“Das Ringen für die sozialistische Umgestaltung der Universität war ein Ringen um jeden Einzelnen” . Daß diese Einschätzung zumindest für einige Teile der Studentenschaft in den Jahren von 1945 bis ungefähr 1957 auf dem Gebiet der SBZ und DDR galt, wird in der vorliegenden Arbeit darzustellen versucht. Der Widerstand der Bevölkerung brachte 1989 das politische und gesellschaftliche System der DDR zum Einsturz. Doch gründete dieser Massenprotest möglicherweise schon in den Anfängen der Opposition? Oder anders: Wirkte sich der Widerstand der Studenten in den Jahren ab 1945 letztendlich so aus, daß er Einfluß auf das Ende der DDR haben konnte?
Um Opposition und Widerstand erkennen zu können, ist zunächst eine begriffliche Eingrenzung nötig. Daran schließt sich ein kurzer Überblick über allgemein- und hochschulpolitische Vorgänge an, um zu zeigen, vor welchem Hintergrund eventueller Widerstand aufkam. Weiterhin wird es nötig sein zu untersuchen, wo die Möglichkeiten und Grenzen sowie die Methoden und Ziele für oppositionelles Verhalten an den Universitäten der SBZ und DDR lagen, um dieses im Vergleich zur restlichen Bevölkerung zu sehen und letztlich seine Auswirkungen herausstellen zu können.
Die Forschung hat besonders in den letzten Jahren zum studentischen Widerstand an den Universitäten und Hochschulen der SBZ/DDR eine Reihe von neuen Erkenntnissen geliefert. Das resultierte wohl zum einen aus den seit der Wende 1989 besser einzusehenden Quellen. Zum anderen war zu Opposition und Wider- stand in der DDR allgemein in den siebziger und achtziger Jahren recht wenig veröffentlicht worden, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß diese schlichtweg aus dem Blickfeld der Betrachter verschwunden waren, daß das Volk in den meisten Büchern vergessen worden war.
So kommt es, daß die gesamte verwendete Forschungsliteratur entweder aus den Jahren vor 1970 oder nach 1990 stammt. Karl Wilhelm Fricke umreißt in seinem Werk von 1964 allgemein den Widerstand in der SBZ. Bei der älteren Literatur muß auch Thomas Ammers Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der Universität Rostock erwähnt werden, die er sehr ausführlich beschreibt und anhand von Quellenangaben legitimiert. Zudem war Ammer selbst zum behandelten Zeitraum an der Universität Jena immatrikuliert und dort gleichzeitig in der FDJ sowie in einer Widerstandsgruppe tätig, ...
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Zur Definition der Begriffe Widerstand, Opposition und Resistenz
2. Die politischen Hintergründe
a) Der Aufbau eines neuen politischen Systems
b) Die Zweite Hochschulreform und der Aufbau des Sozialismus
3. Die Opposition bis zur Zweiten Hochschulreform 1951
a) Die Situation bei der Wiedereröffnung der Universitäten
b) Erste Opposition auf Basis der LDP- und CDU-Hochschulgruppen
c) Unterwanderung der FDJ
d) Die Gründung der Freien Universität Berlin
4. Der Widerstand nach 1951
a) Die Universität im “Tauwetter”
b) Der “Eisenberger Kreis”
5. Die SED und der Widerstand
6. Hochschulwiderstand im Vergleich zur übrigen Bevölkerung
a) Beteiligung von Studenten am Aufstand des 17. Juni 1953
b) Die Relation der Opposition in der DDR
III. Schluß
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die studentische Opposition an den Universitäten der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR in der Zeit von 1945 bis 1957. Das primäre Ziel ist es, die Möglichkeiten, Grenzen und Methoden des oppositionellen Verhaltens aufzuzeigen, diese in den historischen Kontext der Hochschulpolitik einzuordnen und den Einfluss dieses Widerstands auf die gesellschaftliche Entwicklung zu hinterfragen.
- Analyse der begrifflichen Abgrenzung zwischen Widerstand, Opposition und Resistenz.
- Untersuchung der politischen Rahmenbedingungen und des Aufbaus des sozialistischen Hochschulwesens.
- Dokumentation studentischer Protestformen von der frühen Nachkriegszeit bis zur Gründung der Freien Universität Berlin.
- Erforschung spezifischer Widerstandskreise, insbesondere des sogenannten "Eisenberger Kreises".
- Vergleich des studentischen Engagements mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953.
Auszug aus dem Buch
b) Die Zweite Hochschulreform und der Aufbau des Sozialismus
Eine starke Annäherung an das sowjetische Modell erfuhren die Universitäten in der DDR mit der Zweiten Hochschulreform 1951. Sie legte den Grundstein für die sozialistische Umgestaltung der Universitäten und war die Folge des fortgeschrittenen Aufbau des Sozialismus in der am 7. Oktober 1949 gegründeten DDR. Die Wirtschaft war immer stärker auf Planwirtschaft umgestellt worden, das Staatseigentum an Produktionsmitteln und der Staatsanteil an Industrieprodukten dominant geworden. Mit Beginn des Fünfjahrplans wurden somit das zehnmonatige Studienjahr, obligatorischer Russischunterricht, das obligatorische dreijährige gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium auf Basis des Marxismus-Leninismus, ein obligatorischer Stundenplan und jährliche Zwischenprüfungen eingeführt. Durch die Verschulung des Studiensystems, die Einteilung der Studenten in Seminargruppen unter Leitung linientreuer FDJ-Mitglieder und der Vergabe von Stipendien unterlagen die Studenten einer starken Kontrolle durch den Staat.
Am 17. Oktober 1957 erfolgte eine neue Zulassungsverordnung, die die Einführung des praktischen Jahres für Studienbewerber festlegte. „Die Verordnung über die weitere sozialistische Umgestaltung“ der Hochschulen wurde nun offen proklamiert und beendete die sogenannte Tauwetterperiode.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des studentischen Widerstands an Universitäten der SBZ und DDR zwischen 1945 und 1957 ein und diskutiert den aktuellen Forschungsstand.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert die Definitionen von Widerstand, die politischen Rahmenbedingungen sowie die verschiedenen Phasen und Formen studentischer Opposition, inklusive spezifischer Gruppen wie dem „Eisenberger Kreis“.
1. Zur Definition der Begriffe Widerstand, Opposition und Resistenz: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Problematik und die Schwierigkeiten, oppositionelles Verhalten im DDR-Kontext wissenschaftlich einzuordnen.
2. Die politischen Hintergründe: Hier werden die allgemeine politische Transformation und die spezifischen hochschulpolitischen Reformen dargestellt, die den Handlungsspielraum der Studenten maßgeblich beeinflussten.
3. Die Opposition bis zur Zweiten Hochschulreform 1951: Dieses Kapitel beschreibt die frühe, noch teilweise legale Opposition bürgerlicher Hochschulgruppen und die zunehmende Reglementierung durch die SED.
4. Der Widerstand nach 1951: Hier stehen illegale Widerstandsstrukturen im Vordergrund, die sich insbesondere während der „Tauwetterperiode“ und durch Gruppen wie den „Eisenberger Kreis“ formierten.
5. Die SED und der Widerstand: Das Kapitel analysiert die Gegenmaßnahmen der SED, von der ideologischen Diskreditierung bis hin zu Verhaftungen und harten strafrechtlichen Verfolgungen.
6. Hochschulwiderstand im Vergleich zur übrigen Bevölkerung: Dieses Kapitel vergleicht das Ausmaß des studentischen Widerstands mit dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 und bewertet die Rolle der Studentenschaft im Gesamtgefüge der DDR-Opposition.
III. Schluß: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die trotz begrenzter Wirkung bleibende historische Relevanz des studentischen Widerstands für die DDR-Geschichte.
Schlüsselwörter
Studentische Opposition, Widerstand, DDR, SBZ, Universität Jena, Zweite Hochschulreform, SED, Eisenberger Kreis, FDJ, 17. Juni 1953, Repression, Hochschulpolitik, Sowjetisierung, Intellektuelle, Tauwetter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Formen, Zielen und der Entwicklung der studentischen Opposition an den Universitäten in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR in der Zeit von 1945 bis 1957.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die politische Indoktrination des Hochschulwesens, die verschiedenen Phasen des Widerstands, die Rolle politischer Parteien an den Unis sowie die Auseinandersetzung der SED mit kritischen Studenten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den studentischen Widerstand in den Kontext der allgemeinen politischen Entwicklung der DDR zu stellen und zu klären, inwieweit dieser Widerstand Freiräume erhalten oder zurückgewinnen konnte.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Analyse unter Auswertung von Forschungsliteratur, Zeitzeugenaussagen, Archivquellen sowie offiziellen Dokumenten der SED und des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die begriffliche Einordnung von Widerstand, die politischen Hintergründe der Hochschulreformen, die Phasen der organisierten Opposition und den Vergleich des studentischen Widerstands mit der übrigen Bevölkerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Studentische Opposition, Widerstand, SED, Hochschulpolitik, DDR-Geschichte, Eisenberger Kreis und 17. Juni 1953 geprägt.
Welche Rolle spielte der "Eisenberger Kreis" im studentischen Widerstand?
Der "Eisenberger Kreis" gilt als eine der bedeutendsten und langlebigsten Widerstandsgruppen. Er war illegal, konspirativ und forderte weit über die Universität hinausgehende politische Veränderungen wie freie Wahlen und die Auflösung der SED-Monopolstellung.
Wie reagierte die SED auf oppositionelle Studenten?
Die SED reagierte mit einer Kombination aus präventiven Maßnahmen wie Zulassungsbeschränkungen und neuen Wahlordnungen sowie repressiven Schritten wie Relegationen, Verhaftungen und teils langjährigen Freiheitsstrafen.
Gab es eine Beteiligung von Studenten am Aufstand des 17. Juni 1953?
Die Beteiligung war eher gering und beschränkte sich auf Einzelfälle, da zu diesem Zeitpunkt vorlesungsfreie Zeit herrschte. Dennoch gab es Studenten, die durch Diskussionen mit Arbeitern oder Beteiligung an Streiks Sympathien für das Aufbegehren zeigten.
Wie wird das Ende der oppositionellen Phasen durch die SED erklärt?
Die SED konnte den Widerstand durch die faktische Illegalisierung, eine starke personelle Überwachung der Studierenden und harte Gegenmaßnahmen wie Verhaftungswellen bis Ende der 1950er Jahre weitgehend in den Untergrund abdrängen und eine Phase relativer Ruhe erzwingen.
- Citar trabajo
- Christina Wagner-Emden (Autor), 1998, "Ein Ringen um jeden Einzelnen" - Studentische Opposition an den Universitäten der SBZ/DDR, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197098