Vaterschaft im geschichtlichen und heutigen Kontext


Hausarbeit, 2002

31 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Vaterrolle
1.1 Zum Rollenverständnis – Definition der Begrifflichkeit „Rolle“
1.2 Vatersein – Ein historischer Rückblick
1.3 Heutige Vaterbilder
1.4 Zusammenfassung

2 Der Vater von heute
2.1 Ansätze zur Definition der Vaterrolle
2.2 Ein erweitertes Konzept von Vaterschaft: Das Konzept der „Generativität“
2.3 Das „Pentagramm der Elternschaft“ – Ein weiteres Vaterschaftskonzept
2.4 Zusammenfassung

3 Der Vater in der Familie
3.1 Der Übergang zur Vaterschaft
3.2 Das Empfinden der Vaterschaft
3.3 Die Anteilnahme des Vaters an der elterlichen Verantwortlichkeit
3.4 Eigentümlichkeiten der Familiensituation von jungen Vätern
3.5 Zusammenfassung

4 Abschließende Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

6 Internetquellen

Einleitung

Wenn wir uns mit der Rolle des Mannes als Vater beschäftigen, dann getrauen wir uns an eine Materie, die bisher kaum Achtung erhielt. Noch vor wenigen Jahren waren Väter nur dann von öffentlichem Interesse, wenn sie ihre Kinder peinigten bzw. sie sexuell ausnutzen, in einer Haftanstalt saßen, im Krieg fielen oder aus anderen Gründen abwesend waren. Wenn sie dann aber anwesend waren, hatten sie ihrem Part als Brotverdiener zu entsprechen. Die Erziehungsverantwortung blieb fast ausnahmslos bei der Mutter. So wurde die Bedeutung der Mutter für die Entwicklung des Kindes hinlänglich untersucht und dank vieler Studien auch wissenschaftlich belegt. Bis vor kurzem wurde daher in der Entwicklungspsychologie nur von der Mutter-Kind-Beziehung gesprochen. Der Vater blieb dabei außen vor. Während der letzen zwanzig Jahre gewann jedoch die Vaterschaft als soziales und familiäres Phänomen zunehmend an Bedeutung. Unterschiedliche Untersuchungen befassen sich seitdem mit diesem Themenkomplex.

Gegenstand dieser Ausarbeitung ist es, die Vaterschaft sowohl im geschichtlichen als auch im heutigen Kontext zu betrachten.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird zunächst die Begrifflichkeit der „Rolle“ näher dargelegt und ein umrisshafter Überblick über die historischen Entwicklungen der Vaterschaft bis hin zu heutigen Vaterbildern aufgestellt. Nur so ist erkennbar, dass die Vaterschaft als solches nicht immer einem Kontinuum folgte.

Basierend auf diesen Ausführungen, werden im zweiten Teil Definitionsansätze der Vaterrolle erläutert und zwei konkrete Vaterschaftskonzepte vorgestellt.

Dem dritten und letzen Teil gilt das Interesse, wie der Übergang zur Vaterschaft verläuft, wie die Vaterschaft empfunden wird und welches Ausmaß väterliches Engagement in Bezug auf die Kindesversorgung einnimmt. Diesbezüglich stellen vor allem auch junge Väter eine besondere Gruppe dar, was dazu veranlasste, auch auf die Besonderheiten der Familiensituationen junger Väter etwas genauer einzugehen.

Insbesondere im abschließenden Part ist darauf hinzuweisen, dass es sich hier um verallgemeinerte Darstellungen handelt. Auf einzelne soziale Schichten oder Gegebenheiten wird nicht näher eingegangen.

1 Die Vaterrolle

1.1 Zum Rollenverständnis – Definition der Begrifflichkeit „Rolle“

Jeder von uns vereint unterschiedliche Rollen in sich.

Da wir alle Inhaber einer bestimmten sozialen Position sind, richten sich dementsprechend gesellschaftliche Erwartungen an uns. „ Diese Erwartungen bestimmen als Verhaltensnormen die Handlungen jedes Rollenträgers.“[1]

So gibt es zum einen die Untergliederung in primäre und sekundäre Rollen[2]:

1. primäre Rollen: sind statisch und werden von vornherein der Person

zugeschrieben. (Geschlechterrollen)

2. sekundäre Rollen: sind dynamisch und erworben. (z.B. die Vaterrolle)

Weiterhin ändern sich die gesellschaftlichen Erwartungen an uns, da wir uns täglich an verschiedenen Handlungsorten befinden. (z.B. Schule, Arbeitsplatz, Freizeit)

Aufgrund dessen können Kalamitäten entstehen, da die verschiedenen Rollenerwartungen schlecht oder gar nicht umgesetzt werden können.

1. Interrollenkonflikt: Wenn sich zwischen zwei oder mehreren Rollen Konflikte

ergeben.

2. Intrarollenkonflikt: Wenn unterschiedliche Erwartungen an die selbe Rolle

gestellt werden und diese sich nicht vereinbaren lassen3.

Was macht nun aber die Vaterrolle aus und was bedeutet Vatersein?

1.2 Vatersein - Ein historischer Rückblick

Das Rollenverständnis des Vaters ist einem historischen Wandel unterworfen.

So zeigt die Geschichte der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, daß die

Eltern-Kind-Beziehung, wie wir sie heute für selbstverständlich und wünschenswert halten, in früheren Zeiten ganz anders und verschiedenartig gestaltet war.

Hier eine stark komprimierte Übersicht der Vaterrolle in den unterschiedlichen geschichtlichen Epochen4:

Das alte Ägypten

Die Rolle des Vaters umfaßte das Beschützen und Ernähren der Kinder, als auch die Erhaltung der kulturellen Traditionen und deren Weitergabe an den Nachwuchs. Die väterliche Versorgung der Kinder basierte in Tauschgeschäften, nämlich dem Austausch von Dienstleistungen gegen spätere Versorgungsleistungen der Kinder. Dahingehend war es eine Vater-Untergegebenen-Beziehung.

Obwohl es im alten Ägypten auch Schulen gab, war doch die Erziehung durch den

Vater dominant, allerdings nur die des Sohnes. Der Vater offenbarte dem Sohn

die kulturelle Tradition und dozierte ihn, was ein guter Vater sei, damit er später in der Lage war, diese Aufgabe angemessen zu erfüllen.

Das hebräische Bewusstsein

Auch die frühe hebräische Kultur war patriarchalisch geprägt. Der Vater stellte das Familienoberhaupt dar, dem ebenfalls eine starke Kontrollfunktion zustand. Er überwachte sämtliche relevanten Entscheidungen einbegriffen der Auswahl der Ehepartner für seine Kinder. Die Vater-Kind-Beziehung war durch Kompromißlosigkeit und Härte charakterisiert.

Die israelische Kultur

Hier symbolisierte das Vatersein gleichzeitig das Gottvaterbild. Der Vater ist für das Beschützen und Ernähren, aber auch für das Züchtigen (Erziehen) verantwortlich, das als integraler Bestandteil der Erziehung, im Grunde als seine Verkörperung selbst, angesehen wurde.

Das antike Griechenland

Im antiken Griechenland bestand kein einheitliches Vaterbild. Dennoch ist der Begriff der Väterlichkeit anzutreffen: Der Knabe wird als Produkt zweier Väter gedacht, nämlich eines leiblichen, der seinen Körper zeugt und des Liebhabers, der im sozialen Modus seinen Charakter formen soll.

Das antike Rom

Das antike Rom wird allumfassend als Verkörperung des Patriarchats beschrieben: Das Vater-Kind-Verhältnis wurde in erster Linie als Sachbesitz und nicht durch Liebe und Fürsorge ausgelegt. Väter hatten ein weitgehendes Desinteresse an der Kinderaufzucht. Verweigerte der Vater die Annahme des Kindes, hatte dies nahezu ausnahmslos dessen Tod zur Konsequenz. Er galt als Inhaber der absoluten väterlichen Gewalt ("patrias potestas") und verfügte somit über das Recht auf körperliche Züchtigung. Er konnte bis in das fortgeschrittene Alter seiner Kinder über deren Leben und Tod entscheiden. Die Söhne durften keinen eigenen Haushalt gründen bis der Vater starb.

Das frühe Christentum

Im frühen Christentum erfolgte eine Entwicklung zur Vergeistlichung der

Vater-Kind-Beziehung. Es setzt obendrein ein Prozeß der Entdifferenzierung

zwischen Vater- und Mutterschaft ein, da das in dieser Ära erklärte Idealbild

der Vaterschaft, nämlich der emphatischen Väterlichkeit, feminine Züge trägt.

Das Mittelalter

Im Mittelalter büßt die Vaterschaft an Gehalt, was besonders unter dem Einfluß der Kirche resultierte. Um das Jahr 1000 n.Chr. wurde die Priesterehe untersagt. Priester werden damit aus dem Lebensalltag der Menschen abberufen und somit auch aus dem Familieleben und natürlich der Vaterschaft entlassen. Priester können keine Väter mehr werden. Es kommt zu einer Höherbewertung der geistlich fundierten Enthaltsamkeit und damit implizit zu einer Minderung der Vaterschaft als männliches Bestehen.

Im 12. und 13. Jahrhundert kam es, insbesondere von philosophischer Seite, zu einer Huldigung des Weiblichen. Erstmals werden Gedanken der Partnerschaftlichkeit verbalisiert. Im 14. Jahrhundert kommt es zu einer kritischen Situation des Papsttums, in deren Entwicklung väterliche Konzepte an Essenz einbüßen. Die Marienverehrung und damit die Vergötterung der Mütterlichkeit erreicht einen ersten Höchstwert. Nach der Lehre von Thomas von Aquin wird der Vater zusätzlich von Gott substituiert und in der Ausbildung durch den Lehrmeister ersetzt. Der Vater wird hierbei in die Rolle des Ernährers und Beschützers der Kinder zurückgedrängt.

Die Renaissance

In dieser Epoche begann ein einschneidender Wandel in den Familienbeziehungen.

Die Erfahrung mit schwerwiegenden Epidemien (Pest) formten die Werthaltungen

bezüglich der Kinder für die Familien. Hiermit wurde die Basis für eine intensivere Beziehung zwischen Eltern und Kinder gelegt. Deutliche Folgen hatte dies für das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, wesentlich weniger für die zwischen Vater und Kind. Bedingt durch die einsetzende Landflucht waren viele Männer weit ab ihrer Heimat und Familien als Arbeiter und Handwerker tätig, was dazu führte, dass viele Kinder fast vollständig vaterlos aufwuchsen. Auch lang andauernde Kriege setzten Vaterabwesenheit voraus.

Mit der Entdeckung unbekannter Kulturen, aber auch erstmalig naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, schwankt das alte Weltbild und mit ihm auch seine Gewohnheiten.

Aber auch der Einfluss Luthers ist bedeutend. Er vertritt die Denkweise, dass die Ehe keine kirchliche Angelegenheit mehr sei, sondern eine staatliche. Damit wird der Grundstein gelegt, dass auch die väterlichen Destinationen an den Staat übertragen werden.

Die Aufklärung

Durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht ist nun das Ausbildungsmonopol des Vaters definitiv zerstört. Es erfolgte eine Vervielfältigung des Vaters aufgrund des ansteigenden Lehrerstands. Besonders aber in der Zeit der französischen Revolution kam es zur Destruktion des Vaterprinzips: Die gewonnene Freiheit befreit von der Abhängigkeit durch den Vater, die Gleichrangigkeit zerstört die Ehrfurcht vor der Leistung der Ahnen und die brüderliche Gesinnung lässt von diesem Zeitpunkt an eine Verwandtschaftsbeziehung zu, nämlich diejenige binnen derselben Altersgruppe.

Das 18. Jahrhundert

Auch hier verliert die Vaterrolle nach wie vor an Bedeutung. Die Mütter übernahmen nun viele der einstigen väterlichen Aufgaben. Sie entwickeln sich zu Hausvorsteherinnen und waren für die Kindererziehung zuständig.

Dies ergab sich mit der zunehmenden Trennung von Haus und Arbeitsstelle der

Väter. Die Frauen ihrerseits wurden von der Pflicht befreit, durch eigene

Beiträge zum materiellen Unterhalt der Familie beizusteuern. Allerdings setzte sich diese Umgestaltung vorerst in der Schicht der Beamten, der

Akademiker, der bürgerlichen Intelligenz und des Adels durch. Dort wurde den Kindern große Achtsamkeit gewidmet und ihnen bestmögliche Bildungschancen eröffnet. Demgegenüber spielt das Familienleben bei den kleinen Bauern, Handwerkern und dem späteren Industrieproletariat keine tragende Rolle. Beide Elternteile müssen durch Arbeit den Lebensunterhalt verdienen, wodurch Kinder eher als Last angesehen werden und sich selbst überlassen werden. So zeitig wie möglich werden die Kinder selber in den Arbeitsprozeß integriert.

In beiden Modellen war der Vater der Alimentationspflichtige. Die Männer der

unteren Schichten erlebten allerdings die Notwendigkeit der Berufstätigkeit

ihrer Frauen als erniedrigend. Es wurde zum begehrenswerten Bestreben, die Frauen nicht auf Arbeit schicken zu müssen, eine Auffassung, die auch heute noch gegenwärtig ist und die zur Übernahme der häuslichen Pflichten und

Erziehungsaufgaben seitens der Mütter beitrug. In dem Maße, indem Väter ihre

Funktionen an den Staat abzugeben hatten, übernahm dieser quasi das väterliche

Erbe, allerdings in Form totalitärer Erziehung. Zur selben Zeit entwerfen Pädagogen das Konzept der Mutterliebe. An dieser Stelle ist besonders Pestalozzi nennenswert.

Noch bis zum 19.Jahrhundert wurden Kinder als väterlicher Besitz angesehen. Das elterliche Sorgerecht unterlag somit stets dem Vater.

[...]


Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Vaterschaft im geschichtlichen und heutigen Kontext
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Soziale Arbeit)
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
31
Katalognummer
V19826
ISBN (eBook)
9783638238670
ISBN (Buch)
9783640143696
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vaterschaft, Kontext
Arbeit zitieren
Britta Böhnki (Autor), 2002, Vaterschaft im geschichtlichen und heutigen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19826

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