Der Kampf der Arminius-Koalition gegen Rom

Der Römisch-Germanische Krieg 9-16 n. Chr.


Fachbuch, 2012

429 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Römisch-Germanische Krieg 9-16 n. Chr. - Einleitung

Der Krieg der Arminius-Koalition gegen Rom 9-16 n. Chr. Quellensituation

Fragestellung und Forschungsstand

Arbeitsverfahren

Germanien vor 9 n. Chr
Definition „Germanien“ 20 Zur geopolitischen Lage Germaniens
Die römische Germanienpolitik bis zur Varusschlacht Phase 1: Von Caesar bis Lollius
Die clades Lolliana
Die Eroberung des Alpenvorlandes 15 v. Chr.
Der Aufenthalt des Augustus in Gallien (16-13 v. Chr.)
Ausgangssituation im Jahre 12 v. Chr.
Phase 2: Germanienoffensive 12-8 v. Chr.
12 v. Chr. 34
11. v. Chr. 34
10 v. Chr. 35
9 v. Chr. 35
8 v. Chr.
Bestandsaufnahme der Feldzüge 12-8 v. Chr.
Phase 3: 1. Friedensphase 7 v. - 1 n. Chr.
Die Statthalterschaft des L. Domitius Ahenobarbus
Die vertriebenen Cherusker 1 n. Chr.
Phase 4: 2. Offensivphase 1-6 n. Chr.
Das „immensum bellum“
Der Feldzug gegen die Markomannen 6 n. Chr.
Phase 5: 7-9 n. Chr. (2. Friedensphase)

Die römische Herrschaftsorganisation in Germanien 9 n. Chr.

Germanien im Jahre 9 n. Chr.
Etappenstationen
Wachtposten
Anlage von Basislagern
Verbündete Germanenstämme
Römische Ansiedlungen in Germanien
Haltern
Waldgirmes
Römischer Bergbau im rechtsrheinischen Germanien
Gefährdung derOrdnung
Die Formen derMachtausübung

Die Person des Varus
Varus vor dem Jahre 7 n. Chr.
Persönlichkeit
Die Beurteilung des Varus
Die Statthalterschaft des Varus

Arminius
Lebensdaten
Name
Familie
Die Darstellung des Arminius in den Quellen
Lebenslauf bis zur Varusschlacht
Die Ziele des Arminius
Die Wege zur Verwirklichung des Zieles
Zur Romkritik des Arminius
Rekonstruktion des Lebenslaufes des Arminius (Zusammenfassung)

Die Motive der aufständischen Germanen

Die prorömischen Faktionen bei den aufständischen Stämmen

Die innenpolitisch-militärische Situation Roms um 9 n. Chr.

Die Varusschlacht
Vorbemerkung
Der Aufbau der Varusschlacht
Die 4 historiographischen Behandlungen der Varusschlacht
Zur Bezeichnung „clades Variana“ (Varusschlacht)
Zur Stärke des Arminius-Heeres
Die politische Parteinahme der Germanenstämme
Die Situation des römischen Heeres 9 n. Chr.
Die Legionen des Varus
legio XVII
legio XVIII
legio XIX
War die legio I bei Kalkriese?
Fazit

Der Plan der aufständischen Germanen

Hat Segestes Varus gewarnt?

Lagerüberfall oder Marschschlacht?

Das Datum der Schlacht

Die clades Variana bei Kalkriese
Die Örtlichkeit der Varusschlacht
Die Hypothese des Theodor MOMMSEN
Die Ausgrabungen von Kalkriese
Die Schlachtfeldarchäologie bei Kalkriese
Ad ultimos Bructerorum
Wo lag die „Teutoburg“?
Aufbruch des Varus
Das „Sommerlager“ des Varus
Zug in westlicher Richtung
Zug von Südosten her
Kalkriese - Der Ort
Die Rasensoden-Mauer
Der Weg durch den Engpaß
Die Topographie des Schlachtfeldes
Der plötzliche Überfall
Der erste Kampftag
Die Situation der Römer beim ersten Angriff
Die Situation der Germanen beim ersten Angriff
Der erste Angriff
Das erste Lager
Der zweite Kampftag
Das zweite Lager
Der dritte und letzte Kampftag
Die Teilung des römischen Heeres
Die Leiche des Varus
Die Verlustzahlen
Das Schicksal der Gefangenen
Bilanz
Die Schlachtstätte von Kalkriese nach dem Kampf

Die Belagerung von Aliso

Das Aliso-Problem

MOMMSEN und Aliso
Fazit

Weitere Geschehnisse kurz nach der Varusschlacht
Das Verhalten des Asprenas
Die Legionsadler
Der Kopf des Varus
Der Eindruck der Niederlage auf Augustus
Die Auswirkungen der Varusschlacht auf die Germanienpolitik des Augustus

Tiberius am Rhein 10-12 n. Chr.
Das Jahr 10 n. Chr
Das Jahr 11 n. Chr.
Das Jahr 12 n. Chr.
Das Jahr 13 n. Chr.
Bilanz der Jahre 10-14 n. Chr.

Germanicus als Oberkommandierender der Rheinfront

Die Truppen des Germanicus

Die Meuterei der Rhein-Legionen 14 n. Chr.

Der Einfall des Germanicus in das Gebiet der Marser 14 n. Chr.
Ausgangslage
Der Marserfeldzug
Die Schlacht auf dem Rückweg
Phase 1
Phase 2
Phase 3
Militärisches Ergebnis
Reaktion des Tiberius
Wirkung / Interpretation
Tacitus
Cassius Dio
Fazit
Marser-Feldzug und bellum iustum

Der Frühjahrsfeldzug des Jahres 15 n. Chr.
Der erste Krieg gegen die Chatten
Der zweite Zug gegen die Marser
Castellum in monte Tauno
Die „Mattiumfrage“
Altenburg bei Niedenstein
Dünsberg bei Gießen
Der Führungszwist bei den Cheruskern 15 n. Chr.
Zwischenbilanz

Der Sommerfeldzug an die obere Ems 15 n. Chr.
Der Besuch des Schlachtfeldes derclades Variana
Die „unentschiedene“ Schlacht („Schlacht von Barenau“)
Schlacht an denpontes longi
Örtlichkeit der pontes longi
Ausgangslage
Der erste Kampftag
Nacht vom zweiten zum dritten Tag
Dritter Tag
Der Angriff der Germanen
Der Lagerbau
Panik bei den Römern
Caecinas Plan
Abwehr des Germanensturms auf das Lager
Fazit
Militärische Analyse
Zur Überlieferung der Schlacht
Der Rückweg des Vitellius
Fazit der Feldzüge des Jahres 15 n. Chr.

Die Germanien-Feldzüge des Germanicus 16 n. Chr.
Germanicus neue Strategie
Der Bau einer Transportflotte
Der zweite Feldzug gegen die Chatten
Wiederherstellung des Drususaltars
An der Emsmündung
Die Schlacht am Weserübergang
Der Übergang über die Weser
Militärische Analyse
Das Nammer Lager
Die Schlacht in der Weserebene Idistaviso
Die Aufstellung der Germanen
Die Marschordnung der Römer
Phase 1
Phase 2
Zwischen Phase 2 und 3
Phase 3
Schlußphase
Analyse
Nahm Tiberius diese 8. Akklamation an?
Die Schlacht am Angrivarierwall
Der Ort
Die Aufstellung der Germanen
Die Schlacht
Epilog
Fazit
Der Angrivarierwall bei Leese
Die Flottenkatastrophe 16 n. Chr.

Der Herbstfeldzug 16 n. Chr.
Der dritte Chattenfeldzug
Der dritte Marserfeldzug

Fazit der Germanicus-Feldzüge 16 n. Chr.

Die Abberufung des Germanicus 16 n. Chr.
Der Gegensatz zwischen Tiberius und Germanicus
Die Abberufung des Germanicus
Maßnahmen und Regelungen 16/17 n. Chr.
Die Rheingrenze - warum?

Der Triumph des Germanicus 17 n. Chr.
Die römische Propaganda

Die Germanienpolitik des Tiberius nach 16 n. Chr.

Die Germanienpolitik von Caligula bis Domitian
Caligula
Domitian

Zusammenfassung: Die römische Germanienpolitik 16 v. - 85 n. Chr.
Phase 1: „Politik des Treibenlassens“ (bis 16 v. Chr.)
Provinzialisierung Galliens
Vorverlegung der Legionen (ab 19/18 v. Chr.)
Phase 2: 1. Offensivphase / „Vorwärtsverteidigung“ (12-8 v. Chr.)
Phase 3: 1. Friedensphase (7 v. Chr.-1 n. Chr.)
Phase 4: 2. Offensivphase (1-6 n. Chr.)
Phase 5: 2. Friedens- und Romanisierungsphase (7-9 n. Chr.)
Phase 6: Der Römisch-Germanische Krieg (9-16 n. Chr.)
Phase 7: „Verzicht“ auf „Germanien“ (16/7-37 n. Chr.)
Phase 8: Von Caligula bis Domitian
Schlußfolgerung
Epilog: Abberufung des Germanicus-Zäsur oder nicht?

ANHANG
Stammtafeln
Der Vergleich der römischen und germanischen Waffen
Die mutmaßlichen Perioden des Lagers von Haltern
Das Problem Kneblinghausen

Bibliographie
Quellensammlungen
Inschriftensammlungen
Abkürzungen der Quellen
Primärquellen
Sekundärquellen

Die Quellen zum Römisch-Germanischen Krieg

Abkürzungen der Handbücher und Quellensammlungen
Abkürzungen der Zeitschriften und Reihen
Literatur

Vorwort

Die Ergebnisse der laufenden Ausgrabungen in Kalkriese versetzen uns in die Lage, die Ereignisse der Varusschlacht zunehmend detaillierter nachzuvollziehen. Denn in erster Linie sind es archäologische Zeugnisse, welche neue Bausteine zur Rekonstruktion der Geschichte zwischen Römern und Germanen liefern. Gerade in der jüngeren Vergangenheit sind überraschende Entdeckungen gemacht worden, die in mancherlei Hinsicht unsere Vorstellungen von den Beziehungen zwischen Römern und Germanen modifiziert haben. Dieses betrifft auch - und nicht zuletzt - die Einschätzung der römischen Germanienpolitik mit der Frage nach dem Verhältnis von Gewolltem, vielleicht auch Gesolltem und letztlich Erreichtem.

Im Hinblick auf die historische Einordnung ist allerdings noch vieles offen und umstritten, neue Problemhorizonte haben sich aufgetan, viele Fragen sind nach wie vor ungelöst.

In diesem Buch werden über die Feldzüge des Arminius die neuesten archäologischen Befunde mit den Berichten der antiken Historiker verglichen. Weder archäologische Überreste noch antike Texte erklären sich von selbst. Beide Informationsarten müssen in eine Erzählstruktur eingepaßt werden, damit sie einen nachvollziehbaren Sinn ergeben.

Die meisten Historiker und Archäologen konzentrieren ihre Forschungs- und Publikationsbemühungen auf spezielle Fakten und in engen Kreisen diskutierte Fragen. In unserer heutigen Zeit der enormen Spezialisierung in der akademischen Welt ist es für jeden professionellen Wissenschaftler schwierig, ein „Gesamtbild“ über den Römisch- Germanischen Krieg 9-16 n. Chr. zu entwickeln, da es sich um ein „Schnittmengenthema“ handelt (Alte Geschichte, Klassische Philologie, Rheinische Provinzialarchäologie, Experimentalarchäologie, Vor- und Frühgeschichte, Numismatik, Militärwissenschaften, Sprach- u. Literaturwissenschaft, Geologie u.a.). Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist hierzu unumgänglich.

Was oft übersehen wurde, bei dem Römisch-Germanischen Krieg 9-16 n. Chr. handelt es sich um eine hochpolitische und hochmilitärische Angelegenheit. Man muß sich in die Person eines hochrangigen Politikers und Militärs hineinversetzen können und seine Gedankengänge zu rekonstruieren versuchen, wobei die schriftlichen Überlieferungen und die archäologischen Überreste als Indizien dienen.

Ich habe nun dieses Wagnis unternommen, wohl wissend, daß man es nie allen gerecht machen kann. Exakt über diesen Krieg habe ich im Hauptfach Alte Geschichte promoviert, in meinem Nebenfach Klassische Archäologie waren mein Spezialgebiet römische Militaria. Während meines Wehrdienstes bei der Bundeswehr war ich in Rheine stationiert und habe damals die Örtlichkeiten des Wiehengebirges auch unter militärischen Gesichtspunkten kennengelernt. Am internationalen Kongreß „Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese“ vom 02.09.-05.09.1996 in Osnabrück habe ich teilgenommen. Über 80.000 Seiten Fachliteratur mußten durchgearbeitet werden, damit vorliegendes Werk entstehen konnte.

Der Römisch-Germanische Krieg 9-16 n. Chr. - Einleitung

Der Krieg der Arminius-Koalition gegen Rom 9-16 n. Chr.

Der Römisch-Germanische Krieg, d. h. der Krieg der germanischen Koalitionsarmee unter Arminius gegen das Römische Reich, begann 9 n. Chr. mit einem „Paukenschlag“, als eine Koalitionsarmee unter Arminius unter Ausnützung des Überraschungsmomentes 3 der insgesamt 28 römischen Legionen vernichtete. Der Schock war gewaltig, die Beinahe-Provinz Germania löste sich in nichts auf, das Prestige Roms wurde in dieser Region nachhaltig erschüttert. Mühsam und äußerst vorsichtig konsolidierte Tiberius Schritt für Schritt die Rheinarmee. Rom mußte allein schon zur Rettung seines Rufes und zur Rechtfertigung seiner Vorherrschaft die formelle Unterwerfung der Aufständischen erreichen; die Eroberung und Errichtung einer rechtsrheinischen Provinz spielten bestenfalls nur noch eine untergeordnete Rolle. Allein schon um einen Abfall Galliens, das für Rom eine wesentlich größere Rolle spielte als Germanien, zu vermeiden, mußte man die Aufständischen bestrafen.

Da Tiberius als neuer Princeps sich um die Herrschaft in Rom kümmern mußte, trat sein Adoptivsohn Germanicus das Oberkommando am Rhein an. Diesem gelang trotz gewaltiger Anstrengungen und dem Aufgebot eines Drittels der römischen Streitkräfte innerhalb zweier Jahre weder die formelle Unterwerfung des Arminius noch dessen entscheidende Schwächung. Die Germanicus-Feldzüge fanden in dem Raum östlich des Rheins, nördlich des Mains, westlich der Elbe und südlich der Nordsee statt, also auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen. In der Koalitionsarmee des Arminius kämpften Krieger aus mindestens 11 Stämmen. Aber auch in der Streitmacht des Germanicus dienten Germanen (Bataver, Chauken, Friesen und Ubier). Von einem Volkstumskampf kann daher keine Rede sein!

Vor dem Jahre 9 n. Chr. kämpfte Rom nur gegen einzelne Germanenstämme, in den Jahren 9- 16 n. Chr. aber gegen eine germanische Koalitionsarmee, der nahezu sämtliche Stämme südlich der Chauken, östlich des Rheins, nördlich des Mains und westlich der Weser angehörten.

Arminius konnte sich gegen Rom klar behaupten. Er war sogar noch stark genug, anschließend den Markomannenkönig Maroboduus zu besiegen. Das römische Kriegsziel war somit nicht erreicht worden. Aber immerhin, Rom stand besser da, als unmittelbar nach der Varusschlacht im ersten Schock zu befürchten war. Dies reichte bereits zu einem Triumph (17 n. Chr.). Aber die Römer waren noch weit entfernt von dem, was sie vor der VarusKatastrophe erreicht hatten.

Es war nun an die Propagandisten die Aufgabe gestellt, aus einer deutlichen Lageverschlechterung einen Sieg zu konstruieren. Zuerst wurde die clades Variana zu einem eigenen Krieg erklärt, an deren Niederlage Varus allein schuld war. Infolgedessen begann der Krieg offiziell erst im Jahre 10 (so bei Velleius Paterculus). Die offizielle Propaganda reduzierte noch weiter. Nach der Tabula Siarensis hätte Germanicus Gallien vor den Germanen gerettet und mit der Rückgewinnung der Feldzeichen auch die clades Variana gerächt. Die Germanicus-Feldzüge der Jahre 15 und 16 wurden schließlich bei Tacitus zu einem eigenen Krieg erklärt, wobei die Propaganda besonders die Rückgewinnung der aquilae1 als Anlaß für einen Triumph verwenden konnte. Aus einer Verschlechterung der politisch-militärischen Lage an der Rheinfront war so ein „glänzender Sieg“ geworden.

Quellensituation

Die Quellen sind neben den archäologischen Überresten die Grundlage dieser Arbeit. Empfohlen werden die Quellensammlungen von GOETZ / WELWEI, Band II, 46-1292 (geordnet nach den Themengebieten, in chronologischer Reihenfolge der Ereignisse) und von HERRMANN3(geordnet nach der Abfassungszeit der Quellen). Die wissenschaftlichen Einzelausgaben der Autoren sind aber für den Fachmann weiterhin vorzuziehen. Diese wurden auch hier benutzt.

Unser Wissen über die römisch-germanischen Beziehungen hängt selbstverständlich wesentlich von Umfang, Zuverlässigkeit und Eigenart der Quellen ab. Die antiken Historiker waren nicht nur von ihren eigenen ideologischen Vorgaben abhängig, sondern auch von den verfügbaren Nachrichten über das Geschehen, die sie in den Akten des Senats nachlesen oder unmittelbar den Verlautbarungen der Principes entnehmen konnten. Es fehlte in der Regel (Ausnahme: Velleius) an genauem Wissen um die konkreten Vorgänge in Germanien und die diesbezüglichen politischen Zielsetzungen des Princeps, es fehlte durchweg auch an einer die Einzelheiten zusammenfassenden Wertung aus anderer als der Sicht des Princeps. „Ein Zugang zu den im allgemeinen unter Ausschluß der Öffentlichkeit getroffenen Entscheidungen des Princeps und ihren zugrundeliegenden Motivationen, die ja nicht aktenkundig wurden, bestand im allgemeinen nicht“, so WIEGELS4.

Die Kriege zwischen Römern und Germanen wurden weniger um ihrer selbst willen als vielmehr wegen ihrer Exemplarität berichtet und gestaltet. Diese Konflikte wurden so ins Grundsätzliche gehoben. Dabei flossen viele Topoi ohne oder nur mit geringer Rücksicht auf die konkreten Einzelheiten in die Berichte ein5. Gerade bei sog. „Feldherrenreden“ ist große Vorsicht angebracht!

Die Interpretation der Quellen wird stets die zugrundeliegenden Vorstellungen der Autoren zu betrachten haben und diese nicht ohne weiteres mit den tatsächlichen Zielsetzungen und realen Vorgängen gleichsetzen dürfen. „Auch bei den Berichten, die wegen ihrer Detailliertheit besonderes Vertrauen in ihren Realitätsgehalt erwecken, ist man gut beraten, mindestens die Möglichkeit einzuräumen, daß in ihnen topische und damit fiktive Elemente eingewoben sind, was die Rekonstruktion genau umrissener Sachverhalte und Abläufe allein aus derartigen Quellen mit einigen Risiken belastet. Grundsätzlich bleibt vieles unklar oder es fehlt schlicht an zuverlässigen Nachrichten, die auch noch so scharfsinniger Historikerverstand nicht zweifelsfrei herbeiinterpretieren kann“, so WIEGELS6.

Bei der Darstellung der antiken Autoren sind folgende Gesichtspunkte interessant:

-Woher haben sie ihre Kenntnisse?
-Was ist ihre Absicht bei der Verfassung ihrer Werke?
-Kannten sie Germanien aus persönlicher Anschauung?
-Verfügten die Autoren über Fachkenntnisse, d.h. konnten sie ihre eigenen Vorlagen kritisch hinterfragen? Dies spielt besonders eine Rolle bei der Beurteilung, ob Varus direkt in seinem Lager (Florus) oder auf dem Marsch (Cassius Dio) von den Germanen überfallen wurde. Antiken Autoren und militärischen Fachleuten ist die Schwäche der Germanen bei der Belagerung von Stützpunkten hinlänglich bekannt!

Strabon7, ein Zeitzeuge, beschreibt eingehend den Triumph des Germanicus8. Dieser gilt nicht nur als äußeres Ende des Krieges, sondern bedeutet ihm darüber hinaus das Zeichen dafür, daß das Kriegsziel erreicht ist. Dieses könne demnach nur die Rache für diecladesVarianagelautet haben. Damit übernimmt Strabon die offizielle Sprachregelung: Der Krieg sei beendet, die Feinde seien besiegt9.

Velleius Paterculus10liefert für die germanischen Geschehnisse ab 4 n. Chr. einen gut recherchierten Bericht, dessen Schilderung der Varusschlacht eine nicht unbeträchtliche Detailkenntnis verrät11. Für den unmittelbaren Zeitgenossen Velleius Paterculus geht es zwischen 10-16/7 n. Chr. um einen einzigen, zusammenhängenden Germanien-Krieg (von der Rheinlinie aus), zunächst unter dem Oberkommando des Tiberius, dann unter der kontinuierlichen Fortführung seines Adoptivsohnes Germanicus12. Die Feldzüge des Germanicus gehören für ihn zu einem germanischen Krieg, den Tiberius konzipiert und begonnen hatte.

Cornelius Tacitus13beschreibt in seinen Annalen den germanischen Krieg eingehend. Von den zeitgenössischen Autoren unterscheidet sich Tacitus gerade durch seine bittere Kritik am Ausgang des Krieges. Hinsichtlich seiner verwendeten Quellen in Bezug auf die Germanicusfeldzüge sind keine sicheren Angaben möglich. Sowohl Aufidius Bassus14als auch Plinius d. Ältere15 werden als Quellen in Anspruch genommen. Für die Germanicusfeldzüge erlaubt die Darstellung des Tacitus nur bedingt eine sachliche Rekonstruktion der Ereignisse; vor allem die hinter den einzelnen Feldzügen stehenden Ziele und Absichten bleiben unklar16.

Der kompositorisch zentrale Aspekt der ersten beiden Bücher der Annalen des Tacitus ist der scharfe Gegensatz zwischen dem Helden Germanicus und dem Tyrannen Tiberius (Parallele zu Tacitus’ Schwiegervater Agricola und Domitian)17. Der Marserfeldzug nach der Niederschlagung der Meuterei der Rheinlegionen (Herbst 14 n. Chr.) wird zum eigentlichen Neubeginn sieg- und ruhmreicher römischer Offensiven gegen das rechtsrheinische Germanien. Auch erzeugt Tacitus die Vorstellung, daß Rom bereits unter Augustus das einzig ehrenvolle Ziel einer expansiven Wiederherstellung der römischen Herrschaft über Germanien (bis an die Elbe) definitiv aufgegeben habe. Für Tacitus - und nur für ihn- begann „der“ germanische Krieg im Herbst 14 und endete im Herbst 1618. „Aus der Natur der Sache ergab sich die Auffassung des Tacitus keineswegs“19. Die moderne Geschichtsschreibung ist ihm dennoch hierin z. T. gefolgt.

Florus20bietet von allen vier Autoren insgesamt die wenigsten Informationen. Die eigentliche clades Varianawird nur in zwei knappen Sätzen abgehandelt. Der Bericht ist in sich widersprüchlich. Ausgangspunkt für die Ereignisse als solche kann der Bericht des Florus nicht sein21.

Cassius Dio22 vermittelt als einziger eine wirkliche Vorstellung vom Geschehen der Varusschlacht23, nur er berichtet ebenfalls von einem Marsch und dem Angriff auf die durchs Land ziehenden Legionäre24. Auch gibt allein er Angaben vom politischen Handeln des Varus. Die Germanicusfeldzüge fand Dio im Gegensatz zu Tacitus nur indirekt erwähnenswert: als Ablenkungsmanöver während der Rebellion und als Material für den Triumph25. Die Feldzüge des Germanicus selbst gehörten für den Autor vermutlich aufgrund ihrer Erfolglosigkeit nicht zum „Erinnerungswürdigen“26. Cassius Dio stellt als primäres Kriegsziel des Germanicus die Rache für die clades Variana heraus. Dieses Ziel konnte bereits mit der glücklichen Rückgewinnung der erbeuteten Feldzeichen als erreicht gelten Der (erst 1984 publizierte) Dekrettext der Tabula Siarensis (CIL VI 31199) vom Dezember 19 n. Chr. ist eine unmittelbar zeitgenössische Quelle, die als offizielle Verlautbarung den (seit 16/17 n. Chr. wirksam gewordenen) römischen Verzicht auf die Okkupation Germaniens

- zumindest für die Regierungszeit des Tiberius - unmißverständlich signalisiert. Anhand dieser Quelle läßt sich feststellen, daß Tacitus in seinem Bericht über die Gedenk- und Ehrenbeschlüsse vom Dezember 19 (Tac. ann. II 83) ebenso knapp wie überlegt auf dieactasenatuszurückgegriffen hat27.

Weder die antiken Autoren noch das Publikum besaßen Interesse an genauen topographischen Details, vielmehr besaß für sie das Allgemeine und Typische und eben darum das in einer bestimmten Situation leicht Vorstellbare und Eingängige Vorrang vor der Erkundung genauer Einzelheiten. Nur Weniges konnte dieses Wissen ergänzen, z. B. Kaufmannswissen oder persönliche Erfahrungen der Soldaten. Aber beides war begrenzt und drang kaum bis nach Rom und in die literarischen Zirkel vor. „Es sind also gegenüber der Zuverlässigkeit und Genauigkeit aller topographischen Angaben - etwa auch im Kontext militärischer Auseinandersetzungen - kritische Zurückhaltung und Vorsicht angebracht; insbesondere auch dann, wenn es sich um die Schilderung scheinbar genau beobachteter Einzelheiten handelt“, so WIEGELS28.

Hinsichtlich der Datierung der einzelnen Militäranlagen im rechtsrheinischen Gebiet ist festzuhalten, daß sich zumindest aus den literarischen Quellen keine Hinweise auf zu differenzierende Phasen ergeben: Einen Ausbau wie den von Haltern würde man auf ihrer Grundlage am ehesten für die Jahre ab 8 v. Chr. erwarten. Hier gilt es für die archäologische Datierung der Münzen und Keramikformen in Zukunft neben der chronologischen Interpretation auch stärker regionale Gesichtspunkte, d. h. Truppendiskolation, Zulieferungsformen und Zulieferungswege zu berücksichtigen und das derzeitige Chronologiesystem29noch einmal grundlegend zu überprüfen30. Bedenklich stimmt z. B., daß die Terra Sigillata in Haltern und Augsburg-Oberhausen weitgehend identisch ist, in Augsburg-Oberhausen aber ganze 3 (!) frühtiberische Münzen zu einer späteren Datierung zwingen. Ein solcher Befund könnte zu der Überlegung führen, Haltern - und somit auch etwa Kalkriese - bis in die Germanicus-Zeit zu datieren. Ein im rechtsrheinischen Germanien archäologisch und numismatisch gänzlich fehlender, jedoch aufgrund der raumgreifenden Vorstöße zu erwartender „Germanicus-Horizont“, die nach den literarischen Quellen naheligende Identifizierung Halterns mit Aliso, der dort gefundene Bleideckel mit der Inschrift „ex radice Britannica“ - einem nach dem detailreichen Bericht des Plinius (Plin. nat. XXV 20f.) erst unter Germanicus bekanntgewordenem Heilmittel - oder auch die Übereinstimmung der Geländesituation von Kalkriese mit dem Caecina-Hinterhalt von 15 n. Chr. (Tac. ann. I 64ff.) könnten weitere Argumente dafür bieten. Diese Hypothese eindeutig zu widerlegen, scheint nach WOLTERS eine ebenso vorrangige wie fruchtbare Aufgabe der Numismatik zu sein, die uns zumindest neue Klarheit über unsere Datierungsmöglichkeiten schaffen könnte31.

Fragestellung und Forschungsstand

„Es gibt wohl kaum ein Problem in der Alten Geschichte, über das so viel geschrieben und gestritten worden ist wie über die Örtlichkeit und den Verlauf der Varusschlacht“, so JOHN32. Zum Komplex „Arminius und die Varusschlacht“ sind schätzungsweise bis jetzt etwa 2.500 Bücher und Aufsätze veröffentlicht worden33. Die schriftlichen Quellen sind bekannt und von den Althistorikern und -philologen ausführlich behandelt worden34. Warum also noch ein weiteres Werk?

Die Masse der Literatur besteht nur aus Lokalisierungshypothesen (Ort der Varusschlacht), d.h. Spekulationen, die wissenschaftlich gar keinen oder höchstens geringen Wert besitzen. „Ein nicht geringer Teil dieser nicht-fachwissenschaftlichen Literatur argumentiert beinah in missionarischer Haltung und extrem unskeptischer Überzeugung, das Richtige gefunden zu haben“, so CALLIES35. Die populärwissenschaftliche Literatur krankt daran, antike Nachrichten direkt zu nehmen, ohne ihre Bedingungen einzukalkulieren bzw. zu diskutieren36.

Sonst sind nur die Frage nach der Person des Arminius (Nomenklatur, Stellung im römischen Heer, spekulative Identität mit Siegfried) sowie das Aliso-Problem (Haltern, Oberaden, bei Paderborn?) Gegenstand von Untersuchungen geworden.

In den letzten Jahren ist aber viel geschehen:

- Bei Kalkriese ist endlich der langgesuchte Schlachtort der Varusniederlage mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gefunden worden37. Die archäologischen Überreste erlauben die Rekonstruktion zumindest einiger Phasen der „Schlacht im Teutoburger Wald“. Die Ausgrabungen bei Kalkriese38 und die damit in Zusammenhang stehenden Osnabrücker Kolloquien führten zu einer Reihe von Sammelpublikationen39.
- In den letzten Jahrzehnten sind viele augusteische und frühtiberische Lager im heutigen Deutschland von Archäologen ausgegraben und erforscht worden40. Dies erlaubt einige Rückschlüsse auf die römische Germanienpolitik, die den schriftlichen Quellen nicht zu entnehmen sind. Auch für die Aliso-Frage ergeben sich neue Anhaltspunkte.
- Dank der experimentellen Archäologie verfügt die Wissenschaft mittlerweile erstmals über praktische Erfahrungen hinsichtlich des römischen Militärwesens. Besonderes Augenmerk kommen dabei den Forschungen von Marcus JUNKELMANN41 zu. Die Bezeichnungen folgender Militäreinheiten sind im Rahmen der experimentellen Archäologie wiederbelebt worden: Legio XXI Rapax (M. JUNKELMANN)42, Legio XVIII (M. JUNKELMANN), Ala II Flavia (M. JUNKELMANN)43, Legio VI Victrix (Römische Cohorte Opladen), Legio X Gemina (NL), Legio XIV Gemina Martia Victrix (US-Soldaten in Frankfurt/M., D. PETERSON), Legio IV Hispania (GB) und Legio XX Valeria Victrix (Ermine Street Guard)44.
- Mit der Tabula Siarensis sind die Ehrenbeschlüsse für Germanicus aufgefunden worden.
- Im letzten Jahrzehnt sind über die Eroberung Galliens, die zeitweilige Unterwerfung Germaniens, die Grenzen des Imperium Romanum und seine Beziehungen zu germanischengentesmehrere wichtige Arbeiten erschienen45.
- Die Arminius-Forschung hat ebenfalls Fortschritte erzielt46.
- Hinsichtlich der Feldzüge des Germanicus 15-16 n. Chr. sind als wichtigste Werke immer noch die von CHRIST47, KOESTERMANN48, v. PETRIKOVITS49 und TIMPE50 zu nennen. Neu hinzu kamen die Arbeiten von WOLTERS51 und BECKER52.

Das Wissen davon, wo und wie sich die Varusschlacht abgespielt hat, ist keineswegs belanglos, da mit ihm nach WIEGELS vielfältige weitere Forschungsprobleme verbunden sind53:

- Strategie und Taktik von Römern und Germanen;
- Formen der Herrschaftsorganisation und Sicherung der Römer im rechtsrheinischen Gebiet;
- die Grenzen des Wissens der Römer über Land und Leute;
- Fragen der Ausrüstung und militärischen Organisation von Römern und Germanen in augusteischer Zeit;
- Intensität der Erschließung des germanischen Raumes auf dem Wasser- und Landweg;
- Probleme der Zusammensetzung der Heeresverbände;
- Fragen der Herrschaftsstruktur und Stammesorganisation im germanischen Raum;
- Glaubwürdigkeit und Tendenzen in der literarischen Überlieferung zur augusteischen Germanienpolitik;
- unmittelbare und langfristige Konsequenzen des Kampfgeschehens; Geldzirkulation und Versorgung des römischen Heeres;
- Germanienpolitik und ihre Bedeutung im Kontext der römischen Reichspolitik;
- Fragen des Niederschlags eines Kampfgeschehens im archäologischen Material etc.

Alle diese Fragen werden in vorliegender Arbeit angemessen behandelt. Das gestellte Thema verlangt die nahezu gleichwertige Auswertung von schriftlichen Quellen und archäologischen Überresten. „Das ist einer der schwierigsten Felder der Altertumswissenschaften, soweit sie schriftliche Quellen und Archäologie gemeinsam berücksichtigt“, so v.SCHNURBEIN.54

Den archäologischen Überresten verdankt die Forschung gleichermaßen neue Einsichten und Erkenntnisse wie Problemstellungen. Aus sich selbst heraus können die archäologischen Funde keinen geschichtlichen Kontext herstellen, um den es dem Historiker vor allem geht. „Freilich sind sie ebensowenig vorschnell auf dem Hintergrund der literarischen Überlieferung zu interpretieren wie umgekehrt letztere nicht einfach auf der Folie vermeintlich handfester Befunde zu bewerten ist. Stattdessen sollten die Quellen jeweils zunächst aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus gedeutet werden, um sie dann zueinander in Beziehung zu setzen. Wechselseitige Infragestellung bietet dann die Chance weiteren Erkenntnisfortschritts“, so WIEGELS55.

Während die literarischen Quellen mit der Erwähnung zahlreicher besiegter germanischer Stämme eher auf ein weites raumgreifendes Vorstoßen Roms bis an die Elbe hinzuweisen scheinen, deutet der archäologische Befund mit den Lagern am Rhein und vorgeschobenen Positionen an der Lippe und in der Wetterau stärker auf eine defensive Konzeption: Ihre Anordnung scheint eher mit dem Modell eines vorgezogenen Grenzschutzes bzw. einer Kontrolle des Vorfeldes vereinbar56. Die Stützpunkte dienten als vorübergehend aufnahmebereite Stationen im Rahmen einer eher flexiblen Besatzungs- oder besser: Kontrollstrategie57. In jüngster Zeit haben jedoch neue archäologische Entdeckungen (Marktbreit, Kalkriese, Sparrenberger Egge, Nachgrabungen in den Lippelagern, Dorlar, Waldgirmes) unser archäologisches Bild von der militärischen Präsenz Roms im rechtsrheinischen Raum schlagartig intensiver und flächiger erscheinen lassen58. Die Münzfunde weisen auf eine relativ kontinuierliche und durchaus stärkere Anwesenheit von Römern in dem Gebiet zwischen Rhein und Weser hin, ja ermöglichen sogar einen Hinweis auf römische Vormarschwege59.

Ziele und Absichten der augusteischen Germanienpolitik sind nicht zweifelsfrei überliefert60. Die Terminologie (Grenze, Ende, Ziel, Raum bis zum Fluß) ist unklar. Auch wurden die römisch-germanischen Kriege unter der Leitung verschiedener Feldherren in unterschiedlichem Stil geführt61. WOLTERS spricht von einer „Politik des Treibenlassens“62, TIMPE von einer „schrittweisen Eskalation“63, LEHMANN von einer „umfassenden Vorbereitung und großräumigen strategischen Planung“64, MOMMSEN von einer langfristig vorausgeplanten Eroberung Germaniens zwischen Rhein und Elbe seit dem Jahre 16 v. Chr.65, HEUSS von einem „uneingeschränkten Imperialismus“ der Römer66, um nur einige Meinungen zu nennen.

Die eine Richtung in der Forschung (Th. MOMMSEN, R. SYME) geht davon aus, daß spätestens im Jahre 12 v. Chr. beim Beginn der Germanenoffensive unter Drusus der Plan vorlag, Germanien zu erobern und dabei die Reichsgrenze bis zur Elbe vorzuschieben67. Ziel dieser Offensivplanung soll die Sicherung Galliens und die Verkürzung der Nordgrenze des Reiches gewesen sein. Ein großer Teil der Literatur hat diese These übernommen68, ja geht sogar noch über MOMMSEN hinaus, indem sie Augustus praktisch unbegrenzte Eroberungsabsichten auch jenseits von Elbe und Donau unterstellt69. Für Sir Ronald SYME war dabei die Verkürzung der Kommunikationslinien, d.h. die Verbindung von östlichem und westlichem Reichsteil, das strategische Ziel70.

Die zweite Richtung (D. TIMPE, K. CHRIST) bezweifelt, daß schon 12 v. Chr. oder gar noch früher eine einheitliche auf die Elbe zielende Strategie vorlag. Diese sei vielmehr erst im Zusammenhang der römischen Reaktionen gegen germanische Aktionen in der Rheingegend schrittweise in das Gesichtfeld gekommen („schrittweise Eskalation“), gleichsam am römischen Aktionshorizont zunehmend aufgetaucht, dann allerdings mit der Elbe als Ziel71.

Eine dritte Richtung (K. W. WELWEI) leugnet überhaupt ein Konzept der Eroberung und versteht alle römischen Maßnahmen allein als Demonstrationen72.

Diese drei grundsätzlichen Positionen werden in der Forschung heute nebeneinander vertreten. Dann gibt es noch die Frage einer Zäsur in der Germanienpolitik durch die Abberufung des Germanicus 16 n. Chr. oder schon durch die katastrophale Niederlage des Varus.

Zu den Theorien über die Motive der römischen Expansion in Germanien:

Th. MOMMSEN sah in der Lollius-Niederlage „die nächste Veranlassung ... zur Aufnahme jener großen Offensive, die mit dem Raetischen Krieg 739 (15 v. Chr.) beginnend, weiter zu den Feldzügen des Tiberius in Illyricum und des Drusus in Germanien führte“.73 Th. MOMMSEN begründete die These, wonach im Jahre 16 v. Chr. der Beschluß zur Eroberung der zwischen Rhein und Elbe gelegenen Gebiete in der Absicht fiel, daß der Grenzverlauf „durch die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der mittleren Donau sich nähernde Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich verkürzt und verbessert“ worden wäre. Diese Konzeption zur Eroberung Germaniens, die an die Arbeit eines Generalstabes erinnert, ist nicht tradiert, sondern aus dem Ablauf der Ereignisse erschlossen. Diese Rekonstruktion setzt voraus, daß dem überlieferten Kriegsgeschehen notwendigerweise weitreichende Planungen vorausgingen; sie erkennt aber nicht, daß der Beginn der augusteischen Germanenkriege zunächst auf einzelne, räumlich eng begrenzte Konflikte beschränkt war, aus denen sich allmählich eine Folge schwerer Auseinandersetzungen entwickelte.74

Th. MOMMSENs These der langfristig vorausgeplanten Eroberung Germaniens setzte sich trotz vereinzelten Widerspruchs allgemein durch.75

Im Gegensatz zu den Werken der augusteischen Dichter vertritt Hans D. MEYER wohl am deutlichsten die These von der reinen Defensivpolitik des Augustus. Augustus habe nach ihm „mit Entschiedenheit die Außenpolitik auf eine grundsätzliche Defensive umgestellt“.76

Für einen unbeschränkten Imperialismus treten ein: A. HEUSS, C. M.WELLS.77Schon vorher hatte P. BRUNT eine auf der antiken Weltvorstellung fußende Berechnung von der Größe (bzw. Kleinheit) der Welt gegeben, die Augustus zu ihrer vollständigen Eroberung gereizt haben könnte.78A. HEUSS 306 vertritt dabei die Vorstellung von der „Schaffung einer Stromgrenze“ aus Rhein und Donau. K. BRINGMANN, der an der Germanienfront die Initiative von Augustus ausgehen läßt, unterscheidet zwischen einem ideologischen „Imperialismus“ und einer praktischen, „extensiv ausgelegten“ Sicherheitspolitik.79

K.-W. WELWEI vertritt einen römischen Weltherrschaftsgedanken, insofern die Herrschaft der Römer „die Existenz konkurrierender Mächte und Kraftzentren“ ausschlösse, doch spricht er korrekt von einer Weltherrschaftsideologie.80A. MEHL 464 vermeint sogar die geographische Eroberung der Welt als ein von Augustus gewolltes und auch realisierbares außenpolitisches Programm zu erkennen; das habe Augustus dann im Alter zwar auf die Flußgrenzen reduziert, jedoch durch die Aufrechterhaltung des Anspruchs der Weltherrschaft die Römer „in eine Welt des Trugs ... und des Selbstbetrugs“ geführt.81

Sir R. SYME dagegen verneinte vehement, daß die von Suet. Aug. 23 mit den Wortenmaioris infamiae quam detrimenti(„Bei der Lollianischen Niederlage war der Schimpf größer als der Verlust“) umschriebene Lollius-Niederlage die grundlegende Wende römischer Politik gegenüber den rechtsrheinischen Germanen eingeleitet habe. Für SYME war die Eroberung Illyriens und damit die gesicherte Verbindung zwischen dem östlichen und westlichen Reichsteil der zentrale Aspekt der augusteischen Politik an der Nordgrenze des Imperiums. Das eigentliche Ziel der römischen Politik sei die Verkürzung der Kommunikationslinien gewesen. Die Bedeutung der Lollius-Niederlage dürfe daher nicht überschätzt werden. Der groß angelegte Plan zur Durchführung der augusteischen Politik wurde erst ab 13 v. Chr. systematisch in Gang gesetzt: Agrippa sollte die Eroberung Illyriens im Jahre 12 vollenden, während Drusus vom Rhein her nach Germanien eindrang und Tiberius auf dem Balkan operierte.82

Die Theorie von der Verkürzung der Grenze wird auch von VITTINGHOFF vertreten: „Die Westpolitik wird nun von dem Grundgedanken geleitet, das Imperium zusammenzuschließen, geographisch abzurunden und ihm kürzere, gleichsam natürliche Grenzen zu geben“.83H. v. PETRIKOVITS vermutet, Agrippa und Augustus hätten geplant, „den einspringenden Winkel von Donau und Rhein zu verkürzen, etwa durch die Elblinie als Hypotenuse“.84Das Motiv der Bedrohung der Römer durch die Germanen betont u.a. H.-E. STIER.85

K. CHRIST hat demgegenüber nachgewiesen, daß Ziele und Absichten der augusteischen Germanienpolitik nicht zweifelsfrei überliefert sind. Die Feldzüge gegen die Raeter und Vindeliker des Jahres 15 v. Chr. könnten nicht als unmittelbare Auswirkung der Lollius- Niederlage in Betracht kommen, da diese Unternehmungen bereits durch die vorausgegangenen Kriegszüge des P. Silius Nerva gegen die Alpenvölker (16 v. Chr.) vorbereitet worden waren. K. CHRIST selbst geht von einem zunächst eher tastenden Vorgehen von der Rheingrenze her aus, möchte darin in erster Linie eine Politik der Konsolidierung sehen und warnt davor, hinter ihnen eine einheitliche Konzeption zu vermuten, wie es vom Ende her erscheinen könnte.86

D. TIMPE weist darauf hin, daß die römischen Maßnahmen und Operationen zwischen 16 v. Chr. und 16 n. Chr. keineswegs das Bild einer geradlinig verlaufenen Expansionspolitik darstellen. Differenzierte Betrachtungen der augusteischen Germanienpolitik gehen vielmehr von einer schrittweisen Eskalation der römischen Aktionen aus: „Der Beginn der Drususfeldzüge signalisiert keinen willkürlichen Umschlag zu imperialistischer Agressivität, sondern darf als letzte einer Reihe von Eskalationen angesehen werden, die darauf abzielten, die Grenze Galliens zu befrieden. Erst als sich die Praxis der caesarischen und nachcaesarischen Zeit immer wieder und immer mehr als ungenügend herausstellte und dann auch eine stärkere Beaufsichtigung des rechtsrheinischen Vorfeldes, verbunden mit einem politischen System von Bündnissen und Verträgen die erwünschte Ruhe nicht gewährleisten konnte, verlegte Augustus die gallischen Legionen an den Rhein und reagierte Drusus auf die nächste Aggression mit systematischer aber immer noch begrenzter Kriegführung. Diese selbst erst führte zur ungewollten Ausweitung auf das Germanien bis zur Elbe, das so oft als Objekt römischen Eroberungswillens in Anspruch genommen worden ist“.87D. TIMPE sieht die außenpolitischen Unternehmungen des Augustus an der Nordgrenze als Politik der Sicherung gegen feindliche Einfälle und der Herstellung einer Verbindung zwischen dem gallischen und makedonischen Raum an.88

Der These einer „schrittweisen Eskalation“ stimmen u.a. zu: K. CHRIST, H. SCHÖNBERGER / H.-G. SIMON, J.-S. KÜHLBORN, H. SCHÖNBERGER, F. SCHÖN, M. JUNKELMANN und K.-W. WELWEI.89

Die zusammenfassende Betrachtung der augusteischen Germanienpolitik bei G. A. LEHMANN geht wieder von einer umfassenden Vorbereitung und der großräumigen strategischen Planung der Feldzüge des Drusus aus.90

D. TIMPEs Auffasung wird wieder vertreten von: A. BECKER 104-107 und J.-S. KÜHLBORN, in: Germaniam pacavi 13.

Die Einschätzung des vor derclades Varianatatsächlich Erreichten schwankt.91Inzwischen nähern sich die Meinungen merklich an, so daß es anscheinend in feinster Abstufung nur noch darum geht, ob es sich bei der römischen Germanienpolitik in augusteischer Zeit eher um eine offensiv geführte Defensive zur Bestandssicherung oder um eine defensiv, d. h. zurückhaltend geführte Offensive zur territorialen Ausweitung der Reichsgrenze gehandelt hat. Hinsichtlich ihrer Germanienpolitik sollte man den allgemein an den Römern gerühmten „Pragmatismus“ nicht unterschätzen, wobei in „pragmatische“ Entscheidungen selbstverständlich auch Ideale oder auch ideologisch bestimmte Vorstellungen und Vor-Urteile einfließen. Die Vorstellung einer unveränderten, die gesamte augusteische und frühtiberische Zeit deckende „Germanienpolitik“ der Römer ist viel zu undifferenziert.92

In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, eine Lösung zu diesen Fragestellungen zu finden.

Arbeitsverfahren

Aufgabe dieser Arbeit ist eine die schriftlichen Quellen und archäologischen Überreste sowie die dazugehörige entscheidende Forschung analysierende und das bisher Erreichte weiterführende Darstellung des augusteisch-tiberischenbellum Germanicum. Hauptgegenstand dieses Werkes ist daher neben dem Römisch-Germanischen Krieg selbst, der Aliso-Frage und der Person des Arminius die römische Germanienpolitik vor, während und nach 9-16 n. Chr., ebenso die Frage, ob dieser Krieg eine Zäsur in ihr darstellt oder nicht.

Was verstand aber Rom unter „Germanien“? Geographisch reichte Germanien bis zur Weichsel, die militärischen Operationen der Römer verliefen bis zur Elbe und die Provinzialisierung ging vermutlich bis zur Weser. Gab es geopolitische Gründe, die in erster Linie dafür verantwortlich waren, daß Rom die Germanen nicht dauerhaft besiegen konnte, lag es an der Abberufung des Germanicus durch Tiberius, oder lag es primär an dem „Genie“ des „Freiheitshelden“ Arminius, der mit seinen kriegerischen Heerscharen und mit einer „genialen“ Taktik der römischen „Fremdherrschaft“ ein Ende machte?

Verfolgte Rom eine „große Strategie“ oder handelten die Römer „spontan und konzeptionslos“? Waren militärische, ökonomische oder sonstige Gründe entscheidend für ihre Expansionspolitik?

Wechselte Rom zwischen einer defensiven und einer offensiven oder gab es eine einheitliche Germanienpolitik? In dieser Arbeit wird als Lösungsmöglichkeit eine neue Einteilung der einzelnen Phasen der römischen Germanienpolitik vorgeschlagen.

Was für ein Statthalter war Varus? Wie sah die Germania Romana im Jahre 9 n. Chr. aus? Wie groß war der Romanisierungsgrad? Welche Stellung hatte der Germanenfürst und römische Ritter Arminius in ihr? Wie lauteten seine Ziele? Was waren die Motive der Germanen, als sie 9 n. Chr. sich gegen Rom erhoben? Handelte es sich um eine Meuterei der Hilfstruppen oder um einen Volksaufstand?

Es wird hier der Versuch unternommen, auf der Grundlage der Ausgrabungen von Kalkriese die Varusschlacht zu rekonstruieren. Die Kenntnis davon, wo und wie sich die Varusschlacht abgespielt hat, ist keineswegs belanglos, da mit ihr vielfältige weitere Forschungsprobleme verbunden sind. Diese werden ebenfalls behandelt. Ist Aliso mit einem der Lippe-Lager zu identifizieren?

Stellt die Varusschlacht den Wendepunkt der Germanienpolitik dar93, oder herrscht eine Kontinuität zwischen dieser vor und nach jenem Ereignis? Die zeitgenössischen Autoren (Ovid, Strabon, Velleius, aber auch die Res gestae) betonen die Kontinuität, Tacitus und Florus, die Generationen später ihre Werke verfaßten, im Nachhinein den Wendepunktcharakter. Dies ist allerdings die subjektive Interpretation aus einer Zeit, in der die „Germania-Frage“ nicht mehr „offen“ war und das rechtsrheinische Germanien endgültig „frei“ blieb. Mußten das die zeitgenössischen Autoren auch so sehen? Die unmittelbaren Auswirkungen der Varusschlacht auf die Germanienpolitik des Augustus bleiben umstritten. Einige sprechen von einer prinzipiellen Umstellung von der Offensive auf die Defensive94, andere kommen zu dem Ergebnis, Augustus habe den Anspruch auf Germanien nicht aufgegeben95.

Die Zeit 14-16 n. Chr. stellt ein Problem dar. Offensichtlich verfochten Tiberius und Germanicus unterschiedliche Konzeptionen. Waren die Germanicusfeldzüge wirklich so erfolgreich, wie es Tacitus nahelegt? Hätte ein weiteres Feldzugsjahr den endgültigen Sieg über die Germanen gebracht? Um diese Fragen zu beantworten, bedarf es einer genauen Analyse der einzelnen Schlachten des Germanicus. Soweit es möglich ist, einige Lokalisierungen vorzunehmen, wird es in dieser Arbeit geschehen.

Ab wann war Tiberius bereit, auf die Eroberung Germaniens zu verzichten? War der Grund für diese Einstellung der Offensive im „Neid“ auf Germanicus begründet oder hatte der Princeps eher sachliche Argumente? War selbst die „Rache für Varus“ erreicht? Wie lange galt der Verzicht auf die Eroberung Germaniens noch nach dem Tode des Tiberius? Warum ist gerade der Rhein zur Grenze des Römischen Reiches geworden?

In dieser Arbeit wird versucht, alle diese Fragen angemessen zu beantworten.

Germanien vor 9 n. Chr.

Definition „Germanien“

Die Antike unterschied ursprünglich nicht zwischen Kelten und Germanen96. Die stets traditionell eingestellte antike Geschichtsschreibung hielt auch dann an den überlieferten Bezeichnungen fest, als diese längst überholt waren. Caesars geographische Abgrenzung wurde entscheidend für das römische Germanenbild97: Mit „Germania“ werden die von Germanen besiedelten Gebiete bezeichnet98. Wenn er eine Unterteilung überhaupt vornimmt, dann spricht er lediglich vonGermani cis-odertransrhenani. Germanien war fortan der Raum zwischen dem Rhein im Westen, der Donau oder den Alpen im Süden, der Nord- und Ostsee im Norden (einschließlich Skandinaviens) und der Weichsel im Osten; die Germanen waren bei Pomponius Mela das Volk zwischen Galliern, Römern und Sarmaten99.

Ob diese römisch-gallische Germanenvorstellung allerdings den ethnischen Verhältnissen entsprach, bleibt äußerst fraglich, zumal die archäologischen Funde ein anderes Bild zeigen. Caesars Abgrenzung war nicht von eigenen Beobachtungen, sondern von seinen politischen Interessen bestimmt (er mußte erklären, warum er mit den Galliern, nicht aber mit den Germanen fertig werden konnte): Der antike Germanenbegriff stimmte auf jeden Fall weder mit der neuzeitlichen, von der Sprache geprägten Vorstellung noch mit dem archäologischen Befund überein100.

So trennten Rhein und Weichsel nicht Völker, sondern verbanden diese. An beiden Ufern der jeweiligen Flüsse siedelten dieselben Volksstämme. Das gleiche gilt auch von der Elbe.

Zur Feststellung germanischer Gemeinsamkeiten werden im allgemeinen in unzulässiger Vereinfachung vor allem der Germanenexkurs bei Caesar (BG VI 21-28) und die Germania des Tacitus herangezogen („historischer Germanen-Begriff“), jedoch sind beide Berichte zeitbezogen und nur im Kontext der jeweiligen Absichten ihrer Verfasser zu interpretieren.

Nach R. HACHMANN101hat aber das Wort „Germanen“ fünf verschiedene Bedeutungen. Es bezeichnet:

1. eine nordgallische, linksrheinische Volksgruppe, deren Mitglieder (Belger, Nervier, Treverer) sich selbst als solche bezeichneten;
2. in römischer Sicht (vom 1. bis ins 3. Jahrhundert n. Chr.): rechtsrheinische Völker „zwischen“ Galliern im Westen und Sarmaten im Osten;
3. in der Optik der griechischen Ethnographie (bis weit hinein in die byzantinische Zeit): einen Teil derKeltoi in Nordwesteuropa; so muß der Leser bei Cassius Dio, um schwerwiegende Mißverständnisse auszuschließen, kontinuierlich „Keltoi“ mit „Germanen“ übersetzen, wenn es sich um Ereignisse handelt, die eben „Germanien“ betreffen;
4. für die spätrömischen Autoren: die „Barbaren“ jenseits des Rheins, vornehmlich Alamannen und Franken;
5. im Sinne der heutigen Forschung: eine Völkergruppe aus Nord- und Zentraleuropa, die germanische Sprachen und Dialekte verwendete.

Die Quellen legitimieren den „historischen“ Germanen-Begriff.

Wenn die Kulturgruppen der archäologischen Befunde keine Völker abbilden, wenn die historischen Germanen nicht unbedingt eine Sprachfamilie darstellen und umgekehrt die eine germanische Sprache Redenden nicht notwendig Germanen der Selbst- oder auch Fremdbezeichnung nach sind, dann reden die Einzelwissenschaften beim Gebrauch des Germanen-Begriffs zwar nicht von völlig Verschiedenem, aber doch nicht von Demselben. Ein allgemeiner und interdisziplinär akzeptierter Germanen-Begriff fehlt folglich deshalb, weil die einzelfachlichen Merkmale des als „germanisch“ Verstandenen schwer zur Deckung zu bringen sind.

Wenn von „Germania“ die Rede ist, unterscheiden die antiken Texte einmal die römischen Provinzgebiete links des Rheins in ihren wechselnden Organisationsformen und zum anderen den rechtsrheinischen, germanisch besiedelten Raum. Zum NamenGermaniahat in der Antike nach M. R.-ALFÖLDI niemals ein Autor das Adjektivliberahinzugefügt102. Dennoch spricht Tac. Germ. mehrmals von derlibertasder Germanen. Die germanischen Provinzen werden in Inschriften dem gegebenen Status entsprechend z. B.Germania utraque103, duae Germaniae104, Germania superiorbzw.inferiorund in der SpätantikePrimabzw.Secunda genannt. „Für den Römer istGermania, wenn es nicht um die Provinzen geht, lediglich jener Raum, in dem Germanen leben ... Seine Partner im Alltag sind - im Guten wie im Bösen - einzelne Stämme und Stammesbünde, vertreten durch ihre Könige und / oder Fürsten, die in allen Berichten in großer Variabilität immer wieder genannt werden - und nur sie, für Rom gibt es kein einheitliches Germanien“, so M. R.-ALFÖLDI105.

Nach der Sicht der Archäologie war um Christi Geburt das Gebiet zwischen Rhein, Mittelgebirge und Weichsel weitgehend germanisch besiedelt, während Süddeutschland in keltischer Hand war. Nach ihren Wohnsitzen kann der Archäologe die Stämme zwar den einzelnen Kulturgruppen, die sich vor allem in ihrer Keramik, aber auch in den Bestattungssitten unterscheiden, zuordnen106; im einzelnen aber lassen sich archäologische Fundgruppen und die Stämme der Schriftquellen nur schwer in Einklang bringen, und die früheren Versuche, beide miteinander zu identifizieren, stoßen zunehmend auf Ablehnung107; allenfalls lassen sich mit großer Vorsicht anhand des charakteristischen Fundgutes kulturelle Einflüsse aus anderen Regionen erkennen108.Vor diesem Hintergrund ist fraglich, ob die Stämme wirklich feste, ethnische oder kulturell abgegrenzte Einheiten bildeten. Die Stammesbildung selbst war ein sich dauernd ändernder Prozeß der Abspaltung oder Ausgliederung, Überschichtung, Ausweitung und Angliederung einzelner Volksgruppen und Bevölkerungsteile109.

Die militärische Durchdringung und die geographische Erkundung Germaniens gingen Hand in Hand110. Die geographischen Vorstellungen der antiken Literatur bleiben hinsichtlich der Verkehrsverhältnisse, obwohl deutlich und plastisch, doch auch undifferenziert und beschränkt auf das wesentliche111. Plinius der Ältere hebt hervor, daß den Römern während ihrer Feldzüge Germaniens nie als Ganzes bekannt geworden sei112.

Provincia im Sinne einer Verwaltungseinheit, und nicht eines militärischen Kommandobereiches, benutzt unter den antiken Autoren für Germanien allein Florus113. Für Velleius ist das entscheidende Kriterium des Unterworfenseins und der Zugehörigkeit zum Römischen Reich, daß eine Provinzstipendiariaist114, was Germanien nach seinen Worten aber nur beinahe war115. Es fehlt in Quellen jede Aussage, die festhält, daß Germanien als Provinz konstituiert worden war. Gleichzeitig steht fest, daß Rom in Teilen Germaniens Herrschaft ausübte116. Die Doppeldeutigkeit des Begriffesprovincia117förderte nach der Meinung von C. R. WHITTAKER die Ausbildung eines Weltbildes vomorbis terrarum imperium, was einerseits Roms Administrationsbereich, andererseits die Sphäre derexternae gentesbeinhaltete, „who were subjects but not usually worth annexing“118. Dies und die damit korrespondierende Ambivalenz des Terminus imperium119 bewirkten letztlich jene „ambivalence between frontier and empire, or between an empire of administration and an empire of control“120.

DieRes gestae divi Augustierhoben den Herrschaftsanspruch über Germanien, das aber nicht als Provinz bezeichnet wird:Gallias et Hispanias provincias item Germaniam, qua includit O ceanus a Gadibus ad ostium Albis fluminis pacavi.121(„Die gallischen und spanischen Provinzen und Germanien, soweit diese Länder der Ozean begrenzt, habe ich von Cadiz bis zur Mündung des Elbstromes unterworfen“).Die Befriedung Germaniens erstreckt sich folglich nur auf das Gebiet zwischen Rhein und Elbe, das Gebiet zwischen Elbe und Weichsel bleibt ausgespart; obwohl also von „Germanien“ die Rede ist, ist nur ein Teil hiervon gemeint. Drusus122, Domitius Ahenobarbus (inclusive einer Sondierung des Vorfelds)123und Tiberius124stießen auf ihren Feldzügen bis zur Elbe vor.Inter Albim et Rhenum Germani omnes Tiberio Neroni dediti125(„zwischen Elbe und Rhein hatten sich alle Germanen dem Tiberius unterworfen“),- die Unterwerfung Germaniens betraf folglich nur das Gebiet zwischen Rhein und Elbe.

Mit dem Tod des Drusus, der für das Gebiet bis zur Elbe einen Herrschaftsanspruch erhoben hatte, entwickelte sich neben dem ethnographischen ein zweiter, politischerGermania- Begriff, der das Gebiet zwischen Rhein und Elbe meinte und in den Quellen zur Okkupation Germaniens den Eindruck hinterläßt, Germanien habe in der Geographie der Römer nur bis zur Elbe gereicht. So verkündet z. B. Velleius, daß Tiberius 8 v. Chr. als Siegeromnis partis Germaniae durchzog126. Florus sprach von einer provincia Germania127 ohne nähere territoriale Angaben. Das Gebiet zwischen Elbe und Weichsel ist bei beiden Autoren natürlich nicht gemeint! Die augusteische Germanienpolitik richtete sich folglich zu keinem Zeitpunkt auf die Unterwerfung Gesamtgermaniens, so daß in der römischen Außenpolitik neben dem geographisch-ethnographischen Begriff ein politischer von der Germaniatrat, der im wesentlichen das Gebiet zwischen Rhein und Elbe meinte128.

„Germania war in der politischen Geographie nur noch der von Rom beherrschte bzw. beanspruchte Teil jenes Gebietes, in dem nach dem Wissen der Ethnographen Germanen siedelten“129.

Zur geopolitischen Lage Germaniens

Den Politikbereich, der sich mittel- oder langfristig mit räumlich-strategischen Zielen befaßt, bezeichnet man als Geopolitik. Der Einfluß von Faktoren wie Geographie, Ökonomie und Bevölkerungszahl auf die Politik, insbesondere die Außenpolitik eines Staates wird in diesem Zusammenhang untersucht130. Für die Analyse des Römisch-Germanischen Krieges 9-16 n. Chr. ist die Untersuchung geopolitischer Faktoren unerläßlich. Friedrich KOEPP schrieb schon 1905: „Der deutsche Urwald hat die Deutschen vor dem Schicksal der Gallier bewahrt“131.

Langjährige Erfahrung aufgrund der militärischen Aktivitäten (in Nordwestdeutschland seit den Feldzügen des Drusus) und politischen Kontakte, die Aussagen von Kaufleuten132, Gefangenen und Geiseln und sicherlich auch gezielt durchgeführte Erkundigungen dürften zu einigem Wissen über die politischen Verhältnisse und landschaftlichen Gegebenheiten in Germanien geführt haben. Die meisten und wichtigsten Kenntnisse über die Verkehrsverhältnisse stammten ohne Zweifel aus militärischer Erkundung, vor allem die allgemeinen und weitreichenden wie die Angaben über die Entfernung zwischen Rhein und Elbe133, über die Erstreckung und Gestalt der Nordseeküste oder die Abfolge der Strommündungen. Die Grundlage dafür bildeten die Commentarien Agrippas134.

Die Römer wußten über Furten und Schneisen, Paßwege und Waldverhaue, Stammesgrenzen, Kommunikationen und Zentralplätze Bescheid135. Es bestanden Verbindungen zu den Stammesautoritäten, den einheimischen Vertrauensleuten, verbündeten Stammesaristokraten und Hilfskontingentsführern. Die römischen Offiziere besaßen sicherlich gute Kenntnis von den Wohngebieten der Stämme und deren innerer Struktur. So spielten sie oft die Adelsparteien gegeneinander aus, um diese zu schwächen. Die Römer kannten die Kommunikationslinien, die ihnen kombinierte See-Land-Operationen in den Kern des Feindeslandes ermöglichten.

Abgesehen von der Bewaldung gehörte Germanien durch die seine Oberfläche formenden Flüsse, Berge und vor allem Sümpfe zu den verkehrsmäßig ungünstigsten Gebieten desorbis terrarumund befindet sich insoweit in tiefem Gegensatz zum benachbarten Gallien136. Germanien ist folglich kein Verkehrsraum. Andererseits schließt dieser Zustand in den Augen der antiken Beobachter einen hohen Mobilitätsgrad (Wanderung) nicht aus, derjenigen Mobilität freilich, die selbst nur ein Indiz barbarischer Unstetheit und Unberechenbarkeit ist, nicht des friedlichen, zivilisationsfördernden und menschenverbindenden Verkehrs137.

Große Teile Germaniens, besonders die aufgrund der Berge und Sümpfe nur schwer zugänglichen Gegenden, welche abseits von den Verkehrswegen lagen oder auch von diesen unmittelbar durchzogen wurden, sparte dieses Wissen aus. In diese nur schwer kontrollierbaren Refugien konnten sich die Germanen immer wieder zurückziehen bzw. diese konnten von dort die auseinandergezogenen, zudem durch den Troß behinderten Marschkolonnen der Römer angreifen. In klarer Kenntnis der Stärkeverhältnisse wichen die Germanen einer offenen Feldschlacht aus und suchten vor allem durch Angriff aus dem Hinterhalt heraus und rechtzeitigen Rückzug in die Wälder138 die Kampfkraft der Römer zu schwächen. Aus diesem Grunde fanden die rechtsrheinischen Gefechte fast immer in der Umgebung von Sümpfen, Wäldern und Bergen statt. Diese Topographiebeschreibungen einfach als Topoi abzutun und insofern als weniger glaubwürdig einzustufen, ist nicht angebracht. Von einer flächendeckenden Kontrolle des rechtsrheinischen Germaniens (und sei es nur bis zur Weser) konnte angesichts der latenten Bedrohung nicht die Rede sein.

Die natur- und kulturräumliche Situation Germaniens sah so aus: „Niedriges Zivilisationsniveau der Stammespopulation, deshalb - und dank ausgedehnter Wald- und Moorbarrieren sowie einer tiefgreifenden amphibischen Küstenzone - fehlende Verkehrseinheit, morphologische Ungunst des Landes, das für einen vom Rhein kommenden Eroberer schwer zu erschließen, noch schwerer zu durchqueren war, sowie nicht zu beseitigende aktuelle oder potentielle Rückzugsgebiete für renitente Stämme“, so TIMPE139.

Bei den geomorphologischen Verhältnissen in Germanien führten auch allgemeine, an sich unproblematische Verkehrsverbindungen so häufig durch Hohlwege, Waldschluchten, Sümpfe usw., daß bei politisch unsicheren Bedingungen auch hier eine Gefährdung durch militärisch an sich unterlegene Gegner entstehen konnte. Das ist der Hintergrund der oft erwähnten Überfälle auf troßbeladene Kolonnen, Marschgefechte in Wald und Sumpf, Hinterhalte und versteckte Fluchten140. Diese Gefährdung konnte durch Manöver wie Scheinflucht, Überholung, Einkreisung sowie durch den Überraschungseffekt verstärkt werden. Die Römer konnten zwei typischen Gefährdungen kaum gewachsen sein: Einmal die unvermeidliche, aber bedenkliche Länge marschierender Kolonnen, die in unübersichtlichem Gelände, namentlich im Wald, zersprengt werden konnten, sodann vor allem der mitgeführte Troß. Die Notwendigkeit für die Römer, das mitzunehmen, was es im Lande nicht gab, und die Begierde der Germanen, das zu bekommen, was sie selbst nicht hatten, schlossen sich hierbei zu einem Teufelskreis141.

Entsprechend der Erfahrung, daß Germanien durch seine Wälder unwegsam sei, galt es, sie zu „öffnen“. Das vorhandene Wegesystem bedurfte seit Beginn der Verbesserung und Ergänzung. Durch dielimiteswurden die sie umgebenen Wälder durch breite Schneisen geöffnet und übersichtlicher gemacht. Diese Aktion entzog den Germanen eine Basis für Überfälle und erhöhte so die Sicherheit der Militärstraße. Bei einem akuten Bedürfnis konnte einlimesdann je nach Situation als strategische Einfallstraße durch einen Wald, als direkter Weg zur Bedrohung und Erreichung vonrefugia, als Entlastungsverbindung zum Zweck der Teilung von Verbänden und zur besseren Raumkontrolle genutzt werden. Denlimitesim Waldgebiet entsprachen im Sumpfland die aggeres(Dammwege) oder auch pontes (Bohlenwege).

Die Bahnung strategisch sinnvoller und sicherer Wege zur Beherrschung des rechtsrheinischen Germanien stieß auf große Schwierigkeiten. Die römischen Truppen konnten sich nicht aus dem Lande ernähren und die Landkriegführung war durch die weiten Wege und Transporte bei den kurzen Feldzugszeiten enormen Schwierigkeiten und Gefährdungen ausgesetzt.

Germanicus faßte im Jahre 16 n. Chr. die strategischen Schwierigkeiten zusammen: Fundi Germanos acie et iustis locis, iuvari silvis paludibus, brevi aestate et praematura hieme;

suum militem haud perinde vulneribus quam spatiis itinerum, damno armorum adfici; fessas Gallias ministrandis equis; longum impedimentorum agmen opportunum ad insidias, defensantibus iniquum(„Geschlagen würden die Germanen in offener Schlacht und auf richtigem Gelände, begünstigt würden sie durch die Wälder und Sümpfe, durch die Kürze des Sommers und den frühen Beginn des Winters. Seine Soldaten litten nicht so sehr unter ihren Verwundungen als unter den endlosen Märschen und dem Verlust der Ausrüstung; die gallischen Provinzen seien durch die Pferdelieferungen erschöpft; der lange Zug des Trosses sei Überfällen leicht ausgesetzt und erschwere die Verteidigung.“)142.Aber er sah auch Lösungsmöglichkeiten: At si mare intretur, promptam ipsis possessionem et hostibus ignotam; simul bellum maturus incipi legionesque et commeatus pariter vehi; integrum equitem equosque per ora et alveos fluminum media in Germania fore(„Aber wenn man den Seeweg einschlage, sei eine Besitzergreifung für sie selbst leicht zu bewerkstelligen und bleibe dem Feind [zunächst] verborgen. Zugleich könne der Krieg zeitiger begonnen. Legionen und Proviant könnten zusammen befördert werden; mit noch frischen Kräften würden Roß und Reiter, auf dem Wege über Mündungen und Flußläufe, mitten in Germanien stehen.“)143. Daher wurden die Wasserwege benutzt, um in das schwer erschließbare Binnenland einzudringen144. In der geographischen Konsequenz dieser Strategie lag die Erreichung und Benutzung der Elbe als der letzten Wasserstraße vor der Barriere der kimbrischen Halbinsel145.

Die relativ rasche Eroberung Galliens hatten die Römer nicht zuletzt dem die Versorgung ungemein begünstigenden Flußsystem zu verdanken, durch das alle Großräume des Gebietes logistisch leicht erschlossen werden konnten. Die Schiffe fungierten dabei als schwimmende Magazine, von denen aus die Verpflegung einer in Flußnähe operierenden Armee langfristig gewährleistet war. Als die Armee dann unter Augustus gegen das rechtsrheinische Germanien aufmarschierte, verlagerten sich die Schwerpunkte. Die Truppen wurden aus einer weit verteilten Aufstellung in Nordgallien nach Osten verlegt und entlang des Rheins zusammengezogen. Die Bedeutung dieses Flusses nahm naturgemäß stark zu, ebenso die der Mosel als Zubringerstraße zum mittleren Rheintal146. Die Flußverbindungen dienten wohl überwiegend dem Schwertransport, während die Heere in erster Linie entlang der Wasserscheiden zogen147. Flußtäler waren in jener Zeit relativ stark besiedelt und galten als natürliche Einfallstore; Lippe, Rhein und Sieg sind hierfür klassische Beispiele.

Die nördlichste Einfallsroute verlief rheinabwärts. Im Rheindelta ließ Drusus einen Kanal von einem der Mündungsarme des Stroms hinüber zum IJsselmeer anlegen (fossa Drusiana)148. Dieser sollte die Schiffsverbindung zur westfriesischen Küste abkürzen. Die römische Flotte folgte dann der Küste und gelangte zu den Mündungen von Ems, Weser und Elbe. Ein kleines Versorgungs- und Marinelager in Fectio (Bunnik-Vechten) am Kromme Rijn zeugt von dem Vorstoß zur Nordsee.

Eine der wichtigsten Ausgangsbasen für Feldzüge vom Niederrhein aus war das Legionslager Vetera I, gegenüber der antiken Lippemündung. Von Vetera aus stießen die Römer lippeaufwärts nach Germanien hinein. Längs der Lippe errichteten sie eine Anzahl von Militärlagern.

Eine ähnliche geographische Stellung kommt der Lahn zu, die von Koblenz aus mit dem Schiff zu erreichen ist. Neu entdeckt sind dort die augusteischen Fundplätze Dorlar und Waldgirmes, zwischen Wetzlar und Gießen gelegen. Leicht überquerbar war die Lahnaue bei Dorlar, Landwege nach Süden zu den in der nördlichen Wetterau liegenden Truppeneinheiten schlossen sich an. In Richtung Mainz war das 20 km entfernte vermutete Lager von Arnsburg in einem Tagesmarsch zu erreichen. In der doppelten Distanz lag der ebenfalls spätaugusteische Stützpunkt Bad Nauheim149.

Die vierte Einfallsroute der Römer ging von Mainz aus. Der römische Vormarschweg folgte ein Stück dem Untermain, wendete sich im Frankfurter Raum nach Norden, durchquerte die Wetterau und zog längs der Hessischen Senke nach Thüringen. Das römische Heer mußte hier im deutschen Mittelgebirge operieren, das damals wesentlich dichter bewaldet war als heute.

Weitete sich der Feldzug in das Landesinnere aus, dann versuchte der römische Heerführer nach Möglichkeit im Bereich schiffbarer Flüsse zu bleiben. Den Wasserläufen entlang richtete die Armee in regelmäßigen Abständen befestigte Lager ein, die zugleich als Magazine und Nachschubbasen dienten150. Im Rücken eines kontinuierlich vorrückenden Heeres mußten daher immer neue Magazine angelegt werden, da der Abstand zwischen kämpfender Truppe und vorderstem Magazin nicht so groß werden durfte, daß die im Pendelverkehr die Verbindung herstellenden Landfahrzeuge und Tragtiere ihre Kapazität mit dem für ihren eigenen Unterhalt notwendigen Futter aufbrauchten151. Nach Werner HARIKE152gingen die Römer im Gallischen Krieg und bei den Feldzügen in Germanien von einem um ihre Hauptstützpunkte gelegten Operationsradius von 180 km aus, die er mit (zu hoch angenommenen) 5 Tagesmärschen gleichsetzt. Wurde die Entfernung größer, legten die Legionäre eine neue Basis an.

Je weiter nach Osten die Vormarschwege reichten und je ferner die strategische Basis am Rhein damit rückte, desto schwieriger gestalteten sich aber die militärischen Operationen. Eine begrenzte Abhilfe scheint im Zusammenwirken des Heeres mit der Flotte und der Abstützung der Landwege durch See- und Flußwege gesucht worden zu sein153.

Die Kommunikationsproblematik bestand trotz aller limites und praesidia154, trotz Lagerketten155und Märschen imagmen quadratumsowie der Reduktion des Train, weiterhin in der nicht aufhebbaren Schwierigkeit, Germanien mit seinen Wäldern und Sümpfen, Mittelgebirgen und Flußauen von der weit entfernten Rheinbasis bis zur Elbe zu durchdringen, und in der weiteren Schwierigkeit, gegen den Widerstand seiner Bewohner bei nicht ausreichender Versorgungsmöglichkeit aus dem Lande selber sichere Verbindungen für römische Truppen zu erschließen und offenzuhalten156.

Die geographische und strategische Position jedes einzelnen Lagers an der Rheingrenze ist mit Bedacht, Verstand und viel Sinn für Strategie gewählt worden. Immer lagen die Militärstützpunkte am Wasser, d.h. sie waren verkehrstechnisch leicht zu erreichen. Mit Vorliebe wählten die Legionäre hierzu Seitenarme oder Altwasser des Rheines, die eine günstigere Hafensituation boten als die Ufer des offenen Flusses. Gleichzeitig war der Platz immer so geschickt ausgesucht, daß er nur selten hoch über dem Strom, vielmehr in den meisten Fällen auf der niedrigsten Stufe des Rheintales lag, wo dennoch die Gewähr bestand, daß die jährlichen Frühlingshochwasser der Siedlung nichts anhaben konnten. Die strategischen Vorzüge ergaben sich aus den topographischen Gegebenheiten. Zu Schiff konnten die Lager nicht nur mit Waren oder neuen Rekruten versorgt werden, sondern sie dienten gleichzeitig auch als Ausgangspunkte für Kontrollfahrten auf dem Wasser, um Ufer und Flußmündungen der näheren Umgebung im Auge zu behalten157. Zu den frühesten, gut datierbaren Legionslagern gehört Dangstetten am Nordufer des Hochrheins. Es ist wohl erst um 12 v.Chr. nach dem Alpenfeldzug des Drusus und des Tiberius (15 v.Chr.) entstanden und dürfte schon um 9 v.Chr. wieder aufgegeben worden sein. Es war folglich nur kurze Zeit besetzt158.

Die bekannten römischen Lager täuschen aber eine Deutlichkeit und Bestimmtheit geographisch vorgezeichneter Herrschaftssicherung vor, die es in Wirklichkeit nicht gegeben hat, allein schon weil die Eroberung eines primitiven, aber vielgestaltigen Landes entlang starrer Einfallswege nicht möglich ist159. „Die römischen Lagerketten sind ... das Mittel, mit dem die extremen Schwierigkeiten des Unterwerfungskrieges gemeistert werden sollten. Die festen Lager dienten der Versorgung der Truppen, der Verkürzung der Anmarschwege und der Entlastung der Marschformationen, sie erlaubten dauerhafte Präsenz und ständige Kontrolle, boten den Truppen Stützpunkte, Rückhalt und vorgeschobene Ausfallbasis“, so TIMPE160. „Unter den Voraussetzungen römischer Tradition und Erfahrung geschah in der Okkupation das allein Erwartbare und normalerweise Bewährte; ob es auch in diesem Falle ausreichend und angemessen war, ist eine andere Frage“161. Die Vormarschwege von Lippe- und Mainmündung belegen weder eine gleichmäßige Herrschaftsintensität noch eine effiziente Kontrolle der Stammespopulationen162.

Die verschiedenen römischen Militäranlagen im rechtsrheinischen Germanien können nicht alle gleichzeitig besetzt gewesen sein, vor allem jedoch nicht in der nach der Größe jeweils möglichen Mannschaftsstärke. Die weiter vorgeschobenen Posten waren während des Winters sicherlich nicht völlig geräumt, aber die Garnisonsstärke dürfte reduziert gewesen sein163.

Die römische Germanienpolitik bis zur Varusschlacht

Die Forschung hat bisher die römische Germanienpolitik immer in verschiedene Phasen gegliedert:

a) in offensive Phasen - in erster Linie durch eine unmittelbare militärische und politische Unterwerfung charakterisiert und auf dauerhafte Annexion, d. h. die Übernahme direkter Herrschaft abzielend,
b) in defensive Phasen - wobei der Historiker militärische und politische Unterwerfung als sekundäres Charakteristikum ansieht, da Rom nur auf die Herstellung indirekter Herrschaft über sog. Klientelstaaten abzielte164. Den in ihrer Zielsetzung grundlegend unterschiedlichen Phasen meinen die Vertreter dieser These auch noch jeweils spezifische Instrumentarien bzw. Vorgehensweisen Roms zuordnen zu können165.

Phase 1: Von Caesar bis Lollius

Diese Phase zeichnet sich dadurch aus, daß die östliche Grenze Galliens bis zum Jahre 15 v. Chr. weitgehend ohne dauerhafte Stationierung römischer Truppen geblieben war, obwohl bereits Caesar, der Gallien einschließlich der linksrheinischen Gebiete Germaniens erobert hatte, den Rhein als Grenzlinie zwischen demimperium Romanumund den germanischen Stämmen propagiert hatte. Ohne militärische Präsenz am Rhein blieb aber die militärische Lage an Galliens Ostgrenze instabil. Es kam wiederholt zu Einfällen germanischer Stämme und anschließenden (eher unkoordinierten) Strafexpeditionen der Römer.

Es waren vor allem zwei Gründe, die die Germanen veranlaßten, den Rhein zu überschreiten:

1. Der suebische Druck, der auf den Ubiern lastete und der Usipeter und Tencterer zum Verlassen ihrer ursprünglichen Heimat zwang (Ansiedlungsversuche)166.
2. Der Versuch der Gallier, germanische Truppen als Söldner anzuwerben.

Aber auch Abenteuerlust und Rauben, Morden, Plündern und Vergewaltigen sind zu nennen.

Zweimal hatte Caesar zur Abschreckung den Rhein überquert (55 und 53 v. Chr.), um zu verhindern, daß ein nicht zu kontrollierender Zustrom germanischer Krieger die gallischen Hoffnungen auf Unabhängigkeit wachhielt167. Caesars Germanienpolitik zielte damit letztlich auf die Absicherung Galliens168. Zu diesem Zweck schloß er auch mit rechtsrheinischen Stämmen Verträge, die sie zum Schutz der Rheingrenze verpflichteten169.

Seit den Rheinübergängen Caesars und seinen kurzen, ergebnislosen Vorstößen nach Germanien hatte sich aber nur zu deutlich gezeigt, daß die mühsam erkämpfte römische Herrschaft über Nordost-Gallien durch Einfälle rechtsrheinisch-germanischer Kriegerscharen im Bündnis oder im Solde rebellierender gallischer Völkerschaften immer wieder ernsthaft gefährdet werden konnte.

Die germanischen Volksstämme profitierten von drei Vorteilen:

- ihrer Kampfkraft,
- ihrer großen Zahl und der
- langen Grenze, die die Römer verteidigen mußten.

Die Schwäche der Barbaren lag in ihrer politischen Zersplitterung. Reaktionen auf germanische Übergriffe, „Strafaktionen“, Erkundungsvorstöße und zunächst begrenzte Niederwerfungszüge führten immer weiter und verstrickten die römischen Befehlshaber zugleich in immer großräumigere Operationen.

Caesar hatte in Gallien bereits eine förmliche Provinzeinrichtung vorgenommen170; verbündete und wohl verdiente Stämme blieben aus dieser Provinzorganisation ausgeklammert, wie es das Staatsrecht beicivitates foederataeundliberaevorsah.

Der erste Germanienfeldzug nach Caesar fand 39/38 v. Chr. unter dem Statthalter M. Vipsanius Agrippa statt. Er bekämpfte die aufständischen Gallier, überschritt den Rhein, unterwarf den Stamm der Ubier und erhielt einen Triumph zugebilligt, den er jedoch nicht ausführte171.

Während einer seiner beiden Statthalterschaften (39/38 und 20/19 v. Chr.) schuf Agrippa das gallische Straßennetz172 mit dem Ausgangspunkt Lyon, ohne das schnelle Truppenbewegungen nicht möglich gewesen wären. Die westliche Fernstraße führte an den Atlantik, der nördliche Straßenzug teilte sich auf dem Plateau von Langres in eine in nordwestlicher Richtung an der Kanalküste beiGesoriacum173ankommenden Straße und eine andere, über Metz, Trier und Köln an den Rhein führenden Straßenzug. Diese neuen Fernstraßen, besonders die an den Rhein führende Straße, wurden das logistische Rückrat der damals noch im Inneren Galliens stationierten Truppenkontingente174.

Im Jahre 29 v. Chr.175riefen die aufrührerischen Treverer rechtsrheinische Germanen zur Hilfe, diese wurden zurückgeschlagen; für seinen Sieg erhielt M. Nonius Gallus176den Imperator-Titel177. Einige der Empörer, darunter die Moriner, wurden von C. Carrinas unterworfen, der deswegen einen Triumph feiern durfte178.

M. Vinicius befehligte als Statthalter Galliens im Jahre 25 v. Chr. den vierten Rheinübergang eines römischen Heeres. Über diesen Feldzug ist sonst weiter nichts bekannt, jedoch hat Augustus aus diesem Anlaß zum achten Male den Imperator-Titel angenommen und einen Triumph zugestanden bekommen179.

Während seiner zweiten gallischen Statthalterschaft beendete Agrippa Überfälle der Germanen180. Er entwickelte dabei das Konzept, die Rheinlinie durch unmittelbare Präsenz von römischen Truppen, vor allem aber durch Ansiedlung zuverlässiger romfreundlicher Stammesgruppen auf dem linken Rheinufer (Ubier und Bataver; Begründung des Zentralortsoppidum Ubiorum) sowie durch feste Vertragsbeziehungen zu den rechts des Rheins angrenzenden Stämmen zu schützen, so LEHMANN181. Roms Politik zielte - nach KEHNE - hauptsächlich darauf ab (von wenigen Ausnahmen abgesesehen), Landsuchende aus dem gesicherten Provinzialbereich herauszuhalten182. Da Germanien Agrippas Berechnungen zufolge kleiner als Gallien war, mochte - nach WOLTERS - eine Eroberung innerhalb weniger Jahre nach dem Vorbild Caesars nicht gänzlich unmöglich erscheinen183.

Fazit: In den römischen Reaktionen auf die germanischen Siedlungsbewegungen und den durch Agrippa zur Sicherung Galliens ergriffenen Maßnahmen184 sei nach WOLTERS weder ein klares Konzept zur Gestaltung einer Rheingrenze, noch eine spezifisch Phase des Agrippa185 erkennbar, sondern vielmehr eine durch mangelnde militärische Präsenz im Rheingebiet mitbedingte „Politik des Treibenlassens“186. Verglichen mit dem ständigen Unruheherd Aquitanien, der eine stete Überwachung und römische Militärpräsenz erforderlich machte187, wären die germanischen Rheinüberquerungen weniger ein Problem der Grenzsicherung als der mangelnden Herrschaftskonsolidierung in Gallien gewesen, da es bei den größeren Kämpfen stets gallische Stämme waren, die die Germanen herbeiriefen188. Es reichte nicht, gegen die Symptome vorzugehen (Hinderung der Germanen an der Rheinüberschreitung), sondern die Ursache war auszuschalten (stärkere Kontrolle der unruhigen gallischen Stämme in Aquitanien durch Truppenpräsenz)189.

Erst mit der Truppenvorverlegung an den Rhein habe die Situation eine grundlegende Änderung erfahren190.

Dieclades Lolliana

Im Jahre 16 v. Chr. ermordeten Sugambrer, Usipeter und Tenkterer Römer im rechtsrheinischen Germanien, führten anschließend einen Plünderungszug nach Gallien, besiegten die sie verfolgende römische Kavallerie und schließlich sogar die 5.Legion191.

Diese Niederlage war unzweifelhaft ein schwerer Schlag für das imperiale Prestige des Augustus! Die Germanen entzogen sich der Auseinandersetzung und gingen einen (Schein-) Frieden ein.

Fazit: Es hatte sich - nach LEHMANN - allzu deutlich gezeigt, daß die mühsam erkämpfte römische Herrschaft über Nordost-Gallien durch Einfälle rechtsrheinisch-germanischer Kriegerscharen im Bündnis oder im Solde rebellierender gallischer Völkerschaften immer wieder ernsthaft gefährdet werden konnte192. Dieclades Lollianamachte deutlich, daß im Nordosten des Landes der größere Unruheherd war. Es ist - nach WOLTERS - zu vermuten, daß die römische Politik nun Gallien im Kern als gefestigt ansah und mehr als eine Verteidigung der Rheinlinie zum Schutz Galliens erstrebte193.

Das LegionslagerNovaesium(Neuss)194ist um das Jahr 16 v. Chr. errichtet worden, um von hier aus Erkundigungen über mögliche Lagerstandorte und Straßen in germanischem Gebiet zu gelangen. Es ist der älteste militärische Standort auf germanischem Boden (auf dem Territorium der späteren Provinz Germania inferior). Das Neusser Lager befand sich in der Nähe vom südlichsten Rheinübergang, von dem aus die Legion einen unmittelbaren Zugang zum Hellweggebiet hatte. Außerdem mündet dort die Erft in den Rhein, wodurch eine Verbindung mit dem Hinterland gegeben war.

Die Eroberung des Alpenvorlandes 15 v. Chr.

Drusus zog mit einem Heer von Norditalien aus in die Trienter Alpen, wo er einen ersten Sieg errang, weiter durch das Tal der Etsch und des Eisack. Tiberius operierte von dem Gebiet des mittleren Gallien und der westlichen Schweiz aus und zog mit einem Heer bis zum Bodensee und zu den Donauquellen195. Die Entscheidungsschlacht wurde unter dem Oberkommando des Tiberius am 1. August 15 v. Chr. geschlagen196. Für die Frage, ob eine Verbindung zwischen der Eroberung der Alpen und den Offensiven in Germanien besteht, ist - nach BECKER - von großer Bedeutung, daß im Rahmen des Feldzugs das Alpenvorland keineswegs bis zur Donau besetzt wurde197. Über die Öffnung der Pässe und den Ausbau von Straßen hinaus wurden keine weiteren Maßnahmen getroffen. Weder im Alpenvorland noch in Noricum wurden durch die Anlage großer Legionslager die Basen für einen weiteren Vormarsch geschaffen198. Die Eroberung des Alpenraums gab den Römern am Rhein die Handlungsfreiheit, nun auch im rechtsrheinischen Germanien einzugreifen. Das Gleiche gilt auch für den Donauraum199. Es muß - nach WOLTERS - ausdrücklich betont werden, daß beide Konzeptionen (Eroberung des Alpenraumes, Besetzung Germaniens) auf bereits vor der Lollius-Niederlage entworfene Pläne zurückreichen können und die Vorgänge im Alpengebiet letztlich keine sichere Auskunft über die clades Lolliana als Wendemarke zu geben vermögen200.

Phase 1 (bis ca. 5 v. Chr.): Die militärische Präsenz Roms in dieser Region blieb bis zum Ausbau der Donaugrenze in claudischer Zeit äußerst schwach201. Bis ca. 5 v. Chr. fehlt im bayerisch-schwäbischen Raum bisher jede Spur einer solchen; der Schwerpunkt der römischen Stützpunkte liegt im Westen, westlich des Bodensees und südlich des Rheines202. Das Legionslager Dangstetten203stammt aus der Zeit unmittelbar nach dem Raeterfeldzug 15 v. Chr.

Neben einem Legionslager in der unmittelbaren Umgebung von Augusta Vindelicum/Augsburg-Oberhausen204 sind nur noch kleine Militärposten beiBrigantium/Bregenz,Cambodunum/Kempten, auf dem Auerberg und dem Lorenzberg beiAbudiacum/Epfach205sowie bei Gauting nachweisbar206.

Phase 2 (ca. 5 v.- 10 n. Chr.) wird charakterisiert durch den Stützpunkt von AugsburgOberhausen. Bei der dort stationierten Truppe braucht es sich keineswegs um eine oder zwei Legionen zu handeln; ein Teil einer Legion, durch Hilfstruppen verstärkt, entspräche auf das beste der taktischen und strategischen Situation um Augsburg und im Alpenvorland. Kleine Posten ähnlich Epfach sind aber in größerer Zahl vorauszusetzen.

Für Phase 3 (ca. 10-30 n. Chr.) fehlen alle Spuren dauerhafter militärischer Besetzung in Form von größeren Kastellen. Gleichzeitig blühen die neugegründeten Zivilsiedlungen von Kempten, dem Auerberg, Augsburg (?) und Bregenz (?) auf, in denen der Archäologe auf Grund der Funde wohl mit kleineren Militärkontingenten zu rechnen hat.

Augsburg-Oberhausen hatte gute rückwärtige Straßenverbindungen: entlang des Lech über den Reschenpaß nach Italien, nach Südosten zum Inn, nach Salzburg und zum Brenner sowie nach Südwesten über Bregenz nach Gallien. Das Lager war etwa einen Tagesmarsch von der Donaufront entfernt. Der Kommandeur der in Augsburg-Oberhausen stationierten Legionen war zugleich Statthalter (legatus Augusti pro praetore in Vindolicis) des 15 v. Chr. neu eroberten raetisch-vindelikischen Gebietes. Vermutlich waren ihm u.a. unterstellt:

die 16. Legion (genannt in einer Besitzerinschrift eines in Burlafingen, Kr. NeuUlm gefundenen Legionärshelmes),

- die 21. Legion,
- dieala Pansianaund
- diecohors Trumplinorum.

Die in Raetien garnisonierten Truppen unterstanden dem Oberkommandierenden der Rheinarmee, zumindest wenn dieser dasimperium proconsularebesaß207.

Nach derzeitigem Wissenstand wurden in augusteischer Zeit von Raetien aus weder nennenswerte Feldzüge gegen die Germanen geführt, noch gab es im Gebiet nördlich der Donau - abgesehen von den Hermunduren - größere germanische Bevölkerungskonzentrationen, die eine Bedrohung hätten darstellen können.

Jörg HEILIGMANN stellt die Hypothese auf, daß der süddeutsche Raum - obwohl geographisch gesehen als Teil der „Germania“ angesprochen - in der Zeit vor und nach der römischen Okkupation hinsichtlich der Bevölkerung der „Keltikae“ zuzurechnen sei und wahrscheinlich nicht einmal unter germanischer Vorherrschaft gestanden habe: „Dieser Umstand erlaubte es der römischen Heeresleitung, in augusteisch-frühtiberischer Zeit dieses Gebiet aus ihren taktischen und logistischen Überlegungen im Vorgehen gegen die Germanen weitgehend auszuklammern und ihre Angriffe direkt von der Rheinbasis im Mainmündungsgebiet und nördlich desselben ausgehend ins freie Germanien vorzutragen“208.

Der Aufenthalt des Augustus in Gallien (16-13 v. Chr.)

Nach derclades Lollianaänderte sich die Situation grundlegend: Augustus reiste persönlich nach Gallien und blieb dort in den Jahren 16-13 v. Chr.209.

Jetzt wurde nicht nur die Ordnung Galliens abgeschlossen und die Durchführung des ersten Census vorbereitet, sondern zugleich erfolgte eine Verlegung aller 6 Legionen des gallischen Raumes (mit zugehörigen Auxiliartruppen) direkt an die Rheinlinie. An strategisch günstigen Plätzen mit Zugängen zum Meer, zu gegenüberliegenden Flußmündungen oder zu einem wichtigen Landweg sind militärische Standlager errichtet worden: Nimwegen, Xanten-Vetera I, Moers-Asberg, Neuss und Mainz, vermutlich auch Bonn.

Ausgangssituation im Jahre 12 v. Chr.

Am linken Rheinufer standen maximal 5-6 Legionen, zusätzlich einer unbekannten Anzahl von Auxiliarverbänden. Militärische Operationsbasen waren castra Vetera (Birten bei Xanten) und Mogontiacum (Mainz). Weitere römische Truppen standen in Nimwegen, Moers-Asberg, Neuss und möglicherweise bei Bonn210. Ob zu diesem Zeitpunkt schon in Bunnik-Vechten ein Stützpunkt für die entlang der Nordseeküste operierende Flotte existiert hat, hält Saskia van DOCKUM im Gegensatz zur früheren Auffassung für unwahrscheinlich211.

Bei Nimwegen (Batavodurum/Noviomagus)212befindet sich ein wichtiger Ausgangspunkt für die Feldzüge gegen die Küstenstämme. Dort beginnt mit dem Rheindelta die Rhein-Maas- Marsch. Auf dem Südufer der Waal, an der Kreuzung mehrerer römischer Straßen, liegt der Hauptort dercivitas Batavorum.

Das Legionslager castra Vetera213 kontrollierte gegenüber der Lippemündung die Siedlungsgebiete der rechtsrheinischen Stämme der Sugambrer, Brukterer, Tenkterer und Usipeter. Es waren genau diese Völkerschaften, auf deren Konto die Einfälle in Gallien gingen. Durch das Lippetal war eine Verbindung Veteras mit der Münsterländer Bucht gegeben. Im Westen schließt sich an die Niederrheinischen Höhen das Maas-Tiefland mit dem Sumpfgebiet „de Peel“ an.

Asciburgium (Moers-Asberg)214 liegt am Rande der Niederterrasse und eines heute verlandeten Rheinarmes in der mittleren Niederrheinebene gegenüber der Ruhrmündung. Von hier ließ sich sowohl das Mündungsgebiet der Emscher als auch die Ruhr überwachen. Die Lage war dazu geeignet, schnell in das gegenüberliegende germanische Gebiet und von dort weiter in die Münsterländer Bucht vorzustoßen.

Die dritte Einfallsroute der Römer ging von Mainz215aus. Der römische Vormarschweg folgte ein Stück dem Untermain, wendete sich im Frankfurter Raum nach Norden, durchquerte die Wetterau und zog längs der Hessischen Senke nach Thüringen. Das römische Heer mußte hier im deutschen Mittelgebirge operieren.

Fast alle Vermutungen über das Heer, welches Drusus, Tiberius und die folgenden Statthalter vor der Varusschlacht in Germanien befehligten, haben hypothetischen Charakter. Die Gesamtstärke der Rheinarmee lag bei 5-6 Legionen und einer nicht quantifizierbaren Anzahl von Auxilien. Im Voralpenland waren zusätzlich 1 bis 2 Legionen stationiert. Es darf angenommen werden, daß die drei in der Varusschlacht vernichteten Legionen (XVII, XVIII, XIX) auch zuvor in Germanien stationiert waren. Die genaue Aufteilung der Legionen auf die einzelnen Standorte bleibt ungeklärt, da für diese Zeit mit einer hohen Mobilität der Einheiten zu rechnen ist216. Auch die Möglichkeit des Aufsplitterns der Legionen in Vexillationen sowie die Stationierung gemischter Verbände werfen Probleme auf217.

Die militärische Besetzung des linken Rheinufers erfolgte, organisiert von Drusus, zwischen 12 und 9 v.Chr. Damals wurden alle 8 römischen Legionen des gallischen Raumes direkt an den Rhein verlegt, vor allem in Vetera und in Mainz die großen Basen für die künftigen Vorstöße lippe- und mainaufwärts wie in der Wetterau geschaffen, die Verbindungswege ausgebaut und gesichert.

Die fossa Drusiana218, die Drusus erstmals im Jahre 12 v. Chr. benutzte, stellte eine schiffbare Verbindung zum IJsselmeer dar, von dem aus die Nordsee erreicht war. Dieser Kanal ermöglichte einen schnellen und vor allem sicheren Zugang zur deutschen Nordseeküste, da er das offene Meer so lange wie möglich vermied. Die aufwendigen Vorkehrungen im Rheinmündungsgebiet dürfen nach BECKER als Anzeichen dafür gelten, daß Rom gewillt war gegenüber den Germanen eine aktivere Politik als bisher zu betreiben. „Die Zeit deslaissez faireund der unkoordinierten Gegenschläge jedenfalls war vorüber“, so BECKER219.

Phase 2: Germanienoffensive 12-8 v. Chr.

12 v. Chr.

Sugambrer und andere mit ihnen verbündeten Stämme brachen im Jahre 12 v. Chr. erneut in Gallien ein, als dort aufgrund des ersten Provinzialcensus schwere Unruhen herrschten220. Drusus d. Ältere drängte mit einem Truppenaufgebot die Eindringlinge zurück und eröffnete auf der anderen Rheinseite unmittelbar nach dem 1. August 12 v. Chr. eine Strafexpedition221.

Der Einmarsch in Germanien ging von niederrheinischem Gebiet zunächst in das Land der Usipeter (Südosten der heutigen Provinz Gelderland), dann gegen die zwischen Lippe und Ruhr siedelnden Sugambrer, die Strabon als Verursacher für den Kriegsausbruch bezeichnet.

Währenddessen fuhr die römische Flotte den Rhein abwärts in die Nordsee und operierte im friesischen222und chaukischen Küstengebiet223. Aufgrund nautischer Unkenntnis lief die Flotte bei Ebbe auf Grund. Als der Winter die Einstellung der Feindseligkeiten erzwang, waren die Sugambrer noch unbesiegt224. Während der Winterpause schlossen die bedrängten Sugambrer mit den Cheruskern und Sueben ein Bündnis gegen die Römer225.

Die Ereignisse des Jahres 12 v. Chr. zeigen nicht das Bild einer langfristig vorbereiteten und dann energisch durchgeführten Großoffensive zur Eroberung Germaniens. Der Feldzugsbeginn ist dafür zu spät (1. August). Die Kämpfe selbst erwecken einen eher uneinheitlichen Eindruck: Im Gegensatz zu den späteren Feldzügen unter Tiberius und Germanicus, bei denen Flotte und Landheer gemeinsam operierten und sich im Feindesland vereinigten, erfolgten die Operationen des Drusus (Strafexpedition gegen die Sugambrer, Flottenfahrt) nacheinander.

11. v. Chr.

Im Frühjahr 11 v. Chr. marschierten Drusus und seine Mannen erneut, diesmal von Vetera und auch von Mainz, in Germanien ein. Dabei überquerte er den Rhein, bezwang die Usipeter, schlug eine Brücke über die Lippe, durchquerte das Land der Sugambrer und zog weiter in das Gebiet der Cherusker. Als der Winter vor der Tür stand, hätte er beinahe die Weser überquert, mußte aber aufgrund von Proviantmangel zurückkehren. Auf dem Rückweg in die linksrheinischen Winterquartiere, ließ er nach der Schlacht bei Arbalo226 zwei Militärlager anlegen,

- das eine am Zusammenschluß von Lippe und Elison (Oberaden227, wenig später in der Nähe das Uferkastell Beckinghausen228),
- das andere nahe am Rhein im Gebiet der Chatten (in monte Tauno)229.

Der Feldzug des Jahres 11 v. Chr. kann insgesamt gesehen nicht als durchschlagender Siegeszug gewertet werden. Drusus hatte zwar beachtliche Teilerfolge230errungen, der Stamm war jedoch nicht endgültig geschlagen. Im Gegenteil, die Kämpfe hatten sich noch auf weitere, mächtige Germanenstämme wie Cherusker und Sueben ausgeweitet231.

10 v. Chr.

Das Gebiet der mit den Sugambrern verbündeten Chatten verwüstete Drusus im Jahre 10 v. Chr.232In diesem Zusammenhang wurde der Versorgungsstützpunkt Rödgen233angelegt. Rödgen an der Wetter konnte in seinen 3horreaden Getreidebedarf von 3 Legionen für 6 Monate - etwa eine Feldzugsaison - lagern und diente als Nachschublager für die Germanenfeldzüge des Drusus234.

Die Sicherung Norddeutschlands scheint nach WOLTERS den Römern 10 v. Chr. gelungen zu sein235. Dennoch hatte sich die strategische Lage nicht zugunsten der Römer verändert. Eine Unterwerfung der Sugambrer, Cherusker und Sueben war nicht in Sicht, stattdessen hatte sich das Kampfgebiet beträchtlich nach Süden ausgeweitet236. Die rechtsrheinischen Lager sind, soweit das die Anlagen an der Lippe zeigen, beibehalten und ausgebaut worden237.

9 v. Chr.

Im Jahre 9 v. Chr. fiel Drusus in das Gebiet der Chatten ein, drang in das Suebenland (Markomannenland am Main)238vor, marschierte durch das Territorium der Cherusker, setzte über die Weser239und rückte, alles verwüstend, bis zur Elbe vor. Die Überquerung dieses Flusses scheiterte, nach Errichtung eines Siegeszeichens trat er den Rückweg an und verschied vor Erreichung seines Zieles240.

Fazit: Der Feldzug des Jahres 9 v. Chr. war außerordentlich erfolgreich. Hauptsächlich wohl auf den Kämpfen dieses Jahres beruhte die Bereitschaft der Sugambrer, sich mit den Römern zu arrangieren. Hier liegt nach BECKER die Motivation für die Markomannen und womöglich auch für die Sueben Nordhessens, nach Böhmen abzuwandern241.

Tatsache ist, daß Rom sich in Germanien westlich der Elbe als politisch und militärisch dominierende Großmacht etabliert hatte. Dennoch war eine administrative Einbindung der germanischen Stämme westlich der Elbe nicht gegeben und zu diesem Zeitpunkt (8/7 v. Chr.) auch nicht geplant. Direkt beherrscht waren 9 v. Chr. nur wenige Gebiete (um Oberaden, Rödgen und Dangstetten)

8 v. Chr.

Tiberius setzte nach dem Tode seines Bruders 8 v. Chr. die Feldzüge in das rechtsrheinische Germanien fort, ohne daß größere Auseinandersetzungen bekannt wurden243. Die in den ersten Feldzügen des Drusus erkennbaren Ziele (Ausschaltung der Widerstandszentren der Sugambrer und Sueben) waren 8 v. Chr. tatsächlich erreicht: Die Sugambrer hatten sich unterworfen, die Sueben (und Markomannen) waren abgewandert. Damit waren die Hauptgegner aus dem Kräftespiel der germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe ausgeschieden. Von großer Bedeutung war die Umstrukturierung der Truppenverteilung (gleichzeitige Aufgabe von Oberaden, Rödgen, Dangstetten).

Bestandsaufnahme der Feldzüge 12-8 v. Chr.

Tiberius nahm eine Bestandsaufnahme hinsichtlich des von Drusus Erreichten vor und verhandelte mit germanischen Friedensgesandten244. Aufidius Bassus zog folgendes Fazit über den Feldzug des Tiberius:Inter Albim et Rhenum Germani omnes Tiberio Neroni dediti245.(„zwischen Elbe und Rhein hatten sich alle Germanen dem Tiberius unterworfen“). Velleius Paterculus beurteilte die Geschehnisse so: ...sic perdomuit eam, ut in formam paene stipendiariae redigeret provinciae246(„Er unterwarf Germanien so vollständigf, daß er es fast zu einer steuerpflichtigen Provinz machte.“). Tiberius war es demzufolge ohne größere Kämpfe gelungen, die militärischen Eroberungen des Drusus politisch zu festigen - und dieses so erfolgreich, daß Cassius Dio zwar zu Beginn des folgenden Jahres von Unruhen spricht, die Tiberius aus Rom nach Germanien eilen ließen, jedoch zum Ende des Jahres unmißverständlich davon spricht, dort sei nichts Nennenswertes geschehen247. Schließlich war die Lage in Germanien so gesichert, daß Tiberius abberufen werden und zum Abschluß des Jahres 8 v. Chr. einen Triumph feiern konnte248. In den nächsten Jahren blieb es ruhig, - was für den Erfolg des Tiberius spricht.

Die bekannteste Maßnahme während seiner Amtszeit stellt die Umsiedlung (eines Teils) der Sugambrer, des bislang aggressivsten germanischen Stammes, an den Niederrhein dar249. Mit dieser Umsiedlung hängt höchstwahrscheinlich die Aufgabe Oberadens zusammen. Das ehemalige Sugambrergebiet wurde durch Marser, Tubanten, Tenkterer, Usipeter und Chattuarier besiedelt. Archäologische Funde aus der Gegend von Speyer deuten darauf hin, daß um 8 v. Chr. auch die Nemeter auf das linke Rheinufer umgesiedelt wurden250.

Nur in den Beckenlandschaften längs der Hessischen Senke gab es Siedlungskammern der einheimischen Bevölkerung. Anders als in den reichen Gegenden Galliens waren sie nicht umfangreich genug, um das römische Heer aus dem Land ernähren zu können. So mußten die Römer wegen der geringen Siedlungsdichte den Nachschub über weite Entfernungen organisieren. Zu diesem Zweck errichteten sie an ihrem Vormarschweg Versorgungsdepots251. Ein solches Versorgungslager aus der Zeit der Drusus-Feldzüge ist in Rödgen bei Bad Nauheim gefunden worden. 60 km von der Basis in Mainz entfernt, hatte es die Aufgabe, das römische Heer zu versorgen, das weit im Norden operierte. In der Zeit 14-9 v. Chr. gerieten die von Drusus bekriegten Brukterer252, Chauken253und Cherusker254trotz zum Teil gegenteiliger Forschungsmeinung nachweislichnichtin römische Abhängigkeit. Bei intensivem Quellenstudium zeigt sich m.E., daß trotz der Feldzüge des Drusus die wenigsten Volksstämme (abgesehen von einigen, meist grenznahen) wirklich unter dauerhafte römische Abhängigkeit gerieten. Selbst wenn einige Stämme wirklich „unterworfen“ wurden, griff Rom meist kaum in die inneren Verhältnisse ein. Nur selten und dann auch nur meist in direktem Zusammenhang mit den Kriegshandlungen, wirkten sich diese „Unterwerfungen“ aus (z. B. Wanderung der Markomannen). Sobald die Römer sich erneut an den Rhein zurückzogen, waren die Germanen wieder unter sich. Gleichzeitig muß aber auch festgestellt werden, daß die Germanen sich aber auch nicht erbittert den römischen Legionen widersetzten und für die Zeit ab 8 v. Chr. auch nicht die Römer ernsthaft behinderten, als diese (auch im rechtsrheinischen Germanien, s.u.) eine logistische Basis für künftige offensive Operationen vorbereiteten.

Völkerrechtlich privilegierte Stellungen als echtefoederatiwären allenfalls für die Cherusker und Bataver anzunehmen255. Der Vorgang der Unterwerfung und ihrer Annahme trug - nach KEHNE - wahrscheinlich keine stereotypen Züge256.

Das Problem einer „Unterwerfung der Cherusker“ (Liv. per. 140) läßt sich m.E. folgendermaßen erklären: Als Drusus mit den Cheruskern zusammentraf, existierten dort bereits zwei Adelsparteien. Die Ursache dieses Konfliktes lag im innercheruskischen Bereich. Die eine Partei verbündete sich freiwillig mit Rom (nach KEHNE wahrscheinlich mit dem privilegieten Status als echtefoederati- s.o.), ohne allerdings als willenlose Marionette Roms bezeichnet werden zu dürfen. Diese Partei wurde 1 n. Chr. gestürzt, was wesentlich mit zum „gewaltigen Krieg“ beitrug (s.u.). Von 4-9 n. Chr. hatte die romfreundliche Partei wieder Oberhand. Die romfeindliche Partei hatte diesen außenpolitischen Standpunkt m.E. nur, weil ihre innenpolitischen Feinde bereits mit Rom eine wie auch immer geartete freundliche Übereinkunft geschlossen hatten. Segestes z. B. ergriff 15 n. Chr. (oder schon vorher?) die romfreundliche Partei, weil diese die Feindin seines Feindes Arminius war, wobei er natürlich behauptete, schon immer auf der Seite Roms gestanden zu haben (über das Problem der Segestes-„Anzeige“ s.u.).

Die Historiographen machten bzgl. der „Unterwerfung“257 der einzelnen germanischen Stämme auch deshalb keine präzisen Angaben, weil sie es nicht konnten. „Klientelstaaten“ im rechtlichen Sinne existierten im rechtsrheinischen Raum nicht (mit Ausnahme nur weniger Stämme, z. B. Friesen, Bataver). Dauerhafte juristische Abhängigkeiten der germanischen Stämme von Rom gab es nicht. Daher fielen die Verträge für die Germanen in der Regel günstig aus.258Die meisten Germanen waren sich einer dauerhaften Herrschaft der Römer über sie nicht bewußt, besonders dann nicht, wenn die Römer das Land wieder verlassen hatten. Die Feldzüge der Römer sind in erster Linie als Machtdemonstrationen einzuschätzen. In den Tätigkeitsberichten der Feldherren wurden dann die (temporären und oberflächlichen) Erfolge maßlos übertrieben, so daß der Senat, die Staatsarchive und schließlich auch die Historiographen fälschlicherweise von der „Unterwerfung“ der germanischen Stämme zwischen Rhein und Weser ausgingen.

Seit Drusus (ab 12 v.Chr.) lautete die Maxime der römischen Germanienpolitik: Sicherung Galliens durch effiziente Kontrolle des germanischen Vorfeldes, welche auf längere Sicht dessen Einverleibung keineswegs ausschloß, sie aber auch nicht unverzüglich erforderlich machte.

Nicht kürzere und damit sicherere Grenzen - eine Grenze an der Elbe wäre kaum vorteilhafter gewesen als eine Rheingrenze - standen im Mittelpunkt der römischen Planung, sondern der Schutz Galliens durch die Errichtung einer vorgelagerten Zone, deren germanische Stämme durch Verträge unterschiedlicher Abstufungen an Rom gebunden waren. Entscheidende Funktion der im Rahmen der Offensiven unter Drusus rechts des Rheines errichteten Lippelager war die Sicherung des Nachschubs, ohne daß damit eine Kontrollfunktion ausgeschlossen wäre. Erst der 1 n. Chr. beginnende Aufstand der germanischen Stämme zerstörte diese Ordnung und zwang Rom zu einer Neukonzeption.

Die Elbelinie sollte als verbindliche Grenze des römischen Operationsbereiches, als äußerster Rand der römischen Machtspäre gelten, nicht dagegen ist sie als (kürzere und leichter zu verteidigende, d.h. linear auszubauende) Grenzfront des Imperium Romanum ins Auge gefaßt worden. Östlich der Weser und jenseits des zentralen Cheruskergebietes dürfte sich die römische Herrschaft und Präsenz im wesentlichen auf die von den unterworfenen, foederierten civitates zu bildenden Auxiliartruppen und ihre Lager unter römischen Kommandeuren, d.h. oft auch unter einheimischen Fürsten und Adeligen mit Präfectenrang und römischem Bürgerrecht, gestützt haben. Mit diesem abgestuften Besatzungs- und Kontrollsystem ließen sich Aufstände offenbar relativ frühzeitig bekämpfen bzw. an die Peripherie abdrängen, bis der Widerstand schließlich nach sorgfältiger Vorbereitung mit dem unangreifbaren Gros der am Rhein stationierten Legionstruppen massiv niedergeworfen werden konnte.

Der militärische Sieg über Germanien ist ausdrücklich gefeiert worden und in der Öffentlichkeit durch Triumph, pomerium-Erweiterung und schließlich in zahlreichen Denkmälern als konkretes Ereignis festgehalten worden. Dievirtusdes Augustus wurde in diesen Jahren durch die Feiern eng mit dem Sieg über die Germanen verknüpft, der zugleich das System des Augustus übertragenenimperium proconsularenachhaltig legitimierte259. Die Öffentlichkeit erkannte schließlich in dem Germanensieg des Mehrers des Reiches die erfolgreiche Verwirklichung des Erbes Caesars. Zentrale Aussage der augusteischen Repräsentationskunst und Programatik ist - nach WOLTERS - die Verbindung der römischen Weltherrschaftsidee mit den außenpolitischen Erfolgen des siegreichen Princeps260. Mit der unzweideutigen Proklamation eines nicht nur besiegten, sondern wie die pomerium- Erweiterung verdeutlichte, auch eines unterworfenen Germanien war an einem zentralen Punkt der öffentlichen Aufmerksamkeit eine Festlegung erfolgt, von der Augustus ohne erheblichen Prestigeverlust nicht mehr zurück konnte, so WOLTERS261.

Phase 3: 1. Friedensphase 7 v. - 1 n. Chr.

In die mit Tiberius einsetzende Konsolidierungsphase fällt die Räumung der Lager in Oberaden, Rödgen und Dangstetten, als deren Nachfolger die Anlagen in Haltern, Bad Nauheim262 und vielleicht auch Vindonissa angesehen werden können263.

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Ende der Leseprobe aus 429 Seiten

Details

Titel
Der Kampf der Arminius-Koalition gegen Rom
Untertitel
Der Römisch-Germanische Krieg 9-16 n. Chr.
Autor
Jahr
2012
Seiten
429
Katalognummer
V198198
ISBN (eBook)
9783656242086
ISBN (Buch)
9783656246459
Dateigröße
3290 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieses Werk ist die aktualisierte und ergänzte Doktorarbeit des Althistorikers Dr. Ralf G. Jahn über den "Römisch-Germanischen Krieg 9-16 n. Chr." (Philosophische Fakultät Bonn 2001). Aufgabe dieser Arbeit war eine die schriftlichen Quellen und archäologischen Überreste sowie die dazugehörige entscheidende Forschung analysierende und das bisher Erreichte weiterführende Darstellung des augusteisch-tiberischen bellum Germanicum. Sie enthält u.a. die erste Rekonstruktion der Varusschlacht nach den Ausgrabungen von Kalkriese. Weder der militärische noch der politische Teil kommen zu kurz.
Schlagworte
Arminius, Varus, Varusschlacht, Kalkriese, Hermann der Cherusker, Segestes, Thusnelda, Germanicus, Tiberius, Tacitus, Velleius Paterculus, Florus, Germania, Germanen, Teutoburger Wald, Llippe, Holsterhausen, Anreppen, Oberaden, Haltern, Aliso, Waldgirmes, Cherusker, Chatten, Brukterer, Junkelmann, Legionäre, Legionen, Kavallerie, Theodor Mommsen, Örtlichkeit, Limes, Augustus, Guerillakampf, Ems, Niedersachsen, Westfalen, Schwert, Lager, Speer, Archäologie, Schlachtfeld, Marschsäule, Angrivarierwall, Idistaviso, Weser, Transportflotte, Vitellius, Numonius Vala, Marcus Caelius, Xanten, Vetera, Neuss, Köln, Raeter, Leese, Babilonie, Legion, Kohorte, Cohorte, Princeps, Kaiser, Imperator, Barenau
Arbeit zitieren
Dr. Ralf G. Jahn (Autor), 2012, Der Kampf der Arminius-Koalition gegen Rom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198198

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