Gesundheitsförderung im Strafvollzug


Hausarbeit, 2002
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptgesundheitsprobleme Strafgefangener
2.1 Drogenabhängigkeit
2.2 HIV / AIDS
2.3 Hepatitis B und C

3. Zur Situation im Strafvollzug
3.1 Zur Situation Drogenabhängiger
3.2 Zur Situation anderer Risikogruppen

4. Traditionelle Reaktionsmuster im Strafvollzug
4.1 auf Infektionserkrankungen
4.2 auf Drogenkonsum

5. Therapeutische Ansätze .
5.1 Medizinische Hilfen im Strafvollzug
5.2 Therapie statt Strafe

6. Moderne Ansätze der Infektionsprophylaxe im Strafvollzug
6.1 Spritzenumtauschprogramme am Beispiel der JVA für Frauen in Vechta und der JVA Lingen
6.2 Der „Kondom-Erlass“ des NRW-Justizministeriums
6.3 Substitutionsbehandlung Drogenabhängiger
6.4 „Peer-support“

7. Neuere politische Entwicklungen

8. Schlusswort

9. Literaturverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

„Gesundheit wird von den Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung geschaffen und gelebt: dort wo sie spielen, lernen, leben, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, daß man sich um sich selbst und für andere sorgt, daß man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, daß die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen“ (Ottawa-Charta zit. nach Stöver, 2000, S. 12).

1. Einleitung

Im modernen Strafvollzug stoßen Konzepte der Gesundheitsförderung auf eine ganz besondere Problematik. Der hohe Anteil Drogensüchtiger in den Haftanstalten stellt dabei die größte Herausforderung dar, besonders dadurch dass sich im Zusammenhang mit dem Drogenabusus Infektionskrankheiten wie HIV/AIDS und besonders in den letzten Jahren Hepatitis B und C stark verbreitet haben. Jede dieser Infektionskrankheiten ist dabei als existentiell bedrohlich zu sehen. Insbesondere Hepatitis wurde in der Literatur bereits als desmoterische, d.h. gefängnistypische, Krankheit bezeichnet. Unter Drogenkonsumenten wurde in verschiedenen Prävalenzstudien eine 50-98%ige Verbreitung von Hepatitisinfektionen nachgewiesen (vgl. Stöver, 2000, S.14).

Unter dem Begriff Strafvollzug verbirgt sich ein breites Spektrum von Vollzugsformen, dass von Freigängerhäusern, in denen Strafgefangene z.B. auf ihre Entlassung vorbereitet werden und in denen relativ gelockerte Haftbedingungen herrschen, bis zum strikten Verwahrvollzug mit höchsten Sicherheitsauflagen reicht. Besonders schwierig ist die Situation auch im Bereich der Untersuchungshaft, da zu einer sich plötzlich total veränderten Lebenssituation des einzelnen auch die Besuchsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind und so die sozialen Kontakte sehr eingeengt werden. Hier muß auch berücksichtigt werden, dass die Inhaftierten vor dem Vorliegen eines rechtsgültigen Urteils im Hinblick auf ihr zukünftiges Leben in einer vollkommen ungewissen Situation leben. Drogenabhängige gelten in der Regel allerdings als nicht lockerungsgeeignet und ihnen wird daher ein Probehandeln in Freiheit vorenthalten, unter Verweis auf eine bestehende Suchtgefährdung. Suchtkranke verbleiben also im Verwahrvollzug. Eine vorzeitige Haftentlassung für diese Personengruppe ist nicht vorgesehen.

Last but not least soll hier noch erwähnt werden, dass neben der Gesundheitsförderung bei Strafgefangenen, der Gesundheitsschutz der Anstaltsbediensteten im Konzept der Gesundheitsförderung im Strafvollzug integriert werden muß.

Zunächst jedoch wollen wir uns kurz mit den wichtigsten Gesundheitsproblemen Strafgefangener befassen.

2. Hauptgesundheitsprobleme Strafgefangener

Wie in der Einleitung bereits erwähnt stellen der Drogenmissbrauch und die damit in Zusammenhang stehenden Infektionskrankheiten HIV/AIDS und Hepatitis B und C die bedeutendsten Gesundheitsprobleme im Strafvollzug dar. An dieser Stelle möchten wir die einzelnen Krankheitsbilder kurz erläutern.

2.1 Drogenabhängigkeit

Zunächst sollten verschiedene Begriffe geklärt werden. Die WHO definiert Drogen wie folgt: „Drogen sind demnach alle Stoffe, Mittel, Substanzen, die aufgrund ihrer chemischen Natur Strukturen oder Funktionen im lebenden Organismus verändern, wobei sich diese Veränderungen insbesondere in den Sinnesempfindungen, in der Stimmungslage, im Bewusstsein oder in anderen psychischen Bereichen oder im Verhalten bemerkbar macht“ (zit. nach Stöver, 2000, S. 19). Legale Drogen, wie Alkohol und Zigaretten, werden von illegalen Drogen, wie Opiaten und Cannabisprodukten, unterschieden. In Bezug auf Drogenkonsum besteht laut WHO ein Unterschied zwischen „schädlichem Gebrauch“ und Abhängigkeit. „Schädlicher Gebrauch“ liegt dann vor, wenn der Konsum einer psychotropen Substanz zu einer nachweisbaren körperlichen und/oder psychischen Gesundheitsschädigung führt und kann bereits vor Beginn einer Abhängigkeit vorhanden sein. Die WHO definiert Drogenabhängigkeit dagegen folgendermaßen: „Ein Zustand psychischer oder psychischer und physischer Abhängigkeit von einer Substanz mit zentralvenöser Wirkung, die zeitweise oder fortgesetzt eingenommen wird“ (zit. nach Stöver, 2000, S. 20). Als Leitsymptome einer Drogenabhängigkeit gelten „der starke Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren und eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn und Ende des Konsums“ (Krausz, 1998, zit. nach Stöver, 2000, S. 20), ferner „der Nachweis körperlicher Toleranz, der zu Dosissteigerungen führt, die fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen und der anhaltende Substanzkonsum trotz eindeutiger schädlicher gesundheitlicher Folgen“ (Krausz, 1998, zit. nach Stöver, 2000, S. 20). Für einen Abhängigen steht die Droge und deren Beschaffung im Mittelpunkt seines Lebens und führt so durch die sogenannte Beschaffungskriminalität häufig zur Inhaftierung. Verschiedene Studien belegen, dass etwa 2/3 der befragten Drogenkonsumenten Hafterfahrung hatten (vgl. Stöver, 2000, S. 62). Außerdem stellen eine oft unregelmäßige Ernährung und eine Vernachlässigung der Gesundheit bis zu einer Verwahrlosung der unmittelbaren Lebensumgebung zusätzliche gesundheitliche Risiken dar. Das Hauptproblem, dass aus der gemeinsamen Nutzung unsteriler Spritzbestecke resultiert, sind aber inzwischen existentiell bedrohliche Infektionskrankheiten, wie HIV/AIDS und Hepatitis B und C.

2.2 HIV/AIDS

Ende der 70er Jahre wurde in Kalifornien erstmals eine neuartiges Krankheitsbild beschrieben, bei dem die Patienten unter einer irreversiblen Störung des Immunsystems litten. Unter dem Namen AIDS (A quiered I mmune D eficiency S yndrome, auf Deutsch: Erworbener Immundefekt) verbreitete sich die Erkrankung zunächst bei homosexuellen Männern, Drogenabhängigen, aber auch unter den Empfängern von Bluttransfusionen und Plasmaderivaten. Seit einigen Jahren hat sich AIDS auch jenseits dieser klassischen Risikogruppen stark ausdehnt und damit wandelte sich das Bild der Bevölkerung bezüglich dieser Infektionserkrankung. 1983 gelang der Nachweis eines bis dahin unbekannten Retrovirus, heute bekannt als HI-Virus (H umanes I mmundefizienz V irus), das als Erreger identifiziert wurde. Die Übertragung erfolgt über 3 Hauptübertragungswege:

- ungeschützter Geschlechtverkehr,
- Einbringung von erregerhaltigem Blut oder Blutprodukten in die Blutbahn,
- prä-, peri- oder postnatal von der infizierten Mutter auf ihr Kind.

In Deutschland stellen homo- und bisexuelle Männer mit 50% immer noch den größten Anteil unter den Neuinfizierten, der Anteil der i.v. Drogenkonsumenten unter den Neuinfizierten liegt seit Jahren bei 12%. Zugenommen hat dagegen der Anteil der durch heterosexuelle Kontakte Infizierten aus inzwischen 17% aller Neuinfektionen.

Zwischen der Infektion mit dem HI-Virus (im Folgenden HIV) und der Krankheitsbild AIDS muß dabei unterschieden werden. Zwischen der eigentlichen Infektion und dem Ausbruch des Vollbildes Aids können bis zu 15 Jahren liegen. Dabei unterliegt der

Verlauf starken Schwankungen und ist durch das Auftreten bestimmter oppertunistischer Infektionskrankheiten (z.B. Pneumonien durch Pneumocystis carinii) und Tumore (z.B. Kaposi-Sarkom) bestimmt.

Die Letalität der HIV-Infektion ist extrem hoch, unbehandelt sterben etwa 2/3 der Infizierten innerhalb der ersten 15 Jahre. Dank einer verbesserten medizinischen Behandlung ist es heute möglich das Auftreten von AIDS um viele Jahre hinauszuzögern und die Lebenserwartung deutlich zu verlängern, aber: eine HIV-Infektion ist nicht heilbar! Die medikamentöse Therapie ist teuer, die Medikamente haben viele Nebenwirkungen und sind nicht für jeden gleichermaßen zugänglich. In der Vergabe dieser Medikamente gibt es sowohl ökonomische, als auch kulturelle und soziale Ungleichheiten. Von den neuen Möglichkeiten der Behandlung profitieren vor allem die westlichen Staaten. Sozial stark ausgegrenzte und kriminalisierte Hauptrisikogruppen, wie z. B. Drogenabhängige mit intravenösem Konsum der Drogen profitieren von dem medizinischen Fortschritt nur sehr viel geringer (vgl. Heino Stöver , 2000 , S.32). Eine Impfung gegen HIV ist zur Zeit nicht möglich, obwohl die Forschung unter dem Einsatz großer finanzieller Mittel mit Hochdruck daran arbeitet. Gerade aber weil eine kurative Therapie und ein vor der Infektion schützender Wirkstoff fehlen ist die Verhinderung einer Infektion entscheidend. (vgl. „Die HIV-Infektion (AIDS) – Merkblatt für Ärzte“ auf http://www.rki.de/GUIDE_INFEKT/MBL/HIV.HTM)

2.3 Hepatitis B und C

Als Hepatitis wird eine Leberentzündung bezeichnet, die verschiedene Ursachen, z.B. toxische, haben kann. Bei Hepatitis B und C handelt es sich um Virus-Infektionen. Während für die Hepatitis B seit Anfang der 80er Jahre ein Impfstoff existiert, wurde das Hepatitis C-Virus (HCV) erst 1988 nachgewiesen. Beide Virusformen werden ähnlich wie HIV übertragen.

Hepatitis B ist weltweit eine der häufigsten Infektionskrankheiten. Das Hepatitis B-Virus (HBV) kommt in allen Körperflüssigkeiten vor die Übertragung erfolgt v.a. sexuell (60 – 70% der Neuinfektionen) und durch Blut oder Blutprodukte. Ca. 90% der akuten Hepatitis B-Erkrankungen heilen vollständig aus, 5 – 10% entwickeln einen chronischen Verlauf. Nach 5 Jahren bildet sich bei etwa 50% der unter chronischer Hepatitis B-Erkrankten eine Leberzirrhose aus. Das Risiko an einem Leberzellkarzinom zu erkranken ist bei vorbestehender HBV-Infektion im Vergleich zur Normalbevölkerung um den Faktor 100 erhöht.

Die Übertragung des HC-Virus erfolgt v.a. über den Blutweg. Nur ca. 20% der Infizierten entwickeln eine akute Hepatitis, die übrigen HCV-Infektionen verlaufen primär meist asymptomatisch. In 50 - 80% entwickelt sich eine chronische Verlaufsform, von denen wieder bei bis zu 20% eine Leberzirrhose ausbildet, es besteht zudem ein hohes Risiko an einem Leberzellkarzinom zu erkranken.

Sowohl bei Hepatitis B als auch bei Hepatitis C kommt es zu Wechselwirkungen mit der HIV-Infektion. Bei HIV-Positiven bildet sich deutlich häufiger eine chronische Hepatitis B aus und bei fortgeschrittener Immunschwäche vermehrt sich das HB-Virus sehr stark. Bei chronischer Hepatitis C verläuft eine HIV-Infektion rascher und es kommt häufiger zum Leberversagen.(vgl. „Hepatitis B – Merkblatt für Ärzte“ auf http://www.rki.de/INFEKT/INF_A-Z/MBL/HBV.HTM und „Hepatitis C - Merkblatt für Hepatitis C-Betroffene“ auf http://www.rki.de/INFEKT/HEPC/HEPC.HTM)

Besonders infektionsgefährdet sind i.v. Drogenkonsumenten, von denen bereits 70 – 80% mit Hepatitis B und/oder C infiziert sind. Die Infektion erfolgt hier in der Regel über kontaminierte Spritzbestecke (vgl. „HIV und Hepatitis“ auf http:///www.aidshilfe.de/show-template2.php3?id=11) .

3. Zur Situation im Strafvollzug

Wie bereits dargestellt sind die innerhalb des Strafvollzugs bedeutendsten Gesundheitsprobleme:

- Drogenabhängigkeit,
- HIV/AIDS und
- Hepatitis B und C.

Die genannten Infektionskrankheiten betreffen dabei überwiegend i.V. Drogenkonsumenten, denen daher im folgenden unsere besondere Aufmerksamkeit gelten soll.

3.1 Zur Situation Drogenabhängiger

1990 saßen 10,2% aller Inhaftierten wegen Drogendelikten ein, dabei muß berücksichtigt werden, dass hierbei beispielsweise auch Dealer und Drogenkuriere erfasst werden, die häufig selbst nicht drogenabhängig sind. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass viele Drogenabhängige wegen ihrer Beschaffungskriminalität verurteilt werden und sich so in den Deliktarten Diebstahl und Raub/Erpressung eine unbekannte Zahl an Abhängigen verbirgt. Genauere Aussagen lassen sich für die gesamte Bundesrepublik aufgrund fehlender oder unzureichender Statistiken nicht machen (vgl. Stöver, 2000, S. 63), jedoch geht man von ungefähr 10 - 20 000 inhaftierten Drogenabhängigen aus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Gesundheitsförderung im Strafvollzug
Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein  (Fachbereich Pflege)
Veranstaltung
Sozialmedizin
Note
2
Autoren
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V19732
ISBN (eBook)
9783638237840
Dateigröße
3695 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitsförderung, Strafvollzug, Sozialmedizin
Arbeit zitieren
Cordula Schlüter (Autor)Petra Maxheim (Autor), 2002, Gesundheitsförderung im Strafvollzug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19732

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