der deutschen Bevölkerung gegen das juristische Vorgehen befürchten. So war eine Mehrheit der Deutschen mehr oder weniger passiv mit den Gesetzen einverstanden. Saul Friedländer schreibt: „ Der gr öß te Teil der Bevölkerung liebte keine Gewaltakte, hatte aber nichts gegen die Entrechtung und Absonderung der Juden. iii Die letztlich willkürliche 'Vernichtung' der Juden bediente sich rechtsstaatlicher Instrumente, die ihr damit den Anschein der Rechtmäßigkeit gaben. Die Rechtmäßigkeit kann aber vor dem Hintergrund der in der Zeit des Nationalsozialismus weiterhin geltenden Weimarer Reichsverfassung in Zweifel gezogen werden. Denn der Entzug verfassungsmäßiger Rechte selbst durch gesetzgeberisches Tun wird man wohl als willkürlich einstufen müssen. So kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass die antijüdische Gesetzgebung im Ergebnis nur eine Fortsetzung der willkürlichen Gräueltaten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor dem In-Kraft-Treten der Nürnberger Gesetze auf scheinbar legalem Wege war.

2. Politische Rahmenbedingungen in Deutschland vor 1933

In Deutschland hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg 1918/19 die demokratische Lösung einer Regierungsform gegen die Propaganda der Arbeiter- und Soldatenräte durchgesetzt. Es fanden allgemeine Wahlen zu einer Nationalversammlung statt, die dem Deutschen Reich im August 1919 eine Verfassung gab (sogenannte Weimarer Reichsverfassung) und damit die Räterepubliken auflöste. In der Verfassung wurden Schwerpunkte auf traditionelle Elemente der Reichsgliederung, in Bezug auf bürgerliche Freiheiten sowie demokratische Entscheidungen gelegt. Danach blieben die Bundesstaaten als 'Länder' erhalten, der Reichstag wurde aber in seinem Aufgabenbereich erweitert - er war Gesetzgebungsorganiv. Um auch einen geeigneten Repräsentanten für das Volk zu haben, wurde vom Volk der Reichspräsident gewählt. Dieser hatte eine große Machtfülle (u.a. das Recht zur Auflösung des Reichtstags) und war in seiner selbstständigen Stellung sogennanter 'Hüter der Verfassung'. Der vom Reichspräsidenten zu ernennende Reichskanzler war mit seinem Kabinett auf das Vertrauen des Reichstages angewiesen.v Von der Demokratie, dass also Reichstag und Reichspräsident vom Volk gewählt wurden, versprach man sich die Berücksichtigung des Willens des Volkes. Frauen waren sowohl zur Wahl des Reichstags als auch zur Wahl der Nationaversammlung erstmals berechtigtvi.

Zur Zeit der Entstehung der Weimarer Reichsverfassung bestand die Nationalversammlung aus der Mehrheit von Sozialdemokratischer Partei Deutschlands (SPD); Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei (DDP), die von 76% des Volkes gewählt worden warenvii. Die Konstellation dieser Parteien sollte es in Zukunft jedoch nicht mehr geben. Die Parteienlandschaft war bunt und führte zu häufig wechselnden Koalitionen, sodass es langfristig etablierte Mehrheitsverhältnise, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik Deutschland prägten, nicht gab. Hinzu kam, dass das Volk zunehmend an Unzufriedenheit in Bezug auf mangelhafte Versorgung, Arbeitslosigkeit und Geldentwertung litt. Zudem war von den alliierten Siegermächten des Ersten Weltkriegs die im Versailler Vertrag festgeschriebene Reparationsschuld Deutschlands im Londoner Ultimatum vom Mai 1921 auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzt worden. Darüber hinaus waren im Vertrag u.a. Gebietsabtretungen festgelegt wordenviii. Die deutsche Leistungsfähigkeit, die Reparationen abzubezahlen, war schon 1921 bald überfordert und stieß im folgenden Jahr vollends an ihre Grenzen. Die Schuld für die schlechte Lage wurde oftmals der Regierung zugeschoben und als Unfähigkeit dieser bezeichnet. Aus diesem Grund waren Putsche sowohl von rechts als auch von links keine Seltenheitix. 1923 stellte ein Krisenjahr dar, in welchem die französische Ruhrbesetzung, der rheinische Separatismus und der Münchner Hitler-Putsch stattfandenx. Nach dem Zusammenbruch der Währung im Deutschen Reich aufgrund der Inflation wurde der wirtschaftliche Druck durch die Währungsreform im November 1923 etwas abgebaut. In den folgenden Jahren nahm die deutsche Wirtschaft dann zunächst auch einen guten Aufschwung. Gleichwohl wechselten die Kabinette der Reichsregierung aufgrund immer nur knapper und unklarer Mehrheitsverhältnisse im Reichstag meistens sehr schnellxi. Bis zur Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 blieb das Regierungssystem aber intakt.

Als die Weltwirtschaftskrise 1930 Deutschland erreichte, zerbrach im Frühjahr die Große Koalition im Reichstag an der Frage des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung. Aufgrund dessen trat die Reichsregierung unter Hermann Müller (SPD) am 27. März 1930 zurück. Heinrich Brüning (Zentrum) wurde daraufhin von Reichspräsident Paul von Hindenburg mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Brünings Politik verfolgte drastische Sparmaßnahmen, um einer erneuten Inflation vorzubeugen. Damit riskierte er aber eine weitere Steigerung der Arbeitslosigkeit und ein permanentes Sinken des Konsums, sodass nur einem geringen Teil der Bevölkerung geholfen war. Die Not der Arbeitslosigkeit führte letztlich zu einem starken Zulauf zugunsten der Nationalsozialisten und in geringerem Maße auch zugunsten der Kommunisten.xii Als die Reichsregierung mit einer Gesetzesvorlage zur Deckung des Staatshaushaltes im Reichstag scheiterte, sollten die abgelehnten Regelungen in noch verschärfter Fassung im Wege einer Notverordnung des Reichspräsidenten nach Artikel 48 Absatz 2 WRV durchgesetzt werden. Der hiernach gefasste Beschluss des Reichtags zur Aufhebung der Notverordnung gemäß Artikel 48 Absatz 3 WRV veranlasste den Reichspräsidenten zur Auflösung des Parlaments. Dies machte Neuwahlen notwendig. Bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 kam die NSDAP nunmehr auf 18,3 % und die KPD auf 13,1 % der Stimmen. Im Verhältnis stärkste Partei blieb zwar die SPD mit 24,5 %. Im Reichstag waren jedoch 15 (!) Parteien vertreten. Aufgrund der neuen Mehrheitsverhältnisse im Reichstag und durch die Feindschaft der beiden Flügelparteien NSDAP und KPD konnte im Reichstag im Ergebnis somit keine koalitionsfähige Mehrheit mehr gefunden werden. Hierdurch waren die Reichsregierungen künftig auf den Reichspräsidenten und sein Notverordnungsrecht angewiesen.

Nachdem es im Laufe der Amtszeit Brünings zunehmend zu Differenzen mit Reichspräsident Paul von Hindenburg gekommen war, trat Brüning im Zuge des Streits um die von ihm beabsichtigte Abschaffung der Osthilfe (Subventionen für landwirtschaftliche Großgüter in Ostdeutschland) am 30. Mai 1932 zurück. Sein Nachfolger wurde Franz von Papen. Zwar erreichte von Papen das weitgehende Ende der Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag. Innenpolitisch bieb ihm der Erfolg jedoch versagt. Auch er scheiterte letztlich an Differenzen mit Reichspräsident Paul von Hindenburg und wurde am 3. Dezember 1932 durch Kurt von Schleicher ersetzt. Sowohl Franz von Papen als auch Kurt von Schleicher versuchten während ihrer Amtszeit, die Nationalsozialisten in ihrem Anspruch auf eine alleinige Regierungsführung aufzuhalten. In der Regierungszeit von Schleichers arbeitete von Papen allerdings daran, eine Verbindung zwischen NSDAP und anderen rechten Gruppen zu erreichen. Am 4. Januar 1933 verhandelte er im Auftrag Hindenburgs mit Hitler über dessen Berufung zum Reichskanzler. Am 28. Januar 1933 trat die Reichsregierung zurück und Kurt von Schleicher empfahl dem Reichspräsidenten die Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler, was dann am 30. Januar 1933 auch geschah.

Der gebürtige Österreicher Adolf Hitler hatte erst 1932 die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt und war Anführer der NSDAP (Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei). Die Partei war bereits im Jahr 1919 entstanden, wurde wegen einiger Gewaltaktionen zunächst zerschlagen bzw. verbotenxiii, gründete sich jedoch am 27. Januar 1925 in Thüringen als Deutschvölkische Freiheitspartei wiederxiv. Aufgrund der bereits gesammelten Erfahrungen hatte die Partei erkannt, dass die Spitze der Regierung nur auf legalem Weg zu erreichen sei, und stellte sich wie die anderen Parteien den Wahlen. Bis 1928 war ihr Wahlergebnis mit 2,6 % noch recht bescheiden. Ab 1930 aber war sie mit 18,3 % zweitstärkste Parteixv und errang bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 mit 37,3 % den weitaus größten Anteil der Stimmen. Kennzeichnend für die NSDAP war, dass sie in ihrer Aufbauphase zu einem großen Teil aus jungen Menschen bestand, die auf radikale Veränderungen aus waren. Denn wie am Anfang so waren auch am Ende der demokratischen Weimarer Republik (1919 - 1933) in Deutschland Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not stark vertreten.xvi Mit ihren Versprechungen und ihrer Propaganda gingen die Nationalsozialisten auf die bisher unbefriedigten Bedürfnisse der Bevölkerung nach Ordnung und klarer Führung ein, die sie seit dem Ende der Monarchie vermisst hatten. Begriffe wie 'Wiederherstellung der deutschen Ehre' und 'Volksgemeinschaft' sprachen die Menschen an. Die mehr als sechs Millionen Arbeitslosen suchten die Nationalsozialisten mit der Hoffnung auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze an sich zu binden. Zudem boten sie vor allem den 'kleinen Leuten' umfangreiche Betätigungs- sowie Aufstiegsmöglichkeiten in ihrer Parteiorganisation.xvii

3. Situation der Juden in Deutschland vor 1933

Bereits im Januar 1912 war es in der deutschen Südseekolonie Samoa zum Erlass eines Eheverbots zwischen 'Eingeborenen' und deutschen Staatsbürgern gekommenxviii. Im selben Jahr fanden im Reichstag im Zuge der Debatte um ein neues Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz zudem heftige Diskussionen um koloniale 'Rassenmischehen' statt. Im 25-Punkte-Parteiprogramm der NSDAP vom 24. Februar 1920 waren dagegen noch keine konkreten Äußerungen zur Anthropologie enthalten und auch nicht zur Eugenikxix. In dem Parteiprogramm wird der Schwerpunkt auf verschiedene Aspekte des Staatsangehörigkeitsrechts gelegt. Insbesondere wird der Begriff 'Staatsbürger' über den Begriff 'Volksgenosse' definiert und hierdurch eine Abgrenzung zwischen Juden und Deutschen geschaffen. Auf dieser Grundlage hatte die NSDAP in den folgenden Jahren offen gefordert, den Juden die Staatsbürgerrechte abzuerkennen.xx Ab 1931 verstärkte die NSDAP ihre Forderung nach prinzipieller Aufhebung der Rechtsgleichheit der Juden. Hitler und Göring äußerten zudem den Plan einer Ausschaltung der Juden aus dem politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben (1931/32)xxi. Diese Äußerungen waren aber nur die Zielgerade jahrelanger Vorarbeit.

So hatte die antisemitische Bewegung der Boykottierung von Juden schon in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre deutlich zugenommenxxii. Dadurch war die wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland bereits vor 1933 beeinträchtigt wordenxxiii. 1910 lebten in Deutschland 535 000 Juden; bis 1925 war diese Zahl auf 564 400 angewachsen und war bis 1933 auf ungefähr 525 000 wieder gefallenxxiv. Daraus kann man schließen, dass die Juden bis 1925 noch recht optimistisch gegenüber der 'neuen' Regierungsform waren. Durch die Umstände der Weltwirtschaftskrise mit zunehmendem antisemitischen Boykottxxv und die Andeutungen auf eine rechts orientierte Regierung nahm die Zahl der Juden in Deutschland bis 1933 mehr ab als sie in der Zeit von 1910 - 1925 zugenommen hatte. Bei der Abnahme der Zahl muss man allerdings auch berücksichtigen, dass viele junge jüdische Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts aus Deutschland ausgewandert waren und so 1925 28 % und 1933 über 31 % aller Juden, die in Deutschland lebten, über 40 Jahre alt warenxxvi.

Das Parteiprogramm der NSDAP von 1920 hatte Hitler im Mai 1926 für 'unabänderlich' erklärt. Das 25-Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei vom 24. Februar 1920 forderte in Bezug auf die Juden:

4. Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.

5. Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muss unter Fremdengesetzgebung stehen. [...]

7. Wir fordern, dass sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs und Lebensmöglichkeit der Bürger zu sorgen. Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung des Staates zu ernähren, so sind die Angehörigen fremder Nationen (Nicht-Staatsbürger) aus dem Reiche auszuweisen.

8. Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, dass alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.

[...]

24. Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und istüberzeugt, dass eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz vor Eigennutz. xxvii

Daran lässt sich gut erkennen, dass die NSDAP von Anfang an das Ziel verfolgte, dem deutschen Reich auf Kosten anderer eine 'bessere' Zukunft zu bereitenxxviii. Insbesondere hielt sie dabei die Segregation und Dissimilation für angemessene Maßnahmen zur Aussonderung der Juden mit Blick auf ein judenfreies Deutschland. So waren schon in den Jahren vor 1933 Gewaltakte gegen Juden keine Seltenheit, nur dass mit polizeilichen Mitteln versucht wurde, die öffentliche Ordnung wieder herzustellenxxix. Dennoch gehörten Prügeleien, Anpöbeleien, körperliche Angriffe, pogromähnliche Ausschreitungen, Sprengstoffattentate auf Wohnungen, Attentate auf prominente deutsche Juden sowie antisemitisch motivierte Morde und mit Karabinern bewaffnete Polizisten zunehmend zum alltäglichen Bild. Auch Friedhofsschändungen und Synagogenschändungen sowie die Verwüstung oder das Besudeln von jüdischen Geschäften gehörten dazuxxx. Die Hemmschwelle zum 'Terror' gegenüber den Juden nahm ab. Dieser ließ sich dadurch auch in Schulen, Vereinen, an Stammtischen, das heißt im gesamten gesellschaftlichen Leben wiederfinden.

Seit 1926 bildeten sich vermehrt nationalsozialistische Gruppen in vielen mittleren und kleinen Städten, sodass sich das Bedrohungspotenzial für die Juden im Alltag drastisch erhöhtexxxi. Die nationalsozialistische Bewegung lebte erheblich auf und begann, sich auch auf größere Städte auszuweiten. Bis 1928 nahm der nationalsozialistische Alltagsterror für die Juden außerordentlich zu, da die NSDAP seit 1927 die Boykottpropaganda systematisch betrieb und zudem „ mit Vorliebe [...] Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeworfen [wurden]xxxii “. Die Situation spitzte sich bis 1930 bedenklich zu, da die NSDAP bei den Wahlen enorme Erfolge davontrug. Für die Juden war dies ein überaus gewaltiger Schock, da eine Partei, die ihr Programm auf die Aufhebung der staatsbürgerlichen Gleichstellung der deutschen Juden fixierte, nun eine Massenpartei warxxxiii. Die Juden hatten im Wandel der Zeit zwischen Hass, Emanzipation und Antisemitismus gelernt, mit Einschränkungen zu leben. Sie hatten ihr jüdisches Dasein entweder völlig aufgegeben oder es auf den privaten Bereich zu Hause beschränkt. Was sie aber größtenteils alle gemeinsam hatten, war, dass sie sich als 'deutsch' ansahen. So hatten sie sich im Ersten Weltkrieg mit Absicht an die Front gestellt, um den Deutschen zu versichern 'wir gehören zu Euch, wir sind deutsch'. Die Juden legten bis zum verstärkten Aufleben des Antisemitismus durch die NSDAP nicht viel Wert auf ihr jüdisches Leben im Alltag. Der Wunsch 'dazu zugehören' verdrängte ihre Religion.

„ Was [aber] vor kurzem eine Vielfalt von Mitgliedern israelitischer Religionsgemeinden gewesen war, schloss sich [nun] in wenigen Monaten nach dem schicksalsschweren 30. Januar 1933 zu einer jüdischen Gemeinschaft zusammen. Der ganze komplizierte Apparat einer Volksgemeinschaft erstand in wenigen Monaten. Jüdische Selbstverwaltung in Finanzen, Wirtschaft, in Schul- und Wohlfahrtswesen, in Kultur und Kunst und [...] in Vorbereitung und Durchführung von Auswanderung, funktionierteüberraschend glatt und erfolgreich, trotz stetig wachsender Schikanen und boshaft ausgeklügelter Verfolgungsmaßnahmen des von den Nationalsozialisten schließlich völlig beherrschten Regierungsapparates und der mehr und mehr judenfeindlichen Bevölkerung Deutschlands xxxiv “ .

Der aufflammende Antisemitismus förderte das 'Wiederfinden' der jüdischen Gemeinschaft. Das Leben der Juden wurde zunehmend mehr jüdisch geprägt. Hierdurch konnten sie als solche vermehrt erkannt und demzufolge leichter ausgegrenzt werden.

[...]


i Irmtrud Wojak, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Saul Friedländer, in: Newsletter zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Herbst 1998, Nr. 15.

ii Jakob Wassermann, Mein Weg als Deutscher und Jude, S. 117.

iii Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, S. 182.

iv Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 235.

v Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 235.

vi Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 235.

vii Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 234.

viii Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 235.

ix Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 235.

x Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 235.

xi Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 234.

xii Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte Band 3: Seit 1650, S. 237.

xiii Cornelia Essner, Die 'Nürnberger Gesetze' oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945, S. 37.

xiv Cornelia Essner, Die 'Nürnberger Gesetze' oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945, S. 37.

xv Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, S. 207, 213-214, 283.

xvi Matthias Beimel, Juden in Deutschland, S. 34.

xvii Thomas Berger, Lebenssituationen unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, S. 13.

xviii Cornelia Essner, Die 'Nürnberger Gesetze' oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945, S. 24.

xix Cornelia Essner, Die 'Nürnberger Gesetze' oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945, S. 55.

xx Arnold Paucker, Die Juden im Nationalsozialistischen Deutschland 1933-1943, S. 99-100.

xxi Arnold Paucker, Die Juden im Nationalsozialistischen Deutschland 1933-1943, S. 99-100.

xxii Wolfgang Benz, Die Juden in Deutschland 1933-1945, S. 272.

xxiii Wolfgang Benz, Die Juden in Deutschland 1933-1945, S. 269.

xxiv Avraham Barkai, Vom Boykott zur 'Entjudung', S. 11; Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, S. 98.

xxv Avraham Barkai, Vom Boykott zur 'Entjudung', S. 15; Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, S. 337.

xxvi Avraham Barkai, Vom Boykott zur 'Entjudung', S. 11-12.

xxvii http://www.documentarchiv.de/wr/1920/nsdap-programm.html.

xxviii Götz Aly, Hitlers Volksstaat, S. 11, 38.

xxix Avraham Barkai, Vom Boykott zur 'Entjudung', S. 23.

xxx Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, S. 100, 124, 129, 225.

xxxi Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, S. 190.

xxxii Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, S. 198, 337.

xxxiii Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, S. 213-214.

xxxiv Arnold Paucker, Die Juden im Nationalsozialistischen Deutschland 1933-1943, S. XIII.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Willkür im Mantel des Rechts
Untertitel
Antijüdische Gesetzgebung im Nationalsozialismus
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Geschichte)
Veranstaltung
Jüdisches Leben in Deutschland um 1933
Note
3,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V196890
ISBN (eBook)
9783656229308
ISBN (Buch)
9783656229254
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
willkür, mantel, rechts, antijüdische, gesetzgebung, nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Claudia Mayer (Autor), 2009, Willkür im Mantel des Rechts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196890

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