Gottfrieds Leserlenkung im Tristan

Das Gottesurteil der Isolde als Höhepunkt von Täuschung und Sympathie


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rechtsfindung im Mittelalter
2.1. Die gängigsten Methoden zur Rechtsfindung
2.2. Gottesurteile

3. V. 15271-15553: Isolde vor dem Rat und Beschluss des Gottesurteils

4. V. 15554-15646: Überfahrt und Isoldes List

5. V. 15647-15768: Die Probe mit dem glühenden Eisen

6. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Nun kommt es im Leben darauf an, wer eine Wahrheit ausspricht. In gewissem Munde wird auch die Wahrheit zur Lüge.“, so der deutsche Schriftsteller Thomas Mann.[1] Dieses Faktum haben schon seine Vorgänger im Mittelalter erkannt. Ein prominentes Beispiel ist hier das Gottesurteil der Isolde in Gottfried von Straßburgs „Tristan“. Nachdem Isoldes Ehemann, König Marke, sie und Tristan bereits des Öfteren verdächtigt hat Ehebruch zu begehen und nun der gesamte Hof über ein Verhältnis der beiden spricht, soll Isolde ihre Unschuld unter Beweis stellen. Geschickt fädelt Isolde eine List ein, so dass ihr Schwur vor Gott so mehrdeutig ausgelegt werden kann, dass er für sie selbst eine andere Wahrheit enthält als für Marke und die anderen Anwesenden (vgl. V.15711 - V.15720). Ist der Textstelle des Gottesurteils in der mittelalterlichen Forschung schon viel Aufmerksamkeit gewidmet worden, insbesondere Gottfrieds Kommentar über den „viltugenthafte[n] Krist“ (V.15739), so blieb doch ein Aspekt bisher nahezu unberücksichtigt: Wie kommt es, dass eine -der Ausdruck scheint an dieser Stelle angebracht- Betrügerin wie Isolde, die die Ehe gebrochen hat, und nun vor der hohen Instanz Gottes einen „vergifteten Eid“ leistet, nicht nur ungeschoren davonkommt, sondern damit beim Leserpublikum[2] durchaus auch auf Wohlwollen stößt?

Um diese Frage zu beantworten, soll im Folgenden der Einfluss des Erzählers auf den Leser genauer untersucht werden. Insbesondere soll geprüft werden, ob gezielt Leserlenkung betrieben wird. Dazu sollen neben dem eigentlichen Gottesurteil auch die Entwicklungen der Handlung kurz vordemselbenberücksichtigt werden, so dass sich die Untersuchung auf die Verse 15271-15768 konzentriert.

Um die Hintergründe des Gottesurteils in der Mittelalterlichen Rechtsprechung zu verstehen und damit einen besseren Zugang zu den Erzählerkommentaren zu schaffen, soll zunächst ein kurzer Überblick über die Gottesurteile im Mittelalter erfolgen, wobei der Schwerpunkt auf der Probe mit dem glühenden Eisen liegt, während die weiteren Ordalien lediglich der Vollständigkeit halber Erwähnung finden.

Das Hauptaugenmerk wird danach auf der Untersuchung der Rolle des Erzählers liegen, wobei diese hier nicht nurnicht nur explizite Erzählerkommentare, sondern auch direkte Figurenrede umfassen soll. Die zu untersuchende Textstelle wird dazu in drei Abschnitte eingeteilt: Zunächst die Verse 15271-15553, in denen Isolde von dem Rat dazu verurteilt wird, sich der Probe mit dem glühenden Eisen zu stellen. Danach folgt eine Untersuchung der Erzählerrolle während Isoldes List mit dem angeblichen Wallfahrer (V.15554-15646). Der Schwerpunkt wird abschließend auf dem eigentlichen Gottesurteil liegen (V.15647-15768).

Als Textgrundlage wird verwendet: Gottfried von Straßburg: Tristan. Band 1: Text. herausgegeben von Karl Marold. Unveränderter fünfter Abdruck nach dem dritten, mit einem auf Grund von Friedrich Rankes Kollationen verbesserten kritischen Apparat. Besorgt und mit einem weiteren Nachwort versehen von Werner Schröder. DeGruyter-Verlag, Berlin 2004.

2. Rechtsfindung im Mittelalter

2.1. Die gängigsten Methoden zur Rechtsfindung

In der Rechtsfindung des Mittelalters waren drei Methoden gebräuchlich: Der „Tatsachenbeweis“,[3] das Berufen auf Zeugen (hierbei ist zu beachten, dass die neuzeitliche Definition eines „Zeugen“ von der des Mittelalters abweicht; meist handelte es sich um Verwandte), und das Leisten eines Eides.[4] War all dies nicht möglich, so wurde der christliche Gott als Richter eingesetzt: Das Gottesurteil.

In Isoldes Fall kannkein Tatsachenbeweis erbracht werden (obwohl dies zunächst versucht wird, erinnert sei hier beispielweise an die Baumgartenszene (V.14587-14945) oder an Melôts List mit dem Mehl nach dem Aderlass (V.15121-15270)).Dies betont auch der Bischof von Thamîse gegenüber Marke:

Wie müget ihr nû den argen wân

mit arge beslihten?

wie mügetirgerihten

über iuwernneven und iuwerwîp

an irêre und an irlîp,

sît man si niht erfunden hât

an keiner slahtemissetât

noch niemerlîhteervinden kann? (V.15376-15383).

Das Herbeirufen von Zeugen ist Isolde nicht möglich, denn sie ist „ellende“(V.15498), also fremd im Land und „endarf hie nienderfrâgen / nâchfriunden noch nâchmâgen: / mir ist leider lützeliemanbî, / der mînesleidesleidicsî.“ (V.15499-15502). Auch reicht allein Isoldes Unschuldsbeteuerung (V.15477-15522) dem Rat nicht aus; Marke fordert, dass sie sich zur „gewisheit“ (V.15526) der Probe mit dem „glüendenîsen“ (V.15529), und damit dem Urteil Gottes, stellt. Wie bereits eingangs erwähnt, stellt die Berufung auf Gott, als höchste richterliche Instanz, das letzte Mittel in der mittelalterlichen Rechtsprechung dar. Umso vehementer wäre Isoldes (gelungener) Versuch der Täuschung vom Erzähler zu kritisieren oder zumindest zu hinterfragen. Tatsächlich ist aber nicht „der Betrug per se das Anstößige an der Szene, sondern der darauffolgende Kommentar, der das Verdikt vom `wetterwendischen` Christ enthält und Gottfrieds Eigenschöpfung darstellt“.[5] Auf diesen Kommentar soll, da in der Forschung bereits hinreichend diskutiert, nicht weiter eingegangen werden. Betont sei an dieser Stelle aber, dass die Frage nach der moralischen Beurteilung Isoldes Handeln nicht gestellt wird. Überhaupt wird die Frage nach Isoldes Schuld oder Unschuld vom Erzähler zu keiner Zeit aufgeworfen oder beantwortet. Dies führt dazu, dass sich auch der Leser wenig mit dieser Frage auseinandersetzt und nicht dazu verleitet wird, Isolde für ihr Handeln zu kritisieren. Gottfried lenkt den Leser somit durch bewusstes Weglassen.

[...]


[1] http://www.zitate.basisinfos.de/zitate,pd760!45,,z1875760.html.

[2] Der im Folgenden Verwendete Begriff des „Lesers“ impliziert auch Rezipienten des Mittelalters, die die Geschichte von Tristan und Isolde mündlich vorgetragen bekamen und so nicht lasen, sondern hörten.

[3] Karner, Daniela: Täuschung in Gottes Namen. Fallstudien zur poetischen Unterlaufung von Gottesurteilen in Hartmanns von Aue „Iwein“, Gottfrieds von Straßburg „Tristan“, Des Strickers „Das heiße Eisen“ und Konrads von Würzburg „Engelhard“. Frankfurt am Main 2010, S.17.

[4] vgl. Ebd. S.17.

[5] Ebd. S.57.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Gottfrieds Leserlenkung im Tristan
Untertitel
Das Gottesurteil der Isolde als Höhepunkt von Täuschung und Sympathie
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V197344
ISBN (eBook)
9783656235286
ISBN (Buch)
9783656236931
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gottfrieds, leserlenkung, tristan, gottesurteil, isolde, höhepunkt, täuschung, sympathie
Arbeit zitieren
Franziska Müller (Autor), 2012, Gottfrieds Leserlenkung im Tristan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197344

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