Die vorliegende Arbeit soll die Herrschaft Ludwigs des Frommen als Unterkönig in Aquitanien untersuchen. Dazu wird es zunächst nötig sein, kurz auf die Vorgeschichte Aquitaniens einzugehen, um die Situation deutlich zu machen, aus der heraus Ludwig von seinem Vater Karl dem Großen als Unterkönig eingesetzt wurde.
Daraufhin wird zu ermitteln sein, welche Herrschaftsinstitutionen und -mittel damals in Aquitanien eingesetzt wurden und wie weit Ludwigs eigener Anteil an der Anwendung dieser Einrichtungen ging. Welche Aufgaben hatte Ludwig als Unterkönig, welche Rechte und Handlungsfreiheiten besaß er? Welches Handeln und Eingreifen wird tatsächlich auf Ludwig – in Abgrenzung von seinem Vater Karl – zurückgeführt und wie ist diese Darstellung zu erklären?
Weiterhin sollen kurz die außenpolitischen Beziehungen und Ludwigs Kirchenreformhandlungen einbezogen werden, um das Herrschaftsbild des Unterkönigs abzurunden, der schließlich zum Mitkaiser erhoben wurde und nach Karls Tod dessen Nachfolge antrat.
Als Hauptquelle wird die Vita Hludowici imperatoris des sogenannten Astro¬nomus dienen, die als einzige ausführlich zum Geschehen vor dem Jahr 814, in dem Karl der Große starb, Stellung nimmt. Die Vita ist 1995 zusammen mit Thegans Gesta Hludowici imperatoris in neuer Übersetzung und kritischer Behandlung von Ernst Tremp herausgegeben worden. Thegan, der Anfang des 9. Jahrhunderts als Geistlicher tätig war, schrieb die Gesta noch zu Lebzeiten Ludwigs des Frommen, vermutlich zwischen Herbst 836 und August 837. Historische Objektivität muß angezweifelt werden, wo Thegan mit seiner Schrift in die Zeitgeschichte eingreifen will. Dies betrifft aber nicht den in der vorliegenden Arbeit untersuchten Zeitraum, was sich negativ in der sehr knappen Behandlung niederschlägt: Nur in den ersten sieben der 58 Kapitel wird die Zeit bis zu Karls Tod behandelt. Insgesamt wird der Gesta ein hoher Informationsgehalt zugesprochen, da sie von anderen schriftlichen Quellen – besonders von der offiziellen Hagiographie der fränkischen Reichsannalistik – unabhängig berichtet.
Der anonyme Verfasser der Vita Hludowici imperatoris wird aufgrund seiner Tätigkeit als Hofastronom Ludwigs des Frommen als ”Astronomus” bezeichnet. Im Prolog äußert er, daß er nach 814 selbst am Hof tätig war. Sein Interesse an Aquitanien und die daraus resultierende, auf Berichten des Adhemar aufbauende Berichterstattung über die Verhältnisse dort wie an der Spanischen Mark ...
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Zur Vorgeschichte und Einsetzung Ludwigs des Frommen in Aquitanien
2. Ludwigs Herrschaft in Aquitanien
a) Die Herrschaftsgrundlagen des Königtums
b) Die aquitanischen Reichsversammlungen
c) Die Verfügung über das Königsgut
d) Allgemeine Regierungsmaßnahmen und Handlungen Ludwigs
e) Ludwigs Urkundentätigkeit – die aquitanische Kanzlei
f) Der Unterkönig als Richter
3. Die Übernahme der Herrschaft über das Gesamtreich
III. Schluß
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Herrschaft Ludwigs des Frommen als Unterkönig in Aquitanien, um zu ermitteln, inwieweit er unter der Vormundschaft seines Vaters Karl des Großen eigenständig agieren konnte und welche Handlungsspielräume ihm in dieser Rolle tatsächlich zur Verfügung standen.
- Die politische Vorgeschichte und Einsetzung Ludwigs als Unterkönig.
- Die Funktionsweise der Herrschaftsinstitutionen in Aquitanien.
- Das Abhängigkeitsverhältnis zu Karl dem Großen in Bezug auf Regierungsmaßnahmen und Urkundenwesen.
- Die kritische Auswertung der Vita Hludowici imperatoris als Hauptquelle.
- Der Übergang von der Unterkönigsherrschaft zur Übernahme des Gesamtreichs nach dem Tod Karls des Großen.
Auszug aus dem Buch
c) Die Verfügung über das Königsgut
Im Frühjahr 794 mußte Karl der Große feststellen, daß es sich sein Sohn nicht leisten konnte, ihm – ohne den dahingehenden Befehl – Geschenke zu machen. Als Grund dafür erfuhr er von Ludwig, daß „[...] die Großen alle nur an ihr Privatinteresse dächten, das staatliche Interesse jedoch vernachlässigten [...]“31. So werde das Königsgut32 zu deren Privateigentum. Dramatisiert wird die Darstellung hier, indem der Astronomus eine ähnliche Formulierung wie Einhard bei der Schilderung der Situation der späteren Merowingerkönige wählt: Ludwig sei „[...] nur dem Namen nach Herr, in Wirklichkeit aber fast ohne Mittel.“33 Daraufhin ließ Karl seine Königsboten34 eingreifen, die die Gutshöfe wieder in die staatliche Verpflichtung nahmen, vermied es aber, die Autorität seines Sohnes gegenüber den Großen Aquitaniens zu untergraben und ihn in Ungnade fallen zu lassen. 35
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit definiert das Untersuchungsziel, die Herrschaft Ludwigs des Frommen in Aquitanien kritisch zu beleuchten, und stellt die Vita Hludowici imperatoris des Astronomus als zentrale historische Quelle vor.
II. Hauptteil: Dieser Teil analysiert detailliert die Anfänge von Ludwigs Herrschaft, seine administrativen Befugnisse, seine richterliche Tätigkeit sowie das Spannungsverhältnis zwischen eigenständigem Handeln und der kontinuierlichen Weisungsabhängigkeit von Karl dem Großen, bis hin zum Übergang auf den Kaiserthron.
III. Schluß: Das Kapitel resümiert, dass Ludwig trotz eines von Karl abgesteckten Rahmens lernte, innerhalb seines Einflussbereichs eigenständige Funktionen auszuüben, was ihn schließlich für die spätere Gesamtherrschaft qualifizierte.
Schlüsselwörter
Ludwig der Fromme, Aquitanien, Karl der Große, Unterkönigreich, Astronomus, Vita Hludowici imperatoris, Karolinger, Reichsverwaltung, Herrschaftslegitimation, Frankenreich, Reichsversammlungen, Urkundenwesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Herrschaftszeit Ludwigs des Frommen als Unterkönig in Aquitanien und analysiert seine Entwicklung innerhalb des karolingischen Herrschaftssystems.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Einsetzung Ludwigs durch Karl den Großen, die Ausübung von Herrschaftsinstitutionen, die Rolle des Adels und das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Vater und Sohn.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu hinterfragen, wie eigenständig Ludwig in Aquitanien agieren konnte und wie die Darstellung in der Vita Hludowici imperatoris im Kontext der historischen Fakten zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quellenkritische historische Untersuchung, die primär auf der Vita Hludowici imperatoris des Astronomus sowie auf Diplomen und weiteren zeitgenössischen Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt chronologisch und thematisch die Anfänge in Aquitanien, die Herrschaftsgrundlagen, Regierungsmaßnahmen, die Kanzleitätigkeit und die richterliche Rolle Ludwigs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ludwig der Fromme, Aquitanien, Karolinger, Unterkönigtum und die quellenkritische Auseinandersetzung mit der Vita Hludowici imperatoris.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle des Astronomus?
Der Astronomus wird als Hauptberichterstatter gewürdigt, dessen Werk zwar eine objektive Berichterstattung anstrebt, jedoch durch eine teils übersteigerte positive Zeichnung Ludwigs geprägt ist.
Welche Bedeutung hatte das Königsgut für Ludwig?
Die Verfügung über das Königsgut war eine zentrale Machtfrage, bei der Ludwig anfangs Schwierigkeiten hatte, sich gegenüber dem Adel durchzusetzen, was ein Eingreifen Karls des Großen erforderlich machte.
Warum musste Ludwig nach dem Tod seines Vaters nicht um seine Herrschaft kämpfen?
Durch die im Vorfeld in Aachen erfolgte Einweisung in die Führung des Großreiches und die feierliche Erhebung zum Mitregenten war der Übergang zur Gesamtherrschaft bereits etabliert.
Spiegeln die Urkunden Ludwigs eine eigenständige Macht wider?
Die Urkunden zeigen, dass Ludwig primär im Auftrag Karls handelte, wobei die Intitulatio „rex Aquitanorum“ seine staatsrechtliche Unterordnung verdeutlicht.
- Quote paper
- Christina Wagner-Emden (Author), 1999, Ludwig der Fromme - Herrschaft in Aquitanien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197099