Der Fähigkeitenansatz Martha Nussbaums

und das Fallbeispiel der somalischen Piraten


Seminararbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nussbaums Theorie des Fähigkeitenansatzes

3. Fallbeispiel: Die somalischen Piraten
3.1. Die rechtliche Lage
3.2. Anwendung der Theorie Nussbaums

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

Im Jahr 2011 wird in Hamburg zum ersten Mal seit über 400 Jahren Piraten wieder der Prozess gemacht. Es handelt sich dabei um 10 Somalis, die am Ostermontag 2010 das deutsche Schiff „Taipan“ gekapert und die Besatzung festgehalten haben. Vier Stunden lang. Dann wurde das Schiff von der niederländischen Marine befreit.1 Dabei kam niemand zu Schaden, da sich die Besatzung in einem Panikraum verschanzen konnte und die Piraten angesichts der Übermacht der Niederländer die Waffen streckten.2 Die Piraten waren unterernährt, mit T-Shirts und Flip-Flops bekleidet, aber bis an die Zähne bewaffnet. Während des Transports auf der niederländischen Fregatte packte den Piraten Abdiwali - sein Alter wird auf 15 geschätzt - die Panik vor der Folter wie er später sagte und er sprang über Bord. Hunderte Seemeilen von der Küste entfernt, dem sicheren Tod entgegen. Er konnte gerettet werden. Und in der Tat: Einer der letzten Piraten, der in Hamburg verurteilt worden war, wurde nach dem Prozess geköpft. Aber seither sind Jahrhunderte vergangen und von der Entwicklung der Aufklärung, über die Gründung eines Rechtsstaats, bis hin zur Abschaffung der Todesstrafe und der Folter hat der junge Somali offensichtlich nichts gehört, geschweige denn, dass er diese Entwicklungen in seinem Land umgesetzt gesehen hätte.3

Juristisch gesehen ist der Fall der Piraterie eindetig. Trotzdem kam es am ersten Verhandlungstag zu Demonstrationen gegen die Ungerechtigkeit dieses Prozesses. Und auch die Berichterstattung in den Medien stellt die Frage, ob es gerecht ist, einem Menschen aus einer derart brutalisierten Gesellschaft, wie die der Somalis, einen Prozess nach deutschen Rechtsgrundsätzen zu machen - von denen er nie die Chance hatte sie kennenzulernen.4 Die Frage ist dabei: Gibt es eine Möglichkeit diese subjektiv empfundene Ungerechtigkeit zu begründen?

Martha Nussbaums Fähigkeitenansatz beschreibt diejenigen Dinge, die einem Menschen für ein „ gutes Leben” ermöglicht werden müssen. Auf diese Weise soll eine „Umsetzung einer umfassenden Konzeption von Lebensstandard und Lebensqualität in eine Politik der Gerechtigkeit“5 ermöglicht werden - ohne dabei auf ein subjektives Moralverständnis zurückgreifen zu müssen. Im Umkehrschluss ermöglicht die Negation des Theorieinhalts Ungerechtigkeit und Mangel zu definieren. Das „ gute menschliche Leben “ ist als Konzept zu sehen und dadurch definiert, dass in ihm alle Fähigkeiten vorhanden sind.6 Es wird im Folgenden als das gute Leben bezeichnet. Die Theorie Nussbaums ist dadurch am vielversprechendsten was die Frage betrifft, ob es gerecht ist die somalischen Piraten in Deutschland zu verurteilen.

Ausgehend hiervon wird die These untersucht, dass Nussbaums Konzept des Fähigkeitenansatzes tragfähig genug ist, Ungerechtigkeit auszumachen und Handlungsalternativen aufzuzeigen.

Dazu wird im ersten Teil die Theorie Nussbaums erläutert, soweit sie für die These relevant ist, und eine Liste mit Fähigkeiten und Voraussetzungen für das von Nussbaum beschriebene gute Leben dargelegt. Im zweiten Teil wird zunächst die rechtliche Lage untersucht und ein Ausblick auf das Prozessende gegeben. Mit Hilfe der Theorie wird anschließend das Fallbeispiel der somalischen Piraten untersucht, um folgende Leitfragen schrittweise zu beantworten: Welche Fähigkeiten hatten die Piraten vor ihrer Festnahme nicht? Leitet sich aus der Tatsache, dass die Piraten die Fähigkeiten nicht hatten eine Rechtfertigung ihrer Taten ab? Welche Handlungsalternativen hätten die Piraten nach

Nussbaum gehabt um das gute Leben zu erreichen? Und warum gibt es Kritik an einer möglichen Verurteilung in Deutschland? Ist der Ansatz also tragfähig genug, um Ungerechtigkeit auszumachen?

Die Literatur, auf die dabei zurückgegriffen wird, sind für den ersten Teil Nussbaums Texte selbst, die so klar geschrieben sind, dass sie kaum einer Sekundärliteratur bedürfen. Für den zweiten Teil, dem Fallbeispiel, muss auf journalistische Texte - als Quellen, nicht als Literatur - zurückgegriffen werden, da sich aufgrund der Aktualität in der Fachliteratur kaum Fakten finden lassen.

2. Nussbaums Theorie des Fähigkeitenansatzes

„Es geht um folgende Idee: Sobald wir die wichtigsten Funktionen menschlichen Lebens definiert haben, können wir die Frage stellen, wie sich die sozialen und politischen Institutionen auf sie auswirken. Geben sie den Menschen das, was sie brauchen, um bei allen diesen menschlichen Tätigkeiten funktionstüchtig zu sein?“7

Auf diese Weise beschreibt Nussbaum ihr Vorgehen bei der Bildung ihres sogenannten Fähigkeitenansatzes. Es geht ihr darum, den in ihren Augen in Verruf geratenen Essentialismus zu verteidigen, worunter sie „die Auffassung verstehe, daß das menschliche Leben bestimmte zentrale und universale Eigenschaften besitzt, die für es kennzeichnend sind“8. Wenn dem aber so ist, muss es auch bestimmte Dinge geben, die es einem Menschen ermöglichen ein gutes Leben zu führen - egal an welchem Ort in der Welt er aufgewachsen ist und unabhängig davon, welchem Kulturkreis er entstammt. Sie macht deshalb den Vorschlag eine Liste von Fähigkeiten anzulegen, die jedem Menschen seitens der Politik, der Entwicklungshilfe und von seinem Umfeld ermöglicht werden müssen um Gerechtigkeit in dem Sinne zu schaffen, dass jedem Menschen ein gutes Leben möglich ist.

Nussbaum versucht auf diese Weise eine Theorie zu entwickeln, die „so allgemein wie möglich und ihrer leitenden Intuition nach so ausgerichtet sein [soll], daß sie religiöse und kulturelle Spaltungen überbrückt.“9 Dennoch bezeichnet sie die Liste als normativ und evaluativ.10 Sie teilt die Fähigkeiten, die sie in ihrer Liste aufnimmt, deshalb in zwei Ebenen auf:

Die erste nutzt Nussbaum dazu allgemeine Fähigkeiten und Grenzen zu beschreiben, die alle Menschen verbinden. Es erscheint tatsächlich schwer, einem menschlichen Wesen abzusprechen, dass es durch seine Sterblichkeit, den menschlichen Körper und dem Vorhandensein kognitiver Fähigkeiten allen anderen Menschen in hohem Maße ähnelt.11 Wenn eine dieser Grenzen nicht vorhanden ist, kann nicht von einem Menschen gesprochen werden, es muss sich dann um ein anderes Wesen handeln.12

Die erste Ebene fungiert ebenfalls als Minimalkonzept eines guten Leben s: Fähigkeiten wie praktische Vernunft und Humor gehören für Nussbaum zur Essenz des Lebens. Ist eine der Fähigkeiten dieser Ebenen nicht oder nicht mehr vorhanden, so handelt es sich nach Nussbaum um ein Leben, dass „zu mangelhaft und zu verarmt wäre, um überhaupt ein menschliches Leben zu sein“13. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es sich bei Personen, bei denen einer oder mehrere Punkte auf der Liste nicht erfüllt sind - ob durch Behinderung oder äußere Umstände -, nicht um Menschen handelt.14 Viel eher müssen diese Dinge jedem Menschen ohne Bedingungen zuerkannt und ermöglicht werden. Die erste Ebene stellt also die Grenzen und Fähigkeiten dar, die die Menschen verbindet und sie einander gleich macht. Erst das Erkennen der gemeinsamen Menschlichkeit ermöglicht es nach Nussbaum Empathie und Mitleid für Schwächere zu empfinden und gegenüber ihnen nicht gefühllos und tyrannisch zu handeln.15 Gleichzeitig ist die Menschlichkeit das Minimalkonzept dessen, was dem Menschen seitens seines Umfelds ermöglicht werden muss.16

Die zweite Ebene soll hingegen Fähigkeiten beschreiben, die einem Menschen ermöglicht werden müssen, damit er ein gutes Leben führen kann. Besonderen Wert legt Nussbaum dabei auf das Wort Fähigkeiten, welches sie gegenüber Funktionen abgrenzt.

[...]


1 Vgl. Ebert, Frank: Moderne Piraterie. Deutschland macht Seeräubern den Prozess, online im Internet <http://www.lto.de/de/html/nachrichten/1981/deutschland-macht-seeraeubern-den-prozess/>, 22.11.2010, [zugegriffen am 05.08.2011].

2 Das niederländische Verteidigungsministerium hat ein Video ins Internet geladen, das mit der Helmkamera eines Soldaten während der Befreiung gefilmt wurde. Ausschnitte davon lassen sich zur Veranschaulichung unter <http://www.youtube.com/watch?v=Xa4KMJRkQds> ansehen.

3 Vgl. Lakotta, Beate: Ich wollte nur überleben; in: Der SPIEGEL Nr. 14 2011, 52-58, hier: S.52ff.

4 Vgl. Lakotta, Beate: Ich wollte nur überleben; in: Der SPIEGEL Nr. 14 2011, S. 52-58, hier: S. 56.

5 Strassenberger, Grit: Über das Narrative in der politischen Theorie, (Politische Ideen Band 18), Berlin 2005, S. 62.

6 Nussbaum, Martha C.: Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit. Zur Verteidigung des aristotelischen Essentialismus; in: Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt am Main 1993. S. 322-361, hier S. 333ff.

7 Nussbaum, Martha C.: Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit. Zur Verteidigung des aristotelischen Essentialismus; in: Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt am Main 1993. S. 322-361, hier: S. 332.

8 Ebd. S. 326.

9 Ebd. S. 333.

10 Vgl. Ebd. S. 333.

11 Vgl. Ebd. S. 334-337.

12 Vgl. Ebd. S. 338

13 Ebd. S. 337.

14 Einen solchen Essentialismus lehnt Nussbaum explizit ab: Vgl. Ebd. S. 329.

15 Vgl. Ebd. S. 354.

16 Vgl. Ebd. S. 337.

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Der Fähigkeitenansatz Martha Nussbaums
Untertitel
und das Fallbeispiel der somalischen Piraten
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Aristoteles in der Moderne. Hannah Arendt, Michael Walzer und Martha Nussbaum
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V197411
ISBN (eBook)
9783656235965
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fähigkeitenansatz, Politische Theorie, Somalia, Piraten
Arbeit zitieren
Johannes Gruber (Autor:in), 2011, Der Fähigkeitenansatz Martha Nussbaums , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197411

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