Eine Darstellung der Organisation "Lebensborn e.V." im Kontext der nationalsozialistischen Rassenideologie

A representation of Lebensborn e.V. organization in the context of the Nazi racial ideology


Bachelorarbeit, 2012
80 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1 Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenideologie
1.1 Die Eugenik
1.1.1 Der nordische Gedanke
1.2 Die Rassenideologie Hitlers
1.2.1 Das Verhältnis zwischen Hitler und Himmler
1.2.2 Die Rassenideologie von Himmler
1.3 Die Stellung der Frau im Nationalsozialismus
1.3.1 Kampf gegen Abtreibung
1.3.2 Der Befehl zur außerehelichen Zeugung

2 Gründung und Entwicklung des Lebensborn e.V. in Deutschland
2.1 Die Gründung des Lebensborn e.V.
2.2 Die Entwicklung der Entbindungs- und Kinderheime
2.3 Die Satzung und ihre Auslegung
2.4 Die Finanzierung des Lebensborn e.V.
2.5 Die Reorganisation des Vereins und Umstrukturierung des Vereins
2.5.1 Der Verwaltungsapparat
2.6 Das Personal des Lebensborn e.V.
2.6.1 Die Braunen Schwestern
2.6.2 Dr. Gregor Ebner
2.6.3 Inge Viermetz
2.7 Das Ende des Lebensborn in Deutschland
2.7.1 Die Vernichtung der Unterlagen
2.8 Der Lebensborn vor dem Nürnberger Gerichtshof

3 Betreuung von Mutter und Kind durch den Lebensborn e.V.
3.1 Die Auslesekriterien bei der Aufnahme in die Lebensborn Heime
3.2 Mütterfürsorge
3.2.1 Hilfe bei der Arbeitssuche
3.2.2 Zurücklassen der Kinder
3.2.3 Die Geburtenstatistik
3.3 Das Gebot der Geheimhaltung
3.4 Der Reichsführer-Fragebogen
3.5 Der Heimalltag
3.5.1 Rituale - Die Namensgebung
3.5.2 Weltanschauliche Schulungen

4 Die Ausdehnung des Lebensborn e.V. auf die besetzten Gebiete nach Nord- und Osteuropa
4.1 „Geraubte Identität“ – Der Kinderraub in Polen
4.2 Die deutschen Kinder in Norwegen

5 Das Ende des Lebensborn
5.1 Die Vernichtung der Unterlagen
5.2 Die Rückführung der norwegischen und polnischen Kinder in ihre Heimatländer
5.2.1 Die norwegischen Kinder
5.2.2 Die Repartriierung der Kinder aus den östlichen Ländern

6 Diskussion
6.1 Ein karitativer Verein?
6.2 Eine Zuchtanstalt?
6.3 Eine neue Definition

7 Die Lebensborn Kinder – heute

8 Schlussbemerkung

Literatur und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Die Bedeutung des Wortes Lebensborn kommt aus dem altdeutschen Wort Born = Quelle. Man kann demnach daraus „Lebensquelle“ oder „Quelle des Lebens“ ableiten. Rassenideologen erschufen dieses Wort, als sie einen Namen für ihren Verein suchten. Sie legten Wert darauf, dass eine positive Assoziation mit dem Namen verknüpft war, ohne viel über die eigentliche Organisation preiszugeben.[1] Durch den Zusatz e.V.[2] war es der Organisation möglich, Besitz zu erlangen. Heinrich Himmler selbst wählte das Motto des Lebensborn „Heilig soll uns sein jede Mutter deutschen Blutes“ aus.[3] Als Kennzeichnung der Lebensbornheime wurde die Rune für „Leben“ gewählt, ein durchbohrtes V.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[4]

Schaut man sich die Ideologie der Nationalsozialisten an, so war sie gekennzeichnet durch die Vorstellung der Überlegenheit der arischen Rasse. Dies spiegelte sich zum einen durch die Ermordung von Millionen als minderwertigen deklarierten Menschen aber auch durch die Vermehrung sowie den Schutz der „wertvollen“ arischen Rasse wider.

Der Lebensborn e.V. war ein Instrument der nationalsozialistischen Rassenpolitik, diese bestand aus Euthanasie und Judenvergasung, aber auch aus Auslese und Förderung der Erbtüchtigen, der „hochwertigen Arier“. Die Arbeit des Lebensborn e.V. war stets von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Dies kam durch die bewusste reduzierte öffentliche Darstellung während des Nationalsozialismus. Erst nach Kriegsende durch die Nürnberger Prozesse wurde die Bevölkerung von dem Bestehen des Vereines informiert.

Die Gründung des Vereins wurde von Heinrich Himmler, unter dessen Führung der Verein stand, mit dem Schutz der ledigen Mutter sowie ihrem Kind vor Denunziationen durch die Gesellschaft begründet. Der Lebensborn e.V. entstand nicht nur im Rahmen der Legislative, sondern man muss auch die exekutive Bevölkerungspolitik sehen. Aus diesem Grund wird eine Betrachtung der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik, hier steht im Mittelpunkt die Propaganda für die Geburtenvermehrung und hier im Besonderen die Veränderung der gesellschaftlichen Stellung der ledigen Mutter, folgen. Durch diese Grundlagen kann erst die Entstehung des Lebensborn e.V. nachvollzogen werden.

Im Rasse- und Siedlungshauptverfahren, welches am 20. Oktober 1947 eröffnet wurde, wurden vier führende Personen des Lebensborn e.V. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Die Richter übernahmen die Auslegung Himmlers und sprachen den Verein von Beteiligungen an Verbrechen frei, auch bestätigten sie seinen karitativen Zweck.[5] Die Anklageschrift nennt den Zweck des Vereins, die feindlichen Nationen zu schwächen aber auch die Bevölkerung des Deutschen Reiches zu vergrößern.

Im ersten Kapitel meiner Arbeit werde ich Grundlagen, die für meine weiteren Überlegungen wichtig sind, bearbeiten. Was war eigentlich die Rassenideologie der Nationalsozialisten? Inwieweit unterschied sich die Rassenideologie von Himmler zu der von Hitler? War es Himmlers Absicht eine gelenkte Fortpflanzung durchzuführen, um so in den Evolutionsprozess einzugreifen? War es so, dass die SS geeignetes Menschenmaterial zusammenfügte, um so das perfekte arische Kind zu schaffen? Gab es tatsächlich junge Frauen, die dem Führer ein Kind schenken wollten, ohne auf die gesellschaftlichen Moralvorstellungen zu achten?

Das zweite Kapitel wird sich mit der Gründung und Entwicklung des Lebensborn e.V. in Deutschland befassen. Im letzten Teil dieses Kapitels werden zwei der Mitarbeiter des Lebensborn e.V. genauer angeschaut.

Inge Viermetz und Dr. Gregor Ebner waren mitverantwortlich für die Eindeutschungsaktionen von Kindern aus Norwegen, Polen, Russland usw. Was haben sie zu den Mythen des Lebensborn beigetragen und inwieweit haben sie sich an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht, auch wenn sie in dem bereits erwähnten Prozess frei gesprochen wurden? Dies fördert bis heute die Mythen des Lebensborn e.V., so sind Interpretationen von der Zuchtanstalt bis hin zum SS-Freudenhaus immer noch normal.

Im dritten Kapitel werde ich mich mit der Rolle der Mutter näher befassen, inwieweit war der Heimalltag von den nationalsozialistischen Ideologien durchzogen, waren die Frauen nur wehrlose Marionetten der Nationalsozialisten oder standen sie voll und ganz hinter der Rassenideologie?

Das vierte Kapitel wird die Tätigkeiten des Lebensborn e.V. außerhalb von Deutschland aufzeigt. Hier sollen die Länder Norwegen sowie Polen exemplarisch gezeigt werden. Gerade Norwegen hatte außerhalb von Deutschland die größten Erfolge, da es die Einrichtung zahlreicher Heime verbuchen konnte. Im Gegensatz dazu stehen die Kinderverschleppungen in Polen, hier wird im Besonderen die rücksichtslose Vorgehensweise des Vereins deutlich.

Das fünfte Kapitel wird sich mit dem Ende des Lebensborn e.V. auseinandergesetzt. Was geschah mit den Kindern nach Ende des Krieges? Ich werde mich mit der Thematik der Rückführung der polnischen und norwegischen Kinder in ihre Heimatländer befassen.

Im sechsten Kapitel werde ich versuchen die Gerüchte, die um den Lebensborn e.V. ranken, zu klären. Durch die in- und ausländischen Tätigkeiten des Lebensborn e.V. ist es möglich, die Entstehung der Gerüchte zu verstehen. In meiner abschließenden Diskussion werde ich versuchen, die Legenden des Vereins mit stichhaltigen Argumenten zu widerlegen. Hier soll auch eine eigenständige Charakterisierung des Lebensborn e.V. gefunden werden.

Das siebte Kapitel der Arbeit wird sich mit den Lebensborn Kindern heute befassen, wie haben sie den Aufenthalt in den Heimen verkraftet, wie das entwurzeln aus ihrem Heimatland?

In meiner Schlussbemerkung werde ich alle bisher gesammelten Fakten noch einmal zusammen führen und versuchen, den Lebensborn als Einrichtung der SS-Organisation einzuordnen.

Schaut man sich den Forschungsstand des Themas an, so wird sehr schnell deutlich, dass dies nur in geringem Umfang bearbeitet wurde. Die Literatur zum Lebensborn erschöpft sich auf wenige wissenschaftliche Arbeiten sowie kleinerer Aufsätze und Romane. Diese Arbeit kann nur versuchen, dem Mythos Lebensborn e.V., schärfere Konturen zu geben sowie herauszustellen, welche Ziele der Verein verfolgte. Diese Arbeit versucht alle Facetten des Vereins zu beleuchten und letztlich den Lebensborn e.V. als ein Instrument der nationalsozialistischen Rassenpolitik herauszustellen.

Mit Hilfe von originalen Quellen war es mir möglich, eine umfassende Darstellung des Lebensborn abzubilden. Hierbei hilfreich waren die Dokumente, die ich aus dem Bundesarchiv in München bekam, sowie von dem Verein Lebenspuren e.V., die mir einige Unterlagen für meine Arbeit zur Verfügung stellten.

Wichtige Schriftstücke werden daher zum Teil ausführlich zitiert, um so das Vorgehen des Vereins begründen zu können. Besonders die Bücher von Georg Lilienthal und Kare Olsen sowie Marc Hillel und Clarissa Henry waren sehr wichtige Literatur, welche nicht nur die Schicksale der Kinder in den Vordergrund stellten, sondern den Lebensborn als nationalsozialistischen Verein darstellen. Die doch sehr unzureichende Forschungslage liegt wohl auch daran, dass durch den Einmarsch der Alliierten ein Großteil der Akten verbrannt wurden.

Die Arbeit soll einen generellen Einblick in die fragwürdige Arbeitsweise des Lebensborn e.V. und den weltanschaulichen Ideologien der Nationalsozialisten geben. Hier geht es um die Frage, wie man die Arbeit des Lebensborn e.V. bewerten kann. War es wirklich so, dass der Verein einem karitativen, sozialen Anspruch folgte oder doch vielmehr ein kühles Instrument der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik war?

1 Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenideologie

Nur im Zusammenhang der Rassenpolitik des Dritten Reiches sind auch der Lebensborn e.V. sowie die rassenideologische Weltanschauung von Heinrich Himmler zu betrachten. Allgemein bekannt dürften wohl die Grundzüge des Nationalsozialismus sein: die Verehrung des nordisch-germanischen Menschentyps sowie der Vernichtung alles „lebensunwerten“ Lebens. Zigeuner, Juden, körperlich und geistig Behinderte wurden umgebracht.

Ein weiterer Aspekt der Ideologie war, dass es eine „Aufnordung“ des deutschen Volkes sowie eine radikale Geburtenpolitik und die Ansätze von „Menschenzucht“ geben sollte.

„Wir sind erstens ein soldatischer Orden, nicht d e r, sondern e i n nationalsozialistischer Orden, zuchtmäßig, blutmäßig gebunden an das nordische Blut, eine Sippengemeinschaft, wenn Sie wollen. Früher hätte man gesagt, eine Adelsgenossenschaft. (…) Ich will aber sagen unsere Aufgabe geht ins Menschenzüchterische, während die Aufgabe des politischen Ordens in das politisch Führungsmäßige geht.“ [6]

Aufs höchste besorgt waren die Nationalsozialisten über den Geburtenrückgang in der geistigen Elite. Gerade Hitler brauchte für seine Eroberungspolitik „gutrassige“ Menschen. Diese sollten als Soldaten in den eroberten Lebensräumen die dort lebenden Menschen unterwerfen und als Siedler für das zukünftige großgermanische Reich fungieren. So äußerte sich Himmler am 2. September 1938 in einer Rede vor der Auslandsorganisation: „ Unser Volk steht und fällt damit, ob es genügend nordisches Blut hat, ob dieses Blut sich vermehrt oder zu Grabe geht, denn geht es zu Grabe, so bedeutet es das Ende des ganzen Volkes und seiner Kultur.“ [7]

Durch den Lebensborn e.V. wollte Himmler zur Stärkung des deutschen Volkes beitragen, indem er einen stärkeren Geburtenanstieg sowie Bevölkerungszuwachs zugunsten der SS förderte. In der nationalsozialistischen Monatsschrift „Volk und Rasse“ von 1939 hieß es deshalb:

„Auf Veranlassung des Reichsführers-SS Himmler wurde im Jahre 1936 (!) der „Lebensborn e.V. gegründet, der vom Reichsführer-SS persönlich geführt wird. Die Aufgaben des Lebensborn liegen ausschließlich auf bevölkerungspolitischem Gebiet. Es werden rassisch und erbbiologisch wertvolle kinderreiche Familien unterstützt , rassisch und erbbiologisch wertvolle werdende Mütter betreut und in den Heimen des „Lebensborn“ aufgenommen. Außerdem wird für die dort zur Welt gekommen Kinder und für ihre Mütter ständig gesorgt.“ [8]

Durch diesen Artikel wird unmissverständlich klar, dass der Lebensborn e.V. kein karitativer Verein war, wie bei den Nürnberger Prozessen verlautet. Dieser Verein kümmerte sich nur um Mütter und Kinder „guten Blutes“. Ein großes Ziel des Lebensborn war es den Müttern, sowohl ledigen wie auch verheiraten arischen Müttern, den Weg für ein Kind zu ebnen. Hier galt es nicht nur die Kinderarmut in der gehobenen Schicht zu bekämpfen, sondern Abtreibungen und dem falschen Ideal der „modernen Frau“ entgegenzuwirken. Frauen sollten wieder ganz in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgehen und viele Kinder bekommen.

1.1 Die Eugenik

Im Bereich der Tiere entwickelte Charles Darwin (1809-1882) die Selektionstheorie, in seinen Werken „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtauswahl“ sowie „Die Erhaltung der begünstigten Rasse im Kampf“[9] stellte er die Theorie auf, dass in der Tierwelt die stärkste Tierart überlebte und die Schwächere unterliege. Für das Tierreich ist diese These zutreffend, allerdings wurde sie später auf die menschliche Gesellschaft übertragen und als Sozialdarwinismus bezeichnet. Daraus leiteten sich dann die rassenhygienischen Überlegungen ab.

Francis Galton (1822-1911) konstruierte aus diesen Überlegungen das Konzept der Eugenik - der Wissenschaft vom guten Erbe – er hatte damit das Ziel, gute Erbanlagen zu entwickeln, um die eigene Rasse genetisch zu verbessern. Galton galt mit der Zielsetzung der Verbesserung des Erbgutes durch züchterische Maßnahmen als Vertreter der positiven Eugenik.

Der deutsche Wilhelm Schallmayer (1857-1919) veröffentlichte 1891 die erste einschlägige Broschüre zur Eugenik. Er stellte die Reduktion der Nachkommenschaft von Personen mit „schlechten“ Erbanlagen, besonders mit körperlicher Entartung, in den Mittelpunkt seiner Lehre und war so ein Vertreter der negativen Eugenik.[10]

Negativ bedeutete also „die Beseitigung schlechten Erbgutes aus dem Genpool einer Bevölkerung zugunsten zukünftiger Generationen“[11] Die positive Eugenik, welche eine gezielte Förderung der Geburtenrate von Erbgesunden anstrebte, steht hier gegenüber. Ihr Ziel ist es, Werte wie höhere Intelligenz, bessere körperliche Konstitution sowie die rassische Reinheit zu verbessern.

Alfred Ploetz (1860-1940) machte in seinem Buch „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“ deutlich, dass Schwächen sowie Krankheiten, welche Angeboren waren, in Erscheinung treten können. Er führte den Begriff Rassenhygiene[12] ein. Er entwarf eine Gesellschaft, welche das Recht zur Tötung „minderwertigen“ Lebens sowie eine Zeugungserlaubnis für erbtüchtige Personen zusprach.[13] In der Rassenhygiene wurde nicht die Aufnordung angestrebt, sondern die Ausmerzung krankhafter und minderwertiger Erbanlagen sowie die Vermehrung gesunder und hochwertiger Erbanlagen, hier gab es keine Betrachtung der Rasse.

1.1.1 Der nordische Gedanke

Das sogenannte nordische Werturteil fand nach dem ersten Weltkrieg im deutschen Bildungsbürgertum Verbreitung. Schallmayer war hier einer der Initiatoren und vertrat die Ansicht, dass die Begünstigung der nordischen Rasse vor anderen Rassenelementen des deutschen Volkes notwendig sei.

Arthur de Gobineau (1816-1882) gliederte die Menschheit in eine anthropologische Hierarchie, wobei hier die „weiße Rasse … durch Blutbeigabe zu den anderen Rassen die Welt- und Kulturgeschichte zu Höhepunkten führte … immer mehr ihrer kostbaren arischen Essenz … [verliere] … so dass deren endgültiges Erlöschen den Weltuntergang herauf-beschwöre.“[14]

In seinem Buch „Rassenkunde“ griff Hans F. Günther (1891-1968) die vorangegangenen Gedanken auf und bekam eine große Zuhörerschaft.[15] Er unterteilte alle europäischen Völker in drei typische Rassenkomponenten: nordisch, mediterran bzw. westisch und alpin bzw. ostisch, wobei diese drei Teile im deutschen Volk besonders eng gemischt seien.[16]

Das deutsche Reich bilde, so Günther, eine Hochburg der „nordischen Rasse“, da es das höchste Quantum an „nordischen Blut“ berge.[17]

Es versuchten noch mehrere Rassenforscher sich damit auseinander zu setzten. Die Nationalsozialisten griffen den Begriff der Rassenhygiene wieder auf und eigeneten sich die für sie interessanten Komponenten an.

1.2 Die Rassenideologie Hitlers

Die Basis aus der Adolf Hitler seine Denkweise bezog, setzt sich aus vorangegangenen Rassenideologien zusammen, sie war eine Kombination aus Antisemitismus und Rassegedanke. Hitler war ein treuer Anhänger von Arthur de Gobineau, dieser war der Meinung, dass gute Erbanlagen sowie die Gabe der Kulturschöpfung die Überlegenheit der arischen Rasse ausmachte. Der nordisch-germanische Typus war der Inbegriff des Ariers, so Hitler.[18]

Besonders die Juden, aber auch alle anderen Rassen, waren für ihn minderwertig. Genau wie die übrigen Rassentheoretiker hatte Hitler Angst davor, dass die arische Rasse von den minderwertigen Rassen geschwächt werden könnte. Hier konnte es nur ein Verbot der Kreuzung von minderwertigen mit hochwertigen Rassen geben. Dies wollte Hitler mit einer biologischen Zurückdrängung des Judentums durchsetzten. Aber auch die Vermehrung der nordisch-germanischen Rasse war notwendig. Allerdings nahm der Völkermord einen weit größeren Teil der politischen Anstrengungen ein, als die Bemühung der Aufzucht der arischen Rasse.

1.2.1 Das Verhältnis zwischen Himmler und Hitler

Genau wie Hitler war Heinrich Himmler von der Überlegenheit der deutschen Rasse überzeugt. Himmler war Hitler gegenüber loyal, man kann es als einseitige Abhängigkeit ansehen. Denn Hitler gab die Befehle und Himmler führte sie aus. Auch Himmler hatte als zweitmächtigster Mann im Staat sehr viel Macht, nur durfte diese nie größer werden als die von Adolf Hitler, deshalb durfte die SS und die Polizei nie zu einem Staatsschutzcorps zusammengeschlossen werden. Himmler versuchte die SS soweit von Hitler und der NSDAP zu distanzieren, um so weiterhin eine zentrale Rolle im Machtgefüge des Nationalsozialismus zu erlangen. Himmler definierte die Partei als politischen Orden, die SS allerdings als nationalsozialistischen Orden, der zucht- und blutmäßig an die nordische Rasse gebunden ist.[19]

Die Aufgaben der SS gingen ins Menschenzüchterische, die der NSDAP waren die politische Führung.[20] Das passte Himmler besonders, denn hier lagen seine rassenideologischen Schwerpunkte. Hitler konzentrierte sich zum großen Teil auf das „Zerrbild der Juden“, so schwärmte Himmler vom nordisch-germanischen Menschentypus sowie dessen Vermehrung.[21]

1.2.2 Die Rassenideologie von Himmler

Heinrich Himmler sah in der Beschaffenheit der germanischen Rasse die Basis ihre Überlegenheit. Aus diesem Grund war die Rassenreinheit der Deutschen sein zentrales Anliegen, welches er mit allen Mitteln durchzusetzen versuchte. Dabei unterstützte ihn die SS. Seine Ziele als Reichsführer-SS umschrieb er folgendermaßen: „… einen Orden [22] guten Blutes zu schaffen, der Deutschland dienen kann … Einen Orden zu schaffen, der diesen Gedanken des nordischen Blutes so verbreitet, dass wir alles nordische Blut in der Welt an uns heranziehen…“ [23] Allerdings entsprach Himmler selber seinem Idealbild des Ariers nicht wirklich, er war von kleiner untersetzter Statur sowie stark kurzsichtig. Diese Minderwertigkeit hielt ihn aber nicht davon ab, den nordisch-germanischen Menschentyp als Idealbild anzustreben. Ein hohes Interesse hatte er an den von Hans Günter verfassten Schriften der Rassenideologie, diese sahen nur einen Lösungsweg für die Rettung der germanischen Rasse: die „Aufnordung“. Hieraus folgerte er:

„… alles gute Blut in der Welt, alles germanische Blut … in das Deutsche Reich geholt werden… und zu einem deutschbewussten Germanen [ge] macht [werden]. Ich habe wirklich die Absicht, germanisches Blut in der ganzen Welt zu holen, zu rauben und zu stehlen, wo ich kann.“ [24]

Bereits 1935 gründete er den Verein „Das Ahnenerbe e.V.“ einer Forschungs- und Lehrgemeinschaft die sich mit dem „Menschenzüchterischen“ befasste. Diese Organisation wurde mit dem Ziel errichtet, arteigene Wurzeln und rassische Gesichtspunkte zu erforschen sowie sie im weltanschaulichen Kampf nutzbar zu machen.[25] Auch konnten so seine Thesen wissenschaftlich belegt werden. Die Zusammenarbeit zwischen Himmler und dem Ahnenerbe e.V. liefen allerdings folgendermaßen ab: Die Anfragen Himmlers hatten die Wissenschaftler ausschließlich in seinem Sinne zu beantworten, dem Verein kam so nur eine pseudowissenschaftliche Aufgabe zu.[26] Mit der Gründung des Lebensborn e.V. 1935 konnte Himmler seine „Aufnordung“ im großen Stil umsetzen.

1.3 Die Stellung der Frau im Nationalsozialismus

Bereits am 8. September 1934, während einer Rede von Adolf Hitler vor der NS-Frauenschaft, machte er sehr deutlich, wo seiner Meinung nach die Frau stand. Er machte es anhand eines Vergleiches greifbar, indem er von der großen Welt des Mannes und der kleinen Welt der Frau sprach. Beide Welten seien strikt getrennt aber gleichzeitig fest miteinander verbunden. „Die große Welt baut auf der kleinen Welt auf“[27]

Seiner Meinung nach bestünde die Aufgabe der Frau darin, ihrem Mann, ihrer Familie, ihren Kindern sowie ihrem Heim treu zu sein. Die größte ihrer Aufgaben sei es allerdings, viele arisch-wertvolle Kinder zu gebären zum Erhalt der arischen Rasse. Damit für den Erhalt der arischen Rasse genügend Nachkommen gezeugt werden, wird die Frau zur „Gebährmaschine“, dafür wird sie dann mit dem Mutterehrenkreuz am sogenannten Muttertag, am Geburtstag von Adolf Hitlers Mutter im August, ausgezeichnet. Diese Kinder sollten für den Führer sein, allerdings nur wenn die Rasse rein war.

1.3.1 Kampf gegen Abtreibung

Da es eine Geburtensteigerung geben sollte, wurden Abtreibungen, Verhütungsmittel, Sexualvereine sowie Beratungsstellen verboten. Auch folgte 1933 ein Abtreibungsparagraph, der auch strafrechtliche Folgen aufzeigte. Eine Frau, die der Abtreibung überführt werden konnte, wurde für einige Zeit in ein Arbeitslager gebracht. Ab 1943 wurden Ärzte, die bei unerlaubten Abtreibungen überführt worden waren, in Gefängnisse gebracht. Beim Wiederholungsfall konnten sie auch mit der Todesstrafe rechnen. Sogar Fehlgeburten wurden als heimliche Abtreibungen angesehen, aus diesem Grund mussten sie gemeldet werden. Ebenso wurden Anzeigen wegen Vergewaltigungen als legaler Schwangerschaftsabbruch überprüft.[28] Allerdings änderte dies nichts an der Zahl der Abtreibungen.

1.3.2 Der Befehl zur außerehelichen Zeugung

Am 28. Oktober 1939 erließ Himmler den Befehl zur außerehelichen Zeugung: Jeder SS-Mann sollte so viele Kinder wie möglich zeugen, hier war es egal ob innerhalb der Ehe oder außerhalb, er sollte so sein „gutes Blut“ weitergeben. Im schlimmsten Falle würde er im Kampf für sein Vaterland an der Front fallen ohne ein Kind gezeugt zu haben.[29] Damit hatten die Soldaten einen Freibrief von Himmler bekommen. Die ledigen Männer konnten tun und lassen was sie wollten, wenn alles nur den rassischen Kriterien entsprach. Der Ehemann konnte fremdgehen und so sein gutes Blut weitergeben. Die Frauen und Mädchen, die so bewusst aber auch unbewusst schwanger wurden, sollten nicht zur Ehe gezwungen werden, da eine erzwungene Ehe kein glückliches Familienleben zur Folge hatte. Hier kam der Lebensborn e.V. ins Spiel, der sich der werdenden Mütter annahm. Himmler übernahm bei unehelichen Kindern die Vormundschaft, bei ehelichen die Beistandsschaft.[30]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[31]

2 Gründung und Entwicklung des Lebensborn e.V. in Deutschland

Wenn man an die Vorgehensweise der Nationalsozialisten denkt, redet man meist von der sogenannten „negativen Auslese“, also der Vernichtung von Juden, Sinti und Roma sowie anderen nicht lebenswerten Menschen im Rassengedanken der Nazis. Allerdings gab es auch eine andere Art der Auslese, hier wurden kinderreiche Familien gefördert, mit dem Ziel die „nordisch-arische Rasse“ zu „züchten“, der Lebensborn war das Instrument, das Mittel dazu.

Im folgenden Kapitel werde ich die Gründung des Vereines, sowie der Mütter- und Kinderheime darlegen. Auch werde ich mich mit der Sonderstellung, die der Verein innerhalb der SS hatte, beschäftigen. Im letzten Teil des Kapitels werde ich die wichtigsten Personen bzw. Berufsgruppen, die für den Lebensborn e.V. arbeiteten, betrachten und beschreiben.

2.1 Die Gründung des Lebensborn e.V.

Der Lebensborn e.V. wurde am 12. Dezember 1935 in Berlin gegründet. Die Initiative hierfür kam vom Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, bei der Gründung waren noch zehn namentlich nicht bekannte SS-Führer anwesend. Als Vorsitzender wurde von Heinrich Himmler der Chef des SS-Sippenhauptamtes, des Rasse- und Siedlungshauptamtes Bernd Freiherr von Kanne eingesetzt. Dieser war allerdings nur pro Forma der Vorsitzende, der eigentliche Vorsitzende und damit auch der Machthabende war Guntram Pflaum, der Stabsführer des SS-Sippenhauptamtes; von Kanne wurde aber 1937 von Gregor Ebner abgelöst, dieser blieb es dann auch bis 1945. In den Verein konnte nach „§2 Mitglied des Vereins kann jeder Deutsche arischer Abstammung werden. […] [32]

Bis 1940 war der Verein dem Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) unterstellt, Himmler schaffte es bis zum 1.1.1938 den Verein dem persönlichen Stab des Reichsführer SS zu unterstellen. Himmler wollte so die komplette Kontrolle, besonders in Bezug auf die finanzielle Lage des Vereins. Besonders durch die Umsiedlung des Vereines von Berlin nach München sollte eine Unabhängigkeit zur Partei gegeben sein. Auch wurde zu diesem Zeitpunkt die Satzung nochmals geändert und die Vereinsspitze ausgetauscht und Himmler setzte sich als Vorsitzender des Gesamtvorstandes ein, was nach außen hin eine erhebliche Steigerung des Prestiges und der Bedeutung des Lebensborn e.V. bedeutete.

Eine der ersten NS-Organisationen das Hilfswerk Mutter und Kind welches 1934 gegründet wurde, kümmerte sich um werdende Mütter sowie Kindergartenbetreuung, Kinderlandverschickungen sowie Mütterschulungen und war somit eine rein soziale Organisation. Himmler sah sich in Zugzwang und so entstand der Lebensborn e.V., dieser allerdings wollte nicht unter sozialen sondern unter rassenpolitischen Vorzeichen arbeiten. Himmler sah die Geburtenpolitik auch als Rassenpolitik und so wollte er dieses Monopol für die Schutzstaffel (SS), da er in ihr eine Elitegarde sah.

2.2 Die Entstehung der Entbindungs- und Kinderheime

Am 15.08.1936 wurde in Steinhöring bei Ebersberg das „Heim Hochland“ als erstes Entbindungs- und Kinderheim eröffnet. Hier hatten 50 Mütter sowie 109 Kinder eine Unterkunft. Dieses ehemalige Caritas-Kinderheim wurde für 55 000 RM gekauft und umgebaut. Im darauffolgenden Jahr folgten die Entbindungsheime „Harz“ in Wenigerode sowie das Heim „Kurmark“ in Klosterheide bei Berlin. Beide fassten zusammen 64 Plätze für Mütter sowie 134 Plätze für Kinder.[33]

Durch die vielen Heime, die in kurzer Zeit ausgebaut wurden, kam es zu einer Überlastung des Lebensborn e.V. und Himmler änderte die Satzung. Außerdem betreute er Oswald Pohl, Verwaltungschef der SS, mit der Überwachung der Verwaltung und den Finanzen des Vereins. Infolgedessen war Himmler in seinem Wirken mit dem Lebensborn e.V. autonom gegenüber der Partei und musste keine Rechenschaft über die wirtschaftliche Lage des Vereins geben.[34] Im Jahr 1938 folgten drei neue Lebensbornheime: Heim „Pommern“ in Bad Polzin, Heim „Friesland“ Hohehorst bei Bremen sowie im angegliederten Österreich Heim „Wienerwald“ in Pernitz, welches einem Juden gehörte.[35]

Da es einen großen Andrang gab wurden Kinderheime eröffnet, in denen die Mütter, die erwerbstätig waren, ihre Kinder unterbringen konnten. Auch wurde festgelegt, dass Kinder ab dem zweiten Lebensjahr in Pflegefamilien untergebracht werden sollten, wenn sich die Mütter weiterhin nicht um sie kümmern konnten.[36]

Aus diesem Grund wurde dann 1939 das erste Kinderheim, Heim „Taunus“ bei Wiesbaden, eröffnet, im November 1942 folgte dann das Heim „Sonnenwiese“ bei Leipzig, welches dann bis zu 170 Kinder aufnehmen konnte. 1943 folgten dann noch drei weitere Kinderheime „Franken I und II“ in Schalkenhausen in Bayern sowie Heim „Schwarzwald“ in Nordrach. Auch in Österreich wurde noch ein Kinderheim eingerichtet, Heim „Alpenland“. So hatte es der Verein geschafft, innerhalb von acht Jahren 11 Entbindungs- und Mütterheime zu gründen.

Die folgende Karte zeigt die Heime des Lebensborn e.V. im Deutschen Reich und den angegliederten und besetzten Gebieten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[37]

2.3 Die Satzung und ihre Auslegung

In der Satzung des Vereines wurden die Aufgaben sowie der Zweck des Lebensborn e.V. festgelegt. Hier hieß es:

„ 1. Rassisch und erbbiologisch wertvolle, kinderreiche Familien zu unterstützen.
2. Rassisch und erbbiologisch wertvolle werdende Mütter unterzubringen und zu betreuen, bei denen nach sorgfältiger Prüfung der eigenen Familie und der Familie des Erzeugers durch das Rasse- und Siedlungshauptamt SS anzunehmen war, dass gleich wertvolle Kinder zur Welt kommen würden.
3. Für diese Kinder zu sorgen;
4. Für die Mütter der Kinder zu sorgen.
5. gemäß § 47 Reichsjugend und Wohlfahrtsgesetz (RJWG) die Vereinsvormundschaft jeweils nach eigenen Ermessen zu übernehmen“ [38]
Im April 1940 wurde eine Neufassung der Satzung aufgesetzt hier, wurde noch ein 6. Punkt aufgenommen:
„ 6. Vormundschaften und Beistandschaften für SS-Kriegswaisen auf Befehl des Reichsführers-SS zu übernehmen.“ [39]

Voraussetzung der Fürsorge für werdende Mütter ist, dass sie in rassischer und erbbiologischer Hinsicht aller Bedingungen erfüllen, die in der Schutzstaffel allgemein gelten. […][40]

Die doppelte Aufgabe, die der Verein hatte, bestand zum einen darin, den Kinderreichtum der SS zu unterstützen und zum anderen jede Mutter guten Blutes zu schützen und zu betreuen sowie sich um hilfsbedürftige Mütter und Kinder zu kümmern. Nicht nur die SS-Ehefrauen hatten hier Hilfe zu erwarten sondern, und das vorrangig, auch arische ledige Mütter, die hier ihre Kinder unterbringen konnten und wieder in ihr altes Leben zurückkehren durften. Die Kinder sollten dann in SS-Familien vermittelt werden und zu guten Deutschen im nationalsozialistischen Sinne erzogen werden.[41]

Die in Punkt 1 genannte Unterstützung konnten SS-Familien mit mindestens fünf Kindern erhalten. Allerdings wurden nur ca. 5,8% aller deutschen Familien unterstützt. 1943 wurde diese Unterstützung nicht mehr vom Lebensborn e.V., sondern aus Fürsorgemitteln der SS gezahlt. 1600 SS-Familien mit 9600 Kindern wurden so bis Mai 1945 unterstützt. Die Hauptaufgabe des Lebensborn e.V. lag allerdings darin, ledige Mütter vor Abtreibungen abzuhalten, sie bekamen materielle aber auch soziale Leistungen.

2.4 Die Finanzierung des Lebensborn e.V.

Der Verein finanzierte sich aus verschiedenen Quellen, zum einen aus Einnahmen aus Heimaufenthalt und Verpflegung der Mütter sowie aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

„ a) Einnahmen aus Heimaufenthalt und Verpflegung:

Diese wurden teilweise von den Krankenversicherungen der Mütter, teilweise von den Kindsvätern mit ihrem Unterhalt geleistet. Die Mütter waren verpflichtet, die Leistungen der Krankenkassen an den Lebensborn abzutreten. Die Versicherungen gewährten die Unterstützungsgelder aber erst ab der sechsten Woche vor der Entbindung, während die Mütter teilweise schon im fünften Schwangerschaftsmonat ein Heim aufsuchten; darum reichten diese Beiträge allein zur Deckung der Kosten nicht aus. In Fällen der besonderen Geheimhaltung sah der Lebensborn auch von einer Inanspruchnahme der Krankenkassenunterstützung ab, führte aber Verhandlungen mit den Krankenkassen, um mit ihnen auch in solchen Fällen abrechnen zu können. Daraufhin wurde in München eine Zentral-Abrechnungsstelle der Krankenversicherungen für den Verein eingeführt.“ [42]

„ b) Mitgliedsbeiträge:

In einem Befehl vom 13. September 1936 hatte Himmler alle hauptamtlichen SS-Führer zur Mitgliedschaft im Lebensborn verpflichtet. Auch von seinen übrigen SS-Mitgliedern erwartete er den Beitritt, außerdem konnte jeder Deutsche freiwilliges Mitglied werden. Die Mitglieder mussten Beiträge an den Lebensborn entrichten, die gestaffelt waren nach Kinderzahl, Dienstgrad, Einkommen und Alter der Betreffenden.“ [43]

„ Wir haben, um auch der juristischen Form zu genügen, einen Verein „Lebensborn“ ins Leben gerufen.-Ich setze voraus, dass ein Mann von 25 bis 26 Jahren, der Arbeit hat, auch heiraten kann.- Von dieser Annahme ausgehend habe ich festgelegt, dass ein SS-Mann oder SS-Führer mit 25 Jahren verheiratet ist, oder falls er es nicht ist, mit 26 Jahren 1% mit 27% usw. seines Einkommens der Einrichtung „Lebensborn“ zur Verfügung stellt. Ein Gruppenführer z.B., der nur ein Kind hat, muß sogar 7 bis 8% seines Nettogehaltes geben. Das ist nicht mehr als gerecht, wenn ein anderer mit gleichem Einkommen vier Kinder zu versorgen hat. [44]

Anhand dieses Beispiels kann man sehen, dass gerade die Ledigen ohne Kinder keinen guten Stand hatten, danach folgten die Verheirateten ohne Kinder. Männer mit unehelichen Kindern wurden den Familienvätern gleichgestellt. Die SS-Führer sollten möglichst in jungen Jahren sehr viele Kinder zeugen und eine große Familie gründen. Im Jahr 1936 hatte der Verein 6.896 Mitglieder, gegen Kriegsende sollen es rund 17.000 gewesen sein. Trotzdem wurden die Mitgliederbeiträge als große finanzielle Belastung empfunden, viele ersuchten um Ermäßigung.[45] 1939 kassierte der Verein von 15.520 Mitgliedern 432.438 RM, was nur 21,3% seiner Gesamteinkünfte entsprach.[46]

„c) Spenden und Zuschüsse:

Durch die Mitgliederbeiträge und Zuschüsse der Krankenkassen war die Finanzierung des Lebensborn noch nicht gesichert, deshalb hatten Spenden sowie Zuschüsse eine große Bedeutung für die Existenzsicherung des Vereins. Spenden kamen von Verbänden, Wirtschaftsbetrieben, parteiamtlichen sowie staatlichen Dienststellen. Es waren nicht nur Geldspenden es wurden auch Immobilien gespendet. Das Heim in Bad Polzin hatte die dortige Stadtverwaltung Adolf Hitler persönlich geschenkt, und dieser hatte es an den Lebensborn weitergegeben. Allerdings stammten andere Häuser wiederrum aus dem Besitz von jüdischen Familien, diese wurden enteignet. Hier ist das Verwaltungsgebäude in München zu nennen sowie die Heime in Österreich. [47]

Hitler soll 1940 einen Befehl zur Überweisung einer „bedeutenden Summe an den Lebensborn“ unterzeichnet haben, die von verschiedenen „eingezogenen“ jüdischen Bankkonten stammte.[48]

Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) übernahm bis 1939 den größten Anteil an der Finanzierung des Lebensborn e.V., besonders die Anschaffung der neuen Heime sowie deren Einrichtung gehörte zu der finanziellen Unterstützung und betrug ca. eine Million Reichsmark. 1940 musste sich Sollmann der Vorsitzende des Vereins, allerdings um neue Geldgeber bemühen, da der NSV die Zusammenarbeit mit dem Lebensborn ab diesem Zeitpunkt ablehnte. Das Reichsfinanzministerium wurde der wichtigste Geldgeber des Lebensborn, es erklärte sich bereit ab 1943 Dauerzuschüsse von jährlich drei Millionen Reichsmark zu leisten.“[49]

2.5 Die Reorganisation des Vereins und Umstrukturierung des Vereins

Durch die Eröffnung immer neuer Heime wurden sehr bald Schwierigkeiten innerhalb der Lebensborn-Führung deutlich. Der Vorstand wie auch die Geschäftsführung waren sehr schnell überfordert. Am 8.März 1937 ließ Himmler die Verwaltung durch SS-Gruppenführer Pohl überwachen und bereitete dann die Herauslösung aus dem RuSHA vor.[50]

Das RuSHA wurde am 7.September 1937 darüber informiert, dass der Hauptsitz des Lebensborn e.V. von Berlin nach München verlegt würde. Nun wurde der Lebensborn dem persönlichen Stab Reichsführer-SS zugeordnet, nun unterstand die Organisation Himmler persönlich. Himmler war nun offiziell Vorsitzender des Lebensborn e.V. und war für alle Belange des Lebensborn zuständig; alle Schriftstücke mussten ihm persönlich vorgelegt werden. Das RuSHA versuchte sich gegen den Umzug nach München und gegen die Eingrenzung seiner Machtbefugnisse zu wehren, kam aber gegen Himmler nicht an. Am 1.März 1938 nahm die Zentrale des Lebensborn ihren Dienstbetrieb in München auf.[51]

2.5.1 Der Verwaltungsapparat

Die Zentrale wurde in München in dem beschlagnahmten Haus von Thomas Mann untergebracht. Sie war bis 1939 in zwei Hauptabteilungen untergliedert:

„ Die Hauptabteilung A (Allgemein) bestand aus sieben Abteilungen und war vorwiegend für die verschiedenen Bereiche der Betreuung von Mutter und Kind zuständig. Darunter fielen u.a. die Abteilungen Heimaufnahme, Unterstützung Kinderreicher, Betreuung Heiminsassen und die Rechtsabteilung (diese war vorher unter der Abteilung Geheimhaltung aufgeführt, bis ihr dann das Ressort Prozessführung angegliedert wurde).

Die Hauptabteilung F (Finanzen) erlebte bis 1939 eine zunehmende Auffächerung und bestand dann ebenfalls aus sieben Abteilungen z.B. Kassenführung und Gehaltsabteilung, Buchhaltung, Grundstücksverwaltung, Krankenkassenabteilung, Beitragsabteilung und Mitgliedswerbung.“ [52]

1940 wurde der ganze Verwaltungsapparat nochmals umstrukturiert, so dass es dann sieben Hauptabteilungen gab:

„ 1. Hauptabteilung A (Arbeit)
2. Hauptabteilung P (Personal)
3. Hauptabteilung K (SS-Kriegswaisen)
4. Hauptabteilung V (Verwaltung)
5. Hauptabteilung F (Finanzen)
6. Hauptabteilung G (Gesundheitswesen)
7. Hauptabteilung R (Rechtswesen)“ [53]

Diese Vergrößerung des Verwaltungsapparates führte auch zu einer Aufstockung des Arbeitspersonals, so waren im Frühjahr 1942 bereits 220 Angestellte in der Lebensborn-Zentrale beschäftigt.

[...]


[1] Weisteiner 2008, S.4

[2] Eingetragener Verein

[3] Ebd. S.25

[4] Abbildung 1: Bryant 2011, S.11

[5] In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem:„ Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, dass der Verein Lebensborn, der bereits lange vor dem Krieg bestand, eine Wohlfahrtseinrichtung und in erster Linie ein Entbindungsheim war. Von Anfang an galt seine Fürsorge den Müttern, den verheiraten sowie den unverheirateten, sowie den ehelichen und unehelichen Kindern. […] ( zit.: US-Militärgericht im Rahmen des sogenannten RuSHA-Prozesses vom 1. Juli 1947 bis 10.März 1948)

[6] Himmler in einer Rede von Gruppenführern vom 18.02.1937, zit. bei Smith/Peterson 1974, S. 100

[7] Himmler in einer Rede vor der Auslandsorganisation vom 02.09.1938, zit. bei Smith/Peterson 1974, S.82

[8] Aus Rassehygiene und Bevölkerungspolitik: Der Lebensborn e.V., in Volk und Rasse, (1939), Heft 1, S.20.

[9] Vgl. Darwin 1996 [1859]

[10] Vgl. Weingart/Kroll/Bayertz 1988, S.40

[11] Ebd., S. 16.

[12] Der Terminus „Rassenhygiene“ wurde zum ersten Mal in der von Alfred Ploetz 1895 veröffentlichten Schrift „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen Ideen, besonders zum Socialismus“ eingeführt und programmatisch erläutert.

[13] Vgl. zur Mühlen 1977, S.178.

[14] De Gobineau 1989, S.1144ff.

[15] Günther 2002

[16] Vgl. Essner 2002, S.44

[17] Günther 1922

[18] Vgl. Maser 1989

[19] Vgl. Smith/Peterson 1974 S. 100

[20] Vgl. Ebd.

[21] Zur Mühlen 1977, S. 238

[22] Himmler hatte den Begriff Orden gewählt, da er eine religiöse Verbindung darstellte. Vgl. Ackermann 1970, S.40

[23] Ackermann 1970, S. 100

[24] Berghoff 1977, S.32

[25] Vgl. Ackermann 1970, S. 43

[26] Vgl. Reinicke 2003, S.62

[27] Vgl. Lilienthal 1993, S.132

[28] Vgl. Lehker, 1984, S.66.

[29] Vgl. Lilienthal, 1993, S.132

[30] Vgl. Hiller/Henry, 1975, S.121

[31] Abbildung 2: Biesecke 2009, S.61

[32] Satzung des Lebensborn e.V. v. 11.04.1940, http://www.karwi.de/else-oventrop/textd/undatiert/6-satzung-des-qlebensbornq-ev.html

[33] Vgl. Lilienthal 1985, S.44ff.

[34] Vgl. ebd. S.47

[35] In den Akten des Bundesarchivs befindet sich auch ein Überlassungsabkommen zwischen dem in Karlsbad verstorbenen Juden Leo Israel Benedikt und dem Lebensborn e.V. Darin sind sämtliche Vermögensgegenstände mit einem Gesamtwert von über einer Million Reichsmark aufgeschlüsselt, die in den Besitz des Lebensborn e.V. übergingen. Inwieweit sich der Lebensborn e.V. durch jüdischen Besitz finanzierte, konnte nicht geklärt werden. Vgl. BA:NS 3/1145

[36] Vgl. BA: NS 2/65 S.188ff.

[37] Abbildung 3: „Begleitbroschüre zur Ausstellung Lebensborn e.V.“, S. 19.

[38] Liliental 1993, S. 43

[39] Ebd.

[40] Satzung des Lebensborn e.V., vom 9.04.1940, http://www.karwi.de/else-oventrop/textd/undatiert/6-satzung-des-qlebensbornq-ev.html

[41] Schmidt/Dietz 1983, S. 93

[42] Lilienthal 1993, S. 125.

[43] Ebd. S.125

[44] Rede Himmlers vor der Auslandorganisation vom 02.09.1938, zit. bei Smith/Peterson 1974, S. 93.

[45] Lilienthal 1993, S.37.

[46] Ebd.

[47] Schmitz-Köster 1997, S.37.

[48] Ebd.

[49] Lilienthal 1993, S. 128ff.

[50] Ebd., S. 52f.

[51] Schmitz-Köster 1997, S.37.

[52] Weissteiner 2009, S.18.

[53] Lilienthal 1993, S.120ff.

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Eine Darstellung der Organisation "Lebensborn e.V." im Kontext der nationalsozialistischen Rassenideologie
Untertitel
A representation of Lebensborn e.V. organization in the context of the Nazi racial ideology
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Allgemeine Erziehungswissenschaften)
Note
1,4
Autor
Jahr
2012
Seiten
80
Katalognummer
V198040
ISBN (eBook)
9783656240976
ISBN (Buch)
9783656242314
Dateigröße
3018 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, darstellung, organisation, lebensborn, kontext, rassenideologie, nazi
Arbeit zitieren
Anne-Maria Lenhart (Autor), 2012, Eine Darstellung der Organisation "Lebensborn e.V." im Kontext der nationalsozialistischen Rassenideologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198040

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Eine Darstellung der Organisation "Lebensborn e.V." im Kontext der nationalsozialistischen Rassenideologie


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden