Die hochdeutsche Sprache ist keine Mundart eines einigen Volkes oder einer Nation der Deutschen, sondern aus allen durch Fleiß der Gelehrten zu solcher Zierde erwachsen und in ganz Deutschland im Schreiben der Gelehrten wie auch im Reden vieler vornehmer Leute üblich.
Mit diesem Zitat macht Adolf Sorin deutlich, wer seiner Meinung nach die hochdeutsche Sprache spricht: Gelehrte, Gebildete, vornehme Leute sprechen die Hochsprache während die einfachen Bauern, der Pöbel Dialekt spricht. Trifft diese Meinung aus der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur frühen Neuzeit heute immer noch zu? Spricht heute das einfache, ungebildete Volk immer noch Dialekt während die höheren Schichten die Hochsprache sprechen? Kann in einer Zeit, in der es eine allgemeine Schulpflicht gibt, der Dialekt immer noch als Merkmal einer niedrigen Bildung des Elternhauses gelten? Spaltet Dialekt die Gesellschaft? Lautet die Frage, auf die ich in dieser Hausarbeit eine Antwort finden möchte. Beginnen werde ich mit der Entwicklung der deutschen Sprache von der frühen Neuzeit bis heute, hierin eingeschlossen sind die Fragen welche Landschaft das beste Deutsch sprach, welche Rolle Luthers Bibelübersetzung hierbei spielte und welche Probleme die Uneinheitlichkeit der Dialekte mit sich brachte. Anschließend werde ich die Entwicklung der Diskrepanz zwischen Dialekt und Hochsprache vom 18. Jahrhundert bis heute näher betrachten. Bevor ich ein endgültiges Fazit ziehe, werde ich die Frage stellen, ob Dialekt als Soziolekt betrachtet werden kann und wenn ja, warum. Als Quellen dienen neben Schottelius’ Ausführlicher Arbeit von der Teutschen Haubtsprache und Fritz Reuters Ut mine Stromtid besonders Der Mahler der Sitten von Bodmer/Breitinger sowie Gottscheds Vollständigere und Neuerläuterte Deutsche Sprachkunst. Als wichtigste Sekundärliteratur sei zu nennen, Christoph Martin Wielands Aufsatz Über die Frage Was ist Hochdeutsch?, Adolf Sorins Beitrag Schriftsprache und Dialekte im Deutschen nach Zeugnissen alter und neuer Zeit sowie Horst Schlossers Aufsatz über Sprachnorm und regionale Differenz im Rahmen der Kontroverse zwischen Gottsched und Bodmer/Breitinger. Über die aktuelle Entwicklung des Dialekts geben besonders die Dissertation von Judith Holuba, Anette Huesmanns Zwischen Dialekt und Standard sowie die Studie Renaissance des Dialekts? Aufschluss.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung der deutschen Sprache
2.1. Was ist gutes Deutsch?
2.2. Die Bibelübersetzung Martin Luthers
2.3. Probleme der deutschen Sprache(n)
3. Die Entwicklung der Diskrepanz zwischen Hochsprache und Dialekt
3.1. 18. Jahrhundert
3.2. 19. Jahrhundert
3.3. 20./21. Jahrhundert
4. Dialekt – ein Soziolekt?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische und soziale Dimension der Dialekte im deutschen Sprachraum sowie die Frage, inwiefern die Verwendung von Dialekt zur gesellschaftlichen Spaltung beiträgt. Dabei wird analysiert, wie sich das Verhältnis zwischen Hochsprache und Dialekt seit der frühen Neuzeit entwickelt hat und ob Dialekt heute noch als Soziolekt betrachtet werden kann.
- Historische Entwicklung der deutschen Hochsprache und Standardnorm
- Die Rolle von Luthers Bibelübersetzung für die sprachliche Vereinheitlichung
- Entwicklung der Diskrepanz zwischen Dialekt und Hochsprache vom 18. Jahrhundert bis heute
- Soziolinguistische Einordnung des Dialekts als Indikator für sozialen Status
Auszug aus dem Buch
3.1. 18. Jahrhundert
Es dürfte nicht allein auf die glanzvolle Karriere, die Gottsched in Leipzig machte, zurückzuführen sein, dass für ihn das Meißnische die Basis für eine einheitliche Norm darstellte. Sicherlich haben Martin Luther, Johann Wolfgang von Goethe, Christian Fürchtegott Gellert, Friedrich Gottlieb Klopstock und andere große Schriftsteller dieser Zeit einen großen Teil dazu beigetragen, gerade diese Mundart als die beste hervorzuheben. Dies macht deutlich, welche Maßstäbe für die Einheitssprache angelegt werden. Nach Meinung Gottscheds wurde die deutsche Sprache „in den verschiedenen Regionen unterschiedlich abgewandelt, mehr noch:“ verdorben. Auch die beste Landschaft und die beste Mundart wurden hiervon nicht verschont. So wurde Gott im Sächsischen zu Jott, Gabe zu Jabe und gut zu jut. Übeltäter war gemeinhin der ungebildete Pöbel, den man auch kaum zu bessern hoffte. Bereits seit der Barockzeit galt Dialekt als „dumme Bauernsprache“.
Justus Georg Schottelius rief daher in seiner Ausführlichen Arbeit Von der Teutschen Haubtsprache berufene Männer dazu auf, „das Normsystem der Schriftsprache so zu stärken, daß es gegen die Einflüsse der >Pöbelrede< gefeit sei“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein, ob Dialekt heute noch als Merkmal mangelnder Bildung dient und die Gesellschaft spaltet.
2. Die Entwicklung der deutschen Sprache: Dieses Kapitel behandelt den jahrhundertelangen Prozess der Herausbildung einer neuhochdeutschen Schriftsprache und die Rolle maßgeblicher historischer Einflüsse.
2.1. Was ist gutes Deutsch?: Hier wird untersucht, wie sich die Ansichten darüber, welcher Dialekt als vornehmstes Deutsch gilt, im Laufe der Zeit wandelten.
2.2. Die Bibelübersetzung Martin Luthers: Das Kapitel analysiert den Einfluss des Buchdrucks und der Lutherbibel auf die Akzeptanz der meißnischen Schriftsprache.
2.3. Probleme der deutschen Sprache(n): Es wird die historische Bedeutung einer einheitlichen Norm und die frühe Abwertung von Dialekten als unvollkommene Subsysteme beleuchtet.
3. Die Entwicklung der Diskrepanz zwischen Hochsprache und Dialekt: Dieses Kapitel widmet sich der Vertiefung der Kluft zwischen Hochsprache und regionalen Mundarten über drei Jahrhunderte hinweg.
3.1. 18. Jahrhundert: Der Fokus liegt auf der Rolle von Gottsched und der Aufwertung des Meißnischen zur Norm, während Dialekte als „Pöbelrede“ diffamiert wurden.
3.2. 19. Jahrhundert: Es wird dargelegt, wie Dialekt im 19. Jahrhundert zunehmend zum sozialen Stigma für das einfache Volk wurde.
3.3. 20./21. Jahrhundert: Das Kapitel behandelt den aktuellen Bedeutungsverlust von Dialekten und die ambivalenten Einstellungen der heutigen Gesellschaft dazu.
4. Dialekt – ein Soziolekt?: Hier wird die Frage erörtert, ob die Verwendung von Dialekt den Sprecher in ein spezifisches gesellschaftliches Schema einordnet.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass Dialekt zwar historisch zu Spaltungen führte, diese Begründung heute jedoch als überholt angesehen werden muss.
Schlüsselwörter
Dialekt, Hochsprache, Standardsprache, Soziolekt, Sprachnorm, Sprachgeschichte, Martin Luther, Gottsched, Meißnisch, Identität, Soziolinguistik, Sprachwandel, Bildungsstand, Regionalsprache, Sprachgesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das historische und soziale Spannungsfeld zwischen der deutschen Hochsprache und den regionalen Dialekten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der deutschen Schriftsprache, die historische Normierung des „guten Deutsch“ und die soziale Wahrnehmung von Dialektsprechern.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob der Dialektgebrauch heutzutage noch zu einer gesellschaftlichen Spaltung führt oder als Merkmal für einen niedrigen sozialen Status gelten kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse sprachgeschichtlicher Quellen und soziolinguistischer Studien.
Was wird im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil analysiert die chronologische Entwicklung der Diskrepanz zwischen Hochsprache und Dialekt vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Standardsprache, Dialekt, Soziolekt, Sprachnorm und die historische Entwicklung der Identität durch Sprache.
Welche Rolle spielt die Schweiz in der Argumentation?
Die Schweiz dient als Kontrastbeispiel, um zu verdeutlichen, dass Dialektgebrauch dort keinesfalls mit mangelnder Bildung oder Intelligenz gleichgesetzt wird.
Warum wird Fritz Reuters Roman "Ut mine Stromtid" angeführt?
Der Roman dient als anschauliches Beispiel dafür, wie im 19. Jahrhundert die soziale Herkunft von Figuren durch deren Sprache (Hochdeutsch vs. Plattdeutsch) markiert wurde.
Wie verändert sich die Bewertung des Dialekts in der aktuellen Forschung?
Die aktuelle Forschung unterscheidet stärker zwischen starken Dialektsprechern und Sprechern der Hochsprache mit bloßer dialektaler Färbung, wobei letztere heute weitgehend akzeptiert sind.
Ist Dialekt laut Fazit noch als gesellschaftliches Stigma zu betrachten?
Das Fazit kommt zu dem Schluss, dass die Spaltung zwar existiert, aber nicht mehr auf die veralteten Gründe der frühen Neuzeit zurückzuführen ist und somit als überholt gelten muss.
- Quote paper
- Danielle Klußmann (Author), 2008, Dialekt spaltet die Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198044