Reinhold Schneiders „Kaiser Lothars Krone“ - Ein historischer Roman gegen den Nationalsozialismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der historische Roman „Kaiser Lothars Krone“

3 Reinhold Schneiders Leben und Werk

4 Historischer Roman als Ausdruck des Widerstands

5 Darstellung des Widerstands in „Kaiser Lothars Krone“

6 Schlußbetrachtung

7 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Reinhold Schneider „hat eine elementare Begabung, ein natürliches Vermögen, Geschichte einfühlend zu erzählen.“[1]

Diese Worte Carl Friedrich von Weizsäckers, der Reinhold Schneider persönlich kannte, treffen den Kern. Schneiders Empathie ist der Grund weshalb er mit seinen historischen Romanen, Sonetten und Erzählungen die Herzen der Menschen berührte, ihnen Trost spendete, Halt und Hoffnung gab. „Er hat Geschichte hineingewoben in die Gegenwart, in der Erwartung, sie könnte dem Menschen eine Lehrmeisterin sein. Insofern hat Geschichte nicht ästhetischen oder nur eben ‚historischen‘ Wert, sondern eine Funktion zu erfüllen, die sich auf das Leben des Menschen und die Politik bezieht, die ohne Bezug zur Geschichte nicht denkbar ist.“[2] Schneider konnte Geschichte visionär nachvollziehen und sah nicht nur die äußeren Abläufe, sondern ihre innere fortwirkende Gesetzmäßigkeit.[3] Für Schneider ist die Geschichte ohne Bezug zur Gegenwart wertlos, sie ist Problemdarstellung und hilft bei der Deutung der Gegenwart.[4]

Schneider zählt zu den bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands in den 1930er bis 1950er Jahren. Er leistete Widerstand gegen die Nationalsozialisten und war nach Kriegsende ein Mahner, der für die Aufarbeitung des Dritten Reiches und gegen die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik Deutschland kämpfte. Und doch ist er heute in Vergessenheit geraten.[5] Es ist bemerkenswert und zugleich bedauernswert, dass ein so fleißiger und zu Lebzeiten viel gelesener Schriftsteller in der heutigen Zeit kaum oder gar nicht im Bewusstsein ist.

Und auch die wissenschaftliche Behandlung Reinhold Schneiders ist nur teilweise genügend. Es gibt einige Abhandlungen über Reinhold Schneider. Es sind meist biographische Werke über die, wie Kapitel 3 zeigen wird, sehr spannende Persönlichkeit. Carsten Peter Thiede konstatiert 1980, dass eine zusammenfassende Monographie über Schneiders literarisches Werk noch zu schreiben sei.[6] Diese Feststellung kann selbst über dreißig Jahre später noch aufrecht erhalten werden. Der historische Roman „Kaiser Lothars Krone“ wird in vielen Abhandlungen komplett ausgespart. Dieses Werk wird entweder verschwiegen oder nur am Rande erwähnt.[7] Einzig Beatrix Aebi-Surbers Dissertation zu „Reinhold Schneider und sein Mittelalter“ geht bei ihrer Analyse intensiv auf das Werk ein. Des Weiteren liefert Jhou-Sun Chois Dissertation einen guten Beitrag zu Reinhold Schneiders Widerstand mittels des historischen Romans.[8] Ansonsten wird „Kaiser Lothars Krone“ kaum wahr genommen, genauso wie Schneiders Bedeutung in der Gegenwart gering ist. Thiede fragt an anderer Stelle, warum nur vier Werke Schneiders, das „Lyrische Werk“, „Las Casas vor Karl V.“, „Verhüllter Tag“ und „Winter in Wien“, in Kindlers Neues Literatur-Lexikon aufgenommen sind. Doch auch Thiede erwähnt bei seinen Ausführungen in seinem Vorwort zum Neudruck von Schneiders „Der Balkon“, in dem er weitere Werke aufzählt „Kaiser Lothars Krone“ nicht.[9]

Diese kurze Darstellung zeigt die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Behandlung „Kaiser Lothars Krone“ im Allgemeinen und der Thematisierung als Ausdruck des Widerstands im Speziellen. „Kaiser Lothars Krone“ ist im Gegensatz zu anderen Werken, wie zum Beispiel „Las Casas vor Karl V.“ oder „Das getilgte Antlitz“, nicht so leicht und offensichtlich als Widerstandsliteratur zu erkennen. Diese Arbeit soll den literarischen Widerstand Schneiders am historischen Roman „Kaiser Lothars Krone“ aufzeigen.

Zunächst wird eine kurze Zusammenfassung des Hauptgegenstandes dieser Arbeit geliefert. Anschließend wird das Leben und Werk Reinhold Schneiders behandelt. Nachdem wir uns ein Bild über den historischen Roman „Kaiser Lothars Krone“ und die Persönlichkeit Reinhold Schneider verschafft haben, wenden wir uns dem historischen Roman als Form des Widerstandes in den 1930er zu. Anschließend wird „Kaiser Lothars Krone“ untersucht. Wo finden sich Stellen, die als Kritik und Widerstand gegenüber dem Naziregime angesehen werden können? Was möchte Schneider mit diesem Buch ausdrücken und bewirken? Was für ein Bild zeichnet er von der Regentschaft unter Kaiser Lothar.

2 Der historische Roman „Kaiser Lothars Krone“

Reinhold Schneider schrieb dieses Buch von Ende September bis 4. Dezember 1936 und im Herbst 1937 wurde es schließlich gedruckt.[10] Er verwendete für seinen historischen Roman die aktuelle Forschungsliteratur des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts und nennt diese in einem Quellenverzeichnis im Anschluss an das Nachwort. Über die Literatur hatte er Zugang zu den Quellen und bezeichnete diese in einem Brief an Maria Baumgarten als „farblos und langweilig“.[11] Schneider kam bei seiner Beurteilung Lothars zu einem gegensätzlichen Urteil als die damalige Mittelalterforschung. Allen voran Wilhelm Bernhardi zeichnete in seiner Monographie zur Geschichte Lothars III.[12] ein sehr kritisches Bild von den Regierungsjahren Lothars. Besonders bemerkenswert ist, dass das Urteil Schneiders von der jüngeren Forschung in vielen Teilen bestätigt wird.[13]

Das Buch ist in fünf Kapitel aufgeteilt, wobei das mittlere, dritte Kapitel als einziges drei Unterkapitel aufweist. Das erste Kapitel zeigt den werdenden Kaiser und das letzte, fünfte Kapitel den sterbenden Kaiser. Der Kreis schließt sich. Das dritte Kapitel ist das umfangreichste und wird eingerahmt von den Kapiteln Otto von Bamberg und Albrecht der Bär. Es ist zum Einen ein geistlicher und zum Anderen ein weltlicher Würdenträger, die das mittlere Kapitel umfassen. Dieses Kapitel beschreibt die Hochphase der Macht Kaiser Lothars.[14] Ein- und Ausgang des Werkes formen zwei Bauwerke, die Schneider zu diesem

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Werk anregten. Der Dom zu Königslutter und das Grab Lothars, das sich in eben jenem Dom befindet. Ausgangspunkte historischer Betrachtung sind bei Schneider Grabdenkmäler. So beginnen die Werke über Camoes und den Spanier Philipp II. und eben auch dieses Buch über Kaiser Lothar.[15]

Schneider fängt das Buch mit der Beschreibung der Grabesstätte von Otto dem Großen an, der im Magdeburger Dom begraben liegt, um dann zu Kaiser Lothars Grabstätte überzuleiten, die sich „nicht sehr ferne vom östlichsten Kaisergrabe des Nordens, aber schon mitten im alten Sachsenlande“[16] befindet. Dort sind neben Lothar seine Frau Richenza von Northeim und sein Schwiegersohn Heinrich der Stolze begraben. Schneider stellt eine Nähe und Kontinuität zwischen Otto dem Großen und Kaiser Lothar her. Der Eingang ist geprägt von Gebäuden und Orten: dem Magdeburger Dom, dem Dom in Königslutter, der Stadt Helmstedt, der Süpplingenburg. In diesem Eingang nimmt Schneider bereits das Ende Kaiser Lothars voraus und hebt seinen Verdienst hervor.[17]

Im ersten Kapitel erzählt Schneider von der Königswahl 1125. Er bleibt dabei sehr nah an der „Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum“.[18] Weiter schildert Schneider Lothars Werdegang vom eher unbedeutenden und machtarmen Herzog, der in Opposition zum König stand, hin zum König. Durch Heirat und glückliche Erbfälle gewinnt Lothar an Macht. Kaiser Heinrich V. stirbt kinderlos und Lothar wird zum König gewählt. Direkt nach seiner Wahl söhnt er sich mit seinem Gegenkandidaten Friedrich II. von Schwaben aus und verkündete den Reichsfrieden. Anschließend reist Lothar durchs Reich. Im Weiteren schildert Schneider die Feldzüge König Lothars gegen Böhmen, gegen die Staufer und die Städte Nürnberg und Speyer.

Das zweite Kapitel thematisiert die Missions- und Kolonisationszüge des Bambergers Bischof Otto von Bamberg Richtung Osten. Im Gegensatz zu Franz Lüdtkes Buch „Kaiser Lothar – Deutschlands Wendung zum Osten“, das ebenfalls 1937 erschien, widersagt Schneider propagandistischer Töne, sondern schildert schlicht den Missionszug.[19]

Das mittlere, dritte Kapitel ist das umfangreichste und in drei Partien unterteilt. Das erste Unterkapitel trägt den Titel „Krönung“ und beschreibt die Jahre, in denen Lothar am Höhepunkt seiner Macht war. Im Unterkapitel „Der Ruf der Krone“ geht es um die Belagerung Speyers. Schneider beschreibt Richenza als wichtige Frau an Lothars Seite. Sie hat beide Italienzüge begleitet. Er würdigt sie mit den Worten: „Selten nur hatten die Schreiber Gelegenheit, auf den Urkunden ihres Herrn den Namen der verehrten Königin zu vermerken, und so ist sie, auf die Weise so vieler stiller, im geheimen wirkender Mächte, denen gewiß nicht der geringste Anteil der Geschichte gehört, wieder unsichtbar geworden. Wer aber den gealterten König erblicken vermag als Beter im Dom oder zürnenden Richter im Kreis der Fürsten oder als beharrlichen umsichtigen Kriegsmann im Feldlager, der wird auch die Frau an seiner Seite erkennen.“[20] Das zweite Unterkapitel „Zwei Päpste“ behandelt das Papstschisma zwischen Innozenz II. und Anaklet II.. Lother erkennt Innozenz II. als rechtmäßigen Papst an und trifft sich mit ihm in Lüttich, leistet dort den Strator- und Marschalldienst. Eben dieser Dienst und der Vorwurf, er habe das Schisma nicht zum Vorteil der Krone genutzt, bringen Lothar den Vorwurf des Pfaffenkönigs ein.[21] Lothar führt aber durchaus einen Disput mit dem Papst. Er fordert das Investiturrecht zurück. Papst Innozenz II. fordert Lothars Schutzpflichten für den Zug nach Rom, das von Anaklet II. besetzt ist. Durch die Vermittlung Bernhard von Clairvaux wird ein Streit verhindert und ein Italienzug vereinbart. Dieser Italienzug ist dann Titel und Gegenstand des dritten Unterkapitels. 1132 findet der beschwerliche Italienzug nach Rom statt. Die Peterskirche wurde von Anaklet II. beherrscht, weshalb sich Lothar in der Basilika des Konstantins zum Kaiser krönen ließ. Das Verhältnis zwischen Papst und Kaiser bleibt angespannt.

Die anfängliche Versöhnung mit Friedrich von Schwaben und dessen Bruder Konrad III. währte nicht lange. Konrad III. wurde 1127 zum Gegenkönig erhoben. Doch 1134 auf dem Hof zu Fulda bitten beide um Gnade, die ihnen von Lothar gewährt wird. Kaiser Lothar hat an Macht und Autorität gewonnen.

Dem dritten Kapitel folgt „Albrecht der Bär“. Der Markgraf der Nordmark erschließt den Osten nach Ottos von Bamberg Christianisierung auch politisch. Schneider sieht darin ein Wachstum aus der Mitte des Reiches heraus. Auch hier entsagt er nationalsozialistischer Töne.

Das letzte Kapitel nennt Schneider „Triumph und Heimkehr“. Er beschreibt den zweiten Italienzug, der das Ziel hatte den Gegenpapst zu stürzen. Die Überquerung der Alpen ist äußerst beschwerlich. Kaiser Lothar III. stirbt am 3. Dezember 1137 auf dem Rückweg in Breitenwang im Tirol.

Und schließlich endet der historische Roman mit dem Ausgang: Das Grab. Kaiser Lothar wird im noch nicht vollendeten Dom zu Königslutter beigesetzt. Sein Schwiegersohn Heinrich kann das bereitete Feld Lothars nicht nutzen, so dass der Staufer Konrad König wird. Der Kampf zwischen den Staufern und Welfen bricht aus.

Dieser historische Roman ist nicht einfach zu verstehen und das wusste Schneider. Auf eine persönliche Rezension des Buches von Jochen Klepper antwortet Reinhold Schneider seinem Freund in einem Brief vom 3. Dezember 1937:„ ich fühlte wohl, dass es Lesern und selbst Freunden schwer sein wird, sich diesem Büchlein zuzuwenden, und doch steht es mir, nicht nur seiner Entstehungszeit nach, viel näher als fast alle meine anderen Bücher, und es würde mich darum schwer treffen, wenn die Menschen gerade hier haltmachen würden.“[22] Im folgenden Kapitel wenden wir uns der Person Reinhold Schneider zu, ehe wir das Buch genauer analysieren, um es zu verstehen.

[...]


[1] Von Weizsäcker, RS, S. 168.

[2] Bossle, Utopie und Wirklichkeit, S. 55.

[3] Rast, Widerspruch, S. 42.

[4] Bossle, Utopie, S. 56.

[5] Emde/Schuster, Wege, S. VIII.

[6] Thiede, Einleitung, in: Über RS, S. 19.

[7] Stellvertretend sei Rolf Willaredts Dissertation zu „Reinhold Schneider und Nietzsche“ erwähnt, die in der Bibliographie unter Schneiders Werke „Kaiser Lothars Krone“ nicht aufzählt. Auch Josef Rasts Büchlein „Der Widerspruch“ über Reinhold Schneider nennt im Anhang einige Hauptwerke Schneiders und lässt dabei „Kaiser Lothars Krone“ außen vor.

[8] Choi nutzt wegen ihrer Forschungsfrage allerdings Schneiders „Las Casas vor Karl V.“. Sie vergleicht dieses Werk mit Alfred Döblins „Land ohne Tod“, einem Buch der Exilliteratur, das denselben Stoff zum Thema hat.

[9] Thiede, Vorwort, in: RS, Balkon, S. 5.

[10] Zitiert nach Aebi-Surber, RS, S. 214.

[11] Aebi-Surber, RS, S. 214. Ob er mit diesem Urteil auch die Forschungsliteratur, die ihm als Quelle diente, meinte, ist nicht eindeutig, kann aber vermutlich ausgeschlossen werden.

[12] Bernhardi, Wilhelm, Lothar von Supplinburg. Jahrbücher der deutschen Geschichte, Leipzig 1879, ND Berlin 1975.

[13] Hartmann, Einleitung, in: RS, Lothar 2, S. 7.

[14] Petke, Lothar, S. 174. „Mit dem Jahre 1135 hatte Lothar den Höhepunkt seiner Herrschaft erreicht.“

[15] Meier, Widerspruch, S. 71.

[16] RS, Lothar, S. 7.

[17] RS, Lothar, S. 14: „Begründer und Wahrer des Friedens“.

[18] Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum, hg. Georg Waitz, in: MGH, SS 12, Hannover 1856, S. 509-512.

[19] Das allein ist für die damalige Zeit schon bemerkenswert, wenn gleich es noch nicht den Tatbestand des Widerstands darstellt.

[20] RS, Lothar, S. 146. Schneiders Freund Jochen Klepper schreibt ihm, dass die Darstellung der Frau Richenza das zweitwichtigste in diesem Werk sei und wird in einer Antwort Schneiders darin bestätigt. S. Aebi-Surber, RS, S. 215f.

[21] Bernhardi, Lothar, S. 793: „Unter seinem Vorgänger auf dem deutschen Thron hat es keinen Herrscher gegeben, der ihm an Fügsamkeit gegen die Geistlichen gleichgekommen wäre, geschweige denn ihn übertroffen hätte.“

[22] Aebi-Surber, RS, S. 216.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Reinhold Schneiders „Kaiser Lothars Krone“ - Ein historischer Roman gegen den Nationalsozialismus
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V197708
ISBN (eBook)
9783656235729
ISBN (Buch)
9783656237419
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schneider, Reinhold Schneider, Historischer Roman, Kaiser Lothar, Lothar III., Bücher gegen den Nationalsozialismus, Widerstand, Widerstandskämpfer, Freiburg, Widerstandsliteratur, 2. Weltkrieg, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Dominik Naab (Autor), 2011, Reinhold Schneiders „Kaiser Lothars Krone“ - Ein historischer Roman gegen den Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197708

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