„Er wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte“ – ist auf dem Grabstein von
Johann Friedrich von der Marwitz zu lesen, der als Generalmajor und Kommandeur des
„Garde-Regiments Gensdarmes“ einen Plünderungsbefehl verweigerte. Gerade dieser
Satz verdeutlicht die immense Wichtigkeit der ethischen Festigung von Soldaten.
Ferner ist auch der Zweite Weltkrieg von Soldaten gezeichnet, die von Idealismus und
Vertrauen getrieben, an einer tadellosen ethischen Überzeugung festhielten. Nicht nur,
dass die Bundeswehr in ihrer Entstehungsgeschichte auf Namen wie de Maizière oder
Baudissin verweisen kann, ebenso handelte auch die Mehrheit der „Landser“ nach
bestem Gewissen. Erziehung und Ausbildung fundamentierten die Grundwerte
soldatischen Denkens um Leistungsfähigkeit, Tapferkeit, Gehorsam und Kameradschaft.
Doch gerade dieses elitäre Bewusstsein führte zu einem loyalen Vertrauen in die Politik,
welche 60 Millionen Tote forderte.
Die Bundeswehr begründet sich daher in ihrer Tradition weder auf die Wehrmacht, noch
auf die herausragenden persönlichen Leistungen um Mut und Tapferkeit der Soldaten.
Vielmehr stellt sie sich bewusst durch das Soldatengesetz, die Innere Führung und das
Bild des Staatsbürgers in Uniform als Neubeginn dar, eingebettet in den rechtlichen
Rahmen des Grundgesetzes.1
Doch die alten Fragen um eine soldatische Ethik bleiben: Woran hat sich soldatisches
Handeln auszurichten? Sind es Rechtsnormen des Völkerrechts oder doch individuelle
Aspekte, die dieses Denken lenken? Hat der Bundeswehrsoldat eine ihm eigene Ethik –
und ist dieses Ideal mit anderen modernen, als auch historischen Armeen vergleichbar?
Diese Aspekte sollen im Folgenden nähere Betrachtung finden, wobei nicht auf eine
detailierte Herausstellung von Vorgesetzten und Offizieren eingegangen wird.
Zur Bearbeitung dieser Fragen werden vor allem in der Fachliteratur erschienene Aufsätze
verschiedenster Geisteswissenschaftler verwendet. Hierbei soll das Sammelband „Innere
Führung für das 21.Jahrhundert. Die Bundeswehr und das Erbe Baudissins“
hervorgehoben werden, herausgegeben von Elmar Wiesendahl. Dieses ermöglicht einen gezielten Einblick in moderne Aspekte der Inneren Führung und stellt gleichsam
Lösungsansätze heraus, die zum Verständnis der Probleme grundlegend sind. Weiterhin
wird in dieser Arbeit auf themenbezogene Werke der Kirchen zurückgegriffen, da diese
die militärische Ethik besonders gut beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Betrachtungen
2. Ethik in den Streitkräften
3. Zur Besonderheit des Soldatenberufs
3.1 Neue Herausforderungen fordern Reaktionen
3.2 Innere Führung – ein Relikt?
3.3 Eine neue Individualethik
4. Die Ethik des Soldaten der Bundeswehr im Vergleich
5. Abschließende Gedanken
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das soldatische Selbstverständnis und die ethischen Herausforderungen für Soldaten der Bundeswehr vor dem Hintergrund veränderter Einsatzrealitäten und internationaler Anforderungen. Ziel ist es zu erörtern, ob der moderne Bundeswehrsoldat eine eigene, eigenständige Individualethik benötigt und inwieweit das bestehende Konzept der Inneren Führung diese Anforderungen noch adäquat abdeckt.
- Die Transformation des Soldatenberufs durch moderne Auslandseinsätze.
- Die Notwendigkeit und Integration einer eigenständigen Individualethik.
- Kritische Analyse des Konzepts der Inneren Führung im 21. Jahrhundert.
- Internationaler Vergleich der ethischen Ausbildung in anderen Streitkräften.
Auszug aus dem Buch
3. Zur Besonderheit des Soldatenberufs
Die Notwendigkeit von Richtlinien des Handelns birgt die Achtung vor dem eigenen Leben und dem Leben aller Menschen. Zur Schaffung dieses Leitfadens erklärte sich auch die Bundesrepublik Deutschland zur Einhaltung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bereit, mit dem Ziel der Schaffung einer Welt nach Grundsätzen der politisch-philosophischen Ethik, in der alle Menschen, Völker und Staaten nach Prinzipien des Gemeinwohles eingebunden sind. Dies garantiert den Bürgern Rechte, nimmt diese jedoch auch gleichzeitig in die Pflicht. Es ist vor allem die Aufgabe der Soldaten, dieses Recht für jedermann zu garantieren. Daher muss eine soldatische Ethik diesen Aspekt besonders betrachten, da dieser in der Ausübung des Dienstes mit dem Einsatz des eigenen Lebens verbunden ist.
Gleichermaßen trägt der Soldat jedoch auch Verantwortung für seine eigene Familie, sodass er in einen durch seinen Beruf verursachten Konflikt gerät. Er wird zum Vermittler zwischen häufig gestellten Anforderungen im Beruf und Familie, wobei eine enorme Flexibilitätsleistung erbracht werden muss. Hierbei ist der Begriff der Verantwortungsethik hervorzuheben: Die ethische Irrationalität der Welt ist mit der Bürde der Folgen des eigenen Handelns verbunden. Gleichsam werden diese Folgen akzeptiert und individuell getragen. Daher ist jeder einzelne Soldat vor sich selbst verantwortlich, indem er für sein Handeln einsteht und ebenso bereit ist, dieses zu verteidigen. Diese innere Akzeptanz kann allerdings nur eintreten, wenn der Blick auf die Welt rücksichtslos real ist. Die Verantwortung des Soldaten vor der Politik erfordert somit die Rückstellung eigener Interessen, um das Wohl des Staates und der Menschen zu fördern. Dies bedingt auch die Auseinandersetzung mit Verwundung, Sterben und Tod.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Betrachtungen: Einführung in die historische und ethische Relevanz soldatischen Handelns unter Einbeziehung des Soldatengesetzes und der Inneren Führung.
2. Ethik in den Streitkräften: Erörterung der ethischen Bildung als Grundauftrag moderner Armeen angesichts einer pluralistischen Gesellschaft und komplexer Einsatzszenarien.
3. Zur Besonderheit des Soldatenberufs: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Auftragserfüllung, Menschenrechten und persönlicher Verantwortung sowie die Analyse des Konzepts der Inneren Führung und der Individualethik.
4. Die Ethik des Soldaten der Bundeswehr im Vergleich: Vergleich der ethischen Grundlagen der Bundeswehr mit anderen internationalen Streitkräften zur Identifikation von Modernisierungsbedarf.
5. Abschließende Gedanken: Fazit über die Notwendigkeit einer aktiven Modernisierung der soldatischen Ethik und einer stärkeren Förderung der Individualethik innerhalb der Bundeswehr.
Schlüsselwörter
Militärische Ethik, Bundeswehr, Innere Führung, Individualethik, Soldatengesetz, Verantwortungsethik, Auslandseinsätze, Friedensethik, Soldatisches Selbstverständnis, Menschenrechte, Berufsethik, Transformation, Führungsethik, Einsatzrealität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob der Bundeswehrsoldat eine spezifische, eigene Ethik benötigt und wie diese im Kontext moderner internationaler Einsätze definiert und gelebt werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Zu den Schwerpunkten zählen das soldatische Selbstverständnis, die philosophischen Grundlagen von Berufsethik, die Anwendung der Inneren Führung sowie die ethischen Anforderungen in komplexen Auslandseinsätzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Anpassungsbedarf der bestehenden soldatischen Ethik an die Realitäten der heutigen Einsatzarmee aufzuzeigen und die Integration einer tragfähigen Individualethik zu fordern.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die auf fachwissenschaftlichen Aufsätzen, soldatischen Grundsatzdokumenten sowie Werken zur militärischen Ethik und Theologie basiert.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die Besonderheiten des Soldatenberufs, die Kritik an der aktuellen Umsetzung der Inneren Führung sowie internationale Ansätze der ethischen Ausbildung, etwa durch das kanadische oder US-amerikanische Militär.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch für diese Publikation?
Zentrale Begriffe sind die Individualethik, die Innere Führung, die Verantwortungsethik, das soldatische Ethos und der Wandel des Einsatzspektrums der Bundeswehr.
Warum hält der Autor die aktuelle Innere Führung für verbesserungsbedürftig?
Der Autor argumentiert, dass das aktuelle Konzept trotz seiner theoretischen Basis bei der praktischen Vermittlung von ethischer Kompetenz und moralischer Urteilsfähigkeit im Einsatzalltag zu kurz greift.
Welches Vorbild sieht der Autor in anderen Streitkräften?
Insbesondere die Kanadische Armee wird als Vorbild genannt, da sie durch Programme wie das "Defence Ethics Program" eine stärkere wertebasierte Ausrichtung in der Entscheidungsfindung ihrer Soldaten verankert hat.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für die Bundeswehr?
Der Autor schlussfolgert, dass die Bundeswehr dringend den Willen zur Modernisierung ihrer ethischen Ausbildung aufbringen muss, um den Soldaten in der zunehmend komplexen Welt der Auslandseinsätze moralisch zu stützen.
- Arbeit zitieren
- Eric Kresse (Autor:in), 2010, Militärische Berufsethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198222