Max Weber: Soziologie der Motivationen und Theorie der Rationalisierung


Hausarbeit, 2011
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Idealtypisches Verfahren und die Weltreligionen

2.) Die Eigenart der okzidentalen Religionen im Spiegel der Weltreligionen

3.) Das asketische Handeln und die Entzauberung der Welt

4.) Die Motivationen des Puritanismus und seine religiösen „Vorarbeiter“

5.) Der Calvinismus und die Angst

Literaturverzeichnis:

Welche okzidentalen, religionssoziologischen Motivationen führt Max Weber sowohl an einem idealtypischen Vergleich zu den Weltreligionen als auch in besonderer Ausführung des Puritanismus für die Entstehung der okzidentalen Rationalisierung auf?

Die These Max Webers’, dass religiös motivierte, gesellschaftliche Bewegungen die okzidentale Rationalisierung oder in seinem Wortlaut „die Entzauberung der Welt“ anheim geführt haben, löste eine Folge zahlreicher, kritischer Untersuchungen und empirischer Überprüfungen aus.1 Während der Kieler Historiker Felix Rachfahl seine These anhand von punktuellen historischen Zusammenhängen zu entkräften wusste, wies Werner Sombart auf Kritikpunkte hin, die sich in einem größeren historischen Zusammenhang bewegten. Er verdeutlichte das kapitalistische Potential der Juden und ihren Beitrag an der Entstehung des Kapitalismus.[2] Julio Brentano konstatierte, Weber hätte den „ökonomische Innovationen im Spätmittelalter im spätmittelalterliche Italien“ eine zu geringe und den englischen Puritanern des 17. Jahrhunderts eine zu gewichtige Bedeutung beigemessen.[3] An diese Reihe ließen sich viele weitere Kritiken fügen, die sowohl historische Nachweise suchten, wie auch inter- kulturelle und konfessionelle Vergleiche anstellten, um das kapitalistische Potential auch anderweitig nachzuweisen. Obwohl die Fülle der Widerlegungen Webers’ These eine gewisse Überzeugungskraft ausüben, muss dennoch sein wissenschaftlicher Beitrag angemessen gewürdigt werden. Denn auch Webers Werk muss in seiner methodischen „Eigenart“ verstanden werden. Der „Idealtypen- Lehre“ entsprechend hat Weber Ideen oder Ideale in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht, die in ihrer Art nicht unmittelbar auf die realen Begebenheiten übertragen werden können, sondern charakteristische Eigenheiten eines historischen Individuums darstellen, die es dem Wissenschaftler überhaupt erst ermöglichen kritische Vergleiche hinsichtlich der realen Lebenswelt anzustellen.4 Michael Bayer und Gabriele Mordt kommen in ihrer Studie „Einführung in das Werk Max Webers“ zu folgender Feststellung: „So wählt Weber in seinen religionssoziologischen Studien diejenigen religiösen Bewegungen aus, denen seiner Ansicht nach […] Kulturbedeutung zukommt. Diese Bedeutung bezieht sich einerseits auf die Religion selbst, d.h. auf die je spezifische Eigenart der Religion, andererseits auf das ihn eigentlich interessierende: die Wirkung auf das praktische Handeln, auf die Lebensführung oder […] auf die Möglichkeiten zu Sinngebung und Stellungnahme… So kann und sollte man für die Interpretation auch nicht Endgültigkeit oder Richtigkeit als Kriterien in Anspruch nehmen, sondern das Ausmaß der adäquaten Möglichkeit.[5] Um die „Eigenart des okzidentalen, und innerhalb dieses, des modernen okzidentalen Rationalismus zu erkennen“ wendet sich Weber insbesondere der „Fähigkeit und Disposition des Menschen“ und seinen „bestimmten Arten praktisch- rationaler Lebensführung“ zu.[6] In diesem Zusammenhang ist er sich jedoch auch der Bedeutung der historischen und ökonomischen Faktoren bewusst, welchen er insofern nachginge als es für die Herausarbeitung der „Vergleichspunkte“ notwendig sei.[7] Dieses ist sicherlich eine innovative Besonderheit in der wissenschaftlichen Vorgehensweise, die mitunter zu einer Grundsteinlegung für die Soziologie führte. Während die derzeitigen Wissenschaften vorwiegend von den historischen, politischen und ökonomischen Faktoren auf den Menschen schlossen, rückte Weber das sinnstiftende Potential des Menschen und seinen Einfluss auf das gesamtgesellschaftliche Gefüge in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Untersuchung. Durch „Sinngebung“ und „Stellungnahme“ erkannte er dem Menschen als Kulturmenschen die fundamentale Gestaltung und somit gewichtige Einflussnahme auf das soziale System zu. In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung der Religion als eine der ältesten, sinnstiftenden Ordnungssysteme deutlich. Die Religion gestaltete das gesellschaftliche Leben von ihren allerersten Anfängen an und lässt darauf schließen, dass auch die gesellschaftlichen Systeme und somit die okzidentale Rationalisierung eine Wirkung oder ein Resultat dieser sind. Dazu schreibt Weber: „Zu den wichtigsten formenden Elementen der Lebensführung nun gehörten in der Vergangenheit überall die magischen und religiösen Mächte und die am Glauben an sie verankerten ethischen Pflichtvorstellungen.“8 Um die „Verkettung von Umständen“ zu verstehen geht Weber von einer Soziologie der Motivationen aus.[9] Denn die Motivation führt den Menschen zu bestimmten Handlungen und diese wiederum bedingen eine „Verkettung von Umständen“.[10] Indem Weber die Motivationen in der religiösen Ethik sucht, weist er auch auf die Macht hin, welche religiöse Motivationen auslösen können. Es erscheint als hätte Weber das Augenmerk der Wissenschaft auf ein universelles Movens des Weltgeschehens hingelenkt, das die Zeit überdauernd, immerfort von einer seltsamen Aktualität geprägt ist. Denn auch im 21. Jahrhundert zeigt sich die Macht der religiösen Motivationen leider in einem zerstörerischen Sinne durch den „Heiligen Krieg“ und den daraus resultierenden, internationalen Terrorismus. Eventuell sind es diese allgemeinen Wahrheiten die Webers Studien im wissenschaftlichen Diskurs immer wieder neu aufleben lassen. Um den Wert der Studien Webers zu erkennen, hilft dabei keine pedantische Kasuistik die an den exakten, empirischen Fakten nicht vorbeikommt, sondern das Erkennen der Eigenart der Prozesse, die dann für die aktuellen Forschungen durchaus fruchtbar gemacht werden können.

1.) Idealtypisches Verfahren und die Weltreligionen

In seiner vergleichenden religionssoziologischen Studie „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“[11] zieht Weber die führenden Weltkonfessionen heran, um die Eigenart des okzidentalen Rationalismus herauszustellen. Da sein beabsichtigtes Werk nicht in gesamter Ausführung vollendet werden konnte, liegen uns hierbei Studien zum Konfuzianismus, Hinduismus, Buddhismus und Judentum vor, die vor allem in Relation zum okzidentalen Christentum gesehen werden müssen. Die Untersuchungen zum Christentum lassen sich, Weber nach, in der „Protestantischen Ethik“ nachlesen. Weber versucht vor allem Differenzen aufzuweisen.12 Indem er sich dem vergleichenden, idealtypischen Verfahren bedient, arbeitet er relevante „Vergleichspunkte“ heraus, um ein solch komplexes Phänomen überhaupt erst dem Verstand als „Sachverhalt“ zugänglich machen zu können.[13] Hierbei nimmt er der Überschaubarkeit wegen eine thematische Spezifizierung vor, indem er keine „umfassende Kulturanalyse“ anstrebt, sondern den Fokus auf die religiöse Ethik hinsichtlich des ökonomischen Rationalismus richtet und seine Perspektive im okzidentalen Raum verortet.[14] Dazu schreibt Weber: „[Die Aufsätze] betonen in jedem Kulturgebiet ganz geflissentlich das, was im Gegensatz stand und steht zur okzidentalen Kulturentwicklung.“[15] Weiterhin räumt er ein: „Ein anderes Verfahren schien bei dem gegebenen Zweck nicht wohl möglich. Aber es muß zu Vermeidung von Mißverständnissen hier auf die Begrenztheit des Zweckes ausdrücklich hingewiesen werden.“[16] Im Angesicht der Weitläufigkeit und Komplexität des Untersuchungsgegenstandes zeigt sich Weber der Grenzen seiner derzeitigen Möglichkeiten und somit auch der Grenzen seines idealtypischen Verfahrens durchaus bewusst. An anderer Stelle widmet Weber der Erläuterung der Idealtypen- Lehre eingehende Aufmerksamkeit, woraus das Ideal als utopischer Vergleichswert ersichtlich wird und das idealtypische Verfahren eine Berechtigung erfährt: „Er [der Idealtypus] wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankengebilde… In seiner Reinheit ist dieses Gedankengebilde nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar, es ist eine Utopie, und für die historische Arbeit erwächst die Aufgabe, in jedem einzelnen Falle festzustellen, wie nahe oder wie fern die Wirklichkeit jenem Bilde steht…“[17] Aus dieser Verfahrensweise erwächst dann auch die Paradoxie, die um das Werk Max Webers kursiert. Denn Lehmann zufolge, bemühte man sich im wissenschaftlichen Diskurs einerseits seine These empirisch, also an der Wirklichkeit gemessen zu widerlegen und andererseits schien die „Kritik dieser These nicht eigentlich geschadet, sondern diese nur noch populärer gemacht zu haben“.[18] Die „Ungenauigkeit“, die Weber mit seinen „historischen Individuen“ vorlegte, gab den Antrieb zur Suche nach einer „Genauigkeit“, die wiederum die Weiterforschung an der These gewährleistete. Man könnte sagen, Weber habe mit seinen Idealtypen eine „Motivation“ zur Entwicklung eines wissenschaftlichen Diskurses bereitgestellt. Denkt man hierbei weiter, erinnert seine Verfahrensweise an das literaturtheoretische Modell der Rezeptionsästhetik nach Wolfgang Iser, der in der Tradition Baumgartners’ den Begriff der „Leerstellen“ für die literarische Rezeption einführte. Iser zufolge ermöglichten erst die „Leerstellen“, also die fehlende Information eines literarischen Werkes, die aktive Teilnahme und Einbringung des Rezipienten.19 Hans- Georg Gadamer weitete die Theorie der Leerstellen im hermeneutischen Sinne auf den allgemeinen Verstehensprozess des Menschen in Interaktion mit der Welt aus.[20] Seiner Ansicht nach, könne der Verstehensprozess erst an der Stelle ansetzen, an der sich das Verständnis entziehe.[21] Demnach fragt der Mensch erst nach, wenn sich ihm die allen gemeinsame „Sache“, bei Weber zu vergleichen mit dem „Sachverhalt“, nicht sofort erschließt.[22] Erst dann könne der hermeneutische Zirkel in Kraft treten und eine tiefere Auseinandersetzung nach sich ziehen. In diesem Sinne scheint die Debatte um Max Webers’ These einen unendlichen Dialog ausgelöst zu haben, was unter anderem zeigt, dass seine Aussage eine gewissen Gehalt an Wahrheit beinhaltet, der nicht eindeutig widerlegt werden kann.

[...]


1 Weber, Max : Wissenschaft als Beruf 1917/ 1919. Politik als Beruf 1919, (Hg.) Mommsen, Wolfgang J. & Schluchter, Wolfgang, Tübingen 1992, S. 68. [in der Fußnote zitiert als (WB)]

[2] Lehmann, Hartmut: Die Weber- These im 20. Jahrhundert, in: Die Entzauberung der Welt. Studien zu Themen von Max Weber, Göttingen 2009, S. 109f.

[3] Ebd., S.111.

4 Vgl. Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 71988, S. 191. [zitiert als (GAWL)]

[5] Bayer, Michael & Mordt, Gabriele: Einführung in das Werk Max Webers. Wiesbaden 2008, S. 42.

[6] Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen 91988, S.12. [zitiert als (GARS I)]

[7] Ebd.

[8] Weber (GARS I) 91988, S.12.

[9] Ebd., S.1.

[10] Ebd.

[11] Ebd., S. 237- 573.

12 Weber (GARS I) 91988, S.13.

[13] Vgl. Ebd., S. 12f.

[14] Ebd., 13.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Weber (GAWL) 71988, S. 191.

[18] Lehmann 2009, S. 115.

19 Vgl. Iser, Wolfgang: Die Appellstruktur der Texte. In: Rezeptionsästhetik. (Hg.) Warning, Rainer; München 21979, S. 233f.

[20] Gadamer, Hans- Georg: Hermeneutik II. Wahrheit und Methode, Ergänzungen/ Register, Tübingen 1986, S.226f.

[21] Ebd., S. 342.

[22] Gadamer, Hans- Georg: Gadamer Lesebuch. (Hg.) Grondin, Jean, Tübingen 1997, S. 285.

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Details

Titel
Max Weber: Soziologie der Motivationen und Theorie der Rationalisierung
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaften)
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V197816
ISBN (eBook)
9783656239543
ISBN (Buch)
9783656240174
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weber, soziologie, motivationen, theorie, rationalisierung
Arbeit zitieren
Valerie Kuzman (Autor), 2011, Max Weber: Soziologie der Motivationen und Theorie der Rationalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197816

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