Kinder aus alkoholbelasteten Familien

Diskussion theoretischer Ansätze und empirischer Ergebnisse unter dem Gesichtspunkt der Folgen für das Erwachsenenalter


Diplomarbeit, 2003
95 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Grundlegende Begriffsbestimmung
1.1 Allgemeine Definition von Sucht
1.2 Das Suchtmittel Alkohol
1.2.1 Alkoholmissbrauch (bzw. Schädlicher Gebrauch von Alkohol) und Alkoholabhängigkeit
1.2.2 Alkoholismus als Krankheit
1.2.2.1 Alkoholismus als Familienkrankheit
1.2.2.2 Co-Abhängigkeit
1.3 Alkoholismus als soziales Problem
1.3.1 Normalität und Abweichung
1.3.2 Die Doppelwertigkeit der Alkoholwirkung
1.3.3 Definitionsänderungen im Alkoholismusbegriff
1.4 Fazit

2 Kinder aus alkoholbelasteten Familien
2.1 Vorbemerkung
2.2 Die Lebensbedingungen der Kinder aus alkoholabhängigen Familien
2.2.1 Familiäre Atmosphäre
2.2.2 Mangelnde Interaktion
2.2.3 Elterliches Erziehungsverhalten
2.2.4 Familienstruktur, Rollendynamik und Co-Abhängigkeit
2.2.5 Die Bedeutung der Geschwisterkonstellation
2.2.6 Vorherrschende Regeln in einer Alkoholikerfamilie
2.3 Das Gefühlsleben und Verhalten mitbetroffener Kinder
2.4 Außergewöhnliche Belastungskriterien für die Kinder
2.5 Mögliche Entwicklungsstörungen der Kinder
2.6 Rollenverhalten der Kinder als Bewältigungsstrategie
2.7 Das kindliche Erleben von Normalität
2.8 Resümee

3 Folgen des Aufwachsens in der Alkoholfamilie auf das Leben des erwachsenen Kindes
3.1 Mögliche Auswirkungen des Aufwachsens in einer alkoholgeprägten Familie auf das eigene Erwachsenenleben
3.1.1 Untersuchung von Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel
3.1.2 Untersuchung von Robert J. Ackermann
3.1.3 Resümee
3.2 Das Gefühlsleben der EKA
3.3 Persönlichkeits- und Rollenkonzepte für Erwachsene Kinder Alkoholkranker
3.3.1 Persönlichkeitskonzepte
3.3.2 Rollenkonzepte
3.3.3 Charakteristische Rollen von (erwachsenen) Kindern alkoholabhängiger Eltern und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit
3.3.3.1 Der/Die Verantwortungsbewusste
3.3.3.2 Der/Die Fügsame
3.3.3.3 Der/Die Friedensstifter
3.3.3.4 Das ausagierende Kind
3.4 Transmission von Alkoholismus
3.4.1 Untersuchungen an Zwillingen
3.4.2 Adoptionsstudien
3.4.3 Frühkindliche Faktoren, Familientradition und Familienbedingungen
als Risikofaktoren
3.4.4 Protektive Faktoren
3.4.5 Einstellungen zum Alkohol und Gebrauch von Alkohol seitens der EKA
3.4.6 Diskussion der beschriebenen Untersuchungsfelder
3.5 Partnerwahl erwachsener Kinder aus alkoholbelasteten Familien
3.6 Beziehungsmuster von EKA (Forschungsergebnisse von Eike Christiane Schumann)
3.6.1 Geschlechtsspezifische Interpretation der aufgestellten Beziehungsmuster
3.6.2 Schlussfolgerung
3.7 Die Erziehung eigener Kinder
3.8 Positive Entwicklungsmöglichkeiten der EKA
3.9 Diskussion

4 Abschlussbetrachtung

5 Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Schätzungsweise leben in Deutschland 1.5 Millionen alkoholkranke Menschen (Vgl. Ludwigsburger Kreiszeitung, 186. Jahrgang, Nr. 14, S.19). Da die Betroffenen nicht alleine leben, sondern sich im Familienverband befinden, sind immerhin rund vier bis fünf Millionen Angehörige immediat von der Abhängigkeit eines Familienmitgliedes mitbetroffen (Vgl. Teske 1994, S.4). Da Ehepartner/-innen und Kinder direkt von der Alkoholkrankheit beeinflusst werden, wird in der gängigen Literatur auch von der „alkoholkranken Familie“ gesprochen. Jedoch wurde bisher kaum den daraus resultierenden Problemen der Kinder, vor allem jedoch den Auswirkungen der familiären Suchterfahrung auf das spätere Erwachsenenalter jener Kinder, Beachtung geschenkt. So findet sich auch in der Literatur geringfügig Material zu diesem Thema, welches sich häufig auf Erkenntnisse der 1960er bis 1980er Jahre bezieht.

Innerhalb meines zweiten Praxissemesters im Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes Ludwigsburg, zählten viele alkoholabhängige Eltern zum dortigen Klientel. Hier wurde mein Interesse an diesem Thema geweckt. Ich fragte mich, ob und inwiefern sich die elterliche Alkoholsucht auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Wie verhalten sie sich im zwischenmenschlichen Bereich? Weisen diese Personen spezielle Charakterstärken und/oder Verletzbarkeiten auf? Basierend auf einem Workshop zum Thema „Kinder aus Suchtfamilien“ anlässlich des Kinder- und Jugendhilfetages im November 2002, wobei das Landratsamt Ludwigsburg als Veranstalter agierte, weitete sich meine Fragestellung auf das Erwachsenenleben mitbetroffener Kinder alkoholkranker Eltern(teile) aus. Ich erkannte, dass nur sehr wenig über diese Kinder bekannt ist und wunderte mich, warum diese Gruppe nicht wahrgenommen wird. Es wurde ersichtlich, dass (erwachsene) Kinder aus alkoholbelasteten Familien selten als Forschungsgegenstand gewählt werden. Warum das so ist, soll innerhalb der Arbeit versucht werden zu begründen. Weiterhin soll das Erwachsenenleben der Kinder aus alkoholbelasteten Familien näher betrachten werden, indem bisher existierende Theorien und empirische Ergebnisse zu dieser Forschungsgruppe herangezogen und auch diskutiert werden sollen. Jene theoretischen und empirischen Arbeiten wurden mehrheitlich von US-amerikanischen Autoren verfasst, da die Bewegung ihren Ursprung in den USA hat.

Das überwiegende Forschungsinteresse erfolgt im klinischen Kontext, das heißt, es wird sich mit der Untersuchung des suchtkranken Menschen auseinandergesetzt. Unter dem Gesichtspunkt der Erzielung verbesserter Therapieerfolge, gewannen die familiensystemische Sichtweise und damit die Gleichsetzung der Suchtkrankheit mit einer

Familienkrankheit langsam an Bedeutung. Exemplarisch für die Darstellung der alkoholkranken Familie gilt in der gängigen Literatur die Abhängigkeit des Vaters.

Mit Beginn der 1980er Jahre widmete sich die Forschung zunehmend auch den Kindern aus alkoholkranken Familien. Die daraus resultierenden Studien erfolgen mehrheitlich im angloamerikanischen Raum. BRACKHOFF (1987) bietet dementsprechend einen guten Überblick über Ergebnisse und Literatur. Die Mehrheit dieser dort dargestellten Forschungsarbeiten unterliegt jedoch methodischen Schwächen, auf deren Grundlage keine zuverlässigen Angaben zu der Gruppe der erwachsenen Kinder aus alkoholbelasteten Familien geschlussfolgert werden können.

Der Term „Erwachsene Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile)“ umfasst in diesem Kontext jene Personen, die in einem von den Eltern alkoholgeprägtem Umfeld aufgewachsen sind, das 18.Lebensjahr vollendet haben und mündig sind. Da in den bisherigen Studien überwiegend davon ausgegangen wird, dass nur ein Elternpart der Alkoholsucht unterliegt, wird in den weiteren Ausführungen vielfach mit der in Klammern stehenden Beschreibung „Eltern(teil)“ gearbeitet. Schilderungen, welche sich sowohl auf die noch in der Alkoholikerfamilie lebenden Kinder, als auch auf die erwachsenen Kinder jener Eltern beziehen, weisen sich durch die Begriffe „(erwachsene) Kinder“ aus. Die Adjektive „alkoholabhängig“, „alkoholkrank“ und „alkoholbelastet“ werden sinnverwandt verwendet. „Sucht“ und „Abhängigkeit“ wird dementsprechend ebenfalls synonym benutzt. Um ein flüssiges Lesen zu ermöglichen, wird auf geschlechtsspezifische Wortumschreibungen, wie z.B. PartnerInnen, weitgehend verzichtet.

Im Kapitel 1 wird sich vorerst der Phänomenologie von Sucht, Abhängigkeit und Alkoholismus gewidmet. Alkoholismus wird nicht als soziales Problem betrachtet, sondern unterliegt gesellschaftlichen Stigmatisierungsprozessen. Gleichzeitig zeichnet sich aber auch eine Doppelwertigkeit hinsichtlich des Alkoholkonsums ab, auf welche in diesem Kapitel ebenfalls genauer eingegangen werden soll. Allgemeine Begriffsbestimmungen sind notwendig und bilden die Basis für weitere Ausführungen.

Kapitel 2 umfasst grundlegende Beschreibungen der Lebenssituationen von Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile). So werden unter anderem das Gefühlsleben der Kinder, die kindlichen Rollenübernahmen und die Familienatmosphäre dargestellt. Hierbei handelt es sich um einen Auszug überwiegend erfahrungsbezogener Erkenntnisse einiger Autoren, welche sich umfassend mit der spezifischen Situation von Kindern Alkoholkranker versucht haben zu befassen. Kinder erleben die familiären Auswirkungen des Alkoholismus als ihre

Normalität. Diese Normalität jedoch bringt bedrückende Erfahrungen mit sich, welche spezielle Überlebensstrategien erfordern.

Mögliche Auswirkungen der elterlichen Alkoholsucht auf das Erwachsenenalter der mitbetroffenen Kinder werden in Kapitel 3 erläutert. Dabei wird sich auf eine Auswahl theoretischer Ansätze und empirischer Studien bezogen. Generell handelt es sich hierbei um amerikanisch klinische und/oder psychologische Forschungsarbeiten, welche sich vorwiegend auf männliche Untersuchungsgruppen stützen. Infolge dessen beschäftigen sich die Untersuchungen vorrangig mit den negativen Auswirkungen des Aufwachsens in einer alkoholbelasteten Familie, wobei spezielle Stärken der erwachsenen Kinder, die sich angesichts der Alkoholkrankheit entfalten können, wenig beachtet werden. Familienorientierte Theorien sind selten.

Im Kapitel 4 erfolgt eine Abschlussbetrachtung der Ausführungen, woraus im Kapitel 5 ein kleiner Ausblick auf die sozialpädagogische Arbeit anschließt.

Um sich als SozialarbeiterIn, Sozialpädagogin/Sozialpädagoge ein besseres Verständnis für Kinder aus alkoholbelasteten Familien bilden zu können, ist es wichtig, ihre Lebensbedingungen und die Verarbeitungs-, als auch Entwicklungsmöglichkeiten genauer zu kennen. Anhand dieses Wissens ist es möglich, Kinder alkoholkranker Eltern(teile) eher zu identifizieren und eine empathische Grundhaltung entgegenzubringen. Nur so kann angemessen auf die außerordentlich Bedürfnisse jener Kinder eingegangen werden und an geeignete Beratungsstellen und/oder Selbsthilfegruppen vermittelt werden (Bsp.: Alateen und Al-Anon). Alkoholismus stellt in Deutschland eine weit verbreitete Sucht dar. Dementsprechend ist ein umfassendes Wissen über diese Abhängigkeit, aber auch über die Auswirkungen auf die mitbetroffenen (erwachsenen) Kinder unerlässlich. Diese Arbeit soll das Verständnis für (erwachsene) Kinder aus alkoholkranken Familien fördern.

1 Grundlegende Begriffsbestimmung

1.1 Allgemeine Definition von Sucht

Der Begriff „Sucht“ entstammt dem Wort „siech“ und steht für „krank“(vgl. Bertling 1993, S.28). Sucht umfasst sämtliche Formen krankhaften Verhaltens, wie z.B. Fresssucht, Spielsucht und die in dieser Arbeit relevante Alkoholsucht. Die Sucht zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

- Eine ausgeprägte Begierde nach dem Konsum bestimmter Substanzen, sich in gewisse Situationen begeben oder sich in einen bestimmten Zustand versetzen, wie dem Betrunken sein, um das Wohlbefinden zu stärken.
- Die bestehende Tendenz, die Einnahmemenge stets zu erhöhen.
- Eine körperliche, seelische und/oder soziale Abhängigkeit vom Wirkstoff, des angenehmen Empfindungslebens und der damit verbundenen Situation.
- Auftreten von Entzugserscheinungen, die darauf abzielen, die benötigte Substanz unter allen Umständen zu beschaffen.
- Die Sucht wird als Lebenssinn verstanden und bestimmt das gesamte Leben des Abhängigen (Vgl. ebd., S.28; Mental-Health-Matters 2003).

Der Ausdruck „Sucht“ kann mit dem Wort „Substanzabhängigkeit“ gleichgesetzt werden. Alkoholismus gilt dementsprechend als stoffgebundenes Mittel, welches dem Organismus direkt zugeführt wird. Unabhängig davon, ob es sich um eine stoffgebundene oder stoffungebundene Sucht handelt, verläuft die Entstehungsart identisch:

- Sie wird durch das Subjekt selbst hervorgerufen, da das zwanghafte Verhalten in ihm verankert ist und eine gewisse Empfänglichkeit oder Bereitwilligkeit zur Sucht vorhanden ist.
- Die Sucht wird durch die Substanz an sich begünstigt, da seine negativen Auswirkungen nicht erkannt werden.
- Sucht wird gesellschaftlich bedingt, indem die Gesellschaft bestimmt, was unter Sucht zu verstehen ist und was für Kriterien dafür gelten (Vgl. ebd., S.29).

Der Ausdruck „Sucht“ wird in verschiedenen Arbeitsbereichen unterschiedlich definiert.

In der Psychologie wird Sucht als Fluchtverhalten verstanden, dass von der normalen Selbstwerdung des Menschen und dem Prozess der gesellschaftlichen Anpassung (Sozialisation) differiert. Psychiatrisch betrachtet umfasst Sucht „ein bestimmtes Verhaltens-

und Erlebnismuster, das mit einem ‚unabweisbaren Verlangen nach einem bestimmten Gefühls-, Erlebens- und Bewußtseinszustand’ umschrieben werden kann (Gross 1992, zit. nach Poppelreuter 1996, Vgl. Feuerlein 1998, S.6).“ Die Suchtentwicklung wird hier nicht als genetisch bedingt verstanden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Sucht 1957 anhand der Drogenabhängigkeit, wonach Sucht „’ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge’“ ist, welches sich durch vier Kriterien auszeichnet:

- „’Ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels,
- eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung),
- die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge,
- die Schädlichkeit für den Einzelnen und/oder die Gesellschaft (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. 2003 zit. n. WHO).’“

Nach der WHO wird jede Substanz als Droge verstanden, welche den lebenden Organismus beeinträchtigt.

Sucht wird als körperliche Abhängigkeit begriffen, die sich durch Toleranzerhöhung und Entzugserscheinungen auszeichnet. Toleranz umfasst hierbei die Gewöhnung des Körpers an die Substanz, zum Beispiel an den Alkohol, aus welcher eine Dosissteigerung zur Erhaltung des gewünschten Effektes resultiert. Nach dem Absetzen oder der Dosisverringerung des Suchtmittels treten Entzugssyndrome auf. Der Begriff der Sucht wird wenig eindeutig definiert. Aufgrund dieser Bestimmungsschwierigkeiten, hat die WHO 1964 darauf plädiert, Sucht durch den Term der „Abhängigkeit“ zu ersetzen (Vgl. Feuerlein 1998, S.6).

1.2 Das Suchtmittel Alkohol

Der Begriff „Alkohol“ stammt vom arabischen Wort „al-kuhl“ ab und bedeutet übersetzt „feines Pulver, Augenschminke“(Feuerlein 1998, S.1). In den hier anschließenden Ausführungen wird unter Alkohol die Substanz des Ethylalkohol-Ethanols (= reiner Alkohol) verstanden. Reiner Alkohol ist eine farblose, brennbare und stechend schmeckende Flüssigkeit, welche durch Gärungsprozesse von Zucker aus unterschiedlichen Grundstoffen gewonnen wird (Vgl. DHS-Broschüre: Die Sucht und ihre Stoffe).

Alkohol ist der Menschheit seit Jahrtausenden bekannt und nimmt verschiedene Funktionen ein, welche gebiets- und kulturabhängig sind. So zählt Alkohol in Deutschland zu den Suchtmitteln, deren Erhalt, Besitz und Vertrieb legal ist. Er gilt als fester Bestandteil ritueller Zusammenkünfte (z.B. Familienfeste, Feiertage) und ist für seine enthemmende, angstmindernde und entspannende Wirkung bekannt. Gleichzeitig wird ein übermäßiger und anhaltender Alkoholkonsum, welcher gesellschaftlich auch als Trunkenheit oder Alkoholismus bezeichnet wird, verurteilt.

Im Jahre 1852 wandte der schwedische Arzt HUSS vorerst den Begriff des „chronischen Alkoholismus“ an, unter welchen körperliche Folgeschäden durch Alkoholkonsum gefasst werden (Vgl. Feuerlein 1998, S.1). Der Terminus des „Alkoholismus“ wird zwar weltweit verwendet, kann jedoch keine eindeutigen Begriffsdefinitionen aufweisen. In den vergangenen Jahren hat sich daher die Unterscheidung zwischen Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit durchgesetzt (Vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2002, S.13).

1.2.1 Alkoholmissbrauch ( bzw. Schädlicher Gebrauch von Alkohol) und Alkoholabhängigkeit

Alkoholismus umfasst die Begriffe der Alkoholabhängigkeit und den des Alkoholmissbrauchs, wobei Missbrauch erneut die Alkoholabhängigkeit impliziert (Vgl. Reichelt-Nauseef 1991, S.48).

Alkoholmissbrauch zeichnet sich durch einen überhöhten oder vermehrten Alkoholkonsum aus, welcher psychische, physische und soziale Auswirkungen hervorruft. Nach Aussagen der WHO treten infolge eines schädlichen Alkoholgebrauchs Gesundheitsschädigungen im psychischen oder physischen Bereich ein (Vgl. Feuerlein 1999, S.16). Anhand des DSM-IV erfolgt eine Aufstellung von Kriterien, die eine Diagnose des Missbrauchs psychotroper Substanzen, in diesem Zusammenhang die des Alkohols, zulassen. Hierbei muss mindestens ein Kriterium, innerhalb von zwölf Monaten erkennbar sein. Folgende Kriterien werden dabei überprüft:

- „wiederholter Alkoholkonsum, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt (…);
- wiederholter Alkoholkonsum in Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann (z.B. Alkohol am Steuer (…));
- wiederkehrende rechtliche Probleme in Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum (Verhaftung aufgrund ungebührlichen Betragens in Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum);
- fortgesetzter Alkoholkonsum trotz ständiger oder sich wiederholender sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch die Auswirkungen des Alkohols verursacht oder verstärkt werden (…) (Feuerlein 1998, S.8).“

Alkoholabhängigkeit kann mit Hilfe des DSM-IV jedoch nicht eindeutig bestimmt werden.

Die Alkoholabhängigkeit bewirkt psychologische, kognitive und verhaltensbezogene Veränderungen beim Konsumenten und wird in körperliche und psychische Abhängigkeit unterteilt. Körperliche Abhängigkeit basiert auf dem Auftreten eines Entzugssyndroms und einer Toleranz, welche auf eine regelmäßige Dosiserhöhung zur Aufrechterhaltung der gewohnten Wirkung abzielt, während die psychische Abhängigkeit sich unter anderem durch Kontrollverlust, Zentrierung des Denkens und dem Streben nach Alkohol auszeichnet. Die Klärung einer psychischen Abhängigkeit ist in der Medizin für die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit entscheidend, auch wenn die psychischen Symptome schwer zu deuten sind. Zur Feststellung der Alkoholabhängigkeit dient gegenwärtig der Kriterienkatalog ICD-10. Demnach müssen innerhalb des vergangenen Jahres mindestens drei der nachstehenden Merkmale erlebt oder aufgezeigt werden können:

a. ein starkes Verlangen, Alkohol zu konsumieren;
b. eingeschränkte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Alkoholkonsums;
c. körperliches Entzugssyndrom bei Abbruch oder Reduktion des Konsums;
d. Nachweis einer Toleranz um die ursprüngliche Alkoholwirkung zu erreichen, wobei zunehmend höhere Dosen erforderlich sind;
e. fortschreitende Vernachlässigung anderer Freuden oder Interessen zugunsten des Alkoholkonsums, steigender Zeitaufwand zur Beschaffung, Konsumierung und Erholung vom Alkohol;
f. anhaltender Alkoholkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen auf psychischer und/oder physischer Ebene (Vgl. World Health Organization, 2003).

Allgemein ist hervorzuheben, dass sich hinter der Symptomatik der Alkoholabhängigkeit unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen und Persönlichkeitsentfaltungen verbergen und die Abhängigkeit als solche eine Vielzahl an differenten Phänomenen und Suchtstrukturen

aufzeigen kann (Vgl. Schumann 1999, S.5). Sowohl Alkoholmissbrauch, als auch Alkoholabhängigkeit unterliegen rein medizinischen Definitionen, wie anhand der Ausführungen gut zu erkennen ist.

1.2.2 Alkoholismus als Krankheit

Die Literatur stellt die unterschiedlichsten Definitionen von Alkoholismus dar. So wird Alkoholismus zum Beispiel als Persönlichkeitsstörung, schlechte Angewohnheit oder als Symptom einer Krankheit beschrieben. Die bekannteste Begriffsbestimmung ist die der Krankheit. Auf den wissenschaftlichen Kontext bezogen gelten hierbei die Grundlagen des Biometrikers JELLINEK, der als Direktor eines interdisziplinären Forschungsinstitutes zur Alkoholismusforschung tätig war, als Basis. 1952 unterbreitete die WHO den Vorschlag, exzessives Trinken und Alkoholismus zu unterscheiden, wobei Alkoholismus als Krankheit betrachtet werden soll, welche psychische, physische, soziale und wirtschaftliche Folgen hervorrufe (Vgl. Krausz/Degwitz In: Krausz/Haasen 1996, S. 9). Jellinek hingegen vertrat die Auffassung, dass nur das Auftreten eines Kontrollverlustes die Verwendung des Krankheitsbegriffs berechtige.

„’Er sei ein Krankheitszustand als solcher, aus einem Prozess resultierend, der sich aufbaut auf die abnorme psychische Situation, deren Symptome das Trinken ist – auch der nicht süchtige Alkoholiker könne ein kranker Mensch sein, aber sein Leiden sei nicht das exzessive Trinken, sondern die psychischen oder sozialen Probleme, von denen die Intoxikation zeitweise Erleichterung verschafft.’ (ebd., zit. n. Jellinek 1960, S.10).“

Jellinek verfasste sowohl ein Krankheitskonzept als auch ein Typen- und Phasenkonzept und bereicherte somit die Alkoholismusforschung. Die von ihm aufgestellte Alkoholikertypologie ist der Vollständigkeit halber anhand einer Tabellenübersicht im hiesigen Anhang vorzufinden. Jellinek fasst jede Art des Trinkens, die irgendeine Schädigung des Individuums oder der Gesellschaft bewirkt, unter den Begriff Alkoholismus (ebd., S.10). Als definitive Suchttypen werden der Gamma- und der Delta-Alkoholiker unter dem Gesichtspunkt der Krankheit begriffen. Jellineks Definition von Alkoholismus und speziell seine Trinktypen gelten auch heute noch als gültige Ausführungen.

Alkoholismus wurde 1968 durch ein Bundessozialgerichtsurteil der Bundesrepublik Deutschland als Krankheit im medizinischen und juristischen Bereich anerkannt (Vgl. Reichelt-Nauseef 1991, S.46). 1992 definierten dann das „National Council on Alkoholism

and Drug Dependence“ und die „American Society of Addictive Medicine“ (kurz ASAM) Alkoholismus als „eine primäre, chronische Krankheit, deren Entstehung und Manifestation durch genetische, psychosoziale und umfeldbedingte Faktoren beeinflußt wird. Sie schreitet häufig fort und kann tödlich enden (Vgl. Feuerlein 1998, S.7).“

Mit der Anerkennung des Krankheitskonzepts entwickelten sich biologische, verhaltenstheoretische und psychodynamische Ätiologiemodelle bezüglich des Alkoholismus. Biologische Ansätze orientieren sich vorherrschend an psychoimmunologischen Verknüpfungen und Rezeptormodellen der Alkoholsucht. Epidemiologische Forschungsarbeiten erkunden anhand von Untersuchungen an Zwillings- und Adoptivkindern die Gegebenheit einer genetischen Prädisposition des Alkoholismus, welche bislang nur gering nachzuweisen ist. Verhaltentheoretische Studien setzen sich mit klassischen, operant konditionierten Lernprozessen und kognitiven Abläufen bei der Entwicklung der Alkoholsucht auseinander. Die hier aufgezeigten Untersuchungsfelder spiegeln alle eine klinische Betrachtungsweise von Alkoholismus wieder. Systemtheoretische Theorien, welche Alkoholismus als Familienkrankheit begreifen, entwickeln sich nur sehr langsam.

1.2.2.1 Alkoholismus als Familienkrankheit

Alkoholismus wird in der heutigen Zeit als krankhafter Abhängigkeitszustand verstanden. Der alkoholkranke Mensch leidet unter dem Zwang, das Suchtmittel Alkohol in steigender Dosis zu konsumieren. Dies erfolgt typischerweise unter Einbezug des sozialen Bezugfeldes, wie z.B. der Familie.

Nach systemtheoretischen Änsätzen befindet sich jedes Individuum in einem System, welches als Ganzes verstanden wird. Änderungen innerhalb des Systems beeinflussen alle Mitglieder. Die Gesamtheit des Systems ist durch ein Fließgleichgewicht geprägt (Vgl. Schumann 1999, S.6). Die Familie verkörpert ein solches System. Das Suchtverhalten dient als Kompensationsmöglichkeit eines dysfunktionalen Gefüges, wobei der Alkohol das empfindliche Familiengleichgewicht (Homöostase) bewahrt.

Die Umschreibung der „Alkoholikerfamilie“ geht davon aus, dass die Familie einen Alkoholismus aufweist. Die gesamte Familie leidet unter der Alkoholabhängigkeit des Betroffenen. Infolge der Alkoholkrankheit ist es den Angehörigen nur schwer möglich, ihr

eigenes Verhalten vorherzubestimmen, da sie sich ausschließlich mit dem Alkoholkranken auseinandersetzen und ihr Verhalten anpassen (Vgl. Reddy, Betty In: Al-Anon Familiengruppen [Hrsg.], 2003). Mit Hilfe unterschiedlicher Verhaltensmuster (wie z.B. durch Verdrängung, Verleugnung, Kontrolle, Manipulation, rigide Rolleneinnahme) versuchten alle Mitglieder einen Ausgleich zu schaffen. Die Familienmitglieder bringen viel Energie auf, um den Alkoholkonsum des Abhängigen kontrollieren zu können. Ihre Sucht nach Liebe wird somit durch Kontrolle bzw. eine eigene, wenn auch verborgene, Abhängigkeit ausgedrückt. „Der Alkoholismus des Betroffenen, wird zum Mittelpunkt der Familie.“ (Vgl. Evangelische Suchtberatung Rostock, 2003). Das Verhalten der mitbetroffenen Angehörigen passt sich den Suchtphasen des Abhängigen an. Anhand rigider Rolleneinahmen und fest verankerter Regeln, versucht die Familie die Sucht und somit auch die familiären Belastungen auszugleichen. Der Alkoholismus ermöglicht den Angehörigen, durch Liebe und Kontrolle überverantwortlich den Zusammenhalt der Familie zu sichern, was ohne Alkoholkrankheit nicht möglich wäre. Jedoch bewirken die ausgleichenden Verhaltensmuster oftmals eine Verstärkung der Suchtproblematik des Betroffenen und der Verfall der Familie droht.

Die Gefühle der Mitbetroffenen gleichen denen des Alkoholkranken. Sie fühlen sich hilflos, schuldig und unzufrieden (a. a. O.). In diesem Zusammenhang findet auch der Begriff der Co-Abhängigkeit Verwendung.

1.2.2.2 Co-Abhängigkeit

In der Literatur findet sich keine einheitliche Definition zum Begriff der Co-Abhängigkeit. Aufgrund verschiedener Sichtweisen, wie z. B. familientherapeutischer, psychoanalytischer oder kognitionspsychologischer, variiert der theoretische Zugang. Generell bezieht sich dieser Term aber auf Menschen, die mit einem Abhängigen leben oder außerhalb des Familienlebens mit ihm in Verbindung stehen (Vgl. Bertling 1993, S.24). In Deutschland leben annähernd acht Millionen Menschen mit einem alkoholabhängigen Menschen zusammen (Vgl. Rennert 1990, S.89).

Der Begriff der Co-Abhängigkeit ist in die Praktiken und Betrachtungsweisen der amerikanischen Suchthilfe integriert. Er findet seit den 1970er Jahren als „co-dependence“ oder „codependency“ Verwendung und gilt als fester Bestandteil der amerikanischen Suchthilfe (ebd., S.89). Zum einen wird jenes Verhalten unter diesen Begriff gefasst, das die

Sucht der abhängigen Person unterstützt und zum anderen wird Co-Abhängigkeit auch als Krankheit der Angehörigen verstanden, die das Verhalten des Betroffenen aber auch die

Persönlichkeit der Mitbetroffenen und ihr gesamtes Umfeld prägt. Demzufolge wird Co-Abhängigkeit als Familienkrankheit betitelt (Vgl. Rennert 1990, S.90). Sharon WEGSCHEIDER definiert dies wie folgt:

„’Co-Abhängigkeit ist ein spezifischer Zustand, der durch die vorrangige Beschäftigung mit einem anderen Menschen oder Objekt sowie die Abhängigkeit (emotional, sozial, manchmal auch körperlich) von diesem charakterisiert ist. Schließlich wird diese Abhängigkeit von einer anderen Person zu einem pathologischen (=krankhaften) Zustand, der die co-abhängige Person in allen anderen Beziehungen beeinträchtigt.’(Bertling 1993 zit. n. Wegscheider 1985, S.24).“

Robin NORWOOD bezieht die Co-Abhängigkeit vorrangig auf die Gruppe der Alkoholiker und betitelt mitbetroffene Personen als ‚Co-Alkoholiker’. Sie äußert:

„’ Das Wort ‚Co-Alkoholiker’ bezieht sich auf Menschen, deren Verhalten im Umgang mit anderen gestört ist, weil sie eine sehr enge Beziehung zu jemandem hatten, der alkoholkrank war. Ganz gleich, ob der Alkoholiker nun ein Elternteil, Ehepartner, Kind oder Freund gewesen ist – eine solche Beziehung bewirkt meistens, daß beim Co-Alkoholiker bestimmte Gefühle und Verhaltensweisen auftreten: ein niedriges Selbstwertgefühl, das Bedürfnis gebraucht zu werden, ein starkes Verlangen danach, andere zu verändern und zu kontrollieren, und eine Bereitschaft zu leiden.’(ebd. zit. n. Norwood 1990, S.25).“

Nach Pia MELLODY zeichnen sich Co-Abhängige durch Schwierigkeiten in fünf Merkmalen aus:

- „angemessene Selbstachtung zu erfahren,
- intakte Grenzen zu setzten,
- die eigene Realität zu beherrschen und auszudrücken,
- Erwachsenen-Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen und
- Realität maßvoll zu erfahren und auszudrücken (Mellody 1991, S.23f).“

Da sich diese Arbeit mit den (erwachsenen) Kindern von Alkoholabhängigen auseinandersetzt, kommt den Begriffen ‚Co-Alkoholiker’ und ‚Mitbetroffene’ die Bedeutung der Co-Abhängigkeit zu. Co-Abhängige sehen sich aufgrund ihres Mitgefühls dazu

auserwählt, den Abhängigen Hilfe zu leisten. Diesbezüglich vereinigen sie sich mit ihm, indem seine Abhängigkeitsproblematik vor sich selbst und vor der Umwelt verleugnet wird.

Der Betroffene wird verteidigt, für sein Verhalten entschuldigt und ihm wird die gesamte Verantwortung abgenommen.

1.3 Alkoholismus als soziales Problem

Der Aspekt, Alkohol als soziales Problem zu betrachten, bezieht sich in den anschließenden Ausführungen auf eine soziologische Anschauung gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse.

1.3.1 Normalität und Abweichung

Jede Gesellschaft kann einen Konsum psychotroper Substanzen und in Verbindung damit auch Abhängigkeitsproblematiken aufweisen. So beinhaltet jede normative Regelung eines Verhaltens ebenfalls die Variante, die gesetzten Normen überschreiten oder missachten zu können. Gesellschaftliche Normen umschreiben die Normalität anhand dominanter Realitätsvorstellungen. Das Überschreiten der sozialen Regeln, wird missbilligt und entsprechend ihres Grades der Institutionalisierung diszipliniert (Vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2002, S.5). Alkoholismus wird beispielsweise als nicht angepasstes Verhalten begriffen, welches keinesfalls toleriert werden kann und daher öffentliche Kontrolle, Interventionen und gesellschaftlicher Unterdrückung erfordert.

Die suchtbedingten Verhaltensweisen unterscheiden sich von den gesellschaftlich akzeptierten Standards und werden als soziales Problem angesehen. Jedoch richtet sich die Bestimmung abweichender Verhaltensweisen und die Anerkennung dieser als soziales Problem nach der Bedeutung, inwiefern sie ökonomische und/oder kulturelle Anforderungen der Gesellschaft hinderlich entgegenwirken. „Devianz ist eine gesellschaftliche Definitionssache ( Berger/Legnaro/Reuband 1979, S.9).“ Ab wann eine bestimmte Verhaltensweise nun als abweichend und als soziales Problem erkannt wird, hängt von der Verbreitung des Verhaltensmusters, seinem Auftreten in spezifischen sozialen Gruppen und seiner Umgestaltung ab. Weiterhin richtet es sich nach der Definition des Phänomens, seiner Bemessung, der Klarheit über die Ursachen und des Wissensstandes über Lösungsmöglichkeiten.

1.3.2 Die Doppelwertigkeit der Alkoholwirkung

Das Suchtmittel Alkohol gilt einerseits als sozial anerkannte Droge und andererseits als negativ umschriebenes Mittel, welches unerwünschte Verhaltensweisen hervorbringen kann.

Basierend auf dieser Denkweise wird auch der Alkoholkonsum an sich unterschiedlich beurteilt. So weist er zum einen eine rituelle Funktion auf, indem er beispielsweise bei Festen unabdingbar ist und sogar ein übermäßiger Konsum toleriert wird. Resultieren jedoch anhaltende Verhaltensschwierigkeiten aus dem Konsum, wird er abgelehnt und verurteilt.

Aber auch in Bezug auf das rechtliche Normensystem ist eine Ambivalenz erkennbar:

„Während Betrunkensein im allgemeinen als Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit gewertet wird und damit als strafmildernd gilt, stellt Trunkenheit am Steuer schon für sich genommen ein Delikt dar, ohne daß Schädigungen anderer Personen notwendigerweise damit verbunden sein müssen. Während in dem einen Falle also der Alkoholkonsum einen Normenverstoß in milderndem Licht erscheinen läßt, macht im anderen Falle der vorherige Konsum die Handlung erst strafbar (Berger/Legnaro/Reuband 1979, S.10).“

Alkoholkonsum in Deutschland gilt als Mittel, um kontrolliert Kontrolle zu verlieren. Dem Individuum wird somit eine hohe Selbstkontrolle im Alkoholumgang abverlangt.

Weiterhin umfasst die Substanz Alkohol gesellschaftliche Funktionen. So erleichtert Alkoholkonsum eine gesellschaftliche Integration. Nur so ist es möglich, öffentlich unerwünschte Emotionen zu offenbaren und Umgangsformen zu lockern.

Ein Überschreiten der gültigen Normierungen durch anhaltende Alkoholexzesse bewirkt das Einschränken der Selbstkontrolle und geht mit gesellschaftlicher Verachtung einher. Alkoholkranke Menschen werden dementsprechend als „willensschwach“, „charakterlos“ und „asozial“ stigmatisiert, welche therapeutische Hilfe bedürfen.

1.3.3 Definitionsänderungen im Alkoholismusbegriff

Die Problemdefinition von Alkoholismus weist während der vergangenen 200 Jahre einige Umgestaltungen auf. Im 19. Jahrhundert werden Alkoholismus und Alkoholkonsum als enormes soziales Problem angesehen, welches unter moralischen Aspekten als ’heruntekommende Sitte’ der niedrigen Schichten begriffen wird (Vgl. Berger/Legnaro/Reuband 1979, S.13). Ende des 19. Jahrhunderts gewinnt dann die

Betrachtungsweise des Alkoholismus mehrheitlich an medizinisch-psychiatrischer Bedeutung. Moralische Bewertungen vermengen sich mit der Beschreibung des Alkoholismus als Krankheitszustand, wobei das Krankheitsmodell nur langsam Geltung erzielt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgt unter anderem die Gründung der Anonymen-Alkoholiker-Gruppen (1935), auf dessen Basis sich ein Wechsel von moralischen zu

medizinischen Begriffsbestimmungen vollziehen kann. Das bis dahin gültige Alkoholverbot wird aufgehoben. Alkoholismus wird einheitlich als Krankheit anerkannt (Vgl. Berger/Legnaro/Reuband 1979, S.13).

Während in den 1920er Jahren Alkoholismus einer strengen moralischen Bemessung unterliegt und das Umfeld des Betroffenen als Auslöser deklariert wird, werden in den 1940er Jahren psychologische und biologische Theorien als wesentlich erachtet. Diese Ansätze von Alkoholismus halten sich bis heute aufrecht. Im Forschungsbereich des Alkoholismus bilden psychologische, biologische, besonders aber medizinische Ansätze die Forschungsgrundlagen. Nur langsam können sich soziologische Erklärungstheorien durchsetzen. Moralische Wertungen sind jedoch weiterhin existent:

„Das Bild des Alkoholikers schwankt zwischen dem Stereotyp des Verwahrlosten und des Kranken (ebd., S.14).“

Die Betroffenen selbst können sich nur schwer mit dem gesellschaftlichen Stereotyp identifizieren und suchen daher erst recht spät nach therapeutischen Unterstützungsmöglichkeiten. Gesellschaftliche Etikettierungsprozesse weisen somit Tendenzen auf, das Problem, welches gebändigt werden soll, aufrechtzuerhalten und unter Umständen zu verschärfen (a.a.O.).

1.4 Fazit

Unter Sucht bzw. einer Suchterkrankung wird in der heutigen Zeit für gewöhnlich ein krankhafter Endzustand der Abhängigkeit von einer Substanz oder einer Verhaltensweise gefasst. Eine süchtige Person unterliegt dem Zwang, sich ein Suchtmittel bzw. ein süchtiges Verhalten in stets steigender Quantität zuführen zu müssen, was üblicherweise unter Einbezug der Familie erfolgt.

Alkoholismus zählt zu der am stärksten ausgeprägten Suchtkrankheit in Deutschland. Bislang sind vermehrt die Auswirkungen dieser Suchtproblematik auf den psychischen und physischen Zustand des Betroffenen untersucht worden, wobei dies überwiegend in einem

klinisch-psychologischen Kontext erfolgt. Die Folgen der Alkoholsucht auf die Familienmitglieder, speziell auf die Kinder, stehen selten im Forschungsinteresse.

Medizinisch-psychologische Ansätze öffnen sich nur langsam für familienorientierte Theorien.

Gemäß des gesellschaftlich bestimmten Stereotyps der Alkoholkranken unterliegen auch die mitbetroffenen Familienmitglieder jenem Stigma. Abgesehen davon, dass Kinder alkoholkranker Eltern(teile) selten als solche zu erkennen sind, werden sie bei Bekanntwerden des familiären Alkoholproblems umgehend mit gesellschaftlichen Vorurteilen behaftet. Ihre gängigen Verhaltensweisen resultieren dementsprechend eindeutig aus der elterlichen Alkoholkrankheit, was die Annahme hervorruft, auch sie als baldige Alkoholabhängige zu betrachten. An dieser Stelle schließt sich auch der sozialpolitische Aspekt an, der nachstehend etwas näher erläutert werden soll.

Alkoholismus symbolisiert in Deutschland eine Krankheit, die zu enormen finanziellen Ausgaben infolge von Entzugs- und Entwöhnungskuren beiträgt (Vgl. Nowack 1992, S.11). Alkoholismus verursacht in Deutschland (ausschließlich auf die alten Bundesländer bezogen) einen jährlichen Schaden von annähernd 15 Milliarden Euro (ebd., S.11). Sowohl auf politischer Seite, als auch von Seiten der Versicherungsträger gelten daher Präventionsmaßnahmen als unerlässlich. Alkoholismus wird mehrheitlich als erblich bedingt angesehen. Kinder, welche in einer alkoholkranken Familie aufwachsen, verweisen somit auf weitere finanzielle Einbußen in der Sozialpolitik, da davon ausgegangen wird, dass auch sie sich bald zu Alkoholikern entwickeln dürften.

An dem Punkt, wo Alkoholismus als (Familien)Krankheit, definiert wird, erfolgt eine Defizitbetrachtung der Betroffenen und seiner Familienmitglieder. Weder Alkoholismus, noch die besondere Lebenssituation der (erwachsenen) Kinder werden daher als soziales Problem erkannt bzw. gesellschaftlich wahrgenommen. Hier findet sich ein Verweis darauf, dass Kontextwissen nötig ist.

2 Kinder aus alkoholbelasteten Familien

2.1 Vorbemerkung

Im Forschungsinteresse der Suchtproblematiken befindet sich mehrheitlich der Abhängige selbst. Erst langsam lässt sich eine Umorientierung erkennen, die das gesamte Familiensystem näher betrachtet und sich mit den Auswirkungen der Sucht auf die Familienmitglieder auseinandersetzt. Mit der Annahme, Alkoholismus als Familienkrankheit zu betrachten, erweitert sich daher das bisherige Forschungsfeld und ermöglicht eine umfassendere Betrachtung der Lebenssituationen von Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile).

In diesem Zusammenhang soll noch einmal in gekürzter Form auf Alkoholismus als Familienkrankheit eingegangen werden.

Familientherapeutisch betrachtet wird Alkoholismus als Systemkrankheit verstanden. Die Sucht gilt hier als Symptom, das vom Abhängigen entwickelt wird und stellt eine spezielle Kommunikationsform des Systems dar (Vgl. Schumann 1999, S.6). Der Alkoholismus eines oder gar beider Elternteile wirkt sich auf das gesamte Familiensystem aus, da die Familie ein soziales System verkörpert. Innerhalb dieser Familie bestehen Wechselbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern und dem Alkoholiker. So passen sich die mitbetroffenen Familienangehörigen an die Alkoholproblematik des kranken Elternparts an, indem sie ihr Verhalten innerhalb der Familie, außerhalb der Familie und bezüglich der Krankheitsentwicklung dementsprechend umgestalten.

Bis die Familie die Abhängigkeit des Betroffenen anerkennt, vergeht oft viel Zeit. Es wird sich nicht eingestanden, inwieweit das Familienleben unter der Alkoholabhängigkeit leidet. Geheimhaltungsstrategien werden entwickelt und charakterisieren das familiäre Zusammenleben. Das Einbeziehen einer dritten Person erscheint undenkbar.

Dieses Kapitel widmet sich den Kindern aus Alkoholikerfamilien, welche in der Literatur lange Zeit nicht beachtet wurden sind. Auch heute noch werden ihre Lebenslagen wenig wahrgenommen. In den folgenden Ausführungen sollen daher die Auswirkungen der elterlichen Alkoholsucht auf das Leben der Kinder und grundlegende Merkmale einer vom Alkohol geprägten Familie erläutert werden. Aber auch der Frage, warum Kinder alkoholkranker Eltern(teile) weder von der Gesellschaft noch von der Forschung, wenig Beachtung erhalten, soll im Resümee nachgegangen werden.

2.2 Die Lebensbedingungen der Kinder aus alkoholabhängigen Familien

Bevor auf einzelne Familienmerkmale von suchtgeprägten Familien eingegangen wird, soll an dieser Stelle ein grober Überblick über die Lebenssituation der Kinder gegeben werden.

Das Erleben der Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) wird hauptsächlich von einer unsicheren und ungeordneten Familienatmosphäre beherrscht, welche sich durch folgende Merkmale auszeichnet:

- Angst, Angespanntheit, Unruhe, Mangel an Beständigkeit;
- Unsicherheit, Täuschungen, Enttäuschungen;
- bedrohliche Unordnung, häufig durch die Familienangehörigen verdeckt;
- Auseinandersetzungen zwischen den Eltern, die Trennungsängste bei den Kindern hervorrufen und sie in Loyalitätskonflikte bringen;
- Fehlende oder sehr eingeschränkte Kommunikation, bei der das Alkoholproblem abgestritten wird (Vgl. Baumeister/Riedesser In: Krausz/Hassen 1996, S. 64).

Bei den Kindern entsteht eine Ambivalenz, da sie sich in hohem Ausmaß zwischen den Eltern befinden. Zum einen möchten sie den abhängigen Elternteil unterstützen, zum anderen muss dem co-abhängigen Part beigestanden werden. So führen die Kinder oftmals

Vermittlungstätigkeiten durch.

Aufgrund der Alkoholabhängigkeit eines oder beider Elternteile gestaltet sich auch das Erziehungsverhalten der Eltern äußerst kompliziert. Die Alkoholsucht ruft bei beiden Elternparts eine Persönlichkeitsänderung hervor, die sich mit der elterlichen Beziehungsfähigkeit und ihrer Kompetenz überlagert. Das Erziehungsverhalten der Eltern weist verworrene Tendenzen auf und zeichnet sich durch folgende Komponenten aus:

- Achtlosigkeit bezüglich der körperlichen und/oder seelische Bedürfnisse des Kindes,
- erzieherische Inkonsequenz basierend auf dem Wechsel zwischen herrschsüchtiger Willkür und Verwöhnung,
- bezeichnende Pflichtvergessenheit, Sinneswechsel und Unberechenbarkeit,
- Gefahr der körperlichen Übergriffe und des sexuellen Missbrauchs (ebd., S.64).

Bei bestehender Suchtabhängigkeit beider Elternteile erhalten die Kinder noch weniger Sicherheit und Beständigkeit. Das Risiko der psychischen und physischen Vernachlässigung als auch des sexuellen Missbrauchs gilt hier als besonders hoch (ebd., S.65).

Eltern, die alkoholabhängig sind, zeigen wenig Interesse für die Belange ihrer Kinder. Da das Familienleben von der Sucht geprägt wird, besteht ein erhöhtes Risiko, dass diese Kinder vernachlässigt werden (Vgl. Schumann 1999, S.7). Der alkoholabhängige Elternteil, in der gängigen Literatur wird vermehrt der Vater als süchtig beschrieben, versucht unentwegt seinen Alkoholkonsum zu sichern und eventuellen Entzugserscheinungen entgegenzuwirken. Die nichtabhängige Mutter richtet ihr Verhalten vollkommen nach der Alkoholkrankheit des Mannes aus und versucht ihn kontrollieren zu können. Aufgrund dessen streben die Kinder nach einer unterstützenden und stabilen Beziehung zu dem nichtabhängigen Part, der jedoch infolge psychischer und Arbeitsüberlastungen den Bedürfnissen der Kinder nur begrenzt gerecht werden kann. Die Kinder verfügen somit über kein Elternteil mehr, auf das sie sich verlassen können.

Nach Sharon WEGSCHEIDER (1988) gilt nicht jede gestörte Familie als Alkoholikerfamilie, jedoch jede Alkoholikerfamilie als gestört. In Ihrem Buch „Es gibt doch eine Chance“ stellt sie Familien mit Alkoholproblemen und Familien ohne eine solche Suchtproblematik vergleichend gegenüber. Ihre Ergebnisse sind dem Anhang zugefügt.

Basierend auf der Darstellung der Lebensbedingungen von Kindern aus alkoholbelasteten Familien sollen nachstehend einige Merkmale von Alkoholikerfamilien, die in der gegenwärtigen Literatur als kennzeichnend gelten, erläutert werden. Die anschließenden Aussagen stützen sich auf Beobachtungen und Gespräche von Fachleuten, die sich mit Familienangehörigen aus alkoholkranken Familien beschäftigt haben. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass diese Darstellungen nicht empirisch belegt worden sind, in der Fachliteratur jedoch häufig Verwendung finden.

2.2.1 Familiäre Atmosphäre

Die Stimmung in einer Alkoholfamilie ist sehr brisant und wirkt sich negativ auf die Kinder aus. Die Spannungen zwischen den Eltern veranlassen eine gestörte emotionale Beziehung des Kindes zu den Eltern, da es in den Empfindungen zu den einzelnen Elternteilen stets hin und her gerissen wird und diese Situation nicht zu seinen Gunsten verändern kann.

Demzufolge passen die Kinder ihr Verhalten den gegenwärtigen Gegebenheiten und Gemütsverfassungen an, und leiden einerseits häufig unter der psychischen Situation der Eltern und andererseits unter ihrer eigenen. Im Mittelpunkt des Alkoholkranken steht der Alkohol, so dass er kaum fähig ist, auf seine Kinder altersentsprechend einzugehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Kinder aus alkoholbelasteten Familien
Untertitel
Diskussion theoretischer Ansätze und empirischer Ergebnisse unter dem Gesichtspunkt der Folgen für das Erwachsenenalter
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Soziale Arbeit)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
95
Katalognummer
V19827
ISBN (eBook)
9783638238687
ISBN (Buch)
9783638700580
Dateigröße
1372 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Familien, Diskussion, Ansätze, Ergebnisse, Gesichtspunkt, Folgen, Erwachsenenalter
Arbeit zitieren
Britta Böhnki (Autor), 2003, Kinder aus alkoholbelasteten Familien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19827

Kommentare

  • Gast am 8.7.2008

    Out there and back....

    Ich bin Sohn einer Trinkerin und würde gerne mehr über diesen Text erfahren. Allerdings denke ich dass diese Arbeit kostenlos bereitgestellt werden sollte wenn man sie nur lesen will und nicht weitere Arbeiten daraus ableiten oder sich in ihnen darauf berufen will.

    Ich werde also keine 50 Euro zahlen sondern nach anderen Arbeiten / Texten suchen die für private Leser kostenlos bereitgestellt werden, auch wenn mir dies hier interessant vorkommt.

    Mit freundlichen Grüßen, Arno Nym ;-)

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Titel: Kinder aus alkoholbelasteten Familien


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