Kollektives Fernsehen im öffentlichen Raum - Public Viewing im Zeitalter einer individualisierten Gesellschaft


Masterarbeit, 2012

97 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil I - Einleitung und Problemstellung
1.1 Vorgehensweise
1.2 Methodik
1.3 Forschungsstand

Teil II - Entwicklung des Fernsehkonsums und Individualisierungstendenzen
2.1 Der TV Konsument als individueller und solistischer Zuschauer - Definition individuell und kollektiv
2.1.1 Gründe für den individuellen TV Konsum und den Erfolg des Fernsehens - Die Veränderung der Produktionsweise, der Arbeits- und Freizeitzeiten
2.1.2 Gründe für den Erfolg des Fernsehens - das Produkt-Lebenszyklus-Modell
2.1.3 Die Veränderung des TV-Programmes
2.3 Die Fernsehzuschauerstruktur
2.4 Die „MedienNutzertypologie“
2.5 Die Fernsehzuschauer nach sozialen Milieus
2.6 TV-Motivationen der individuellen Fernsehzuschauer
2.7 Resümee

Teil III - Die kollektiven Zuschauer im öffentlichen Raum
3.1 Public Viewing - Begriffsdefinition
3.2 Public Viewing von Großveranstaltungen
3.2.1 Public Viewing während der Fußball WM/EM
3.2.2 Entwicklung und Verbreitung des sportlichen
3.3 Public Viewing von TV-Sendungen - eine Fortführung der Großveranstaltungen?
3.3.1 Der ARD Tatort
3.3.2. Das Tatort Viewing
3.3.3 Ideenursprung des Tatort-Viewings und Einfluss des Fußballendrunden Public Viewings
3.3.4 Charakteristische Merkmale des Tatort Viewings
3.3.5 Charakteristische Merkmale des Sport-Public-Viewings
3.3.6 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
3.4 Charakterisierung der kollektiven Zuschauer
3.4.1 Tatort-Viewing Zuschauer
3.4.2 Sport-Public-Viewing Zuschauer
3.5 Gibt es ein kollektives Publikum?
3.6 Vergleich der individuellen und kollektiven Zuschauer
3.7 Resümee

Teil IV - Theoretische Erklärungsansätze der Nutzungsmotive
4.1 Gründe und Motive der Mediennutzung - die Uses-and-Gratification-Approach
4.1.1 Bedürfnisse und Motive des Sportpublikums
4.1.2 Bedürfnisse und Motive der Tatort Zuschauer
4.1.3 Gemeinsamkeiten und Differenzen der Nutzungsmotive
4.2 Die Bedeutung von Emotionen innerhalb der Soziologie
4.2.1 Definition und Eingrenzung des Begriffs der Emotionen
4.2.2 Der soziale Einfluss von Emotionen
4.2.3 Kollektive Emotionen
4.3 Identität und Gemeinschaft
4.3.1 Das Verhalten des Individuums in der Gemeinschaft
4.3.2 Die Vergemeinschaftung
4.3.3. Die Vergesellschaftung
4.4 Public Viewing als Vergemeinschaftungsform
4.5 Resümee

Teil V - Schlussfolgerungen und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Teil I - Einleitung und Problemstellung

Das 20. Jahrhundert ist geprägt durch das Fernsehen und die Digitalisierung, die sich als Medium der Unterhaltung, Bildung und Information entwickelt haben. Nach einer Langzeitstudie der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, ist der durchschnittliche TV Konsum der Deutschen seit 1964 von täglich 40, auf 220 Minuten im Jahr 2010 gestiegen (Ridder 2010, S.537 ff.). Zur gleichen Zeit ist der Absatz von TV Geräten in die Höhe geschossen und zu einem unverzichtbaren Gerät in den meisten deutschen Wohnzimmern geworden: 1964 besaßen knapp 55% aller Deutschen einen Fernseher; 46 Jahre später hat sich dieser Anteil fast verdoppelt und ist auf 98% gestiegen (ebd.). Die Art und Weise des TV Konsums hat sich ebenfalls verändert. So wurde in den zwanziger Jahren, einer Dekade geprägt durch die Weltwirtschaftskrise und finanziell angeschlagene Haushalte, das Fernsehen primär im Kollektiv und in Kinosälen genossen, und als Mittel der Information und Unterhaltung genutzt. Nach dem zweiten Weltkrieg veränderte sich die wirtschaftliche Situation der Deutschen und anderer westlicher Länder. Mit dem Wohlstand, fand auch das TV Gerät immer mehr Zuspruch und wurde zu einem Konsumgut, das sich fast jeder leisten konnte und vermehrt individuell, in den eigenen vier Wänden genossen wurde. Zu den Anfängen des Fernsehzeitalters in den fünfziger Jahren besaßen einige hundert Haushalte ein eigenes TV Gerät. Ende der fünfziger Jahre vermehrte sich diese Zahl auf mehr als zwei Millionen und parallel dazu gingen die ersten deutschen Rundfunkanstalten auf Sendung, die den Kauf von Fernsehgeräten vorantrieben (ebd.).

Kollektives Fernsehen, wie es zu den Anfängen des Fernsehzeitalters in den zwanziger Jahren stattgefunden hatte, wurde mit dem Verkauf und der erfolgreichen Verbreitung der Geräte abgeschafft. Bis heute werden damit die Massenmedien, die vor allem durch das Fernsehen angeführt werden, mit einer Vereinsamung und Individualisierung der Menschen in Verbindung gebracht.

Trotz dieser Entwicklung, kann man in den letzten Jahren einen Trend beobachten der eine Gegenbewegung zu dem individuellen und privaten TV-Konsum darstellt: die Rede ist hier von TV Konsumenten, die ähnlich wie in den zwanziger Jahren wieder kollektiv und im öffentlichen Raum TV Sendungen verfolgen. Die Anfänge eines derartigen Trends wurde mit dem sogenannten Public Viewing während der FIFA Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan in das Leben gerufen und hat sich bis heute zu einer Massenveranstaltung in den Großstädten Deutschlands entwickelt. Darüber hinaus gibt es neben sportlichen, musikalischen oder gesellschaftlichen "Events", wie dem Eurovision Songcontest oder der Hochzeit des britischen Adelspaares Kate und William, Krimi Abende die gemeinsam in Kneipen und anderen öffentlichen Räumen, im Kollektiv konsumiert werden.

Dabei ist es interessant zu erfahren welche Motivation die Menschen haben, trotz einer nahezu Vollversorgung an TV-Geräten und der Möglichkeit eines individuellen Fernsehgenusses, derartige Kollektivveranstaltungen zu besuchen. Welche demographischen und soziokulturellen Hintergründe unterscheiden Public Viewing Zuschauer von gewöhnlichen TV Konsumenten? Wie unterscheiden sich die Zuschauer eines Sport-, und Krimievents? Welche Einflüsse spielen eine Rolle, dass sich Zuschauer zusammen ohne jegliche persönliche Bindung untereinander, in einem öffentlichen Raum treffen um gemeinsam fernsehen zu gucken? Ist es die Inszenierung eines Events und die dazugehörige Kommerzialisierung die die Menschen dazu bringt Fanfeste oder ähnliche Public Viewing Veranstaltungen zu besuchen, oder kann man behaupten dass die Teilung von Emotionen während einer TV Sendung einen Einfluss auf die Entscheidung der Individuen nimmt? Sind diese Veranstaltungen nur ein Erfolg, wenn es um den Sport geht? Wenn ja, wie kommt es das sich andere zu einem "Tatort" Serien Abend treffen, um gemeinsam das Gesehene zu erleben? Wie hat sich der heutige deutsche TV Konsument in den letzten Jahrzehnten entwickelt, wie kann man diesen typologisieren und welche Prognosen kann man für die Zukunft machen? Werden zukünftig wieder Kinos Publikum einladen, um gemeinsam TV Serien zu verfolgen?

1.1 Vorgehensweise

Um auf diese und weitere Fragen Antworten zu finden, wird diese Arbeit in insgesamt fünf Teilbereiche gegliedert. Der erste Teil dient einer einführenden Erklärung und Beschreibung der Problematik. Des Weiteren sollen die Vorgehensweise, sowie die Methodik dargestellt werden, um zu beschreiben, wie der Verlauf und die Argumentation dieser Arbeit aufgebaut werden. Der zweite Teil dient der Erörterung einer ersten Fragestellung: welche Gründe haben dazu geführt, dass die kollektiven Zuschauer aus demöffentlichen Raum verschwunden sind? Hierbei soll der Schwerpunkt auf die sogenannten individuellen Fernsehzuschauer gelegt werden, um anhand dieses Publikums mediale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformationen zu erfassen, die ausschlaggebend für die veränderten Rezeptionsformen sind. Zusätzlich wird dieses Publikum anhand von unterschiedlicher Typologisierungsmethoden charakterisiert und eingeordnet. Diese Darstellung soll dazu beitragen, die individuellen mit den kollektiven Zuschauern zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten und Differenzen herauszuarbeiten.

Nachdem diese Fragestellung erörtert wurde, soll in einem dritten Forschungsteil der Fokus auf die kollektiven Zuschauer gelegt werden. Hierbei steht die Frage im Mittelpunkt, wie es dazu gekommen ist, dass die kollektiven Zuschauer wieder in denöffentlichen Raum vorgedrungen sind.

Hierfür soll in einem ersten Punkt beschrieben werden, was man unter dem Begriff „kollektives Fernsehen“ oder Public Viewing versteht, und wie dieser Terminus definiert wird. Es soll dabei herausgefunden werden, wie dieses Phänomen kulturhistorisch entstanden ist und sich verbreiten konnte. Nach der Abhandlung dieser Problematik soll zusätzlich das kollektive Publikum anhand von zwei gemeinschaftlichen TV-Ereignissen charakterisiert und eingeordnet werden. Diese Charakterisierung dient letztendlich der Vergleichbarkeit von individuellen und kollektiven Zuschauern, die in einem letzten Punkt dieses Teilabschnittes erörtert wird.

Der vorletzte vierte Teilabschnitt soll die bereits durchgeführten Beschreibungen in einen theoretischen Rahmen einbetten. Hierbei steht die Frage im Vordergrund, welche Motivationen kollektive Zuschauer haben, trotz Vollversorgung an TV-Geräten, gemeinschaftlich fern zu gucken. In diesem Punkt werden neben soziologischen auch mediensoziologische Theorien präsentiert, die die Motivationen und Entscheidungen der Zuschauer auf unterschiedlichen Ebenen analysieren. In einem letzten Punkt dieser Arbeit soll in einem Fazit und einer Schlussbetrachtung meine vorangegangene Analyse nochmals beschrieben werden, um letztendlich auf die Zukunft des gemeinsamen oder individuellen Fernsehkonsums einzugehen. All diese Schritte sollen einen Überblick über den Verlauf dieser Arbeit geben und werden in der Gliederung und im weiteren Verlauf der Arbeit noch detaillierter präsentiert.

1.2 Methodik

Nachdem gezeigt wurde, welcher Fragestellung und Problematik diese Arbeit nachgeht, soll in einem weiteren Abschnitt dargestellt werden, welche wissenschaftlichen Methoden im Zuge der Auswertung und Analyse angewandt werden, um auf die Motivationen und Hintergründe des kollektiven Fernsehkonsums genauer eingehen zu können.

In erster Linie bedarf es einer gründlichen literarischen Recherche, die sich vor allem auf die Medien-, Eventsoziologie bezieht. Dabei wird zuerst versucht den TV-Konsum in Deutschland genauer zu reflektieren, um sich in weiteren Schritten mit dem TV-Konsumenten und der Entwicklung des Fernsehens zu beschäftigen. Hierfür soll auf unterschiedlichen disziplinären Ebenen versucht werden Zusammenhänge festzustellen, um diese im weiteren Verlauf zu diskutieren und gegenüberzustellen. Demnach soll vornehmlich ein soziologischer Ansatz dazu beitragen Makro-, und Mikroebenen der Entscheidungen und Motivationen der Menschen festzustellen. Auf makrosoziologischer Ebene wird die Gesamtheit der Individuen als Forschungsobjekt wahrgenommen, während auf mikrosoziologischer Ebene individuelle Entscheidungen in den Vordergrund gerückt werden.

Ein weiterer Ansatz ist die sozialpsychologische Ebene die einen weiteren Einfluss auf die Entscheidungsfindung der einzelnen Individuen hat. Hierfür sollen vor allem emotionale Hintergründe beschrieben werden, die die Motivationen der Menschen beeinflusst, kollektive Fernsehveranstaltungen zu besuchen. Eine letzte Ebene, die in dieser Arbeit dargestellt werden soll ist die medienwissenschaftliche bzw. -soziologische Ebene. Innerhalb dieser Perspektive sollen vor allem die Einflüsse und die Wandlung der Medien im Laufe der Jahre dargestellt werden, um eine Antwort auf die im ersten Teil beschriebene Fragestellung zu geben.

Insgesamt wird die Diskussion im Laufe der Arbeit interdisziplinär verlaufen, sodass nicht nur eine der drei Ebenen zu einer möglichen Antwort auf die beschriebene Problemstellung herangezogen wird. Die argumentative Basis dieser Arbeit wird in einem soziologischen Rahmen verlaufen, wobei sozialpsychologische und medienwissenschaftliche Erklärungsansätze unumgänglich sind, um gerade Entscheidungen und Motivationen der Individuen zu beschreiben, oder aber das Phänomen des Medienevents Public Viewing in die Diskussion einzuführen.

Neben dieser literarischen Untersuchung auf drei Ebenen sollen des Weiteren leitfadengeführte Befragungen dazu beitragen, die Motivationen der kollektiven Zuschauer genauer zu durchleuchten. Hierfür habe ich einen Fragebogen erstellt (siehe Anhang), der an sogenannten Tatort Viewing Abenden von partizipierenden Zuschauern beantwortet wurde. Dieser Fragebogen enthält sowohl offene als auch geschlossene Antwortmöglichkeiten. Die Fragen wurden unter Berücksichtigung der Untersuchung zur „Studie Massenkommunikation“ die seitens der ARD und des ZDF durchgeführt wurden, erstellt (Ridder et al 2010, S.537ff.). Der Vorteil einer derartigen Befragung liegt in der Möglichkeit, kostengünstig eine relativ große Anzahl an Personen zu erfassen. Die gesammelten Daten wurden anschließend mithilfe der Statistiksoftware SPSS bearbeitet und analysiert.

1.3 Forschungsstand

Public Viewing wurde bis dato wissenschaftlich sehr wenig bearbeitet. Da dieses Phänomen erst in den letzten Jahren aufgekommen ist, sind wissenschaftliche Arbeiten eher die Seltenheit. Einige Abhandlungen über das Thema haben Britta Ufer (2006), Max Ferdinand Cybulska (2007), oder Hans-Jürgen Schulke (2007) erarbeitet, die das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen, interdisziplinär behandeln. So erörtert Britta Ufer die emotionalen Aspekte der Besuchsmotive, um neben soziologischen auch medienpsychologische Aspekte hervorzuholen, die ausschlaggebend für die Konstituierung eines Public Viewing Publikums sein sollen. Max Ferdinand Cybulska hingegen beschreibt deskriptiv auf einer medienwissenschaftlichen Ebene das Phänomen, um neben organisatorischen auch rechtliche Aspekte des Public Viewings hervorzuheben. Weitere theoretische Ausführungen liefert Hans-Jürgen Schulke, der in erster Linie über das Public Viewing der FIFA- Fußballweltmeisterschaft 2006 schreibt.

Neben diesen Arbeiten hat im Zuge der WM 2006 das Meinungsforschungsinstitut Carat Expert eine quantitative Studie über die Nutzungsmotive des Public Viewings veröffentlicht. Hier wurde eine repräsentative Umfrage durchgeführt, um innerhalb eines Samples die Nutzungsmotive der teilnehmenden Zuschauer zu erkennen. Diese Untersuchung wird vor allem bei der Charakterisierung und dem Vergleich mit den individuellen Zuschauern eine Hilfestellung sein. Es wäre mit Sicherheit hilfreich gewesen weitere Literatur zu finden, die sich explizit mit dem Thema Public Viewing bzw. kollektives Fernsehen befasst. Da die Umstände aber nicht mehr Literatur zuließen, habe ich mich noch mit sport- und mediensoziologischer Literatur beschäftigt, die die Publikumsbildung bei Sportevents erörtern. Hierzu zählen der Soziologe Lars Riedl (2006) und Arthur Raney (2004) die in ihren Ausarbeitungen über die unterschiedlichen Theorien zur Publikumsbildung forschen. Darüber hinaus hat Hans J. Stollenwerk (1996) die Zusammenhänge zwischen dem Sport, seinen Zuschauer und den Medien erörtert. Beide Quellen werden bei der Frage nach den Motiven des kollektiven Fernsehens hilfreich sein. Die Abhandlung des gemeinschaftlichen Tatorts wird mithilfe der Abschlussarbeit Mareike Langes (2010), sowie den wissenschaftlichen Arbeiten von Daniel Süss (1993) und Sara Mously (2007) erarbeitet. Lange hat das Thema „Tatort Viewing“ in ihrer Master Arbeit behandelt, und beschreibt auf kulturwissenschaftlicher Ebene, mithilfe von Interviews und Feldforschungsuntersuchungen, das Phänomen „Tatort Viewing“. Daniel Süss und Sara Mously hingegen behandeln dieses Thema in ihrem medialen Zusammenhang, und versuchen die kulturhistorischen Hintergründe des „Tatorts“ zu erarbeiten.

Neben diesen fundamentalen Arbeiten, wird weitere Literatur folgen. Darüber hinaus wird im vierten Abschnitt dieser Arbeit ein theoretischer Teil abgehandelt, in dem die Frage nach der Vergemeinschaftung durch das Public Viewing gestellt wird. Diesbezüglich wird aus der klassischen Soziologie, Max Weber und Ferdinand Tönnies herangezogen.

Teil II - Entwicklung des Fernsehkonsums und Individualisierungstendenzen

In diesem Teil der Forschungsarbeit wird die Entwicklung und Wandlung des Fernsehkonsums, - verhaltens und -zuschauers von den Anfängen der ersten Studien, bis heute, zusammenfassend analysiert und ausgewertet. Ziel dieser Analyse ist eine Charakterisierung der Fernsehzuschauer, die sich im Laufe der Zeit, durch gesellschaftliche, wirtschaftliche und mediale Wandlungen, verändert haben. Es soll gezeigt werden, warum die kollektiven Zuschauer aus dem öffentlichen Raum verschwunden sind und sich dadurch ein individueller Fernsehkonsum durchsetzen konnte. Um dies zu ermöglichen werden unter anderem die Studien zur Massenkommunikation herangezogen, die seitens der ARD1 und ZDF2 seit 1964 bis dato in regelmäßigen Abständen erhoben werden.

Darüber hinaus soll in diesem zweiten Teil auf die Hypothese der Individualisierungstendenzen seitens der TV-Zuschauer eingegangen werden, die einen wichtigen Beitrag zur Diskussion im weiteren Verlauf dieser Arbeit spielen wird. Es soll gezeigt werden, dass sich der heutige "traditionelle" Fernsehzuschauer in einem privaten Rahmen aufhält und von zu Hause aus TV Ereignisse verfolgt.

Um diesen zweiten Teil abzuhandeln werden in den ersten Unterpunkten gezeigt, wie sich der individuelle TV Konsum entwickelt hat, und welches die Gründe für seine Verbreitung gewesen sind. Hierbei werden drei Seiten beleuchtet, die sich im Laufe der Recherchen als ausschlaggebend für die Veränderung des Fernsehverhaltens herausgestellt haben. Hierzu zählt zum einen, auf einer wirtschaftlichen Ebene, die Veränderung der Produktionsweise, sowie das Produkt-Lebenszyklus- Modell (2.1.1 - 2.1.2), die seitens des Sozialphilosophen Günther Anders (1956) und der Medienwissenschaftlerin Marie-Luise Kiefer (1998) beschrieben wurden. Diese Ebene soll zeigen, inwiefern die Produktionsweise und die Neuartigkeit des Mediums den Kauf von Fernsehgeräten forcierten. Auf einer wirtschaftlichen/gesellschaftlichen Ebene wird die Wandlung der Arbeits- und Freizeitzeiten erörtert die u.a. von Michael Rist (1994) und Horst Opaschowski (1992) behandelt wurden, um den Einfluss des Zugewinns an Freizeitzeit auf das TV-Nutzungsverhalten zu untersuchen. Auf einer letzten medialen Ebene wird die Veränderung des TV-Programmes (2.1.3) behandelt, die neben den bereits erwähnten Ebenen einen Einfluss auf die Verbreitung des individuellen TV Zuschauers genommen hat. Diesbezüglich werde ich die Untersuchungen Knut Hickethiers (1998) behandeln, der die Veränderungen des TV-Programmes untersucht hat.

Schließlich werden in den darauffolgenden Punkten die Entwicklung des Fernsehzuschauers (2.3) erläutert, um den Fernsehzuschauer, dessen TV Verhalten, sowie seinen Konsum widerzuspiegeln (2.4 und 2.5); diese Merkmale sollen dazu beitragen den aktuellen, individuellen TV Zuschauer zu charakterisieren, um diesen zu einem späteren Zeitpunkt mit den kollektiven Zuschauern zu vergleichen.

2.1 Der TV Konsument als individueller und solistischer Zuschauer - Definition individuell und kollektiv

Die nahezu Vollversorgung von Fernsehgeräten, sowie die seit den ersten Messungen stetig ansteigende durchschnittliche Fernsehdauer zeigt, dass das Medium Fernsehen einen hohen Stellenwert in den meisten deutschen Haushalten hat. Doch was sind genau die Gründe dafür, dass der TV Konsum aus den Kinosälen und Fernsehstuben verschwunden ist, und die Menschen es bevorzugen das Fernsehprogramm in ihren eigenen vier Wänden zu konsumieren? Bevor auf diese Frage eine Antwort gesucht werden kann, bedarf es zuerst einer Ausgangsdefinition der individuellen und kollektiven Zuschauer. Demnach stellen in dieser Arbeit, individuelle TV- Zuschauer, Individuen dar, die zu Hause bzw. in einem privaten Rahmen, alleine oder mit Dritten fern gucken. Kollektive Zuschauer sind hingegen Individuen die in einem öffentlichen Rahmen/Raum und/oder innerhalb einer Gruppe TV-Sendungen verfolgen. Ebenfalls von Bedeutung bei der Untersuchung ist die Definition von „TV-Sendungen“. TV-Sendungen sind in dieser Arbeit TV-Ausstrahlungen, die rein in den öffentlich-rechtlichen bzw. privaten Sendeanstalten gezeigt werden und nicht mit zusätzlichen Kosten verbunden sind. Es ist demnach nicht die Rede von Pay-TV Sendern, die aufgrund ihrer monatlichen Verbindlichkeiten nicht für jedermann zugänglich sind. Natürlich könnte an dieser Stelle gesagt werden, dass auch in einem privaten Rahmen kollektiv und in einer Gruppe TV gesehen wird. Der Unterschied zwischen kollektiv und individuell wird aber bewusst gemacht, da die Motivationen eines Individuums innerhalb einer von ihm fremden Gruppe, eine TV Sendung zu verfolgen, vermutlich andere sind als zu Hause, in einem privaten Rahmen und mit Menschen aus seinem Umfeld. Diese Motivationen gilt es im Laufe der Arbeit herauszufinden.

Zunächst einmal, werde ich mich aber mit der Entwicklung des individuellen TV Konsums beschäftigen, um Gründe der veränderten Rezeptionsformen herauszufiltern. Um diese Veränderungen so umfangreich wie möglich zu beleuchten, sollen sowohl ökonomische/wirtschaftliche, als auch soziale und mediale Wandlungen von der Nachkriegszeit bis heute behandelt werden.

2.1.1 Gründe für den individuellen TV Konsum und den Erfolg des Fernsehens - Die Veränderung der Produktionsweise, der Arbeits- und Freizeitzeiten

In diesem Abschnitt soll überprüft werden, inwiefern die Massenproduktion von Fernsehgeräten zu einem individuellen Konsum geführt hat. Günther Anders untersucht in dem sozialphilosophischen Werk „Die Antiquirtheit des Menschen“ (1956) auf qualitative Weise diese Frage. Einer der Gründe, der die ursprünglich kollektiven TV Zuschauer aus den Anfängen des Fernsehzeitalters in den zwanziger Jahren, mehr und mehr in das deutsche Wohnzimmer der Nachkriegszeit verdrängte, ist die veränderte Produktionsweise der Fernsehgeräte. Bevor dieses Produkt als Massenware hergestellt wurde, war der kollektive Konsum in den Kinos vorherrschend. "Ehe man die Kulturwasserhähne der Radios in jeder ihrer Wohnungen installiert hatte, waren die Schmids und Müllers, die Smiths und Millers in die Kinos zusammengeströmt, um die für sie in Masse und stereotyp hergestellte Ware kollektiv, auch als Masse, zu konsumieren" (Anders 1987, S.101ff.). Anders beschreibt, inwieweit die Massenproduktion an Fernsehgeräten und -sendungen, zu einem individuellen Massenkonsum geführt hat. Diese Massenproduktion hatte nicht zum Ziel ein Produkt herzustellen (in dem Fall der Fernseher), dass von einer Masse konsumiert wird, sondern von "zahlreichen Konsumenten zugleich" (ebd.). Das Gemeinschaftserlebnis, so wie es in den Kinosälen noch ausgelebt wurde, ist durch die veränderte Produktionsweise zu vielen "Individualerlebnissen" geworden, die in den eigenen vier Wänden verfolgt werden konnten. Im Gegensatz zum Theater genießt die TV- und Rundfunkindustrie eine Sonderstellung, da für die Vorführung von Filmen und Unterhaltungssendungen die Filmemacher eine Ware absetzen musste, um die produzierten Filme an den Konsumenten zu bringen. Diese Ware ist der Fernseher, der ohne eine Massenproduktion, nicht an den Mann gebracht worden wäre. Der Durchbruch dieser Geräte fand Mitte der fünfziger Jahre statt, indem der Fernseher als Massenprodukt hergestellt wurde und somit die Zuschauer aus den „Fernsehstuben“, Kinos und anderen Gemeinschaftsräumen mit TV Geräten, riss. Der individuelle Konsum wurde mit der Ausstrahlung des ersten deutschen Fernsehens zur gleichen Zeit, beschleunigt, da zusätzlich zum Produkt Fernseher ein Sender ausgestrahlt wurde, der über mehrere Stunden täglich sendete (Klingler/Roters/Gerhards 1998, S.89ff.).

Der Zuschauer musste ab dem Zeitpunkt nicht mehr sein Heim verlassen um unterhalten und informiert zu werden, da der Film und die Berichte zu ihm nach Hause kamen. "Der Konsum der Massenware durch eine Masse, war hier also abgeschafft" (Ebd.), da die Masse zu Hause bleiben konnte, um die Massenware weiterhin zu konsumieren. Der Massenkonsum an sich blieb aber fortan bestehen, da dieser nun "solistisch" bzw. individuell in den eigenen vier Wänden stattfinden konnte. Der kollektive Konsum ist somit durch die veränderte Produktionsweise überflüssig geworden und "die Schmids und die Smiths konsumierten die Massenprodukte nun also en famille oder gar alleine; je einsamer sie waren, um so ausgiebiger: der Typ der Massen Eremiten war entstanden; und in Millionen von Exemplaren sitzen sie nun, jeder vom anderen abgeschnitten, dennoch jeder dem anderen gleich, einsiedlerisch im Gehäus [...]." (ebd.).

Ungeklärt bleibt an dieser Stelle die Frage, ob die Thesen Anders auch quantifizierbar sind. Gibt es demnach Zahlen die diesen Prozess der Massenproduktion bestätigen können? Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob nicht auch die wirtschaftliche Situation der Privathaushalte einen Einfluss auf den Kauf von Fernsehgeräten hatte oder nicht. Diese Fragen sollen an dieser Stelle beantwortet werden, um darüber hinaus weitere Einflüsse aufzuzeigen, die den individuellen Konsum bedingt haben. Hierzu soll überprüft werden ob die wirtschaftlichen Entwicklungen innerhalb Deutschlands einen Beitrag zur Fernsehverbreitung geliefert haben, und ob man diesbezüglich Parallelen feststellen kann.

Die Veränderungen des Bruttoinlandsprodukt und der Arbeitslosenquote in Deutschland, die als Indikator für den Wohlstand herangezogen werden, zeigen, dass sich Parallelen zwischen Entwicklung und Verbreitung der Fernsehgeräte festmachen lassen: laut dem Statistischen Bundesamt ist zwischen 1950 und 1965, das BIP um 212%, von 50 auf 235 Milliarden Mark pro Kopf gestiegen. Zur gleichen Zeit ist die Arbeitslosenquote von 11 auf 0,7 Prozent gesunken und stellte die bis dato höchste Beschäftigung Nachkriegsdeutschlands dar (Statistisches Bundesamt 2011). Innerhalb des gleichen Zeitraumes fand das Fernsehgerät Einzug in deutschen Haushalten und bereits Ende der fünfziger Jahre besaßen mehr als zwei Millionen Privathaushalte einen eigenen Fernseher. Im Vergleich hierzu waren es Anfang des gleichen Jahrzehnts einige Hundert Konsumenten (Ridder et al. 2010 S.537 ff.). Durch die erhöhte Kaufkraft, die durch den wirtschaftlichen Erfolg der BRD ermöglicht wurde, konnten sich Individuen nun für den privaten Gebrauch TV-Geräte anschaffen. Zusätzlich zu diesen neuen ökonomischen Veränderungen, transformierte sich die Arbeitszeit, die einen direkten Einfluss auf die Freizeit der Individuen nahm. Demnach ist die Wochenarbeitszeit zwischen 1950 und 1965 in Teilbereichen der Wirtschaft von 48 auf 40 und bis 1995 sogar auf 35 Stunden gesunken, sodass die Arbeitnehmer insgesamt im Schnitt acht bis dreizehn Stunden mehr Freizeit zur Verfügung hatten (Rist 1994). Diese neugewonnene Freizeit wurde teilweise wieder in die Nutzung des TV Gerätes investiert. 1964 wurde in der Freizeit rund eine Stunde ferngesehen. 1995, dem Jahr mit rund acht Stunden mehr Freizeit im Vergleich zu 1964, erhöhte sich diese Fernsehzeit innerhalb der Freizeit auf über zwei Stunden pro Tag (ebd.). Heute hat das Fernsehen einen Freizeitanteil von 40%, und ist damit viel beliebter als andere Freizeitangebote (Meulemann/Gilles 2011, S.255ff.). Die Veränderung der Arbeits- und Freizeitwelt zeigt, dass durch die sinkenden Arbeitszeiten ein erhöhter Fernsehkonsum ermöglicht wurde.

Insgesamt kann man sagen, dass sich die Entwicklung hin zu einem TV Massenkonsum der innerhalb der eigenen privaten Räume genossen wurde, stetig entwickelte. Durch die Veränderung der Produktionsweise und der steigenden Nachfrage an Fernsehgeräten wurde das Fernseherlebnis aus den Kinos verbannt und drängte sich mehr und mehr in die deutschen Wohnzimmer. Diese Entwicklung wurde durch den ansteigenden Wohlstand, die Veränderung der Arbeitszeiten und des Freizeitverhaltens bedingt, und hebt sich als eine der Gründe für die Durchsetzung und den Erfolg des Fernsehens hervor. Parallel zu der Entwicklung des Fernsehzuschauers hin zu einem individuellen Konsumenten, hat sich das Fernsehen im Allgemeinen, im Laufe der Zeit transformiert und verändert. Diese Veränderung der Medienrezeption soll nun in einem weiteren Abschnitt beschrieben werden, um darüber hinaus weitere Gründe für die erfolgreiche Durchsetzung des Fernsehens als Massenmedium anzuführen.

2.1.2 Gründe für den Erfolg des Fernsehens - das Produkt-Lebenszyklus-Modell

Obwohl das Fernsehen bereits 1950 mit der ARD auf Sendung gegangen ist, wurde 1964 die erste Langzeitstudie über den Fernsehkonsum in Deutschland in das Leben gerufen. Ziel dieser Studien, die 2010 zum zehnten Mal erhoben wurde, waren und bleiben in erster Linie die Erfassung von Nutzung und Bewertung des Fernsehens im Vergleich zu anderen Medien, wie der Tageszeitung oder dem Radio (Peiser 1996, S.107). Diese Studie soll an dieser Stelle herangezogen werden, um auf der Suche nach den Gründen für die Durchsetzung des individuellen Fernsehkonsums, weitere Antworten zu finden.

Vor der Erhebung der Daten im Jahre 1964, besaßen 1953 „keine tausend Bundesbürger ein Fernsehgerät“ (Opaschowski 1992, S.5ff.), das auf die Gesamtbevölkerung einen Anteil von 0,001 Prozent ausmacht. Die technologische Entwicklung und Transformationen der Aktivitäten haben allerdings dazu beigetragen, dass der Fernsehapparat zwischen 1950 und 1970 in immer mehr Haushalten Einzug erhielt und 1970 bereits 85% aller deutschen Haushalte mit einem Fernseher ausgestattet waren (Berg et al. 2000, S.24ff.). Eine Statistik des Freizeit-Forschungsinstituts zeigt die zunehmende Bedeutung des Fernsehens, indem jede Person zwischen 1950 und 1970 im Durchschnitt „3.000 Stunden im Jahre schlief, 2.000 Stunden arbeitete und 1.000 Stunden vor dem Fernsehgerät verbrachte“ (ebd.). Fernsehen wurde rasch zu dem neuen Massenmedium, dass ein neues Freizeitverhalten der meisten Bundesbürger mit sich brachte. Nach den ersten Jahrzenten des neuen Fernsehzeitalters konnte man bereits erste „Sucht-Symptome“ erkennen, indem das TV-Gerät das Freizeitverhalten beherrschte, die „Außer-Haus-Aktivitäten eingeschränkt wurden, und neben weiteren Symptomen, das Fernsehen einen inneren Zwang ausübte“ (ebd.). Die Anhäufung von Menschen mit derartigen Suchtsymptomen, die gleichzeitig kennzeichnend für den Erfolg des Fernsehens sind, vermehrten sich im Laufe der Zeit. Doch wie kann man den Erfolg dieses Massenmediums, neben den bereits erwähnten Veränderungen, erklären?

Die Autorin Marie Luise Kiefer versucht in ihrem Aufsatz „Tendenzen und Wandlungen in der Presse- Hörfunk- und Fernsehrezeption seit 1964“ einen Zusammenhang zwischen den Medien und dem Produkt-Lebenszyklus-Modell herzustellen (Kiefer 1998, S.89ff.). In diesem Modell, das für ökonomische Zwecke in das Leben gerufen wurde, sagt Kiefer den Medien einen Lebenszyklus nach, den man in einem glockenförmigen Verlauf beschreiben kann: „Entstehung und Einführung des Objekts, Wachstum, Reifezeit, Sättigung und schließlich Degeneration“. Relevant für diesen Zyklus sind Nachfrage und „Absatzmenge eines Produktes“ (ebd.). Der Absatz steigt parallel zu der Wachstums- und Reifezeit eines Produktes, wobei es in der Stagnationsphase ihr Maximum erreicht „und danach in der Degenerationsphase wieder allmählich zurückgeht“ (ebd.). Dieser Zyklus wird durch die Absatzmenge der unterschiedlichen Medien bestätigt; die Zeitung, als ältestes Medium, stieg im 19. Jahrhundert zum Massenmedium auf. Ende des 20. Jahrhunderts dagegen „scheint die Sättigungsphase erreicht. Stagnierende Auflagen, bröckelnde Leserzahlen und unterproportionale Teilnahme am Werbeboom“ (ebd.).

Das Fernsehen als jüngstes Medium, neben der Zeitung und dem Hörfunk, ist dagegen durch die technische Entwicklung, erst in den achtziger Jahren in seine Wachstums- und Reifezeit gelangt. Zu den Anfängen der Entwicklung des Fernsehens als Massenmedium in den fünfziger Jahren, war dieses noch in der Diffusions- und Wachstumsphase. Diese Entwicklung erklärt die steigenden Absatzzahlen an TV-Geräten Mitte bis Ende der fünfziger Jahre und gleichzeitig den Anfang des Erfolges als Massenmedium. „Will man versuchen die drei Medien einzuordnen, […], dann ist die Tageszeitung, wie gesagt, wohl zwischen Sättigungs- und Degenerationsphase anzusiedeln, der Hörfunk zwischen Reifezeit und Sättigung, (und) das Fernsehen zwischen Wachstums- und Reifezeit“ (ebd.).

Das Produkt-Lebenszyklus-Modell zeigt die Entwicklung der Verbreitung eines Produktes und kann in dem hier vorliegenden Fall als erklärendes Modell herangezogen werden, um zu zeigen, wie sich das Fernsehen entwickelt hat und entwickeln wird. Da dieses Medium ein relativ junges Phänomen ist, kann man dessen Erfolg über das noch Nicht-Erreichen der eventuell in Kraft tretenden Sättigungsphase erklären. Die technologischen Errungenschaften und Erneuerungen die das TV- Gerät in den letzten Jahren hervorgebracht haben sprechen für den Erfolg des Fernsehers und lassen eine Sättigung in den nächsten Jahren bezweifeln. Relevante Schlüsse die man aus diesem Modell ziehen kann, sind vor allem die Zusammenhänge zwischen Produktverbreitung und Wachstumsphase. Da sich der Fernseher in der Nachkriegszeit nämlich noch in der Wachstumsphase befand, stiegen die Nachfrage an derartigen Geräten und damit auch das Angebot und der Absatz. Gleichzeitig zeigt dieses Modell die Gründe, des so rasanten Erfolges Mitte des letzten Jahrhunderts, und die Tatsache, dass dieser Erfolg noch einige Jahre anhalten wird. Der Erfolg des Fernsehens, insbesondere des individuellen Konsums hat sowohl ökonomische, als auch soziale und mediale Gründe. Die sozialen Gründe sind zum einen die Veränderung des Freizeitverhaltens, indem die Arbeitszeiten gesunken sind. Die ökonomischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die zur solistischen Rezeptionsform geführt haben, sind der steigende Wohlstand, die veränderte Produktionsweise, sowie die Neuartigkeit des Mediums Fernsehen. Auf medialer Ebene sind ebenso Veränderungen aufgetreten, die in Wechselwirkung zu den bereits getroffenen Erkenntnissen stehen. Diese Ebene soll nun beleuchtet werden, um einerseits zu erörtern, wie sich das TV-Programm seit dem Bestehen der ersten Fernsehprogramme verändert hat, und andererseits zu überprüfen, ob sich dadurch eine Veränderung des Rezeptionsverhaltens verbreitet hat.

2.1.3 Die Veränderung des TV-Programmes

Einen maßgeblichen Anteil an dem Erfolg des Fernsehers hatte letztendlich auch das TV-Programm. Der Medienwissenschaftler Knut Hickethier beschreibt diese Entwicklungen, in seinem Aufsatz „Rezeptionsgeschichte des Fernsehens - ein Überblick“, in chronologischer Reihenfolge. Der Grundstein für den kommenden Erfolg des Fernsehens wurde laut Hickethier in den Kriegs- und Vorkriegsjahren gelegt; in jener Zeit nämlich gab es die ersten täglichen Fernsehprogramme, die „werktags von 20.00 bis 22.00 Uhr“ (Hickethier 1998, S.89ff.) für jeweils 20 bis 30 Personen in sogenannten Fernsehstuben ausgestrahlt wurden. Die Motivation der Menschen das damals dürftige Programm zu verfolgen, erklärt der Autor mit der Neuartigkeit der Technologie. Darüber hinaus stieg die Popularität des Fernsehens mit der Veränderung des Programms: Die Live Übertragung der Olympischen Spiele 1936 beispielsweise, ließ Massen in Kinos zusammenströmen, um die Ereignisse auf dem Bildschirm zu verfolgen. Mit dem Übergang zur Massenproduktion und dem Verdrängen des Fernsehkonsums aus den Kinos und Fernsehstuben, hin in die eigenen Räume, vermehrte sich in den fünfziger Jahren auch das TV-Programm.

Neben dem Individualempfang der sich mehr und mehr als Selbstverständlichkeit etablierte, wurde eine Vielzahl an den überaus populären Live-Übertragungen, wie der Fußball-Weltmeisterschaft, der Krönung von Elizabeth II., oder aber auch Unterwasseraufnahmen, gesendet. (ebd.). Die Neugier an den Live-Techniken, erwies sich als neuer Publikumsmagnet und konnte das langsam abnehmende Empfinden der Neuartigkeit des Fernsehens kompensieren. „Die Simultanität von Ereignis, medialer Übertragung und Zuschauererlebnis erwies sich (demnach) als besonderes Faszinosum“ (Hickethier 1998, S.89ff.), welches aber mit der Einführung der Magnetaufzeichnung in den Jahren 1958/59 abebbte. Ab diesem Zeitpunkt konnten die Fernsehsender weder mit der Technologie Fernsehen, noch mit den Live-Übertragungen punkten, da beide Elemente, die sich als Beschleunigung für die Verbreitung des Fernsehens erwiesen haben, im Publikum an Interesse verloren. Aus diesem Grund „wurde durch den Programmfluß mit seinem Versprechen ständig neuer Bilder und Informationen, durch den Wechsel der Formen, Inhalte und Gratifikationen der Zuschauer stimuliert“ (ebd.). Es wurde der Versuch unternommen ein Fernsehprogramm abzurufen, das durch eine Mischung aus Informationen und Unterhaltung aus aller Welt, die Zuschauer an die Bildschirme locken soll. „Fernsehen erhob damit den Anspruch, die Welt auf dem Bildschirm zu organisieren und zu harmonisieren - und sie damit auch konsumierbar zu machen für die Menschen“ (ebd.). Voraussetzung für die Konsumierbarkeit des Programms war allerdings die kulturelle Angleichung und Vereinheitlichung von Sendungen, um das gesamtdeutsche Publikum anzusprechen. Durch diesen Schritt der Programmvereinheitlichung und der Mischung, entstand laut Hickethier eine „gemeinsame kommunikative Basis“ für die Gesellschaft, an der alle Teile der Bevölkerung teilhaben konnten. Die Annäherung zwischen Programmen und Zuschauern wurde schließlich auch bei der sozialen Zusammensetzung des Publikums bemerkbar. Die Mehrheit der Fernsehzuschauer bestand Anfang der fünfziger Jahre aus besser verdienenden Schichten und veränderte sich schließlich in Richtung einer „allgemeinen Bevölkerungsschichtung“ (ebd.).

Mit der Einführung des ZDF in den sechziger Jahren wurde ein Programm auf den Markt gebracht, das keine Konkurrenz, sondern ein Kontrastprogramm zur ARD darstellen sollte. Dadurch wurde aber auch auf das ansteigende Publikum, und der sich vermehrenden Fernsehdauer geantwortet, welche sich von Jahr zu Jahr vergrößerten. Gleichzeitig stand damit das Publikum aber auch vor einer Entscheidung, welches Programm verfolgt werden sollte. Dadurch „verstärkten sich […] bei ihm die Präferenzen für einzelne Genres und Gattungen“ (Hickethier 1998, S.89ff.). und es entstand der sogenannte Informationsslalom, bei dem der Zuschauer, auf der Suche nach einem für ihn geeignetes Programm, hin und her schaltet. Die Sendeanstalten fingen fortan sich zu spezialisieren und als Schwerpunkt auf die “Aktualität der Berichterstattung als Wertvermittlung“ (ebd.) und die Unterhaltung zu setzen. Zur gleichen Zeit entstand innerhalb des Publikums eine „Ritualisierung des Zuschauens“ (ebd.), die zu einer Integration des Fernsehens innerhalb der Familien führte3. Darüber hinaus entwickelte sich das Fernsehen zu einem Regenerationsobjekt, welches neben dem Schlafen, Lesen, oder Dösen eingeschaltet wurde. Die sechziger Jahre sind bezeichnend für die Spezifizierung des Fernsehens im Allgemeinen und der Interaktion zwischen TV-Sendungen und dem Publikum. Auf der einen Seite wurden immer mehr Sendungen und Programme in das Leben gerufen, welche auf der anderen Seite den Zuschauer vor die Wahl des Sehens stellte. Dadurch entwickelte sich das Fernsehen zu einem Informations- und Unterhaltungsmedium, das sich mehr und mehr im alltäglichen Gebrauch der Haushalte etablierte.

Die siebziger Jahre markierten vor allem eine Zeit, in der das Fernsehen anfangs politisiert wurde, um es am Ende des Jahrzehnts wieder zu entpolitisieren. Hickethier beschreibt diesen Prozess als ein Verschieben des Kommunikationsraumes Fernsehen hin zur Öffentlichkeit (Hickethier 1998, S.89ff.). Es wurden private Themen, wie zum Beispiel, Sexualität, Beziehungsprobleme, oder die Erziehung öffentlich diskutiert. Ende der Siebziger veränderte sich das TV-Angebot allerdings wieder in die genau gegenteilige Richtung, in der Themen aus der Privatsphäre nicht mehr öffentlich konsumierbar gemacht wurden. Stattdessen setzte man wieder vermehrt auf die Unterhaltung im Fernsehen, um die Rezeptionsanforderungen des auf 90 Prozent angestiegenen Fernsehpublikums zu vereinfachen. Das Programm sollte „eben möglichst nicht anstrengend, sondern unterhaltend sein“ (ebd.).

Mit dem Beginn des neuen Jahrzehnts wurden zum Einen die Kabelverbindungen innerhalb Deutschlands ausgebaut, die zum Anderen dazu führten, dass sich die privaten Sendeanstalten vermehrten. Diese hatten anfangs einen relativ geringen Erfolg, der sich aber mit einer neuen „Angebotsdifferenzierung“ Ende der Achtziger veränderte. In dieser Zeit wurden Angebotslücken (z.B. „Daily Soaps, Reality TV, Gewaltfilme“) gefüllt, die letztendlich auch zu dem gewünschten Erfolg in Form von Fernsehquoten führten. Zur gleichen Zeit kam es zu neuen Ritualisierungsformen rund um das TV-Gerät. Fernsehen wurde mehr und mehr passiv genutzt und neben bestimmten Tätigkeiten eingeschaltet. Des Weiteren konnte man mit der Verbreitung des Videorecorders auch zeitversetzt Programme verfolgen; dadurch wurde dem Publikum die Möglichkeit geboten dauerhaft an die Medienwelt gekoppelt zu sein. Hickethier beschreibt diese Entwicklung als eine „Flexibilisierung des Fernsehens“, in der der Zuschauer „durch die Fernsehwelten schweift, suchend nach aufregenden Ereignissen, aber auch gelangweilt“ (Hickethier 1998, S.89ff.). Das führt nach Meinung des Autors zu einem anderen Sehen, da durch die Möglichkeit des permanenten Umschaltens eine verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit für die Programme benötigt wird. Durch diese Entwicklung hat sich gleichzeitig eine „Praxis des Vielsehens“ gefestigt, die sich neben den statistischen Erhebungen rund um die durchschnittliche Sehdauer, auch auf einer visuellen Ebene bemerkbar gemacht hat. Der Autor meint diesbezüglich das es erstaunlich sei, „daß wir in den öffentlichen Räumen bei viereinhalb Millionen Arbeitslosen nicht permanent auf größere Menschenansammlungen stoßen - wie bei vergleichbaren Zahlen in den endzwanziger Jahren“ (ebd.). Das Fernsehen hat seiner Meinung nach in den neunziger Jahren zu einer Verhäuslichung des Lebens geführt, dass nicht nur ein Unterhaltungs- und Informationsverbreitungsinstrument darstellt, sondern auch ein „nicht zu unterschätzende Befriedigungsinstrument“.

Knut Hickethier hat in seinem Aufsatz gezeigt, wie sich die Fernsehrezeption innerhalb der letzten Jahrzehnte entwickelt und verändert hat. Diese Veränderung des Fernsehens, die vor allem über die Transformation des TV-Programms bemerkbar wurde, hat einerseits zu dem Erfolg des Fernsehens als Massenmedium geführt, und andererseits zu einer Modifikation der Zuschauer. Diese wurden anfangs durch die Neuartigkeit der Technologie an die Bildschirme gelockt, um durch die Programmänderungen und die Diversifikationen des Mediums nicht mehr die Begeisterung zu verlieren. Die Massenproduktion der Geräte hat außerdem zu einer Gewöhnung des Individualempfangs geführt, der dazu beitrug, dass auf die erhöhte Anfrage der neuen Zuschauer mit genrespezifischen Programmen geantwortet wurde. Im Laufe der Zeit hat sich dieses Medium im alltäglichen Gebrauch verankert, sodass Ritualisierungstendenzen zwischen Fernsehen und Publikum entstanden sind. Diese sieht Hickethier vor allem in der passiven und simultanen Nutzung des Fernsehens, das sich mehr und mehr als Regenerationsobjekt etablierte.

Zusammenfassend kann man sagen, hat sich das Fernsehen von einem anfänglichen Medium der Informationsverbreitung, zu einem unverzichtbaren Unterhalter entwickelt, der sich als „kommunikative Basis“ der Gesellschaft herausgefiltert hat. Diese Beschreibungen geben einen historischen Rückblick über die Veränderung der Fernsehrezeption, die mit dem Aus des kollektiven TV Konsums begonnen hat, um in ein Individualerlebnis überzugehen. Dieses Individualerlebnis wurde neben dem Übergang zur Massenproduktion, dem sich verbreitenden Wohlstand, der Neuartigkeit des Fernsehens im Allgemeinen, und der Veränderungen des Programmangebotes bestärkt, und kann als Produkt der in den letzten Punkten beschriebenen Veränderung herangeführt werden.

2.3 Die Fernsehzuschauerstruktur

Die vorigen Punkte dieser Arbeit dienten einer zusammenfassenden Erläuterung der Gründe des Abgangs der kollektiven Fernsehzuschauer, hin zu einem individuellen Konsum. Der kommende Abschnitt soll dabei diese Zuschauer genau charakterisieren, um zu erfahren, wie sich das individuelle Publikum genau charakterisiert. Diese sollen im weiteren Verlauf mit der sogenannten Gegenbewegung, der kollektiven Zuschauer, verglichen werden.

Diesbezüglich hat sich die bereits erwähnte Studie „Massenkommunikation“4 befasst, die ich an dieser Stelle heranziehen werde, um das Publikum zu charakterisieren. Dabei wird das Publikum nach soziodemographischen Daten kategorisiert, um herauszufinden, ob und inwieweit es Überbzw. Unterrepräsentationen bezüglich des Alters, des Berufs, der Bildung etc. gibt. Diese repräsentative Studie wird seit 1964 in regelmäßigen Abständen erhoben, und mithilfe von Telefoninterviews an einem Stichtag durchgeführt. Während der Untersuchungsanlage im Jahr 2000 wurden stichprobenartig insgesamt 5000 Personen ab 14 Jahren telefonisch über die medialen Nutzungsgewohnheiten befragt. Ein Interview dauerte im Schnitt 46 Minuten, wobei insgesamt 67 Prozent aller Interviews erfolgreich waren (Berg et al. 2000, S. 18ff.).

Herausgefunden wurde, dass das Publikum der 20- bis 39jährigen „dauerhaft unterrepräsentiert“ ist, wohingegen die über 50jährigen überproportional vertreten sind (Kiefer 1996, S.89ff.). Die Entwicklung des jugendlichen Publikums5 hat sich in den letzten Jahrzenten von einer „unterdurchschnittlichen Präsenz in den 80er Jahren“ in eine durchschnittliche Zuschauerteilnahme Mitte der neunziger Jahre verschoben. Bezüglich der Bildung kann man zusammenfassen, ist das Medium Fernsehen in den unteren Bildungsschichten überrepräsentiert, die sich aus „Volks- Grundschülern mit und ohne weitere Berufsausbildung“ zusammensetzen. Der Zuschaueranteil der höheren Bildungsschichten6 ist dagegen unterrepräsentiert. Bei der Analyse der Haushaltszusammensetzung, ist die Studie zu dem Schluss gekommen, dass vor allem Verheiratete einen großen Zuschaueranteil des Mediums Fernsehen ausmachen. Fernsehen ist daher ein „Medium für den Zwei-Personen Haushalt“ (ebd.). Eine unterdurchschnittliche Präsenz weist dahingegen der Drei-Personen Haushalt auf, während die Single Haushalte mit einer durchschnittlichen Zuschauerteilnahme aufgefallen sind. Eine bestimmte Geschlechteraufteilung lässt sich dahingegen nicht entdecken, wobei Vollberufstätige und Personen mit einer Erwerbstätigkeit generell unterrepräsentiert sind (ebd.).

Insgesamt gibt es laut dieser Studie eine dauerhafte Unter- und Überrepräsentation bestimmter soziodemographischer Gruppen. Diese Gruppen unterscheiden sich aber wiederum untereinander, wenn man diese nach Angebotstypen kategorisiert; das heißt, dass unterschiedliche Repräsentationen der Gruppen bezüglich der Programmpräferenzen vorhanden sind. So ist die Gruppe der 20- bis 29jährigen „insgesamt zwar deutlich unterrepräsentiert, aber sie verteilen sich eben sehr unterschiedlich auf das Stichtagpublikum öffentlich-rechtlicher bzw. privater Programm“ (Kiefer 1996, S.89ff.). Private Programme werden demnach vor allem von Individuen zwischen 20 und 39 Jahren, mit mittlerer Bildung, Vollbeschäftigung, ledigem Familienstatus und in Mehr- Familien-Haushalten lebend, verfolgt. Die öffentlich-rechtlichen Programme werden dahingegen vermehrt von Zuschauern über 50 Jahren, mit einem höheren Bildungsabschluss und in einem Zwei-Personen-Haushalt lebend, verfolgt.

2.4 Die „MedienNutzertypologie“

Um die oben durchgeführte Kategorisierung sinnvoll, für meine Arbeit nachhaltig und für eine spätere Vergleichbarkeit mit den kollektiven Zuschauer zusammenzufassen, werde ich mich einer von der ARD konzipierten „MedienNutzertypologie“ bedienen. Diese wurde 1998 für die „operative Programmplanung in Rundfunkanstalten“ (Döbler 2005, S.56ff.) in das Leben gerufen und typologisiert die Zuschauer nach soziodemographischen Merkmalen und Programmpräferenzen, wobei die angewandte Methode, sowie die charakteristischen Merkmale der befragten Personen die gleichen waren. Das Modell ist für diese Forschungsarbeit von Nutzen, da insgesamt „neun differenzierte Nutzergruppen“ gelistet werden, in denen die Zuschauer je nach Nutzungsgewohnheiten eingeordnet werden (ebd.). Diese Einordnung verstärkt die Übersichtlichkeit und die spätere Vergleichbarkeit mit den kollektiven Zuschauern.

Die erste Nutzergruppe wird als „ Junge Wilde “ bezeichnet. Diese „sind im Durchschnitt über 20 Jahre alt“ und bevorzugen vor allem kommerzielle, sprich private Sendeanstalten. Diese Gruppe ist mehrheitlich männlich und „bevorzugt stark aktions- und spannungsorientierte Reize“, so wie sie bei Events zu erleben sind (ebd.).

Die zweite Nutzergruppe des Mediums Fernsehen sind unter der Kategorie „ Erlebnisorientierte “ zu finden. Diese sind im Schnitt 30 Jahre alt und mehrheitlich männlich. Außerdem bevorzugt diese Gruppe private Fernsehsender, in denen sie vor allem „Spaß und Action“ Sendungen verfolgen.

In der Gruppe der „ Leistungsorientierte(n) “ befinden sich vor allem Individuen beider Geschlechter, Mitte bis Ende 30 und mit einem überdurchschnittlichen Bildungsniveau. Diese charakterisieren sich über eine geringe Nutzung des Fernsehens; wenn dann aber das TV-Gerät eingeschaltet wird, werden vor allem Sendungen in den öffentlich-rechtlichen Programmen verfolgt.

„ Neu Kulturorientierte “ sind dagegen Anfang 40 und unterdurchschnittliche Nutzer des Fernsehens. Dabei verfolgt diese überdurchschnittlich gebildete Gruppe „ein sehr breites Kulturspektrum“.

Ebenfalls Anfang 40 sind die „ Unauffällige(n) “, die sich über den Konsum von „trivialkulturellen Unterhaltungsangebote(n)“ definieren. Diese nutzen das Fernsehen überdurchschnittlich, wobei kommerzielle Sender zu ihren Favoriten gehören. Frauen überwiegen diesen Typus und das Bildungsniveau ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung insgesamt geringer. Eine weitere Kategorie der Mediennutzertypologie bilden die „ Aufgeschlossene(n) “. Diese sind im Schnitt „Ende 40, Anfang 50“ und konsumieren sowohl öffentlich-rechtliche, als auch private Fernsehsendungen.

Die Gruppe „ Häusliche “ ist durchschnittlich Anfang 60 und nutzt bevorzugt öffentlich-rechtliche Programme; kulturelle Sendungen werden dabei allerdings kaum verfolgt. Das Bildungsniveau dieser größtenteils weiblichen Gruppe ist geringer, als das der Restbevölkerung. Der vorletzte Nutzertypus nennt sich „ Klassisch Kulturorientierte “ und charakterisiert sich über ein Durchschnittsalter von Mitte 60 Jahren. Ihr Interessengebiet ist vor allem die „etablierte Hochkultur“, wobei das Fernsehen eher unterdurchschnittlich genutzt wird. Frauen dominieren diese Gruppe und nutzen wenn, dann öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme. „ Zurückgezogene “ wird die letzte Gruppe der Mediennutzertypologie genannt. Diese sind „Mitte bis Ende 60 alt und besteht zu zwei Drittel aus Frauen.“ Die Medien bestimmen den Alltag dieser Gruppe, wobei das Fernsehen vordergründig genutzt wird. Das Bildungsniveau ist vergleichsweise gering und öffentlich-rechtliche werden den kommerziellen Sendern vorgezogen (ebd.).

Diese Typologien nach soziodemographischen Merkmalen werden bevorzugt verwendet, um bestimmte Marktsegmente auf Nutzertypen abzustimmen. So gibt es beispielsweise die sogenannten „Brigitte-Typologien“, in denen unterschiedliche Frauentypen bezüglich ihrer Einstellung zu „Mode, Kosmetik und Verwenderverhalten“ gelistet werden. Mit dieser Typologie können Werbeblöcke auf bestimmte Sendungen angepasst werden, um die bestimmten Nutzertypen in ihrem Kaufverhalten zu beeinflussen (Döbler 2005, S.56ff.). Gleichermaßen kann dieses Vergleichsinstrument nützlich sein, um zu untersuchen welcher Nutzertypologie die kollektiven Zuschauer angehören, um die Unterschiede zu den individuellen Fernsehnutzern festzumachen. Dieser Untersuchung werde ich schließlich in einem späteren Abschnitt nachgehen. Um aber zunächst einmal die Charakterisierung der individuellen Zuschauer auszuweiten, werde ich in einem kommenden Punkt das Publikum mit einem weiteren Vergleichsinstrument charakterisieren, indem ich dieses bezüglich ihrer sozialen Milieus kategorisiere.

2.5 Die Fernsehzuschauer nach sozialen Milieus

Einen weiterer Ansatz, die Fernsehzuschauer zu kategorisieren und letztendlich zu charakterisieren ist die Typisierung über soziale Milieus. Diese Milieus untersuchen die Zuschauer nicht nur nach soziodemographischen Merkmalen, sondern darüber hinaus über spezifische Verhaltensweisen „mit Wertvorstellungen, Lebensauffassungen und -grundsätzen sowie den Alltagsästhetiken“ (Döbler 2005,S.56ff.). Der Milieubegriff versucht dabei objektive und subjektive Einflussfaktoren zu verschmelzen (ebd. S. 59). Durch die Pluralisierung der Gesellschaft war es vonnöten ein Modell in das Leben zu rufen, dass nicht nur Beruf, Bildung und Einkommen berücksichtigt, sondern darüber hinaus sozialstrukturelle Indikatoren. Innerhalb des Modells wurden die Mediennutzer in Gruppen zusammengefasst, die ähnliche Lebensziele, -stile, Wertorientierungen und Konsummuster haben. Es soll an dieser Stelle herangeführt werden, um über die soziodemographischen Merkmale hinaus, die individuellen Zuschauer zu typisieren, und vergleichbar zu machen.

Ein Milieumodell das sich in der Medienforschung durchgesetzt hat, ist das des Soziologen Gerhard Schulze. Dieser hat fünf verschiedene Milieus in das Leben gerufen, die durch die soziodemographische Daten (Bildung, Alter), „alltagsästhetische Schemata, den Lebensstilen und vom sozialen Habitus, ihrer Wahrnehmung der objektiven Umwelt und ihrem individuellen Selbstbild“ charakterisiert werden. Für die Messung dieser subjektiven Faktoren hat Schulze Skalen entwickelt „mittels derer in quantifizierter Form die Personen in einem Raum verortet und einem Milieu“ zugeordnet werden können. Entstanden sind darauf folgende Milieus, mit ihren unterschiedlichen Rezipienten:

Unterhaltungsmilieu: dieses Milieu wird von Individuen unter 40 Jahren und mit einem niedrigen bis mittleren Bildungsabschluss vertreten. Deren mediale Vorlieben sind private TV-Sender, in denen Action- und Science-Fiction Filme ausgestrahlt werden Selbstverwirklichungsmilieu: Individuen aus diesem Milieu weisen einen mittleren bis hohen Bildungsabschluss auf, sind ebenfalls unter 40 Jahren alt, und bevorzugen die öffentlich rechtlichen Sender Harmoniemilieu: aus diesem Milieu stammen Zuschauer mit einem niedrigen Bildungsabschluss und einem Alter über 40 Jahre. Diese charakterisieren sich über ihren häufigen Fernsehkonsum, der Bevorzugung von öffentlich-rechtlichen Sendern, sowie Talkshows, Volksmusik und Gameshows Integrationsmilieu: das Publikum aus diesem Milieu hat einen mittleren Bildungsabschluss, ist über 40 Jahre alt und sieht im Fernsehen gerne Informations- und leichte Unterhaltungssendungen Niveaumilieu: dieses letzte von Schulze herausgearbeitete Milieu wird von Individuen mit einem hohen Bildungsabschluss und einem Altersdurchschnitt von über 40 Jahren vertreten. Die Präferenzen dieser Zuschauer sind vor allem Informationssendungen, wobei das Fernsehen in ihrer Mediennutzung eine eher untergeordnete Rolle spielt (Döbler 2005, S.56ff.).

Die beiden hier präsentierten Typisierungsansätze zeigen eine unterschiedliche Herangehensweise zur Kategorisierung der deutschen Fernsehzuschauer. Das in 2.4 vorgestellte Modell versucht das Fernsehpublikum nach deren soziodemographischen Daten, sowie der Häufigkeit der Mediennutzung zu charakterisieren. Hierbei werden bevorzugt quantitative Merkmale verwendet, um eine möglichst plausible Kategorisierung vorzunehmen.

Das Milieumodell von Gerhard Schulze versucht hingegen, sowohl quantitative (soziodemographische Daten) als auch qualitative Merkmale (Habitus, Lebensstile etc.) in seiner Analyse zu berücksichtigen, um das gleiche Ziel der Charakterisierung zu verfolgen. Durch die unterschiedlichen Schwerpunkte, die beide Modelle inne haben, soll es zu einem späteren Zeitpunkt der Arbeit einfacher sein, die Public Viewing Zuschauer zu charakterisieren. Beide Modelle sollen schließlich dazu dienen, die kollektiven Zuschauer in eine der hier vorgestellten Kategorien aufzuteilen. Dabei bleibt bis dato die Frage allerdings offen ob dies überhaupt möglich ist, oder ob die Public Viewing Zuschauer einer neuen Kategorie bzw. einem neuen Milieu angehören, das in den beiden Modellen noch gar nicht herausgearbeitet wurde. Dieser Frage wird in einem weiteren Teil dieser Arbeit nachgegangen.

An dieser Stelle bleibt aber festzuhalten, dass sich durch die beiden Modelle ein Querschnitt des individuellen deutschen Fernsehpublikums vornehmen lässt, die die individuellen Zuschauer, so wie sie im Laufe der Zeit entstanden sind, charakterisieren. Die Vielfältigkeit des Zuschauerinteresses zeigt die unterschiedlichen Ansprüche des Publikums, die in Abhängigkeit zu ihrer sozialen Herkunft stehen.

[...]


1 „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“

2 „Zweites Deutsches Fernsehen“

3 z.B. das gemeinsame Verfolgen der Abendnachrichten, Sportsendungen, oder anderen Unterhaltungsprogrammen

4 An dieser Stelle ist anzumerken, dass ich in dieser Arbeit die Studie „Massenkommunikation V“, die der Medienbewertung bis in das Jahr 1995 nachging, heranführen werde, da sich trotz aktuellerer Studien diese Schriftenreihe mit den soziodemographischen Strukturen des Medienpublikum beschäftigt, und demnach für meine Analyse relevant ist

5 Kinder und Jugendliche bis 20 Jahren

6 Hochschulreife oder Hochschulabschluss

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Kollektives Fernsehen im öffentlichen Raum - Public Viewing im Zeitalter einer individualisierten Gesellschaft
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
97
Katalognummer
V196988
ISBN (eBook)
9783656230984
ISBN (Buch)
9783656231608
Dateigröße
983 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gutachten über die soziologische Master-Arbeit von Herrn Sören Berkowicz: "Eine theoretisch anspruchsvolle und überaus kundig eingebettete eigene empirische Untersuchung (Teilnehmende Beobachtung von sog. Tatort-Abenden), die den Autor als Kenner soziologischer Klassiker ebenso ausweist wie als phantasievollen und engagierten Mit-Denker neuerer Ansätze der Kultur- und Mediensoziologie."
Schlagworte
kollektives, fernsehen, raum, public, viewing, zeitalter, gesellschaft
Arbeit zitieren
Sören Berkowicz (Autor), 2012, Kollektives Fernsehen im öffentlichen Raum - Public Viewing im Zeitalter einer individualisierten Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196988

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kollektives Fernsehen im öffentlichen Raum - Public Viewing im Zeitalter einer individualisierten Gesellschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden