Die Position der Bundesrepublik Deutschland während der „Krise des leeren Stuhls“ 1965/66

Entstehung, Ausbruch und Lösung der Krise in der EWG aus deutscher Perspektive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
30 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Auf dem Weg in die Krise
1.1 Ursachen und Gründe der Krise
1.2 Reaktionen auf die Vorschläge der Kommission vom 31. März 1965

2. Die Position der Bundesrepublik Deutschland während der Krise
2.1 Nach dem 31. Juni 1965 – Erste Reaktionen aus Deutschland
2.2 Wie soll man Frankreich begegnen? – Verschiedene Strategien

3. Deutschland und die Lösung der Krise
3.1 Kompromissbereitschaft und Lösungsvorschläge Deutschlands
3.2 Der Luxemburger Kompromiss und die Konsequenzen für Deutschland

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

6. Einzelnachweise

Einleitung

„Hallstein und die von ihm geleitete Kommission der EWG haben nach de Gaulles Ratschluß eine Todsünde begangen: Aufsässigkeit gegen de Gaulle, und de Gaulles Rache heißt: Boykott. Der Franzose zog seinen EWG-Botschafter Boegner samt 18 Experten aus Brüssel ab, machte den Ministerrat handlungsunfähig und provozierte damit die bislang schwerste Krise der EWG. Sie ist gefährlicher als alle vorausgegangen.“[1]

Der Ausbruch von Krisen in der europäischen Politik stellt scheinbar eine ständige Begleiterscheinung beim fortlaufenden Prozess der europäischen Integration dar. Dies galt bereits für das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in den 1950er Jahren oder das Scheitern des „Werner-Plans“ in den 1970er Jahren. Die 60er Jahre waren ein ereignisreiches Jahrzehnt für die europäische Integration. Die europäische Gemeinschaft befand sich in einer Phase der Neuordnung. Mit den oben zitierten Worten berichtete die Zeitschrift Der Spiegel im August 1965 über einen Vorfall, der einige Tage zuvor die politischen Entscheidungsprozesse der europäischen Institutionen lähmte und die damalige EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) in eine tiefe Krise stürzte. Gemeint ist die „Politik des leeren Stuhls“ in den 1960er Jahren.

Aufgrund gescheiterter Gespräche über die Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben im Agrarbereich stellte Frankreich seine Mitarbeit im Ministerrat und im Beratungsausschuss zur Verwirklichung einer Wirtschaftsunion ein.[2] Vom 1. Juli 1965 bis zum 30. Januar 1966 boykottierte die französische Regierung auf Weisung des damaligen Staatspräsidenten Charles de Gaulle durch Fernbleiben die Sitzungen des Ministerrates und protestierte so gegen die Vorschläge der Kommission.[3]

Obwohl de Gaulle die Finanzierung des Agrarmarktes bereits einige Zeit vor Ausbruch der Krise zum Streitthema gemacht hatte, kam der plötzliche Abzug der französischen Delegation aus Brüssel sowie der Abbruch sämtlicher Verhandlungen für die übrigen EWG Mitglieder, unter ihnen die Bundesrepublik Deutschland, unerwartet.[4]

Die historische Darstellung der Europapolitik aus der Sicht eines einzelnen Landes mag aus Sicht heutiger Forschungen über den europäischen Integrationsprozess eingeschränkt und möglicherweise wenig fruchtbar erscheinen. Dennoch kann gerade die Darstellung aus nationaler Perspektive helfen, Zusammenhänge und Ereignisse innerhalb dieses Prozesses und die Handlungen eines bestimmten Landes besser zu verstehen als ein multinationaler Ansatz. Natürlich ist Europapolitik nicht die Politik eines Einzelnen, auch bi- und supernationale Ereignisse spielen eine wichtige Rolle, weshalb ich neben der Position Deutschlands auch immer wieder auf die Positionen und Motivationen der anderen Mitgliedsländer, besonders natürlich Frankreich, eingehen werde. Dabei werden auch die in bilateralen Gesprächen gewonnen Einblicke mit in diese Arbeit fließen. Im Focus der vorliegenden Hausarbeit steht nun die Position der Bundesrepublik Deutschland während der Krise des leeren Stuhls. Dabei sollen vor allem folgenden Fragen geklärt werden: Wie reagierte man in Bonn auf den Ausbruch der Krise? Welche Lösungsvorschläge und Strategien wurden auf deutscher Seite erarbeitet um die Krise zu überwinden? Und schließlich: Welche Folgen hatte die Krise speziell für die Bundesrepublik Deutschland? Was waren die Konsequenzen, denen man sich auf deutscher Seite 1966 stellen musste? Neben einer Auseinandersetzung mit dem Zeitraum während und nach der Krise soll aber auch deren Ursprung hier näher erläutert werden. Dabei gilt es zunächst die Entwicklungen innerhalb der EWG vor 1965 zu betrachten, auch hier soll dabei vor allem die deutsche Seite im Vordergrund stehen.

Als Literaturgrundlage für diese Hausarbeit dienten mir u.a. die sehr umfangreichen Veröffentlichungen zur Krise in der EWG von Piers Ludlow und Heiner Timmermann sowie die sehr ausführliche Darstellung Gerhard Schröders von Torsten Oppelland. Als Quellen beziehe ich mich hauptsächlich auf die Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland aus den Jahren 1965 und 1966, Sitzungsprotokolle des Auswärtigen Ausschusses des deutschen Bundestages, sowie auf einige Dokumente aus dem Europa Archiv.

1. Auf dem Weg in die Krise

1.1 Ursachen und Gründe der Krise

Im folgenden Kapitel gilt es zunächst die Krise des leeren Stuhls genauer zu betrachten und zu analysieren. Dabei soll geklärt werden welche verschiedenen Motivationen und Wechselwirkungen eigentlich zum Ausbruch der Krise führten, was sich die französische Regierung vom Boykott der EWG versprach und inwiefern deutsche Interessen und Positionen zur Krise beigetragen haben.

Obwohl man vereinfacht festhalten kann, dass der Auslöser der Krise in den Vorschlägen der Kommission an den Rat vom März 1965 zu finden ist[5], lassen sich bereits vorher wachsende Spannungen und steigendes Misstrauen unter den sechs EWG Partnern feststellen.[6] Auslöser für Reibungen unter den Partnern waren meist nationale Sonderinteressen:

„Sie reichen von ideologischen und politischen Hindernissen und Einwänden, innenpolitischen Rücksichtsmaßnahmen und Mangel an ausreichend Einsicht und Konzeption bis hin zu einer grundsätzlich verschiedenen Auffassung von Lösungsansätzen und Politiken, von Recht und Nation, Gesellschaft – in diesem Falle: Ansichten über Formen, Reichweite und Dimension der Integration.“[7]

Bereits seit 1961 gab es einen Interessenkonflikt zwischen Frankreich und Deutschland, betreffend den Beitritt Großbritanniens in die EWG.[8] Während man in Deutschland einen Beitritt der Engländer für wünschenswert hielt,[9] überraschte de Gaulle seine Partner mit einem vorerst endgültigen Veto gegen den Beitritt am 14. Januar 1963 und stürzte den westeuropäischen Integrationsprozess damit in eine erste schwere Krise.[10] Die Ablehnung de Gaulles ist aber nicht nur als Rückschlag für den Fortschritt der europäischen Integration zu sehen, es war auch eine gewisse Provokation Frankreichs gegenüber seinen EWG Partnern. Denn: „Worst of all, the manner of de Gaulles veto had broken all the unwritten rules of cooperation and trust [...] The French decision had been taken […] without any form of consultation […]”.[11] Das Veto Frankreichs war quasi ein Alleingang de Gaulles und ließ starke Zweifel an seiner Haltung gegenüber dem europäischen Integrationsprozess aufkommen. Auch der damalige Außenminister der Bundesrepublik, Gerhard Schröder, zeigte sich bei einer Sitzung des Auswärtigen Ausschusses am 17. Januar verunsichert:

„Der zweite Punkt ist dann die Frage: Wie steht Frankreich zu dem von uns allen als groß und wichtig betrachteten und behandeltem Projekt des Beitritts Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt? [...] Wollen wir uns die Sache mal vom Negativen ansehen, so wird man kaum annehmen können, dass heute etwas anderes erklärt werden wird, als was de Gaulle am Montag in seiner Pressekonferenz erklärt hat [...] Ich habe also ziemlich große Befürchtungen hinsichtlich dieser für heute angekündigten Erklärung. Ob das eine Erklärung sein wird, die die Dinge in Brüssel noch stärker stoppt [...] vermag ich nicht zu sagen.“[12]

Um die Ereignisse der 60er Jahre besser verstehen zu können, ist es wichtig, zuvor die politische Gesamtsituation, in der sich die europäischen Länder befanden, zu betrachten. Die europäische Einigung machte solang Fortschritte, wie der Zweite Weltkrieg unübersehbar seine Spuren auf dem Kontinent hinterlassen hatte und die europäischen Staaten, egal ob sie auf der Sieger- oder Verliererseite gestanden hatten, von den zwei großen Weltmächten eingeschlossen waren. Beide Seiten übten Einfluss auf den Integrationsprozess aus oder machten ihn zur Voraussetzung für wirtschaftliche (und politische) Wiederaufbauhilfe.[13] Für Charles de Gaulle war dabei vor allem die Entwicklung des deutsch-amerikanischem Verhältnisses Mitte der 60er Jahre besorgniserregend, da er fürchtete die USA könnten einen zu starken Einfluss auf die EWG ausüben („The new nightmare scenario for the French was of Bonn teaming up with the Americans in order to use the Kennedy Round to undermine the CAP.“[14]). De Gaulle soll Außenminister Gerhard Schröder und Bundeskanzler Ludwig Erhard vorgeworfen haben, durch ihre atlantische Orientierung bewusst das deutsch-französische Einverständnis zu untergraben.[15] Zwar hatte er 1964 noch betont, dass Frankreich „ [...] stets ein Freund der Vereinigten Staaten [...]“[16] sei und auch weiterhin an freundschaftlichen Beziehungen zu den USA festhalten will, jedoch stellte er auch klar, dass er weder Frankreichs Politik noch die Europas Amerika unterordnen wolle.[17] Eine wesentlich größere Quelle weiteren Unbehagens innerhalb der EWG war allerdings der Gegensatz zwischen de Gaulles genereller Einstellung gegenüber Supranationalität und den Ansichten des Präsidenten der ersten Kommission der EWG, Walter Hallstein:

„By the mid-1960s, however, there were signs that the French President at least was growing somewhat frustrated by the enduring federalist ambitions of the European Commission in particular. His public outbursts on the subject had grown more frequent. His private mutterings, meanwhile, especially those directed at pretensions of Hallstein as Commission President, were even more acerbic.”[18]

Seit dem Bestehen der EWG betonte die EWGKommission immer wieder das politische Endziel der Integration: die politische Einigung Europas.[19] Diese Entwicklung soll nicht komplett im Interesse de Gaulles gelegen haben, deutsche Medien warfen Frankreich sogar vor die Römischen Verträge in erster Linie wegen seiner Landwirtschaft unterzeichnet zu haben („Charles de Gaulle sah in dem Werk nicht sehr viel mehr als die Gründung einer Art europäischer Kaufmannsgilde zum Nutzen Frankreichs.“).[20] Der französische Außenminister Couve de Murville ließ 1964 bei einem Gespräch mit dem deutschen Staatssekretär Carstens keine Zweifel daran, dass es Frankreich zunächst um die Schaffung einer wirtschaftlichen Union gehe und deren Vollendung Vorrang vor Überlegungen einer politischen Union habe:

„Es sei zur Zeit „Mode“, dass jedermann von politischen Unions-Plänen spreche. Nach Ansicht der französischen Regierung sei der Gemeinsame Markt unsere Ausgangsbasis, und in ihm gelte es zunächst den Agrarmarkt zu vollenden. [...] Leider fehle es noch an einer [...] politischen Übereinstimmung sowohl in der Außenpolitik wie auch in der Verteidigungspolitik.“[21]

Die Einigung bezüglich eines gemeinschaftlichen Agrarmarktes hatte für Frankreich Priorität, umso unzufriedener soll de Gaulle über das zögerliche Vorankommen in dieser Streitfrage gewesen sein.[22] Tatsächlich hatte Frankreichs Landwirtschaft bis Ende 1964 von der EWG profitiert, jedoch war de Gaulle sich bewusst darüber, dass die Einigung im Agrarbereich noch nicht beendet war[23], weshalb der französische General am 14. Dezember 1964 mittels eines Ultimatums den Prozess beschleunigen wollte. De Gaulle ließ verkünden Frankreich werde die EWG verlassen, sollte bis zum 15. Dezember keine Einigung bezüglich eines gemeinschaftlichen Getreidepreises erzielt worden sein.[24] Bereits einige Monate zuvor erklärte Couve de Mourville „[...] man komme im Gemeinsamen Markt offenbar nur durch Krisen weiter.“[25]

Tatsächlich zeigte de Gaulles Drohung Wirkung. In der Nacht vom 1. auf den 15. Dezember erfolgte in Brüssel die Einigung über die gemeinsamen Agrarpreise, die am Ende einer Übergangszeit im Jahre 1967 in Kraft treten sollten.[26] Außerdem bat der Ministerrat die Kommission bis zum 31. April 1965 Vorschläge zur Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik vorzulegen.[27] Obwohl sich die Lage seit den deutschen Zugeständnissen etwas entspannt hatte, ging man mit einer gewissen Nervosität ins Jahr 1965. Aufgrund der bleibenden Uneinigkeit über die Zukunft einer politischen Union Europas wurden die Verhandlungen in der EWG zu einem „low-level guerilla war“.[28]

1.2 Reaktionen auf die Vorschläge der Kommission vom 31. März 1965

Die Situation blieb Anfang des neuen Jahres weiterhin angespannt. Zwar hatte man sich im Dezember 1964 in Brüssel einigen können, dass nun konkrete Vorschläge für die Finanzierung des Agrarmarktes gemacht werden sollten, jedoch blieben die unterschiedlichen Ansichten über das Ausmaß der europäischen Integration weiterhin bestehen. Frankreich war nicht bereit vom seinem bisherigen Standpunkt oder von seinem Kurs abzuweichen und de Gaulle wurde auch im neuen Jahr nicht müde seine Abneigung gegenüber einem supranationalen Europa zum Ausdruck zu bringen.[29] In einer Fernsehansprache an das französische Volk im April des Jahres 1965 betonte er wiederholt Frankreichs Bedürfnis möglichst unabhängig und eigenständig zu bleiben. Er sagte:

„Die gleichen Leute verlangten [...] dass unser Land statt, wie es natürlich ist, an einer organisierten Zusammenarbeit der freien Nationen des alten Kontinents teilzunehmen, sich in einem sogenannten „integriertem Europa“ buchstäblich auflöse, das ohne die Triebfeder der Souveränität der Völker [...] automatisch dem Protektor von jenseits des Atlantik untergeordnet sein würde.“[30]

De Gaulles Furcht vor einem Souveränitätsverlust Frankreichs im Zuge der Integration wird hier sehr deutlich, des Weiteren spricht er noch einmal die, von ihm missbilligte, Unterordnung der europäischen Staaten gegenüber den USA an. Mit dem „Protektor von jenseits des Atlantik“ zielt der Staatspräsident auf die Vereinigten Staaten. De Gaulle spricht seine Befürchtungen offen aus. Sollte man sich bedingungslos der europäischen Integration in ihrem vollen Ausmaß hingeben „[...] gäbe es kein Frankreich mehr“.[31]

Wie bereits erwähnt waren es insbesondere die Vorschläge der Kommission an den Ministerrat vom 31. März 1965 die endgültig zur Krise des leeren Stuhls führten. Diese Vorschläge sollten ursprünglich zu einer Entscheidung über die Fortsetzung der Agrarfinanzierung führen, jedoch war man sich in der Kommission uneinig ob man sich damit begnügen solle.[32] Die Vorschläge offenbarten schließlich Bestrebungen der EWGKommission unter Kommissionspräsident Walter Hallstein, für die Finanzierung der gemeinsamen Agrar- und Wirtschaftspolitik die Einnahmen der Mitgliedstaaten aus Binnenzöllen in voller Höhe heranzuziehen und diese Einnahmen nicht mehr den Mitgliedsstaaten, sondern einer Art Gemeinschaftskasse zukommen zu lassen. Dem Europäischen Parlament sollte außerdem ein Kontrollrecht über die Verwendung dieser Mittel eingeräumt werden. Darüber hinaus schlug die Kommission vor, dass im Bereich der gemeinsamen Agrarpolitik zum 1. Januar 1966 Abstimmungen im Rat nicht mehr nach dem bis dahin geltenden Einstimmigkeitsprinzip durchgeführt werden sollten, sondern mit qualifizierter Mehrheit. Konkret bedeutet dies, dass ein Rechtsakt, um angenommen zu werden, nicht mehr alle der 17 Stimmen im Ministerrat benötigt hätte, sondern lediglich eine ungefähre Zweidrittelmehrheit von 12.[33] Statt sich auf Vorschläge für die Realisierung des Gemeinsamen Marktes zu beschränken, legte die Kommission ein Bündel weitreichender Bestimmungen vor, die zwei verschiedene Ebenen miteinander verknüpften: die politisch-institutionelle und die wirtschaftlich-finanzielle Ebene. Die Reaktionen auf die Vorschläge waren vielfältig. Im nun folgenden Abschnitt sollen vorrangig die deutsche und die französische Reaktion näher betrachtet werden.

Die Vorschläge der Kommission wurden in der Ministerratssitzung vom 15. Juni 1965 erstmals durch Stellungnahmen der einzelnen Regierungen behandelt.[34] Eine endgültige Klärung der dabei aufgeworfenen Fragen sollte jedoch erst auf der Tagung vom 28. bis zum 30. Juni 1965 folgen. Die unter dem Vorsitz der Franzosen geführten Verhandlungen zeigten deutlich einige Konfliktsituationen und unterschiedliche Positionen.[35] Frankreich war, wie bereits erwähnt, vorrangig an einer befriedigenden Finanzregelung für die gemeinsame Agrarpolitik interessiert und stand den übrigen Teilen der Kommissionsvorschläge reserviert bis ablehnend gegenüber.[36] Die deutsche Regierung war zumindest bereit, die Vorschläge als Grundlage für weitere Verhandlungen zu akzeptieren. Die Bundesrepublik hatte einerseits die politischen Kräfte zu berücksichtigen, welche die Kommissionsvorschläge begrüßten, darunter u.a. Außenminister Gerhard Schröder.[37] In einer Rede im Mai 1965 bekräftigte er das Eintreten der deutschen Regierung für die Vorschläge Hallsteins zur Stärkung des Europäischen Parlaments[38] und auch der Deutsche Bundestag befürwortete dies:

„Unter Berücksichtigung des Vertrags für die Weiterentwicklung der europäischen Institutionen stimmt der Deutsche Bundestag ihm zu, betont aber, dass er es für unerlässlich hält, die Stellung des Europäischen Parlamentes ständig – und vor allem auf dem Gebiete des Haushaltsrechts – zu verstärken.“[39]

[...]


[1] „Hallstein – Vermintes Gelände”, Der Spiegel, 4. August 1965, S. 22.

[2] vgl. Torsten Oppelland: Gerhard Schröder (1910 – 1989). Politik zwischen Staat, Partei und Konfession, Düsseldorf: Droste 2002, S. 633 ff.

[3] vgl. N. Piers Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s. Negotiating the Gaullist challenge, London 2006 S. 69.

[4] vgl. Oppelland: Gerhard Schröder, S. 633 ff.

[5] vgl. Henning Türk: “To Face de Gaulle as a Community”. The Role of the Federal Republic of Germany During the Empty Chair Crisis, in: Visions, votes and vetoes. The Empty Chair Crisis and the Luxembourg Compromise Forty Years On, herausgegeben von Jean-Marie Palayret u.a., Brüssel 2006, S. 114.

[6] vgl. N. Piers Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s. Negotiating the Gaullist challenge, London 2006 S. 12.

[7] Heiner Timmermann: Die „Politik des leeren Stuhls“ und der Luxemburger Kompromiß, in: Die Europäische Union und ihre Krisen, herausgegeben von Roman Kirt, Baden-Baden 2001, S. 111, (=Schriften des Zentrum für Europäische Integrationsforschung, Band 30).

[8] vgl. Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s, S. 13.

[9] vgl. ebd. und vgl. Der Auswärtige Ausschuß des deutschen Bundestages. Sitzungsprotokolle 1961 – 1965, eingeleitet und bearbeitet von Wolfgang Hölscher, erster Halbband Dezember 1961 bis Mai 1963, Düsseldorf 2004.

[10] vgl. Timmermann: Die „Politik des leeren Stuhls“ und der Luxemburger Kompromiß, S. 112 ff.

[11] Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s, S. 12.

[12] Der Auswärtige Ausschuss des Deutschen Bundestages. Sitzungsprotokolle 1961 – 1965, eingeleitet und bearbeitet von Wolfgang Hölscher, erster Halbband Dezember 1961 bis Mai 1963, Düsseldorf 2004, Dokument 24, 17. Januar 1963: 24. Sitzung, S. 472.

[13] vgl. Hans von der Groeben: Aufbaujahre der Europäischen Gemeinschaft. Das Ringen um den Gemeinsamen Markt und die politische Union (1958 - 1966), Baden-Baden 1982 S. 47.

[14] Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s, S. 56.

[15] vgl. Oppelland: Gerhard Schröder (1910 – 1989), S. 630 ff.

[16] Gespräch des Bundeskanzlers Erhard mit Staatspräsident de Gaulle, 3. Juli 1964, Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (nun AAPD) 1964, München 1995, Dok. 180, S. 714.

[17] vgl. ebd.

[18] Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s, S. 57.

[19] vgl. “EWG – Krieg und Frieden”, Der Spiegel, 14. Juli 1965, S. 16.

[20] ebd. S. 15.

[21] Gespräch des Staatssekretärs Carstens mit dem französischen Außenminister Couve de Mourville in Paris, 24. Oktober 1964, AAPD 1964, München 1995, Dok. 297, S. 1187.

[22] vgl. Oppelland: Gerhard Schröder (1910 – 1989), S. 631 und AAPD 1964, München: Oldenbourg 1995, Dok. 287 und Dok. 297, S. 632.

[23] vgl. Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s, S. 55.

[24] vgl. Oppelland: Gerhard Schröder (1910 – 1989), S. 632.

[25] Gespräch des Staatssekretärs Carstens mit dem französischen Außenminister Courve de Mourville in Paris, 24. Oktober 1964, AAPD 1964, München: Oldenbourg 1995, Dokument 297, S. 1188.

[26] vgl. von der Groeben: Aufbaujahre der Europäischen Gemeinschaft, S. 231 ff.

[27] ebd.

[28] Ludlow: The European Community and the Crises of the 1960s, S. 57.

[29] ebd.

[30] Fernsehansprache des französischen Staatspräsidenten, Charles de Gaulle, vom 27. April 1965, Europa Archiv, Folge 10 / 1965, herausgegeben von Wilhelm Cornides, Frankfurt am Main 1965, D 252.

[31] ebd.

[32] vgl. Timmermann: Die „Politik des leeren Stuhls“ und der Luxemburger Kompromiß, S. 113.

[33] vgl. Vorschläge der EWG Kommission an den Rat vom 31. März 1965 betr. Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik, eigene Einnahmen der Gemeinschaft und Stärkung der Befugnisse des europäischen Parlaments, in: Europa Archiv, 1965, Folge 16, S. 404ff.

[34] vgl. Memorandum der EWG Kommission an den Rat vom 22. Juli 1965, in: Europa Archiv, 1965, Folge 16.

[35] vgl. Timmermann: Die „Politik des leeren Stuhls“ und der Luxemburger Kompromiß, S. 114.

[36] ebd.

[37] vgl. Oppelland: Gerhard Schröder (1910 – 1989), S. 631.

[38] ebd.

[39] Entschließung des Deutschen Bundestages vom 30. Juni 1965 betr. Die Befugnisse des Europäischen Parlaments, , in: EA, 1965, Folge 16, S. 427.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Position der Bundesrepublik Deutschland während der „Krise des leeren Stuhls“ 1965/66
Untertitel
Entstehung, Ausbruch und Lösung der Krise in der EWG aus deutscher Perspektive
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,4
Autor
Jahr
2009
Seiten
30
Katalognummer
V197222
ISBN (eBook)
9783656233640
ISBN (Buch)
9783656235163
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europa, Adenauer, Charles de Gaulle, EWG, Krise, Einigung, Krise des leeren Stuhls, 1965
Arbeit zitieren
Florian Rübener (Autor), 2009, Die Position der Bundesrepublik Deutschland während der „Krise des leeren Stuhls“ 1965/66, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197222

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