„Welcher treue, für Nationalbildung besorgte Teilnehmer hat nicht mit Trauer gesehen, daß die krankhaften Werke jenes leidenden Mannes lange Jahre in Deutschland wirksam gewesen und solche Verirrungen als bedeutend fördernde Neuigkeiten gesunden Gemütern eingeimpft wurden.“ Der Einfluss dieser negativen Bemerkung Goethes bezüglich der Dichtkunst Hoffmanns beeinflusste nahezu die gesamte deutsche Rezeptionsgeschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein, sodass er als oberflächlicher Spukgeschichtenschreiber abgetan wurde, welcher beim Leser lediglich Wahnsinn zu erzeugen wusste. Diese Arbeit will jedoch ein anderes Bild auf E.T.A. Hoffmann werfen und sich mit seinem künstlerischen und poetischen Potential auseinandersetzen. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den Gebrauch, die Bedeutung und die Konzeption eines inneren Bildes in Hoffmanns Werk „Der Sandmann“ gelegt werden. Vor allem das erste Kapitel soll sich mit dem inneren Bild seines Protagonisten Nathanael beschäftigen. Die Fragen hierbei sind: Wie entsteht ein inneres Bild, welche Faktoren sind bei der Entstehung eines solchen Bildes von besonderer Bedeutung und welche Auswirkungen kann dieses Bild auf zukünftige Ereignisse haben? Lässt sich bei Hoffmann wirklich ein empathisches Verständnis nachweisen, obwohl die Methodik und die Theorie hierzu noch nicht einmal existierten? Sind diese Fragen geklärt, soll im zweiten Kapitel auf eine etwas weniger „Freudlastige“ Auslegung des inneren Bildes eingegangen werden. Zentraler Aspekt wird nun sein, wie Hoffmann es schafft, das „innere Bezugssystem“ Nathanaels dem Leser näher zu bringen. Ist eine aktive Eigenleistung des Lesers notwendig und welche Bedeutung hat das innere Bild bezüglich dieser Frage? Allen voran Robert Vellusigs Aufsatz „Die Sinnenhaftigkeit der Poesie“ soll dieser Frage als theoretisches Konstrukt dienlich sein.
Im dritten Kapitel soll nun kurz das Hoffmann’sche Konstrukt seiner Kunstauffassung dargestellt werden. Dies soll den dann folgenden Überlegungen als Basis dienen, welche der Frage nachgehen, ob Hoffmann seinen eigenen Bedingungen und Voraussetzungen folgt, ein inneres Bild zu gestalten und zu übertragen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das Innere Bild Nathanaels als Ausdruck des emphatischen Verständnisses Hoffmanns
2. Das innere Bild als notwendige Voraussetzung des Textverständnisses seitens des Lesers
3. Das „Serapiontische Prinzip“ als Kunstwerdung des inneren Bildes
3.1. Die Hoffman’sche Kunstauffassung
3.2. Die Frage nach dem Gelingen des „Serapiontischen Prinzips“ in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des "inneren Bildes" in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann" und analysiert, wie Hoffmann durch eine empathische Erzählweise die Beziehung zwischen innerer und äußerer Realität thematisiert. Dabei wird insbesondere hinterfragt, inwiefern Hoffmanns theoretisches Konstrukt der Kunstauffassung, das sogenannte "Serapiontische Prinzip", in der literarischen Praxis seines Werkes gelingt.
- Psychologische Bedeutung und Entstehung innerer Bilder
- Perspektivisches Erzählen und die Rolle des Lesers
- Das "Serapiontische Prinzip" als poetisches Konstrukt
- Die Spannung zwischen phantastischer Innenwelt und realer Außenwelt
- Literarische Umsetzung und erzähltechnische Realisierung
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Hoffman’sche Kunstauffassung
Besonders im „Sandmann“ scheint das Verfertigen von Kunstwerken das zentrale Thema zu sein. Ausgedrückt wird die Entstehung eines Kunstwerkes durch das „Serapiontische Prinzip“, welches aus Hoffmanns eigener Feder stammt und immer wieder in seinem Werk „Serapions-Brüder“ angesprochen und verarbeitet wird. Primäres Kriterium hierbei ist die Inspiration. Sie stellt eine „Einbildung“ im wörtlichen Sinne dar, nämlich das Vermögen, eine eigene Bilderwelt zu entwickeln. Nicht die Nachahmung irgendeiner Wirklichkeit sei Ansatzpunkt der Dichtung, sondern die freie Phantasie, die sich ihres Bezugs zur Wirklichkeit bewusst bleiben müsse.
„Es gibt eine innere Welt, und die geistige Kraft, sie in voller Klarheit, in dem vollendetsten Glanze des regesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches Erbteil, daß eben die Außenwelt, in der wir eingeschachtet, als der Hebel wirkt, der jene Kraft in Bewegung setzt.“
„Von Matt“ beschreibt diese Kunstauffassung als dreiteiligen Produktionsprozess, wobei eine produktive Einbildungskraft zuerst aus ihrem geheimnisvollen und teils unbewussten Zustand geholt werden muss. Daraufhin beginnt der Künstler mit der Erschaffung eines „phantastischen Prototyps“. Er malt sich die Geschichte sozusagen gedanklich aus. Im dritten Stadium folgt nun das „mechanische Geschäft“, welches die Gedanken mit Hilfe von Worten auf das leere Blatt überträgt und somit eine „Nach-Konstruktion“ der gedanklichen Abläufe impliziert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rezeptionsgeschichte Hoffmanns und definiert die Zielsetzung der Arbeit, das "innere Bild" als zentrales poetisches Konzept in "Der Sandmann" zu untersuchen.
1. Das Innere Bild Nathanaels als Ausdruck des emphatischen Verständnisses Hoffmanns: Dieses Kapitel analysiert auf psychologischer Basis die Entstehung des Kindheitstraumas Nathanaels und zeigt Hoffmanns empathische Fähigkeit auf, die Gefühls- und Vorstellungswelt seines Protagonisten zu verbalisieren.
2. Das innere Bild als notwendige Voraussetzung des Textverständnisses seitens des Lesers: Der Fokus liegt hier auf der erzählerischen Strategie Hoffmanns, durch den Einsatz von Perspektiven und Gegenperspektiven den Leser zur aktiven Rekonstruktion der narrativen Wirklichkeit einzuladen.
3. Das „Serapiontische Prinzip“ als Kunstwerdung des inneren Bildes: Das Kapitel erläutert Hoffmanns Kunsttheorie und prüft kritisch, inwieweit die praktische Durchführung der Verschmelzung von Phantasie und Realität im Text gelingt.
3.1. Die Hoffman’sche Kunstauffassung: Hier wird das "Serapiontische Prinzip" als theoretisches Konstrukt vorgestellt, das auf Inspiration und der bewussten Verknüpfung von innerer Welt und äußerer Realität basiert.
3.2. Die Frage nach dem Gelingen des „Serapiontischen Prinzips“ in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“: Es erfolgt eine Analyse, ob Nathanael und der Erzähler die Anforderungen der Kunsttheorie erfüllen, wobei der Erzähler im Gegensatz zur Hauptfigur als erfolgreich in der Vermittlung des inneren Bildes dargestellt wird.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das innere Bild ein wesentliches Instrument für das Textverständnis ist und Hoffmanns Erzählkunst darin besteht, den Leser zur aktiven Teilnahme am "Serapiontischen Prinzip" zu animieren.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, inneres Bild, Serapiontisches Prinzip, Literaturpsychologie, Perspektivität, Nathanael, Erzählperspektive, Phantasie, Realität, Kindheitstrauma, Kunstauffassung, Rezeptionsgeschichte, Erzähltheorie, Poetologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit analysiert die Funktion und Gestaltung des "inneren Bildes" in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann" unter besonderer Berücksichtigung der psychologischen und poetologischen Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Entstehung traumatischer innerer Bilder bei der Hauptfigur Nathanael, die Rolle des Lesers bei der Textkonstitution und die theoretische Fundierung durch das "Serapiontische Prinzip".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Hoffmann durch empathisches Erzählen und den Einsatz von Perspektivwechseln das innere Bezugssystem seiner Charaktere für den Leser erfahrbar macht und ob dies seinem eigenen Kunstanspruch genügt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Verfasser?
Der Autor stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche und literaturpsychologische Analyse, wobei er aktuelle theoretische Ansätze (z.B. von Thomas Loer und Robert Vellusig) nutzt, um Hoffmanns Texte zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Nathanaels innerem Bild als Kindheitstrauma, die Analyse des Leserbezugs durch verschiedene Erzählperspektiven und eine kritische Auseinandersetzung mit Hoffmanns Kunsttheorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Inneres Bild", "Serapiontisches Prinzip", "Erzählperspektive", "Nathanael" sowie der literaturpsychologische Diskurs über Hoffmanns Erzählweise.
Inwiefern scheitert der Protagonist Nathanael laut Autor?
Nathanael scheitert auf der Handlungsebene daran, sein inneres Bild für andere Personen (insbesondere Clara) nachvollziehbar zu vermitteln, da seine eigene Wahrnehmung durch emotionale Instabilität und ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Realität und Phantasie verzerrt ist.
Warum gelingt dem Erzähler hingegen die Vermittlung des Bildes?
Der Erzähler schafft es laut Autor, durch geschickte Wahl der Erzählform und den Einsatz des Präsens einen unmittelbaren Zugang zur Gedankenwelt Nathanaels zu ermöglichen, wodurch das Serapiontische Prinzip auf der Meta-Ebene der Erzählung erfolgreich umgesetzt wird.
- Arbeit zitieren
- Niklas Möllering (Autor:in), 2009, Das innere Bild in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197204