Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um einen Versuch, die Mechanismen der kapitalistischen Landnahme aus historischer Sicht zu erfassen, Regelmäßigkeiten in deren Wirkungsweise aufzudecken und aktuelle ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen damit zu vergleichen und zu erklären. Nachdem einige Stellungnahmen zur Theorie der kapitalistischen Landnahme dargelegt und diskutiert wurden, wird versucht einen Vergleich mit aktuellen Geschehnissen herzustellen. Unter anderem wird versucht die Krisenhaftigkeit des Finanzmarktkapitalismus und die aktuelle Schuldenkrise im europäischen Raum mit den Thesen der Landnahme zu erklären.
Inhaltsverzeichnis
1. Thema
2. „Land Grabbing“ ein neues Phänomen?
3. Die klassische Sicht auf die kapitalistische Landnahme
3.1. Von der Kapitalakkumulation zur Landnahme
3.2. Landnahme als Integration eines unerschlossenen Raumes
3.3. Die Kinderstube des Finanzmarktkapitalismus
3.4. Generalisierung der klassischen Sichtweise
4. Eine alternative Sichtweise auf die industriell-kapitalistische Entwicklung
4.1. Kontinuierlicher Aufschwung als Normalfall?
4.2. Der langfristige Zyklus von Prosperität und Krisenhaftigkeit
4.3. Die Überwindung von Krisen durch neue Landnahmen
5. Die Interaktion des Kapitals mit Raum und Zeit
6. Neue Landnahme und Finanzmarktkapitalismus
6.1. Ursprüngliche Akkumulation und die doppelte Logik der Landnahme
6.2. Die Langfristige Stabilisierung durch Landnahmen
6.3 Die finanzmarktgetriebene Landnahme
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Mechanismen der kapitalistischen Landnahme aus historischer und aktueller Perspektive, um Regelmäßigkeiten in ihrer Wirkungsweise aufzudecken und ökonomische Entwicklungen zu erklären.
- Historische Analyse der Kapitalakkumulation nach Rosa Luxemburg.
- Neuinterpretation industrieller Entwicklung durch Burkhart Lutz und die Theorie der langen Wellen.
- Verständnis der räumlichen und zeitlichen Bindung von Kapital nach David Harvey.
- Untersuchung des Finanzmarktkapitalismus als neue Form der Landnahme bei Klaus Dörre.
- Vergleich der theoretischen Ansätze mit aktuellen Krisenphänomenen wie der europäischen Schuldenkrise.
Auszug aus dem Buch
3.2. Landnahme als Integration eines unerschlossenen Raumes
Luxemburg beschreibt den Prozess der Kapitalakkumulation als einen „Prozeß des Stoffwechsels, der sich zwischen der kapitalistischen und den vorkapitalistischen Produktionsweisen vollzieht“. Kapitalakkumulation ist laut Luxemburg nur möglich, wenn der Kapitalismus einem nicht-kapitalistischem Raum gegenübersteht welcher erschlossen werden kann. Der nicht-kapitalistische Raum wird dabei zerstört während das kapitalistische Stammland der Landnahme davon profitiert, indem neues Kapital angehäuft und akkumuliert wird. Ein Kapitalismus dem kein unerschlossener nicht-kapitalistischer Raum gegenübersteht ist ihres Erachtens nach im Gegenzug nicht lebensfähig, da eine Entfaltung von Produktivkräften in einem kapitalistischen System ohne einen kapitalismusfreien Raum nicht möglich ist. „Die Kapitalakkumulation kann demnach so wenig ohne die nichtkapitalistischen Formationen existieren, wie jene neben ihr zu existieren vermögen“.
Luxemburg ist der Ansicht, dass Kapitalakkumulation nur auf diesem Wege, der Erschließung nicht-kapitalistischer Räume ablaufen kann. Dennoch sieht sie, dass das Endresultat einer weltweiten abgeschlossenen Akkumulation nur ein theoretisches Konstrukt bleibt. Im Rückschluss auf die unmögliche Koexistenz von Kapitalismus und nicht-kapitalistischen Räumen ergibt sich hieraus allerdings ein Wiederspruch. Im Allgemeinen wird ein nicht kapitalistischer Raum erschlossen indem zunächst die traditionelle Naturalwirtschaft durch eine einfache Warenwirtschaft ersetzt wird. Anschließend tritt das Kapital an die Stelle der Warenwirtschaft. Am Beispiel amerikanischer Bauern um 1900 verdeutlicht Luxemburg wie sich die Wirtschaftsweise nach diesem Schema verändert. Zunächst wurde das Land durch die Vertreibung der Indianer, welche eine naturalwirtschaftliche Lebensweise pflegten, von den Europäern für die Warenwirtschaft nutzbar gemacht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Thema: Einleitung in die Fragestellung der Arbeit und Überblick über die verwendeten Autoren und Theorien.
2. „Land Grabbing“ ein neues Phänomen?: Diskussion der aktuellen Problematik der Landnahme durch Investoren in Entwicklungsländern anhand des Artikels von Heidemarie Wieczorek-Zeul.
3. Die klassische Sicht auf die kapitalistische Landnahme: Darstellung von Rosa Luxemburgs Theorie zur Kapitalakkumulation und deren Abhängigkeit von nicht-kapitalistischen Räumen.
4. Eine alternative Sichtweise auf die industriell-kapitalistische Entwicklung: Burkhart Lutz' Neuinterpretation industrieller Dynamiken unter Einbeziehung der Theorie der langen Wellen.
5. Die Interaktion des Kapitals mit Raum und Zeit: Analyse von David Harveys Konzept der „raum-zeitlichen Fixierung“ als Mechanismus zur Bewältigung der Überakkumulation.
6. Neue Landnahme und Finanzmarktkapitalismus: Klaus Dörres Analyse des Finanzmarktkapitalismus als neue, fragile Formation, die marktbegrenzende Institutionen zu Objekten der Landnahme macht.
7. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über die Beständigkeit der Mechanismen kapitalistischer Landnahme trotz sich wandelnder Instrumente.
Schlüsselwörter
Kapitalistische Landnahme, Kapitalakkumulation, Finanzmarktkapitalismus, Land Grabbing, Überakkumulation, Rosa Luxemburg, David Harvey, Burkhart Lutz, Klaus Dörre, Konjunkturzyklen, Industrialisierung, Weltwirtschaft, Staatsverschuldung, Raum-zeitliche Fixierung, Marktmechanismen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit dem Phänomen der kapitalistischen Landnahme, untersucht dessen Mechanismen im historischen Prozess und beleuchtet, wie sich diese Wirkungsweise in der heutigen Zeit, insbesondere im Kontext des Finanzmarktkapitalismus, äußert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die historische Kapitalakkumulation (Luxemburg), die industriell-kapitalistische Entwicklung und deren zyklische Krisen (Lutz), die raum-zeitliche Bindung von Kapital (Harvey) sowie die spezifischen Dynamiken des modernen Finanzmarktkapitalismus (Dörre).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Mechanismen der Landnahme zu erfassen, historische Regelmäßigkeiten in ihrer Wirkungsweise aufzudecken und diese zur Erklärung aktueller ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklungen heranzuziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und einen komparativen Ansatz, bei dem die Theorien verschiedener Autoren (Luxemburg, Lutz, Harvey, Dörre) erörtert, miteinander verglichen und auf aktuelle Geschehnisse wie die Schuldenkrise angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit der klassischen Landnahme, alternative Sichtweisen auf die industrielle Entwicklung, die Interaktion von Kapital mit Raum und Zeit sowie eine detaillierte Analyse der neuen, finanzmarktgetriebenen Landnahme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Kapitalakkumulation, Landnahme, Finanzmarktkapitalismus, Überakkumulation und Krisenhaftigkeit charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die „neue“ Landnahme vom klassischen Modell?
Während sich die klassische Landnahme primär durch die territoriale Erschließung nicht-kapitalistischer Räume definierte, macht der Finanzmarktkapitalismus zunehmend marktbegrenzende Institutionen und zukünftige Wertschöpfung zu Objekten der Landnahme.
Welche Rolle spielt der Staat in diesem Prozess?
Der Staat agiert als Katalysator und Regulierungsinstanz, der den institutionellen Rahmen schafft, die Bevölkerung zur Erwerbsarbeit drängt und durch Investitionen in Infrastruktur und Bildung überschüssiges Kapital zeitlich bindet.
Was ist unter dem Phänomen der „raum-zeitlichen Fixierung“ zu verstehen?
Es bezeichnet die Fähigkeit des Kapitals, überschüssige Akkumulation durch räumliche Expansion (neue Märkte/Standorte) oder zeitliche Bindung (Investitionen in langfristige Infrastruktur) vorübergehend zu absorbieren.
Warum stellt der Finanzmarktkapitalismus laut Autor ein besonderes Krisenrisiko dar?
Weil die Finanzsphäre von der Realwirtschaft entkoppelt ist und durch fiktives Kapital sowie spekulative Geschäfte mit geliehenem Geld eine künstliche Akkumulation erzeugt, die bei einem Zusammenbruch zur realen Unterversorgung führt.
- Arbeit zitieren
- Florian Buchholz (Autor:in), 2012, Das Phänomen der kapitalistischen Landnahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197841