Aspekte der Transtextualität in Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"


Examensarbeit, 2010

73 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die fünf Typen der Transtextualität bei Gérard Genette

1. Hypertextualität als Nachahmung:
Bezüge zwischen „Felix Krull" und Goethes „Dichtung und Wahrheit"
Intertextualität (9) - Mimotextualität (11) - Nachahmung und Transformation (15) - Register (19)

2. Hypertextualität als Transformation: Das Hermes-Motiv
Antike Hypotexte (27) - Moderne Hypotexte (35) - Autographe Hypotexte (42)

3. Architext, Paratext und Hypotexte: „Felix Krull" und seine Gattung
Transzendierungen des Autobiographischen (47) - Transzendierungen des Bildungsromans (54) - Transzendierungen des Pikaresken (56)

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit."

Mit diesem nonchalanten Satz begegnete die Autorin Helene Hegemann, die zu Beginn des Jahres 2010 durch den deutschen Feuilleton gereicht wurde, dem Vorwurf des Plagiats. Nachdem die erst siebzehnjährige Hegemann zunächst zum Lieblingskind der Literaturkritik avanciert war, spalteten sich die Meinungen in zwei Lager, weil bekannt wurde, dass sie für ihr Erstlingswerk Axolotl Roadkill ganze Passagen unter anderem aus Blogs im Internet übernommen hatte. Während das eine Lager ihr Vorgehen als Plagiarismus verurteilte, bedienten sich andere Hegemanns eigener Wertung, die ihre Arbeitsweise im Kontext poststrukturalistischer Intertextualitätstheorien sehen, ja gar ein ästhetisches Konzept der Collage darin erkennen wollten.[1]

Jenseits der Frage, ob Hegemanns Werk ein Plagiat oder ein durch einen hohen Grad an Intertextualität an Literarizität gewinnender Text ist, zeigt die Diskussion eindrucksvoll, dass scheinbar doch keine Einigkeit darüber herrscht, was in der Literatur erlaubt ist. Während der Jungautorin vor allem wörtliche Übernahmen vorgeworfen werden, sind auch andere, ungemein berühmtere Autoren des 20. Jahrhunderts für ihre collagierende und synkretistische Arbeitsweise bekannt, ohne dass in der Literaturkritik und Literaturwissenschaft am hohen künstlerischen Wert des Schaffensjener Autoren gezweifelt wird. Geradezu ein Paradebeispiel für diesen Typus des Schriftstellers ist Thomas Mann, obwohl auch er sich nach der Veröffentlichung des Doktor Faustus Plagiatsvorwürfen ausgesetzt sah.

Es muss also im weiten Feld der Intertextualität, zu dem das Plagiat durchaus zu rechnen ist, Unterschiede hinsichtlich der Art und des Grades von Intertextualität geben. Der Charakterisierung und Terminologisierung dieser Unterschiede widmet sich der französische Literaturwissenschaftler Gérard Genette in seinen Arbeiten, dessen Gesamtwerk von der Ausarbeitung einer transtextuellen Poetik geprägt ist. Das herausragendste Werk seiner sich über Jahrzehnte erstreckenden Forschungen bildet dabei Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. [2]

Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, inwiefern das Konzept der Transtextualität,[3] das Genette entwickelt, für die literaturwissenschaftliche Arbeit nutzbar ist. Daher soll der Versuch unternommen werden, an einem exemplarischen Werk unterschiedliche Formen transtextueller Beziehungen nachzuweisen. Dabei erscheint es sinnvoll, dies anhand des Werks eines Autors zu tun, dessen Gesamtwerk im Zeichen der Collage und des Synkretismus steht.

Insbesondere in Thomas Manns 1954 erschienenen Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, der in verschiedenen Schaffensperioden zunächst zwischen 1910 und 1913 und später wieder von 1951 bis 1954 entstanden, scheinen sich verschiedenste, zu einem guten Teil aus Manns Gesamtwerk bekannte Motive und Bezüge zu akkumulieren. Während der bis 1913 entstandene Teil, der bis zur Rosza- Episode im Zweiten Buch reicht und 1922 unter dem Titel Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Buch der Kindheit, als Fragment veröffentlicht wurde, sich vor allem mit dem Themenkomplex Gesellschaft und Individuation befasst, interessierten Mann bei der Fortsetzung der Arbeit ab 1951 vor allem Mythologisches und Philosophisches.[4] Beide Teile wurden 1954 mit dem Untertitel Der Memoiren erster Teil veröffentlicht. Das Erscheinen einer Fortsetzung, deren vorgesehener Inhalt aus den Notizen Thomas Manns weitestgehend erschlossen werden konnte, verhinderte der Tod des Autors im Jahre 1955.

Bedingt durch die verschiedenen Schaffensperioden, in denen der letzte Roman Thomas Manns entstand, stehen die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull in Beziehung zu vielen verschiedenen anderen Texten, weshalb davon auszugehen ist, dass im Felix Krull übermäßig viele Formen der Transtextualität zu finden sind, die auf unterschiedlichste Praktiken zurückgehen. Daher erscheint es als ergiebig, die Potenz der Theorie Genettes anhand dieses Romans zu untersuchen.

In dieser Arbeit sollen zunächst, um die für die Untersuchung notwendigen Begriffe und Unterscheidungen Genettes einzuführen, die fünf Typen der Transtextualität erläutert werden, nachdem ein kurzer geistesgeschichtlicher Abriss den Kontext seiner Theorie erhellt hat.

Im Anschluss wird der Versuch unternommen, die Theorie auf die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull anzuwenden. Dabei werden nicht nur die fünf Typen der Transtextualität, sondern auch detailliertere Betrachtungen Genettes zu verschie­ denen Arten der intertextuellen Beziehung eine Rolle spielen, die sich unterhalb der Ebene der fünf Typen bewegen. Im ersten Teil der Arbeit soll hauptsächlich die sprachliche Form des Romans untersucht werden. Hierbei wird zunächst der Frage nachgegangen, inwieweit die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull als Nachahmung der Goethe-Autobiographie Dichtung und Wahrheit angesehen werden können. Entsprechend seines Systems muss die Stellung der sprachlichen Nachahmung bei Genette erhellt und eine terminologische Zuordnung des zwischen Mann und Goethe vorliegenden Textverhältnisses vollzogen werden. In einem zweiten Schritt macht es das Genette'sche Modell notwendig, den Bezügen eine oder mehrere Funktionen zuzuordnen. Erst die auf beiden Ebenen erfolgte Einordnung lässt es zu, das Verhältnis zwischen Felix Krull und Dichtung und Wahrheit zu charakterisieren und gegebenenfalls terminologisch zu erfassen.

Während im ersten Teil der Arbeit die sprachliche Form des untersuchten Romans im Vordergrund steht, widmet sich das zweite Kapitel einer weiteren möglichen Form der intertextuellen Beziehung, nämlich der Verarbeitung eines bestimmten Motivs. Im Felix Krull stellt der griechische Gott Hermes ein solches Motiv dar. In diesem Zusammenhang soll das Verhältnis zu Texten unterschiedlicher Epochen und Gattungen untersucht werden. Dazu werden in diesem Teil der Arbeit zunächst die Bezüge zu den antiken, archegetischen Texten analysiert, bevor daraufhin mögliche zeitgenössische Quellen Thomas Manns, die sich vor allem aus mythologischer Sachliteratur konstituieren, einer Betrachtung unterzogen werden. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf den Praktiken liegen, die Thomas Mann bei der Transformation des Stoffes angewendet hat. Die lange Entstehungsgeschichte der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull macht es darüber hinaus in einem dritten Schritt notwendig, die Bezüge zu Thomas Manns eigenen Texten zu analysieren. Diese autographen Texte sind sowohl frühere Textstufen des Felix Krull als auch autonome Werke.

Bereits im zweiten Teil der Arbeit zeigt sich die Verbindung eines Textes zu anderen Texten und Genres. Im dritten Teil soll das untersuchte Textkorpus erweitert werden. Literarische Werke stehen immer auch in Beziehung zu einer bestimmten literarischen oder gar philosophischen Tradition, in dem ein Werk explizit oder implizit steht. Da es sich hierbei ebenfalls um eine Form der Intertextualität handelt, wird das Konzept Genettes auch diesbezüglich einer Prüfung unterzogen werden. Dies soll, ausgehend von den in Teil 1 und 2 gewonnen Erkenntnissen, geschehen, indem das Problem der Gattungszuweisung genauer betrachtet wird. Besonders zur Gattung des letzten Romans Thomas Manns ereigneten sich in der Forschung mannigfaltige Diskussionen, beispielsweise hinsichtlich der Frage, ob es sich um einen Bildungs- oder Schelmenroman (pikaresken Roman) bzw. um die Parodie eines dieser beiden Genres handelt. Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull werden dafür zunächst hinsichtlich ihrer Stellung als fiktive Autobiographie nach erzähltheoretischen Gesichtspunkten untersucht, um davon ausgehend ihre Beziehung zu authentischer autobiographischer Literatur und ihren verschiedenen Formen zu erhellen. Daraufhin wird sich den Bezügen zu fiktionaler Literatur, vornehmlich zu Formen des Romans, zu widmen sein. Dabei wird zunächst Felix Krulls Verbindung zum europäischen und deutschen Schelmenroman, aber auch zum deutschen Bildungs- und Entwicklungsroman untersucht. Da diese beiden Romanformen in gewissen Punkten im Widerstreit liegen, bedingt sich die Untersuchung der beiden Textsorten gegenseitig.

Spätestens seit den Arbeiten des russischen Strukturalismus ist allgemein die Tatsache ins Bewusstsein gelangt, dass Texte in so vielfachem intertextuellen Dialog mit anderen Texten stehen, dass es - gerade hinsichtlich eines Werkes Thomas Manns - nicht das Ziel einer Arbeit im Umfang der vorliegenden sein kann, jedweden transtextuellen Bezug eines Romans aufzuzeigen. Dies ist die Aufgabe eines Kommentars.[5] Ziel der vorliegenden Arbeit ist es vielmehr, an exemplarischen Aspekten der Transtextualität die Potenz der Theorie Genettes zu überprüfen. Deshalb werden hinsichtlich der Bezüge der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull Texte und Motive, auf die in dieser Arbeit Bezug genommen wird, nach dem Grad der Exemplarizität für die zentrale Fragestellung der Arbeit ausgewählt: Inwieweit ist ein Roman wie Thomas Manns Felix Krull mit Hilfe der Arbeit Gérard Genettes analysierbar.

Die fünf Typen der Transtextualität bei Gérard Genette Genettes Forschungen gehen zurück auf bereits zuvor einsetzende Strömungen innerhalb der Literaturtheorie. Das umfassende Werk und die zahlreichen Konzepte des russischen Wissenschaftlers Michail Bachtin (1895-1975) gaben dabei im 20. Jahrhundert entscheidende Impulse. Seine Gedanken bezüglich der Dialogizität von Sprache waren dabei für die Entwicklung einer Intertextualitätstheorie von besonderer Bedeutung. Dem Konzept liegt die Annahme zugrunde, dass alle Ausdrucksformen durch eine Teilnehme an bestimmten Diskursen geprägt sind und deren Spuren in sich tragen.[6] Dies wurde von der bulgarischen Psychoanalytikerin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva aufgegriffen und in einer umfassenderen Sprachtheorie verarbeitet, die sie mit dem von ihr eingeführten Begriff der „Intertextualität" kennzeichnete. Dabei entwickelte sie besonders Bachtins Konzept des polyphonen Romans weiter, ein Begriff, der die Auffassung bezeichnet, dass in einem Roman verschiedene Sprachen und Weltsichten in Dialog treten, wobei negiert wird, dass der Autor als unangefochtener und regulierender Mittelpunkt fungiert. Kristeva geht insofern weiter als Bachtin, als dass sie sich nicht nur auf das Zusammenspiel verschiedener Diskurse im Roman beschränkt, sondern jede Art von Literatur als „Mosaik von Zitaten"[7] verstanden wissen will. Dabei sieht sie in jedem auf der Textoberfläche auftretenden Wort eine Kreuzung durch die Verbindung zwischen Text und Rezipient auf der einen und zwischen dem Text und der ihm vorausgehenden Literatur auf der anderen Seite. Entsprechend der strukturalistischen Einflüsse trifft Kristeva vor allem allgemeinphilosophische Aussagen über die Bedingtheit menschlicher Existenz durch präexistente Diskurse.[8] Zum literaturwissenschaftlichen Konzept wurde die Intertextualität erst durch Gérard Genette, der in Palimpseste den Versuch unternimmt, die Aspekte der Theorie in Bezug auf konkrete Texte zu strukturieren und damit nutzbar zu machen.

In diesem Werk entwickelt er ein detailliertes terminologisches System verschiedener Arten von Transtextualität, wie er eine wie auch immer geartete Beziehung zwischen zwei oder mehreren Texten allgemein nennt. Diese Transtextualität - die bei Kristeva und anderen noch Intertextualität heißt - ist auch für Genette ein Aspekt jeder Textualität. Für ihn gibt es keinen Text ohne textuelle Transzendenz.[9] Dabei unterscheidet er jedoch fünf Typen transtextueller Bezüge: Inter-, Para-, Meta-, Hyper- und Architextualität. Genette folgt dabei dem Prinzip „zunehmender Abstraktion, Implikation und Globalität".[10]

Die Übersichtlichkeit der Terminologie scheint unabhängig von der Reihenfolge auf den ersten Blick durch die inflationäre Verwendung lateinischer und griechischer Präfixe zu leiden. Verwirrung stiftet zunächst auch die Tatsache, dass Genette den von Julia Kristeva eingeführten Begriff der Intertextualität als Oberbegriff durch den der Transtextualität ersetzt.

Genette legt der Intertextualität indessen die Definition der „effektiven Präsenz eines Textes in einem anderen Text"[11] zu Grunde, nämlich in Form von Zitat, Plagiat oder Anspielung. Dies bildet in Genettes Theorie jedoch nur einen Aspekt einer Vielzahl möglicher Beziehungen von Texten und wird daher als erster der fünf Typen dem Oberbegriff der Transtextualität untergeordnet.

Den zweiten Typus bildet der Paratext. Dieser beschreibt den Text außerhalb des eigentlichen Textes, das heißt Titel, Illustrationen und Umschläge, aber auch die weitere Peripherie eines Textes wie Verlagsankündigungen.

Ein Metatext ist hingegen der Kommentar eines anderen Textes. Als Beispiel nennt Genette die Poetik des Aristoteles in Bezug auf die Tragödie Oidipus Rex des Sophokles.

Hauptaugenmerk in Palimpseste gilt der Hypertextualität, indem Genette umfang- und beispielreich darlegt, in welchen Ausprägungen sie auftreten kann. Hyper­textualität besteht laut Genette dann, wenn ein Text A (Hypotext) einen Text B (Hypertext) überlagert, also der Hypertext einen Text zweiten Grades darstellt. Mit Architextualität beschriebt Genette die Beziehung eines Textes zu einer Masse von Diskursen. Dies kann die Beziehung zu einer Gattung und dessen Regeln, aber auch zu anderen Diskursen sein, deren Summe Architext genannt wird.

1. Hypertextualität als Nachahmung:
Bezüge zwischen „Felix Krull" und Goethes „Dichtung und Wahrheit"

Neben den bekannten systematischen Unterscheidungen innerhalb der Transtextualität unterteilt Genette in eine Vielzahl von Arten hypertextueller Beziehungen. Die Hypertextualität beschreibt eine Beziehung zwischen zwei Texten, die zum Einen - in Abgrenzung zur Metatextualität - nicht die des Kommentars ist und zum Anderen - in Abgrenzung zur Intertextualität - keine effektive Präsenz des früheren Textes im Späteren vorsieht. Vielmehr ist der vorausgehende Hypotext im auf zweiter Stufe stehenden Hypertext auf eine subtilere Art und Weise transzendiert.[12] Dieses grundlegende Konzept der Hypertextualität ist Gegenstand weiterer systematischer Betrachtungen Genettes. Ausgehend von der klassischen Gattungsunterscheidung auf der Basis von Stil und Thema differenziert und erweitert er dieses Modell, bis er es schließlich durch ein „strukturales Modell" ersetzt.[13] Dies unterscheidet die verschiedenen hypertextuellen Verfahren anhand der Beziehung zwischen Hypo- und Hypertext auf der einen und anhand des Registers auf der anderen Seite. Auf der Ebene der Beziehung unterscheidet er zwischen Transformation und Nachahmung, im Bereich des Registers, in das Aspekte wie die Funktion des Hypertextes eingehen, zählt er eine Vielzahl möglicher Spielarten auf, ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Die Register reichen von ernst über humoristisch bis spielerisch und von ironisch über satirisch bis polemisch.[14] Im Gegensatz zur Beziehungsseite besteht beim Register ein hoher Grad an Durchlässigkeit, sodass einzelne Hypertexte ständig zwischen mehreren verschiedenen Registern pendeln können. Dadurch entsteht zwar ein Schema, dem Texte und hypertextuelle Gattungen schachbrettartig zugeordnet werden können, aber gleichzeitig eine gewisse Flexibilität gegeben zu sein scheint.

Besonders im frühen Teil des Felix Krull begegnen Bezüge zu Goethes Dichtung und Wahrheit, das von der Forschung bereits an vielen Stellen und verschiedenen Ebenen als Objekt der Parodie im Felix Krull charakterisiert wurde.[15] Im Folgenden soll zunächst dargelegt werden, wie Thomas Mann Aspekte aus Dichtung und Wahrheit in seinen Roman einfließen lässt.

Intertextualität

Ein bestimmter literarischer Stil konstituiert sich zu einem großen Teil aus einem bestimmten Vokabular. Sind es bei Theodor Fontane beispielsweise eine Häufung von Gallizismen, die einen Gutteil seines „gepflegten Plaudertons" ausmachen, kann man auch bei Goethe lexikalische Eigenheiten finden, die vom Normalgebrauch abweichen, besonders, wenn sie in späteren Jahrhunderten literarische - ob in parodistischer oder anderer Absicht - Verwendung finden. Beispielsweise taucht im Felix Krull eine Reihe von Adjektiven auf, die in ihrer Häufung stark an Goethe erinnern müssen, da auch dieser dieselben in beträchtlichem Maß gebraucht, wie zum Beispiel „angenehm", „anmutig", „anständig" oder „mannigfaltig", „schicklich" und „zierlich".[16]

Interessant ist hierbei auch die Art der Verwendung einzelner Vokabeln. In Dichtung und Wahrheit kommt „Anmut" oder sein Adjektiv 76 mal vor und zwar in Verbindungen, die nicht als gebräuchlich angesehen werden können. Beispielsweise schildert Goethe, dass er ein „anmutiges Quartier"[17] bezog. Bei Mann wird die Villa der Krulls als „anmutiger Herrensitz"[18] beschrieben. Dies ist deshalb bemerkenswert, als dass die „Anmut", ein Begriff der philosophischen Ästhetik, dessen Entwicklung hier nur stark verkürzt wiedergegeben werden kann, im Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts zunächst einmal ein auf Personen beschränkter Begriff war. Die ästhetische Definition Lessings, der Anmut als „Schönheit in Bewegung" beschreibt, steht dabei die sich auf Sittlich-Moralisches beschränkende Auslegung Schillers entgegen.[19] Erst Goethe erweiterte nach der Rückkehr von seiner Italienreise das Bedeutungsfeld im Sinne der italienischen „grazia" auch auf Objekte und bezieht sich auf ein harmonisches Erscheinungsbild.[20] In bestimmten Fällen drückt „anmutig" sogar eine allgemeine positive Bewertung aus.[21]

Noch dazu kommen bei Mann diese Adjektive, wie auch bei Goethe, teilweise sogar im Superlativ vor,[22] wie zum Beispiel in der Ausführung zum Beginn des zweiten Buches, dass der Geistliche Rat Chateau „über die anmutigste Rundung der Gebärde [verfügte]".[23]

Nun ist der Gebrauch von einzelnen Wörtern einer natürlichen Sprache im Sinne einer Transtextualitätstheorie problematisch, da sich die Nutzung eines bestimmten Wortschatzes nicht zwangsläufig auf einen identifizierbaren Hypotext zurückführen lässt. Entsprechend der von Genette eingeteilten Typologie handelt es sich um Intertextualität, wenn eine „effektive Präsenz eines Textes in einem anderen"[24] in Form von Zitat, Plagiat oder Anspielung vorliegt. Es ist nicht nachweisbar, dass Mann ganze Sätze oder auch nur Satzfragmente zitiert hat. Dennoch ist es einer näheren Betrachtung würdig, ob die Verwendung gewisser Vokabeln, die für einen bestimmten Autor als besonders typisch gelten können, die Bedingung der Intertextualität Genettes erfüllt. Ihre geringe Frequenz im Sprachgebrauch des 20. Jahrhunderts sowie die Art ihrer Verwendung in beiden Texten - nämlich in wie am Beispiel „anmutig" dargelegten, nicht gebräuchlichen Zusammenhängen und unter häufigem Gebrauch des Superlativs - könnte einerseits nahelegen, sie als Zitat einzelner Wörter, andererseits als Anspielung, und zwar auf gewisse stilistische Besonderheiten in einem bestimmten Werk eines bestimmten Autors, im Sinne Genettes zu klassifizieren. Es ist zu konstatieren, dass sich auf Ebene einzelner Lexeme durchaus im Bereich der intertextuellen Transzendierung bewegt wird, die Relevanz dessen muss aber aus oben beschriebenen Gründen in Frage gestellt werden.

Mimotextualität

Um das Problem stilistischer Besonderheiten befriedigend betrachten zu können, muss untersucht werden, ob diese vermeintliche „effektive Präsenz" sich auch oberhalb der Wortebene zeigen lässt, oder aber, ob sich weitere Bezüge darstellen lassen, die weniger effektiv, sondern abstrakter und globaler sind. Dazu wird die Ebene der Syntax einer Betrachtung unterzogen, wo sich auf augenfällige Weise Besonderheiten der beiden Texte beobachten lassen. Dabei sind gewisse Phänomene der Syntax Goethes bei Mann eingeflossen.[25] Ein exemplarischer Vergleich zweier Sätze ähnlichen Inhalts soll dies verdeutlichen:

Der Rheingau hat mich hervorgebracht, jener begünstigte Landstrich, welcher gelinde und ohne Schroffheit sowohl in Hinsicht auf die Witterungsverhältnisse wie auf die Bodenbeschaffenheit, reich mit Städten und Ortschaften besetzt und fröhlich bevölkert, wohl zu den lieblichsten der bewohnten Erde gehört.[26]

Schon an dieser Stelle des ersten Kapitels des Felix Krull können einige Besonderheiten aufgezeigt werden. Auffallig ist zunächst, dass der sehr kurze Hauptsatz durch eine Apposition und einen sich anschließenden Relativsatz auf umfangreiche Weise ergänzt wird. Der Relativsatz („[...],welcher [...] gehört") wird wiederum durch eine Partizipialkonstruktion („reich [...] bevölkert") unterbrochen.

Und so sah ich denn von der Platt-Form die schöne Gegend vor mir, in welcher ich eine Zeitlang wohnen und hausen durfte: die ansehnliche Stadt, die weitumherliegenden, mit herrlichen dichten Bäumen durchsetzten und durchflochtenen Auen, diesen auffallenden Reichtum an Vegetation, der dem Lauf des Rheins folgend, die Ufer, Inseln und Werder bezeichnet.[27]

Auch bei Goethe lassen sich diese Beobachtungen machen: Die umfangreiche, nachgestellte Ergänzung des kurzen Hauptsatzes charakterisiert in Form von in sich abhängigen Relativsätzen und Appositionen die „Gegend" genauer, was bei Mann mit dem „Landstrich" ebenso geschieht. Darüber hinaus sticht deutlich der Gebrauch von eingeschobenen, mit Kommata abgetrennten Partizipialkonstruktionen (participia coniuncta) hervor, die ihrerseits wieder durch adverbiale Bestimmungen nicht geringen Umfangs ergänzt werden. Während im Mann'schen Beispielsatz alles in Abhängigkeit vom Subjekt des Hauptsatzes, bei Goethe in Abhängigkeit vom Objekt ergänzt wird, ist dieser streng hierarchische, an die lateinische Syntax erinnernde Satzbau eine sich an zahlreichen Stellen in Dichtung und Wahrheit zeigende Konstituente des Stils.

In diesem Beispielsatz kann darüber hinaus wiederum exemplarisch ein weiteres Phänomen beobachtet werden. Es zeigt sich eine Tendenz zum Parallelisieren, die sich darin äußert, dass häufig durch „und" verbundene Wortgruppen auftreten, bei denen das erste in teilweise pleonastischer Weise ergänzt wird. Von derartiger Natur sind die Parallelismen „wohnen und hausen", „mit herrlichen Bäumen durchsetzten und durchflochtenen Auen". Von Pleonasmus kann man deshalb sprechen, weil durch die hochgradige Synonymie nicht etwa neue Informationen ergänzt werden, sondern eine gewisse Sprachverliebtheit zum Ausdruck kommt.[28]

Doch nicht nur durch die Verbindung mit „und" zeigen sich parallele Strukturen. Der vorliegende Satz weist mit „die [...] Stadt, die[...] Auen, diesen [...] Reichtum" eine syntaktisch parallele Struktur auf, die darüber hinaus als ein Trikolon in membris crescentibus noch dem antiken Gesetz der wachsenden Glieder entspricht. Die Parallelismen sind ebenfalls im Beispielsatz des Felix Krull zu finden. „Gelinde und ohne Schroffheit" birgt einen Pleonasmus besonderer Deutlichkeit, „sowohl in Hinsicht auf die Witterungsverhältnisse wie in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit" variiert das Prinzip durch die Vermeidung von „und". Dies findet allerdings in der folgenden Partizipialkonstruktion gleich doppelte Verwendung, aus der hervorgeht, dass die Gegend „mit Städten und Ortschaften besetzt und [...] bevölkert" sei. Ganz entsprechend der Parallelstruktur werden beide Partizipien durchjeweils ein Adverb („reich"-"fröhlich") ergänzt.

Diese Aspekte bewirken vielerlei. Zunächst ist der Gebrauch der oben beschriebenen Stilmittel nicht reiner Selbstzweck, sondern erlaubt es, in einem Satz derart viele Informationen unterzubringen, dass er als größere abgeschlossene Sinneinheit gelten kann. In den Beispielsätzen ist die allgemeine Charakterisierung der Gegend beziehungsweise des Rheingaus damit abgeschlossen. Darüber hinaus fungieren Einschübe wie die genannten Partizipialkonstruktionen, die ihrerseits durch Pleonasmen angereichert werden, als retardierende Elemente und garantieren den ruhigen, beinahe gemütlich anmutenden, erzählenden Fluss der Sprache. Dieser Effekt wird so durch die Übernahme der für ihn verantwortlichen syntaktischen Phänomene und rhetorischen Mittel ebenfalls von Dichtung und Wahrheit in den Felix Krull transportiert.

Es findet also offenbar eine Imitation Goethes sowohl auf lexikalischer als auch auf syntaktischer Ebene statt. Gérard Genette widmet dich diesem Phänomen ausführlich. Er verweist zunächst auf Fontanier, der, laut Genette, unter Imitation bzw. Nachahmung[29] „eine rein syntaktische Erscheinung"[30] versteht. Nach dessen Definition werde die Konstruktionsweise einer bestimmten Sprache imitiert, beispielsweise in Form von der lateinischen Sprache typischen Inversionen und Hyperbata, was dann als Latinismus bezeichnet würde. Ferner ist die Nachahmung bestimmter Autoren möglich - als Beispiel wird der Marotismus angeführt - der „durch die Auslassung von Artikeln, Pronomen und bestimmten Artikeln gekennzeichnet"[31] sei. Genette grenzt sich von dieser Auffassung ab, indem er den Nachahmungsbegriff erweitert und ihm neben den Figuren der Konstruktion auch „Figuren der Syntax im weitesten Sinn, der Morphologie oder gar (und dies ist am häufigsten der Fall) dem Vokabular"[32] zurechnet. Wie oben gezeigt wurde, findet die Nachahmung im sich auf Mann und Goethe beziehenden Beispiel unter anderem auf der Ebene der rhetorischen Figuren statt, nämlich durch Pleonasmen und Parallelismen. Dennoch würde die Definition Fontaniers zu kurz greifen, um alle Aspekte der stilistischen Nachahmung zu erfassen. Die Parallelen in der Gestaltung der Sätze beschränken sich nämlich im vorliegenden Fall nicht darauf, sondern zeigen sich auch in grammatikalischen Besonderheiten und Affinitäten wie den Partizipialkonstruktionen etc., womit das realisiert ist, was Genette unter „Figuren der Syntax im weitesten Sinn" verstehen dürfte. Die morphologische Komponente zeigt sich in der Verwendung der Superlative und die Bezüge hinsichtlich des Vokabulars wurden ebenfalls oben nachgewiesen. Es wird also ersichtlich, dass Genette in seiner Behandlung der verschiedenen Ausprägungen der Hypertextualität auch der vorliegenden seine Aufmerksamkeit schenkt. Darüber hinaus misst er ihr eine derart hohe Bedeutung zu, dass er sie auch in sein terminologisches System einordnet und den Begriff des Mimetismus einführt, als Unterart der Hypertextualität:

Als solchen werde ich jedes punktuelle Merkmal einer Nachahmung bezeichnen [...] und als Mimotext jeden nachahmenden Text oder jede auf Mimetismen aufbauende Gestaltungsform.[33]

Hierdurch ist offensichtlich, dass es sich bei Thomas Manns Felix Krull um einen Mimotext Goethes Dichtung und Wahrheit handeln dürfte. Ferner wird deutlich, dass Genettes Konzept der Intertextualität, das in Bezug auf das vorliegende Beispiel weiter oben diskutiert wurde, hinsichtlich des vorliegenden Textverhältnisses zu kurz greift. Sicherlich kann die Verwendung eines bestimmten Vokabulars eine Anspielung oder auch ein Zitat im Sinne der Intertextualität darstellen. Außerdem schließt die Klassifikation eines Bezugs als Hypertextualität das gleichzeitige Auftreten von Intertextualität nicht aus, wie Genette in Bezug auf alle seiner fünf Typen der Transtextualität bemerkt.[34] Manns Verfahren würde damit aber deshalb unzureichend beschrieben werden, als dass zum Einen das von ihm verwendete Goethe'sche Vokabular vielmehr als das Vokabular der Goethezeit anzusehen ist, auch wenn einzelne Begriffe nur von Goethe in bestimmten Zusammenhängen verwendet werden. Zum Anderen ist die syntaktische Ebene von größerer Bedeutung, da der Satzbau viel eher als genuin goethe-typisch zu betrachten ist. Daher wird das Vokabular offensichtlich zum Zwecke der Imitation gebraucht, was die Kombination mit den anderen, syntaktischen Mimetismen erst in besonderer Weise nahelegt. Deshalb ist es zielführender, diesen Aspekt in seinem mimotextuellen als in einem eventuellen intertextuellen Zusammenhang zu sehen, denn es scheint zu gelten, was Genette selbst bezüglich des mimetischen Verfahrens sagt: „Die Melodie bringt die Wörter hervor [...]."[35]

Die Besonderheit des Mimotextes sieht Genette dabei im „eigenen Akt der Performanz", der vom Imitator vollzogen werden muss und die bewusste oder unbewusste Erstellung eines Kompetenzmodells voraussetzt, wodurch der entscheidende Unterschied zur Intertextualität nochmals in besonderer Weise deutlich wird. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass „es unmöglich ist, einen Text nachzuahmen" und dass „man nur einen Stil nachahmen kann, d.h. eine Gattung."[36] Diese Gattung bezeichnet er treffender als Korpus, weil dieser Begriff deutlich macht, dass es sich nicht nur um einen einzelnen imitierten Text handeln kann, gleichzeitig aber neutraler ist als der Begriff der Gattung, der ja immer einen gewissen Umfang an Texten bei gleichzeitiger Übereinstimmung bestimmter Spezifika impliziert. Unabhängig davon, nach welchen Prinzipien ein Korpus selektiert wurde und wie umfangreich es ist, dient sein Idiolekt als Grundlage der imitativen Matrix, die zur Erstellung des Mimotextes führt.[37] Nichtsdestoweniger gesteht Genette ebenfalls zu, dass ein solches Korpus sehr wohl aus nur einem einzigen Text bestehen kann, der allerdings niemals direkt nachgeahmt, sondern erst nach der Verallgemeinerung in eine imitative Matrix durch sich rein auf die Sprache beziehende Mimetismen in einem Mimotext überführt werden kann. Daher sind die Nachahmungen eines einzelnen Werkes, Autors, einer Epoche oder sogar Gattung laut Genette strukturell identische Operationen, d.h. sie bewegen sich bezüglich des am Kapiteleingang beschriebenen Modells Genettes alle auf einer Ebene hinsichtlich der Beziehung zwischen Hyper- und Hypotext. Sie stellen deshalb, legt man weiterhin Genettes strukturales Modell zugrunde, je nach Register entweder Pastiches, Persiflagen oder Nachbildungen dar. Diese strukturelle Identität besteht ferner darin, dass sich ein Imitator eines Stils bemächtigt, der das Wesentliche seiner Operationen darstellt, während der Text nur ein zusätzliches Element dessen ist. Wie mit den obigen Beispielen hinsichtlich des Goethe'schen und Mann'schen Stils gezeigt wurde, kannjedenfalls das Merkmal der Bemächtigung des Stils als gegeben angesehen werden.

Nachahmung und Transformation

Dennoch ergeben sich weiterhin Zweifel, ob die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull als reine Nachahmung (gleich welchen Registers) Goethes betrachtet werden können. Dabei ist weniger von Belang, dass die Thomas-Mann-Forschung von einer Parodie Goethes Dichtung und Wahrheit spricht, denn Genette thematisiert an verschiedenen Stellen die ungenaue Verwendung des Begriffs Parodie, die er in seinem strukturalen Modell als Transformation klassifiziert. Es ist Genette selbst, der in seiner Abgrenzung von Transformation und Nachahmung Zweifel aufkommen lässt, welchen der beiden Beziehungsebenen die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull zuzuordnen sind. Denn er definiert den Unterschied zwischen Transformation und Nachahmung vor allem durch das Nichtvorhandsein eines vermittelnden Modells, also der verallgemeinerten, imitativen Matrix. Darüber hinaus beziehe sich eine Transformation bzw. Parodie stets nur auf einzelne Hypotexte, nicht auf ein nach gewissen Merkmalen selektiertes Korpus. Die Transformation vollzieht sich demnach also direkt.[38] Unsere Bezugnahme auf Dichtung und Wahrheit als einzelnem Hypotext weist also in die Richtung der Transformation. Hinzu kommt, dass neben dem Stil im engsten Sinne auch bestimmte Themen, die Goethe in Dichtung und Wahrheit verarbeitet, von Thomas Mann aufgegriffen werden. Zu diesen Themen, die in erster Linie Charakteristika und Qualitäten des autobiographischen Ichs darstellen, gehört beispielsweise der in beiden Werken häufig vorkommende Verweis auf die Sprachbegabung des Protagonisten. Dies bezieht sich zum Beispiel auf das Erlernen von Fremdsprachen. Bereits im 1. Buch schildert Goethe, wie er als Kind durch bloßes Zuhören das „Italiänische [...] als ein lustige Abweichung des Lateinischen [...] sehr behende [faßte]."[39] Im 3. Buch begründet er seine Französischkenntnisse damit, dass ihm „auch hier [...] die angeborene Gabe zu statten [kam], dass [er, BC] leicht den Schall und Klang einer Sprache, ihre Bewegung, ihren Akzent, den Ton und was sonst von äußern Eigentümlichkeiten, fassen konnte."[40]

Ebendiese „äußern Eigentümlichkeiten" sind es auch, die sich Felix Krull zu eigen macht, als er sich im Pariser Hotel vorstellt. Im achten Kapitel des zweiten Buchs wird er von Generaldirektor Stürzli bezüglich einiger moderner Fremdsprachen auf die Probe gestellt, die er besteht, indem er „aus einem Nichts von Material etwas für den Augenblick hinlänglich Verblendendes"[41] macht und durch die Wiedergabe von Allgemeinplätzen, jedoch mit jeweiligem Habitus und Akzent, den Direktor zu überzeugen weiß.

Doch auch der Umgang mit der deutschen Muttersprache wird in beiden Werken thematisiert. Felix Krull spielt seine Sprachbeherrschung im Brief an seine vermeintliche Mutter, der er in seiner Rolle des Marquis' von Venosta schreibt, voll aus, sodass ihm die Marquise „Gepflegtheit und angenehme Politur" des Stils und „Sinn für gute, gewinnende Form" bescheinigt, die sich auch auf die „schriftliche wie mündliche Ausdrucksweise erstreckt."[42] Auch Goethe verweist immer wieder auf seine natürliche Begabung hinsichtlich der Sprache und Dichtung: „[...] denn es machte mir nichts Vergnügen, als was mich anflog."[43]

[...]


[1] Vgl. DIE ZEIT vom 18. Februar 2010. S.45ff.

[2] Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt a.M. 1993 (= edition suhrkamp 1683).

[3] Genette ersetzt den Begriff der Intertextualität durch Transtextualität, s.u. S.6f.

[4] Vgl. Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche - Werk - Wirkung. 2. Auflage München 1991. S.288.

[5] Das Erscheinen des Kommentars im Rahmen der kommentierten Gesamtausgabe ist für Mai 2010 angekündigt: Mann, Thomas: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher. Hrsg. von E. Heftrich u.a. Bd. 12,2.: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Kommentar. Hrsg. von H. Detering. Frankfurt a.M. 2010.

[6] Vgl. Schmitz, Thomas A.: Moderne Literaturtheorie und antike Texte. Eine Einführung. Darmstadt 2002. S.76ff

[7] Ebd. S.91.

[8] Vgl. ebd. S.91f.

[9] Vgl. Genette: Palimpseste. S.19.

[10] Ebd. S.10.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Genette: Palimpseste. S.14ff.

[13] Vgl. ebd. S.36-46.

[14] Vgl. ebd. S.45f.

[15] Vgl. Wysling, Hans: Narzissmus und illusionäre Existenzform. Zu den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull. Bern und München 1982 (=Thomas-Mann-Studien, Bd.5). S.171.; ferner Sprecher, Thomas: Felix Krull und Goethe. Thomas Manns „Bekenntnisse" als Parodie auf „Dichtung und Wahrheit". Bern 1985 (= Europäische Hochschulschriften, Bd. 841).

[16] Vgl. Grawe, Christian: Sprache im Prosawerk. Beispiele von Goethe, Fontane, Thomas Mann, Bergengruen, Kleist und Johnson. Bonn 1974 (^Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, Band 147). S.18. Zählung BC.

[17] Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Frankfurter Ausgabe. Vierzig Bände. Hrsg. von Friedmar Apel u. a. I. Abt.: Sämtl. Werke. Bd.14: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Hrsg. von K.-D. Möller. Frankfurt a.M. 1986 (^Bibliothek deutscher Klassiker 15). S.390.

[18] Mann, Thomas: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Bd. 7: Der Erwählte. Roman. u. Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Frankfurt a.M. 1960. S.268.

[19] Vgl. Kleiner, Gerd: Artikel „Anmut/Grazie". In: Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Hrsg. von K. Barck u.a. Stuttgart 2000. Bd.1: Absenz-Darstellung. S.193-208. Hier S.202ff.

[20] Vgl. Matthes, Sabine: Artikel „Anmut". In: Metzler-Goethe-Lexikon. Personen - Sachen - Begriffe. Hrsg. von B. Jeßing u.a. 2., verb. Auflage Stuttgart 2004. S.515f.

[21] Vgl. Nickel, Irmgard: Artikel „anmutig". In: Goethe-Wörterbuch. Hrsg. von der Akad. d. Wiss. der DDR, d. Akad. d. Wiss. in Göttingen u. d. Heidelberger Akad. d. Wiss. Stuttgart u.a. 1978. Bd. 1: A-azurn. Sp.620ff.

[22] Vgl. Grawe: Sprache im Prosawerk. S.19.

[23] Mann: GW VII. S.325.

[24] Genette: Palimpseste. S.10.

[25] Grawe hat anhand des Vergleichs zweier umfangreicherer Textstellen, die später Sprecher von ihm übernahm und deren Zitation hier unterlassen werden soll, als erster auf Parallelen im syntaktischen Bereich hingewiesen.

[26] Mann: GW VII. S.266.

[27] Goethe: FA XIV. S.389.

[28] Vgl. Grawe: Sprache im Prosawerk. S.17ff., der weitere parallel strukturierte Wendungen im Felix Krull und Dichtung und Wahrheit aufzählt.

[29] Die Übersetzer scheinen bei ihrer Suche nach stilistischer Vielfalt nicht bedacht zu haben, dass Nachahmung als Terminus technicus eingeführt wurde. Eine einheitliche Übersetzung von frz. imitation wäre durchaus sinnvoll gewesen.

[30] Genette: Palimpseste. S.97.

[31] Fontanier, zitiert nach Genette: Palimpseste. S.98.

[32] Ebd. S.99.

[33] Genette: Palimpseste. S.107.

[34] Ebd. S.18f

[35] Ebd. S.108.

[36] Ebd. S.109.

[37] Vgl. Genette: Palimpseste. S.110.

[38] Vgl. Genette: Palimpseste. S.112.

[39] Goethe: FA XIV. S.39.

[40] Ebd. S.101.

[41] Mann: GW VII. S.415.

[42] Ebd. S.622.

[43] Goethe: FA XIV. S.342.

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Transtextualität in Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
73
Katalognummer
V197417
ISBN (eBook)
9783656233596
ISBN (Buch)
9783656234340
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aspekte, transtextualität, thomas, manns, bekenntnisse, hochstaplers, felix, krull
Arbeit zitieren
Benjamin Cassel (Autor), 2010, Aspekte der Transtextualität in Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197417

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