Nahrungsmittelunverträglichkeit und Nahrungsmittelallergie aus ernährungsmedizinischer Sicht


Ausarbeitung, 2012
16 Seiten

Leseprobe

Unverträgliche Nahrungsmittel, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Nahrungsmittelallergien - ein Überblick im Begriffswirrwarr

Es gibt viele Gründe, warum einzelne Nahrungsmittel von manchen Personen nicht vertragen werden. Der Begriff „Allergie“ wird fälschlicherweise immer wieder für alle Formen von Unverträglichkeiten verwendet. Sie unterscheiden sich jedoch deutlich hinsichtlich ihrer Ursachen und damit auch ihrer Therapie.

Allergie

Bei der „echten“ Allergie reagiert das Immunsystem des Betroffenen auf ein Nahrungsmittel. Beim ersten Kontakt mit dem Allergen bildet der Körper eine spezielle Sorte Antikörper (IgE-Typ), die dann im Blut zirkulieren. Wird das gleiche Allergen wieder verzehrt, kommt es zu einer Reaktion zwischen dem Allergen und den Antikörpern, was zu Ausschlag, Schwellungen, Atemnot und sogar schweren Schockzuständen (anaphylaktischer Schock) führen kann. Allergische Reaktionen sind Sofortreaktionen, treten also direkt nach dem Verzehr des Lebensmittels auf. Die Reaktion ist nicht dosisabhängig, das heißt, auch Spuren von Nüssen in einer Vollmilchschokolade können eine heftige Allergie-Reaktion auslösen. Nahrungsmittelallergien treten beispielsweise häufig gegen Kuhmilch, Fisch, Hühnerei, Nüsse und Erdnüsse auf.

Pseudoallergie

An der Pseudoallergie ist das Immunsystem nicht beteiligt. Die Unverträglichkeitsreaktion wird direkt durch die Substanz ausgelöst, und zwar bereits beim ersten Kontakt. Die Symptome einer Pseudoallergie sind denen einer Allergie vergleichbar und können ebenso gefährlich sein. Allerdings ist bei Pseudoallergien eine Dosisabhängigkeit zu beobachten. Eine Reihe verschiedener Substanzen können Pseudoallergien auslösen, darunter einige Farb- und Konservierungsstoffe, aber auch natürlicherweise in Lebensmitteln enthaltene Substanzen wie Salicylate, biogene Amine und Histamin.

Stoffwechselerkrankung

Bei Stoffwechselerkrankungen fehlen im Körper bestimmte Enzyme, so dass spezielle Lebensmittel oder einzelne Komponenten davon nicht verwertet werden können. Diese Erkrankungen sind häufig angeboren, können aber auch im Laufe des Lebens entstehen. Hierzu zählen Laktose-Intoleranz (Milchzucker-Unverträglichkeit), Phenylketonurie oder Zöliakie (glutensensitive Enteropathie, einheimische Sprue). Bei diesen Erkrankungen muss lebenslang Diät gehalten und das unverträgliche Lebensmittel gemieden werden. Nur zum Teil können die fehlenden Enzyme, beispielsweise bei Laktose-Intoleranz, über Tabletten ersetzt werden.

Nahrungsmittelunverträglichkeit

Bei immunologisch vermittelten Nahrungsmittelunverträglichkeiten läuft die Reaktion etwas anders ab als bei der Allergie, da andere Antikörper reagieren, die IgG- Antikörper. Die Reaktion auf das unverträgliche Nahrungsmittel tritt zeitverzögert auf, manchmal bis zu 72 Stunden nach dem Verzehr! Dies macht die Erkennung der unverträglichen Lebensmittel besonders problematisch. Charakteristisch für Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist das Auftreten einer Entzündungsreaktion. Auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten werden häufig durch Kuhmilcheiweiß, Zitrusfrüchte und Nüsse ausgelöst, können ihre Ursache aber in jeglichen Nahrungsmittelinhaltsstoffen haben, von Gewürzen über Obst und Gemüse bis zu Getreide und Zusatzstoffen.

Nicht jede Unverträglichkeit gegenüber Nahrungsmitteln beruht auf einer allergischen Reaktion! Das Schaubild gibt Ihnen einen Ü berblicküber die möglichen Mechanismen.

Häufigkeit von Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Wie häufig Nahrungsmittelunverträglichkeiten auftreten, ist noch immer unklar. Die Dunkelziffer ist extrem hoch, da viele Menschen nichts von ihrer Nahrungsmittelunverträglichkeit wissen und Beschwerden wie Verstopfung, Blähungen oder Kopfschmerzen nicht damit in Verbindung bringen. Nach einer Studie zeigen rund 21 Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine LebensmittelÜberempfindlichkeit (Schäfer et al. 2001).

Wie entstehen Nahrungsmittelunverträglichkeiten?

Die Immunreaktion

Das Immunsystem soll den Körper vor dem Eindringen gefährlicher Mikroorganismen (Bakterien, Viren, Parasiten ...) und anderer schädlicher Substanzen schützen. Es ist in der Lage, die Stoffe, mit denen es in Kontakt kommt, als körpereigen oder körperfremd zu erkennen und die körperfremden wiederum in ungefährliche und gefährliche zu unterscheiden. Gefährliche Substanzen werden als solche markiert und damit das Zeichen gegeben, sie zu bekämpfen. Verschiedene Immunzellen greifen den Schädling an und produzieren chemische Substanzen, um den Eindringling zu zerstören.

Der gesunde Darm besitzt ein besonders gut ausgebildetes Immunsystem. Er ist mit einer Schleimhaut ausgekleidet, die eine fast unüberwindbare Barriere für Krankheitserreger und größere Partikel darstellt. Lebensmittel werden im Darm in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt, die dann über besondere Mechanismen durch die Darmwand ins Blut geschleust werden. Dabei registriert sie das Immunsystem als unschädliche Stoffe.

Schädigung des Darms führt zu falscher Erkennung

Es kann jedoch geschehen, dass die Darmwand durch Stress, Infektionen oder Medikamente (beispielsweise Antibiotika) geschädigt und damit durchlässiger wird. Größere, teilweise unverdaute Nahrungsbestandteile können dann zwischen den Darmzellen hindurchschlüpfen. Das Immunsystem erkennt diese Substanzen dann nicht mehr als ungefährliche Nahrungsmittel, sondern markiert sie fälschlicherweise als schädliche Stoffe. Damit wird eine Immunreaktion in Gang gesetzt.

Die Immunreaktion

Das Lebensmittel wirkt in diesem Fall als Antigen. Das Immunsystem bildet ganz spezifische Antikörper (IgG-Antikörper) gegen das Nahrungsmittel. Sie heften sich an das Antigen. Die so gebildeten Immunkomplexe setzen eine Kette von Reaktionen in Gang. Über Botenstoffe werden spezielle Abwehrzellen, die Makrophagen angelockt. Makrophagen werden auch „Fresszellen“ genannt, weil sie gefährliche Partikel im Körper praktisch auflösen können. Hierfür werden aggressive Sauerstoffradikale und eiweißverdauende Enzyme (Proteasen) freigesetzt. Diese wirken jedoch nicht nur auf den Immunkomplex, sondern greifen auch körpereigenes Gewebe an. Entzündungszellen werden angelockt und eine Entzündungsreaktion ausgelöst. Die Zerstörung des Immunkomplexes geht also mit einer Schädigung der umliegenden Zellen einher.

Antigen und Antikörper bilden einen Immunkomplex, der durch Makrophagen vernichtet wird. Benachbartes Gewebe, hier die Gef äß wand, wird von den aggressiven Substanzen ebenfalls zerstört.

Auswirkungen einer chronisch aktivierten Immunreaktion

Normalerweise treten derartige Immunkomplexe nur selten und in geringer Zahl auf; die Gewebeschäden sind daher auch nur gering. Bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit wird diese Immunreaktion allerdings jedes Mal, wenn das betreffende Nahrungsmittel verzehrt wird, erneut ausgelöst. Da wir die meisten Nahrungsmittel häufig verzehren (viele sogar täglich!), läuft die Immunreaktion ständig ab. Die entstehenden Gewebeschäden können kaum repariert werden. Die Immunkomplexe sind dann in hoher Zahl vorhanden. Sie können die Blutbahn verlassen und sich im Gewebe ablagern. Die dort ablaufende Immunreaktion kann eine chronische Entzündung auslösen und spürbare Beschwerden verursachen.

Wann besteht ein Verdacht auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit?

Nahrungsmittelunverträglichkeiten treten in vielen Erscheinungsformen auf. Bei folgenden Beschwerden und Erkrankungen muss auch an eine Nahrungsmittelunverträglichkeit gedacht werden, vor allem, wenn bisher keine andere Ursache festgestellt werden konnte:

- Hautprobleme: Neurodermitis, Juckreiz, Nesselsucht (Urtikaria)
- Magen-Darm-Beschwerden: Durchfälle, Blähungen, Verstopfung, Schmerzen, Reizdarm
- Kopfschmerzen, Migräne
- Rheumatische Erkrankungen, Gelenkentzündungen
- Depressionen, Müdigkeit, Erschöpfungszustände
- Fibromyalgie
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Diabetes mellitus

Jedes dieser Symptome oder Erkrankungen kann auf einer Nahrungsmittelunverträglichkeit beruhen oder auch durch diese Unverträglichkeit verstärkt werden. Für eine sinnvolle Behandlung Ihrer Beschwerden ist es wichtig, die genaue Ursache ausfindig zu machen. In diesem Fall ist ein Screening (Suchtest) auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten sinnvoll. Bei dieser einfachen und kostengünstigen Untersuchung werden über einen Bluttest (s. Seite 24) vorerst nur wenige Nahrungsmittel auf ihre Verträglichkeit getestet. Das Screening ermöglicht es, Nahrungsmittelunverträglichkeiten auszuschließen oder nachfolgend eine gezieltere Suche durchzuführen.

Chronische Beschwerden und ihr Zusammenhang mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Viele chronische Beschwerden sind in ihrer Ursache bisher nicht geklärt, bekannte Therapien beruhen daher oft auf der Behandlung der Symptome, häufig mit dem Risiko schwerer Nebenwirkungen. Bei vielen dieser chronischen Beschwerden können Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit im Spiel sein. Die folgenden Beispiele sollen Ihnen einen Überblick geben.

Reizdarmsyndrom

Das Reizdarmsyndrom ist eine verbreitete Störung, bei der Durchfälle, Verstopfung, Bauchschmerzen, Blähungen und andere Darmprobleme auftreten. Reizdarmsyndrom verschlechtert die Lebensqualität erheblich und stellt auch eine hohe seelische Belastung dar. Nach dem heutigen Stand der Forschung hat das Reizdarmsyndrom viele Ursachen, die sich von Patient zu Patient stark unterscheiden können. Da der Störung jedoch keine organische Ursache zu Grunde liegt, beruht die Therapie vor allem auf dem Einsatz von Medikamenten, die die Darmfunktion beeinflussen und somit die Symptome unter Kontrolle halten. Diese Therapie ist für die meisten Betroffenen nicht zufriedenstellend. Da die Reizdarmsymptomatik meist mit dem Verzehr bestimmter Lebensmittel in Verbindung gebracht werden kann, entwickeln viele Betroffene komplizierte und stark einschränkende Diäten, was einen weiteren Verlust an Lebensqualität bedeutet.

Einige Symptome des Reizdarmsyndroms können auch das Resultat von Nahrungsmittelunverträglichkeiten sein. In einer Studie wurden Reizdarm-Patienten auf ihre IgG-Antikörper hin untersucht. Ein Verzicht auf die unverträglichen Lebensmittel führte zu einer deutlichen Reduktion der Symptome (Atkinson et al. 2004). Eine solche Auslasskost auf Basis der Antikörperbestimmung ist demnach sinnvoll und kann die persönlichen Beobachtungen gut ergänzen. Durch Einsatz einer immunologischen Bestimmung der vorliegenden Nahrungsmittel- unverträglichkeiten kann vermieden werden, dass die Betroffenen ihren Speiseplan stärker als nötig einschränken.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Nahrungsmittelunverträglichkeit und Nahrungsmittelallergie aus ernährungsmedizinischer Sicht
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V197796
ISBN (eBook)
9783656243731
ISBN (Buch)
9783656246756
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Allergie, Unverträglichkeit, Nahrungsmittelallergie, Nahrungsmitteluverträglichkeit, Sven-David Müller, Diätassistent, Ernährungstherapie, Diät, Diätetik, Ernährungsberatung, Diätberatung
Arbeit zitieren
M.Sc. Sven-David Müller (Autor), 2012, Nahrungsmittelunverträglichkeit und Nahrungsmittelallergie aus ernährungsmedizinischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197796

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