Die Funktion des Schlosses in der Amalia-Episode


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Die Amalia-Episode

2. Die Beziehung K.s zu den Barnabasschen

3. Der Streit um die biblische Deutung der Amalia-Episode

4. Inhaltliche Analyse der Amalia-Episode
4.1. Die Person ,Amalia’
4.2. Amalias Schuld und die Isolation der Familie
4.3. Die Bittgänge des Vaters

5. Sprachliche Analyse der Amalia-Episode

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

1. Die Amalia-Episode

Die Amalia-Episode befindet sich im letzten Drittel des Schloss­Romans. Je nach Edition werden die vier Einheiten als Kapitel 15 - 18 bezeichnet oder ohne Kapitelnummerierung zwischen den Kapiteln 15 und 16 eingebettet. Als Einzige erhielten die vier Kapitel über Amalia und ihre Familie früh feste Überschriften.[1] Die Episode teilt sich auf in ,Amalias Geheimnis’, ,Amalias Strafe’, ,Bittgänge’ sowie ,Olgas Pläne’. Die inhaltlich miteinander verbundenen Überschriften lassen bereits vermuten, dass es sich um verschiede­ne Blickrichtungen einer Einheit handelt.[2] Zunächst wird die Episode aus dem Blick Amalias erzählt, anschließend aus der Sichtweise des Vaters sowie der Geschwister Olga und Barnabas. K. erfährt vom Schicksal Amalias und ihrer Familie durch einen ungefähr 80 Seiten umfassenden Bericht ihrer Schwester Olga.[3]

Der Alptraum der Familie des Barnabas’ begann drei Jahre zuvor. Bei einem Feuerwehrfest sieht der Schlossbeamte Sortini Amalia, die seine Gedanken nicht mehr loslässt. Am nächsten Morgen erhält Amalia von Sortini einen Brief, in welchem er sie auffordert zu ihm in den Herrenhof zu kommen. Doch statt diesem Befehl Folge zu leisten, zerreißt Amalia den Brief und wirft ihn dem Boten ins Gesicht. Als sich die Geschichte im Dorf herumspricht brechen die Menschen alle Verbindungen zu der Familie ab. Fortan versuchen der Vater sowie die Geschwister Verzeihung zu erlangen, um die Isolation zu beenden. Amalia jedoch, die Auslöserin dieses Unglücks, hüllt sich seitdem in Schweigen und kümmert sich stattdessen aufopferungsvoll um die inzwischen geschwächten und kranken Eltern.

Die Isolation eines Einzelnen ist ein beliebtes Motiv Kafkas. So stehen „Josef K. in ,Der Prozeß’, Karl Roßmann in ,Amerika’ [und] Gregor Sams in ,Die Verwandlung’“[4] außerhalb der Gesellschaft. In ,Das Schloss’ finden sich gleich mehrere Personen, die als Gemiedene und Ausgestoßene außerhalb der Dorfgemeinschaft stehen. K. gelingt es nicht, sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. Seine Ansichten und Handlungsweisen unterscheiden sich zu sehr von denen der Dorfbewohner.[5] Mehr jedoch als bei K. wird das Leid der Ausgestoßenen in Olgas Erzählung über die Situation ihrer Familie und die Hintergründe, die dazu führten, deutlich.

2. Die Beziehung K.s zu den Barnabasschen

Bereits vor der Erzählung Olgas wird deutlich, dass K. in den Barnabasschen Seelenverwandte gefunden hat. Die gegenseitige Sympathie dürfte in der Gemeinsamkeit der Isolierung durch die Dorfgemeinschaft begründet liegen.[6] Die Gemeinsamkeit zwischen K. und Amalia besteht hauptsächlich darin, dass sich beide nicht an die Ordnung und Gesetze des Dorfes halten. Die beiden Parteien Dorf und Schloss leben in einem Spannungsverhältnis zwischen mächtig und machtlos, zugleich bilden sie jedoch eine geschlossene Einheit. In dieser Welt gibt es weder Veränderung noch Bewegung. Die innere Stabilität ist unerschütterlich.[7] Dieses Verhältnis kann K. bis zum Schluss nicht durchdringen. Die Beziehung der Dorfbewoh­ner zum Schloss gründet sich auf eine strenge Ordnung, welche die Pflichten und Rechte beider Seiten genau bestimmt. Die Dorfbewoh­ner fürchten das Schloss als Machtinstanz, dessen Autorität unantastbar und der sich zu unterwerfen ist.[8] Diese Ordnung missachtet K. indem er Tabus bricht und ständig die Nähe zum Schloss sucht.[9] Amalia ihrerseits erschüttert die bestehende Ordnung durch ihre Weigerung, dem Befehl Sortinis Folge zu leisten und in den Herrenhof zu kommen. Das Dorf sieht in beiden, K. und Amalia, eine Gefährdung der Beziehung von Dorf und Schloss. Die Bewohner fürchten das „Chaos der Unsicherheit, Ungeborgenheit, Orientierungslosigkeit und Angst.“[10]

In seinem Streben nach Zugang zum Schloss unterscheidet sich K. erheblich von Amalia, die Ihre Situation schweigend erträgt.

Mit dieser Haltung kann er jedoch in die Nähe der restlichen Barnabasschen Familie gestellt werden, welche in ihrem Streben nach Verzeihung ebenfalls die Nähe des Schlosses sucht.[11] K. sieht in Barnabas zunächst einen Weg um sein Ziel, den Zugang zum Schloss, zu erreichen. Erst durch Olgas Erzählung erfährt er, dass er für die Familie die gleiche Bedeutung hat. Die Briefe an K. sind Barnabas’ erster Botendienst seit drei Jahren und geben somit der Familie neue Hoffnung auf eine baldige Änderung der Situation.[12]

„Diese zwei Briefe, die durch des Barnabas Hand bisher gegangen sind, sind seit drei Jahren das erste, allerdings noch genug zweifelhafte Gnadenzeichen, das unsere Familie bekommen hat. “ (S.266)

Somit stellt K. für die Familie genau das Gleiche dar, wie Barnabas für ihn. Beide Parteien sind von dem Ziel beseelt Zugang zum Schloss zu erhalten und sehen im jeweils anderen das Mittel zur Erreichung des Zieles, welches allein nicht erreicht werden kann. Da sie jedoch beide in der gleichen Position - außerhalb der Dorfge­meinschaft - stehen ist dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Die Hoffnung, welche in den jeweils anderen gesteckt wird, zeigt die eigene Hilflosigkeit das Ziel jemals zu erreichen.[13]

3. Der Streit um die biblische Deutung der Amalia-Episode

Die Amalia-Episode gehört zu den umstrittensten Teilen des Schloss-Romans. Max Brod interpretiert in seinem Nachwort zur ersten Ausgabe die Szene biblisch. Er geht davon aus, dass Kafka ein Parallelstück zu Sören Kierkegaards ,Furcht und Zittern’ schrieb. Diese Auffassung Brods stammt vermutlich daher, dass sich Kafka 1918 ausführlich mit diesem Werk beschäftigte und in mehreren Briefen kommentierte.[14]

„Sollte man ... vor allem die Sortini-Episode unerklärlich finden, in der der Beamte (der Himmel) sichtlich etwas Unmoralisches und Schmutziges von dem Mädchen verlangt, so sei auf Kierkegaards „Furcht und Zittern“ hingewiesen - ein Werk überdies, das Kafka sehr geliebt, oft gelesen und in vielen Briefen tiefsinnig kommentiert hat. Die Sortini-Episode ist geradezu ein Parallelstück zu Kierkegaards Buch, das davon ausgeht, dass Gott von Abraham sogar ein Verbrechen, die Opferung seines Kindes, verlangt, und in dem dieses Paradox zur siegreichen Feststellung verhilft, dass die Kategorien der Moral und die des Religiösen durchaus nicht als einander deckend vorzustellen sind. “[15]

Dieser Interpretation zufolge stellt das Schloss Gott dar, der von Abraham verlangte seinen Sohn Isaak zu opfern und damit das Moralgesetz aufzuheben. Diese Aufhebung der moralischen Selbstachtung verlangt nun Sortini, als Repräsentant des Schlosses, von Amalia. Diese verweigert diese Unmoral jedoch.[16] Eine Bestätigung der biblischen Interpretation scheint die Nutzung des Wortes ,Fluch’. So sagt Olga:

„[D]amit aber, dass sie nicht hinging, war der Fluch über unsere Familie ausgesprochen.“ (S.225)

Im weiteren Verlauf wird die Familie Amalias noch zweimal als ,verflucht’ bezeichnet. Der Gehilfe Jeremia kritisiert K., da dieser sich „mit den verfluchten Barnabasschen [...] getröstet [...] [hat]“ (S.275) und schließlich sagt Friedas Nachfolgerin Pepi über ihr Kleid: „[N]icht einmal die verfluchte Barnabassche brächte ein besseres zustande.“ (S.346)

In der Bibel wird bereits in Genesis die Schlange von Gott verflucht sowie Adam und Eva ein beschwerliches Leben auf der Erde in Aussicht gestellt.

„Da sagte Gott, der Herr, zu der Schlange: Verflucht sollst du sein wegen dieser Tat!’ [...] Zur Frau aber sagte Gott: ,Ich verhänge über dich, daß du Mühsal und Beschwerden hast’ [...] Und zum Mann sagte Gott:,[...] Deinetwe­gen ist der Acker verflucht. Mit Mühsal wirst du dich davon ernähren [...].“[17]

Dieses Gefühl der von Gott Verstoßenen deutet auch Olga indirekt an, als sie zu Beginn des Kapitels ,Bittgänge’ sagt:[18]

„ Wir verrieten Amalia, [...] ganz ohne Hoffnung konnten wir nicht leben.“ (S.246)

Noch ein zweites Mal kommt in Genesis das Thema ,Fluch’ auf. Nach der Sintflut und der Rettung der Menschen und Tiere durch Noah beschloss Gott, die Erde zukünftig nicht mehr zu verfluchen.

„Ich will nicht mehr alles Leben auf der Erde vernichten, wie ich es getan habe [...] Ich gebe euch die feste Zusage. Ich will das Leben nicht ein zweites Mal vernichten.“[19]

Der Apostel Paulus weist schließlich auf die Erlösung der Menschen vom Fluch des Gesetzes hin.

„Christus hat uns von dem Fluch losgekauft, unter den uns das Gesetz gestellt hatte. Denn er hat an unserer Stelle den Fluch auf sich genommen.“[20]

Das Wort ,Erlösung’ gebraucht auch Olga, als sie K. erzählt, dass ein Knecht den Brief Olgas, welchen Barnabas den Knechten vorzeigte, zerknüllte und in den Papierkorb warf.

„[U]nd es war eine Erlösung, die wir aus eigenem uns freilich auch und längst hätten verschafften können, als ein Knecht, [...] [den Brief] zusammenknüllte und in einen Papierkorb warf.“ (S.263)

Gestärkt wird Brods Interpretation außerdem von Olgas Sicht, das Schicksal als Probe anzusehen.

„Man merkte, daß wir nicht die Kraft hatten, uns aus der Briefgeschichte herauszuarbeiten, und man nahm uns das sehr übel, man unterschätzte nicht die Schwere unseres Schicksals, obwohl man es nicht genau kannte, man wusste, daß man selbst die Probe wahrscheinlich nicht besser bestanden hätte als wir, aber um so notwendiger war es, sich von uns völlig zu trennen.“ (S.245)

Olgas Aussage:

„Was mich betrifft, ich gestehe es dir offen, wenn ich einen solchen Brief bekommen hätte, ich wäre gegangen“ (S.225)

würde die Meinung, dass Kafka in Sortini einen Gott darstellen wollte, der die Menschen auf die Probe stellt, unterstreichen.[21]

Als Gegner dieser religiösen Interpretation taten sich besonders Erich Heller und Wilhelm Emrich hervor.[22] Nach deren Meinung war das Verhältnis Kafkas zu Kierkegaard überaus kritisch und seine Meinung über den dänischen Philosophen zwiespältig. Heller sieht die Fehldeutung Brods in den religiösen Verwirrungen dieser Zeit.[23] Emrich bezieht seine Deutung auf den Text des Romans. Seiner Auffassung nach deutet die Aussage „Amalia trug nicht nur das Leid, sondern hatte auch den Verstand, es zu durchschauen, wir sahen nur die Folgen, sie sah in den Grund [...] Aug in Aug mit der Wahrheit stand sie“ (S.244) auf „das Wissen einer von Gott Geschlagenen“[24] hin, die zu spät die Folgen ihrer Handlung erkennt. Demzufolge wäre die Verächtung und Verfemung aus religiöser Sicht nicht mehr haltbar.

[...]


[1] Göhler, Franz Kafka: Das Schloß „Ansturm gegen die Grenze“, S.127.

[2] Pongs, Das Bild in der Dichtung, S.451.

[3] Göhler, Franz Kafka, S.128.

[4] Reiss, Franz Kafka. Eine Betrachtung seines Werkes, S.100.

[5] Reiss, Franz Kafka, S.100.

[6] Greß, Die gefährdete Freiheit. Franz Kafkas späte Texte, S.231.

[7] Heller, Enterbter Geist. Essays über modernes Dichten und Denken, S.313.

[8] Honegger, Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka, S.332.

[9] Ebd., S.312f.

[10] Ebd., S.313.

[11] Honegger, Phänomen, S.317.

[12] Philippi, Reflexion und Wirklichkeit, S.73.

[13] Ebd.

[14] Göhler, Franz Kafka, S.127; Sokel, Franz Kafka - Tragik und Ironie, S.466.

[15] Zit. nach: Göhler, Franz Kafka, S.127.

[16] Sokel, Tragik, S.467.

[17] 1. Mose, 3,14-17.

[18] Göhler, Franz Kafka, S.134.

[19] 1. Mose, 8,21-9,11.

[20] Gal., 3,13-14.

[21] Göhler, Franz Kafka, S.131.

[22] Ebd., S.127.

[23] Heller, Enterbter Geist, S.289.

[24] Emrich, Franz Kafka, S.357.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Funktion des Schlosses in der Amalia-Episode
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V198048
ISBN (eBook)
9783656240907
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Das Schloss, Amalia
Arbeit zitieren
Danielle Klußmann (Autor:in), 2009, Die Funktion des Schlosses in der Amalia-Episode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198048

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