Das innere Bild in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"

Ein Spannungsverhältnis innerer und äußerer Realität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung:

1. Das Innere Bild Nathanaels als Ausdruck des emphatischen Verständnisses Hoffmanns :

2. Das innere Bild als notwendige Voraussetzung des Textverständnisses seitens des Lesers

3. Das „Serapiontische Prinzip“ als Kunstwerdung des inneren Bildes
3.1. Die Hoffman’sche Kunstauffassung
3.2. Die Frage nach dem Gelingen des „Serapiontischen Prinzips“ in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“

4. Fazit:

Bibliographie:

Einleitung:

„Welcher treue, für Nationalbildung besorgte Teilnehmer hat nicht mit Trauer gesehen, daß die krankhaften Werke jenes leidenden Mannes lange Jahre in Deutschland wirksam gewesen und solche Verirrungen als bedeutend fördernde Neuigkeiten gesunden Gemütern eingeimpft wurden.“[1]

Der Einfluss dieser negativen Bemerkung Goethes bezüglich der Dichtkunst Hoffmanns beeinflusste nahezu die gesamte deutsche Rezeptionsgeschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein, sodass er als oberflächlicher Spukgeschichtenschreiber abgetan wurde, welcher beim Leser lediglich Wahnsinn zu erzeugen wusste.

Diese Arbeit will jedoch ein anderes Bild auf E.T.A. Hoffmann werfen und sich mit seinem künstlerischen und poetischen Potential auseinandersetzen. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den Gebrauch, die Bedeutung und die Konzeption eines inneren Bildes in Hoffmanns Werk „Der Sandmann“ gelegt werden.

Vor allem das erste Kapitel soll sich mit dem inneren Bild seines Protagonisten Nathanael beschäftigen. Die Fragen hierbei sind: Wie entsteht ein inneres Bild, welche Faktoren sind bei der Entstehung eines solchen Bildes von besonderer Bedeutung und welche Auswirkungen kann dieses Bild auf zukünftige Ereignisse haben? Lässt sich bei Hoffmann wirklich ein empathisches Verständnis nachweisen, obwohl die Methodik und die Theorie hierzu noch nicht einmal existierten?

Sind diese Fragen geklärt, soll im zweiten Kapitel auf eine etwas weniger „Freudlastige“ Auslegung des inneren Bildes eingegangen werden. Zentraler Aspekt wird nun sein, wie Hoffmann es schafft, das „innere Bezugssystem“ Nathanaels dem Leser näher zu bringen. Ist eine aktive Eigenleistung des Lesers notwendig und welche Bedeutung hat das innere Bild bezüglich dieser Frage? Allen voran Robert Vellusigs Aufsatz „Die Sinnenhaftigkeit der Poesie“ soll dieser Frage als theoretisches Konstrukt dienlich sein.

Im dritten Kapitel soll nun kurz das Hoffmann’sche Konstrukt seiner Kunstauffassung dargestellt werden. Dies soll den dann folgenden Überlegungen als Basis dienen, welche der Frage nachgehen, ob Hoffmann seinen eigenen Bedingungen und Voraussetzungen folgt, ein inneres Bild zu gestalten und zu übertragen. Wichtigstes Grundlagenwerk hinsichtlich dieses Aspektes wird Irene Schroeders Aufsatz „Das innere Bild und seine Gestaltung“ darstellen.

Allein schon an den aufgezeigten Fragestellungen lässt sich die Vielseitigkeit Hoffmanns ablesen, welcher sowohl Maler als auch Dichter ist und sowohl einen Kunsttheoretiker als auch einen Vorläufer des heutigen Psychologen verkörpert. Entsprechend seines Facettenreichtums, gestaltet sich auch „Der Sandmann“ als sehr vielschichtig. „Kaum eine [andere] Erzählung ist so oft und so unterschiedlich gedeutet worden [wie diese]: Fallgeschichte eines Wahnsinnigen, Kritik am Narzissmus des Künstlers, Bürgersatire und Motiv des künstlerischen Menschen, Schlüsseltext zu Ödipuskomplex und Kastrationsangst, Groteske und Gruselgeschichte“[2], um nur einige der Ansätze zu nennen.

1. Das Innere Bild Nathanaels als Ausdruck des emphatischen Verständnisses Hoffmanns :

Um die innere Konsistenz dieser Arbeit zu gewährleisten, ist es zunächst von großer Signifikanz, die Bedeutung des Begriffes des „inneren Bildes“ auf psychologischer Basis zu durchleuchten. „Innere Bilder sind durch meist lebensgeschichtlich frühe Sinneseindrücke der äußeren Realität geprägt.“[3] Wobei sie die einbettenden Interaktionen des Säuglings systematisch begleiten und einen sinnstiftenden Charakter besitzen.[4] Es lässt sich also festhalten, dass etwas in der Kindheit Erfahrenes, wie es beispielsweise bei Nathanael der Fall ist, große Relevanz für zukünftig aufgenommene Informationen besitzt. Diese These unterstützt auch Thomas Loer, in seinem 1994 erschienenen Werk „Werkgestalt und Erfahrungskonstitution“, wo es heißt:

„Äußere und innere Realität mischen sich in leiblichen Vorstellungsbildern. Alle spätere Erfahrung ist letztlich eine durch aktuelle Eindrücke angeregte Rekonstruktion dieser frühen Erfahrung und zugleich Interpretation der aktuellen Eindrücke im Lichte dieser Rekonstruktion."[5]

Doch was bedeutet dies nun für E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“? Kommen wir zunächst auf die innere und äußere Realität des Protagonisten Nathanael zu sprechen. Alles fängt damit an, dass die Mutter Nathanaels ihre Kinder abends immer ins Bett schickt mit der Begründung, dass der Sandmann kommen würde.[6] Dadurch, dass Nathanael auch wirklich immer Geräusche hört (äußere Realität), wird seine kindliche Neugier geweckt, sodass er sich bei der Mutter über das Aussehen und die Beweggründe des Sandmannes informiert, woraufhin die Mutter eine ehrliche Auskunft gibt und Nathanael erläutert, dass es keinen Sandmann gäbe und dieser nur als eine Art Ausrede fungiert, um ihn ins Bett zu bringen.[7] Leider „befriedigte“ diese Antwort den kleinen Nathanael nicht im Geringsten, sodass er, begierig nach weiterer Auskunft, das Kindermädchen seiner Schwester über den Sandmann ausfragt. Diese wiederum beginnt mit einem für Nathanael folgeschweren Ammemärchen:

„Ei Thanelchen, erwiderte diese, weißt du das noch nicht? Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett’ gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.“[8]

Genau in diesem Moment, kommt es zu einer Vermischung der äußeren Realität, also der Vorstellung, wie der Sandmann „Abends die Treppe heraufpolterte“[9], mit der inneren Realität, sozusagen der Vorstellung, die Nathanael „dank“ des Märchens vom Sandmann entwickelte. Beides in Kombination führt zu Angst und Entsetzen seitens Nathanaels. Doch um wirklich sicher zu gehen, kommt Nathanael zum Entschluss, seine Einstellung und Vorstellung anhand der Realität zu überprüfen.

„Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloß ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu erwarten.“[10]

Drei Faktoren sind an dieser Stelle nun maßgeblich daran Schuld, dass sich das Erlebte für Nathanael als einschneidendes Kindheitstrauma entpuppt, welches sich allerdings vorerst lediglich in einer starken inneren Angst bemerkbar macht.

Zunächst einmal muss als erster Faktor das oben beschriebene Zusammenwirken von innerer und äußerer Realität genannt werden, welche ja bezüglich des Sandmannes negativ behaftet ist. Zu diesem Punkt gesellt sich dann noch als zweiter Faktor die Tatsache, dass es Coppelius ist, der sich hier als Sandmann repräsentiert. Denn auch bezüglich dieser Person entwickelte Nathanael ein negativ konotiertes inneres Bild, in welchem Coppelius aufgrund seines unattraktiven Äußeren und seinem abstoßenden Verhalten als widerwärtiges Subjekt dargestellt wird.[11] Der dritte Faktor ist die Anwendung von Gewalt, welche Coppelius auf das Härteste durchzuführen bereit ist und ihm offensichtlich sadistisches Vergnügen bereitet[12].

„[…] kleine Bestie! – kleine Bestie! Meckerte er zähnefletschend! – riß mich auf und warf mich auf den Herd, dass die Flamme mein Haar zu sengen begann […] und griff mit den Fäusten glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte.“[13]

Nur durch das anschließende Einschreiten von Nathanaels Vater, konnte schlimmeres verhindert werden, doch die Angst in Nathanael verwurzelte sich tief. Wie der Protagonist in seinem Brief nun erläutert, wurde es nun erst mal ruhig um Coppelius, welcher sich das gesamte nächste Jahr über nicht mehr bei der Familie einfand. Doch kam Coppelius noch ein letztes Mal wieder. Wie bei seinen früheren Ankünften wurde Nathanael auch dieses Mal in sein Zimmer geführt, doch nahm die Angst, welche aus seinem inneren Bilde sprach, solche Ausmaße an, dass er derart von „unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält“[14] war, dass er kein Auge zutun konnte und ihm vor seinem inneren Auge Coppelius erschien, der ihn mit „funkelnden Augen“ ansah und „hämisch“ auslachte.[15] Doch war bis zu diesem Moment von einem Verfolgungswahn, ausgelöst durch Coppelius, noch nichts zu spüren. Erst die in dieser Nacht folgenden Ereignisse, in welcher der Vater während eines alchemistischen Experiments starb, schnitten tiefe Wunden in Nathanaels Seele. Die Schuld an dieser Situation gab Nathanael natürlich Coppelius.

[...]


[1] Vgl. Johann Wolfgang Goethe: Zitate von und über Leben und Werk von E.T.A. Hoffmann. http://www.xlibris.de/Autoren/Hoffmann (Zugriff am 11.03.2009).

[2] Vgl. Franz Loquai: E.T.A. Hoffmanns “Der Sandmann“. Forschungsgeschichte und Interpretation. In: Das Wort 11 (1996), S.12.

[3] Vgl. Georg Peez: Ich verarbeite Erlebtes zu sehr dichten inneren Bildern. In: Ästhetische Erfahrung. Perspektiven ästhetischer Rationalität. Eine Festschrift für Gunter Otto zum 70. Geburtstag. Hg. v. Grünewald, Dietrich / Legler, Wolfgang / Pazzini, Karl-Josef. Seelze -Velber 1997, S.49 f.

[4] Ebd., S.49 f.

[5] Vgl. Thomas Loer: Werkgestalt und Erfahrungskonstitution. In: Die Welt als Text. Hg. v. Detlef Garz / Klaus Kraimer. Frankfurt am Main 1994, S.372 f.

[6] Vgl. E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. In: E.T.A. Hoffmann: Sämtliche Werke in 6 Bänden, hg. v. Wulf Segebrecht und Hartmut Steinecke. Bd. 3: Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Bambilla. Werke 1816-1820, hg. v. Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen, Frankfurt/Main 1985, S.12.

[7] Ebd., S.12f.

[8] Ebd., S.13.

[9] Ebd., S.13.

[10] Vgl. E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann, S.14.

[11] Vgl. Gabriele Dillmann: Künstlerische Antizipation und emphatisches Schreiben. Hoffmanns "Der Sandmann" aus selbstpsychologischer Sicht. In: E.T.A.-Hoffmann-Jahrbuch 15 (2007), S.102.

[12] Ebd., S.102 f.

[13] Vgl. E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann, S.17.

[14] Ebd., S.19.

[15] Vgl. E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann, S.19.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das innere Bild in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"
Untertitel
Ein Spannungsverhältnis innerer und äußerer Realität
Hochschule
Universität Osnabrück  (Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Schauerliteratur
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V197204
ISBN (eBook)
9783656232537
ISBN (Buch)
9783656234524
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmann, Sandmann, Serapiontisches Prinzip, Nathanael, Freud, Coppelius, klientenzentrierte Psychotherapie, Kunstprinzip, inneres Bild
Arbeit zitieren
Niklas Möllering (Autor), 2009, Das innere Bild in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197204

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