Die Rolle der Sexualität in unserer Gesellschaft scheint schwer zu bestimmen. Einerseits erleben wir Emanzipation, sexuelle Aufklärung, die zunehmende Achtung sexueller Minderheitengruppen, denen immer mehr Rechte zugesprochen werden, die Allgegenwart erotischer Reize in der Werbung und den Medien, die Enttabuisierung der Pornographie, und wir kommen zu dem Ergebnis, dass heute alles erlaubt ist, was den selbstbestimmten Beteiligten gefällt.
Andererseits aber steigt die Zahl der Singlehaushalte stetig, die Auflagen von Sexratgebern scheinen zu explodieren, die schreienden medialen Aufforderungen zu ständiger Aktivität rufen Resignation hervor und zwischen den Verheißungen der Sexshops und Tantrakurse und der real gelebten Sexualität im Alltag scheint sich ein nahezu unüberwindlicher Abgrund aufzutun. Führt unsere gegenwärtige Freiheit und Multioptionalität zu Orientierungsschwierigkeiten, selbst im intimen Bereich von Sexualität und Erotik? Sind wir tatsächlich „oversexed and underfucked“ ? Und wie kommt es überhaupt zu solchen Paradoxien?
Um diesem Widerspruch von Spaß-Sexualität und Langeweile auf den Grund zu gehen, bietet sich die soziologische Theorie der „Erlebnisgesellschaft“ Gerhard Schulzes als analytisches Instrumentarium zur Beschreibung gegenwärtiger gesellschaftlicher Tendenzen an. Zwar zielt Schulzes Untersuchung auf die bundesdeutsche Gesellschaft Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts ab, wesentliche Prämissen können aber einen Geltungsanspruch über diese Zeit hinaus beanspruchen, da die zugrundliegende Entwicklung der Gesellschaft als prozessual aufgefasst wird. Demzufolge lassen sich die beschriebenen Trends heute weiter fortschreiben und aktualisieren.
Entsprechend werden in der vorliegenden Arbeit zunächst die zentralen Grundzüge der Theorie Schulzes nachgezeichnet. Anschließend wird der Frage nachgegangen, weshalb und ob die Erlebnisgesellschaft als kulturelle Erscheinung überhaupt Einfluss auf die menschliche Sexualität haben kann oder ob diese nicht eher biologisch determiniert ist. Dann werden positive und negative Aspekte der Sexualität in der Erlebnisgesellschaft in Rückgriff auf die Theorie genauer untersucht und abschließend durch Beispiele von Erotikratgeber-Artikeln des Nachrichtenportals bild.de veranschaulicht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung.
1. Die Erlebnisgesellschaft
2. Sexualität: Natur oder Kultur?
3. Pluralisierung, Emanzipation und nie gekannte Freiheiten
4. Wohllust statt Wollust: Der Verlust des Anderen
5. Erlebnissexualität in Beispielen: Die Erotik-Ratgeber von Bild.de
5.1.„Raus aus dem Bett! 10 Anzeichen, dass ER eine Sex-Niete ist“
5.2.„Morgens, mittags oder abends: Sex geht immer, aber wann am besten?“
5.3.„Langweilig ist es am schönsten. Warum Sex auch mal unaufregend sein darf“
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Widerspruch zwischen dem Ideal einer grenzenlosen „Spaß-Sexualität“ und der real empfundenen Langeweile in der modernen Gesellschaft. Unter Rückgriff auf Gerhard Schulzes Theorie der „Erlebnisgesellschaft“ analysiert die Autorin, wie gesellschaftliche Trends wie Individualisierung und Kommerzialisierung die menschliche Sexualität beeinflussen, normieren und durch mediale Inszenierungen (am Beispiel von bild.de) zu einem zwanghaften Erlebnispotenzial umformen.
- Soziologische Analyse der „Erlebnisgesellschaft“ nach Gerhard Schulze.
- Wechselspiel zwischen biologischer Bestimmtheit und kultureller Konstruktion von Sexualität.
- Untersuchung der Kommerzialisierung und Medialisierung sexueller Intimität.
- Kritische Reflexion der „Neosexualitäten“ und ihrer Paradoxien.
- Fallbeispielanalyse von Erotik-Ratgebern des Portals bild.de.
Auszug aus dem Buch
1. Die Erlebnisgesellschaft
Schulze konstatiert, dass durch den gestiegenen Lebensstandard in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft, die zunehmende Freizeit, die Auflösung starrer gesellschaftlicher Konventionen und Restriktionen sowie durch gestiegene Bildungsniveaus und technischen Fortschritt die Wahlmöglichkeiten des Individuums heute ein vorher nie gekanntes Ausmaß an Vielfalt erreicht haben. Mit dieser Entwicklung geht ein grundlegender Paradigmenwechsel in Bezug auf die Gestaltung eines sinnvollen Lebens einher: Die Individuen sind immer weniger damit beschäftigt, ihr Glück im Vermeiden von Unglück zu suchen, sich also auf konkrete äußere Gegebenheiten zu konzentrieren und objektiv bestehende Umstände so zu ändern, dass die Risiken für Armut, Unfreiheit oder Krankheit möglichst minimiert werden.
In Zeiten gestiegenen Wohlstands und der umfassenden Sicherung der grundlegenden ökonomischen Bedürfnisse stünden die Menschen nun vor der Herausforderung, wirklich glücklich zu werden, ihr nun gesichertes Leben mit Sinn zu füllen. „Die Problemperspektive des Lebens verlagert sich von der instrumentellen auf die normative Ebene; an die Stelle der technischen Frage ‚Wie erreiche ich X‘ tritt die philosophische Frage ‚Was will ich eigentlich?‘.“ An die Stelle vormals feststehender, normativer gesellschaftlicher Strukturen tritt eine rein subjektiv konstituierte Normativität, die nicht durch objektive Maßstäbe, sondern allein durch den Willen des Individuums gekennzeichnet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Sexualität im Kontext der Erlebnisgesellschaft und Darstellung der forschungsleitenden Fragestellung.
1. Die Erlebnisgesellschaft: Erläuterung der soziologischen Grundlagen nach Gerhard Schulze und des Wandels hin zur subjektzentrierten Lebensführung.
2. Sexualität: Natur oder Kultur?: Untersuchung der gesellschaftlichen Determinierung von Sexualität und der Untrennbarkeit von Natur und Kultur im Menschen.
3. Pluralisierung, Emanzipation und nie gekannte Freiheiten: Analyse des Wegfalls traditioneller Normen und der Differenzierung sexueller Lebensstile.
4. Wohllust statt Wollust: Der Verlust des Anderen: Erörterung der paradoxen Struktur des „Gestaltungsimperativs“ und der Tendenz zur Verdinglichung in Partnerschaften.
5. Erlebnissexualität in Beispielen: Die Erotik-Ratgeber von Bild.de: Anwendung der Theorie auf konkrete mediale Boulevard-Inhalte.
5.1. „Raus aus dem Bett! 10 Anzeichen, dass ER eine Sex-Niete ist“: Analyse der Instrumentalisierung des Partners durch Leistungsdruck und Stereotype.
5.2. „Morgens, mittags oder abends: Sex geht immer, aber wann am besten?“: Untersuchung der Rationalisierung von Sexualität als Mittel zur Steigerung der Arbeitseffizienz.
5.3. „Langweilig ist es am schönsten. Warum Sex auch mal unaufregend sein darf“: Kritische Beleuchtung der Uminterpretation von Langeweile im erlebnisorientierten System.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der paradoxen Verfassung der Sexualität zwischen erlangter Freiheit und neuem Zwang.
Schlüsselwörter
Erlebnisgesellschaft, Sexualität, Neosexualitäten, Konsum, Individualisierung, Medialisierung, Selbstoptimierung, Intimität, Verhandlungsmoral, Subjektzentrierung, Kommerzialisierung, Rollenbilder, Körperlichkeit, Lebensstil, Ratgeberliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht, wie sich die moderne „Erlebnisgesellschaft“ auf die Sexualität auswirkt und welche Widersprüche sich daraus für das Individuum ergeben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind der soziologische Wandel der Lebensführung, die gesellschaftliche Konstruktion von Sexualität, der Einfluss von Kommerzialisierung sowie die mediale Darstellung von Intimität.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den „Abgrund“ zwischen den medialen Versprechungen einer optimierten Spaß-Sexualität und der alltäglichen Realität von Langeweile und Orientierungslosigkeit soziologisch zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die kultursoziologische Theorie von Gerhard Schulze als analytisches Instrumentarium und wendet diese auf eine qualitative Analyse von Online-Erotikratgebern an.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Abschnitte zur Pluralisierung und den paradoxen Zwang zur Selbstoptimierung sowie die konkrete Analyse von Artikeln des Portals bild.de.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erlebnisgesellschaft, Neosexualitäten, Instrumentalisierung, Kommerzialisierung und die paradoxe Tendenz zur Verdinglichung menschlicher Beziehungen.
Warum wird speziell das Portal bild.de als Fallbeispiel gewählt?
Als massenmediales Boulevardprodukt dient Bild.de als Paradebeispiel dafür, wie normierte Rollenbilder und eine erlebnisrationale Logik in den Alltag breiter Bevölkerungsschichten transportiert werden.
Was bedeutet der Begriff „Neosexualitäten“ in diesem Kontext?
Der Begriff beschreibt eine spezifische, heute etablierte Form der Sexualität, die durch die Betonung von Glück, Selbstfindung und Selbsterfindung gekennzeichnet ist, während die klassische Triebhaftigkeit in den Hintergrund tritt.
Wie bewertet die Autorin die „neue Freiheit“ im Sexualleben?
Die Freiheit wird ambivalent bewertet: Einerseits befreit sie von fremdbestimmten Moralnormen, andererseits führt sie zu einem neuen, immensen Gestaltungs- und Leistungszwang, der zur Enttäuschung führen kann.
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- Vera Ohlendorf (Author), 2012, Grenzenloser Spaß oder endlose Langeweile?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197497