Uwe Timms Currywurst: Analyse und Interpretation für Schule und Studium


Examensarbeit, 2012
70 Seiten, Note: 2,67

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gattungsfrage

3. Die Entdeckung der Currywurst
3.1 Inhalt
3.2 Aufbau und narratologische Analyse
3.2.1 Rahmen- und Binnenerzählung
3.2.2 Narrativik
3.2.3 Höhepunkt, Peripetie und Anagnorisis
3.3 novellistische Merkmale
3.3.1 Dingsymbol
3.3.2 Unerhörte Begebenheit
3.3.3 „Die Entdeckung der Currywurst“ als Novelle?
3.4 Interpretationsansätze

4. Didaktische Analyse
4.1 Verortung der Novelle im Hessischen Lehrplan
4.2 Didaktisch-methodischer Einsatz im Hinblick auf Kompetenzen und Lernziele
4.3 Mögliche Schwierigkeiten für Schülerinnen und Schüler
4.4 Fächerübergreifender Unterricht

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dem ersten Semester meines Studiums wurde in dem Einführungsseminar des Moduls „Einführung in das Studiengebiet Literatur“ in einer Sitzung über Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ gesprochen.

In der 90 minütigen Sitzung eröffneten sich bei gemeinsamen Diskussionen weitere Fragen zu dem Inhalt der Novelle, zu dem Aufbau und zu der didaktischen Umsetzung im Unterricht.

Interpretationsansätze konnten in der Kürze der Zeit nur angemerkt und nicht näher erläutert oder besprochen werden. Die Vielseitigkeit dieser Novelle, besonders im Hinblick auf die Interpretationsmöglichkeiten verschiedener Stellen sowie dem Einsatz im Deutschunterricht, beeindruckte mich nachhaltig. Deshalb schlug ich unter anderem dieses Thema für meine wissenschaftliche Hausarbeit vor, um mich eingehender mit dieser Novelle beschäftigen zu können.

Beginnen werde ich diese Arbeit mit einer Definition der „Novelle“. Darin werden spezifische Gattungsmerkmale genannt kurz die Entstehungsgeschichte der Novelle geschildert. Außerdem werde ich anführen, seit wann und durch wen ihr in Deutschland Bedeutung zukommt.

Anhand der Definition und mithilfe der Gattungsmerkmale werde ich im ersten Hauptteil der Frage nachgehen, ob es sich bei Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ um eine Novelle handelt.

Beinhaltet sie eine Rahmen- und eine Binnenerzählung? Verfügt sie über einen Höhepunkt, eine Peripetie, ein Leitmotiv, bzw. ein Dingsymbol sowie über eine unerhörte Begebenheit? Beinhaltet sie also einige Gattungsmerkmale?

Bevor ich hierauf eine mögliche Antwort gebe, stelle ich den Inhalt vor und komme dann über den Aufbau zu den novellistischen Merkmalen. Anschließend folgen Interpretationsansätze. Sie sollen helfen, den Inhalt näher zu erschließen und das Verständnis verschiedener Textstellen zu erweitern.

Der im ersten Hauptteil dargestellte Aufbau und die genannten Interpretationsansätze sind bedeutend für den zweiten Hauptteil, der sich mit didaktischen Aspekten zu Uwe Timms Werk beschäftigen wird. Zunächst werde ich der Frage nachgehen, für welche Jahrgangsstufe sich „Die Entdeckung der Currywurst“ eignet. Anhand des Hessischen Lehrplans und des Kerncurriculums für das Fach Deutsch begründe ich die Entscheidung.

Wie kann die Novelle im Deutschunterricht behandelt werden? Wie werden die Schülerinnen und Schüler1 motiviert, um sich mit dem Text und der Problematik auseinander zu setzen? Welche Hilfen benötigen sie, um den Inhalt besser erfassen zu können, bzw. wobei können Schwierigkeiten auftreten? Auch hierauf versuche ich geeignete Antworten zu finden und diese didaktisch zu begründen.

Inwiefern geschichtliches Hintergrundwissen bei der Lektüre von Bedeutung ist und den Zugang zu der Thematik erleichtert, wird ebenfalls näher erläutert. Außerdem erwähne ich Möglichkeiten für einen fächerübergreifenden Unterricht.

Abschließen möchte ich diese Arbeit mit einem Resümee, indem ich die Ergebnisse bündig zusammenfasse und begründet Stellung dazu nehme, bzw. meine Sicht zum Thema kurz darstelle. Desweiteren gebe ich einen Ausblick, welche Punkte in dieser Arbeit zu wenig Beachtung fanden und noch näher analysiert werden könnten.

2. Gattungsfrage

Das Wort „Novelle“ entspringt dem italienischen Wort „novella“, welches Neuigkeit oder Nachricht bedeutet. Demnach berichtet sie also von etwas Neuem.

Dieses „Neue“ definiert Goethe in einem Gespräch am 25. Januar 1827 mit Johann Peter Eckermann weiter „[…] als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit.“ (Jacobs 1911, 232) und kennzeichnet sie als ein zentrales Merkmal der Novelle. Wird heute unter „unerhört“ vielmehr etwas Unmoralisches oder Empörendes verstanden, so ist hier etwas Neues, etwas zuvor noch nicht Gehörtes oder Gesagtes gemeint.

In der Literaturwissenschaft wird „Das Dekameron“ (Zehntagewerk) von Giovanni Boccaccio als Vorbild des novellistischen Erzählens hervorgehoben. Es entsteht zwischen 1349 und 1353 in Italien, als zehn Adlige vor der Pest, die in Florenz ausbricht, auf das Land fliehen. Zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib erzählt jeder der zehn Adligen pro Tag eine Geschichte über einen Zeitraum von zehn Tagen, sodass insgesamt 100 Geschichten entstehen.

Von diesen Geschichten findet die neunte Novelle des fünften Tages besondere Beachtung. Es handelt sich um die Falkennovelle, welche als eine der bekanntesten gilt. Die Erzählung handelt von dem Edelmann Federigo. Er verwirkt seinen gesamten Besitz, um um eine Dame, Monna Giovanna, zu werben. Lediglich ein edler Falke bleibt ihm. Den Jagdvogel setzt er Monna Giovanna, der Dame seines Herzens, als Mahl vor, unwissend, dass sie eben diesen für ihren kranken Sohn als Geschenk erbitten möchte. Federigo gesteht ihr, dass sie das Tier nicht haben kann, da sie es gerade verspeist hat. Überzeugt von der Ehrenhaftigkeit Federigos nimmt sie ihn nach geraumer Zeit zum Ehegatten.

Der Falke wird immer wieder in der Handlung erwähnt. Er ist es, der dem verarmten Federigo bleibt, er ist durch den Monna Giovannas Sohn auf ihn aufmerksam wird und er ist auch, warum die verwitwete Dame Federigo aufsucht. Schließlich ist es auch der gefiederte Begleiter, der dem verarmten Adligen im weitesten Sinne zu der Vermählung mit Monna Giovanna verhilft. Er spiegelt den zentralen Konflikt der Novelle und taucht während der Erzählung immer wieder auf. Solche Symbole, die für etwas stehen, die etwas ausdrücken und in einem Text immer wieder erwähnt werden, erfüllen eine leitmotivische Funktion. Dem Falken wird solche Funktion unterstellt. Da es sich bei dem edlen Vogel um einen Gegenstand handelt, also um ein Ding, wird das Leitmotiv auch häufig als Dingsymbol bezeichnet.

Das „Falkenmotiv“ erfährt durch Paul Heyse besondere Aufmerksamkeit. Er begründet die „Falkentheorie“ in der Einleitung seines „Deutschen Novellenschatzes“ und fordert, dass jede Novelle einen „Falken“ aufweisen müsse, der „[…] das Specifische [sic!], das diese Geschichte von tausend anderen unterscheidet.“ (Heyse 1871, 149) darstellt. Er ist kennzeichnend für die Gattung und findet sich auch in verschiedenen Variationen (beispielsweise als ein Pferd im „Schimmelreiter“ oder als Ring in „Hans und Heinz Kirch“) im weiteren literaturgeschichtlichen Verlauf bei zahlreichen Schriftstellern, die sich der Gattung annehmen.

Die Novelle ist eine Prosaerzählung und eine Kurzform der Epik. Sie ist kürzer als ein Roman jedoch länger als eine Kurzgeschichte und meist in einem Zug zu lesen, denn Wenn daher der Roman, der mehrere Stadien durchläuft, seinem Interesse unbeschadet von Zeit zu Zeit aus der Hand gelegt werden kann, so würde es ein schlimmes Zeichen für den Werth [sic!] einer Novelle seyn [sic!], wenn dieß [sic!] eben so füglich anginge. (Reinbeck 1841, 37).

Reinbeck begründet den geringeren Umfang der Novelle damit, dass sie durch andere Beweggründe motiviert ist. Sie konzentriert sich darauf, das Geschehen darzustellen und schildert weniger die Gedanken und Gefühle der Figuren.

Häufig gibt es zwei Erzählebenen, eine Binnenerzählung und eine Rahmenerzählung, die Erstere umschließt.

„In der Literatur begegnet die Situation des Erzählens im geselligen Rahmen dort, wo der gesellige Rahmen, in dem man sich etwas erzählt, selbst erscheint, […].“ (Segebrecht 1975, 306). Vereinfacht zusammengefasst wird an Segebrechts Aussage deutlich, dass der Ursprung des Erzählens in der mündlichen Überlieferung liegt und diese mit der schriftlichen Form des Erzählens verbindet, indem er den Erzählakt als solchen reflektiert und hervorhebt. Die Vergänglichkeit der mündlichen Überlieferung wird durch die schriftliche Form überwunden und das Erzählte gesichert.

Häufig gibt der Rahmen eine Antwort auf die Frage, warum eine Begebenheit dargestellt wird, und zeigt so das Motiv des Berichtenden auf.

Aufgrund der Verbindung von Rahmen- und Binnenerzählung wird deutlich, dass die Geschichte einen Anspruch auf Wahrheit erhebt, da der Erzähler der Rahmenhandlung von etwas berichtet, was ihm so oder so ähnlich zugetragen wurde. In einigen Novellen verweist er sogar explizit darauf, dass ihm das Erzählte so mitgeteilt wurde. Zeit- und Ortsangaben innerhalb des Textes verstärken das Empfinden zusätzlich, dass das Erzählte als real anerkannt werden kann. Das Ereignis kann demnach so wie erzählt oder ähnlich stattgefunden haben.

Das Geschehnis, das „[…] nicht [von den Figuren, T.B.] als selbstverantwortet erschein[t], […]“ (Aust 2006, 9) dominiert die Handlung in der Novelle. Die Protagonisten haben demnach also keinen oder kaum Einfluss auf das Geschehen, sondern sie und ihr Handeln werden bestimmt von „[…] Zufall und Schicksal, Einbruch und Wende, […].“ (ebd.). Dass die Protagonisten vielmehr als Bestimmte anstatt Bestimmender bezeichnet werden, verdeutlicht den geringen Einfluss der Protagonisten (vgl. Freund 1998, 29).

Die Begebenheit in einer Novelle verläuft ohne besondere Einflussnahme der Figuren und ist vom Schicksal bestimmt. Dass sich am Ende […] eine Reihe von Ereignissen, die zunächst als Zufälle erscheinen, […] im Rückblick zu einer kausalen Struktur zusammen [fügen], […]. (Rath 2000, 46). und am Schluss ein zusammenhängendes Gebilde entstehen lassen, macht die Kunst novellistischen Erzählens aus.

Das im Vordergrund stehende Ereignis verstrickt sich in wenige bis keine Nebenhandlungen. Die „[…] Simplicität [sic!] des Plans und den kleinen Umfang der Fabel […].“ sind laut Wieland (1853, 246f) weitere Novellenmerkmale, durch die eine Abgrenzung zum Roman beschrieben wird. Auch die meist geringe Anzahl der Figuren machen diese Überschaubarkeit und Einfachheit deutlich.

Storm bezeichnet sie als „[…] Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung.“ (1881, 119), weil die Handlung einer dramenähnlichen Struktur folgt sowie Parallelen dazu aufweist, wie zum Beispiel die geschlossene Form, eine kurze Exposition und einen Wendepunkt.

Die Peripetie bildet einen Punkt, „[…] von dem aus sich die Handlung zum Guten oder zum Schlimmen, […].“ (Freund 1998, 36) wenden kann. Auch das gilt als wichtiges novellistisches Kennzeichen, da sich daran noch einmal mehr zeigt, dass das Geschehen im Vordergrund steht und schicksalsgeleitet verläuft.

Freund (vgl. ebd.) fügt noch hinzu, dass diese „[…] Wendung ohne direkte menschliche Intervention geschieht.“, welches erneut zeigt, dass die Figur dem Zufall ergeben ist und die Handlung selbst nur gering beeinflussen kann.

Ab dem Wendepunkt vollzieht sich eine Verselbständigung des Geschehens und ein Hinsteuern zu dem „unerhörten Ereignis“. Diese Merkmale sind kennzeichnend für die Gattung. Obwohl nicht jede Novelle alle diese Kennzeichen enthält, kann sie dennoch als solche bezeichnet werden. So verzichtet Theodor Storm beispielsweise auf die Rahmenerzählung in seiner, dennoch als Novelle geltenden, Erzählung „Hans und Heinz Kirch“.

Er ist einer der Schriftsteller, der der Novelle im Realismus besondere Aufmerksamkeit schenkt, ebenso wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Im Realismus erlebt die Novelle durch sie und weitere Schriftsteller eine Art Blüte- oder auch Hochzeit, nachdem die Gattungsbezeichnung durch Goethe, Wieland und Schiller erst nach 1760 in Deutschland etabliert wird.

Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ sind hier besonders hervorzuheben. Sie gelten in der Literaturwissenschaft als der Beginn deutscher Novellen.

Die Novelle als Gattungsbegriff schafft es somit erst relativ spät, sich in Deutschland als eigene Gattung zu behaupten, macht sie doch bereits im 14. Jahrhundert in Italien in Form des „Dekamerons“ auf sich aufmerksam.

Der Hochzeit im Realismus folgt später eine Verdrängung der Novelle durch das Aufstreben der Kurzgeschichte.

Dennoch werden auch im 20. Jahrhundert weiterhin Novellen produziert, bzw. verfasst und geschrieben und auch gelesen, denn „[…] sie [die Novelle, T.B.] ist sonderbarerweise putzmunter, […].“ (Durzak 1995, 347).

Als bedeutende Autoren um und nach 1900 sind zum Beispiel Thomas Mann, Günter Grass, Alfred Döblin, Franz Kafka, Anna Seghers, Martin Walser und Stefan Zweig zu nennen.

Auch der 1940 in Hamburg geborene Uwe Timm ist ein erfolgreicher Autor des vergangenen aber auch des gegenwärtigen Jahrhunderts. Er erhält verschiedene Literaturpreise für einige seiner Werke, wie zum Beispiel für den Roman „Morenga“ oder das Kinderbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“. Sein aktuellster Roman „Halbschatten“ ist 2008 erschienen.

Unter der Vielzahl seiner Romane finden sich auch Erzählungen und die Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“, die in den folgenden Kapiteln Gegenstand einer narratologischen und didaktischen Analyse sein wird.

3. Die Entdeckung der Currywurst

Nachfolgend sollen anhand der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm besondere Gattungsmerkmale einer Novelle und didaktische Konzepte zur Verwendung des Werks im Deutschunterricht in der Sekundarstufe I aufgezeigt werden. Begonnen wird mit einer Zusammenfassung des Inhalts, worauf eine Darstellung des Aufbaus folgt. Anschließend werden die in Kapitel zwei genannten Gattungsmerkmale heran gezogen. Es wird gezeigt, dass „Die Entdeckung der Currywurst“ solche aufweist. Die Merkmale, die die Novelle aufweist, werden explizit benannt und näher erläutert. Sie dienen der Legitimation, um Uwe Timms Werk als Novelle bezeichnen zu können.

Da einige der Merkmale, wie beispielsweise das Dingsymbol, viel Raum für Interpretationen bieten, folgen mögliche Interpretationsansätze, die den ersten Hauptteil abschließen sollen.

3.1 Inhalt

Ein Mann besucht die 86 Jahre alte Frau Brücker im Altersheim in Harburg und lässt sich von ihr erzählen, wie sie die Currywurst entdeckt hat.

Er erinnert sich noch an Lena, weil sie damals häufig bei seiner Tante in der Küche saß und erzählte. Außerdem hatte sie einen Imbissstand am Großneumarkt. Regelmäßig aß er dort, wenn er zu Besuch in Hamburg war, eine Currywurst. Als der Stand eines Tages nicht mehr an eigentlicher Stelle steht, macht sich der Mann, dessen Name nicht genannt wird, auf die Suche nach Frau Brücker und findet sie schließlich im Altersheim. Sieben Mal besucht er sie, bis sie das Geheimnis um die Entdeckung der Currywurst lüftet. Er hört ihr geduldig zu, während sie beim Erzählen einen Pullover strickt. Da die betagte Dame im Altersheim wenig Anschluss hat, ist sie froh über seine Besuche. Sie versucht ihn, aufgrund ihrer Einsamkeit, zum fortwährenden Wiederkommen zu bewegen, indem sie ihm die Entdeckung der Currywurst zunächst einmal vorenthält.

Während der Erzählung Frau Brückers erfährt er durch die Vorenthaltung wesentlich mehr als nur die Tatsache, dass sie die Currywurst entdeckt. Sie beginnt mit ihrer Erzählung gegen Ende des zweiten Weltkrieges als sie den 24-jährigen Bootsmann Hermann Bremer kennenlernt. Lena Brücker berichtet von dem ersten Aufeinandertreffen mit ihm, wie sie ihn 27 Tage lang bei sich versteckt und liebt und wie sie ihm, völlig eigennützig, nur um ihn noch eine Weile bei sich zu haben, das Kriegsende verschweigt.

Frau Brücker schildert, dass sie damals alleine in Hamburg wohnt. Ihre 20 Jahre alte Tochter Edith lebt in Hannover, der 16-jährige Sohn Jürgen und ihr Ehemann Willi, der seines Aussehens wegen auch Gary (Cooper) genannt wird, befinden sich im Krieg.

Den Bootsmann nimmt sie bei sich auf und versteckt ihn in ihrer Wohnung, als dieser nach der gemeinsam verbrachten Nacht desertiert. Sie verschweigt ihm das Kriegsende bis zu dem Tag, an dem sie erstmals Bilder von den Konzentrationslagern sieht. Entsetzt teilt sie Bremer das Gesehene mit. Er bezeichnet es jedoch als Lüge und Übertreibung. Bestürzt und erzürnt über die unerwartete Reaktion gesteht sie ihm, dass der Krieg bereits seit einigen Tagen vorbei ist. Lena verlässt die Wohnung, um den Kopf bei einem Spaziergang frei zu bekommen und sich ein wenig zu beruhigen. Bei ihrer Wiederkehr stellt sie fest, dass Bremer kommentarlos gegangen ist. Lediglich seine Feldplane und die Marineuniform mit dem silbernen Reiterabzeichen lässt er ihr, im Tausch gegen einen Anzug von Willi Brücker, da. Mit dem silbernen Sportorden beginnt sie einen Tauschhandel, der letztlich, indem sie auf der Treppe stolpert, mit der Entdeckung der Currywurst endet.

Lena Brücker stirbt und hinterlässt dem Erzähler den gestrickten Pullover sowie den Teil eines Kreuzworträtsels, auf dessen Rückseite die Zutaten für die Currysoße notiert sind.

3.2 Aufbau und narratologische Analyse

Um zu klären, ob „Die Entdeckung der Currywurst“ als Novelle bezeichnet werden kann, wird der Aufbau dargestellt und die in Kapitel zwei beschriebenen Gattungsmerkmale herangezogen. Im Folgenden ist nun aufzuzeigen, dass Uwe Timms Erzählung gattungsspezifische Merkmale, wie beispielsweise die Rahmen- und Binnenerzählung, den Höhepunkt und die Peripetie, das Dingsymbol sowie die unerhörte Begebenheit aufweist.

Die Novelle ist in sieben Kapitel gegliedert und hat als Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlages einen Umfang von etwa 187 Seiten. Zu Beginn berichtet der Ich-Erzähler, was ihn motiviert, die alte Frau Brücker aufzusuchen. Sein Interesse an der Entdeckung der Currywurst begründet er im ersten Kapitel mithilfe einiger Rückblicke, die mitunter bis in seine Kindheit zurückreichen und damit, dass in Bezug auf den Entdeckungsort immer wieder Diskussionen aufkommen.

3.2.1 Rahmen- und Binnenerzählung

Die Handlung ist in eine Rahmen- und eine Binnenerzählung unterteilt. Die Binnenerzählung wird häufig durch, teils kurze, teils längere Einschübe des Rahmenerzählers unterbrochen.

In der Rahmenerzählung geht es um die Besuche des Erzählers bei der alten Dame, die in Harburg im Altersheim lebt.

In der Binnenerzählung erfährt der Leser von der Entdeckung der Currywurst und auch von der Liebesgeschichte zwischen Lena Brücker und Hermann Bremer.

Die erzählte Zeit der Binnenerzählung beginnt am 29. April 1945 und streckt sich über die ersten Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Der Erzähler der Rahmenerzählung erfährt von Lena Brücker an sieben Nachmittagen, verteilt auf einen Zeitraum von etwa zwei Wochen, nicht nur, wie sie die Currywurst entdeckt hat, sondern auch die Liebesgeschichte zwischen ihr und dem Bootsmann Bremer.

Die erzählte Zeit der Rahmenhandlung lässt sich ebenfalls relativ genau bestimmen. Als der Erzähler Lena im Altersheim besucht, ist sie 86 Jahre alt und im Jahr 1945 ist sie 43 Jahre. Rechnerisch ergibt sich daraus, dass die Rahmenerzählung hauptsächlich im Jahr 1988 spielt, aber auch noch in das Jahr 1989 hineinreicht. Im März 1989 erfährt der Ich-Erzähler, als er die Geschichtenerzählerin wieder besuchen möchte, dass sie verstorben ist.

Teilweise reicht die erzählte Zeit jedoch auch bis in die Kindheit des Erzählers zurück, wenn er eigene Erinnerung in die Erzählung einfügt. Beide Erzählungen, Binnen- und Rahmenerzählung, sind durch verschiedene motivische Parallelen miteinander verknüpft. Am deutlichsten wird die Verbindung beider Erzählebenen dadurch, dass die in der Rahmenerzählung gestellte Frage nach der Entdeckung der Currywurst in der Binnenerzählung beantwortet wird.

Die häufigen, wenn auch teilweise kurzen, Unterbrechungen der Binnenerzählung durch den Ich-Erzähler haben zur Folge, dass der Leser nicht komplett in die Erzählung der alten Frau Brücker eintauchen kann. Immer wieder wird die eigentliche Geschichte unterbrochen. Hierdurch wird bewirkt, dass der Leser sich sowohl dem Erzählten annähert, als sich jedoch auch davon distanziert. Außerdem weckt dieses Spiel mit dem häufigen Wechsel der Erzählebenen die Neugier des Lesers, der endlich wissen will, wie auch der Ich-Erzähler, wie die Currywurst denn nun entdeckt wurde.

Steinecke (vgl. 1995, 219ff) zeigt drei Stufen auf, die in Uwe Timms Werk eingebaut sind. Das Erzählen von Frau Brücker ist sozusagen die Grundstufe auf der die Geschichte aufbaut, bzw. aus der sie entsteht. In der zweiten Stufe gibt der Ich-Erzähler dem von Lena Brücker erzählten Stoff eine Form, er muss „[…] auswählen, begradigen, verknüpfen und kürzen […].“ (Timm 2009, 16). Außerdem nennt er ein konkretes Datum, an dem die Geschichte beginnt, bzw. an dem er sie beginnen lässt, wodurch sie sich in einen geschichtlichen Kontext einordnen lässt.

Die Novelle selbst kann als dritte Stufe bezeichnet werden, auf der sich alles ineinander fügt und so ein Gesamtbild in Form von Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ entstehen lässt.

Im Gegensatz zu Lena Brücker, die hauptsächlich Gesellschaft und einen Zuhörer sucht, dem sie erzählen möchte und einfach frei heraus, so wie es ihr in den Sinn kommt, ihre Geschichte berichtet, strukturiert und ordnet der Erzähler das Gehörte. Durch die geformte Wiedergabe der Geschichte, wird das Erzählen selbst zum Gegenstand der Novelle. Es macht „[…] jenen Übergang vom Alltagserzählen ins Kunstwerk, […].“ (Hielscher 2007, 149) deutlich. Das Gehörte, das vorerst nur als mündliche Überlieferung existiert, ist sozusagen eine Art Rohdiamant, der durch den Erzähler einen Feinschliff erhält und schließlich als schriftliches, literarisches „Kunstwerk“ vorliegt.

3.2.2 Narrativik

Um das Erzählen selbst zu thematisieren, bedient sich der Autor, wie zuvor beschrieben, zweier Erzählebenen und desweiteren auch zwei Erzählern.

Zum Einen gibt es in Uwe Timms Werk einen Ich-Erzähler, welcher das Geschehen der Rahmenhandlung wiedergibt. Er lebt mit seiner Familie in München, wächst allerdings in Hamburg auf, wo er eine Tante hat, durch die er Frau Brücker kennen lernt. Die Tante und Frau Brücker wohnen im selben Haus.

Obwohl zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor Uwe Timm viele Parallelen bestehen, wie z.B. der Wohnort, der Familienstand, die Tante in der Brüderstraße Hamburgs und auch der Verweis auf den Vater, der Kürschner ist, müssen beide klar voneinander getrennt werden. Uwe Timm ist der Verfasser von „Die Entdeckung der Currywurst“ und nicht der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung.

Kiefer (vgl. 2010, 421) bezeichnet den Ich-Erzähler als homodiegetisch2. Demnach ist er Teil der erzählten Welt, aber keine Hauptfigur. Meiner Meinung nach sind er und Lena Brücker die Protagonisten der beiden Handlungen, wonach es sich um einen autodiegetischen Erzähler handelt. Da von ihm die äußere Handlung geschildert wird, handelt es sich bei ihm um einen extradiegetischen Erzähler.

Bei Lena Brücker handelt es sich um eine intradiegetische narrative Instanz, da sie auf einer zweiten Ebene, der Binnenerzählung, Einblicke in ihr Leben um 1945 und die darauf folgenden zwei Jahre gibt. Sie ist die Protagonisten der metadiegetischen Erzählung und somit autodiegetisch.

Beide Erzähler sind nicht klar voneinander zu trennen, sodass der Leser hin und wieder Stellen in der Novelle findet, aus denen nicht klar hervorgeht, wer gerade erzählt. Ist es der Ich-Erzähler, der das von Frau Brücker Gehörte wiedergibt oder ist sie es selbst, die erzählt? Diese Frage stellt sich insbesondere dann, wenn geschildert wird, was Bremer alleine ohne Lena den ganzen Tag über in ihrer Wohnung macht. Weder Frau Brücker, noch der Ich-Erzähler können wissen, was er treibt, fühlt oder denkt, da keiner von ihnen unmittelbar dabei ist.

Auch die Schilderung der Gedanken des alten Luftschutzwartes kann weder aus dem Wissen des Ich-Erzählers, noch aus der Erinnerung von Lena stammen. Der Erzähler wird an diesen Stellen kurzzeitig zu einem allwissenden Erzähler, obwohl er doch eigentlich nur einen eingeschränkten Überblick hat. Es findet ein Wechsel von der internen zur Nullfokalisierung statt, da der Erzähler, indem er die Gedanken wiedergibt, mehr weiß, als die von ihm dargestellte Figur tatsächlich wissen kann.

Entstammen Bremers unbeobachtete Taten und Gedanken oder die Überlegungen des Luftschutzwartes der Erfindungsgabe von der alten Lena oder ist es die Einbildungskraft des Ich-Erzählers?

Der dem Leser gewährte Einblick in das Innenleben dieser und anderer Figuren legt nahe, dass der Erzähler von einer erfundenen, nicht realen Geschichte, berichtet, die eventuell lediglich seiner oder Frau Brückers Fantasie entspringt.

Uwe Timm gibt in der Novelle keine Antwort darauf, weshalb es dem Leser überlassen bleibt Vermutungen darüber anzustellen. An bestimmten Stellen wird durch die Beschreibung der Gedanken und Gefühle der Figuren eine innere Spannung erzeugt (vgl. Gansel 1999, 45). Ein Beispiel dafür ist die Sequenz, in der beschrieben wird, wie Lena von der Arbeit kommt und vor dem Haus in der Brüderstraße „Nachbarn […], Fremde, [und] Polizisten.“ stehen sieht und „spürte ihr Herz wie einen eisigen Stein.“ (Timm 2009, 106f), da sie Angst hat, dass Bremer etwas zugestoßen ist.

An einem weiteren Beispiel wird deutlich, warum der Erzähler teilweise Gedanken von Figuren schildert, die er definitiv nicht kennen kann. Lammers betritt die Wohnung während Lenas Abwesenheit und Bremer schafft es gerade noch rechtzeitig, sich in der Kammer zu verstecken. Während der Blockwart die Zimmer inspiziert, lässt der Erzähler die Leser an den Gedanken des Deserteurs teilhaben:

Er [Bremer, T.B.] versuchte, seinen Atem zu beruhigen, ein Keuchen, mehr von Angst, Hektik und vom Atemanhalten als von den hastigen Griffen, den paar Schritten, die er laufen mußte [sic!]. Hatte er nichts vergessen? Lag da nicht womöglich noch eine Socke von ihm? Oder das Koppel? Nein, das hatte er in der Kammer. Er blickte durch das Schlüsselloch […]. (ebd., 77).

Die Beschreibung des Innenlebens des Fahnenflüchtigen trägt erheblich zur Spannung der Textstelle bei und lässt den Leser die Empfindungen von Bremer miterleben, wodurch eine innere Spannung aufgebaut wird. Es ist also von zentraler Bedeutung für den Spannungsgehalt, dass Emotionen und Gedanken, die der Erzähler aufgrund seiner begrenzten Sicht nicht kennen kann, mitgeteilt werden.

Ebenfalls als spannungserzeugendes Mittel dient die äußere Spannung, welche durch ein Aufeinanderprallen von Gegensätzen hervorgerufen wird (vgl. Gansel 1999, 44f). Insbesondere die Wohnung, welche eine Innenwelt darstellt und das Kriegsgeschehen, bzw. der Nationalsozialismus, die einer Außenwelt entsprechen, stehen in starkem Kontrast zueinander.

Die Binnenerzählung weist einige Retrospektionen und Antizipationen auf. Eine Prolepse findet sich zum Beispiel in der Antwort Lenas. Der extradiegetische Erzähler fragt, ob Bremer das Rezept für die Currywurst entdeckt habe, woraufhin sie antwortet, dass es ein Zufall gewesen sei, weil sie lediglich stolperte (vgl. Timm 2009, 81). Die alte Dame gibt einen Hinweis darauf, wie es zu der Entdeckung gekommen ist und greift ihrer Erzählung ein Stück weit voraus, wodurch die Erwartungshaltung des Lesers und auch des Ich-Erzählers verstärkt wird.

Analepsen finden sich unter anderem am Anfang, als der extradiegetische Erzähler Herrn Zwerg schildert, dass er sich noch daran erinnern kann, wie er anno 1948 einer Katze auf einen Baum gefolgt ist, um sie zu retten und schließlich selbst nicht mehr heruntersteigen konnte. Der Einschub dient dazu, um die Zweifel des alten Herrn zu zerstreuen, der misstrauisch gegenüber Fremden ist und sich erst nicht zu dem Verbleib von Lena Brücker äußern möchte. Der Ich-Erzähler erlangt durch die Preisgabe der kleinen Erinnerung sein Vertrauen und erfährt, dass die alte Dame bereits seit einiger Zeit nicht mehr in der Brüderstraße wohnt.

Auch in der Binnenerzählung finden sich Ereignisse, die vor der eigentlichen erzählten Zeit stattgefunden haben. So schildert Lena beispielsweise, wie sie ihren Mann Willi kennengelernt hat oder erläutert, warum Holzinger von Wien nach Hamburg versetzt wird. Die Retrospektionen ergänzen die Basiserzählung und liefern zusätzliche Informationen.

[...]


1 Im Folgenden wird der besseren Lesbarkeit halber ausschließlich die männliche Form verwendet, welche die weibliche miteinschließt.

2 Die in dem Kapitel verwendeten Termini gehen auf die Erzähltheorie von Gérard Genette zurück.

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Uwe Timms Currywurst: Analyse und Interpretation für Schule und Studium
Hochschule
Studienseminar für Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen in Gießen
Note
2,67
Autor
Jahr
2012
Seiten
70
Katalognummer
V197794
ISBN (eBook)
9783656237884
ISBN (Buch)
9783656238942
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entdeckung, Currywurst, Bremer, Lena Brücker, Uwe Timm, Novelle, Weltkrieg, Hamburg
Arbeit zitieren
Tanja Bierau (Autor), 2012, Uwe Timms Currywurst: Analyse und Interpretation für Schule und Studium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197794

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