Das Wunschkind: Die Sehnsucht nach dem perfekten Kind


Diplomarbeit, 2012
74 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aufbau

2. Theorien zur Genese des Kinderwunsches
2.1 Naturalistische Theorien
2.2 Ökonomische Fertilitätstheorien
2.3 Sozialpsychologische Modelle zur Entstehung des Kinderwunsches
2.3.1 Das Value ofchildren- Modell von Hoffmann und Hoffmann
2.3.2 Das Paarinteraktions- Modell von Rosenstiehl et al
2.3.3 Psychosoziale Kinderwunschtheorie bei Ottomayer
2.4 Psychologische Erklärungen für den Kinderwunsch
2.4.1 Frühe psychoanalytische Theorien von Freud und Deutsch
2.4.2 Die Entwicklung des Kinderwunsches von Boothe und Heigl-Evers

3. Die Entkopplung von Sexualität und Fruchtbarkeit
3.1 Die Pille
3.2 Die Pille in Bezug auf das Wunschkind
3.3 Die Reproduktionsmedizin
3.3.1 Vom Bastelkind zum Designer- Baby
3.3.2 „Kann ein Samen Vater sein?“

4. Das Wunschkind und seine Bedeutung für die Familie
4.1 Marcel Gauchet: L'enfant du désir
4.2 Martine Lerude: Das Begründerkind

5. Vom Wunschkind zum verwünschten Kind
5.1 Das verwünschte Kind im grimmschen Märchen
5.2 „Das Wunschkind“ von Ina Seidl

6. Die Folgen des Konzepts „Wunschkind“
6.1DastyrannischeKind
6.1.1 Tiefenpsychologische Konzepte über ungünstigen Elterneinflüssen
6.1.2 Winterhoffs Modell der „Beziehungskonzepte“
6.2 Das überforderte Kind
6.2.1 Über-Förderung: Ursachen und Folgen

7. Konsequenzen für die Pädagogik
7.1 „Sie laufen uns aus dem Ruder“- Winterhoff und Bergmann im Interview
7.2 Psychoanalytisch- pädagogische Perspektiven für dir Elternarbeit

8. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 1 .Juni 1961 führte die Berliner Schering AG die erste Antibabypille für den westdeutschen Markt ein. Vier Jahre später folgte die ehemalige DDR mit einem eigenen Präparat, doch im Gegensatz zur Bundesrepublik wurde sich hier für eine positive Konnotation in der Benennung entschieden, das Produkt wurde unter dem Namen „Wunschkindpille“ bekannt. Hiermit sollte ausgedrückt werden, dass sich der Einsatz des Medikaments keinesfalls gegen Kinder wende, sondern vielmehr dazu diene den bestmöglichen Zeitpunkt für deren Geburt wählen zu können.[1]

Heute verhüten laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über die Hälfte der 20 bis 44- jährigen Frauen mit der Pille [2], so dass es für viele Paare mittlerweile selbstverständlich geworden ist, den vermeintlich günstigsten Zeitpunkt für die Geburt ihres Kindes zu bestimmen. So waren nach den Ergebnissen der BZgA bereits im Jahr 2000 76 Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland „zu diesem Zeitpunkt gewollt“.[3] Und selbst Paaren, die auf natürlichem Weg keine Kinder zeugen können, kann durch eine Vielzahl von Verfahren aus der Reproduktionsmedizin der Weg zum Wunschkind geebnet werden.

Die Auswirkungen der dieser Trennung von Sexualität und Fortpflanzung werden in Deutschland nach wie vor aus naturwissenschaftlicher, kirchlicher, politischer und soziologischer Sicht mit unterschiedlichen Ergebnissen diskutiert. Der französische Philosoph und Soziologe Marcel Gauchet spricht in diesem Zusammenhang von einer „Diktatur der Liebe“, die unter anderem durch die Kontrolle der Fortpflanzung verursacht sei. Die Folge seien Eltern, die ihr Kind als privates „Produkt des Wunsches“ wahrnehmen würden und deren Erwartungen an dieses „auserwählte“ Kind in vielerlei Hinsicht übergroß wären. Er ergänzt, dass „der Wandel des Regimes der menschlichen Reproduktion“ einen Paradigmenwechsel darstelle, dessen Auswirkungen herausgefunden werden müssten.[4]

Die Erziehungswissenschaft führt diesen Gedanken insofern weiter, als dass hier unter anderem über die Folgen einer von elterlichen Wünschen fehlgeleiteten Erziehung gesprochen wird. Vermehrt kommt es zu Fest­stellungen, wie die des populären Autors und Kinderpsychiaters Michael Winterhoff: „Schwierigkeiten bereiten zunehmend Kinder und Jugendliche, deren Eltern vom ersten Tag an liebevoll mit ihnen umgehen, für jeden gutgemeinten Erziehungsratschlag dankbar sind und innovative pädagogische Konzepte in die Tat umzusetzen versuchen.“.[5]Es handelt sich somit nicht mehr ausschließlich um die als klassische Problemfamilie wahrgenommen Familien, in denen destabilisierende Faktoren wie Armut, Trennung oder Gewalt eine Rolle spielen, die in den Fokus von professionellen Pädagogen/-innen geraten. An diesem Punkt stellt sich die Frage nach den Gründen für diese Auffälligkeiten. Eine mögliche Erklärung wäre, dass sich sowohl bei Eltern, als auch bei vielen Pädagogen/- innen die (unbewusste) Vorstellung etabliert hat, eine gelungene Erziehung rücke das Kind und seine Bedürfnisse bedingungslos in den Mittelpunkt und Auffälligkeiten seien in den meisten Fällen auf offensichtliche Vernach­lässigungen oder Missbrauch zurückzuführen. Hierdurch könnte der Blick für die Defizite einer Erziehung, die oberflächlich betrachtet jeden Anspruch bedient, getrübt sein. Ob und wenn, inwieweit schon pränatale Vorstellungen und Wünsche, verbunden mit der Fiktion des günstigsten Zeitpunkts zur Fortpflanzung von Seiten der Eltern zu Problemen in der Kindesentwicklung beitragen können, soll hier untersucht werden. Auch die möglichen Auswirkungen des „Konzepts Wunschkind“ auf die betroffenen Eltern und Kinder sollen beschrieben werden, sowie die Konsequenzen einer sich scheinbar zunehmend professionalisierenden privaten Erziehung für Pädagogen/- innen.

1.1 Aufbau

Dem Thema Wunschkind nähert sich diese Arbeit von unterschiedlichen Seiten. Im zweiten Kapitel der Arbeit wird zunächst ein Überblick über verschiedene theoretische Ansätze zur Genese des Kinderwunsches beim Menschen gegeben. Der Gedanke dahinter ist der, dass bereits die Motive ein Kind zu bekommen dessen spätere Realität formen. In Kapitel drei wird dann auf die Rolle von Verhütungsmitteln im reproduktiven Prozess eingegangen, also auf die Titel gebende „Entkopplung von Sexualität und Fruchtbarkeit“. Eine besondere Rolle spielt dabei, auch aufgrund ihrer gesellschaftlichen Relevanz, die Antibabypille. Auf Grundlage dieser Ausführungen soll der Begriff „Wunschkind“ zunächst definiert und einge­ordnet werden. Im Anschluss soll auf das Wunschkind im Rahmen und unter dem Einfluss der Reproduktionsmedizin eingegangen werden.

In den Kapiteln vier und fünf wird das Wunschkind als Ergebnis eines Prozesses des bewussten Wollens kritisch betrachtet, Marcel Gauchet und Martine Lerude ergänzen es um die Begriffe „l'enfant du désir“ und „Begründerkind“. Es schließt sich die Frage an, ob das Element des Wünschens bereits eine Art der Verwünschung impliziere. Dies soll unter der Hinzunahme von modernen Deutungen die sich auf Märchen der Brüder Grimm sowie auf Ina Seidls Roman „Das Wunschkind“ beziehen, geklärt werden.

Im Kapitel sechs sollen die Folgen des Konzepts Wunschkind thematisiert werden. An dieser Stelle wird der Begriff „Tyrann“ im Hinblick auf das Kind eingeführt, geprägt durch und beschrieben von dem kommerziell sehr erfolgreichen deutschsprachigen Sachbuchautor Michael Winterhoff. Dessen Modell der „Beziehungskonzepte“ werden tiefenpsychologische Grundlagen zu ungünstigen Elterneinflüssen vorangestellt. Anschließend wird als eine weitere Folge der veränderten Position des Kindes auf den Teilaspekt der Überforderung des Kindes eingegangen.

In Kapitel sieben stellt sich letztendlich die Frage nach den Konsequenzen der skizzierten Entwicklungen für Pädagogen/- innen. An Hand eines

Interviews mit Winterhoff und dem Diplom- Pädagogen Wolfgang Bergmann sollen zunächst die Kontroversen, die dieses Thema beherrschen, verdeut­licht werden und abschließend konkrete Vorschläge für eine zeitgemäße Elternarbeit gegeben werden.

Die verwendete Literatur bedient sich zumeist tiefenpsychologischen Vokabular und Erklärungen. Diese Auswahl liegt in der Themenstellung begründet, die in hohem Maße mit der Deutung von unbewussten Motiven verknüpft ist. Außerdem soll auf aktuelle Bezüge, zum Beispiel in Form von populären Veröffentlichungen geachtet werden. Ältere Veröffentlichungen sollen verwendet werden, wenn sie nach wie vor zeitgemäß und für das Thema passend erscheinen oder sich zu neueren Erkenntnissen in Beziehung setzen lassen. Allgemein ist es anzumerken, dass sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viele Autoren/- innen der vorliegenden Fragestellung gewidmet haben. Die Ausnahmen stammen zumeist aus Frankreich und liegen, wie zum Beispiel der Essay „L'enfant du désir“ von Gauchet, nur in französischer Sprache vor.

2. Theorien zur Genese des Kinderwunsches

Um sich das Wunschkind als Modell für diese Arbeit zu verdeutlichen, soll zunächst eine Übersicht über verschiedene Erklärungsmuster für den Kinderwunsch gegeben werden. Im Folgenden werden Deutungen aus der Biologie, Soziologie und Psychologie herangezogen, wobei der Blick von der gesellschaftlichen Makroebene zum Subjekt mit individuellen Motivationen übergeht. Diese Reihenfolge entspricht der ideengeschichtlichen Entwicklung in Europa.

2.1 Naturalistische Theorien

Frühe naturalistische Deutungen des Kinderwunsches zeichnen sich häufig durch Vergleiche mit der Tierwelt aus und sind in gegenwärtigen Diskursen selten vertreten. Der Fortpflanzungstrieb ist hier vor allem biologisch determiniert und unterliegt keiner bewussten Entscheidung. Gesellschaften würden sich analog zu Tierpopulationen bis zu dem Punkt vergrößern, an dem Nahrungsmittelknappheit das Wachstum limitiere. Die Fruchtbarkeit einer Bevölkerungsgruppe sinke also mit ihrer Dichte. Für den Einzelnen gelte es, nicht mehr Nachkommen zu zeugen, als seine Umwelt ernähren könne. Der Ökonom Thomas Robert Malthus ergänzte Ende des 18. Jahrhunderts diesen Ansatz in seinem „Essay on the Principle of Population“ um den Zusatz, dass auch kulturelle Errungenschaften Einfluss auf die Fortpflanzung haben würden. So hätten zum Beispiel willentliche Entscheidungen wie Heirat und eine Beschränkung in der Kinderzahl eine positiv regulierende Wirkung auf die Fruchtbarkeit einer Gesellschaft. Ein Geschlechtsakt, der die Zeugung von Kindern ausschließt, war jedoch nicht denkbar und galt für Malthus als Erniedrigung der menschlichen Würde.[6]

2.2 Ökonomische Fertilitätstheorien

Viele ökonomische Fertilitätstheorien basieren auf Arbeiten, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA[7]entstanden sind. Öko­nomische Geburtenplanung setzt ein Wissen über Verhütung und, anders als bei Malthus, die Bereitschaft zur Umsetzung von Techniken, die die Empfängnis verhindern, voraus. Der Einzelne entscheide bei der Familien­planung nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, das bedeute, es würde ein etwaiger Nutzen gegen die zu erwartenden Kosten abgewogen. Die Situation sei folglich mit der von Konsumenten zu vergleichen, die unter Berücksichtigung von Vor- und Nachteilen ihre Kinderzahl realisierten. Eine wichtige Größe früher sozioökonomischer Theorien zur Fertilität sind die Opportunitätskosten; bezogen auf die Familienplanung seien die Opportunitätskosten jene, die nicht für die Kindererziehung aufgewendet würden und somit mit ihnen konkurrierten. Inbegriffen wäre auch ein Verdienstausfall aufgrund der aufzuwendenden Betreuungszeit.[8]Erweiterungen dieser Theorien ergänzen die Faktoren Zeit und Geld zur Entscheidungsfindung um das Streben nach größerem Wohlstand. Hierbei handelt es sich nicht ausschließlich um materiellen Wohlstand, der Begriff beinhaltet ebenfalls eine Steigerung des Bildungsniveaus und des sozialen Ansehens. Im Gegensatz zu modernen Theorien, unterstellen frühe Werke einen negativen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Kinderanzahl, wobei sich dieser Umstand in Gesellschaften mit durchlässigen Schichten weiter dramatisiere. Der Grund hierfür sei, dass ein Individuum in einer Gesellschaft mit vielfältigen Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg einer hohen Rivalität ausgesetzt wäre. Um sich durchzusetzen müsse es vermehrt Ressourcen einsetzen die in Konkurrenz zur Familienplanung stünden.[9]

2.3 Sozialpsychologische Modelle zur Entstehung des Kinderwunsches

Theorien mit einem (sozial- psychologischen Hintergrund unterteilen sich in Paar- und Individualmodelle. Paarmodelle basieren auf der Annahme, dass der Kinderwunsch Produkt eines Interaktionsprozesses zwischen den poten­tiellen Eltern sei. Individualmodelle würden dagegen gelten, wenn ein Partner alleine die Entscheidung für ein Kind treffe und die Meinung des Anderen entweder keine Relevanz hätte oder sich der des dominierenden Partners anschließe. Gemein ist beiden Modellen, dass bei ihnen nicht der monetäre Nutzen von Kindern das entscheidende Motiv zur Fortpflanzung darstelle, sondern die emotionalen und sozialen Bedürfnisse der Eltern.[10]

2.3.1 Das Value ofChildren- Modell Hoffmann und Hoffmann

Der 1973 von Hoffmann und Hoffmann entwickelte und mittlerweile weitverbreitete Value of Children Ansatz ist ein Individualmodell. Es enthält erstmals ein systematisch geordnetes Werteschema, basierend auf einer Zusammenstellung empirischer Ergebnisse, das eine sozialpsychologische Analyse zum Kinderwunsch zulässt. Es umfasst die folgenden neun Kate­gorien:

1. Erwachsenen Status und soziale Identität(Adult status and social identity) Elternschaft etabliert eine Person als reifes, stabiles und akzeptables Mitglied in der Gesellschaft und verschafft ihm Zutritt zu anderen Institutionen der Gesellschaft der Erwachsenen. Dies sei besonders für Frauen der Unterschicht, die nicht über Berufsbildung verfügen, ein wichtiger Aspekt.

2. Fortleben der eigenen Person in den Kindern (Expansion of the self)

Viele Menschen möchten, dass etwas von ihnen über ihr eigenes Leben hinaus fortbesteht. Ein Kind zu haben ist eine gute Möglichkeit, diesen Wunsch zu verwirklichen, denn es ermöglicht, sich selbst zu reproduzieren.

Über das eigene Leben hinaus existiert jemand, der Charakterzüge von einem selbst und den Familiennamen trägt, was eine gewisse Unsterblichkeit impliziert.

3. Religiöse, ethische und soziale Normen (Morality: religion, atruism, good of the group, norms regarding sexuality, impulsivity, virtue)

Die Geburt eines Kindes wird oft als moralischer Akt gesehen; eigene Interessen werden zugunsten einer anderen Person aufgegeben.

4. Familiäre Bindung (Primary group ties, affiliation)

[...] die Wichtigkeit einer An- bzw. Einbindung in eine Familie [wird] unterstrichen. Dabei wird die Kernfamilie als “Bollwerk“ gegen die Entpersönlichung der Gesellschaft interpretiert. Mit einem Kind sind auch Mann und Frau stärker aneinander und in einen familiären Zusammenhalt eingebunden.

5. Suchen neuerErfahrungen (Stimulation, novelty, fun)

Menschen wünschen sich Veränderungen und neue Erfahrungen, besonders dann, wenn das Leben zwar sicher, aber auch langweilig und routiniert geworden ist. Ein Kind ist eine große Veränderung im Leben und fügt diesem einen unvorhersagbaren und spannenden Aspekt hinzu.

6. Schöpferische Kraft und Leistung (Creativity, accomplishment,

competence)

Wenn sich eine Gesellschaft über das Subsistenzniveau hinaus entwickelt hat und eine große Zahl von Leuten die grundlegendsten Lebensbedürfnisse befriedigen können, steigen die Bedürfnisse nach Kreativität, Errungenschaften und Verwirklichung. Die Erziehung eines Kindes ist eine Möglichkeit, solche Bedürfnisse zu erfüllen.

7. Macht und Einfluss (Power, influence, effectance)

In einigen Kulturen, z.B. Indien, verändert Elternschaft gravierend die Möglichkeiten der Eltern, insbesondere der Mutter.

8. Sozialer Vergleich und Wettbewerb(Social comparison, competition) Kinder können ihren Eltern Prestige und Wettbewerbsvorteile verschaffen, besonders hinsichtlich der Konkurrenz im Beruf. Darüber hinaus werden Kinder als Ausdruck von Potenz, Fruchtbarkeit und materieller Liebe gesehen.

9. Wirtschaftlicher Nutzen

Ökonomischer Nutzen ist einer der wenigen Aspekte, welcher direkt mit 'Kinder haben', aber auch mit Kontrazeption in Zusammenhang gebracht wird. Dabei steht der Lebensstandard in direktem Zusammenhang mit den Mitteln, welche für das Aufziehen von Kindern aufgewendet werden können.[11]

Aus diesen Kategorien leiten Hoffmann und Hoffmann drei Dimensionen vom Nutzen von Kindern ab:

I) ökonomisch- utilitaristische Nutzdimension; gemeint sind Wertfaktoren des ökonomischen Nutzens

II) psychologisch- affektive Nutzdimension; hierunter werden Wertfaktoren zusammengefasst, welche sich auf die Weiterentwicklung des Selbst, die familiäre Einbindung, die Suche nach neuen Erfahrungen, nach Kreativität und Kompetenz beziehen.

III) sozial- normative Nutzdimension; diese bezieht sich auf Faktoren wie Statusänderung, soziale Identität, Moralvorstellungen.[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die genannten Dimensionen beziehen sich auf den individuellen Wert von Kindern, Hoffmann und Hoffmann gehen jedoch davon aus, dass dieser Wert vom jeweiligen soziokulturellen Kontext beeinflusst wird:

„Je nachdem also, wie die aktuellen familiären Lebensbedingungen die Wahrscheinlichkeitserwartungen der VOC [Value of children- Werte von Kindern] beeinflussen, ändern sich auch die subjektiven Erwartungen der (zukünftigen) Eltern an ihre Kinder.“[13]

Somit lässt sich mit dem Erklärungsschema von Hoffmann und Hoffmann ausreichend analysieren, welche Position Kinder innerhalb einer familiären Gemeinschaft erfüllen können. Hoffmann und Hoffmann gehen in ihren Ausführungen jedoch nicht darauf ein, warum eine bestimmte gesellschaftliche Position zu bestimmten Normen und Werten bei einer Person führen soll oder wie die Interaktion innerhalb der Wertestruktur und zwischen den Hauptelementen des Schemas zu berücksichtigen ist.[14]

2.3.2 Das Paarinteraktions- Modell von Rosenstiel et al.

Das von Lutz v. Rosenstiel et al. ebenfalls auf der Grundlage empirischer Erhebungen entstandene Paarinteraktionsmodell unterscheidet sich von Hoffmann und Hoffmann vor allem durch die Berücksichtigung beider Partner. Das entscheidende Kriterium beim Kinderwunsch ist aber auch hier der Wert von Kindern. Rosenstiel et al. unterscheiden zwischen dem intrinsischen und extrinsischen Wert von Kindern.[15]Als intrinsische Werte werden jene zusammengefasst, die auf den Eigenwert von Kindern und und nicht auf die Realisierung bestimmter Lebensziele durch Kinder abzielen. Extrinsische Werte bezeichneten hingegen jene, die sich auf die wahrgenommene Instrumentait von Kindern beziehe. Als dritte Einflussgröße auf den Kinderwunsch nennen Rosenstiel et al. den normativen Druck; unter diesem Punkt fassen Rosenstiel et al. die Bedeutung von Bezugspersonen des Paares in Bezug auf die Kinderfrage zusammen. Würden alle drei Komponenten berücksichtigt, ließe sich eine Aussage über den Kinderwunsch eines Paares treffen.

Später ergänzten Rosenstiel et al. das Modell um den Einfluss des gesellschaftlichen Wertewandels. In der Studie „Wertewandel und gene­ratives Verhalten“ wird die Bedeutung von Kohorten- , Phasen- und Periodeneffekten sowie die Wohn- und Berufssituation als Einflussgröße auf den Kinderwunsch genannt. Es wird davon ausgegangen, dass sich im Rahmen von Sozialisationsprozessen individuelle Werthaltungen ausbilden, die für das Verhalten zu einem bestimmten Zeitpunkt bedeutsam seien. Die von der Gesellschaft geprägten subjektiven Vorstellungen seien wichtige Orientierungspunkte beim Kinderwunsch.[16]

Das Ergebnis dieser Studie war die Klassifizierung von fünf Komponenten die auf den Kinderwunsch wirken sollen:

1. Können-Physiologie
2. Dürfen- Normen
3. Situative Ermöglichung- Einkommen, Schicht, Beruf, Verhütung
4. Wollen- individuelle Motivation
5. Paarinteraktion- Interaktionsprozess in der Partnerschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 : Modell der Studie „Wertewandel und generatives Verhalten“ von Rosenstiel et al.[17]

Das auf der vorangegangen Seite abgebildete Modell ergab sich zur Analyse von generativem Verhalten. In jenem findet sich die Komponente 4 in den jeweiligen Wertestrukturen der Partner, Komponente 3 in den situativen Bedingungen und der Interaktionsprozess des Paares 5 ist durch die doppelseitigen Pfeile gekennzeichnet. Die Komponente 1 „dürfen“ wird durch die Determinanten der Wertestruktur im unteren Teil des Schaubilds dargestellt.

2.3.3 Psychosoziale Kinderwunschtheorie bei Ottomayer

Klaus Ottomayers Annahmen zum generativen Verhalten gehen ebenfalls davon aus, dass die unterschiedlichen Lebenswelten und Wertvorstellungen von Mann und Frau den Kinderwunsch beeinflussen. Er ergänzt, dass kapitalistische Rahmenbedingungen eine besondere Wirkung hätten. Oft lebten hier beide Partner in völlig unterschiedlichen gegenständlichen Welten was zu einer fehlenden Übereinstimmung innerhalb ihrer Beziehung führen würde. Durch ein gemeinsames Kind würde versucht, diese Leere durch ein gemeinsames Drittes zu füllen, um sich so als Paar zu verwirklichen. Das Kind würde folglich zu einem Ersatzgegenstand für fehlendes Verständnis zwischen den Eltern. Dabei könne die Rolle des Nachkommen sowohl die eines familiären Sündenbocks annehmen als auch die eines umsorgten und mit Ansprüchen überladenen Kindes. Die Pädagogin Jutta Berninghausen fügt Ottomayers Ausführungen hinzu, man könne unter diesen Gesichtspunkten „Wunschkinder boshaft mit nutzlosen Haustieren vergleichen“[18].[19]

2.4 Psychologische Erklärungen fürden Kinderwunsch

Während in den sozialpsychologischen Modellen bereits individuelle Kinderwunschmotive genannt werden und sich besonders Klaus Ottomayer fast ausschließlich bewussten und unbewussten Motiven widmet, beschäftigen sich psychologische Ansätze ausschließlich mit ihnen. Sie müssen jedoch ebenfalls vor dem gesellschaftlichen Hintergrund, in dem sie entstanden sind beziehungsweise angewendet werden, betrachtet werden. Außerdem gilt es zu beachten, dass es innerhalb der psychologischen Forschung verschiedene theoretische Grundlagen gibt, die aus ihren jeweiligen Modellen heraus unterschiedliche Erklärungen für den Kinder­wunsch bieten. Je nachdem, ob es sich beispielsweise um systemische oder psychoanalytische Ansätze handelt, variiert die Gewichtung unterschiedlicher psychologischer Phänomene. Da sich auch das Vokabular der Theorien unterscheidet, schlagen Gloger- Tippelt, Gomille und Grimmig in der Studie „Der Kinderwunsch aus psychologischer Sicht“ vor, ihn durch drei verschiedene „Wollensvorstellungen“ zu kategorisieren:

- „Kinderhaben im 'Modell des nicht völlig individuell planbaren, 'natürlichen' oder 'normalen' Verhaltens',
- Kinderwunsch im 'Modell des konflikthaften, ambivalenten und unbewussten Tuns' und
- Kinderwunsch im 'Modell des planbaren, tendierten Handelns' “.[20]

Die im weiteren Verlauf dargestellten psychoanalytischen Theorien entsprechen dabei dem zweiten Modell, da sie sowohl von unbewussten, als auch von bewussten Motiven zur Fortpflanzung ausgehen. Das erste Modell ließe sich am ehesten auf biologistische Ansätze anwenden und soll hier vernachlässigt werden, da es in einer komplexen modernen Gesellschaft kaum noch Anwendung findet. Ebenso das dritte Modell, da es selbst nach Aussagen der Autorinnen nur für eine geringe Bevölkerungsgruppe zutreffend sei, da es ein überdurchschnittlich hohes Maß an bewussten Entscheidungen impliziere.

2.4.1 Frühe psychoanalytische Theorien von Freud und Deutsch

Sigmund Freuds Überlegungen zum Kinderwunsch in „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“(1905) basieren auf der Annahme des Kastrationskomplexes bei Mädchen und Frauen. Im Alter von vier Jahren merke das Mädchen, dass es keinen Penis habe und interpretiere dieses als Kastration ihrer selbst. Gleichzeitig entwickle sie einen Penisneid auf den Jungen, der erst durch den Wunsch nach einem Kind vom Vater abgelöst werden könne. Nachdem ihr auch dieser Wunsch nicht erfüllt werden dürfe, stelle sich bei der Frau ein Minderwertigkeitskomplex ein, der nur durch die Geburt eines Sohnes aufgehoben werden könne. Freud gestand sich jedoch im Hinblick auf diese Ausführungen ein, dass er sich bezüglich der weiblichen Entwicklung, im Gegensatz zur männlichen, unsicher sei.

Helene Deutsch stimmt in vielen Punkten mit Freud überein, deutet jedoch darüber hinaus eine grundsätzlich passive und masochistische Einstellung der Frau. Diese stelle sich mit der Hinwendung von der aktiven klitoralen Sexualität hin zur passiven vaginalen Sexualität ein. Der Kinderwunsch, verbunden mit den Schmerzen der Geburt, sei letztendlich ebenfalls von unbewussten masochistischen Neigungen bestimmt, das Kind selbst habe eine kompensatorische Funktion für die Frau. Es lasse sie in einem Bereich des Lebens schöpferisch tätig sein, während ihr andere versagt blieben.[21]

So hat sowohl bei Freud als auch bei Deutsch das Kind für die Frau eine kompensatorische Funktion. Deutsch ergänzt, dass der Frau durch das Kind eine gewisse Produktivität ermöglicht werde, die ihr andernfalls versagt bliebe. Beide argumentieren jedoch aus einem Mangel heraus, das Kind bleibt für die Frau lediglich Ersatz. Es werde laut Berninghausen weder eine biologische Fortpflanzungsmotivation in Betracht gezogen, noch bestehe die Annahme eines primären Kinderwunsches von Seiten der Frau. Es bleibe jedoch bemerkenswert, dass beide Ansätze die herabgesetzte und gegenüber dem Mann als minderwertig empfundene Stellung der Frau zu jenem Zeitpunkt erfassten und wiedergeben würden.[22]

2.4.2 Die Entwicklung des Kinderwunsches bei Boothe und Heigl-Evers

Im mehr als fünfzig Jahre später erschienen Titel,, Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung“ distanzieren sich die Autorinnen Boothe und Heigl- Evers von den oben genannten Thesen. Sie begreifen den Kinderwunsch als eine Entwicklung, innerhalb derer er sich in verschiedenen Formen zeigt. Zunächst sei das Kind lediglich Gegenstand der subjektiven Vorstellungswelt (a), zu diesem Zeitpunkt wären die Fantasien über ein Kind weder an Alter noch Geschlecht gebunden, meist speisten sie sich aus eigenem Kindheitserleben. In diesen Vorstellungen wäre das Kind noch äußerst flexibel und verwandlungsfähig. Das ändere sich, wenn das Kind Teil eines Beziehungsplans (b) werde. Nun wäre die Fähigkeit und Bereitschaft zur Elternschaft bei beiden Partnern vorhanden, es stehe die Frage nach einer realen Zeugung zur Diskussion. Dabei würden die subjektiven Vorstellungskinder beider Eltern sowohl im stummen als auch im ausgesprochenen Dialog aufeinander treffen und entwickelten sich in einem gemeinsamen Gestaltungsraum zu geplanten Kindern. Während der Schwangerschaft (c) erlangten die biologischen Verhältnisse Bedeutsamkeit, ab jetzt wäre Vaterschaft als biologisch männlich und Mutterschaft als biologisch weiblich definiert. Das Kind, als „Werdendes“, erlange imperative Bedeutung und zwinge seine Eltern in Erwartung, sie müssten nun ihre Wünsche und Pläne auf ihr zukünftiges Kind ausrichten. Nach der Geburt nehme das Kind seinen Platz als von den Eltern unverkennbar getrenntes Individuum ein (d).[23]

[...]


[1] Claudia Ehrenstein: Langer Weg zur „Wunschkindpille“- Orale Verhütungsmittel in Europa werden 35- Über die Entwicklung von Kontrazeptiva (1996), http://www.welt.de/print- welt/article648895/Langer Weg zur Wunschkindpille.html. 6.12.2011.

[2] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): Verhütungsverhalten Erwachsener­Ergebnisse der Repräsentativbefragung, Köln 2011, S. 7.

[3] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): “frauen leben“- Eine Studie zu Lebensläufen und Familienplanung, Köln 2004, S. 6.

[4] Martine Lerude: Der elterliche Ödipuskomplex“; in: Andre Michels, Peter Müller, Achim Pemer, Claus- Dieter Rath (Hg.): Jahrbuch für klinische Psychoanalyse - Familie, Tübingen 2006, S. 76.

[5] Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden, Gütersloh 2008, S. 16.

[6] Vgl. Anke Borchardt, Yve Stöbel- Richter: Die Genese des Kinderwunsches bei Paaren- eine qualitative Studie, Materialen zur Bevölkerungsforschung 114, 2004, S. 11- 12.

[7] Die hier genannten Theorien basieren auf Arbeiten von Harvey Leibenstein, Gary S. Becker und Richard Easterlin, vgl. Robert Herter- Eschweiler: Die langfristige Geburtenentwicklung in Deutschland, Opladen 1998, S. 99 f..

[8] Vgl. Herter- Eschweiler, Geburtenentwicklung in Deutschland, S. 99- 103.

[9] Vgl. ebd., S. 101

[10] Vgl. ebd. S. 202- 206.

[11] Yve Stöbel- Richter: Kinderwunsch als Intention- Zur Relevanz persönlicher und gesellschaftlicher Kinderwunschmotive als Prädikatoren des aktuellen Kinderwunsches, Leipzig 2000, S. 36- 37.

[12] Ebd. S. 37- 38.

[13]Ebd. S. 38.

[14]Vgl. Herter- Eschweiler, Geburtenentwicklung in Deutschland, S. 212.

[15]Vgl. ebd. S. 40.

[16]Vgl. ebd. S. 237- 247.

[17]Ebd. S. 244.

[18]Jutta Berninghausen: Der Traum vom Kind- Geburt eines Klischees, Frankfurt am Main 1980, S. 71.

[19]Vgl. ebd. S. 70-71.

[20] Stöbel- Richter, Kinderwunsch als Intention, S.51.

[21] Berninghausen: DerTraumvom Kind, S. 62- 66.

[22] Vgl. ebd. S. 67.

[23] Brigitte Bothe; Annelise Heigl-Evers: Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung, München 1996, S. 148.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Das Wunschkind: Die Sehnsucht nach dem perfekten Kind
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
74
Katalognummer
V197769
ISBN (eBook)
9783656239604
ISBN (Buch)
9783656240709
Dateigröße
825 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wunschkind, konsequenzen, entkopplung, sexualität, fruchtbarkeit, pädagogik
Arbeit zitieren
Carla Rudat (Autor), 2012, Das Wunschkind: Die Sehnsucht nach dem perfekten Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197769

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