Die vorliegende Arbeit stellt frühe Regulationsstörungen dar, die der klinischen Entwicklungspsychologie zuzuordnen sind, und stellt sie in den Kontext der Bindung, die ein Kind zu seinen Eltern aufbaut. Im beginnenden Kapitel werden Erkenntnisse der frühen Kindheit, wie die Bindungstheorie und die frühe Mutter-Kind-Interaktion, vorgestellt, die nötig sind, um frühe Regulationsstörungen zu verstehen und richtig einzuordnen. In beiden Konzepten kommt der Feinfühligkeit der Betreuungsperson eine zentrale Bedeutung für den Aufbau einer sicheren Bindung und gelingenden Eltern-Kind-Interaktion zu. Im folgenden Kapitel werden die Grundlagen der frühkindlichen Regulation vorgestellt, die in die Vorstellung der verschiedenen Erscheinungsformen von frühkindlichen Regulationsstörungen münden. Dabei habe ich mich auf die drei häufigsten Störungsbilder exzessives Schreien, Schlafstörungen und Fütterstörungen (ohne Gedeihstörungen) konzentriert. Störungen der emotionalen Verhaltensregulation, die eher bei Kleinkindern vorkommen, werden hier nicht explizit behandelt. Einen breiten Raum nehmen auch die pränatalen, perinatalen und postnatalen Risiken und das kindliche Temperament ein, die zu den Entstehungsbedingungen der frühen Regulationsstörungen beitragen. Das Konzept des „Goodness of fit“ wird vorgestellt und es wird belegt, welche Störungen in welchen Phasen der Entwicklung des Kindes gehäuft auftreten. Anschließend wird der Frage nach den Auswirkungen auf das Familiensystem und das Kind nachgegangen.
Die zentrale Fragestellung bezieht sich darauf, wie betroffenen Familien geholfen werden kann. Welche professionelle, familiäre und organisierte Form der Unterstützung steht den Familien zur Verfügung? Die Langzeitauswirkungen von frühen Regulationsstörungen werden dabei nur am Rande gestreift, es geht vielmehr um Hilfestellung in den akuten Phasen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erkenntnisse der frühen Kindheit
2.1 Das psychologische Konzept der Bindungstheorie
2.1.1 Die besondere Bedeutung der Feinfühligkeit
2.1.2 Bindungssicherheit und ihre Bedeutung für die kindliche Entwicklung
2.2 Das verhaltensbiologische Konzept der frühen Mutter-Kind Interaktion
2.2.1 Fähigkeiten des Kindes
2.2.2 Intuitive elterliche Fähigkeiten
2.3 Grundlagen der frühkindlichen Regulation
2.3.1 Selbstregulation
2.3.2 System der basalen adaptiven Verhaltensregulation
2.3.3 Engels- und Teufelskreise
3. Frühkindliche Regulationsstörungen
3.1 Erscheinungsformen
3.1.1 Exzessives Schreien
3.1.2 Schlafstörungen
3.1.3 Fütterstörungen
3.2 Entstehungsbedingungen
3.2.1 Pränatale, perinatale und postnatale Risiken
3.2.2 Das kindliche Temperament
3.2.3 Goodness of fit
3.2.4 Auftreten der Störungen in bestimmen Phasen
3.3 Auswirkungen
3.3.1 Auf die Entwicklung des Kindes
3.3.2 Auf die Eltern-Kind-Bindung
3.3.3 Auf die Eltern und die Partnerschaft
4. Behandlungsmöglichkeiten und Unterstützungsansätze bei frühen Regulationsstörungen
4.1 Beratung und Therapie
4.2 familienunterstützende Dienste
4.2.1 familiäre Unterstützung
4.2.2 Notmütterdienst
4.2.3 Familienhilfe/Haushaltshilfe
4.3 stationäre Hilfen
4.3.1 Aufnahme ins Krankenhaus
4.3.2 Mutter-Kind-Kur
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, frühe Regulationsstörungen in den Kontext der Eltern-Kind-Bindung zu setzen und Möglichkeiten der Unterstützung für betroffene Familien aufzuzeigen. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der Entstehungsbedingungen, der Symptomatik sowie der verschiedenen professionellen und familiären Hilfsangebote, um Eltern bei der Überwindung dysfunktionaler Interaktionsmuster zu entlasten.
- Grundlagen der Bindungstheorie und frühen Mutter-Kind-Interaktion
- Erscheinungsformen und Entstehungsbedingungen von Regulationsstörungen
- Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung, Bindung und das Familiensystem
- Kommunikationszentrierte Beratung und therapeutische Ansätze
- Formen der familiären, ambulanten und stationären Unterstützung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Exzessives Schreien
Nach Bensel (2001) ist Schreien unspezifisch, ein Mehrzweckverhalten, das Aufmerksamkeit erregen soll, aber auch eine kommunikative Funktion erfüllt. Die Eltern müssen erst lernen, das Schreien richtig zu deuten und zu beantworten. Nach der Dreier-Regel von Wessel et. al. (1954) spricht man von exzessivem Schreien, wenn dieses mehr als drei Stunden täglich, an mindestens drei Tagen die Woche über mindestens drei Wochen vorliegt. Bedeutsam für die Einstufung ist auch das subjektive Empfinden einer Belastung der Eltern und das Nichtansprechen des Babys auf Beruhigungshilfen. Der Beginn wird meist auf die zweite Woche datiert mit einer Zunahme an Intensität und Häufigkeit bis zur sechsten Woche. Mit zwölf Wochen nimmt das Schreien üblicherweise ab, da ein Entwicklungsschub dem Säugling bessere Anpassungs- und Reorganisationsleistungen ermöglicht.
Persistieren die Schreizustände über den dritten Monat hinaus, handelt es sich um eine Extremausprägung im vorliegenden Sinne. Von einer anderen Ätiologie abzugrenzen sind Schrei- und Unruhezustände bei Säuglingen über sechs Monaten. Das unstillbare Schreien tritt gehäuft in den Nachmittags- und vor allem Abendstunden auf und geht einher mit einer Störung der Schlaf-Wach-Regulation. Die Säuglinge finden tagsüber kaum in den Schlaf, sind überreizt, unruhig und müde und können abends trotz großer Müdigkeit nicht einschlafen, was zu einem weiteren Schlafdefizit führt. Phasen des ruhigen, aufmerksamen Wachzustandes sind kaum vorhanden. Als Folge des unstillbaren Schreiens liegt bei den Eltern, insbesondere den Müttern, oft ein chronisches Überlastungssyndrom mit Erschöpfung, Schlafdefizit, Frustration und Verunsicherung vor (von Hofacker 1998/Papoušek 2005/ Ziegenhain et. al. 2006/ Ziegler/Wollwerth de Chuquisengo/Papoušek 2004).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Arbeit verortet frühe Regulationsstörungen in der klinischen Entwicklungspsychologie und erläutert die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung sowie die Zielsetzung der Untersuchung.
2. Erkenntnisse der frühen Kindheit: Das Kapitel erläutert entwicklungspsychologische Grundlagen wie die Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth sowie das verhaltensbiologische Konzept der frühen Mutter-Kind-Interaktion.
3. Frühkindliche Regulationsstörungen: Hier werden Symptome, Ursachen, Risikofaktoren und Auswirkungen von Regulationsstörungen wie exzessives Schreien, Schlaf- und Fütterstörungen detailliert beschrieben.
4. Behandlungsmöglichkeiten und Unterstützungsansätze bei frühen Regulationsstörungen: Es werden verschiedene professionelle Beratungs- und Therapieansätze sowie familiäre und stationäre Hilfsmöglichkeiten zur Unterstützung betroffener Familien vorgestellt.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit fasst zusammen, wie wichtig die frühzeitige Unterstützung durch Beratung und Hilfe im häuslichen Umfeld ist, um manifeste Störungen zu verhindern und das Kinderschutzkonzept zu stärken.
Schlüsselwörter
Regulationsstörungen, Eltern-Kind-Bindung, Säuglingsforschung, Feinfühligkeit, Bindungstheorie, exzessives Schreien, Schlafstörungen, Fütterstörungen, intuitive elterliche Kompetenzen, Selbstregulation, Co-Regulation, Beratungsangebote, familiäre Unterstützung, Krisenintervention, Familiensystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die klinische Einordnung von frühen Regulationsstörungen im Kontext der Eltern-Kind-Beziehung und analysiert, wie betroffenen Familien effektiv geholfen werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Bindungstheorie, das Verständnis von Intuition bei Eltern, die Entstehungsbedingungen von kindlichen Regulationsproblemen sowie die verschiedenen Formen der psychosozialen Unterstützung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, einen Einblick in die komplexen Prozesse einer gelingenden Eltern-Kind-Interaktion zu geben und aufzuzeigen, welche Hilfsangebote in akuten Belastungsphasen für Eltern zur Verfügung stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Literaturrecherche, die Erkenntnisse der entwicklungspsychologischen Säuglingsforschung und systemtheoretische Ansätze miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das psychologische Konzept der Bindungstheorie, die basale Verhaltensregulation, die Erscheinungsformen (Schreien, Schlafen, Füttern) und die Entstehungsbedingungen detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Regulationsstörungen, Bindungssicherheit, intuitive elterliche Kompetenzen, Selbstregulation und Unterstützungsansätze geprägt.
Was versteht die Autorin unter einem "Teufelskreis"?
Ein Teufelskreis entsteht, wenn ein Säugling mit Regulationsproblemen auf beeinträchtigte intuitive Kompetenzen der Eltern trifft, was zu negativem Feedback und verfestigten dysfunktionalen Interaktionsmustern führt.
Welche Rolle spielt das "Goodness of fit"-Modell?
Dieses Modell beschreibt die Passung zwischen kindlichen Temperamentsmerkmalen und den Anforderungen der Umwelt; eine gestörte Passung (Misfit) gilt als begünstigender Faktor für Regulationsstörungen.
- Quote paper
- Master of Arts, Diplom Sozialpädagogin (FH) Carmen Zwerger (Author), 2011, Frühe Regulationsstörungen im Kontext der Eltern-Kind-Bindung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197621