Dialekt spaltet die Gesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der deutschen Sprache
2.1. Was ist gutes Deutsch?
2.2. Die Bibelübersetzung Martin Luthers
2.3. Probleme der deutschen Sprache(n)

3. Die Entwicklung der Diskrepanz zwischen Hochsprache und Dialekt
3.1. 18. Jahrhundert
3.2. 19. Jahrhundert
3.3. 20./21. Jahrhundert

4. Dialekt - ein Soziolekt?

5. Fazit

Quellen- und Literaturangaben

Quellenangaben

Literaturangaben

1. Einleitung

Die hochdeutsche Sprache ist keine Mundart eines einigen Volkes oder einer Nation der Deutschen, sondern aus allen durch Fleißder Gelehrten zu solcher Zierde erwachsen und in ganz Deutschland im Schreiben der Gelehrten wie auch im Reden vieler vornehmer Leuteüblich. 1

Mit diesem Zitat macht Adolf Sorin deutlich, wer seiner Meinung nach die hochdeutsche Sprache spricht: Gelehrte, Gebildete, vornehme Leute sprechen die Hochsprache während die einfachen Bauern, der Pöbel Dialekt spricht. Trifft diese Meinung aus der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur frühen Neuzeit heute immer noch zu? Spricht heute das einfache, ungebildete Volk immer noch Dialekt während die höheren Schichten die Hochsprache sprechen? Kann in einer Zeit, in der es eine allgemeine Schulpflicht gibt, der Dialekt immer noch als Merkmal einer niedrigen Bildung des Elternhauses gelten? Spaltet Dialekt die Gesellschaft? Lautet die Frage, auf die ich in dieser Hausarbeit eine Antwort finden möchte. Beginnen werde ich mit der Entwicklung der deutschen Sprache von der frühen Neuzeit bis heute, hierin eingeschlossen sind die Fragen welche Landschaft das beste Deutsch sprach, welche Rolle Luthers Bibelübersetzung hierbei spielte und welche Probleme die Uneinheitlichkeit der Dialekte mit sich brachte. Anschließend werde ich die Entwicklung der Diskrepanz zwischen Dialekt und Hochsprache vom 18. Jahrhundert bis heute näher betrachten. Bevor ich ein endgültiges Fazit ziehe, werde ich die Frage stellen, ob Dialekt als Soziolekt betrachtet werden kann und wenn ja, warum. Als Quellen dienen neben Schottelius’ Ausführlicher Arbeit von der Teutschen Haubtsprache und Fritz Reuters Ut mine Stromtid besonders Der Mahler der Sitten von Bodmer/Breitinger sowie Gottscheds Vollständigere und Neuerläuterte Deutsche Sprachkunst. Als wichtigste Sekundärliteratur sei zu nennen, Christoph Martin Wielands Aufsatz Über die Frage Was ist Hochdeutsch?, Adolf Sorins Beitrag Schriftsprache und Dialekte im Deutschen nach Zeugnissen alter und neuer Zeit sowie Horst Schlossers Aufsatz über Sprachnorm und regionale Differenz im Rahmen der Kontroverse zwischen Gottsched und Bodmer/Breitinger. Über die aktuelle Entwicklung des Dialekts geben besonders die Dissertation von Judith Holuba, Anette Huesmanns Zwischen Dialekt und Standard sowie die Studie Renaissance des Dialekts? Aufschluss.

2. Die Entwicklung der deutschen Sprache

Wann genau die Entwicklung einer allgemeinen deutschen Sprache begann, darüber gab es lange Zeit unterschiedliche Meinungen. Karl Müllenhoff sah eine kontinuierliche Entwicklung seit der althochdeutsche Zeit, während Konrad Burdach und Theodor Frings den Beginn der Entwicklung im Mittelalter sehen. Heutzutage geht die Forschung davon aus, dass „die neuhochdeutsche Schriftsprache […] das Ergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses, der im überregionalen Ausgleich verschiedener lokaler Schreibsprachen seinen Anfang nahm“2, ist. Seit dem 14. Jahrhundert setzte ein Ausgleichsprozess ein, welcher zunächst überlokale Schreiblandschaften und Schreibsprachen mit sich brachte und schließlich zu einer neuhochdeutschen Schriftsprache führte.3 Es gilt zu beachten, dass es sich hierbei um Schreibsprachen, welche insbesondere in der Literatur und im Handelsverkehr eingesetzt wurden, handelte. Diese waren vom gesprochenen Dialekt unabhängig und müssen daher von diesem unterschieden werden.4 Diese Differenzierung nahm der deutsche Sprachforscher Johann Christoph Adelung nicht vor, was ihm heute häufig vorgeworfen wird. So unterschied er nach Meinung vieler Sprachforscher wie Horst Dieter Schlosser und Helmut Henne „nicht scharf zwischen geschriebener und gesprochener Sprache […] zwischen gehobener Umgangssprache, […] Gesellschaftssprache […] und Schriftsprache […] außerdem nicht zwischen der Sprache der Dichtung, also der Literatursprache, und der Schrift- und Hochsprache“5. Des Weiteren findet keine Unterscheidung „zwischen der gehobenen Umgangssprache und der Literatursprache“6 statt. Es verwundert nur wenig, dass die Entwicklung einer allgemeinen Standardnorm für alle deutschen Gebiete im 18. Jahrhundert besonders große Bedeutung erhält. Der wichtigste Faktor für die Entwicklung einer Standardnorm war zweifelsohne die Überregionalität.7 Im Norddeutschen wird dies besonders deutlich, wenn man beachtet, dass der Entwicklungsbeginn mit „dem Höhepunkt der kommerziellen und politische Machtentfaltung der Hanse“8 zusammenfällt. Im südlichen Raum setzt diese Entwicklung mit Verzögerung ein, was auch darauf zurückzuführen sein könnte, dass die oberdeutschen Dialekte lediglich Abwandlungen der neuen Standardnorm waren, während die „Niederdeutschen die Aussprache buchstäblich nach der Schrift erlernen mußten.“9 Mit dem Beginn der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert entstand eine bis dahin nicht gekannte Mobilität, welche die Menschen zwangsläufig in andere deutsche und europäische Gebiete brachte und eine Einheitssprache zur Verständigung unverzichtbar machte. Die Flexibilität dürfte auch beim heutigen Aussterben der Dialekte eine große Rolle spielen. So kommt es heute nur noch selten vor, dass Menschen ihr komplettes Leben an einem Ort verbringen, vielmehr ist ein kontinuierlicher Ortswechsel heutzutage nicht mehr unüblich, was eine Annahme eines bestimmten Dialektes fast unmöglich macht.10

2.1. Was ist gutes Deutsch?

Die Ansicht, welcher Dialekt als der beste und vornehmste angesehen wurde, änderte im Verlauf der deutschen Geschichte mehrmals. Über die Zeit des Alt- und Mittelhochdeutschen kann keine eindeutige Antwort gegeben werden, da zu wenige Quellen vorliegen. Sicher scheint jedoch, dass das beste Deutsch häufig auch mit wirtschaftlichen und politischen Einflüssen zusammenhing. Dies wird deutlich, als mit der Übernahme der Kaiserwürde durch die schwäbischen Staufer Schwäbisch zum besten Deutsch erhoben wurde. Allerdings ist hierin der ganze südwestdeutsche Raum zu sehen, weswegen die Mundart häufig auch als Südlichdeutsch bezeichnet wird. Grund hierfür scheint die Nähe zu Italien und Frankreich, welche zu großem Wohlstand des süddeutschen Raumes führte und dessen Höfe zu Vorbildern für das ganze Reich machten.11 Allerdings entwickelten die oberen Klassen ihr eigenes Hochdeutsch das deutlich „von der gemeinen Schwäbischen Mundart zu unterscheiden“12 war.13 Im 16. Jahrhundert lief schließlich Sachsen dem süddeutschen Raum „durch Bergbau, Manufakturen und Kunstfleiß“14 den Rang ab und entwickelte sich zur blühendsten deutschen Provinz. Damit einhergehend war die Verschiebung des besten Deutsch von Schwaben in den sächsischen Raum, welcher „seine gesellschaftliche Sprache zu verfeinern“15 begann.16 Mit der Entwicklung einer einheitlichen Grammatik im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert, an der sich die Schriftsprache orientierte, trat der Streit über das beste Deutsch in den Hintergrund.

2.2. Die Bibelübersetzung Martin Luthers

Großen Einfluss auf die Sprachentwicklung im 14. und 15. Jahrhundert hatte zweifellos die Bibelübersetzung Martin Luthers. Durch den in der Mitte des 15. Jahrhunderts von Johannes Gutenberg entwickelten Buchdruck und die damit problemlose Vervielfältigung war das Besitzen und Lesen der Bibel nicht mehr ausschließlich der Geistlichkeit vorbehalten, sondern für jedermann möglich. Dies trug sicher stark zur „Ausbreitung der neuhochdeutschen Schriftsprache“17 bei und verhalf dem Meißnischen Deutsch zu großer Akzeptanz. Diese „Verkopplung der Ausbreitung der schriftsprachlichen Norm mit der Reformation“18 brachte jedoch auch nicht unerhebliche Probleme mit sich. Bodmer ist der Meinung, dass es nur der „Achtung der Lehre Luthers“19 zu verdanken sei, dass das Meißnische die Oberhand erlang. Er begründet dies mit der Tatsache, dass die katholisch geprägten Länder und Gebiete besonders im Süden Deutschlands die Luthersche Sprache ebenso wenig annahmen als seine Lehre, sondern im Lutherdeutsch vielmehr ein trojanisches Pferd sahen, dass die Ausbreitung des Protestantismus weiter vorantreiben würde.20 Rudolf von Raumers schildert diese Probleme folgendermaßen:

Die Hauptbibliothek zu München besitzt ein in dieser Hinsicht sehr merkwürdiges Exemplar von der ersten Ausgabe der Grammatik des Clajus. Es trägt auf dem vorderen Deckel des Einbands die eingeklebte Inschrift: Liber Collegii Societatio JESU Monachii Catalogo inscriptus. Anno 1595. Die angeführten Worte des Titel: ex Bibliis Lutheri sind stark durchgestrichen, und die Praefatio, aus der ich oben die begeisterte Stelleüber Luther mitgetheilt habe, ist sorgfältig herausgeschnitten. 21

Die besonders in Süddeutschland gelegenen Klosterschulen legten noch lange Zeit mehr Gewicht auf Latein22, „während die Schreibschulen, später Elementarschulen in den protestantischen Ländern versuchten, Fertigkeiten im Gebrauch der deutschen Schriftsprache zu vermitteln.“23 Auch in der heutigen Forschung wird die „spätmittelalterliche Verkehrs- und Geschäftssprache“24 noch häufig als Sprache Luthers bezeichnet.25

2.3. Probleme der deutschen Sprache(n)

Wie wichtig eine einheitliche Norm war, wird in dem „von Gottsched zitierte[n] Stoßgebet eines Erfurter Stadtschreibers aus dem Jahre 1531“26 deutlich.

Ich weißschier nicht, was daraus werden wil zu letzt, ich zu meinem theyl wais schier nicht, wie ich meine Schulers leren sol, der ursachen halben, das yetzunder, wo unser drey oder vier Deutsche schreibers zusammenkoment, hat yeder ein sonderlichen gebrauch, der ein schreibet ch, der andere c, der dritt k, wolte Gott das es darhyn kome möchte, das die Kunst des schreibens einmal wieder in ein rechten prauch komen mö chte, es mußdoch zuletzt dahin komen. 27

Im 18. Jahrhundert ging man jedoch noch davon aus, „daß Dialekte […] nur Variationen einer zugrundeliegenden überregionalen Sprache seien.“28 Diese traditionelle Überlegung stützt sich auf das, inzwischen als Sonderentwicklung der deutschen Sprache gesehene, “ziemlich einheitliche höfische Deutsch der Stauferzeit.“29 Dies dürfte Johann Christoph Gottsched zu seiner Arbeit, eine Mundart als die beste zu qualifizieren und diese zur Standardnorm zu machen, veranlasst haben.30

[...]


1 Sorin, Schriftsprache, S.361.

2 Huesmann, Dialekt, S.5.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Henne, Meissnisches Deutsch, S.120-121, Schlosser, Sprachnorm, S.58.

6 Ebd.

7 Huesmann, Dialekt, S.5.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Holuba, Identitätsbewahrung, S.484.

11 Wieland, Schriften, S.400.

12 Wieland, Schriften, S.400.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ders., S.401.

16 Ebd.

17 Gessinger, Sprache, S.103.

18 Ders., S.104.

19 Sorin, Schriftsprache, S.386.

20 Gessinger, Sprache, 104-105.

21 Zit. nach: Gessinger, Sprache, S.105.

22 Ders., S.106.

23 Ebd.

24 Henne, Meissnisches Deutsch, S.115.

25 Ebd.

26 Gessinger, Sprache, S.102.

27 Fabritius, buchlein, zit. nach: Gottsched, Sprachkunst, S.35.

28 Schlosser, Sprachnorm, S.54.

29 Ders., S.53.

30 Ders., S.54-55.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Dialekt spaltet die Gesellschaft
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V198044
ISBN (eBook)
9783656240945
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialekt, Sprachvarietäten, Schwäbisch, Bayrisch, Hochsprache
Arbeit zitieren
Danielle Klußmann (Autor:in), 2008, Dialekt spaltet die Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198044

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