Oscar Wildes' „Das Bildnis des Dorian Gray“- Ein Vergleich des Buches mit der Literaturverfilmung von Albert Lewin


Seminararbeit, 2012
45 Seiten, Note: 12
Rebekka Werland (Autor)

Leseprobe

Gliederung

1. Verhältnis von Form und Inhalt der Kunst nach Oscar Wilde

2. Vergleichende Analyse und Interpretation des Buches „Das Bildnis des Dorian Gray“ und dessen Literaturverfilmung
2.1. Allgemeiner Vergleich des Buches mit dessen Literaturverfilmung
2.1.1. Aufbau
2.1.1.1. Gemeinsamkeiten
2.1.1.2. Unterschiede
2.1.2 Stil und Sprache
2.1.3. Symbolik des Ortes
2.1.3. Charaktere
2.1.3.1. Basil Hallward
2.1.3.2. Lord Henry Wotton
2.1.3.3. Dorian Gray und sein Portrait
2.1.3.4. Weitere Personen
2.1.3.4.1 Familie Vane und Gladys
2.1.3.4.2. Weitere Frauen in Dorians Leben
2.2. Spezifischer Vergleich des Handlungspunkts „Die Ermordung Basil Hallwards“
2.2.1. Analyse der Textstelle
2.2.1.1. Aufbau
2.2.1.1.1. Dialog
2.2.1.1.2. Mord
2.2.1.2. Atmosphäre
2.2.2. Analyse der Filmsequenz
2.2.2.1. Gestalterische Umsetzung
2.2.2.2. Gestalterische Unterschiede

3. Persönliches Fazit bezüglich der Erfüllung der Erwartungen an die Kunst von Oscar Wilde und Bewertung der filmischen Umsetzung des Buches

4. Literaturverzeichnis
Primäre Literatur:
Sekundäre Literatur:

5 Kapitel
5.1. Kapitelübersicht
5.2. Sequenzplan
5.3. Textstelle
5.4. Filmsequenz

1. Verhältnis von Form und Inhalt der Kunst nach Oscar Wilde

Oscar Wilde (1854-1900) war ein Schriftsteller der viktorianischen Zeit in London und verkörperte sehr genaue Vorstellungen von der idealen Kunst. Anfangs stimmten diese Vorstellungen mit denen des englischen Literaturkritikers Walter Pater überein, der sich allerdings später von Wildes extremer Haltung und extremen Vorstellungen trennte. Pater schrieb in seinem Werk „Renaissance“:

“That the mere matter … should be nothing without the form, the spirit, oft the handling, that this form, this mode of handling should become an end in itself, should penetrate every part of the matter”[1]

Damit lässt sich ihre Haltung zu dem Verhältnis von Form zu Inhalt deutlich umzeichnen: Der Inhalt bedeutet nichts ohne die Form. Diesen Gedanken lies Wilde auch die Figur Gilbert aus dem Essay „The Critic as Artist“ mit den Worten „Form is everything. It is the secret of life.“ aussprechen.1 Im Gegensatz zu Pater geht Wilde allerdings noch einen Schritt weiter. Er behauptet, der Kunst sei kein Thema verschlossen, solange der Stoff nicht Ziel künstlerischer Tätigkeit ist, also solange der Inhalt nicht die Form, sondern die Form den Inhalt beherrscht.

Ob und wie genau er sich an diese selbst auferlegte Vorgabe hält, soll nun anhand eines seiner berühmtesten Werke untersucht werden.

Der einzige Roman Oscar Wildes wurde 1890 unter dem Titel „The Picture of Dorian Gray“, auf Deutsch „Das Bildnis des Dorian Grays“, veröffentlicht und ein Jahr später in überarbeiteter Form erneut herausgegeben. Diese zweite Ausgabe, wie sie heute bekannt ist, soll in dieser Arbeit analysiert und mit der englischen Verfilmung vom Regisseur Albert Lewin aus dem Jahre 1945 verglichen werden, um zu sehen, wie der Regisseur versucht hat, das Verhältnis von Form und Inhalt im Film umzusetzen. Dabei soll eine gewisse Basis geschaffen werden, indem sowohl das Buch, als auch der Film in ihrem Ganzen erschlossen werden. Anhand des daraus entstehenden Wissens soll eine spezifische Schlüsselszene der Geschichte im Detail erörtert werden. In dieser sollen vor allem die sprachlichen und darstellenden Details genauer betrachtet werden. Dank der daraus gewonnen Erkenntnisse, wird versucht, die Frage nach der Umsetzung des formalen Anspruchs zu beantworten und daraus auch eine qualitative Bewertung der Literaturverfilmung von Albert Lewin formuliert.

2. Vergleichende Analyse und Interpretation des Buches „Das Bildnis des Dorian Gray“ und dessen Literaturverfilmung

„Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde ist für Menschen mit einer guten Bildung im literarischen Bereich nicht allzu schwer zu lesen. Viele Dinge sind auf den ersten Blick zu erkennen, wie zum Beispiel den dramenartigen Aufbau. Das Besondere an diesem Werk ist allerdings, dass es sehr vielschichtig ist. So finden sich bei jedem neuen Lesen neue Motive oder Interpretationsansätze. Wie für viele seiner Werke hat Oscar Wilde auch für Dorian Gray einen sehr hohen Zeitaufwand betrieben und das Werk unzählige Male überarbeitet und verfeinert. Selbst nachdem er es 1890 bereits im „Lippincotts Magazine“ veröffentlicht hatte, überarbeitete er seinen Roman für die Buchfassung erneut.

2.1. Allgemeiner Vergleich des Buches mit dessen Literaturverfilmung

2.1.1. Aufbau

2.1.1.1. Gemeinsamkeiten

Das Buch hat einen deutlichen dramenartigen Aufbau im typischen 5-Akt-Schema, wobei die Exposition aus den ersten drei Kapiteln besteht. Die Spannung entwickelt sich im Laufe der Kapitel 4 bis 12 und findet ihren Höhepunkt in Basils Ermordung in Kapitel. Die Peripetie befindet sich erstaunlicher Weise sehr früh im Buch: Die Handlung ist in dem Moment entschieden, in dem Dorian seine Seele für das ästhetische Glück anbietet. Nachdem Basil ermordet wurde, fällt die Spannung deutlich ab und wird nur durch das retardierende Moment aufgehalten, welches aus der Verkündung von Hetty Mortons Verschonung in Kapitel 19 besteht. Durch diese Aufteilung sind ebenfalls drei zentrale Handlungsabschnitte zu identifizieren: Der Verlauf der Romanze mit Sibyl Vane, die Ermordung von Basil Hallward und Dorian Grays endgültiger Untergang. Jeder der drei Handlungsstränge gipfelt in einem Tod. Die Einheit des Ortes wird auf den ersten Blick nicht gewahrt. Allerdings handelt die ganze Geschichte ausnahmslos im Großraum London. Dieser Ort ist sehr realitätsnah beschrieben.[2] Die Einheit der Zeit wird ebenfalls vernachlässigt, da das Leben eines Menschen auf ungefähr 200 Seiten zusammengefasst wird und vor allem in Kapitel 11 ein starker Zeitraffer erscheint. All dies ist jedoch für einen Roman nicht ungewöhnlich, da er ja frei von den Dramenvorgaben ist und der Autor sich den Aufbau vermutlich nur aus Gewohnheit ausgesucht hat. Das Verwunderliche ist jedoch, dass die drei Protagonisten keine Entwicklung im Laufe der Aktion durchmachen. Basil Hallward, der Künstler der Geschichte, bleibt durchgehend moralisch gut erzogen, höflich und tritt, wenn man eine Parallele zu Faust[3] ziehen will, als Gott in der Handlung auf. Lord Henry ist und bleibt durchgehend der Mephisto beziehungsweise Teufel der Geschichte. Ständig manipuliert er die Menschen und vor allem Dorian zu seinem Vergnügen, ohne dabei auf die Folgen Rücksicht zu nehmen. Dorian Gray wünscht sich, sich niemals zu verändern und ist somit in einem Zustand festgefroren. Damit geht die Unveränderlichkeit seines Charakters einher, da sich an seiner statt das Portrait verändert.

2.1.1.2. Unterschiede

Obwohl Albert Lewin sich sehr stark an die literarische Vorgabe hält, hat er einige wenige Veränderungen vorgenommen. Ein Element des Buches, das im Film nicht auftaucht, ist die Vorrede. Sie ist eine Sammlung von verschieden provokativen Thesen zum Thema der Kunst und endet mit dem Satz „ Alle Kunst ist völlig unnütz.“[4]. Obwohl sie eine große Bedeutung für das Verständnis des Buches einnimmt, erscheint sie nicht in jeder Ausgabe. Oscar Wilde regt sein Lesepublikum zum eigenem nachdenken über das Thema an und weist gleichzeitig jegliche Kritik an das Werk zurück, indem er sagt, dass ein Buch weder moralisch gut noch moralisch schlecht ist.[5] Auch wenn sich das Vorwort nur auf das Thema der Kunst und der Rollen des Künstlers, Kritiker und des Kunstwerkes beschränkt, zeigt es, wie sehr Wilde versucht hat, aus seinem Buch kein urteilendes Werk zu machen. Stattdessen wollte er eher eine Geschichte schaffen, in der verschiedenste Meinung und Ideen auftauchen. Dem Leser bleibt immer die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden und sich mit den Meinungen und Rollen der Charaktere auseinander zu setzen.

Der Film hat in seinem Aufbau einen wesentlichen Unterschied: Neben den Handlungssträngen des Buches wird ein neuer eingeführt. Dieses neue Element besteht aus der Beziehung von Dorian zu der Nichte des Malers. Gladys ist erst fünf Jahr alt, als sie Dorian kennenlernt, doch schon in diesem Alter wünscht sie sich, ihn eines Tages zu heiraten. Bereits bei dieser ersten Begegnung in der dritten Sequenz zeigt sich die innige Verbindung, die nicht nur von Seiten Gladys kommt. Als Gladys erwachsen ist, wünscht sie sich keinen anderen Mann als Dorian und macht ihm einen Antrag. Dorians abweisende Antwort, die sie denken lässt, dass er sie nicht lieben würde, zeigt, dass Dorian sie sehr wohl liebt, ihr aber keinen Schaden durch seine Person zufügen will. Erst als Basil ermordet ist und Dorians Untergang endgültig ist, macht er Gladys einen Antrag. Sie nimmt ihn glücklich an. Gladys ist der Grund, für den Dorian Basil ermordet, denn er will nicht, dass sie jemals von dem Zustand seiner Seele erfährt. Außerdem übernimmt Gladys im Film die Rolle des Bauernmädchen Hetty Morton als retardierendes Moment. Abgesehen von dieser Abänderung hält sich der Film allerdings nahe an der Vorlage von Oscar Wilde.

2.1.2 Stil und Sprache

Aufgrund seines Wissens um die verschiedenen Gruppen an Lesern, schrieb Wilde in einer Mischung aus zwei verschiedenen Stilen: Zum einem finden sich einfache Sätze, die standardmäßig für die Erzählung von Geschichten verwendet werden und sich an ein literarisch ungebildetes Publikum wenden. Daneben finden sich aber auch sehr komplexe Strukturen, die eine intensive Auseinandersetzung verlangen, um sie vollends zu durchdringen. Diese Strukturen sind für gebildete Leser, die die Kunst der Literatur verstehen gedacht. Zu diesen Komplexen gehören zum Beispiel die unzähligen Anspielungen auf andere literarische Werke die damals mehr oder weniger bekannt waren. Diese Anspielungen sind nicht nur Zitate ohne Bedeutung, sondern stehen meist in einem tieferen Zusammenhang mit der Geschichte Dorians Grays oder der Person, die sie ausspricht. So ist zum Beispiel der Satz „Je mehr er wusste, desto mehr begehrte er zu wissen.“[6] eine eindeutige Anspielung auf Faust, der alles tun würde, um zu wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“[7]. Für interessierte Leser ist dies ebenfalls eine Form der Bildung, da es immer eine neue Andeutung zu finden gibt, die man noch nicht entziffert hat.[8] Durch dieses Interesse und das Erforschen der Zusammenhänge erreicht der Autor, dass der Leser die erschaffene Welt aus seiner Perspektive sieht, der Kritiker also den Platz des Künstlers annimmt. Diese stilistische Eigenart wurde in der Literaturverfilmung beibehalten. Viele Sätze wurden wörtlich aus dem Buch kopiert und eigene, neue Anspielungen wurden geschaffen. So zieht sich zum Beispiel das zur damaligen Zeit bekannte Gedicht „The Rubáiyát“ von Omar Khayyán ab dem Vorspann durch den Film und schließt den Film auch ab. Der intellektuelle Anspruch an den Zuschauer ist damit sehr hoch. Jegliche homosexuellen Andeutungen, die im Buch erscheinen, wurden von Albert Lewin nicht umgesetzt, vermutlich aus Rücksicht auf das Publikum des Filmes im Jahre 1945.

Der Text enthält auffallend viele Synästhesien , wie zum Beispiel der Duft der Fliederblüten, der sich wie Wein trinken lässt. Durch den Stil und dieses rhetorische Mittel wird die Sinneswahrnehmung des Lesers erweitert und seine Aufmerksamkeit wird auf die Welt des Dorian Gray gerichtet. Allerdings ist der Leser nicht mehr äußerer Beobachter, sondern eine Komponente, die im Raum des Geschehens steht.1 Dieses Mittel fällt im Film logischerweise weg, da es nur eine Möglichkeit gibt, dem Zuschauer den Ort des Geschehens zu vermitteln: Durch das Sehen. So ist es auffällig, dass durch die Kulissen und Kostüme sehr wohl versucht wird, die genauen Beschreibungen des Buches umzusetzen. Die Gewichtung verschiebt sich allerdings, denn während im Buch die Sinne explizit angesprochen werden, sind sie im Film je nach Aufmerksamkeit des Zuschauers unterschiedlich stark beansprucht.

2.1.3. Symbolik des Ortes

Orte, an denen sich die Personen befinden, werden sehr genau beschrieben und wie alles in diesem Buch, haben auch diese eine Bedeutung. Es scheint, als hätte Wilde sich genauestens überlegt, welche Situation an welchen Ort gehört und welche Gegenstände in diesem vorkommen müssen. So steht das Dachzimmer, indem Dorian große Teile seine Jugend verbracht hat, im Kontrast zu dem Portrait, das in ihm versteckt wird. Das ganze Zimmer steht für eine jugendliche Unschuld während das Portrait den Verfall eines Menschen dokumentiert. Basil wird in diesem Zimmer umgebracht, und mit ihm das letzte Element, das Dorians Unschuld zu bewahren versucht. Hinzu kommt, dass das Zimmer sich im obersten Stockwerk unter dem Dach befindet. Die Lage im Haus ist ein Symbol für ein „aspect of the psyche of which the everyday self is unaware“[9] und steht zu dieser Zeit meist für gewalttätige oder Schande bringende Geheimnisse. Wie bereits in der Vergangenheit Lord Kelso seinen Enkel in diesem Raum einsperrte, sperrt Dorian sein größtes Geheimnis und ein Teil seiner Selbst durch das Portrait ein. Die Symbolik der Orte bleibt im ganzen Film erhalten und gerade das Kinderzimmer unter dem Dach wird deutlich herausgearbeitet. So ist es sorgfältig dekoriert, überall liegen verstaubte Spielzeuge herum und auch eine Schreibtafel, auf der verblasst alte Mathematikaufgaben stehen. Bei mehreren Gelegenheiten wird das Dachzimmer von dem Salon im Erdgeschoss von Dorians Haus durch den Türrahmen aus Glas fokussiert und angezoomt. Das ist eine beliebte Methode, um den Zuschauer daran zu erinnern, dass in diesem Raum etwas Schreckliches ruht und es von extremer Bedeutung ist. Auch, dass es ein Geheimnis zwischen Dorian und dem Zuschauer ist, wird einem hierdurch bewusst gemacht. Zwei Elemente weichen von der Einrichtung ab, die man sich im Buch vorstellt: Das Messer, mit dem Dorian Basil ermordet ist von Anfang an oben. Bereits als das Portrait dort abgestellt wird, spielt Dorian damit. Zudem stammt die Inschrift auf der Tafel sicherlich nicht aus Dorians Kindheit. Wahrscheinlich dient diese als Symbol für die Tat, die in diesem Zimmer begannen wird.

2.1.3. Charaktere

Oscar Wilde hat seine Charaktere mit Sorgfalt erschaffen und abgesehen von den Dienern, kommt jedem eine gewisse Rolle zu. Die drei Protagonisten stehen vor allem durch das Thema Kunst in Verbindung. Die Familie Vane steht für das Thema Theater: Was genau ist echt, was ist gespielt? Und wo sind die Grenzen dazwischen? Diese Fragen stellen sich oft in ihrer Nähe. Scheinbar unwichtige Figuren wie die Freunde von Dorian, die der oberen Schicht angehören, sind Stereotype und stehen für Meinungen und Ideen der damaligen Zeit. Gerade der letzte Punkt soll hier allerdings vernachlässigt werden, da die Arbeit sonst zu umfangreich werden würde.

2.1.3.1. Basil Hallward

Auch wenn sich in dem Buch viele Personen finden, die sich als Künstler verstehen können, wie zum Beispiel Sibyl Vane als Schauspielerin, ist Basil der Wichtigste. Nach der Definition eines Künstlers im Vorwort des Buches ist er der „Schöpfer schöner Dinge“[10]. Aufgrund seines besten Werkes verändert er nicht nur das Leben Dorians, sondern sein ganzes Umfeld. Er friert Dorians Körper in seiner jugendlichen Schönheit durch das Portrait ein und schafft damit die Grundlage für Wildes Roman. Sein Wesen lässt sich als gut beschreiben, denn er hat als einziger der drei Protagonisten ein Gefühl für die Differenzierung von Gut und Böse. Basil liebt die Harmonie und Ehrlichkeit und opfert für diese auch seine Liebe und seine Kunst. Den strengen Regeln der oberen Gesellschaft unterwirft er sich obwohl er um deren Verlogenheit weis. Trotzdem glaubt er an das Gute im Menschen und im selben Moment, indem er Dorian von der Gefahr erzählt, die von Lord Henrys Thesen ausgeht, sagt er, dass selbst der Erschaffer dieser Thesen sich nicht an sie hält. Selbst als Basil die schlimmsten Gerüchte über seinen Freund Dorian hört, gibt er diesem noch die Chance, sich zu verteidigen. Anstatt beim Anblick des veränderten Portraits seinen Freund aufzugeben, hofft er auf Gott, um nach dem „Gebet [des] Stolzes“[11] nun auch das „Gebet [der] Reue“2 zu erhören und die Seele zu retten. Basils unglaubliche Opferbereitschafft zeigt sich in seinem Verhalten innerhalb der Dreiecksbeziehung mit Lord Henry und Dorian. Auch wenn er anfangs will, dass sie „nicht […] zusammentreffen“[12], pflegt er im Verlauf der Handlung die Beziehung zu beiden und würde lieber sein bestes Werk zerstören, als einen Streit in dieser Beziehung aufkommen zu lassen.[13] Zudem weiß er um die Problematik seines „homosexual desire[s]“[14] und hält es geheim. Als Dorian sich in Sibyl verliebt, hat Basil seine Gefühle sehr schnell unter Kontrolle und verbirgt seine Eifersucht, um seinem Freund die Möglichkeit zu geben, glücklich zu werden. Auch Dorians Zurückweisung nach dem Geständnis von Basils Gefühlen in Kapitel 10 akzeptiert er und nimmt sich selbst zurück, um weiterhin eine Freundschaft aufrecht zu erhalten. Der Preis, den er dafür zahlen muss, ist hoch: Seine Kunst wird nach Lord Henrys Urteil nie wieder so gut wie früher und das Portrait, mit dem Objekt all seiner Begierde als Modell, Dorian Gray, wird für immer sein bestes Werk bleiben. Dies lässt sich auf das Vorwort zurückführen, das besagt, dass ein Kunstwerk „den Künstler […] verbergen“[15] soll und „alle Kunst […] völlig unnütz“1 ist. Durch die Enthüllung seiner Gefühle, die Basil mit den Worten „In dem Bild steckt zu viel von mir selber“[16] beschreibt, der Bedeutung und dem Nutzen des Portraits für den Verlauf von Dorians Leben verliert er seine Fähigkeiten als Künstler. Im Film bleiben ihm seine Charakterzüge erhalten.

2.1.3.2. Lord Henry Wotton

Nach der Definition des Vorworts kann Lord Henry kein Künstler sein, da er nichts Schönes aus der Seele von Dorian erschafft. Vielmehr ist er der Kritiker der Geschichte. Immer wieder schafft er es, neue Möglichkeiten für die Übertragung seiner „Eindrücke von schönen Dingen“4 zu finden. Eine dieser Möglichkeiten ist Dorian Gray. Als Zweitgeborener einer aristokratischen Familie ist er reich, hat aber keinerlei Verpflichtungen. So kann er all seine Thesen aufstellen, die Gesellschaft kritisieren, seine Experimente und Erfüllung von Lebensphilosophien ausleben, ohne jemals das sichere Terrain der höflichen Gesellschaft der Oberschicht zu verlassen. Er denkt in den Schienen des sozialen Darwinismus wenn er sagt, dass das 19. Jahrhundert aufgrund seines Mitleids mit den Armen Bankrott gegangen ist. Auch Frauen spielen für ihn eine untergeordnete Rolle und sind in seinen Augen nur teure Kunstgegenstände.[17] Dorian betrachtet er als Experiment und manipuliert ihn mit der Macht der Worte:

Er spürte, daß die Augen Dorian Grays auf ihn gerichtet waren, und das Bewusstsein, daß sich unter den Zuhörern ein Mensch befand, dessen Sinne er zu fesseln wünschte, schien seinem Witz Schärfe und seiner Vorstellungskraft Farbe zu verleihen.[..] Dorian Gray wandte nicht den Blick von ihm ab, sondern saß da wie gebannt, während ein Lächeln ums andere über seine Lippen huschte und das Staunen sich in seinen dunkelnden Augen vertiefte.“[18]

Im Gegensatz zu Basil, der nach einer körperlichen Beziehung zu Dorian strebt, verlangt es Lord Henry nach der totalen Beherrschung von Dorians Gedanken, Handlungen und dessen Bewunderung. Er ist sich seiner Macht bewusst, die sich dem Leser in dem Moment offenbart, in dem Dorian seine Gefühle für Sibyl ablegt und Lord Henrys Perspektive einnimmt, um den Selbstmord als Tragödie einer Fremden distanziert zu betrachten. Allerdings scheint Lord Henry sich nicht darüber im klarem zu sein, was seine Worte aus Dorian erschaffen. Mehrmals beteuert er ihm, dass etwas so Schönes niemals ein Verbrechen begehen könnte. Basils Vermutung, Lord Henry würde seine Thesen nicht so ernst meinen, wie er sie ausspricht, beweist sich im Alter, als Henry zugibt, seine Frau zu vermissen und keine neuen Materialen mehr findet, um seinen Gelüsten, den schönen Dingen, nachzugehen.[19] Im Film wird Lord Henry anfangs durch den Erzähler charakterisiert. Er sagt, dass Lord Henry keine Gefühle hätte, sondern nur die seiner Freunde beobachten würde. Tatsächlich fehlt im Film die Abschwächung seiner extremen Einstellung zum Leben im Alter. Die Monologe, die diese Figur im Film hält scheinen nicht immer angebracht und seine Gedankenschritte sind nicht immer nachzuvollziehen. Das liegt vermutlich an der starken Bemühung, sich möglichst nah an das Buch zu halten. So wurden die wichtigsten Thesen übernommen, doch die erläuternden Zwischenschritte fehlen im Film. Dies geschah wahrscheinlich aus Zeitgründen, denn wenn alle Gespräche, in denen Lord Henry seine Thesen erläutert, eins zu eins wiedergegeben werden würde, wäre der Film deutlich länger.

2.1.3.3. Dorian Gray und sein Portrait

Dorians ganzes Leben ist im Buch ab seinem fatalen Wunsch nach ewiger Jugend und Schönheit von der Kunst abhängig. Natürlich bestimmt das Portrait maßgeblich sein Verhalten, doch auch andere Künste wecken sein Interesse. So ist er zum Beispiel ein begabter Klavierspieler, liebt die Schauspielkunst, wie seine Geschichte mit Sibyl bestätigt, und selber sammelt er in seinem Haus viele Kunstschätze, die er als Einrichtungsobjekte verwendet. Sein Charakter hat von Anfang an etwas naives Kindisches an sich. Er nimmt jede neue Erfahrung in sich auf, und findet sowie verliert sein Interesse an Sachen in ungeheurer Geschwindigkeit. Selbst, als er sich bereits zu einem Mörder entwickelt hat, erwartet er, eine Belohnung für Hetty Mertons Verschonung zu bekommen. Er kann sich äußerlich nicht verändern und auch sein Geist oder seine Seele ist eingefroren. Die spielerische Grausamkeit, die Basil bereits bei der Fertigstellung des Portraits erwähnt, bleibt ihm für immer erhalten und obwohl er verschieden Masken wie ein Schauspieler aufsetzen kann, bleibt er im Grunde genommen immer gleich. Er kann seine Rollen nicht verinnerlichen. Gerade in Kapitel 11 ist sehr gut zu erkennen, dass Dorian seine Mitmenschen nur als Spiegel seiner selbst nutzt und die menschliche Bindungen nicht beachtet.[20] Selber sagt er zu Lord Henry, er habe die Fähigkeit verloren, zu lieben. Seine Geschichte wird oft mit dem Sündenfall von Adam und Eva verglichen: Dorian nahm die verbotene Frucht, das Wissen um seine Schönheit und die in ihr inne liegende Macht, von Lord Henry entgegen, wie Adam und Eva sie von der Schlange bekamen.[21] Das Portrait sollte logischerweise das Kunstwerk der Geschichte sein, dem sich Künstler und Kritiker widmen, doch tatsächlich ist es der „Mensch“ Dorian Gray. Unbemerkt tauschen er und sein Bildnis am Anfang der Geschichte die Rollen, als Dorian sich wünscht, das Portrait solle für ihn altern, also auch für ihn leben. Verdeutlicht wird dies mit Dorians Reaktion auf Basils Wunsch, das Portrait zu zerstören: „Nicht, Basil, nicht! […] Das wäre Mord!“[22]. Albert Lewin hat diesen Rollentausch in seinem Film weniger deutlich gemacht. Zudem zerstört Dorian das Portrait in der Verfilmung aus einem anderen Grund: Es ist nicht mehr ein unbekanntes Bauernmädchen, dass er verschont, sondern die einzige Frau, die er tatsächlich liebt. Er will verhindern, dass sie es jemals zu Gesicht bekommt. Dies zeigt zum einen, dass er im Film sehr wohl Gefühle entwickeln kann, doch es zeigt auch eine andere Facette: Gäbe es diese eine große Liebe nicht in seinem Leben, dann gäbe es auch keine Notwendigkeit, das Bild zu zerstören. Auch Basils Ermordung wird durch Gladys abgeändert. Bezüglich Dorian, dem Portrait und Lord Henry ist eine weitere Interpretationsmöglichkeit zu erwähnen, die hier nicht genau ausgeführt werden soll. Die Psyche Dorians ist unglaublich vielfältig und die Wirkung, die das Portrait und sein Freund auf ihn haben ist enorm.[23] Interessant ist, dass das Portrait als einziges in dem Schwarz-Weiß-Film teilweise durch „Technicolour“ kolorisiert wurde. So erscheint es bei der Fertigstellung und bei Basils Ermordung in Farbe, man könnte auch sagen bei den zwei extremen von Dorian: Seine unschuldige Schönheit und seine grauenvolle Seele. Ein weiterer Unterschied des Filmes zum Buch ist Dorians Darstellung. Im Buch wird immer darauf geachtet, seine Beschreibung sehr allgemein zu fassen, damit der Leser sich sein eigenes Schönheitsideal vorstellen kann. Logischerweise ist das Äußerliche von Dorian im Film durch den Schauspieler festgelegt, wodurch der Zuschauer einen Teil seiner Interpretationsmöglichkeit verliert.

[...]


[1] MIDDEKE, MARTIN: Die Kunst der gelebten Zeit. Zur Phänomenologie literarischer Subjektivität im englischen Roman des ausgehenden 19. Jahrhunderts, 1.Ausgabe, Würzburg 2004, Text & Theorie; Seite 38

[2] GRAY, FRANCES: The Picture of Dorian Gray. Oscar Wilde, York Notes Advanced, London 2009, Seite 94; Dieses Buch wird in weiteren Fußnoten mit dem Kürzel „ GRAY“ bezeichnet.

[3] Vgl KOHL, NORBERT: Oscar Wilde. The works of a conformist rebel University of Cambridge 1989 ,Seite 163

[4] WILDE, OSCAR: Das Bildnis des Dorian Grays, 25. Auflage, München 2010, Seite 6; Dieses Buch wird in weiteren Fußnoten mit dem Kürzel „WILDE“ bezeichnet.

[5] Vgl. WILDE Seite 5

[6] WILDE, Seite 157

[7] GOETHE, JOHANN WOLFANG: Faust. Der Tragödie Erster Teil, Stuttgart 2000, Reclams Universal- Bibliothek, Seite 13

[8] Vgl. GRAY, Seite 104

[9] Vgl. GRAY, Seite 40

[10] WILDE, Seite 5

[11] WILDE, Seite 191

[12] WILDE, Seite 21

[13] Vgl. GRAY, Seite 80

[14] GRAY, Seite 80

[15] WILDE, Seite 5-6

[16] WILDE, Seite 18

[17] Vgl. GRAY S 82-83

[18] WILDE, Seite 54

[19] GRAY, Seite 82-83

[20] GRAY, Seite 86

[21] GRAY, Seite 84-85

[22] WILDE, Seite 37

[23] Vgl. GRAY, Seite 114

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Oscar Wildes' „Das Bildnis des Dorian Gray“- Ein Vergleich des Buches mit der Literaturverfilmung von Albert Lewin
Note
12
Autor
Jahr
2012
Seiten
45
Katalognummer
V198034
ISBN (eBook)
9783656302049
ISBN (Buch)
9783656302377
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
oscar, wildes, bildnis, dorian, gray, vergleich, buches, literaturverfilmung, albert, lewin
Arbeit zitieren
Rebekka Werland (Autor), 2012, Oscar Wildes' „Das Bildnis des Dorian Gray“- Ein Vergleich des Buches mit der Literaturverfilmung von Albert Lewin , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198034

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