Anfang der 1970er Jahre wurde, begünstigt durch die aufkommende Umweltbewegung, damit begonnen Studien zu erstellen mit dem Ziel die Umweltbelastung von Unternehmen und Produkten zu erfassen und zu beurteilen. Diese Studien stellten auf die Bilanzierung von Stoff- und Energieflüssen ab, waren allerdings wenig standardisiert und ließen damit viel Spielraum für Interpretationen. Diese Zeit gilt als Geburtsstunde der neuen Disziplin Ökobilanzierung, an der Schnittstelle zwischen Wirtschafts- und Naturwissenschaften.
Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts setzte, laut Siegenthaler, eine Phase der Institutionalisierung in der Ökobilanzforschung ein. In dieser Phase kam es zu einer weitgehenden internationalen Harmonisierung und Standardisierung der Methodik. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang war die Erarbeitung einer Norm zur Erstellung einer Ökobilanz durch die International Organization for Standardization (ISO 14040 - 14043).
Einer der wesentlichen Punkte bei der Erstellung einer Ökobilanz ist die Festlegung des Ziels und des Untersuchungsrahmens. Diese beiden Punkte haben starken Einfluss auf die nachfolgende Erstellung der Sachbilanz und somit auf die gesamte Bilanz. Die Ziele der Ökobilanzierung sind äußerst vielfältig. Sie reichen von der Berichtspflicht über Informationsgewinn bis hin zur Entscheidungshilfe in Organisationen. Grundsätzlich sollen in einer Ökobilanz alle Umweltveränderungen betrachtet werden, die intentional und kausal mit dem Untersuchungsobjekt im Verlaufe dessen gesamten Lebenszyklus in Verbindung stehen. In der Theorie geht diese Betrachtung auf der Inputseite zurück bis hin zu den Rohstoffen, wie sie in der Natur ohne Einfluss des Menschen vorliegen und auf der Outputseite bis hin zu allen Stoffflüssen, wie sie in die natürliche Umwelt entlassen werden. In der Praxis ist es jedoch notwendig, aufgrund der Datenmenge und der Komplexität, eine geeignete Grenze zu ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Themenstellung
1.2 Forschungsfrage
1.3 Methodik und Aufbau der Arbeit
1.4 Definitionen und Begriffsbestimmungen
1.4.1 Umwelt
1.4.2 Öffentlicher Personennah- und Personenregionalverkehr
2 Ökobilanzierung
2.1 Historische Entwicklung
2.2 Typen von Ökobilanzen
2.2.1 Die Betriebsökobilanz
2.2.2 Die Prozessökobilanz
2.2.3 Die Produktökobilanz
2.2.4 Der ökologische Fußabdruck
2.3 Aufbau einer Ökobilanz
2.3.1 Festlegung des Ziels und des Untersuchungsrahmens
2.3.2 Sachbilanz
2.3.3 Wirkungsabschätzung und Bewertung
2.3.4 Auswertung
2.4 Ökobilanzierung, eine Aufgabe des Controllings?
3 Öffentlicher Personennahverkehr in Wien
3.1 Struktur und Akteure
3.2 Stadtverkehrsplanung in Wien
3.3 U-Bahn-Bau in Wien
3.3.1 Die Bauphasen
3.3.2 Ausbau der U2 nach Seestadt Aspern
4 Empirische Untersuchung
4.1 Rahmenbedingungen
4.2 Ziele und Fragestellung
4.3 Methoden
4.3.1 Fallstudie
4.3.2 Interview
4.4 Datenerhebung
4.5 Auswertung
4.5.1 Ziel der Studie
4.5.2 Festlegung des Untersuchungsrahmens
4.5.3 Informierte Stellen
4.5.4 Auswirkungen der Studie auf den U2-Ausbau
5 Zusammenfassung und Ausblick
5.1 Schlussbetrachtung
5.2 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die praktische Relevanz von Ökobilanzen für den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Wien, am konkreten Fallbeispiel der U-Bahn-Erweiterung zur Seestadt Aspern. Ziel ist es zu analysieren, ob solche wissenschaftlichen Studien tatsächlich Einfluss auf operative oder strategische Planungsentscheidungen nehmen oder primär als Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit fungieren.
- Historische und theoretische Grundlagen der Ökobilanzierung
- Rolle des Controllings in ökologischen Entscheidungsprozessen
- Planungsstrukturen und Akteure im Wiener ÖPNV
- Analyse der Ökobilanz-Studie für den U2-Ausbau
- Empirische Bewertung durch Experteninterviews
Auszug aus dem Buch
2.4 Ökobilanzierung, eine Aufgabe des Controllings?
Die Ökobilanzierung als Disziplin befindet sich an der Schnittstelle zwischen Wirtschafts- und Naturwissenschaften. Innerhalb eines Unternehmens kommt daher zwei Gruppen eine entscheidende Rolle zu, den Controllern und den Umweltmanagern. Dyckhoff et al. sehen zwischen diesen beiden „Kontrahenten“ sogar einen Rollenkonflikt aufkommen, da die eine Gruppe auf den Umweltschutz fokussiert und die andere wirtschaftlichkeitsfokussiert ist. Dieser Konflikt kann allerdings gelöst werden, wenn beide Akteure von ihrer Extremposition abweichen oder wenn die Vorschläge des Umweltmanagers nicht nur eine Verbesserung für die Umwelt bringen, sondern auch eine monetäre Verbesserung.
Controller werden in diesem Kontext somit eher als Gegenpol zu Umweltthemen gesehen. Tatsächlich weisen auch einige Umfragen daraufhin, dass das Thema Umwelt im Controlling noch keinen besonders großen Stellenwert hat. So lag bei einer Umfrage aus dem Jahr 2000, durchgeführt in 400 Unternehmen in Deutschland, Italien, Schweden und der Schweiz, bei der Frage welche Abteilung an Ökobilanzen beteiligt ist, die Umweltschutzabteilung mit 70% – 80% an erster Stelle. Dahinter folgten Forschung und Entwicklung, das Top Management und Marketing, während das Controlling als eigene Abteilung nicht angeführt ist.
Weiters zeigte sich bei einer Umfrage aus dem Jahr 2010, dass die Ermittlung der CO2-Belastung von Produkten nur von 46% der befragten Controller als wichtig bezeichnet wird. Im Vergleich dazu sehen 67% der Manager im Bereich Marketing und 85% der Geschäftsführer von Logistikdienstleistern dieses Thema als wichtig. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es in diesem Bereich noch Nachholbedarf von Seiten der Controller gibt, da sie aufgrund der methodischen Kenntnisse geeignet sind im Umweltbereich mehr Verantwortung zu übernehmen.
In die gleiche Kerbe schlagen Schaltegger et al. So sind sie der Meinung, dass Carbon Accounting im Moment ohne Accountants stattfindet. Das Controlling sei hier zu mehr Engagement aufgefordert, da im unternehmerischen Klimaschutz zahlreiche wirtschaftliche Potentiale stecken außer Imagegewinn durch externe Berichterstattung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definiert die Problemstellung und die Forschungsfrage, die sich mit der Bedeutung von Ökobilanzen in der praktischen Planung des öffentlichen Verkehrs befasst.
2 Ökobilanzierung: Liefert einen theoretischen Überblick über die historische Entwicklung, die Typen von Ökobilanzen und deren Aufbau sowie die Rolle des Controllings in diesem Prozess.
3 Öffentlicher Personennahverkehr in Wien: Beschreibt die Organisationsstrukturen der Wiener Linien sowie die Planungsprozesse und Bauphasen der Wiener U-Bahn, inklusive des U2-Ausbaus.
4 Empirische Untersuchung: Präsentiert die qualitative Fallstudie zur Ökobilanz des U2-Ausbaus sowie die Ergebnisse eines Experteninterviews zur praktischen Bedeutung dieser Studie.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Resümiert, dass die Ökobilanz für den U2-Ausbau aktuell primär als Marketinginstrument diente und zeigt Verbesserungspotenziale für künftige Projekte auf.
Schlüsselwörter
Ökobilanzierung, Ökobilanz, U-Bahn-Ausbau, Wiener Linien, Controlling, Umweltmanagement, Nachhaltigkeit, Carbon Accounting, Ökologischer Fußabdruck, Infrastrukturprojekt, Verkehrsplanung, Lebenszyklusanalyse, Prozessökobilanz, Produktökobilanz, Umweltschutz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Rolle und Bedeutung von Ökobilanzen bei großen Infrastrukturprojekten im öffentlichen Verkehr, insbesondere am Beispiel der U2-Erweiterung in Wien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Ökobilanz-Methodik, das Management von Stoff- und Energieflüssen, die Rolle des Controllings im Umweltschutz sowie die spezifischen Planungsprozesse der Wiener Linien.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Welche Bedeutung haben Ökobilanzen für den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative Fallstudie durchgeführt, die durch ein Experteninterview mit dem Leiter der Stabstelle Infrastruktur bei den Wiener Linien ergänzt wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Ökobilanz, eine detaillierte Betrachtung der Wiener Verkehrsplanung und die empirische Untersuchung der spezifischen U2-Studie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ökobilanzierung, Infrastrukturprojekte, Wiener Linien, Controlling, U-Bahn-Ausbau und Nachhaltigkeit definiert.
Inwiefern beeinflusste die Ökobilanz den konkreten U2-Ausbau?
Die Untersuchung ergab, dass die Studie keinen direkten Einfluss auf den Ausbau der Linie U2 hatte, da sie ex post, also nachträglich, durchgeführt wurde.
Welchen strategischen Nutzen hatte die Studie für die Wiener Linien?
Neben dem Informationsgewinn diente die Ökobilanz primär der strategischen Öffentlichkeitsarbeit (PR) und der Darstellung des U-Bahn-Ausbaus als nachhaltiges Projekt.
- Citation du texte
- Ing. BA Franz Öller (Auteur), 2011, Die Relevanz von Ökobilanzen bei der Entscheidung des Ausbaus des öffentlichen Personennahverkehrs dargestellt am Beispiel der Erweiterung der U2 nach Seestadt Aspern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197887