In diesem Essay wird der Versuch unternommen, die "Gesellschaftliche Funktion der Philosophie" nach Max Horkheimer ("Die Gesellschaftliche Funktion der Philosophie", 1940) nachzuzeichnen und dadurch, stets an dessen Aufsatz orientiert, die Philosophie als vehemente Kritikerin bestehender Verhältnisse zu verteidigen. Es werden Gründe angeführt, die Horkheimer und die Kritische Theorie dazu veranlassen, die Philosophie den Einzelwissenschaften gegenüberzustellen und anhand seines Textes dann die besondere Rolle der Philosophie herauszustellen. Stets wird dabei auf die Geschichtlichkeit aller sozialen Prozesse und Phänomene, also deren Werden und Vergehen, rekurriert, sodass gesellschaftliche Verhältnisse, Prozesse und Ereignisse nicht schlicht aus sich selbst heraus und seins-gebunden zu verstehen seien, sondern immer im historischen Prozess und in der Totalität der (bürgerlich-kapitalistischen) Gesellschaft. Nicht zuletzt das macht, wie gezeigt werden soll, den Kern der Philosophie aus, die dadurch - als Kritikerin alles Bestehenden in seiner Gesamtheit - Ideal und Wirklichkeit menschlichen Lebens, gesellschaftliche Verhältnisse und die Grundlagen aller Dinge unversöhnlich zu untersuchen, zu erkennen und zu kritisieren und damit den kategorischen Imperativ nach Marx zu verwirklichen sucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biographischer Kontext und Ausgangslage
3. Philosophie im Vergleich zur Einzelwissenschaft
4. Kritik als gesellschaftliche Funktion
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Der Essay untersucht Max Horkheimers Aufsatz „Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie“ aus dem Jahr 1940, um zu analysieren, inwiefern Philosophie auch unter den Bedingungen gesellschaftlicher Krisen ihre Rolle als kritische Instanz wahren kann und weiterhin von hoher Relevanz bleibt.
- Horkheimers Verständnis der Philosophie als „Kritik des Bestehenden“
- Abgrenzung der kritischen Theorie gegenüber der instrumentellen Einzelwissenschaft
- Der Einfluss des historischen Kontextes (Exil, Nationalsozialismus) auf Horkheimers Denken
- Die notwendige Verbindung von Theorie und Praxis zur gesellschaftlichen Veränderung
- Reflexion über die Gefahren der Unterordnung der Philosophie unter ökonomische oder technische Interessen
Auszug aus dem Buch
Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie
Die Einzelwissenschaften versuchen Probleme zu lösen, die sich aus dem Lebensprozess der jeweiligen Gesellschaft ergeben und dienen damit vorrangig der Bedürfnisbefriedigung der jeweiligen Gesellschaft. Somit bestehe für die Wissenschaft die Möglichkeit der Bereicherung des Lebens in seiner aktuellen Form, was nicht ausschließt, dass wissenschaftliche Untersuchungen, Forschung und Mühen jenseits von Bedürfnisbefriedigung der Menschen ablaufen können. Mit der Philosophie hingegen stehe es nun anders. Die gesellschaftliche Realität in ihrer Praxis gereiche ihr keinen Maßstab, an dem sie wohl ihren direkten Nutzen erweisen könne. Damit gerät die Philosophie quasi in einen Widerstreit mit der Realität. Unversöhnlich mit dem Bestehenden und hartnäckig gegen Urteile von Außen, was Horkheimer auch am Beispiel des Prozess gegen Sokrates deutlich zu machen sucht, der bekanntermaßen mit dem Schierlingsbecher endete, bewahre sich die Philosophie ihre Position als Kritikerin. Dieser Widerstand sei ihr immanent, was unmittelbar an der ihr eigenen Tendenz liege, „[...] den Gedanken nirgendwo abbrechen zu lassen und alle diejenigen Faktoren des Lebens einer besonderen Kontrolle zu unterwerfen, die gemeinhin als feste, unüberwindliche Kräfte oder ewige Gesetze gelten.“ Demnach richte sich die Philosophie gegen „[...] bloße Tradition und Resignation[...]“ in den existenziellen Fragen des Lebens, wobei, und das ist ein entscheidender Faktor, sie darauf insistiere, dass die menschlichen Beziehungen, Handlungen und Reaktionsweisen im gesellschaftlichen Leben eben keiner tradierten, das heißt gewohnheitsmäßigen und alltäglichen, und ebenso resignierten blinden Notwendigkeit folgen müssen. Klar erscheint, dass jene blinde Notwendigkeit, wie sie in der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft als bestimmend hervortritt, dem Individuum die Möglichkeit des Hinterfragens und der Kritik abschneidet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, inwiefern Horkheimers These der Philosophie als „Kritik des Bestehenden“ auch angesichts des historischen Kontextes des Exils Bestand hat.
2. Biographischer Kontext und Ausgangslage: Dieses Kapitel verknüpft Horkheimers persönliche Erfahrungen der Emigration und den Aufstieg des Nationalsozialismus mit der theoretischen Notwendigkeit einer kritischen Gesellschaftsanalyse.
3. Philosophie im Vergleich zur Einzelwissenschaft: Hier wird der Kontrast zwischen der zweckorientierten, an Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Einzelwissenschaft und der widerständigen, hinterfragenden Philosophie herausgearbeitet.
4. Kritik als gesellschaftliche Funktion: Das Kapitel erläutert die zentrale Bedeutung der Theorie-Praxis-Verflechtung, bei der die Philosophie gesellschaftliche Widersprüche aufdeckt, um eine Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen anzustreben.
5. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert die Aktualität von Horkheimers Gedanken und unterstreicht die bleibende Aufgabe der Philosophie, gegen ein "erniedrigtes" Dasein des Menschen zu intervenieren.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Max Horkheimer, Gesellschaftstheorie, Philosophie, Kritik des Bestehenden, Ideologiekritik, Einzelwissenschaft, Emanzipation, Dialektik der Aufklärung, Kapitalismus, Vernunft, Theorie und Praxis, Nationalsozialismus, Individuum, soziale Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dem Essay grundlegend?
Der Essay analysiert Max Horkheimers Verständnis von Philosophie als eine notwendige kritische Instanz innerhalb einer Gesellschaft, die dazu tendiert, das Individuum zu unterdrücken.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Philosophie zu den Einzelwissenschaften, die Funktion der Kritik, die Bedeutung der Aufklärung sowie der historische Kontext des Nationalsozialismus.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die zentrale Frage ist, inwieweit die Philosophie ihre Rolle als „Kritik des Bestehenden“ in einer Zeit gesellschaftlicher Krise und ideologischer Barbarei ausfüllen kann.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Der Essay nutzt eine hermeneutische Herangehensweise, indem er Horkheimers Aufsatz in den biographischen Kontext des Exils stellt und ihn mit weiteren Werken der Kritischen Theorie, insbesondere der „Dialektik der Aufklärung“, verknüpft.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Im Hauptteil steht der Gegensatz zwischen der anpassungsfähigen Einzelwissenschaft und der unversöhnlichen, kritischen Philosophie sowie die Analyse des menschlichen Fortschrittsbegriffs im Fokus.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Zu den Schlüsselbegriffen gehören Kritische Theorie, Emanzipation, Vernunft, Gesellschaftskritik und die Rolle des Intellektuellen.
In welchem Verhältnis stehen Philosophie und Einzelwissenschaft laut Horkheimer?
Während Einzelwissenschaften technische Probleme zur Bedürfnisbefriedigung lösen, fungiert die Philosophie als eine Instanz, die diese Prozesse und die gesellschaftliche Realität als Ganzes hinterfragt.
Warum bezieht sich der Text explizit auf den Prozess gegen Sokrates?
Der Prozess gegen Sokrates dient als historisches Beispiel dafür, dass die Philosophie sich durch ihre kritische Haltung gegenüber bestehenden Mächten zwangsläufig in einen Widerstreit mit der Realität begibt.
- Arbeit zitieren
- René Haase (Autor:in), 2011, Zu: Max Horkheimer "Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198067