König Richard der Dritte

Eine Interpretation unter der Fragestellung, wie Shakespeare das Scheitern des Königs dramatisch verarbeitet


Seminararbeit, 2011
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. William Shakespeare: Sein Leben

3. Historischer Hintergrund
3.1. Rosenkriege und Richard III.
3.2. Tudormythos und Shakespeares Quellen

4. Analyse des Werkes
4.1. I.Akt
4.2. II.Akt
4.3. III.Akt
4.4. IV.Akt
4.5. V.Akt

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die moderne Gesellschaft hat bis heute eine Vielzahl von Unterhaltungsmöglichkeiten gefunden, die verstärkt mit einer zunehmenden Technisierung einhergehen und vor allem der geistigen Zerstreuung dienen. Nur selten nutzen Regisseure, Drehbuchautoren oder Produzenten diese Medien, um Probleme und eine damit einhergehende Kritik aufzuzeigen. Vielmehr finden suchende Rezipienten diese Aspekte, die über eine einfache Unterhaltung hinausgehen und bewusst provozieren, indem eine distanzierte Sicht der Dinge aufgezeigt wird, im Theater. Dieses alte Unterhaltungsmedium blickt auf eine lange Tradition von Gesellschaftskritik, der Vermittlung von Kultur sowie geistiger Stimulation zurück und bringt bis in die Gegenwart Dramen hervor, die mit Recht als Kulturgüter klassifiziert werden können. Einer dieser Klassiker ist zweifelsfrei William Shakespeare, dessen Werke noch heute faszinieren und zur Rezeption anregen. Seine Verdienste für die Dramatik sind seit langem ausführlich beschrieben, sodass sich die Shakespeare-Forschung unlängst spezialisierte, um mittels vieler Untersuchungen Einzelaspekte der Werke zu betrachten. Diese bergen als Leitmotive oft die Darstellung des Bösen, zunächst Hassenswerten und doch dramatisch Faszinierenden – ein Thema, welches Shakespeare auch in seinen Historien aufgreift und dabei in die Darbietung der englischen Geschichte einarbeitet. Hervorzuheben ist dabei seine zeitgenössische Interpretation des Königs Richard III., welchem als Unmensch ein tiefer Fall vorherbestimmt ist, der dabei auf der Bühne jedoch auf eine dramatische Weise scheitert, die den Zuschauer bannt. Daher soll diese Arbeit eine fortlaufende Textinterpretation dieses Dramas erarbeiten und damit einhergehend Shakespeares Darstellung des Falls seines Helden präzisieren.

Die Basis dieser Arbeit bilden vor allem drei Werke, welche aufgrund ihrer klaren Struktur und Bearbeitung des Themas von elementarer Bedeutung sind. Zum einen ist hier der „Kommentar zu Shakespeares Richard III.“ von Wolfgang Clemen[1] hervorzuheben, dem es gelingt, diesen präzise und interessant zu veranschaulichen. Weiterhin bilden die Shakespeare-Biografie von Hildegard Hammerschmidt-Hummel[2] sowie die von Karl Michael Eising verfasste Lebensbeschreibung Richards III.[3] ein wertvolles und fachlich tiefgreifendes Fundament für die der Analyse vorausgehenden deskriptiven Darlegung von Shakespeares Leben sowie des historischen Hintergrunds, welchen der Dramatiker für dieses Werk heranzieht. Im analytischen Hauptteil dieser Arbeit wird die zweisprachige dtv-Ausgabe[4] der Historie verwendet. Da es sich mit dem gewählten Thema um eine Analyse handelt, wird der Inhalt des Dramas im Folgenden nicht explizit ausgeführt, sondern als Grundlage vorausgesetzt und nur zu analytischen Zwecken betrachtet.

2. William Shakespeare: Sein Leben

William Shakespeare wurde am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon, Warwickshire, als Sohn von Mary Arden of Wilmcote und John Shakespeare getauft. Seine Mutter entstammte einem alten, jedoch unbedeutenden Adelsgeschlecht, sodass die Hochzeit mit John für diesen einen sozialen Aufstieg bedeutete und er schließlich ein angesehener Landwirt, Händler und Stadtverwalter wurde. William selbst besuchte die örtliche und von staatlicher Hand finanzierte Grammar school, wo er sich vor allem Grundlagen der lateinischen Sprache, Geschichte und Dichtung aneignen konnte. Als achtzehnjähriger Absolvent heiratete er rasch die acht Jahre ältere Anne Hathaway, bevor zirka sechs Monate später, am 26. Mai 1583, die erste Tochter Susanna kurz nach ihrer Geburt getauft wurde. Am 2. Februar 1585 folgten die Zwillinge Judith und Hamnet, wobei der Sohn jedoch 1596 im Alter von elf Jahren verstarb. Mit der Geburt der Zwillinge begann eine etwa acht Jahre andauernde Phase, die sich heute mangels genügender Quellen als „verlorene Jahre“ bezeichnen lassen und erst mit einem 1592 in London verbreiteten Pamphlet, in welchem Shakespeare als Emporkömmling attackiert wird, endeten. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Mitglied der Schauspieltruppe Lord Strange‘s Men, die zunächst in Sir William Stanley und ab 1594 in Lord Chamberlain ihren Parton fanden, welchen sie nach dem von Elisabeth I. erlassenen Vagrantengesetz von 1572 benötigten. Schließlich wurde die wohl populärste Gruppe Londons durch den jungen König Jakob I. 1603 zu den King‘s Men erhoben – ein Erfolg, an dem Shakespeare als Schauspieler und vor allem Dramatiker maßgeblich beteiligt war. Als Teilhaber des Londoner Globe Theatre kam Shakespeare ab 1599 neben Ruhm ebenso zu Einfluss und einem stattlichen Vermögen, welches er als Geschäftsmann durch eine Beteiligung am überdachten und somit Auftritte während der Wintermonate garantierenden Blackfriars Theatre ausbauen konnte. Als Besitzer des zweitgrößten Anwesens in Stratford kehrte der 46-jährige Shakespeare in seine Heimatstadt zurück, wo er bis zu seinem Tode am 23. April 1616 lebte und im Alter von 52 Jahren verstarb.[5]

Als heute bedeutendster englischer Dramatiker verfasste Shakespeare neben einer Vielzahl von Versdichtungen auch 38 Dramen. Dabei ist die 1592/93 entstandene “Tragedy of King Richard the Third“ eines seiner frühesten historischen Werke und schließt die York-Tetralogie nach Heinrich VI. Teil 3 ab, wie auch, sein gesamtes Schaffen betrachtend, die Bearbeitung der englischen Geschichte von 1399 bis 1485.

3. Historischer Hintergrund

Um eine Grundlage für eine Auseinandersetzung mit Shakespeares Drama zu schaffen, muss zunächst der historische Hintergrund betrachtet werden, in welchen dieses eingebettet ist.

3.1. Rosenkriege und Richard III.

Der englische König Richard II. (1367-1400) war in Anbetracht erlittener militärischer Niederlagen im Hundertjährigen Krieg und hochadliger Familienfehden in seiner Stellung stark geschwächt und wurde schließlich 1399 vom späteren Heinrich IV. gestürzt. Durch diese Annexion des Throns durch das Haus Lancaster wurde das Haus York in der Thronfolge übergangen, sodass Richard Plantagenet (1411-1460), welcher der York’schen Linie entstammte, als Führer der Opposition 1453 seine Thronansprüche gegen den inzwischen herrschenden Heinrich VI. geltend machte. Es folgten politische Machtkämpfe zwischen den Häusern, denen neben anderen Richard zum Opfer viel, sodass dessen Sohn Eduard (1442-1483) die Führung des Hauses übernahm. Diesem gelang es, die königliche Armee 1461 zu besiegen, woraufhin der König nach Schottland flüchtete und der Thron nunmehr durch Edward IV. bestiegen wurde. Doch 1470 sah sich dieser wiederrum zur Flucht in die Niederlande veranlasst, konnte jedoch den inzwischen erneut amtierenden Heinrich VI. 1471 im Felde schlagen und infolge einer Gefangennahme exekutieren, wodurch die direkte Linie des Hauses Lancaster ausgelöscht wurde. 1478 ließ Edward seinen Bruder George of Clarence, der bereits 1470/71 in das Lager Lancaster übergelaufen war, wegen Hochverrat hinrichten - einer Überlieferung nach wählte der Verurteilte den Tod durch Ertrinken in einem Weinfass.

Dem 1483 nach kurzer Krankheit verstorbenen Edward folgte ein Machtkampf zwischen der Königswitwe Elisabeth und dem als Vormund des minderjährigen Thronerben Edward V. bestimmten Richard. Dabei war diesem die Unterstützung des Lordkanzlers Hastings sowie des Duke of Buckingham gewiss. Folglich begab sich der Thronfolger unter der Obhut seines Onkels in den Tower. Hastings fiel jedoch, von Missgunst gegenüber Buckingham geleitet, von Richard ab, woraufhin ihn dieser ohne Prozess enthaupten ließ – ebenso die Mitglieder der vom Lordkanzler ausgehenden Verschwörung Rivers, Grey und Vaughan. Parallel verbreitete sich in London das Gerücht, die Kinder Edwards seien außerehelich und somit der Thronfolge unwürdig, sodass Richard zum legitimen Thronfolger avancierte. Richard III., der seine Machtbasis vor allem im Norden Englands wusste, sicherte sich seine Position, indem er Buckingham zum Verräter ausrufen und töten ließ, da dieser zuvor Verbindung zu Heinrich Tudor aufnahm, um diesen zur Invasion zu bewegen. Doch regierte Richard nur zwei Jahre, da neben dem Tode seiner Frau Anne der aus Frankreich übergesetzte Richmond 1485 in England landete. Dieser stand dem königlichen Heer in der Schlacht bei Bosworth gegenüberstand, aus welcher er, nicht zuletzt durch das Überlaufen Sir Stanleys mit seinen Truppen, siegreich hervorging und Richard töten konnte. Ferner wurde er als durch das Parlament bekräftigter legitimer Thronfolger zu Heinrich VII. und somit zum Begründer der Tudor-Dynastie, der gleichsam die Rosenkriege beendete.

Die Tudors etablierten eine die Usurpation unbeachtet lassende Geschichtsschreibung und begründeten mittels einer negativen Übermalung des Hauses York und allen voran Richards die eigene Rechtfertigung der Machtbasis.[6]

3.2. Tudormythos und Shakespeares Quellen

Heinrich VII. begann bereits kurz nach der Schlacht von Bosworth mit der in ganz England verbreiteten Selbstdarstellung als Garant des inneren Friedens und Retter der Nation, wodurch er ein bis heute reichendes Geschichtsbild prägte. Die dunkle Zeit der Rosenkriege war beendet und Anarchie wich Gerechtigkeit und Ordnung. Für Shakespeares Zeitgenossen galt Elisabeth I. als unangefochtene und legitime Herrscherin, wohingegen Heinrich IV. als Usurpator und Königmörder betrachtet wurde, da er einen intakten Staat zerstörte und den rechtmäßigen König Richard II. töten ließ, wodurch das Königreich in Sünde versank. Die positive Wahrnehmung der Tudors war demzufolge ein Resultat der völlig negativen Überzeichnung der Gegner. Mit seinem Tode geriet Richard III. schnell in den allgemeinen Ruf eines kaltblütigen, brutalen und machtbesessenen Krüppels, sodass dessen Entmachtung einem Geschenk Gottes an England gleichkam – durchgeführt durch einen Tudor, der den selbst begangenen Königsmord, vormals eine Sünde an Gott und der Welt, somit als göttliche Geißel legitimierte und im Sinne des Heilsplans Gottes eine bis in Shakespeares Gegenwart fortdauernde Restauration der Ordnung begründete. Geschichte galt somit nicht als Verkettung von Ereignissen, sondern als göttliche, die Tudors führende Fügung.

Von Heinrich VII. gefördert, rechtfertigte Polydore Vergil in seiner “Anglica Historia“ und “The Mirror of Magistrates“ diese Argumentationsweise des Vorsehungsplans. Thomas More stellte Richard III. in seiner “History of King Richard the Third“ als ironisch-herablassenden und hassenswerten Tyrann dar. Dieses Bild wurde sodann in den “Chronicles of England, Scotland and Ireland“ von Holinshed sowie Edward Hall`s “The Union of the Two Noble and Illustre Families of Lancastre and Yorke“ übernommen und um Aspekte von Schuld und Sühne sowie Sündenfall und Erlösung bereichert. Shakespeare nutzte diese Werke als Grundlage seiner dramatischen Verarbeitung der englischen Geschichte, sodass sich der Tudormythos, auch im Sinne der zeitgenössischen Rezipienten, stets im oberflächlichen Vordergrund der Tragödie finden lässt.[7]

4. Analyse des Werkes

Da der Tudormythos gesellschaftlich manifestiert war, betrachtete Shakespeare, neben vielen anderen Autoren des elisabethanischen Zeitalters, vor allem die Störung der gottgegebenen staatlichen Ordnung durch Kriege und Verschulden der Herrscher als dramatisch äußerst wertvoll und daher darstellenswert. Mit seinen Historiendramen avancierte er rasch zum Hauptvertreter der Gattung und bereicherte sie durch oft zu Fall kommende englische Könige um Elemente der Tragödie. Dadurch gelang es Shakespeare, das aus einem heftigen Nationalismus gewachsene zeitgenössische Interesse an englischer Geschichte zu bedienen und überstandene Notzeiten aufzuzeigen, welche die glorreiche Herrscherfamilie um Elisabeth I. und die eigene Nation feierten. Das Bild eines voll Sünden geladenen Königs, für dessen Taten auch sein Volk sühnen muss, verdeutlicht sich hervorragend anhand Shakespeares Richard III., wobei dieses Stück im Folgenden analysiert und die dramatische Verarbeitung des Scheiterns des Königs herausgestellt werden soll. Dabei dienen die einzelnen Akte des Stücks auch dieser Arbeit als Gliederungspunkte.[8]

[...]


[1] Clemen, Wolfgang: Kommentar zu Shakespeares Richard III. Interpretation eines Dramas, 2. durchgesehene und ergänzte Auflage, Göttingen 1969.

[2] Hammerschmidt-Hummel, Hildegard: William Shakespeare. Seine Zeit – Sein Leben – Sein Werk, Mainz 2003.

[3] Eising, Karl Michael: Richard III. Die weiße Rose von York, Gernsbach 1990.

[4] Shakespeare, William: König Richard III., hrsg. von Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. zweisprachige Ausgabe, München 2009.

[5] Vgl. Hammerschmidt-Hummel: William Shakespeare, S.1-7, 37-41, 61-71, 102-111, 259-263, 270-274, 284.

[6] Vgl. Eising: Richard III., S.40, 57-58, 64-68, 82-90, 117-121, 129, 134-139, 237-241, 426-431, 399-440.

[7] Vgl. Suerbaum, Ulrich: Das elisabethanische Zeitalter, Stuttgart 1989, S.40-43. Honan, Park: Shakespeare. A life, Oxford 1998, S.138-142. Habermann, Ina/ Klein, Bernhard: Die Historien, In: Schabert, Ina (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit – Der Mensch – Das Werk – Die Nachwelt, 5. durchgesehene und ergänzte Auflage, Bonn 2009, S.339-340.

[8] Vgl. Suerbaum: Das elisabethanische Zeitalter, S.454-455.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
König Richard der Dritte
Untertitel
Eine Interpretation unter der Fragestellung, wie Shakespeare das Scheitern des Königs dramatisch verarbeitet
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Geschichte und Theater
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V198228
ISBN (eBook)
9783656243373
ISBN (Buch)
9783656246275
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
William Shakespeare, Shakespeare, Richard III, Richard der Dritte, Literatur
Arbeit zitieren
Eric Kresse (Autor), 2011, König Richard der Dritte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198228

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