Papst Pius XII. hat schon 1951 in einer Ansprache an die Mitglieder des „Verbandes katholischer Hebammen Italiens“ auf die Bedeutung der Hebamme hingewiesen. Er betonte bereits damals, dass die Arbeit einer (freiberuflichen) Hebamme mehr beinhaltet als die Vor- und Nachsorge und dass sie einen erheblichen Einfluss auf die Schwangeren sowie die ganze Familie haben kann. In dieser Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, worin die Arbeit einer Hebamme besteht und was sich daraus für Normen und Werte unserer Gesellschaft schließen. Konkret möchte ich folgende Frage bearbeiten: Wie sieht der Alltag einer freiberuflichen Hebamme heute aus? Brigitta Schmidt Lauber empfiehlt in ihrem Aufsatz „Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens“ „die besondere Nähe zu den Forschungsobjekten“ zu suchen, um den Alltag und deren Handlungsmuster beobachten und deuten zu können. Also habe ich mich für eine Feldforschung, ein Interview mit einer freien Hebamme, entschieden. Meine angewandte Technik kommt dem von Schmidt-Lauber beschriebenen „offenen Interview“ sehr nahe, die Gesprächssituation war entspannt und wird im Verlauf der Hausarbeit noch beschrieben. In eben diesem Interview beschreibt die Hebamme ihren Alltag und bewertet gleichzeitig ihre Arbeit mit den Schwangeren und alles, was darüber hinausgeht. Wie zum Beispiel ihre Funktion innerhalb der Familie, ihr Einfluss auf die Gesundheit und den Partner der schwangeren Frau. Ich betone den Teil, der über das Fachgebiet Geburt und Schwangerschaft hinausgeht besonders, denn dies zu analysieren und zu bewerten soll einen weiteren Teil dieser Arbeit ausmachen.
Was lässt sich aus der aktuellen Arbeit einer Hebamme über die heutige Kultur und unser Denken über Schwangerschaft, Geburt und Gesundheit ableiten? Eine für die Kulturanthropologie sehr interessante Frage, da der Beruf der Hebamme sehr traditionell ist, das heißt auch viele Werte in Bezug auf Schwangerschaft, Geburt und Frauenbild weitergibt. Ricarda Scherzer bezeichnet die Hebamme als „Trägerin lebensweltlichen Wissens“ , das heißt in ihrem Arbeiten finden sich sowohl Anzeichen für Tradition, als auch die gegenwärtige Kultur. Somit wäre die Hebamme ein Indikator für sozialen und kulturellen Wandel, Hebammengeschichte wäre auch gleich Zeitgeschichte. Dies zu erforschen soll Teil dieser Hausarbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Forschungskontext
2 Hauptteil
2.1 Forschungsdokumentation
2.2 Analyse des Interviews
2.2.1 Der Arbeitsalltag
2.2.2 Die „Gesundheitserzieherin“
2.2.3 Die Ratgeberin
2.3 Einordnung in den geschichtlichen Kontext
3 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, den gegenwärtigen Arbeitsalltag einer freiberuflichen Hebamme zu beleuchten und zu untersuchen, inwiefern dieser Beruf als Indikator für sozialen und kulturellen Wandel in unserer Gesellschaft dienen kann, wobei insbesondere das Verhältnis zwischen Hebammenarbeit und moderner Medizin sowie veränderte Rollenbilder im familiären Kontext analysiert werden.
- Alltag und Selbstverständnis freiberuflicher Hebammen
- Die Hebamme als „Gesundheitserzieherin“ und Ratgeberin
- Spannungsfeld zwischen Hebammenkunst und Medikalisierung
- Veränderte Rollenbilder und zunehmende Einbindung von Vätern
- Historische Einordnung des Hebammenberufs und kultureller Wandel
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Der Arbeitsalltag
Zuerst möchte ich hier auf die Textstelle eingehen, die den Arbeitsalltag von Frau Mißmahl beschreibt. Meine Frage war offen formuliert und ließ ihr viel Raum, sich frei zu äußern. Ihren Arbeitsalltag beschreibt sie wie folgt:
„Das heißt, wenn alles normal läuft ohne Probleme, fängt mein Tag gegen acht Uhr mit telefonischer Beratung an in der Praxis, das heißt, das sind Termine mit Beratungsgesprächen, mit (hm) Schwangeren und den Ehemännern dazu (ähm)…ganz neue Frauen, die mich erst mal kennen lernen wollen, die erst mal wissen wollen, wie die (ähm) Beratung aussieht. Das ist also so’n Beratungsgespräch, dann gibt es Ernährungsberatung (…) und dann natürlich halt flexible Termine (…) [zum Beispiel] Schwangere mit Beschwerden. (…) Danach fahre ich meistens auf Hausbesuche. Das heißt ich besuche die Frauen zuhause. (…) Meistens versuche ich dann Spätnachmittags dann erst mal eine Pause zu machen um dann abends nochmal mit den Kursen zu starten.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung des Hebammenberufs ein, definiert die Forschungsfrage nach dem Alltag einer freiberuflichen Hebamme und stellt den Bezug zur Kulturanthropologie sowie zur historischen Entwicklung des Berufsbildes her.
1.1 Forschungskontext: Dieser Abschnitt beschreibt den Prozess der Medikalisierung seit dem 18. Jahrhundert, der zu einer Verwissenschaftlichung der Geburtshilfe führte und das Berufsbild der Hebamme grundlegend veränderte.
2 Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Dokumentation der Feldforschung, die Analyse von Interviewausschnitten und die Einordnung der Ergebnisse in den geschichtlichen Rahmen.
2.1 Forschungsdokumentation: Hier werden die Rahmenbedingungen der Feldforschung erläutert, insbesondere das Interview mit der freiberuflichen Hebamme Rita Mißmahl und der methodische Ansatz.
2.2 Analyse des Interviews: Dieser Abschnitt wertet die Aussagen des Interviews detailliert aus, wobei der Fokus auf dem Arbeitsalltag, der Beratungsrolle und dem sozialen Umfeld liegt.
2.2.1 Der Arbeitsalltag: Diese Analyse beleuchtet die Flexibilität und die verschiedenen Tätigkeitsfelder im Tagesablauf einer Hebamme, von der Sprechstunde bis zu Hausbesuchen.
2.2.2 Die „Gesundheitserzieherin“: Hier wird die Rolle der Hebamme als Vermittlerin von Gesundheit, Ernährung und Lebensstil sowie der Konflikt zur rein medizinisch-technischen Sichtweise thematisiert.
2.2.3 Die Ratgeberin: Dieses Kapitel betrachtet die umfassende Begleitung der Frau in allen Lebenslagen und die wachsende Bedeutung der Hebamme als Stütze für die gesamte Familie.
2.3 Einordnung in den geschichtlichen Kontext: Dieser Teil ordnet die Erkenntnisse in die Geschichte des Hebammenwesens ein und vergleicht das moderne Berufsbild mit dem traditionellen „lebensweltlichen Wissen“ früherer Generationen.
3 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Hebamme eine zentrale Lotsenfunktion einnimmt und ein Indikator für den kulturellen Wandel hin zu mehr Natürlichkeit ist.
Schlüsselwörter
Hebamme, freiberuflich, Kulturanthropologie, Schwangerschaft, Geburt, Medikalisierung, Gesundheitserziehung, Lebensweltliches Wissen, Familienbetreuung, Geburtskultur, Sozialer Wandel, Beratung, Hausbesuche, Tradierung, Medizinalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Alltag einer freiberuflichen Hebamme und analysiert, inwiefern dieser Beruf Einblicke in den sozialen und kulturellen Wandel unserer Gesellschaft in Bezug auf Schwangerschaft, Geburt und Gesundheit bietet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Hebamme als Ratgeberin und Gesundheitserzieherin, den Einfluss der Medikalisierung auf die Geburtskultur sowie die sich wandelnden familiären Strukturen und Geschlechterrollen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Beruf der Hebamme als Indikator für gesellschaftliche Werte zu verstehen und aufzuzeigen, wie Hebammen heute in einem Spannungsfeld zwischen traditionellem Wissen und moderner Medizin agieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer qualitativen Feldforschung, namentlich einem offenen Interview mit einer freiberuflichen Hebamme, das in Verbindung mit einer Literaturanalyse ausgewertet wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Rahmenbedingungen des Interviews dokumentiert, der Arbeitsalltag der Hebamme analysiert, ihre Rolle als Gesundheitserzieherin und Ratgeberin beleuchtet und eine historische Einordnung in den Kontext der Medikalisierung vorgenommen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Hebamme, Medikalisierung, Gesundheitserziehung, Lebensweltliches Wissen, Geburtskultur und Sozialer Wandel.
Wie verändert sich die Rolle des Vaters in der Schwangerschaftsbegleitung?
Das Interview verdeutlicht, dass Väter heute sehr viel stärker in Themen wie Verhütung, Schwangerschaft und Gesundheit involviert sind, was den Arbeitsbereich der Hebamme erweitert und zu einer familienorientierten Betreuung führt.
Welcher Konflikt besteht zwischen der Arbeit der Hebammen und der Schulmedizin?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Hebammen versuchen, Schwangerschaft als natürlichen, gesunden Prozess zu betrachten, während die Schulmedizin häufig nach Komplikationen sucht und pathologisiert, was zu einem professionellen Konkurrenzverhältnis führt.
- Arbeit zitieren
- Maren Mißmahl (Autor:in), 2011, Der Alltag einer freiberuflichen Hebamme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198075