Möglichkeiten und Grenzen der Natural Semantic Metalanguage (NSM) nach Wierzbicka und Goddard unter besonderer Berücksichtigung neuerer primes


Hausarbeit, 2012

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Natural Semantic Metalanguage
1.1 Semantic Primes
1.1.1 Das Merkmal der Angeborenheit
1.1.2 Das Merkmal der Universalitat
1.2 Zum Nutzen und Erklarungswert der explications
1.2.1 „Exhaustive explications44? Zur Ambiguitat und Luckenhaftigkeit der NSM- Definitionen
1.2.2 „Exit from Babel44. Die NSM als Medium des interkulturellen Austauschs

2 Betrachtung ausgewahlter primes
2.1 SOME (Quantifier)
2.2 MOVE (Movement)
2.3 NOW/HERE (Time/Space)
2.4 SEE/HEAR (Mental predicates)

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Vor vierzig Jahren veroffentlichte die polnischstammige Sprachwissenschafilerin Anna Wierzbicka ihre Theorie der „Semantic Primitives44. Sie ging davon aus, dass ein Set einfa- cher, undefinierbarer Bedeutungen existiere, das in jeder naturlichen Sprache der Welt eine konkrete Entsprechung besitze und zur Umschreibung aller komplexeren Konzepte ausrei- chend sei. Das prime-Inventar wurde in den folgenden 25 Jahren sporadisch erweitert und die theoretischen Grundlagen einer Natural Semantic Metalanguage (im Folgenden: NSM) gelegt.

Die NSM-Forschung ist und wurde in grofien Teilen von den Publikationen Anna Wierz- bickas und ihres Schulers Cliff Goddard gepragt. Einen Uberblick uber die Entwicklung der Theorie bietet Goddard 1998a: 271f. Nachdem 1986 im Rahmen des ,,Semantic Workshops44 erstmals eine eingehende Untersuchung zahlreicher Sprachen stattfand, hat sich der Fokus in den vergangenen zehn Jahren auf die Grammatik, im Speziellen die Syntax der NSM, ver- schoben. Zur gleichen Zeit setzte eine breitere Rezeption des Ansatzes, auch in benachbarten Wissenschaften, ein.

In der vorliegenden Arbeit soll die Theorie der NSM auf Grundlage zentraler Publikationen Wierzbickas und Goddards einer kritischen Wurdigung unterzogen werden. Der Blick richtet sich dabei zunachst auf die beiden grundlegenden Prinzipien der NSM, die Angeborenheit und die Universalitat semantischer Konzepte, die jeweils spezifische Probleme und Frage- stellungen aufwerfen. In einem weiteren Kapitel soll auf die praktische Anwendbarkeit und den Erklarungswert der Theorie eingegangen werden. Das besondere Augenmerk des zwei- ten Teils wird auf den ,,new primes“ liegen, deren Status von Wierzbicka selbst als unsicher identifiziert wurde (Vgl. Wierzbicka 1996: 35). Aus diesem Grund sollen einige von ihnen auf ihre „Undefinierbarkeit“ hin untersucht werden.

Die vorliegende Analyse kann keine abschliefienden Antworten liefern. Sie ist vielmehr der Versuch, auf vereinzelte Probleme und offene Fragestellungen hinzuweisen sowie mogliche Losungsansatze aufzuzeigen. Auf die Syntax der NSM sowie vereinzelte methodische Aspekte kann im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden.

1 Natural Semantic Metalanguage

Die Theorie der NSM beruht auf der Annahme, dass jeder Bedeutungsinhalt einer Sprache mit den Ressourcen derselben Sprache angemessen beschrieben werden konne. „[A]ny lan­guage44, so Goddard, sei ,,adequate as its own semantic metalanguage44 (Goddard 2002a: 5). Es ist das langfristige Ziel der NSM-Forschung, eine universell gultige Metasprache der se- mantischen Analyse zu etablieren und im Zuge dessen den Status der Semantik als einer em- pirischen Wissenschaft zu festigen - eine Programmatik, die vor allem in jungeren Veroffent- lichungen Wierzbickas zum Ausdruck kommt (Vgl. Wierzbicka 1996: 9).

Durch Dekomposition, also die Zerlegung semantisch komplexer Begriffe in basale Konzep- te, sollen maximale Verstandlichkeit und maximale Simplizitat erreicht werden. Dieses Ver- fahren wird als „reductive paraphrase44, sein Ergebnis als „explication“ bezeichnet (Vgl. Goddard/Wierzbicka 1994: 8).

Eine ideale semantische Analyse auf Grundlage der NSM solle, in Abgrenzung zu fruheren Theorien, den gesamten Bedeutungsumfang des Definiendums erfassen (Vgl. Goddard/Wierzbicka 1994: 8) Die Bausteine, mit denen dieses anspruchsvolle Ziel erreicht werden soll, sind die semanticprimes.

1.1 Semantic Primes

Die semantic primes oder primitives bilden das Kernstuck der NSM. Als Minimalwortschatz mussen sie besonderen Anforderungen genugen, die im Folgenden naher behandelt werden sollen. 1972 prasentierte Wierzbicka ein Set von 14 primes, das sie im Rahmen ihrer Arbeit „Semantic Primitives44 einer ersten Uberprufung unterzog (Vgl. Wierzbicka 1972). Die Un- tersuchung potentieller primes erfolgt bis heute durch „trial and error44 - ein Verfahren, das uber die Jahre zunehmend systematisiert wurde (Vgl. Goddard 2002a: 6). Im Sinne eines Kritischen Empirismus kann die Undefinierbarkeit eines prime-Kandidaten niemals absolut bestatigt werden; doch mit jedem erfolglosen Versuch, einen Begriff zu definieren, kann dessen Status als „stronger“, als gesicherter, angesehen werden (Vgl. Goddard 2002a: 13). Bis 2002 wuchs das prime-Inventar auf beinahe 60 Einheiten an, die sich folgendermafien gliedern lassen:

Tabelle: Semantic Primitives (nach Goddard 2002a: 14)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dass die lange Suche nach potentiellen primes noch nicht abgeschlossen sei, wird von Wierzbicka ausdrucklich betont, wenngleich sie davon ausgeht, dass 60 primes nahezu aus- reichend seien (Vgl. Wierzbicka 1996: 32), um einen beliebigen komplexen Begriff zu um- schreiben. Allerdings hat sich auch ihre Prognose von 1972, derzufolge es zwischen zehn und zwanzigprimes gebe (Wierzbicka 1972: 15), als allzu optimistisch erwiesen.

Im Folgenden soll auf die zentralen Prinzipien der semantic primes eingegangen und ihre theoretische Begrundung durch Wierzbicka und Goddard beurteilt werden.

1.1.1 Das Merkmal der Angeborenheit

Eine wesentliche Grundlage der NSM stellt die Annahme dar, dass fundamental semanti- sche Konzepte nicht erworben werden mussten, sondern das Verstandnis ihrer Bedeutung an - geboren, die Bedeutung also „self-explanatory“ sei (Vgl. Wierzbicka 1992: 17).1 Wahrend die Unbeweisbarkeit der primes als Ausweis ihrer Wissenschaftlichkeit dient, stellt das Kriterium der Angeborenheit ein Axiom dar, das nach dem derzeitigen Stand der For- schung weder be- noch widerlegt werden kann. Einer der grofiten Schwachpunkte der NSM durfte daher in der dunnen empirischen Grundlage bestehen, auf der die Vorstellung der ,,innane basic concepts“ (Wierzbicka 1996: 16) beruht. Die Existenz angeborener semanti- scher Konzepte wird angenommen, aber kaum begrundet. Abgesehen von einem Verweis auf Bowermans Forschungen zum Sprach- und Bedeutungserwerb, bezieht sich Wierzbicka vor allem auf die sprachphilosophischen Schriften Descartes’, Leibniz’, Wittgensteins und Ar- naulds (Vgl. Wierzbicka 1996: 12f.); es sei compelling logic“ (Goddard 1998a: 57), die eine Existenz semantischer primes nicht nur nahelege, sondern geradezu erfordere. Dieses Scheinargument solltejedoch nicht daruber hinwegtauschen, dass die Annahme angeborener Konzepte nicht die einzige uberzeugende Moglichkeit ist, fruhkindlichen Spracherwerb zu erklaren und sich Teile der Forschung der scheinbar zwingenden Logik Wierzbickas nicht anschliefien mochten. Einige neuere entwicklungspsychologische und psycholinguistische Ansatze gehen davon aus, dass der Erwerb von Semantik erst ab dem funften Lebensmonat beginne, wobei das Verstandnis der Bedeutung von Konkreta am Anfang stehe (Vgl. Me- nyuk: Aspekte, S. 174). Zwar ist es richtig, dass einige komplexe Begriffe nicht ohne ein Verstandnis primarer Begriffe zu verstehen sind; dies impliziert jedoch nicht, dass das Ver­standnis dieser primitiven Begriffe angeboren sei. Die Bedeutungen konnten zum Beispiel aus dem pragmatischen Kontext erworben sein.

Bisweilen argumentiert Wierzbicka mit fruhkindlichen Aufierungen, die sie als Beleg fur die Existenz angeborener Konzepte heranzieht (Vgl. Wierzbicka 1996: 78). Ein Zusammenhang zwischen fruhkindlichem Sprachverhalten und den primes ist jedoch nicht in jedem Fall ge- geben. So wissen wir zum Beispiel, dass Kleinkinder bestimmte Begriffe, etwa das prime I oder ICH, erst ab einem relativ spaten Zeitpunkt ihrer sprachlichen Entwicklung verwenden. Die Frage, ob es sich hierbei um ein Produktionsdefizit handelt oder das Verstandnis der Be- deutung des Konzeptes I/ICH bei einem einjahrigen Kind noch nicht vollstandig ausgepragt ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Sie lenkt jedoch den Blick auf ein offen- sichtliches Missverhaltnis zwischen kindlicher Sprachproduktion und dem prime-Inventar, dessen Erklarung Wierzbicka schuldig bleibt.

Anders als bei den Ansatzen der Intuitiven Physik oder der Intuitiven Biologie erweist es sich als kompliziert, die Intuitive oder Generative Semantik eines Neugeborenen empirisch zu untersuchen bzw. zu belegen (Vgl. Clark 1973: 71). In jedem Fall ware es wunschens- wert, auch Erkenntnisse der Neurowissenschaften in die Begrundung der NSM einfliefien zu lassen, um dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit in vollem Umfang gerecht zu werden.

1.1.2 Das Merkmal der Universalitat

Die zweite Grundlage der NSM ist die Vorstellung, dass die primes nicht sprachspezifisch, sondern universell seien, dass sie also gleichwertige Aquivalente in allen naturlichen Spra- chen der Welt besafien. Die Erforschung der „cross-translatability“, die Mitte der 1980er Jah- re ihren Anfang nahm, erfolgt auf Grundlage einer Reihe von „canonical sentences44 (Wierz­bicka 1996: 30), kurzer Skripte, die den Kontext desjeweiligen Primitivums definieren. Auf diese Weise wurden bis 2002 etwa 25 Sprachen mehr oder weniger intensiv untersucht (Vgl. Goddard 2002a: 12). Trotz erster Erkenntnisse - ein ausfuhrlicher Zwischenbericht bleibt ein Desiderat - steckt die Untersuchung der Translatabilitat noch in den Kinderschuhen. Die Turksprachen, die mongolischen Sprachen und Koreanisch sind nur einige der wichtigsten Sprachen und Sprachfamilien, die bislang nicht berucksichtigt wurden. Es ware zudem wun- schenswert, dass mehr Untersuchungen von Muttersprachlern vorgenommen wurden.

Das Prinzip der Universalitat mag als Ausgangshypothese geeignet sein; solange die wich­tigsten primes in allen untersuchten Sprachen nachgewiesen werden konnen, gibt es keinen Grund, an seiner Richtigkeit zu zweifeln. Es stellt sich allerdings die Frage, wie unverzicht- bar das Prinzip tatsachlich ist. Wenn man davon ausgeht, dass bestimmte Bedeutungen Teil des menschlichen Erbguts seien, konnte man ebenfalls davon ausgehen, dass dieses Erbgut variiert und sich verandert, dass also mehrere prime-Sets existieren, die sich in Details unter- scheiden. Dies wurde beispielsweise bedeuten, dass in unterschiedlichen Kulturen unter- schiedliche Konzepte als angeboren oder fruhzeitig erworben gelten konnen. Der NSM- Theorie an sich tate dies zunachst keinen Abbruch, wenngleich ein Neuorientierung notwen- dig ware. Goddard vertritt zwar die Auffassung, dass die Viabilitat des gesamten Systems in Frage gestellt werden wurde, ,,if there turned out to be persistent problems with cross-lingui­stic identification of a substantial number of primitives44 (Goddard 1998b: 153), an anderer Stelle bekennt erjedoch: ,,[...] perhaps the venture will work out well in some respects and not so well in others; there is no reason to assume a priori that it is an all or nothing affair44 (Goddard 2002a: 6).

1.2 Zum Nutzen und Erklarungswert der explications

Es kann nicht uberraschen, dass die Theorie der NSM im ,,Zeitalter der anti-semantics“ auf zahlreiche kritische Stimmen stiefi. Viele Einwande gegen den Ansatz sind von Goddard in seinem Aufsatz ,,Bad arguments against semantic primitives44 mit Recht zuruckgewiesen worden (Vgl. Goddard 1998b). Dennoch existieren fraglos Probleme, fur die bislang keine Losung gefunden werden konnte. Neben einer Auswahl dieser offenen Fragen soll im Fol- genden auch auf den Nutzen und mogliche Anwendungsgebiete der NSM eingegangen wer- den.

1.2.1 „Exhaustive explications44? Zur Ambiguitat und Luckenhaftigkeit der NSM-Definitionen.

Der vermeintlich begrenzte Erklarungswert der explications ist eine Hauptangriffsflache der NSM-Theorie. Zwar ist es Wierzbicka gelungen, Abstrakta, die lange Zeit als undefinierbar galten, mit primes zu umschreiben; doch handelt es sich bei den meisten explications besten- falls um hinreichende Definitionen, die weit davon entfernt sind, den gesamten Bedeutungs- umfang eines Wortes zu erfassen. Emotionen mogen komplexe Konzepte sein - wenige ba- sale Begriffe reichen doch aus, um ihre Bedeutung grob zu umreifien.

[...]


1 Vgl. dazu das ,,Semantic Primitives Principle41 (Goddard/Wierzbicka 1994: 8). Ahnliche Vorstellungen wur- den im Rahmen der Generativen Grammatik und des Nativistischen Ansatzes geaufiert; Untersuchungen zum Erwerb von Semantik nehmen innerhalb dieser Theorien jedoch Randpositionen ein (Vgl. Clark 1973: 66).

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Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen der Natural Semantic Metalanguage (NSM) nach Wierzbicka und Goddard unter besonderer Berücksichtigung neuerer primes
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V198005
ISBN (eBook)
9783656241911
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wierzbicka, primes, Semantic primitives
Arbeit zitieren
Andreas Thum (Autor), 2012, Möglichkeiten und Grenzen der Natural Semantic Metalanguage (NSM) nach Wierzbicka und Goddard unter besonderer Berücksichtigung neuerer primes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198005

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