Der Zusammenhang von Platons Sonnen-, Linien- und Höhlengleichnis


Seminararbeit, 2000

14 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Problematik von Gleichnissen

Gleichnisse haben meist die paradoxe Aufgabe zu erfüllen, das Unverständliche auf verständliche Weise auszudrücken. Das Unfaßbare wird in einen faßbaren Rahmen gebracht oder ein Bild dient dem Zweck, zumindest begreiflich zu machen, dass und warum etwas für uns unbegreiflich ist.

Das wohl bekannteste Beispiel dafür sind die Gleichnisse Jesu; wobei sich streiten läßt, ob sie in der christlichen Welt eher für Klarheit oder Verwirrung gesorgt haben. Obwohl Gleichnisse eigentlich als Instrument der Verdeutlichung fungieren, ist deren Interpretation nicht immer ganz unproblematisch: Man kann Gleichnisse eben nicht zugleich ernst und wörtlich nehmen. Die Rückübertragung der vermeintlich gewonnenen Erkenntnisse in die reale Welt des Alltäglichen kann vielerlei Mißverständnisse heraufbeschwören und den ursprünglichen Untersuchungs-Gegenstand in noch weitere Ferne rücken als zuvor.

Weitere Schwierigkeiten entstehen, wenn sich ein Autor symbolischer Darstellungen nicht nur bedient, um seine Ausführungen zu illustrieren, sondern den Gleichnissen selber Argumentationskraft zukommen läßt. Er entwirft ein Bild, das der Struktur des Untersuchungsgegenstandes ähnelt, analysiert die verschiedenen Merkmale und zieht direkt Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Realität. Eine Beweisführung, die fraglich erscheinen mag, da Anwendbarkeit und Geltungsbereich der symbolhaften Darstellung überschritten scheinen.

Ein Philosoph, der sich der genannten Methode gerne bedient ist Platon. Das Axiom einer kosmologischen Ordnung, die einheitlich in allen Bereichen des Lebens und der immanenten Welt zum Ausdruck kommt, erlaubt ihm, solche Analogschlüsse zu ziehen und sein Weltbild zu entwerfen. Recht unverständlich natürlich für denjenigen Zuhörer, der sich dieser metaphysisch begründeten Ordnung nicht bewußt ist. Platon verwendet die Gleichnisse nicht lediglich als Illustration, sondern rechnet ihnen Beweiskraft zu, um auf ihrem Fundament seine weitere Argumentation aufzubauen. Das wohl bekannteste Beispiel ist sein Höhlengleichnis, das den Weg des Menschen zur Erkenntnis allegorisch wiedergibt. Es basiert auf den Ausführungen des Sonnengleichnisses, in dem die Funktion des Guten erläutert werden, sowie des Liniengleichnisses, das das Verhältnis zwischen sichtbarer und denkbarer Welt ausdrückt.

Um den Dreiklang der Gleichnisse, ihre einzelnen Aussagen und logischen Zusammenhänge verständlich darstellen zu können werden zunächst die wesentlichen Argumentationsstränge der Politeia in ihren Grundzügen nachskizziert: Ausgehend von der Frage nach dem Wesen der Gerechtigkeit, wird der Leser über die Erschaffung einer imaginären Polis, die sich herauskristallisierende Philosophenherrschaft und die Ideenlehre zu den Gleichnissen hingeführt.

Kernaussagen der Politeia (erstes - fünftes Buch, Politeia)

Im ersten Buch der „Politeia“ wirft Platon (alias Sokrates) die Frage nach dem Wesen der Gerechtigkeit auf und entlarvt herkömmliche Auffassungen schnell als unzureichend. Das Urteil wird auf die bestehenden Herrschaftsverhältnisse übertragen, weil sich diese über die unzureichenden Gerechtigkeitsvorstellungen legitimieren. Da eine neue Begriffsdefinition bei Betrachtung des bloßen Individuums schwer zu finden ist, entwirft Platon eine imaginäre Polis, um an ihr als lediglich „großgeschriebener Mensch“ das Wesen der Gerechtigkeit zu ergründen. Bereits an dieser Stelle zeigt sich die erwähnte kosmologische Ordung, deren Annahme es erlaubt, die menschliche Seele und den Aufbau eines Staates analog zu setzen.

Da Individuen aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten nicht autark in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse sind, schließen sie sich in einer Gemeinschaft zusammen. Ein Anwachsen der Bedürfnisse führt zu territorialen Expansions-Bestrebungen. Zum Schutz der Polis teilt sich die Gesellschaft in einen Nährstand und einen Wehrstand, aus dem wiederum eine kleine Gruppe von Herrschern hervorgeht. Aus der pro-domo-orientierten Argumentation des Platon geht schnell hervor, dass die idealen Regenten mit den wahren Philosophen gleichzusetzen sind, da sich diese durch ihr Streben nach Wissen in seiner höchsten Einheit und Verantwortungsbewußtsein für das Kollektiv auszeichnen.

Ausgehend von der natürlichen Ungleichheit der Menschen hat Platon eine hierarchische Ständeordnung geschaffen, um das Wohl der Polis zu gewährleisten. Gerechtigkeit ist demnach, wenn jeder gemäß seinen natürlichen Fähigkeiten das seine verrichtet und somit dem Allgemeinwohl dient. Basierend auf der einheitlichen Ordnung des Kosmos übersetzt Platon die drei Stände zurück in Seelenteile: Die Vernunft repräsentiert den Philosophenstand und ist Ort der Weisheit; der Wille entspricht dem Wehrstand und ist Träger der Tapferkeit; der Trieb als übersetzter Nährstand verleiht der Seele ihre Handlungskraft, muß sich aber dem Willen beugen, der wiederum der Vernunft gehorcht. Der analoge Aufbau von Staat und Seele bildet eine weitere Legitimations-Grundlage für die soziale Struktur der Polis und damit auch der Philosohphenherrschaft: Ohne die Machtstellung der Weisheit (Philosophen) wäre die Seele (Polis) rein triebgesteuert (Triebe des Nährstandes) und somit dem Untergang geweiht.

Um die Notwendigkeit dieser Herrschaftsverhältnisse bildlich hervorzuheben entwirft Platon sein „Steuermanns-Gleichnis“: Der Staat geht ohne das Wissen und die Einsicht der Philosophen unweigerlich zu Grunde, so wie ein Schiff ohne einen wahrhaft kundigen Steuermann zum Kentern verurteilt ist. Quintessenz ist die Konstruktion eines notwendigen Zusammenhangs zwischen Staatskunst und Wissen. Während im Steurmannsgleichnis schnell einleuchtet, das ein Navigator über spezifisches Wissen verfügen muß, stellt sich jedoch die Frage, welcher konkreten Erkenntnisse ein Staatsmann bedarf.

Die bereits mehrfach erwähnte kosmologische Ordnung wird daraufhin in der Ideenlehre konkretisiert: Ausgangspunkt ist die Teilung der Welt in einen materiellen-sichtbaren und einen immateriellen-denkbaren Bereich. Letzterer ist eine intelligible Welt der Ideen, die einheitliche Urbilder der scheinbaren Manigfaltigkeit des immanenten Bereiches sind. Die Ideen sind statisch, unabhängig von Zeit oder Raum und fungieren quasi als Vorbilder der materiellen Erscheinungen. Als Teil der denkbaren Welt sind sie nur der geistigen Erkenntnis zugänglich, während ihre Abbilder im Bereich des vergänglich Sichtbaren durch Sinneswahrnehmung erfaßt werden. Der Gedankengang gipfelt in der Idee des Guten, die wiederum einheitliche Quelle und Ziel der übrigen Ideen ist.

Der Politiker hat die Aufgabe, die kosmologisch einheitliche Idee des Guten und Gerechten zu schauen und ihr die reale Staatsform nachzubilden. Erst wer die einheitliche Ordnung hinter der scheinbaren Vielfalt versteht, kann entscheiden, was gut ist und wie ein Staat gerecht regieren wird. Während sich der größte Teil des Volkes mit bloßen Meinungen (doxa) über die Welt begnügt, bleibt der wahrheitsliebende Philosoph nicht bei den sichtbaren Erscheinungen stehen, sondern sucht nach der vollkommenen Erkenntnis (gnosis) des ewig und unveränderlichen Seins. Das Postulat der Philosophenherrschaft ist eine logische Konsequenz, da nur sie über die Kenntnis des Ganzen (episteme) verfügen. Um die Legitimität dieser Forderung zu untermauern, bedarf es freilich einer näheren Betrachtung der Idee des Guten. Zu diesem Zweck flechtet Platon seine Gleichnisfolge ein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang von Platons Sonnen-, Linien- und Höhlengleichnis
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut (GSI))
Veranstaltung
Einführung in die Politische Theorie
Note
1-
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V19781
ISBN (eBook)
9783638238250
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zusammenhang, Platons, Sonnen-, Linien-, Höhlengleichnis, Einführung, Politische, Theorie
Arbeit zitieren
Philipp Lehmann (Autor), 2000, Der Zusammenhang von Platons Sonnen-, Linien- und Höhlengleichnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19781

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